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Full text of "Wiener Rundschau"

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Wiener Rundschau 



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BAND I. 



NO. 1-12. 



WIEN 1897. 



VERLAG DER WIENER RUNDSCHAU. 



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CH. BEI86EB A M. WEBTHNEB, WIEN. 



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INHALTS - VERZEICHNISS. 



Seite 

Altenberg, Peter, Venedig in Wien 13 

« « Der Redtator 97 

« « Der fliegende Holländer 184 

Althof, Paul, Lieder 411 

Ami eis, Edmondo de. Holländische Landschaft 57 

Annnnzio, Gabriele D', Die sieben Brunnen 448 

Barris, Maurice, Die Uniformimng der Jugend 191 

Baudelaire, Charles, Herbstklage 246 

« « Die tanzende Schlange 828 

m m Gedichte in Prosa 458 

Christomanos, Constantin, Das innere Schweigen 108 

Dehmel, Richard, Wiener Walzer 102 

Dostojewsky, F. M., Der Bobök 121, 166, 208 

Elbogen, Friedrich, Eine Rettung 104 

Evers, Franz, Wunder % 

« m Die Sehnsucht 249 

« « Gedicht 410 

Feldegg, Victor, Dunkelstundc 834 

Flamingo, Giuseppe, Das nächste Conclavt « 805 

Forsslund, Carl Erik, Wölfe 441 

Fromme], Gaston, Ueber Leo Tolstoj's X^hre « 337 

Fuchs, Georg, Charfreitags-Zauber 361 

Geijerstam, Gustav af. Ein Einsiedler 321 

Grazie, M. E. delle, Blauer Falter 290 

Guglia, Eugen, An Friedrich Mitterwurzer 287 

Hango, Hermann, Wie war. ..« 131 

Hirschfeld, Georg, Traum 127 

Hofmannsthal, Hugo von, Gedichte « 11 

Jacobs en, R., Ermete Zacconi als Ibsen-Darsteller 427 

Janitschek, Maria, Kind Gottes 81 

« « Stummer Kampf 281 

Kobor, Thomas, Marianne heiratet 880 



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Wiener Rundschau 



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BAND I. 



NO- 1-12. 



WIEN 1897. 



VERLAG DKR WIENER RUNDSCHAU. 



2 MAETERLINCK. 

lebe ich an ihrer Seite mit gesenkten Blicken ... Es ist 
traurig, zu spät zu lieben . . . Frauen können nicht begreifen, 
dass die Jahre nicht die Herzen trennen. Man hatte mich 
»den weisen Könige genannt . . . Ich war weise, weil mir 
bisher nichts widerfahren war ... Es gibt Menschen, welche 
die Ereignisse abzuwenden scheinen. Wo ich auch immer 
erschien, es genügte, dass nichts entstehen konnte. Ich hatte 
es einst vermuthet ... In meiner Jugendzeit hatte ich viele 
Freunde, deren Gegenwart alle Abenteuer anzuziehen schien; 
aber an dem Tage, da ich mit ihnen zog, den Freuden oder 
den Schmerzen entgegen, kehrten sie mit leeren Händen 
zurück . . . Ich glaube, dass ich das Schicksal gelähmt habe; 
und lange war ich eitel auf diese Gabe. Man lebte unter 
meiner Herrschaft ruhig und sicher. Doch jetzt habe ich er- 
kannt, dass selbst das Unglück besser ist als der Schlaf, und 
dass es ein Leben geben muss, thätiger und höher als die Er- 
wartung . . . Man soll sehen, dass auch ich die Kraft habe, 
wenn ich will, das Wasser* zu erregen, das im Innern der 
grossen Becken der Zukunft erstorben schien . . . 

Alladine, Alladinel . . . Achl so ist sie schön, mit den 
Haaren, die auf die Blumen und das zahme Lamm herab- 
fliessen, und mit dem Munde, halb geöffnet und frischer als 
die Morgenröthe . . . Ich will sie küssen und meinen armen 
weissen Bart zurückhalten, so wird sie es vielleicht nicht 
merken . . (Er küsst sie.) — Sie hat gelächelt . . . Soll ich sie 
bedauern? Für einige Jahre, die sie mir schenkt, wird sie 
eines Tages Königin sein; und ich werde ein wenig Gutes 
gethan haben, ehe ich scheide . . . Man wird staunen . . . 
Sie selbst weiss nichts . . . Achl da fährt sie plötzlich aus 
dem Schlaf empor . . . Woher kommst du, Alladine ? 

Alladine. 
Ich habe einen bösen Traum gehabt . . . 

Ablamore. 
Was hast du? Warum schaust du nach jener Seite? 

Alladine. 
Es ist Jemand auf der Strasse vorbeigekommen. 



ALLADINE UND PALOMIDES. 3 

Ablamore. 
Ich habe nichts gehört ... 

Alladine. 
Ich sage Euch, dass Jemand kommen wird . . . Da ist 

er I (Sie zeigt anf einen Jüngling, der, sein Pferd am Zügel fulirend, zwischen den 

Bäumen yorwärtsschreitet.) Nehmt mich nicht bei der Hand; ich 
fürchte mich nicht ... Er hat uns nicht gesehen . . . 

Ablamore. 

Wer wagt es, hierher zu kommen ? . . . Wenn ich nicht 
wüsste . . . Ich glaube, es ist Palomides ... Es ist Asto- 
lainens Bräutigam ... Er hat den Kopf gehoben . . . Seid 

Ihr es, Palomides? (Palomides tritt anfl) 

Palomides. 

Ja, mein Vater • . . Wenn es mir schon gestattet ist. 
Euch diesen Namen zu geben • . . Ich komme hierher vor 
dem Tage und der Stunde . . . 

Ablamore. 

Ihr seid willkommen, zu welcher Stunde es auch sei . . . 
Doch was hat sich ereignet? Wir erwarteten Euch erst in 
zwei Tagen . . Ist Astolaine hier? . . . 

Palomides. 

Nein, sie wird morgen kommen. Wir sind Tag und 
Nacht gereist. Sie war müde und hat mich gebeten voraus- 
zueilen . . . Sind meine Schwestern angekommen? 

Ablamore. 

Sie sind, in Erwartung Euerer Hochzeit, seit drei Tagen 
hier. — Ihr seht sehr glücklich aus, Palomides . . . 

Palomides. 

Wer wäre nicht glücklich, wenn er gefunden hat, was 
er gesucht? Ehedem war ich traurig* Doch nun scheinen mir 
die Tage leichter und linder als kleine VSgel, die mir harmlos 



4 MAETERLINCK. 

in den Händen ruhen . . . Und wenn durch Zufall alte An- 
wandlungen kommen, nähere ich mich Astolaine, und dann 
ist mir, als ob ich ein Fenster gegen die Morgenrothe 
öfifne . . . Sie hat eine Seele, die man rings um sie her sieht, 
die einen in die Arme nimmt wie ein leidendes Kind und, 
ohne etwas zu sagen, über Alles tröstet . . . Ich werde es 
nie begreifen. — Ich weiss nicht, woran all das liegen mag; 
doch unwillkürlich beugen sich meine Knie, wenn ich davon 

spreche . . . 

Alladine. 

Ich will nach Hause. 

Ablamore (bemerkt, dass AUadine und Palomides sich heunlich betrachten). 

Dies ist die kleine Alladine, die aus dem Innern Arcadiens 
hierher gekommen ist . . . Gebt euch doch die Hände . . . 
Ihr wundert Euch, Palomides? . . . 

Palomides. 

Mein Vater . • . (Palomidens Pferd macht einen Seitensprung, der 
AUadinens Lamm erschreckt.) 

Ablamore. 

Habt Acht . . . das Pferd hat AUadinens Lamm er- 
schreckt ... Es wird gleich entfliehen . . . 

Alladine. 

Nein, es entflieht niemals ... Es ist überrascht worden, 
aber es wird nicht entfliehen . . . Dieses Lamm hat mir 
meine Pathin geschenkt ... Es ist nicht wie die andern . \ . 
Tag und Nacht weilt es an meiner Seite. (Sie liebkost es.) 

Palomides (liebkost es ebenfaUs). 

Es blickt mich mit Kinderaugen an . . . 

Alladine. 
Es versteht Alles, was vorgeht. 

Ablamore. 

Es ist Zeit, Palomides, Eure Schwestern aufzusuchen . . . 
Sie werden erstaunt sein. Euch zu sehen . . . 



ALLADINE UND PALOMIDES. 



Alladine. 



Sie gingen alle Tage zur Biegung des Weges . . . Ich 
ging mit ihnen dahin, aber sie hofften noch nicht • . . 

Ablamore. 

Kommt I'Palomides ist mit Staub bedeckt und muss er- 
müdet sein . . . Wir haben uns zu viel zu sagen, um hier 
darüber zu sprechen . . . Wir werden es uns morgen sagen . . , 
Man behauptet, der Morgen sei weiser als der Abend . . . 
Ich sehe, dass die Thüren des Palastes geöffnet sind und uns 

erwarten • . . 

Alladine. 

Ich kann eine Unruhe nicht unterdrücken, wenn ich 
zum Palast zurückkehre ... Er ist so gross, und ich bin 
so klein, ich verliere mich noch darin . . . Und dann all 
die Fenster auf das Meer . . . Man kann sie nicht zählen . . . 
Und die Gänge, die sich wenden ohne Grund, und andere, 
die sich nicht wenden und sich zwischen den Mauern ver- 
lieren . . . Und die Säle, in die ich nicht einzutreten wage . . . 

Palomides. 
Wir werden überall eintreten . . . 

Alladine. 

Man sollte meinen^ ich sei nicht geschaffen worden, ihn 
zu bewohnen, oder er sei nicht für mich gebaut worden . . . 
Einmal hab' ich mich darin verirrt . . . Ich habe dreissig 
Thüren geöffnet, bevor ich das Tageslicht wiederfand . . . 
Und ich konnte nicht hinaus; die letzte Thüre führte auf 
einen Teich . . . Und die Gewölbe, die den ganzen Sommer 
frieren; und die Galerien, die ohne Ende in sich selbst 
zurückkehren ... Es gibt Treppen, die nirgends hinführen, 
und Soller, von denen aus man nichts wahrnimmt • . . 

Ablamore. 
Du, die nicht sprach, wie sprichst du diesen Abend . . . 

(Gehen ab.) 

(Fortsetzung folgt.) 



WANJKA. 

Wanjka Schukow, ein neunjähriger Knabe^ der vor drei 
Monaten zum Schuster Aljachin in die Lehre gegeben wurde, 
legte sich in der Nacht vor Weihnachten nicht zu Bett. Er 
wartete ab, bis die Hausleute und die Gehilfen zur Früh- 
messe gegangen waren, langte aus dem Schrank ein Fläsch- 
chen mit Tinte, einen Federstiel mit einer verrosteten Feder 
hervor, breitete vor sich ein zerknittertes Blatt Papier aus 
und begann zu schreiben. Bevor er den ersten Buchstaben 
gezogen hatte, blickte er einigemale ängstlich zur Thüre und 
zum Fenster, schielte auf das dunkle Heiligenbild, zu dessen 
beiden Seiten sich Stellagen mit Schuhleisten hinzogen, und 
seufzte tief auf. Das Papier lag auf der Bank, er selbst lag 
vor der Bank auf den Knien. 

»Liebes Grossväterchen Constantin Makaritsch !« schrieb 
er. »Und ich schreibe Dir einen Brief. Ich gratulire Ihnen 
zu Weihnachten und wünsche Dir AUes vom lieben Herr- 
gott. Ich habe keinen Vater und kein Mütterchen, nur Du 
allein bist mir geblieben.« 

Wanjka wandte seine Augen zum dunklen Fenster, in 
welchem der Widerschein seiner Kerze flackerte, und stellte 
sich lebhaft seinen Grossvater Constantin Makaritsch vor, 
der als Nachtwächter bei den Herrschaften Schiwaijow dient. 
Das ist ein kleiner, magerer, doch aussergewohnlich beweg- 
licher Alter von 65 Jahren, mit einem ewig lachenden Ge- 
sicht und versoffenen Aeuglein. Tagsüber schläft er in der 
Gemeindeküche oder schäkert mit den Kochinnen, bei Nacht 
jedoch geht er, in einen weiten Schafpelz eingehüllt, um 
das Gut herum und klopft mit seinem Schlägel. Hinter ihm, 
den Kopf gesenkt, schreiten die alte Kaschtanka und der 
Hund Wjun. Dieser Wjun ist aussergewohnlich ehrerbietig 
und liebenswürdig, blickt gerade so lieb auf die Seinigen 
wie auf die Fremden, geniesst aber trotzdem keinen Credit. 



WANJKA* 7 

Hinter seiner Ehrerbietigkeit und Demuth steckt die jesuiti- 
sche List. Keiner kann sich so gut wie er zur rechten Zeit 
an einen heranschleichen und ihn beim Fusse packen, sich 
in die Eisgrube verkriechen oder bei einem Bauer eine 
Henne stehlen. Oft genug hat man ihm die Hinterfusse zer- 
schlagen, zwei-, dreimal ihn gehenkt, jede Woche fast halb- 
todt geprügelt, doch jedesmal kam er auf. 

Jetzt steht der Grrossvater wahrscheinlich beim Haus- 
thor, blinzelt mit den Augen auf die grellrothen Fenster der 
Dorfkirche und schäkert, in den Filzstiefeln herumtrippelnd, 
mit dem Gesinde. Sein Schlägel ist an den Gürtel gebunden. 
Er schlägt die Hände zusammen, zittert vor Kälte, lacht und 
zwickt bald das Stubenmädchen, bald die Kochin. 

»Wollen wir nicht einmal Tabak schnupfen?« fragt er 
und steckt den Weibern die Tabakdose unter die Nase. 

Die Weiber schnupfen und niessen. Der Grossvater ge- 
räth in ein unbeschreibliches Entzücken, schüttelt sich vor 
Lachen und ruft: 

»Reib' ab, 's ist angefroren 1« 

Man g^bt auch den Hunden zu schnupfen. Kaschtanka 
niest, dreht mit dem Kopf und geht beleidigt zur Seite. 
Wjun jedoch will aus Höflichkeit nicht niesen und wedelt 
mit dem Schweif. Und das Wetter ist prachtvoll. Die Luft 
still, durchsichtig und frisch. Die Nacht ist finster, doch 
sieht man das ganze Dorf mit seinen weissen Dächern und 
dem Rauch, der sich aus dem Kamin schlängelt, die Bäume, 
vom Reif versilbert, Schneehaufen. Der ganze Himmel ist 
mit lustig flimmernden Sternen bedeckt, und die Milchstrasse 
ist so klar, als wenn sie vor den Feiertagen gewaschen und 
mit Schnee abgerieben worden wäre .... 

Wanjka seufzte, tauchte die Feder ein und schrieb 
weiter : 

»Aber gestern bin ich geprügelt worden. Der Meister 
schleppte mich bei den Haaren in den Hof und pfefferte 
hinein, weil ich dero Kind schaukelte und dabei unbeab- 
sichtigt eingeschlafen bin. Und vorige Woche hiess mich 
die Meisterin einen Häring reinigen, ich aber begann vom 
Schwanz, sie nahm jedoch den Häring und hat mich mit 
dessen Schnauze ins Gesicht gestuppt. Die Gehilfen lachen 



s.. 



8 TSCHECHOW. 

mich aus^ schicken in den Branntweinschank um Schnaps 
und lassen mich bei den Hausleuten Gurken stehlen, und der 
Meister haut dann drein. Zu Essen gibt's aber gar nichts. Und 
in der Früh geben sie Brot, zu Mittag Grütze und Abends 
auch Brot, aber Thee oder Kohlsuppe, das fressen die Haus- 
leute selber. Und schlafen muss ich im Vorzimmer, wenn aber 
dero Kind weint; schlafe ich gar nicht, sondern schaukle die 
Wiege. Liebes Grossväterchen I Thue die göttliche Gnade, 
nimm mich von hier nach Hause, ins Dorf, habe keine Mög- 
lichkeit mehr .... Ich falle Dir zu Füssen und werde ewig 
Gott bitten, führe mich von da weg, sonst sterbe ich . . . .« 

Wanjka verzog den Mund, wischte sich mit der ge- 
schwärzten Faust die Augen und schluchzte. 

»Ich werde Dir Tabak reiben,« setzte er fort, »zu Gott 
beten, und wenn ich was thu, so schlage mich lahm und krumm. 
Und wenn Du glaubst, ich kriege keine Anstellung, so werde 
ich den Verwalter um Christi willen bitten, dass ich ihm 
die Stiefel putzen darf, oder ich gehe statt Fedjka als Hirten- 
knabe. Grossväterchen, Du Lieber, es ist gar keine Möglich- 
keit, der reinste Tod. Ich wollte zu Fuss ins Dorf laufen, 
hab' aber keine Stiefel und habe Angst vor der Kälte. 
Wenn ich aber gross werde, werde ich Dich dafür ernähren 
und von Niemandem beleidigen lassen, wenn Du aber stirbst, 
werde ich eine Messe lesen lassen, genau so wie für die 
Mutter Palageja.« 

»Moskau ist aber eine grosse Stadt. Lauter Herrschaft- 
häuser und viel Pferde, nur gibt es keine Schafe, und die 
Hunde sind nicht böse. Die Buben gehen hier nicht mit dem 
Stern, und in der Kirche singen darf man nicht, einmal aber 
habe in einem Ladenfenster Haken mit der Schnur und für 
alle Fische verkaufen sehen, sehr theuer, es gibt sogar solche 
Haken, die einen halbcentnerschweren Wels tragen können. 
Und man sieht einige Kaufläden, wo Gewehre sind wie das 
vom Herrn, so dass wahrscheinlich hundert Rubel ein jedes 
.... Und in den Fleischhandlungen gibt es Birk- und Reb- 
hühner und Hasen, und wohin man sie schiesst, das sagen 
die Händler nicht.« 

»Liebes Grossväterchen, wenn aber die Herrschaften 
wieder einen Christbaum mit Geschenken haben, nimm für 



WANJKA. 9 

mich eine vergoldete Nuss und versteck's in das grüne 
Kofferchen. Bitte das Fräulein Olga Ig^natjewna danini; sag', 
es ist für Wanjka.« 

Wanjka seufzte convulsivisch und blickte wiederum zum 
Fenster. Er erinnerte sich, dass den herrschaftlichen Christ- 
baum stets der Grossvater aus dem Wald holen musste, der 
den Enkel immer mitnahm. Es war eine lustige Zeiti Der 
Grossvater stöhnte, und der Frost stöhnte, und Wanjka stShnte 
mit. Bevor der Grossvater den Baum fällte, pflegte er eine 
Pfeife auszurauchen, lange Tabak zu schnupfen und den vor 
Kälte zitternden Wanjka zu hänseln .... Die jungen, in Reif 
gehüllten Tannen, stehen unbeweglich und warten; welche 
von ihnen soll sterben? Plötzlich rennt durch den Wald 

pfeilgeschwind ein Hase Der Grossvater kann nicht 

umhin, zu rufen: 

»Halt, halt . . . ha — alt! O du kurzgeschwänzter Teufel!« 

Die gefällte Tanne schleppte der Grossvater ins herr- 
schaftliche Haus, und dort ward sie aufgeputzt .... Am 
eifrigsten war das Fräulein Olga Ignatjewna, Wanjkas Lieb- 
ling. Als Wanjkas Mutter Palageja noch lebte und bei den 
Herrschaften als Stubenmädchen diente, fütterte Olga Ignat- 
jewna den Wanjka mit Zuckerwerk und hat ihn aus Lang- 
weile Lesen, Schreiben und bis Hundert zählen gelehrt und 
sogar Quadrille tanzen. Nach Palagejas Tod jedoch wurde 
das Waisenkind Wanjka in die Gemeindeküche zum Gross- 
vater geschickt, und aus der Küche nach Moskau zum 
Schuster Aljachin .... 

»Komme, liebes Gross Väterchen,« schrieb Wanjka weiter, 
»um Christi Willen bitte ich Dich, nimm mich von da weg. 
Erbarme Dich meiner, des unglücklichen Waisenkindes, 
sonst schlagen sie mich alle, und essen will ich schrecklich, 
und bange ist mir so, dass ich nicht sagen kann, und muss 
weinen. Vor Kurzem aber hat mich der Meister mit dem 
Leisten auf den Kopf geschlagen, so dass ich umgefallen 
bin und schwer zu sich kam. Ein qualvolles Leben ist das 

meinige, ärger als das eines Hundes Und ich grüsse 

noch die Aljona, den trinkenden Jäger und den Kutscher, meine 
Harmonika aber g^b Niemandem. Ich verbleibe Dein Enkel 
Iwan Schukow, liebes Grossväterchen, komme doch bald . . . .« 



lO TSCHECHOW. 

Wanjka faltete den auf allen vier Seiten beschriebenen 
Brief und legte denselben ins Couvert, das er gestern um 
eine Kopeke gekauft hatte .... Er überlegte ein wenig, 
tauchte die Feder ein und schrieb die Adresse: 

Ins Dorf dem Grossväterchen. 

Dann kratzte er sich, dachte nach und fugte hinzu: 
»Constantin Makaritsch«. Zufrieden damit, dass man ihn beim 
Schreiben nicht gestört hatte, setzte er die Mütze auf, und 
ohne den Rock anzuziehen, lief er in blossem Hemd auf die 
Strasse .... 

Die Fleischhändler, die er gestern ausgefragt hatte, 
sagten ihm, dass man die Briefe in den Postkasten wirft, 
imd dass sie von da ausgehoben und in Post-Dreigespanns 
mit betrunkenen Janschtschicks und bimmelnden Glocklein 
über die ganze Erde herumgeführt werden. Wanjka lief bis 
zum ersten Postkasten und schob den theueren Brief in die 
Oeffhung .... 

Von süssen Hoffnungen eingehüllt, schlief er eine Stunde 
später einen tiefen Schlaf. ... Er träumte vom Ofen. Auf 
dem Ofen sitzt der Grossvater, lässt die nackten Füsse herab- 
hängen und liest diesen Brief den Köchinnen vor. . . . Neben 
dem Ofen aber geht Wjun herum und wedelt mit dem 
Schweife. . . . 

Moskau. Anton Tschechow. 



Deutsch von Alex. Brauner. 



GEDICHTE. 



I. 



Den Erben lass verschwenden 
An Adler, Lamm und Pfau 
Das Salböl aus den Händen 
Der todten alten Fraul 
Die Todten, die entgleiten, 
Die Wipfel in dem Weiten, 
Ihm sind sie wie das Schreiten 
Der Tänzerinnen werth! 



Er geht, wie den kein Walten 
Vom Rücken her bedroht. 
Er lächelt, wenn die Falten 
Des Lebens flüstern: Tod! 
Ihm bietet jede Stelle 
Geheimnissvoll die Schwelle, 
Es gibt sich jeder Welle 
Der Heimatlose hin! 



Der Schwärm von wilden Bienen 
Nimmt seine Seele mit, 
Das Singen von Delphinen 
Beflügelt seinen Schritt: 
Ihn tragen alle Erden 
Mit mächtigen Geberden, 
Der Flüsse Dunkelwerden 
Begrenzt den Hirtentag! 



1 2 HOFMANNSTHAL. 

Das Salböl aus den Händen 
Der todten alten Frau 
Lass lächelnd ihn verschwenden 
An Adler, Lamm und Pfau: 
Er lächelt der Gefährten, — 
Die schwebend unbeschwerten 
Abgründe und die Gärten 
Des Lebens tragen ihnl 



II. 
GUTE STUNDE. 

Hier lieg ich, mich dünkt es der Gipfel der Welt, 
Hier hab ich kein Haus, und hier hab ich kein Zelt! 

Die Wege der Menschen sind um mich her. 
Hinauf zu den Bergen und nieder zum Meer: 

Sie tragen die Waare, die ihnen gefallt, 
Unwissend, dass jede mein Leben enthält. 

Sie bringen in Schwingen aus Binsen und Gras 
Die Früchte, von denen ich lange nicht ass: 

Die Feige erkenn' ich, nun spür ich den Ort, 
Doch lebte der lange Vergessene fortl 

Und war mir das Leben, das schöne, entwandt. 
Es hielt sich im Meer und es hielt sich im Landl 



Wien. Hugo v. Hofmannsthal. 



AUS DEM CYKLUS: »VENEDIG IN WIEN«. 



CaF* de L'OpfeRA. 

Jawohl^ eine eigenthümliche Beziehung ist zwischen 
diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe; Birke, Pla- 
tane, Esche; weisse Bogenlampe; kühler Auen Nachtduft. 

Etwas abseits vom schweren Leben ist es. Es schleicht 
nicht dahin wie Brackwasser. Eine wundervolle Mischung 
ist es, welche uns heiter macht und leicht. Man fühlt: Wie 
schön wäre es, wenn ich immerwährend so sorgenlos, so 
leichten Sinnes wäre. So unbedenklich sitze ich und lausche. 
Niemanden beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke 
sie Signorina Maria. Eine wundervolle Cigarrette zünde ich 
mir an. Wie lieblich die Mandolinen gebaut sind — wie 
hohle tönende Birnen. Wie die Birkenblätter glitzern. Lor- 
beerbäume, Aristokraten und Cafä-Liqueur passen zusammen. 
Etwas Exceptionelles ist es. Wie herrlich sind die Antlitze 
Italiens. Zum Weinen geradezu. Wie frei, wie würdevoll 
sitzen diese Menschen. Und wenn sie sich vornüber neigen, 
ist es, wie wenn sie lauschten, irgendwohin. Immer sind sie 
anderswo, von sich weg. Wenn sie singen, bei ihren Liedern. 
Wenn sie schweigen, bei ihrem Meere. O wie wundervoll 
ist das. Es zieht uns mit. Wir haben uns gleichsam von uns 
empfohlen und sind fortgeschwommen. Addio . 

Im leichten Leben stehen wir, wie Aristokraten, welche 
von ihren Gütern leben, wie Liebende, die sich verloren 
haben, wie Weise, welchen nichts geschehen könnte, was 
sie überraschte, überrumpelte. 

So unbedenklich sitzen wir und lauschen. Niemanden 
beneiden wir. Eine wundervolle Cigarrette zünden wir uns 
an. Eine Rose kaufen wir und schenken sie Signorina Maria. 

Wie die Birkenblätter glitzern. Wie ruhig die Platane 
steht. Und wie die Esche mit ihren zarten Blätterfingem bebt l 



14 ALTENBERG. 

Ganz unbedenklich sitzen wir und schau'n und lauschen. 

Noch eine Rose kaufen wir und schenken sie Maria. 
Und noch eine Rose kaufen wir. Und einen Strauss von 
Rosen. 

Geld spielt keine Rolle. 

Wie Aristokraten sind wir, die von ihren Gütern leben. 
Etwas abseits vom schweren Leben sind wir. Wir schleichen 
nicht dahin wie Brackwasser. Ueber uns selbst erstaunen wir. 

Signorina Maria 1 



Der Baron. 

Baron Lulu sitzt mit gekreuzten Beinen vor den Strassen- 
Sängerinnen Emilia, Eliza, Ermelinda. Blumenmädchen bringen 
Rosen, stecken dieselben in ein Glas auf dem Tische des Barons. 
Für jede Rose eine Krone. Der Baron nimmt endlich den 
Rosenstrauss, schüttelt das Wasser ab, umwickelt den Strauss 
mit Papier, damit es trocken sei zum Anfassen. Das Papier 
ist blau mit zwei zart ausgeführten Knabengestalten — 
Staatsnote. 

Ein Uhr Nachts. Emilia befindet sich im glücklichen 
Besitze eines Rosenstrausses und eines blauen Papieres mit 
zwei zart ausgeführten Knabengestalten. 

Der Baron sitzt mit gekreuzten Beinen. 

Die Azaleen leuchten lila- rosa und weinroth und schwefel- 
gelb im Bogenlichte. Farben hauchen sie aus. 

Niemand ist mehr im Cafä San Marco. 

Die Kellnerinnen warten ehrerbietig. 

Die Strassensängerinnen sind schlafen gegangen. 

Auch Emilia?! Auch Emilia. 

Der Baron sitzt da mit gekreuzten Beinen. 

Noch eine Cigarrette zündet er sich an. 

Welch ein Naturfreund ist er 1 Während Alles sich fort- 
begibt, sitzt er wie versunken. Komisch kommt er sich vor, 
ein Idealist zu sein — . 

Die Kellnerinnen warten ehrerbietig . 

Wien. Peter Altenberg. 



GEDICHTE. 



IUI. 

Hinan die hohen Marmorstufen steigen 
Der Priester zwölf in weissen Festtalaren; , 

Posaunen laden und die heiigen Geigen 
Hin in den Vorhof der Geweihten Schaaren. 

Der Dreifuss hebt sich hier dem Weltenschweigen, 
Und was verborgen, wird sich offenbaren — 

Der Rhythmus tont uns in der Sterne Reigen 
Gleich einem Rufen aus dem Unsichtbaren. 

Wien. Felix Rappaport. 



gAVTTRI. 
Deutsch von Richard Schaukat.. 

Nach Maha-Barrata, der Heldensage, 
Hielt sich ^avitri aufrecht »wie ein Pfahl« 
Drei Nächte lang, drei sonnenheisse Tage, 
Weil sie gelobt, zu retten den Gemahl. 

Es glühten ^urya's Rader über ihr, 
Und Tchandra kam, den Schlaf auf seinen Flügeln: 
Ihr Herz blieb stark, vergeblich riss die Gier 
Nach Ruhe an des Willens straffen Zügeln. 

— Wenn Euch die Sehnsucht an der Seele zerrt. 
Der Giftwahn des Vergessens lockend blüht, 
Dann hüllet das verzärtelte Gemüth 
In hartes Erz und seid ^avitri's werth. 

Paris. Paul Verlaine. 



POLITISCHES TEMPERAMENT. 

Die Wirkung, die eine politische Idee hervorzurufen 
imstande ist, wird bedingt durch den Gehalt einer Zeit und 
die Mischung, welche in der den politischen Gedanken auf- 
nehmenden Individualität jeweilig vorherrscht. 

Ein reiner politischer Gedanke ist für den praktischen 
Gebrauch nicht haltbar; es müssen ihm Ingredienzien bei- 
gemengt werden, welche reisch an seine Consequenzen- 
peripherie befordern und ermöglichen, seinen Umfang leicht 
zu umkreisen. Dem Gedanken dient als Vehikel das Tempera- 
ment. Unter politischem Temperament versteht man die Eigen- 
schaft, eine Sache so vorzubringen, dass in Anderen zugleich 
individuelle Nebenvorstellungen entstehen; diese dienen als 
treibende Kräfte für das Aufgenommene und erzeugen so- 
viel Temperament, als für den Gegenstand nothig ist: das 
politische Temperament des Einen erzeugt Gebrauchstempe- 
rament in Anderen. Die Lebhaftigkeit, mit der ein politischer 
Gedanke in die Oeffentlichkeit getragen wird, ist für seine 
fruchtbare organische Weiterentwicklung von entscheidender 
Bedeutung. Im politischen Leben geht der Producent eines 
fruchtbaren Gedankens, wenn er nicht das den Umständen 
entsprechende Temperament aufzubringen vermag, der Ver- 
breitung dieses Gedankens verlustig. Der Gedanke bleibt so 
lange steril, bis eine Persönlichkeit entsprechendes Tempera- 
ment für ihn aufbringt; diese gilt dann als der eigentliche 
Urheber. Es kommt also in der Politik weniger auf die Pro- 
ducirung neuer Gedanken an, als vielmehr auf die Lebhaftig- 
keit, mit welcher sie gebracht werden. 

Jeder Gedanke hat aber die Lebhaftigkeitsgrenze in 
sich. Das Temperament muss die Kraft haben, sich wohl- 
berechnet zu dosiren, sich zu bändigen bis zur Ruhe und 
aufzuschnellen bis zur Ekstase. 



POLITISCHES TEMPERAMENT. 17 

Am Ende einer Zeitepoche, wie sie die unserige ist, 
kommen alle politischen Ideen und alle Menschentypen der 
ganzen Epoche, auch solche, die längst überholt zu sein 
schienen, wieder zum Vorschein, wie lange auf dem Grunde 
liegende Ertrunkene durch eine Strömung an die Oberfläche 
gelangen. Dem alten Gedanken erstehen alte Anhänger. 
Wird er nun gar mit einem Ingredienz aus dem Zeitinhalt 
vermischt, welches die Individualitätsmixtur in den Gegen- 
wartsmenschen derart zersetzt, dass bei ihnen ein Gedanken- 
rückschlag eintritt, so wird er vollends das politische Ober- 
wasser bekommen. Da ein alter politischer Gedanke an sich 
ein kleines Lebhaftigkeitsmaximum hat, so muss derjenige, 
der ihn aufgreift, ein die abgelebte Idee weit überschäumendes 
Temperament besitzen. 

Jeder Gedanke fordert von demjenigen, welcher ihn 
aufnehmen soll, ein entsprechendes Gebrauchstemperament. 
Wird beim Hörenden mehr Lebhaftigkeit in Action gesetzt, 
als der objective Werth der Gedankenäusserung erfordert, 
so kommt der Mensch in leere Aufregung. Ein Zustand, auf 
den es Demagogen bei der Menge abgesehen haben. Sieht 
sich ein derartiger Politiker nun Gegnern gegenüber, die, 
wenn auch mit besserem Gedankenmaterial versehen, ohne 
adäquates Temperament auftreten, so hat er leichtes Spiel. 
Denn wird beim Hörenden weniger Temperament in Action 
gesetzt, als ein Gedanke jeweilig erfordert, so mangelt 
die Kraft, ihn aufzunehmen; er beschwert, die er klären 
sollte. 

Der durchschnittliche Temperamentsgrad von Massen ist 
schwer festzustellen. Das Unbildungstemperament ist trü- 
gerisch und verschwindet sofort in einer höheren Geistes- 
region. Es hat wenig Tragkraft und bedarf einer leichten 
politischen Kost. Anderseits muss es doch ein wenig über- 
lastet werden, sonst geht es auf Gedankenraubzüge aus und 
wirft sich wahllos auf das Zufallige. Nur bei Hochstehenden 
ist das Temperament latent und wartet auf den Gedanken. 
In der Regel bedarf das Temperament der Menschen einer 
Belastung. Revolution und Verbrechen sind Erscheinungen, 
die ein Unterschätzen oder Verkennen eines solchen Bedürf- 
nisses stets noch im Gefolge hatte. 



L 



1 8 SCHIK. 

Man erho£fte und erhofft noch von der Volksbildung 
eine Temperamentsbelastung. Aber der Unterricht, wie er 
heute gepflegt wird, belastet wohl den Kopf, nicht das 
Temperament. Es kommt heute nur zu oft vor, dass das 
Temperament mit der Schulbildung sich nicht amalgamirt: 
Rohheit Gebildeter im gewöhnlichen Leben; bei ihnen liegt 
der Temperamentshafen vor der Bildung, in diesen muss man 
mit den Beweisen ihres Irrthums einlaufen, Sa man bei der 
Bildung nicht unmittelbar landen kann. Ein Temperament 
von falschem Gedankenwege zurückzuholen, ist einzig und 
allein wieder einem Temperament möglich; nicht durch 
Doctrinen, durch ein Temperament wird es abgelenkt werden 
können. Die erfolgreiche Zufuhr von politischen Gedanken 
lässt sich nur auf Temperamentscanälen bewerkstelligen. 
Solche herzustellen ist daher eine wichtige politische Aufgabe. 

Die bisherigen politischen Gedanken haben durch Gene- 
rationen die Temperamente entsprechend belastet, jedoch 
durch Vererbung die Menschen an die Last gewohnt und 
durch Uebung gestärkt. Nur sociale Gedanken haben heute 
die Eignung, die Temperamente auf lange hinaus in ihren 
Dienst zu stellen. Aber man zieht noch immer vor, durch 
äussern Zwang oder Doctrinen zu ersetzen, was abgelebten 
Begriffen an Belastungsgewicht für die aufschnellenden 
Temperamente fehlt. 

Mit der Befriedigung der Temperamente hat die Politik 
neu anzusetzen. 

Wien. F. SCHIK. 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR.*) 

Von 

Karl Kraus (Wien). 

I. 

Wien wird jetzt zur Grossstadt demolirt. Mit den alten 
Häusern fallen die letzten Pfeiler unserer Erinnerungen, und 
bald wird ein respectloser Spaten auch das ehrwürdige Cafö 
Griensteidl dem Boden gleichgemacht haben. Ein hausherr- 
licher Entschluss, dessen Folgen gar nicht abzusehen sind. 
Unsere Literatur sieht einer Periode der Obdachlosigkeit 
entgegen, der Faden der dichterischen Production wird 
grausam abgeschnitten. Zu Hause mögen sich Literaten auch 
fernerhin froher Geselligkeit hingeben; das Berufsleben, die 
Arbeit mit ihren vielfachen Nervositäten und Aufregungen 
spielte sich in jenem Kaffeehause ab, welches wie kein 
zweites geeignet schien, das literarische Verkehrscentrum zu 
repräsentiren. Mehr als ein Vorzug hat dem alten Locale 
seinen Ehrenplatz in der Literaturgeschichte gesichert. Wer 
gedenkt nicht der schier erdrückenden Fülle von Zeitungen 
und Zeitschriften, die den Besuch unseres Kaffeehauses ge- 
rade für diejenigen Schriftsteller, welche nach keinem Kaffee 
verlangten, zu einem wahren Bedürfniss gemacht hatte? 
Braucht es den Hinweis auf sämmtliche Bände von Meyer's 
Conversationslexikon, die, an leicht zugänglicher Stelle an- 
gebracht, es jedem Literaten ermöglichten, sich Bildung an- 
zueignen ? Auf das reiche Schreibmaterial, das für unvorher- 
gesehene Einfalle stets zur Hand war? Namentlich die jün- 
geren Dichter werden das intime, altwienerische Interieur 

*) Bekanntlich fällt das Cafö Griensteidl» in welchem unsere junge Literatur 
untergebracht ist, demnächst der Zerstörung anheim. Auf dieses Ereigniss bezieht 
sich eine Serie von Artikeln, denen wir Raum geben, weil sie geistreich und weil 
sie actuell sind. Wir betonen jedoch, dass wir uns mit dem Standpunkte des Ver- 
fassers keineswegs identificiren. Die Reäaction, 

2* 



20 KRAUS. 

schmerzlich entbehren, welches, was ihm an Bequemlichkeit 
gefehlt, jederzeit durch Stimmung zu ersetzen vermocht hat. 
Nur der grosse Zug, der hin und wieder durch diese Kaffee- 
hausidylle ging, wurde von den sensiblen Stammgästen als 
Stilwidrigkeit empfunden, und in der letzten Zeit häuften 
sich die Fälle, dass junge Schriftsteller angestrengte Pro- 
ductivität mit einem Rheumatismus bezahlten. Dass in einem 
so exceptionellen Caf6 auch die Kellnematur einen Stich 
ins Literarische aufweisen musste, leuchtet ein. Hier haben 
sich die Marqueure in ihrer Entwicklung dem Milieu an- 
gepasst. Schon in ihrer Physiognomie drückte sich eine 
gewisse Zugehörigkeit zu den künstlerischen Bestrebungen 
der Gäste, ja das stolze Bewusstsein aus, an einer lite- 
rarischen Bewegung nach Kräften mitzuarbeiten. Das Ver- 
mögen, in der Individualität eines jeden Gastes aufzugehen, 
ohne die eigene Individualität preiszugeben, hat diese Kellner 
hoch über alle ihre BerufscoUegen emporgehoben, und man 
mochte nicht an eine Kaffeesiedergenossenschaft glauben, 
die ihnen die Posten vermittle, sondern stellte sich vor, die 
deutsche Schriftstellergenossenschaft habe sie berufen. Eine 
Reihe bedeutender Kellner, welche in diesem Kaffeehause 
gewirkt haben, bezeichnet die Entwicklung des heimischen 
Geisteslebens. Eine überholte Dichtergeneration sah Franz, 
den Würdigen, dessen Andenken noch in zahlreichen Anek- 
doten festgehalten wird. Es lag Stil und Grosse darin, wenn 
er einem Passanten, der nach zwanzig Jahren wieder einmal 
auftauchte, dieselbe Zeitung unaufgefordert in die Hand gab, 
die jener als Jüngling begehrt hatte. Franz, der k. k. Hof- 
Marqueur, hat eine Tradition geschaffen, welche heute von 
den Jungen über den Haufen geworfen ist. Mit dem Tode 
des alten Kellners, dessen hofräthliche Würde schlecht zu 
dem Sturm und Drang der Neunzigerjahre gepasst hätte, 
begann eine neue Aera. Franz, der mit Grillparzer und Bauern- 
feld verkehrt hatte, erlebte es noch, wie der Naturalismus 
seinen Siegeslauf von Berlin in das Caf6 Griensteidl nahm 
und als kräftige Reaction gegen ein schöngeisterndes Epi- 
gonenthum von einigen Stammgästen mit Jubel aufgenommen 
ward. Seit damals gehört das Caf6 Griensteidl der modernen 
Kunst, eine neue Kellnergeneration stand bereit, sich mit 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 21 

dem complicirten Apparat von Richtungen, die in der Folge 
einander ablosten, vertraut zu machen; die bis dahin als 
Zuträger einer veralteten Literatur gedient hatten^ waren 
nun als Zahlmarqueure einer modernen Bewegung mit der 
Ümwerthung aller Werthe beschäftigt; sie verstanden es, mit 
der Zeit zu gehen, und genügten bald den Anforderungen einer 
gesteigerten Sensitivität. Die Stimmungsmenschen, die jetzt 
wie die Pilze aus dem Erdboden schössen, verlangten seltsame 
Farbencompositionen für Gefrorenes und Melange, es machte 
sich die gebieterische Forderung nach inneren Erlebnissen 
geltend, so dass die Einfuhrung des Absynths als eines auf 
die Nerven wirkenden Getränkes nothwendig wurde. Sollte 
die heimische Literatur aus Paris und Deutschland ihre An- 
regungen erhalten, so musste das Kaffeehaus sich die Ein- 
richtungen von Tortoni und Kaiserhof zum Muster nehmen. 

Bald war man mit dem consequenten Realismus fertig, 
und Griensteidl stand im Zeichen des Symbolismus. »Heim- 
liche Nerven !« lautete jetzt die Parole, man fing an, «Seelen- 
Stände« zu beobachten und wollte der gemeinen Deutlichkeit 
der Dinge entfliehen. Eines der wichtigsten Schlagworte aber 
war »Das Leben«, und allnächtlich kam man zusammen, sich 
mit dem Leben auseinanderzusetzen oder, wenn's hoch ging, 
das Leben zu deuten. 

Die ganze Literaturbewegung einzuleiten, die zahlreichen 
schwierigen Ueberwindungen vorzunehmen, nicht zuletzt, 
dem Kaffeehausleben den Stempel einer Persönlichkeit auf- 
zudrücken, war ein Herr aus Linz berufen worden, dem es in 
der That bald gelang, einen entscheidenden Einfiuss auf die 
Jugend zu gewinnen und eine dichte Schaar von Anhängern 
um sich zu versammeln. Eine Linzer Gewohnheit, Genialität 
durch eine in die Stirne baumelnde Haarlocke anzudeuten, 
fand sogleich begeisterte Nachahmer, — die Modernen wollten 
es betont wissen, dass ihnen der Zopf nicht hinten hing. 
Alsbald verbot der verwegene Sucher neuer Sensationen 
aus Linz seinen Jüngern, von dem »Kaiserfleisch des Natu- 
ralismus« zu essen, empfahl ihnen dafür die »gebackenen 
Ducaten des Symbolismus« und wusste sich durch derlei 
zweckmässige Einfahrungen in seitier Position als erster 
Stammgast zu behaupten. Seine Schreibweise wurde von der 



22 KRAUS. 

Uterarischen Jugend spielend erlernt. Den jüngsten Kritikern 
oflfnete er die Spalten seines neugegründeten Blattes, welches 
allwöchentlich den Bahnbrecher und seine Epigonen in engster 
Nachbarschaft sehen liess und noch heute eine nur durch 
die Verschiedenartigkeit der Chiffren gestörte Stileinheit 
aufweist. Damals, als er noch nicht die abgeklärte Ruhe des 
weimarischen Goethe besass, war es für die Anfanger noch 
schwer, ihm durch das Gestrüpp seines seltsam verschnörkelten 
und kunstvoll verzweigten Undeutsch zu folgen. Heute, wo 
er Goethe copirt, findet er die meisten Nachahmer. Kaum 
einen seiner Schüler gibt es, der um den Unterschied zwischen 
einem »Kenner« und einer »Menge« verlegen wäre. Ein jeder, 
der das Buch eines tadelnswerthen Autors zu besprechen 
hat, weiss, dass man diesem nicht ein gewisses Können, 
sondern »immerhin eine gewisse Macht« zusprechen kann. 

Hier eine der Wirklichkeit nahekommende Stilprobe aus 
der Zeit, da die französirende Art des Meisters noch nicht mit 
Goetheischen Sprachelementen durchsetzt war. Ueber das 
Werk eines Griensteidl - Gastes und seine Auffuhrung im 
»Deutschen Volkstheater« mag er sich etwa geäussert haben : 

»Es ist, je öfter man in dieses »Deutsche Volkstheater« 
mit den Anführungszeichen um jeden Preis hineingeht, ein 
gewaltsamer Aerger, über die Darstellung, über diesen Herrn 
Kadelburg mit der Eleganz vom Tapezierer und über dieses 
Publicum mit den Ansichten vom Wurstlprater. Man kennt 
den Schnitzler. Ich habe, wie ich neulich die Dränge des 
jüngsten Oesterreich zeigte, die besondere Art des Schnitzler 
gelehrt. Es passt das herbe Wort des heimlichen und ge- 
flissentlich komischen Julius Bauer, dort, wo er eigentlich 
schon mehr Isidor Fuchs heisst: »Ein kleiner Beamter hat 
nichts, aber das hat er sicher.« Er will den Viveur, aber mit 
der wienerischen Note, nicht in der Technik der Franzosen, 
wie ihn etwa Pierre Blanchard gezeichnet haben würde oder 
ein anderer französischer Eigenname, den nur ich kenne, 
wenn ich von Ferry Beraten absehen will, der ihn dann aber 
auch von mir hat, auch nicht in der Art dieses Herrn Fulda, 
der die letzten Wünsche des Banquiers aus der Rauch- und 
Thiergartenstrasse in jenen schleimigen und schnodderigen 
Weisen des Schunkelwalzers ablauschte. 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 23 

Es ist die Kunst der Nerven, von den Nerven auf die 
Nerven, und man muss dabei an Berti Goldschmidt denken 
und an die Psychologie blas£e der Stendhal und Huysmans, 
von den Goncourt's über Lavedan bis zu Loris und Maurice 
Barrys und nach Portoriche, die mit der feinen Nase für 
den Geruch der Dinge, die wie ein letzter Rest von Cham- 
pagner ist und sich wie die zähe Schmeichelei verblasster 
alter Seide fühlt, aber immer ein bischen in dem lieben, 
traulichen Wienerisch des Canaletto. Er gibt müde Stim- 
mungen, die um die Kunst der Watteau und Fragonard sind, 
mit der weichen Grazie der Formen und mit den halben, 
heimlichen Contouren, die sich nur noch nicht recht trauen. 
Aber es gährt noch. Seine Kunst sucht Harmonie. Ein Rest 
bleibt. Das sind die kurzen Sätze. Ich kann nichts dafür. 
Es sind verwegene, ungestüme und verworrene Triebe, die 
drängen. Aber der zuversichtliche Gestalter des intimen Er- 
lebnisses, das Kunst verlangt, setzt sich bald durch. Und nun 
die Darstellung. Da will Vieles nicht. Manches gelingt. Die 
Sandrock war wieder ein kostliches Wunder an reiner Kraft 
und Schönheit. Aber ihre fürstliche Kunst war allein. Nur 
Herr Nhil darf sich noch an ihr messen, allenfalls auch der 
sicher wachsende Giampietro und Tewele, wenn er sich die 
Nase abgewöhnen mochte. Bei den Anderen musste ich an 
Iglau denken, dort, wo es schon Leitomischl ist. Es war 
schändlich und beleidigend. Freilich fehlt die Regie. Künst- 
lerische Triebe zerfahren. Ein besserer Tapezierer und Kadel- 
burg kann nicht helfen. Die sichere Weise des spitzen Martinelli 
wäre da mehr am Platze gewesen, seine nachdenkliche und 
wägende Technik, die trifft. Herr Kutschera lässt als Gigerl 
seine Helden vergessen. Fräulein Hell, die immer so heult, 
werde ich nie vergessen und verwinden können. Darum spielen 
sie jetzt auch die junge, begabte Bauer gegen die ältere Collegin 
aus, jenes liebe, blasse Mädchen, das rührt. 

Aber wie Herr Broda den Moritzky gab, muss man 
sehen. Ganz Wien sollte hin. Das ist über den Spanier 
Vico und den Holländer Boomeester etwas ganz Neues, wie 
er in diesen Moritzky hineinkriecht, ohne Rest. Er gab 
die Erlösung und Weihe des Abends. Es ist ein halber 
Kainz in ihm und eine heimliche Düse. Mir fehlen die Worte. 



24 KRAUS. 

Aber man müsste die Formel suchen für die vagen und 
wirren Empfindungen um das grosse Unerhörte der Kunst 
des Broda.c 

In jedem seiner Referate ergoss sich eine Sturzfluth 
neuer Eigennamen ins Land. Die Kunstgrossen^ die er ein- 
führte, waren einzig und allein ihm dem Namen nach be- 
kannt ; oft hatte er sie von spanischen Theaterzetteln oder 
gar portugiesischen Strassentafeln abgelesen. Noch heute 
versteht er es, uncontrolirbaren Thatsachen den Schein des 
Erlebten zu geben, Dinge, die er gerade anbringen will, tief- 
ursächlich zusammenzuhängen. Es ist — um in seinem Stil 
mit Goethe zu sprechen — ein ungemeiner Zettelkasten, den 
nicht er, sondern der ihn hat. 

Als Kritiker hatte er bald die allgemeine Aufmerksam- 
keit auf sich gelenkt. Er interessirte. Mochte man auch 
nicht immer mit dem Ton einverstanden sein, man sagte 
sich doch, da ist Einer, der Klärung bringt, der, auf das 
Unverständniss Anderer nicht angewiesen, jederzeit sein 
selbstständiges Vorurtheil hat. Der seichte Impressionismus, 
dem sich dieser kritische Bummler überliess, berührte an- 
heimelnd; der Mangel an Humor, der eine seltene Stand- 
punktlosigkeit verkleidete, aber doch discret durchblicken 
liess, gefiel, der Tadel, der kein zielbewusster Angriff, sondern 
vages Anrempeln war. Man klatschte Beifall, wenn er in 
seiner Weise Protest gegen den guten Geschmack erhob 
und an das dionysische Bedürfniss des Studenten erinnerte, 
Gewölberollläden mit dem Spazierstocke zu streifen. Der- 
massen hat er oft sich ausgelebt und die Wachleute der 
öffentlichen Literaturordnung geuzt. 

Sturm und Drang wurden eines Tages von weimarischer 
Vornehmheit abgelöst. Die Zeit der Reife brach für ihn 
an, blasirte Behaglichkeit trug seine Worte, und aus den 
Weisungen, die er von seiner Höhe an die Jugend des 
Landes ergehen liess, sprach »schöne Güte«. Aber sogleich 
fasste dieselbe Jugend den Entschluss, ihm nachzureifen, die 
jüngsten sprachen von den »jungen Künstlern«, und als eines 
Tages das Erstlingswerk eines Neunzehnjährigen erschienen 
war, rief ein zwanzigjähriger Gönner aus: »Es ist mir nicht 
unlieb, dass die jungen Leute jetzt ein bischen emporkommen!« 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 25 

Auch jene Menge von Kennern, welche die Posen erst aus 
zweiter Hand haben und auf die Afiectationen subabonnirt 
sind, bekannte sich jetzt zur olympischen Weltanschauung, 
und das ruhige Künstlerauge, mit dem einige reine Künstler 
über ökonomische Thatsachen hinwegsahen, verrieth nur zu 
deutlich die Goethe - Naturen. Kurz, Alles, was im Caf6 
Griensteidl die Zeche schuldig bleibt, war jetzt abgeklärt. 
Wer nicht eigentlich zur Literatur gehorte, aber den Ge- 
sprächen lauschen und Stichworte bringen durfte, begann 
sich als Eckermann zu fühlen. Der Führer aber, der so that, 
als ob Weimar und nicht Urfahr die Vorstadt von Linz 
wäre, weitete seinen Blick immer mehr und wurde so viel- 
seitig, dass man allgemein befürchtete, er werde sich am 
Ende noch mit Farbenlehre und Optik beschäftigen. Denn nicht 
zufrieden damit, eine ungefähre Kenntniss des Theaters zu 
besitzen, fing er jetzt an, bildende Kunst misszuverstehen, 
ja abstract philosophische Themen eingehender zu verflachen. 
Für den wohlwollenden Ton, in welchem dieser erste Kenner 
zu seiner Menge sprach, sind die Worte charakteristisch, 
die er unlängst in einer Abhandlung über den Werth körper- 
licher Uebungen geschrieben hat : » . . . . und so kann man 
mich jetzt, gegen meine sonst lieber sitzende und meditativ 
herumliegende Art, fleissig in unserer lieben Stadt spazieren 
sehen, ganz wie Vater Horaz, behaglich schlendernd, Schwanke 
im Sinn, ohne Plan.c 

Ueber den Verkehr mit seinen Schülern ist bekannt, 
dass der Herr aus Linz sich jederzeit mit Selbstentäusserung 
für sie eingesetzt hat. Ohne ihn wäre manche junge Talent- 
losigkeit frühzeitig zugrunde gegangen und vergessen worden. 
Es sind nicht Wenige, die sich rühmen können^ von ihm ent- 
deckt zu sein. Sie tragen das unverloschliche Brandmal 
seiner Prophezeiung, Europa werde in vier Wochen von 
ihnen sprechen. »Wie ich Europa kennet — denn, sagte er 
einmal, »Europa zwischen Wolga und Loire hat kein Ge- 
heimniss vor mir«. Nun schien es aber selbst in dieser be- 
scheidenen Einschränkung doch ein Geheimniss vor ihm zu 
haben. Es wollte sich, selbst als man den Termin der vier 
Wochen erheblich prolongirt hatte, zu einer Aeusserung über 
die im Caf6 Grriensteidl gemachten Entdeckungen nicht bewegen 



26 KRAUS. 

lassen. Aber vielleicht hat gerade der Umstand; dass sie 
nach so lärmender Inscenirung- unbekannt blieben, diesen 
jüngsten Dichtern einen Namen gemacht. 

Eine der zartesten Blüthen der Decadence sprosste dem 
Caf6 Griensteidl in einem jungen Freiherm, der, wie man 
erzählte, seine Manierirtheit bis auf die Kreuzzüge zurück- 
leitet. Die Art des jungen Mannes^ der sich einst zufallig 
in das Kaffeehaus verirrte, gefiel dem Herrn aus Linz. Als 
jener sich vollends zu der enthusiastischen Bemerkung hin- 
reissen liess : »Der Goethe is ganz g'scheitc, da fühlte dieser: 
hier lag eine Fülle von Manierirtheit, die der Literatur nicht 
verloren gehen durfte. So ward in dem Jüngling das Be- 
wusstsein seiner Sensitivität geweckt, welches ausgereicht 
hätte, ihn zu productivem Schaffen anzuregen. Dazu kam 
eine mit Kalksburg übertünchte Phantasie, und als das 
Product jener geistigen Beschränktheit, welche, von den 
sich an das Wort »wienerische knüpfenden Vorstellungen 
ausgefüllt, unter dem Namen: reines Künstlerthum geläufig 
ist, entstand eine Novelle, »Der Kindergarten der Un- 
kenntnisse 

Kein Wunder, dass sie dem Entdecker gefiel. Er stellte 
den Autor neben Goethe, den neuerlich zu feiern er Ge- 
legenheit fand, und freute sich, dass ihm das Verständniss 
für den ihm unbekannten Meister aus der Ueberschätzung 
des ihm bekannten Dilettanten so schon aufgegangen war. 
Goethe hatte die Bausteine für einen jungen Ruhm und die 
Phraseologie einer neuen Kunst für das Caf6 Griensteidl 
zu liefern. In der That erschien das kunstphilosophische 
Grundprincip von dem »Besondern, aus dem das Allgemeine 
zu ziehen« und dem »Einzelfall, der in das Ewige zu rücken« 
ist, wiederholt compromittirt und als modernes Schlagwort 
protzig hingestellt, auf die letzte literarische Sensation in- 
soferne anwendbar, als hier der Herr aus Linz für eine be- 
sondere Talentlosigkeit das allgemeine Interesse in Anspruch 
nehmen wollte und die Blamage, die wohl ein Einzelfall war, 
in das Ewige zu rücken gewusst hat. 

Noch oft hat Goethe ihm in der Folgezeit wichtige 
Dienste geleistet; sein Zettelkasten wuchs, entwickelte sich, 
reifte. Die sattsam bekannte Anekdote von dem Hunde 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 27 

Bello pflegt er noch heute gegen den einst von ihm ver- 
theidig^en Naturalismus auszuspielen^ und als die literarische 
Eigenthumsfrage acuter wurde, glaubte er für die künstleri- 
sche Verklärung des Plagiats sich auf Goethe berufen zu 
sollen. Wonach sich communistische Gäste des Caf6 Grien- 
steidl so lange gesehnt hatten^ der literarische Diebstahl war 
mit Erlass vom 20. Juni 1896 gestattet. Censurfreiheit und 
Aufhebung des Colportageverbotes hätten das heimische 
Schriftthum kaum besser befruchten können. 



DAS WEIB IN GIORGIONE'S MALEREI. 

Motto: iWas ich den Alten Terdanke.« 

Fritdrich NieiMsch$, 

Abenddämmem , graues Abenddämmem . . . keuchender Nebel 
kriecht über die Lagunen und hüllt in einen schmutziggrauen Mantel 
den Mann, der nicht allzu fem den Fluthen mit unendlich trauriger 
Milde vom Kreuze hemiederschaut . . . Die Wogen kreischen, hie und 
da schrillt über den weissen Schaum ein Mövenlachen, unheimlich und 
gell. . . und dann ist's wieder still. . . Vor dem Kreuze steht ein Jüng- 
ling; Sonne, lichte Jugendsonne leuchtet von seiner Stirn, aber in den 
Augen brütet Nacht; in jener wildzerrissenen, gemarterten Schönheit 
funkeln sie, wie gestürzte Engel blicken, wie der Mächtigste der 
Mächtigen, Satan der Feuerthronende. . . Und starr und sinnend schaut 
der Jünglkig lange, lange herauf zu dem Kreuz und zu dem traurig- 
gütigen Mann, und plötzlich stösst er ein Lachen aus, feindlich-höhnisch, 
mit mächtiger Riesenfaust reisst und rüttelt und zerrt er an dem 

Stamm Die Erde wankt. . . weicht das Kreuz schwankt, da 

packt er's, hebt's hoch empor und schleudert's ins Meer, tief, tief ins 

heulende Meer Hochauf spritzen die Wogen, schriller schreien die 

Möven, und dann ist's wieder still, keuchender Nebel kriecht über die 
Lagunen . . . Abenddämmem^ graues Abenddämmem ... Zu Hause kniet 
der Jüngling nieder vor einem Bilde, das er gemalt, und betet: »Er- 
habene Göttin, die du machtvoll herrschend über Paphos gebietest 
und Amathus, das rosenumschimmerte ; Aphrodite, die du in sonnen- 
flimmemder Maienschöne den blauen Wogen des Hellenenmeeres ent- 
stiegen, Kypris, goldenthronende, zu dir bete ich. Deine lichten Marmor- 
tempel mit ihren epheuumkränzten Säulen, zerstört hat sie der Pöbel. 
Dein frohes Götterbild, sie haben's zertrümmert und Kalk daraus ge- 
brannt für den Bau von Kirchen, und dich, o Königin der Welt, 

schwarze Priester haben dich beschworen, gebannt und verflucht 

Aber ich, der Künstler, bete scheu und ehrfürchtig zu deiner gnaden- 
spendenden Majestät, zu dir, Weib gewordener Geist des Hellenen- 
thums, zu dir, heiliger, trankener Rausch der Sinne; denn dir, nur 
dir allein dank ich's, dass ich des Weltalls Sprache verstehe, dass 
Blumen und Wiesen und Bäume in zartem Flüstern das Geheinmiss 
ihrer Seele mir entschleiem, dir nur dank ich's, darf ich die holden 
Stimmen deuten, die aus fluthender Tiefe zu mir herauf singen. . . 
Rausch der Sinne, dir danke ich die Thräne, die ich weinen muss, 
wenn ich der Schönheit ins Auge schaue, wenn ich demüthig schaudernd 



DAS WEIB IN GIORGIONE'S MALEREI. 2g 

aller Gewalten mächtigste empfinde, die nackte, männermordende Schöne 
des blonden, blüthenzarten Frauenleibes I Dir dank ich's, empfinde ich 
seine Musik, die strengen, keuschen Melodien seiner Linien und die 
schwülen Sommemachtsaccorde seiner Farben.« 

Und siehe, da der Jüngling also gebetet auf seinen Knien, da 
schimmerte es wie Sonnenlächeln um die göttlichen Züge, ein tief- 
strahlendes Leuchten brach aus den weiten Augen . . . Leben gewann 
das todte Bild... die hellen Glieder regten sich... in frühlinghafter 
Majestät stand Kypris, die Heilige, vor dem Jüngling, und hinter den 
Beiden versank die Welt in purpurrauschender Rosenfluth . . . £in 
rasend tolles, wahnwitziges Küssen begann, in bacchantisch jauchzender 
Seligkeit hakten sich die Zahne ins bebende Fleisch, bis das rothe 
Blut über die weisse Pracht der Körper rieselt. . . immer bleicher wird 
der Jüngling, immer bleicher . . . und da der Morgen ins Gemach blickte, 
lag vor dem Bilde Aphroditens ein Todter. 

Und die Menschen kamen zu dem Todten, die Kleinen, die 
Nüchterlinge, deren Seele in schwarzen Nächten fiebernden Sehnens 
nimmer nach der Schönheit gebetet, sie kamen, sahen den Jüngling und 
schrieben kalt und trocken in ihre Bücher: 

Giorgio Barbarelli, genannt Giorgione, geboren zu Castelfranco 
im Jahre 1477, begab sich zuerst in die Schule des Giovanni Bellini, 
machte sich aber bald von der Art seines Lehrers los, betonte als 
Erster das landschaftliche und coloristische Moment in seinen Gemälden, 
nahm der Malerei den kirchlichen Charakter und gab ihr in seinen 
sogenannten Novellenbildem einen erzählenden, genreartig-profanen. 
Wenn wir auch den Inhalt seioer Werke nicht immer verstehen, so 
wirkt doch der Stimmungsgehalt mächtig auf uns ein. Leider starb 
er in Folge seines ausschweifenden Lebens schon im Jahre 151 1 zu 
Venedig. . . 



Auf der Rückseite des einzigen bezeichneten Gemäldes, das wir 
Giorgione's Hand verdanken, auf dem Madonnenbilde in der Kirche 
zu Castelfranco steht geschrieben:*) 

Liebchen! Cecilia! 
Zögerst du? Komm doch! 
Sieh', es erharrt dich 
Sehnend dein Giorgio. 

Das erinnert an die icpooxXaoooOopa der Alten, und jene wenigen 
Worte sind, was die Stimmung angeht, gar merkwürdig verwandt mit 



*) Cara Cecilia, 
Vieni, t'aflfretta, 
II tao t'aspetta 
Giorgio. 



30 SCHÄFFER. 

dem hellenisch gefühltesten lateinischen Gedicht, mit der Ode des 
griechischen Römers, die b^nnt : Donec gratus eram tibi . . . 

Cecilia ist Giorgione's Geliebte gewesen, das Modell der Madonna. 
Jene Cecilia, die er sein Alles genannt, und die ihn elend betrogen, 
eine jener Frauen, die Satan sendet, um Künstlerseelen zu morden, 
denn einem Volto di vergine gesellte sich die anima di fango. Einst, 
da ihm sein Lieb vielleicht zu lange zögerte, mag er jene sehnsüchtigen 
Verse auf das Bild geschrieben haben; aber wenn ein Künstler nicht 
entbehren konnte, was man nicht darf vor keuschen Ohren nennen und 
was sich nicht recht mit jenem lauteren Idealbild vertragen will, das 
strebende Knaben und sittige Mägdlein im reinen Herzen sich vom 
Künstler bilden sollen, da findet der todte Künstler immer einen 
Director, Oberlehrer oder so was Aehnliches, der ihm die beschmutzte 
sittliche Ehre wieder rein waschen will. So hat man die prachtvoll 
sinnliche und darum gewiss echt künstlerische Leidenschaft des jungen 
Goethe für die Püarrerstochter aus Sesenheim mit Rücksicht auf den 
Unterricht in der Literaturgeschichte zu einem süsslich faden Schäfer- 
spiel herabgewürdigt; den allzu weltlich gesinnten Fra Filippo Lippi 
hat man zu einem Heiligen heraufläutem wollen, und auch Giorgione 
ist in einem Pfarrer aus Castelfranco ein Ritter erstanden, der mit 
Harnisch und Panzer angethan für den Künstler zu Felde zog: jene 
Verse wurden von frevler Hand nach Giorgione's Tod auf das Bild 
geschrieben, so behauptet des Malers geistlicher Champion und vergisst 
nur die Kleinigkeit, dass es sehr gleichgiltig ist, ob Giorgione diese 
Zeilen mit eigener Hand geschrieben oder nicht; denn bei solchen 
Dingen kommt es nie so sehr darauf an, ob sie wahr sind, sich wirklich 
ganz genau so zugetragen haben, wie es überliefert ist, sondern viel 
wichtiger scheint mir die Frage, ob sie mit der Kunstweise und dem 
Leben eines Künstlers in Einklang zu bringen sind. Solche Verse und 
Künstleranekdoten, ich glaube, wir können sie ganz gut als den Extract 
einer PersönUchkeit auffassen, den man sich aus ihren Werken und 
ihrem Leben herauscondensirt hat, und zuweilen treffen sie das innerste 
Wesen einer Kunst besser als eine ästhetische Abhandlung. 

Giorgione hat diese Reime nicht verfasst . . . gut, aber warum 
hat der spätere Schreiber sie dann nicht auf ein Bild Bellini's gedichtet, 
warum auf keine andere Madonna des Quattrocento? Warum lesen wir 
auf der Rückseite anderer Gemälde nur Inschriften wie Amore incensus 
crucis, und warum hat nun der unbekannte Dichter jene weltlichen 
Zeilen gerade auf jenes Bild geschrieben ? Hat also Giorgione die vier 
Zeilen selbst gediditet, so bedürfen sie keiner Erklärung, und hat sie 
ein Anderer verfasst, so kann er sie nur auf das Bild geschrieben 
haben, von der Ueberzeugung durchdrungen, dass der Geist, den dies 
Gemälde athmet, mit den Versen nicht im Widerspruch steht Ist dem 
in der That so? Wiegt die weiche, goldene Schönheit des Bildes die 
Seele in lichte Träume, steht man unter dem ersten zwingenden Ein- 
druck, so ist man überhaupt unf^g, seine Empfindung zu untersuchen 
und zu analysiren, und jene Beneidenswerthen^ die vor einem Kunst- 



DAS WEIB IN GIORGIONE'S MALEREI. 3 1 

werk sofort mit einem Urtheil und einer Kritik bei der Hand sind, 
deren Verstand nicht für Augenblicke wenigstens unter der streichelnden 
Hand der Schönheit in wonnigen Schlummer sinkt, Künstler sind sie 
nicht. Je grösser die Kunst, desto weniger kann man sich Rechen- 
schaft über sie geben, und es dauert lange, sehr lange, bis wir es 
vermögen, nüchtern und kalt über die Madonna von Castelfranco zu 
urtheilen. Und dann finden wir: der Schreiber jener vier Zeilen hat 
ein feines Kunstgefdhl besessen, jene frohen, küsseschmachtenden Reime 
passen zu diesem Bilde, eine neue Kunst schlägt ihr lichtes Glanzauge 
auf. Eines jener köstlich verführerischen Uebergangswerke ist dies Bild 
und, wenn man es sagen dürfte. Abend- und Morgenröthe zugleich. 
Die übersinnlich transcendentalen Feierklänge jenes grossen Chorals, 
den wir Quattrocento heissen, in diesem Bilde verbeben sie gleich 
schmerzlich-bleichen Harfenaccorden, und leise . . . leise mit demselben 
Klange hebt die neue Kunst an, die bald ein lebenstrunkener, von 
Tropengluth durchwogter Hymnus auf Elrdenschönheit und Sinnenfreude 
werden sollte. In der Mitte des Bildes thront Madonna, hält den 
Jesusknaben im Arm, und still und feierlich stehen die Heiligen Liberalis 
und Franciscus zu Seiten des Thrones. Das ist eine santa conversazione 
im Style Bellini's, und auch das erhabene Schweigen der Leidenschaft, 
jene mystische Sehnsucht, jene weisse Lilienstimmung, die aus dem 
Bilde duftet, sie gehören dem Quattrocento. 

Und das Cinquecento? So bedeutet dies Bild zuerst die Geburt 
der modernen Landschaft. Für Bellini noch war bis zu Giorgione's Auf- 
treten die Landschaft nur ein Hintergrund für den Vorgang des Bildes. 
Man kann beide leicht von einander lösen, bei Giorgione ist das anders. 
Personen und Landschaft sind aus derselben Stimmung herausgeboren, 
durch ein geheimes Gesetz unlösbar aneinander gekettet, zu einer 
wundervollen, vorher nie gekannten Einheit mit einander verschmolzen. 
Wie bei Tizian und Böcklin ist es, und wie diese hat er auch niemals 
ein Stück Landschaft einfach abgemalt, hat auch niemals nach der 
classicistischen Methode die Natur als schönstylisirte Coulisse behandelt, 
sondern das Grosse, das Wesentliche, die ewigen Züge einer Gegend, 
die hat er herausgefühlt und festgehalten, befreit von allem Zufälligen 
und menschlich Kleinlichen. Handlung, Landschaft und Staffage, sie 
mussten ihm zu einem Stimmungsaccord zusanunenklingen. So schimmert 
auf dem Bilde zu Castelfranco in blauer Feme ein lichter Griechen- 
tempel; das hat in Venedig kein Quattrocentist gewagt: — ein heidnisches 
Gotteshaus auf einem Madonnenbilde I Dem venetianischen Künstler des 
Quattrocento war die Kunst sinnlicher Ausdruck einer übersinnlichen 
Idee, und mit der Idee Christenthum ist die Idee Griechenthum für 
ewig unvereinbar. Darum hätte er den Tempel nicht malen dürfen. 
Einzelne antike Zierglieder, die an und für sich noch keine Idee aus- 
sprechen, waren dem Quattrocento allerdings nicht fremd, und selbst 
antike Gebäude wurden gemalt, wenn die Handlung, der sie als Hinter- 
grund dienten, im Alterthum sich zugetragen, aber einen Heidentempel 
auf einem Madonnenbilde hat Venedig vorher nie geschaut. Giorgione, 



32 SCHÄFFER. 

dessen Kunst in den Sinnen wurzelte, hielt sich an die Fonn des 
Tempels, die klare Harmonie seiner Linien, an jene grandiose Ruhe, 
in der alle Leidenschaft besiegt erscheint. Darum passte ihm die stille 
Feierlichkeit der Formen zu dem erhabenen Frieden des Madonnen- 
bildes. Die Idee eines Tempels kümmerte ihn nicht mehr, er fühlte 
nicht als Christ, sondern als Künstler. Auf dem Bilde der Galleria 
Giovanelli wieder, wo alles Fieber und Leidenschaft athmet, grelle 
Blitze aus wolkiger Nacht brennen, hier hätte der ruhige Griechen- 
tempel sich nicht gut ausgenommen. Hier musste Kämpfendes, Zer- 
rissenes, Bewegtes seinen Platz finden. Hier ragen steile Thürme mit 
dräuenden Zinnen, Häuser mit hohen Kaminen, weissen Schaum schlägt 
das Wasser, aus tiefrissigen Felsen wachsen Bäume, deren Häupter der 
Sturm aneinanderpeischt, und die Antike ist nicht durch eines Tempels 
erhabenen Frieden vertreten, sondern zwei abgebrochene Säulenstümpfe 
ruhen auf verwittertem Gestein. Giorgione betrachtete die Natur nicht 
mehr als blosse Staffagen, sondern liebte sie um ihrer selbst willen mit 
heisser Inbrunst, studirte mit nimmer rastendem Eifer ihre Formen 
und Linien, lauschte dem wechselndem Spiele ihrer Farben, und so 
musste er denn nothwendig zu einem l3rrischen, echt modernen 
Naturempfinden geleitet werden, woraus sich dann seine Licht- und 
Luftmalerei und die stärkere Betonung der Wahrheit in der Farbe 
von selbst ergab. Und dies moderne Empfinden, die Liebe zu den Dingen 
an sich, zu ihren Linien imd Farben, die überträgt Giorgione folge- 
richtig auch auf seine Darstellung des Weibes. Die Madonna von 
Castelfranco zeigt den Frauentypus des Bellini, d. h. den venetianischen. 
Das ovale, süsse Antlitz mit den leicht gekräuselten, zarten Purpur- 
lippen, die schmale, gerade Nase und jene tiefe, flaumige Furche, die 
sich von der Nase zum Mund gräbt, die melancholischen, runden 
Augensterne, die so seltsam aus der Mandelform des Auges heraus- 
schimmem, die hohe, blanke Stirn, geküsst vom schweren, kastanien- 
braunen Haar, das Alles sehen wir auf den Gemälden Bellini's auch, 
und doch, welch Unterschied zwischen der Madonna Bellini's und 
der Giorgione's I Bellini, seine Schüler imd auch Carpaccio, sie wollten 
die Lehre des Christenthums sinnlich wiedergeben durch Farben und 
Linien. Bellini's Madonnen, die so schmerzvoll resignirt in Traumesfeme 
ein künftig Weh erschauen, sie lehren, dass wir uns demüthig dem 
höchsten Willen beugen sollen, und Carpaccio's Madonnen mit dem 
fragenden Vorwurf im Blicke, der so seltsam nach innen gewandt ist, 
sie mahnen zur Einkehr in ims selbst, als Mensch gewordene Gebote 
der Milde empfinden wir sie. Zwischen Giorgione's Madonna und dem 
Christenthum eine Beziehung herauszufinden, die nicht gequält wirkte, 
das dürfte schwerer sein. Die Primitiven haben die unindivi- 
duelle Schönheit auf den goldenen Himmelsthron gehoben, 
Bellini setzte die Venetianerin des Quattrocento darauf und 
wandelte sie zur Weltenkönigin, und Giorgione stellte den 
Thron mit der Venetianerin auf die Erde. Das ist der dritte 
grosse Schritt in der Entwicklung der venetianischen Frauen- 



DAS WEIB IN GIORGIONE'S MALEREI. 33 

mal er ei. Was die Augen dieser Madonna künden, ist nicht mehr das 
tiefe, übersinnliche Weh Bellini's mid Carpaccio*s, sondern irdische 
Schwermuth, und zwar die zarteste und innigste, die vielleicht je gemalt 
worden. Nicht den christlichen Himmel empfinden wir vor diesem 
Bilde, roeilenfem liegt uns der Gedanke an Maria, aber mit bebender 
Andacht fühlen wir, und nur einzig und allein von allen Bildwerken der 
venetianischen Schule vor diesem, was der Grösste der Grossen das 
ȣwig-Wei blichet genannt. Nicht das Christenthum spricht zu uns, 
nicht Madonna, sondern das Weib, bei wundervollster individueller Gestal- 
tung zur erhabensten Höhe des Typischen gehoben. Iphigenie sagt kein 
Wort, das nicht diese Madonna auch sprechen dürfte, und selbst Elektra 
oder Cordelia können whr zu diesem Antlitz träumen, und keine ihrer 
Handlungen würde ihm widerstreiten, weil eben Giorgione in dieser 
Frauengestalt keine Madonna mehr geschaffen hat wie die früheren, 
sondern das Weib als solches. Den späteren Venetianem ist es nicht 
wieder geglückt. Höchste Geistigkeit mit sinnlichster Schönheit zu ver- 
binden, das war nur Giorgione vergönnt und selbst ihm nur in diesem 
Bilde. Das Zarte, Knospenhafte in der Bildung des Körpers gehört 
noch dem Quattrocento, aber die Art, in welcher jene Madonna gemalt 
ist, die weist in's Cinquecento. Jener goldene Glanz der Wangen, das 
Grübchen im Kinn, der freie, weite Hals und nicht zuletzt die Busen- 
form, die sich klar und deutlich unter dem rothen Kleide zeichnet, 
all diese Nuancen sind gemalt aus einem Geist heraus, der nicht mehr 
der Bellini's ist, aus heiss verlangender Liebe, nicht zum Christenthum, 
nicht zur Madonna, sondern zu Cecilia, die kommen soll und sich 
beeilen, weil ihr Giorgio sehnsüchtig sie erharrt. . . . 



Steht Giorgione in diesem Bilde wenigstens durch die Wahl des 
Stoffes noch auf dem Boden des Christenthums, so verlässt er diesen 
vollständig in den anderen Bildwerken, die für uns in Betracht kommen. 
Da ist zunächst das Gemälde im Pal. Giovanelli zu Venedig.*) Hier 
beengten ihn nicht mehr die religiösen Schranken ; von keinem Wunsche 
eines Bestellers abhängig, konnte er sich bringen, sein stürmisch 
loderndes Künstlematurell, hier durfte es sich vollständig ausleben. 
Die Landschaft zeugt von seinem Hang für alles Wilde, Grausende und 
Tosende, für Alles, was Kraft, überschäumende, elementare Kraft ver- 
kündet, und in der nackten, jungen Frau, die mit einem Kinde an der 
Brust im Vordergrunde hockt, hier kommt jener Giorgione zur Geltung, 
»che si dilettava continuamente de le cose d'amorec. Wieder schauen 
wir Cecilia, aber welche Wandlung ist vorgegangen I Zigeunerhaft flattern 
sturmzerwehte Haare um volle Wangen, keine mUde Schwermuth 
trauert im Auge, da ist kein Zug von der Madonna aus Castelfiranco 



*) Auf die verschiedenen Deutungen des Bildes an dieser Stelle einzugehen, 
halte ich für überflüssig. 

3 



34 SCHÄFFER. 

nichts von der keuschen, köq)erlosen Frau, die das Quattrocento ge- 
malt; das ist ein Weib mit erwachten Sinnen, und jede Fiber, jede 
Ader an diesem weichen, hell schimmernden Frauenleibe, Alles bis auf 
die Finger, die nervös sich leise biegen, Alles ist Sehnen nach Liebe, 
Umarmungen und brennenden Küssen. 

Von diesem Werke ist nur ein Schritt zur Venus in Dresden. 
Dies Bild bedeutet Giorgione's Umwerthung aller Werthe. Seinen 
Antichrist heisse ich sie; denn die Darstellung der nackten heidni- 
schen Liebesgöttin, was bedeutet sie Anderes als eine Abkehr vom 
körperleugnenden Christenthum, was Anderes, wenn nicht eine Ueber- 
windung des Kreuzes?! Blicken wir zurück auf den Riesenweg, den 
die Kunst gegangen, seit in Delphis Heiligthum die duftenden Feuer 
verglommen und der letzte Wagen über's weisse Blachfeld von Olympia 
gesaust Das Christenthum war zur Herrschaft gekommen, und wie jede 
Geistesströmung, wie alle Kunst doch nur Reaction gegen eine vorher- 
gangene ist, dies Gesetz, das man im Kleinsten, in den Richtungen von 
heute auf morgen ebenso gut beobachten kann wie im Grössten, dies 
Gesetz bewährt auch hier seine Geltung. Griechenthum hiess, mit beiden 
Füssen fest auf der wohlgerundeten Erde stehen, ein Jasagen war es, 
ein heiliges, jauchzendes Jasagen zum irdischen Dasein, dass man des 
Lebens Werth erfand, ein Jasagen war es zu aller Körperschönheit, 
ein jubelnd Jasagen zu allen Trieben und Leidenschaften, in denen man 
Stimulantia des Lebens erkannte. Hier musste das Christenthum Reaction 
werden; das Leben ward zum trüben, nebelumschleierten Jammerthal, 
und die Sonne, die dann und wann die graue Oede durchflimmerte, 
hiess die Hoffnung auf ein Dasein nach dem Tode ; Achüles mag lieber 
ein Bettler . auf Erden als ein König im Hades sein. So fassten die 
Alten das Leben diesseits und jenseits auf. Der menschliche Körper, 
dessen Schönheit das nimmerrastende Studium antiker Kunst gebüdet, 
das Christenthum hat ihn geleugnet. Er war ihm das Gefäss von 
Schmutz und Schlamm, und insbesondere däuchte ihm der Frauenkörper 
eine Verlockung des bösen Feindes. Den schönen Körper hat das 
Christenthum von je mit seinem tödtlichsten Hasse verfolgt, und es ist 
kein Zufall, dass man ihn gerade zu jener Zeit wieder ehren lernte, 
ihn um seiner selbst willen dargestellt hat, da ein Pietro Bembo sein 
Brevier nicht las, um sich nicht sein Latein zu verderben, und Veronica 
Franco, die Hetäre, einem Cardinal ihre Gedichte widmen durfte. Die 
sinnlichen Triebe, die Leidenschaften des Körpers, der Geschlechts- 
rausch, der erhabenste, der heiligste Rausch, der Anfang aller Dinge, 
der Anfang und das Ende aller Kunst,, die Zeugung, das gewaltigste 
aller Mysterien, ein Gegenstand der Anbetung bei den Hellenen . . ., 
das Christenthum, dem nach der Schöpfungslegende das Weib die 
Ursache aller Schuld dünkte, es hat sie schmutzig und gemein ge- 
heissen, in den Koth gezerrt und die lichteste, natürlichste und reinste 
aller Begierden, rundweg hat es sie geleugnet I Die Göttin der ver- 
langenden Sinne, Astarte, Aphrodite, Venus, sie ward zur Hexe, zur 
schönen Teufelinne, und Ritter Tannhäuser, der sich vom süssen Zauber 



DAS WEIB IN GIORGIONE'S MALEREI. 35 

ihres Leibes umstricken ]iess, bis Rom musste er büssend pilgern, und 
nur durch ein Wunder ward ihm Erlösung von solch schwerer Schuld. 
Dies Alles muss man erwägen, dies Alles, will man die Grossthat richtig 
würdigen, die Giorgione vollbrachte, wenn er die Göttin des sinnlichen 
Verlangens gemalt. Das Mittelalter ist zu Ende, der Leib ist aus der 
Acht befreit, eine neue Zeit bricht an, das bedeutet uns dies Bildl 

Gewiss, schon vor Giorgione hat Botticelli die Venus gemalt, 
aber Botticelli zeigt uns antike Gestalten mit christlicher Seele, seine 
Venus ist Madonna, die ihre bergende Hülle abgestreift, heilig und 
fromm blicken ihre Augen, und die Zaubermacht des Frauenkörpers, 
Botticelli hat sie nie empfunden. Streng und keusch floss sein Leben 
dahin, Kunst war ihm, dem Anhänger des durch und durch unkünstle- 
rischen Savonarola, der Ausdruck des Glaubens, und schliesslich malte 
er kein Bild mehr, aus Furcht, er könnte eine Sünde damit begehen. 
Und dieser christlichste aller Künstler hätte dem Christenthum einen 
Fehdehandschuh hinwerfen wollen? Nimmermehr! 

Wie anders lautet das Wenige, das wir vom Leben des Giorgione 
wissen. Sein Künstlerthum und seine sonnige Liebenswürdigkeit zogen 
eine Menge von Freimden in sein Haus, und mit diesen gestaltete er 
sich das Leben zu einem ausgelassenen Feste, spielte die Laute, sang 
Lieder und machte bei allen Schönen Venedigs den Galantuomo. Darf 
man von dem äusseren Leben eines Künstlers auf das Innere ehien 
Schluss ziehen, so sind gewiss hier eher die Vorbedingungen erfüllt für 
eine hellenische Kunst. Malte dieser Künstler eine Venus, so konnte 
sie, oder besser noch, sie musste zur Göttin werden, nicht der körper- 
losen christlichen Liebe, sondern der selbstverständlichen, reinen 
Sinnlichkeit, der antiken Sinnlichkeit. Und als solche erblicken wir 
diesmal Cecilia. In nackter, heüiger Griechenschöne träumt sie auf 
ihrem Ruhebett. Schlaf hat die tiefen Augen geschlossen, auf dem 
weissen, zarten Flaumenkissen des rechten Armes ruht das göttliche 
Haupt: ein Bild süss wollüstigen Müdeseins, nach lechzenden Küssen 
und fieberndem Sinnentaumel. Das ist die vierte grosse Etappe 
in der Entwicklung der venetianischen Frauenraalerei. Die 
Venetianerin, die schlanke Venetianerin des Quattrocento, sie thront als 
Madonna, nicht mehr im Himmel und auch nicht auf Erden, sondern 
der Künstler hat sein Lieb gemalt um ihrer eigenen Frauenschönheit 
willen und ihr den Namen einer Heidengöttin gegeben. Die Venus 
Giorgiones ist das erste in der Reihe jener zahllosen Einzelbilder der 
Venetianerin, die uns das Cinquecento bescheert. Aber kein zweites 
Bild ist mit solch trunkenen Sinnen, mit solch bebender Leidenschaft 
mehr gemalt worden ; lohflackemde Gluth hat dem Künstler die Hand 
geführt, da er diesen herrlichen Frauenkörper gemalt Wie oft mag er 
die Palette weggeschleudert und selige Küsse auf sein nacktes, zuckendes 
Lieb gepresst haben. Man fühlt, dass der weiche Athem dieser Frau 
den Maler zittern gemacht, und das ist es, was zwischen der Frauen- 
auffassung Giorgione's imd der Tizian's eine steile Scheidewand erbaut. 
Ein Aesthetiker würde sagen, Tizian's Auffassung ist »gesündere Beide 

5* 



36 SCHÄFFER. 

empfinden sie hellenisch vor der Frauenschöne, aber Tizian wie ein 
athenischer Zeitgenosse des Phidias, und Giorgone wie ein Hellenist aus 
Alexandria. Der Künstler Tizian berauschte sich am hellen Glänze 
des Frauenkörpers, der Mensch in ihm blieb kühl und kalt Sein 
Modell war ihm eben nur Modell, und Giorgone ... hat es umarmt. 
Nach der Venus hat Giorgone kein Bild mehr gemalt, kaum 
dreiunddreissig Jahre war er, als sie ihn bestatteten, und man wusste 
sehr wohl, was man in dem Todten zu Grabe trug, wie viel Jugend, 
wie viel Sonne, und man hat ihn doch schnell vergessen. Den ver- 
waisten Herrscherthron der venetianischen Kunst bestieg ein Gewaltiger, 
dem es beschieden war, drei Menschenalter zu leben, vor dem sich die 
Grossen der Erde bückten und dem der Herrschor zweier Welten den 
Pinsel aufhob, da er seiner Hand einmal entglitten . . . und Andere 
kamen, viele Andere noch, denen ein langes Leben viele Meisterwerke 
gönnte . . . wer wollte da noch des armen, süssen Farbenpoeten 
denken, den die Liebe so jung gemordet? . . . Wer erinnert sich der 
Knospen, die kalter Reif im Frühling getödtet, wenn die voll erblühten 
Rosen des Sommers schimmern und duften? . . . Manche vielleicht, 
und die werden verstehen, wie mir's erging. Ich träumte in Venedigs 
Accademia vor Tizian's Assunta, jenem Bilde reifster Sommerschöne, 
vor jener brennenden Farbenorgie, und siehe, das Bild versank, und in 
der stillen, weissen Kirche Castelfranco's stand ich wieder. Durch die 
Scheiben sah der Abend und wob um das süsse, sündige Mädchen- 
haupt Cecilia's einen goldenflimmemden Heiligenschein, und dessen 
musst' ich denken, der irdische Frauenschönheit wieder entdeckt hatte 
und in seiner Jugend Maienblüthe darob gestorben, und mir war, als 
sollt' ich weinen. 



Venedig. EmIL ScHÄFFER. 



KRITIK. 



Burgtheater. Seit einem hal- 
ben Jahrhundert ringt das Hebbel- 
sche Trauerspiel »Judithc ver- 
geblich nach dauerndem Bühnen- 
leben. Meisterhaft dramatisch greifen 
die Nebenfiguren ein, voll Leben 
sind die Volks- und Kriegerscenen, 
aber gänzlich abhängig von der 
Darstellung bleiben die beiden füh- 
renden Gestalten. Mit überreich- 
lichem geistigen Gepäck versehen, 
das schon auf ebenem dramatischen 
Wege schwer fortzubewegen wäre, 
haben ihre Interpreten den steilsten 
Weg zum Sinn einer Dichtung zu 
überwinden. Dem Fräulein Adele 
Sandrock wird es zu verdanken 
sein, wenn sich das Stück von nun 
an einen festen Platz im Reper- 
toire erobern wird. Sie ist im 
Verständniss des Werkes weit vor- 
gedrungen und hat die Details, von 
welchen jedes einzelne ein eigenes 
Problemleben führt, mit kräftigem 
Geiste streng der Gesammtidee 
untergeordnet. Sie liess sich keinen 
Moment vom Hauptweg abziehen; 
wie die Heldin die That, hatte 
sie als Darstellerin zugleich das 
Ziel der Gesammtdichtung vor 
Augen. Sie war die Frau, die sich 
selbst zum Räthsel geworden, weil 
Alles, was sie umgibt, sich — 
scheinbar ohne Grund — scheu 
vor ihr zurückzieht, in deren Hand- 
lungen Niemand einzugreifen wagt, 
die das Bewusstsein ihres eigenen 



Lebens verliert und, ohne Einzel- 
interesse, in das Allgemeine taucht. 
Entweiht am Körper, den ihr Gatte 
nicht zu berühren wagte, entweiht 
am Geiste, der den Frauengeschmack 
am Alltäglichen verliert. Unbewusst 
wird sie von einer unbekannten 
Macht zu einer That für die All- 
gemeinheit erzogen. Holofemes ist 
der philosophische Geist, der ohne 
Rücksicht auf die Individuen durch 
die Welten wandelt Er soll ver- 
nichtet werden. Alle Männer sind 
von ihm angekränkelt und daher 
zur That ungeeignet. Das Weib, 
als reines Naturwesen, wird gegen 
ihn aufgeboten. Wie Fräulein Sand- 
rock-Judith für die allgemeine That 
immer kräftiger, als Einzelgeschöpf 
immer schwächer wird und in 
dieser scheinbaren Erschöpfung im 
dritten Act auf dem Boden kauert, 
— übermenschliche Kraft und unter- 
menschliche Schwäche hat man. 
kaum jemals so gepaart gesehen. 
Wie soll aus dieser Zweigestalt 
eine einheitliche That hervorgehen 
können? Wir sehen, wie sie, einer 
visionären Eingebung folgend, die 
menschliche Judith erbarmungslos 
von sich schleudert, wie Kraft 
ohne weiblichen Einschlag vor uns 
ersteht. Wir sehen förmlich, wie 
sie, weder Weib noch Mann, nur 
als menschlicher Gattungsb^rilOf 
überhaupt, die weibliche Maske 
vornimmt, um damit vor Holo- 



38 



KRITIK. 



fernes zu erscheinen. Die Theilung 
der menschlichen Geschöpfe soll 
aufhören. £me neue Species von 
Lebewesen soll auf dem Plan er- 
scheinen. In sich hat Judith das 
Weibliche ausgetilgt, jetzt soll in 
Holofemes das männliche Princip 
verlöscht werden. Aber sie trifft 
in Holofemes nicht, wie sie ver- 
muthet, die Ausartung des Männ- 
lichen, sondern gerade das an, 
wozu sie sich mit unsäglichen 
Mühen selbst hinaufgeschleppt, das 
Allgemeine. Das Allgemeine steht 
dem Allgemeinen gegenüber. Sie 
als das künstlich Allgemeine kann 
dem ursprünglichen des Holofemes 
nicht Stand halten. Den schaurigen 
Klang, wie seine echte mit ihrer 
künstlichen Allgewalt zusammen- 
prallt, gibt Fräulein Sandrock in 
der Betonung des Wortes »Unge- 
heuer U wieder: ein gellender Schrei 
Judith's, der wie aus Jahrtausenden 
herüber- und in alle Zukunft hinein- 
klingt. Ein ewiger Laut der 
Menschheit entringt sich ihrer Brust. 
Judith's Sinn hat sich mit dem des 
Holofemes unlösbar vermischt. Sie 
tödtet ihn, aber er lebt in ihr 
fort: die Menschheit bleibt mit der 
Brutalität der Natur geschwängert. 
— Dass Herm Mitterwurzer der 
Holofemes nicht gelingen konnte, 
war vorauszusehen. Er bleibt ein 
vorzüglicher Schauspieler, so lange 
Vergangenheits- und Gegenwarts- 
menschen in Frage kommen. Er 
versagt, wo Ewiges und Zukünftiges 
in das Individuum hineinblitzt. Er 
ist kein Holofemes, ebenso wie er 
kein Almers in »Klein-Eyolfc war, 
wie er nie ein Rosmer oder 
Vockerath sein wird. Ausgezeich- 
neten Styl hielt Herr Lewinsky 
als Daniel. 

F, Schik. 



Raimund -Theater. »Die 

Höllenbrückec, Schwank in drei 
Acten von Wolff und Ja ff 6. 

Diese harmlose Satire soll nicht 
mit gar zu strengem Mass ge- 
messen werden. Sie hat allein nicht 
Schuld an ihrer zahmen Unbe- 
trächtlichkeit. Sie schliesst sich 
eng an eine Tradition, sie lehnt 
sich an bewährte Muster. Ein ganzes, 
oft gesehenes Genre trifft der 
Vorwurf, den ich dem Stücke 
machen möchte, das Genre jener 
Possen nämlich, die nur die Thor- 
heiten, die Niemand thut, die 
Keinem etwas thun und deren 
Zeigen so die Masse nicht ver- 
letzt, aus Gründen des Erfolgs 
zur Scheibe ihres Witzes nehmen. 
Etwas Kleinliches, Unedles wird 
dadurch in die Satire getragen, 
das ihre stolze Würde zerstört. 
Ein Zug ins Grosse muss ihr eigen 
sein, die wirklichen, die drohenden 
Schwächen der Zeit muss sie ent- 
hüllen, dann erst erfüllt sie sieg- 
reich ihre Sendung. Man denke an 
die Wucht des Aristophanes, an 
die lachende Gewaltthätigkeit des 
Nicolaus GogoL Die gutmüthige 
Verhöhnung argloser Alpenfexerei 
(wie sie Jaff6 und Wolff in diesem 
Stück versuchen) hat mit würdiger 
Kunst gewiss nichts zu thun. Satire, 
will sie dieses Namens werth sein, 
muss nebst blutiger Schärfe vor 
Allem Weite besitzen. 

R. SU 

Theater an der Wien. 

»Der Schmetterlinge, Operette 
von B, Buchbinder und A. M.Will- 
ner. Musik von C. Weinberger. 
Nach Entlassung des Herm 
Girardi, gemischtem Repertoire und 
einer misslungenen Abschweifung 
zur sogenannten ungarischen Oper 



KRITIK. 



39 



versucht es die Direction jetzt mit 
Frau Kopacsi und einer Operette 
des in den besten Gesellschafts- 
kreisen accreditirten Herrn Carl 
Weinberger. Es war ein Familien- 
abend. Das gut erzogene Publicum 
der Premiere belachte die ältesten 
Wort- und Situationswitze und 
Hess sich mehrere beliebte Musik- 
nummem wiederholen. Herr Wein- 
berger wirkte imponirend und zwang 
Freund und Feind zur rückhaltlosen 
Bewunderung seiner Kühnheit im Zu- 
sammenstellen bekannter Motive. 
Eine Serenade im zweiten Acte 
blieb ohne Applaus. Sie ist aber 
auch origineller als sämmtliche 
anderen Nummem. Im Allgemeinen 
möchte man den Componisten mit 
dem Titelhelden seines Werkes 
vergleichen; gleich einem »Schmet- 
terlinge flattert er von bestbekann- 
ter zu mancher mehr im Verbor- 
genen blühenden Operettenblume, 
bringt sich aber immer den süsse- 
sten Blüthenstaub mit, zum Unter- 
schiede von seinem CoUegen Herrn 
v. Taund, dem sogar zum musika- 
lischen Entdeckungsreisenden für 
eigenen Bedarf der Geschmack 
fehlt. Der Frau Kopacsi versagte 
mehrmals die angegriffene Stimme; 
vielleicht aus bescheidenem Erstau- 
nen über die Menge der ihrer 
Kunst gewidmeten Kränze und 
Blumengewinde. 

H, K—r, 



Russische Novellen. Deutsch 
von Alexander Brauner. Bei 
Hermann Ziegler, Leipzig 1896. 

In dieser Sammlung steht eine 
wundervolle Skizze. Ihr Autor heisst 
FjodorSzologub, ihrTitel > Schatten c . 
Wie sie aus kleinen Anlässen mälig 
und leise bei Mutter und Sohn die 
düstere Gewalt des Wahnsinns her- 



vorbrechen lässt — das ist ein 
Wunder an Delicatesse und Psycho- 
logie. Dem Knaben fiel das Probe- 
heft einer neuen Zeitschrift in die 
Hände, in dem er Muster seltsamer 
Schattenbilder fand. Bei seinen 
abendlichen Arbeiten, wenn die 
Lampe angezündet ward, versuchte 
er es nun, die Proben an die Wand zu 
zaubern. Es gelang ihm nicht gleich. 
Er musste viel darüber denken, sich 
intensiv damit beschäf):igen, eh' er 
es konnte. Aber als er's dann end- 
lich vermochte, genügten ihm die 
alten Bilder nicht, ersann er immer 
neue. Die Arbeiten vernachlässigte 
er, in der Schule gab er nicht Acht: 
er dachte an seine Schatten. Im dro- 
henden Schwarz der nächtlichen 
Wolken, im raschen Schatten vor- 
überhuschender Wagen erkannte er 
Leben, Bewegung, Menschen und 
Thiere.Wohinerging, erblickte er die 
Schatten. Sie umgaben, sie verfolgten 
ihn — immer wilder, immer riesen- 
hafter, immer zahlreicher. In der 
Nacht schreit er gellend plötzlich 
auf, wenn sie ihn gar zu stürmisch 
bedrängen, und schliesslich weiss 
er sich ihrer auch am Tag nicht 
zu erwehren: er ist dem Dunkel 
rettungslos verfallen. Doch auch 
die Mutter, diese zarte, zärtliche, 
blasse Frau, erleidet das nämliche 
Schicksal. Als ihr des Sohnes 
Leidenschaft zu stark geworden, 
warf sie gemeinsam mit ihm beim 
bleichen Licht der Lampe Figuren 
auf die Wand. Tief besorgt, wollte 
sie dem Spiel das Anziehende 
nehmen, indem sie officiell ge- 
stattete, was er firüher nur heimlich 
that. Allein, nun kann sie selbst dem 
suggestiven Zwang der Schatten 
sich nicht mehr entziehen. Des 
Abends, wenn sie allein ist, ent- 
zündet sie die Kerze und wieder- 



40 



KRITIK. 



holt das Spiel Auch ihr drängen 
die schwarzen Gestalten sich über- 
all auf, auch sie umzingeln und 
belagern sie, bis sich dann auch 
um ihre Stirn die düstere Nacht 
des Irrsinns breitet. — — Vor 
diesem grandiosen Könner treten 



die anderen, von Alex. Brauner sehr 
sorgsam übersetzten Autoren weit 
zurück. Selbst Anton Tschechow's 
grosse Kunst leuchtet daneben nur 
in abgeblassten Farben. Diese 
> Schatten € verdunkeln * . . 

Ethel. 



Herauss^eber und verantwortlicher Redacteur: Rudolf Strauss. 
Ch. Reisser h M. Werthner, Wien. 



^iener {{undschau. 



1. DECEMBEB, 1896. 



ALLADINE UND PALOMIDES. 
Ein kleines Drama für Marionetten von MAURICE MaeterXINCK. 

Atttorisirte Uebersetzung von Marie Lang. 



n. ACT. 
I. Scene. 

Alladine, die Stirne an eines der Fenster gelehnt, die auf den Park gehen. 

Ablamore tritt auf. 

Ablamore. 
AUadine . . . 

Alladine (sich jäh umwendend). 

Was wünscht Ihr? 

Ablamore. 
O! du bist blass . . . Bist du leidend? 

Alladine. 
Nein. 

Ablamore. 

Was geht im Parke vor? Du schautest auf die Reihen 
der Springbrunnen, die sich vor deinen Fenstern ausbreiten? 
Sie sind wunderbar und unermüdlich. Sie haben sich bei dem 
Tode meiner Tochter nacheinander erhoben . . . Nachts höre 
ich sie singen im Garten . . . Sie gemahnen mich der Wesen, 



42 MAETERLINCK. 

die sie vorstellen, und ich vermag ihre Stimmen zu unter- 
scheiden . . . 

AUadine. 
Ich Weiss es . . . 

Ablamore. 

Verzeiht, ich wiederhole zuweilen ein und dasselbe^ mein 

Gedächtniss ist nicht mehr so treu ... Es ist nicht das Alter; 

ich bin noch kein Greis, dem Himmel sei Dank, doch Könige 

haben tausend Sorgen. Palomides hat mir seine Erlebnisse 

erzählt . , . 

Alladine. 
Ahl 

Ablamore. 

Er hat nicht das gethan, was er thun sollte ; die jungen 
Leute haben keine Willenskraft mehr. — Ich wundere mich 
über ihn. Unter Tausenden hatte ich ihn für meine Tochter 
gewählt. Sie bedurfte einer ebenso tiefen Seele wie die ihre. — 
Er hat nichts gethan, was nicht entschuldbar wäre, aber ich 
hatte mehr erhofft . , . Was denkst du von ihm? 



Von wem? 



Von Palomides. 



Alladine. 
Ablamore. 



Alladine. 
Ich habe ihn nur einen Abend gesehen . . . 

Ablamore. 

Ich wundere mich über ihn. — Alles ist ihm bisher 
gelungen. Was er begann, vollendete er, ohne etwas zu sagen. 
Mühelos entrann er der Gefahr, während Andere keine Thüre 
offnen können, ohne den Tod dahinter zu finden. — Er war 
einer von denen, die die Ereignisse auf den Knien zu erwarten 
scheinen. Aber seit einiger Zeit ist irgend etwas gebrochen. 
Man könnte glauben, er habe nicht mehr denselben Stern, und 
jeder Schritt, den er thut, entferne ihn von sich selbst. — Ich 
weiss nicht, was es ist, — Er scheint nichts davon zu sehen, 
aber t'remde können es bemerken . . . Doch sprechen -v^ir Von 
etwas Anderem ; da bricht die Nacht herein, längs der Mauern 



ALLADINE UND PALOMIDES. 43 

sehe ich sie aufsteigen. Willst du, dass wir zusammen bis 
zum Wäldchen von Astolat gehen wie die andern Abende? 

Alladine. 
Ich gehe heute Abend nicht aus. 

Ablamore. 

Wir werden hier bleiben, weil du es vorziehst. Doch 
die Nacht ist mild und der Abend so schon. (AUadinc schaudert, 
ohne dass er es bemerkt.) Ich habe Blumen längs der Hecken 
pflanzen lassen, und ich möchte sie dir zeigen . . . 

Alladine. 

Nein, diesen Abend nicht . . . Wenn Ihr es zufrieden 
seid . . . Ich gehe ja gerne mit Euch dahin . . . Die Luft 
ist so klar und die Bäume . . . Aber nicht heute Abend . . . 

(Sie schmiegt sich weinend an die Brust des Greises.) Ich bin ein wenig 

leidend . . . 

Ablamore. 

Was ist dir denn? Du wirst fallen . . . Ich werde 

rufen . . . 

Alladine. 

Nein, nein ... Es ist nichts ... Es ist vorbei • . . 

Ablamore. 
Setze dich. Warte . . . 

(Er eilt zur Thüre im Hintergrund und öffnet beide Flügel. Man sieht Palomides 
auf einer Bank gegenüber dieser Thüre sitzen. Er hat nicht Zeit gehabt^ die Augen 
abzuwenden. Ablamore blickt ihn scharf an, ohne etwas zu sagen; dann kehrt er 
in das Zimmer zurück. Palomides erhebt sich und entfernt sich auf dem Gange, 
indem er seine Schritte möglichst dämpft. Das zahme Lamm geht aus dem Gemache, 

ohne dass sie es bemerken.) 



II. Scene. 

Eine Zugbrücke über den Gräben des Palastes; auf den entgegengesetzten Enden 

der Brücke treten Palomides und Alladine Alt dem zahmen Laom auf. — 

König Ablamore neigt sich aus einem Thurmfenster. 

Palomides. 

Ihr gellt aus, Alladine? — Ich kehre zurüct. Ich komme 
von der Jagd. — Es hat geregnet. 

4» 



44 MAETERLINCK. 

Alladine. 
Ich bin nie über diese Brücke gekommen. 

Palomides. 

Sie führt in den Wald. Man geht da selten hinüber. 
Lieber macht man einen grossen Umweg. Ich glaube^ man 
fürchtet sich davor, weil die Gräben an dieser Stelle tiefer 
sind als anderswo und weil das schwarze Wasser, das von 
den Bergen herabstürzt, schauerlich zwischen den Mauern 
sprudelt, ehe es sich ins Meer ergiesst. Es grollt dort immer ; 
aber die Wälle sind so hoch, dass man es kaum wahrnimmt. 
Es ist das der verodetste Flügel des Schlosses. Aber von dieser 
Seite hier ist der Wald schöner, älter und grosser als alle 
Wälder, die Ihr gesehen habt. Er ist voll seltener Bäume 
und voll wildwachsender Blumen. — Kommt Dir? 

Alladine. 

Ich weiss nicht . . . Ich fürchte mich vor dem grollenden. 
Wasser. 

Palomides. 

Kommt, kommt; es grollt ohne Grund. Seht doch Euer 
Lamm ; es blickt mich an, als wollt' es kommen • . . Komm', 
komm' . . . 

Alladine. 

Ruft es nicht ... Es wird entrinnen . . . 

Palomides. 
Komm', komm'. 

(Das Lamm entrinnt Alladineni Händen und kommt hüpfend zu Palomides, gleitet 
aber auf der geneigten Fläche der Zugbrücke aus und roUt in den Grraben.) 

Alladine. 
Was hat es gethan? — Wo ist es? 

Palomides. 

Es ist ausgeglitten ! Es zappelt mitten im Wirbel. Blickt 
es nicht an. Da ist keine Hilfe. 



ALLADINE UND PALOMIDES. 45 

Alladine. 
Werdet Ihr's retten? 

Palomides. 

Es retten? Aber seht doch^ schon ist es im Trichter. 
Noch einen Augenblick, und es verschwindet unter den Ge- 
wölben, und Gott selbst wird es nie wiedersehen . . . 

Alladine. 
Hinweg! Hinweg I 

Palomides. 
Was habt Ihr ? 

Alladine. 

Hinweg 1 — Ich will Euch nicht mehr sehen! . . . 

(Ablamore tritt eilig auf, ergreift Alladine und zieht sie heftig mit sich fort, 

ohne etwas zu sagen.) 



in. Scene. 

Ein Gemach im Palaste. 

Ablamore und Alladine. 

Ablamore. 

Du siehst es, Alladine, meine Hände zittern nicht, mein 
Herz schlägt wie das eines schlafenden Kindes, und niemals 
hat Zorn meine Stimme erregt. Ich zürne Palomides nicht, 
^ wenn auch Alles, was er thut, unentschuldbar erscheinen kann. 
Und du, Aladine, wer konnte dir zürnen? Du folgst Gesetzen, 
die du nicht kennst, und du konntest nicht anders handeln. 
Ich will mit dir nicht über das sprechen, was sich vor einigen 
Tagen längs der Gräben des Palastes zugetragen, noch über 
all das, was mir den unerwarteten Tod des Lammes hätte ent- 
hüllen können, wenn ich den Wahrzeichen einen Augenblick 
lang Glauben schenken wollte. Aber gestern Abend habe ich 
den Kuss überrascht, den ihr euch unter Astolainens Fenster 
gegeben habt. In diesem Augenblicke war ich mit ihr in ihrem 
Zimmer« Sie hat eine Seele, die sich so sehr scheut, durch eine 



46 MAETERLINCK. 

Thräne oder eine blosse Bewegung- der Augenlider das Glück 
Aller, die sie umgeben, zu trüben, dass ich niemals erfahren 
werde, ob sie gleich mir diesen unseligen Kuss gesehen 
hat. Aber ich weiss, was sie leiden konnte. Ich werde dich 
nichts fragen, was du mir nicht zu bekennen vermagst, doch 
ich möchte wissen, ob du irgend einen geheimen Plan hattest, 
als du Palomides unter dem Fenster küsstest, an welchem 
ihr uns sehen musstet. Antworte mir ohne Furcht, du weisst 
im Voraus, dass ich Alles verzeihe. 

Alladine. 
Ich habe ihn nicht geküsst. 

Ablamore. 

Wie? Du hast Palomides nicht geküsst, und Palomides 
hat dich nicht geküsst? 

Alladine. 
Nein. 

Ablamore. 

Ah I . . . Höre : ich war gekommen, um dir Alles zu ver- 
zeihen . . . Ich glaubte, dass du gehandelt hattest, wie wir 
fast Alle handeln, ohne dass etwas von unserer Seele daran 
theilnimmt . . Aber jetzt will ich Alles wissen, was vorgefallen 
ist . . Du liebst Palomides, und du hast ihn vor meinen Augen 
geküsst. 

Aladine. 
Nein. 

Ablamore. 
Geh' nicht fort. Ich bin nur ein Greis. Entfliehe nicht . . . 

Alladine. 
Ich entfliehe nicht. 

Ablamore. 

Ah ! Ah I Du fliehst nicht, weil du meine alten Hände für 
harmlos hältst! . . Aber sie haben noch die Kraft, einGeheimniss 
Allen zum Trotz zu entreissen (er ergreift ihre Arme) und sie konn^ten 
gegen Alle kämpfen, die du bevorzugst ... (Er kelirt ihr die 
Axme auf den Nacken.) Ah ! Du sprichst nicht ! . . . Der A^gen- 



ALLADINE UND PALOMIDES. 47 

blick wird noch kommen, wo die ganze Seele wie ein klares 
Wasser hervorsprudeln wird, von dem Schmerze . . . 

Alladine. 
Nein, neini 

Ablamore. 

Abermals . . . Wir sind nicht am Ende, der Weg ist 
sehr weit — und die nackte Wahrheit verbirgt sich zwischen 
den Felsen . . . Wird sie kommen ? . . . Ich sehe schon ihre 
Zeichen in deinen Augen, und ihr frischer Athem badet mein 
Gesicht . . . Ah I . . . Alladine I Alladine I (Er lässt sie plötzlich los.) 
Ich habe deine Gebeine wimmern hören wie kleine Kinder . . . 
Ich habe dir doch nicht wehe gethan ? . . . Bleib nicht so auf 
den Knien vor mir . . . Ich werfe mich vor dir auf die Knie. 
(Er thttt, wie er es sagt.) Ich bin ein Unglücklicher . . . Du musst 
Erbarmen mit mir haben . . . Nicht für mich allein bitte ich . . • 
Ich habe nur eine arme Tochter . . . Alle anderen sind todt . . . 
Ich hatte sieben um mich her . . . Sie waren schön und reich 
an Glück, und ich sah sie nicht wieder . . . Die letzte, die mir 
blieb, war nahe daran, ebenfalls zu sterben . . . Sie liebte das 
Leben nicht , . . Aber eines Tages hatte sie eine Begegnung, 
welche sie nicht mehr erwartete, und ich sah, dass sie den 
Wunsch zu sterben verloren . . . Ich verlange nichts Unmög- 
liches . . . 

(Alladine weint und antwortet nicht.) 



IV. Scene. 

Astolainens Gemach« 
Astolaine und Palomides. 

Palomides. 

Astolaine, als ich durch einen Zufall Euch begegnete, 
es sind wenige Monate her, schien es mir, als fände ich endlich, 
was ich seit langen Jahren gesucht hatte . . . Ehe ich Euch 
kannte, wusste ich nicht, was mitleidsvolle Güte und voll- 
kommene Einfalt einer erhabeneren Seele allzeit sein kann. Ich 
ward so tief davon erschüttert, dass ich wähnte, ich begegnete 



43 MAETERLINCK. 

zum erstenmale einem menschlichen Wesen. Mir war, als hätte 
ich bis dahin in einer verschlossenen Kammer gelebt, die Ihr 
geofihet habt; und ich wusste mit einemmale, was die Seele 
der anderen Menschen sein muss, und was die meine hätte 
werden können . . . Seitdem lernte ich Euch noch besser 
kennen. Ich sah Euch handeln, und dann belehrten mich auch 
Andere über Euer ganzes Wesen. 

Es gab Abende, an denen ich Euch schweigend verliess 
und ging, um in einem Winkel des Palastes vor Bewunderung 
zu weinen, weil Ihr unschuldsvoll die Augen aufgeschlagen, 
eine kleine unbewusste Geberde gemacht oder ohne sicht- 
bare Ursache gelächelt hattet, gerade in dem Augenblicke, da 
alle Seelen rings um Euch danach verlangten und befriedigt 
werden wollten. Nur Ihr kennt diese Augenblicke, weil Ihr 
die Seele von Allem zu sein scheint, und ich glaube nicht, 
dass diejenigen, welche Euch nicht genaht, wissen können, 
was das wahrhafte Leben ist. Heute komme ich, Euch all 
das zu sagen, weil ich gefühlt habe, dass ich niemals der 
sein werde, welcher zu werden ich gehofft hatte . . Es war ein 
Zufall — oder vielleicht war ich es selbst, denn man weiss nie, 
ob man selbst thätig war oder ob ein Zufall uns begegnete 
— es war ein Zufall, der mir in dem Augenblick die Augen 
öffnete, als wir uns eben unglücklich machen wollten; und 
ich erkannte, dass es ein Etwas geben müsse, unbegreiflicher 
als die Schönheit der schönsten Seele oder des schönsten 
Angesichtes, und auch mächtiger, da ich ihm doch gehorchen 
muss . . . Ich weiss nicht, ob Ihr mich verstanden habt. Wenn 
Ihr mich versteht, habt Mitleid mit mir . . . Ich habe mir 
Alles gesagt, was sich darüber sagen lässt . . . Ich weiss, was 
ich verliere, denn ich weiss, dass ihre Seele neben der Euren 
die Seele eines Kindes ist, eines armen Kindes ohne Kraft, 
und dennoch kann ich ihr nicht widerstehen . . . 

Astolaine. 

Weint nicht . . . Auch ich weiss, dass man nicht thut, 
was man thun möchte . . . und ich wusste, dass Ihr kommen 
werdet ... Es muss wohl Gesetze geben, mächtiger als die 
unserer Seelen, von denen wir immer sprechen . . . (küist ihn 
heftig). — Aber ich liebe dich nur noch mehr, mein armer 
Palomides . . . 



ALLADINE UND PALOMIDES. 49 

Palomides. 

Ich Hebe dich auch . . . mehr als sie, die ich liebe. — 
Wie? du weinst, du weinst wie ich? 

Astolaine. 

Es sind nichtige Thränen . . . betrübe dich um ihret- 
willen nicht . • Ich weine so, weil ich ein Weib bin, aber es 
heisst, unsere Thränen seien nicht schmerzlich . , . Du siehst, 
ich kann sie schon trocknen . . . Ich wusste wohl, was es 
war . . . Ich erwartete das Erwachen . . . Nun ist es da, und 
ich kann mit weniger Unruhe athmen, da ich nun ja nicht 
mehr glücklich bin . . . Das ist es . . . Es wäre nothwendig, 
jetzt klar darin zu sehen, um deiner selbst und um ihret- 
willen. Denn ich glaube, dass mein Vater bereits Argwohn 

hegt. (Sie gehen hinaus.) 

(Fortsetzung folgt.) 



zu DEN STERNEN. 

ErzaUnng von FjODOR SSOLOGUB (Petersburg). 
Aatorifiirte Uebersetzong Ton Alexander B&aune&. 



Serjoscha fühlte sich beleidigt. Das zwang ihn, sich wie immer 
unschön in seinem Knabenanzug susammenzuschnüren, in dem kurzen 
und schmalen Anzug, den Serjoscha nicht liebte und nicht tragen 
konnte; seine Bewegimgen darin waren ungeschickt und schwerfällig. 
Sein Herz schlug ängstlich und qualvoll, und er blickte mit den bösen 
schwarzen Augen durch die bunten, duftenden Blumen auf den Zaun 
der Villa, wo sie — Serjoscha, Papa und Mama — wohnten. Beim 
Thore stand ein Wagen. Mama wollte wegfahren und plauderte lustig 
mit fremden Herren, welche alle lang und ungenirt und, wie es Ser- 
joscha schien, ganz narrenmässig gekleidet waren. Und der Vater war 
auch mit ihnen .... 

Mama sagte soeben zu Serjoscha, indem sie ihn beim Abschied 
küsste: »Ah, mein Liebling, du willst mir etwas erzählen? Nun warte, 
ich komme bald, dann werden wir viel, viel reden können, auch von 
den Sternchen. € 

Serjoscha hörte die unaufrichtigen Töne aus Mamas Stimme 
heraus und wusste, dass es nur so gesagt war. Mama war so schön 
gekleidet, roch so süss nach Parfüm — aber das ärgerte Serjoscha. 

»Er ist bei mir ein Phantast, c sagte Mama. »Denken Sie, gestern 
lallte er mir 'etwas von den Sternen, verstehen Sie, etwas Kindliches, 
Naives, aber wirklich Poetisches. Er wird bei mir ein Künstler werden, 
Sie werden sehen Ic 

Die Gäste lachten und Papa lachte, ohne die Cigarre, die beim 
Lachen herumbaumelte, aus dem Munde zu nehmen. Dann gingen Alle 
fort, nur Serjoscha blieb zurück. Und jetzt stand er mitten im Garten 
und blickte zornig dorthin, wo Mama war. 

Als Mama wegfuhr, war das blasse, jedoch volle Gesicht Serjo- 
schas nicht mehr böse, sondern bange, und er ging ins Haus. Das 
Holzhaus mit dem Mezzanin war so schön, und die Blumen auf den 
Fenstern und dem Balkon waren so bunt und duftend, und die Schling- 
gewächse, welche die Balkonpfeiler umgaben, waren so grün, dass 
Serjoscha förmlich Angst bekam — er fühlte sich hier fremd — all dieses 
Grelle kam ihm finster und sonderbar vor. Er wollte die Zimmer nicht 
betreten^ aus denen er sich, er fühlte das, heraussehnen würde trotz 



zu DEN STERNEN. 5 ' 

der schönen und bequemen Möbel, trotz der theueren und unvermeid- 
lichen Umgebung, wo Alles so wohlanständig und langweilig war. 

Das etwas sonnengebräunte, unschöne Gesicht traurig gebeugt, 
schlich er langsam in die Tiefe des Gartens. Dort betrachtete er, die 
Brust an den Zaim gelehnt, das Krabbeln zweier barfiissiger Knaben, 
die im Hofe spielten. Sie waren gleichaltrig mit Serjoscha, doch durfte 
er mit ihnen nicht spielen: das war — unanständig und verboten. Es 
that ihm leid, dass er nicht zu den zwei lustigen Knaben gehen konnte. 
Neugierig sah er, wie sie beim Spiel einander einholten. Das Laufen war 
für Serjoscha verbotenes Vergnügen; sein Herz begann davon stärker 
zu schlagen, und er musste oft stehen bleiben, um Athem zu schöpfen. 
Doch jetzt, wo Andere liefen, blickte er ihnen gierig nach, lachte vor 
Freude, und sein Herz schlug zuweilen so heftig, als wenn er selbst mit 
den Knaben umhertollen würde. Uebrigens war er bestrebt, nicht zu 
lachen: er hätte sich, wenn man gesehen hätte, dass er das Spiel der 
Strassenbuben mit solchem Interesse beobachte, geschämt. 

Die Knaben unterbrachen ihr Spiel, und mitten im Hofe stehend, 
beriethen sie sich laut und schreiend, als ob sie zankten. Serjoscha be- 
obachtete sie noch immer, es kam ihm sonderbar vor, dass sie so zer- 
lumpt und barfuss waren, und dass sie sich trotzdem wohl fühlten. 
Sie begannen wiederum herumzulaufen, doch Serjoschas Gedanken 
zerstoben. . . . 

Das Schreien im Hof Hess ihn zusammenzucken. Die Köchin 
Nastasja schrie wüthend und prügelte dabei einen der spielenden 
Knaben, der ihr Sohn war und aus Leibeskräften heulte. Serjoscha 
kreischte vor Schreck auf, er fühlte plötzlich den fremden Schmerz 
an sich und lief davon. 

Abends kehrte weder Mama noch Papa nach Hause zurück. 
Serjoscha blieb fast die ganze Zeit allein, weil sein Hofmeister, ein 
flachshaariger, gutmüthig- fauler Student, heute dem aufgeputzten 
Stubenmädchen Barbara den Hof machte; Serjoscha liebte sie nicht, 
weil sie der gnädigen Frau so gefallig in die Augen blickte und ihr 
die Hände küsste. 

Als es ganz finster wurde, ging Serjoscha leise aus dem Hause 
und verkroch sich in den entferntesten Theil des Gartens. Dort legte 
er sich auf eine Bank, legte die Arme unter den Kopf und blickte 
zum Himmel empor. Der Himmel entblösste sich und Hess die ver- 
steckten Sterne frei wie die dunkelblaue Weite dahinter. 

Die Feuchtigkeit und die Kühle des Juliabends ergriffen den 
Knaben. Wenn man ihn hier im Garten erblicken würde, hätte man 
ihn ins Zimmer geschickt. Er wusste selbst, dass hier zu Hegen für 
ihn schädlich sei, hier unter den feuchten Zweigen des Flieders, da er ja 
so verzärtelt und nervös war, doch blieb er absichtlich und erinnerte sich 
schmerzHch, wie geringschätzig ihn die Mama behandelt hatte und wie die 
Gäste lächelten, als sie sein kleines Figürchen sahen. Er erinnerte sich 



52 SSOLOGUB. 

auch, wie einmal Tante Katja ihn Miniature genannt, und auch dieses 
Wort ärgerte ihn jetzt. 

»Können denn solche Miniatures vorkommen ?c dachte er böse. 
»Und warum grinsen die Aelteren immer und sind bestrebt, etwas 
Komisches und Lustiges zu sagen? Vor Freude lachen — das darf 
man, doch sie lachen vor Bosheit und vor Neid, weil ich jung bin 
und sie bald sterben werden. c 

£r dachte, wäre er stark, so würde er die Tante Katja zwingen, 
vor ihm auf die Knie zu fallen und ihn um Verzeihung zu bitten. 
Doch Niemand sollte dabei sein, keiner lachen. Und beim Ohr würde 
er Tante Katja fassen und ihr sagen: 

»Schau* zu, das nächstemal geht's dir noch schlimmer. c 
Und sie wäre fortgegangen, still und ohne zu lachen. Und was 
würde er mit jenen langbeinigen Herren thun? Nichts, nur sie fort- 
jagen, sonst nichts. Wenn nur sie imd die Erinnerung an ihr dummes 
Lachen ihn nicht störten, die Sterne zu betrachten, die für die Herren 
belanglos waren wie Serjoschal 

Die Sterne, weit und friedlich, blickten ihm gerade in die Augen. 
Sie flimmerten und schienen schüchtern zu sein. Serjoscha war auch 
schüchtern, doch jetzt empfand er, dass er und die Sterne sich wohl- 
fühlten. Er erinnerte sich, dass der Student ihm einst davon sprach, 
ein jeder Stern sei wie die Sonne, ein jeder habe seine Erde. Doch 
konnte er nicht glauben, dass es dort so sei wie hier. Er glaubte, 
dort sei es besser. Es that ihm leid, dass man dorthin nicht ge- 
langen konnte — dass die Erde so gross war und anzog. Wenn sie 
nicht anziehen würde, könnte man hinfliehen zu den Sternen und er- 
fahren, wie es dort zuging. Ob dort Engel mit weissen Fittichen und 
goldenen Hemden wohnen oder nur Menschen .... 

Warum blicken die Sterne so aufmerksam auf die Erde? Leben 
sie, denken sie vielleicht auch ? 

Serjoscha blickte lange zu den Sternen und vergass seinen Aerger, 
seine Bosheit. Milde und klar wurde seine Seele. Sein Gesicht mit den 
vollen, aber blassen Lippen ward unbeweglich-ruhig. 

Immer klarer und liebevoller leuchteten die Sterne über Ser- 
joscha. Sie verdunkelten einander nicht — ihr Licht war ohne Neid, 
ohne Lachen. Mit jedem Augenblick kamen sie dem Knaben 
näher. Freudig und leicht ward es ihm, und es schien ihm, als 
wenn er auf der Bank, in der Luft sich wiegend, schwimmen würde. 
Die Sterne waren bei ihm. Alles ringsumher schwieg voll Erwartung, 
und die Nacht wurde finsterer, geheimnissvoller. Er ward eins 
mit den Sternen und vergass darob sich selbst und die Geftlhle seines 
Körpers. 

Plötzlich kamen von irgendwo kreischende Harmonikalaute, die 
Serjoscha aus seiner Selbstvergessenheit erweckten. Serjoscha erstaunte über 
etwas — vielleicht über diese vergangene Selbstvergessenheit — und 
dann ärgerte ihn die Harmonika, deren unangenehme Laute vor dem 



zu DEN STERNEN. 53 

■ 

Knaben herumsprangen und sich ausbreiteten. Diese Laute, frech, 
knarrend, zudringlich, erinnerten ihn an Alles, was bei Tage vorging 
— an die Gäste, den Studenten, die Barbara, an den Knaben, den die 
Mutter schlug und der dabei so unbarmherzig schrie — und diese letzte 
Erinnerung Hess ihn plötzlich erschauern, dass sein Herz qualvoll 
pochte. Die Sehnsucht ergriff ihn und der grosse Wunsch, nicht hier 
auf der Erde zu sein. 

»Wie, wenn mich die Erde nicht anzieht!« dachte er plötzlich. 
»Vielleicht kann ich mich erheben und davonfliegen, wenn ich will? 
Mich ziehen die Sterne an und nicht die Erde.« 

Und da schien es ihm, dass die Sterne leise erklangen, und 
die Erde unter ihm begann sich vorsichtig zu neigen, und der 
Gartenzaun kroch leise an seinen Füssen vorbei, die Bank unter 
ihm bewegte sich langsam und hob seinen Kopf und neigte seine 
Füsse. Er bekam Furcht. Einen schwachen und grellen Schrei 
stiess er aus, sprang von der Bank hinweg und stürzte ins Haus. Seine 
Füsse waren schwer, sein Herz schlug schmerzlich — und es schien 
Serjoscha, dass unter ihm mit dumpfem Geräusche die Erde wanke. 

Zitternd kam er ins Zimmer. Niemand bemerkte ihn. In den leeren 
Räumen war wie gewöhnlich Licht, und in der Nähe waren Menschen- 
stimmen hörbar. 

»Warum bin ich erschrocken?« überlegte Serjoscha, »ich bin ja 
gelegen, weshalb kam es mir vor, dass der Zaun unter meinen Füssen 
sei, und dass die Erde sich drehe?« 

Es ergrifif ihn ein Verlangen, Leute zu sehen, nicht allein zu 
sein. Als Serjoscha aber das Zimmer betrat, aus welchem er die fröhliche 
Stimme seines Hofmeisters hörte, bemerkte er, dass er den Studenten in 
einer Plauderei mit Warja gestört habe. Der Student wandte sich mit 
emem gezwungenen und verschämten Gesicht zu dem Knaben. Seine 
Arme waren sonderbar auseinander gespreizt, weil sie eben auf Warjas 
Schultern gelegen. Warja, die beim Tische stand, als wollte sie dort 
etwas in Ordnung bringen, lächelte sinnlich und blickte Serjoscha, 
der ihrer Ansicht nach nichts davon verstand, herablassend an. Aber 
Serjoscha wusste ganz gut, dass der Student an Warja Wohlgefallen 
fand und deshalb mit ihr spasste, dass er sie aber niemals heiraten 
werde. Jetzt wurde es ihm plötzlich unangenehm, die Beiden zu sehen. 
Ihm schien, dass sie keine guten Gesichter hätten, der blatternarbige 
Student und das schwarzhaarige Stubenmädchen. 

Er blickte zur Seite auf die Lampe . . •. . Da kamen ihm die 
Sterne in den Sinn, und es wurde ihm schwer, auf das rothe Licht 
der Lampe zu blicken. Er ging zum Fenster — irdische Feuer, neblig 
und rauchig, schauten von überall auf ihn. Nicht weit, in einer Villa, 
brannten Lampions — ' wahrscheinlich aus Anlass einer Familienfeier. 
Bange ward's Serjoscha zu Muthe von diesen schreienden und grellen 
Flammen. 

»Was ist das denn,« sprach er klagend, »wann kommt Mama endlich?« 



54 SSOLOGUB. 

»Ihre Mama kommt spätre antwortete Barbara mit süsser Stimme, 
»Sie werden die Mama morgen Früh sehen, Serjoschenka, jetzt sollten 
Sie aber schlafen gehen, c 

Serjoscha blickte Barbara mit bösen, kalten Augen an, die 
auf seinem gelb-blassen Gesicht sonderbar flimmerten. Seine Lippen 
verzog ein böses Lächehi, seine Wangen wurden davon scheinbar ge- 
schwollen. Der Hass quälte sein Herz, wie der Hunger quält. 

»Ich werde schlafen gehen, < sagte er mit leicht vibrirender 
Stimme, »und du wirst dich mit ihm küssen I< 

Barbara erröthete. 

»Aber, Serjoschenka, wie, schämen Sie sich nicht, c sagte sie 
verwirrt, »das werde ich der Mama sagen. c 

»Ich werde es selbst sagen, c antwortete Serjoscha und wollte 
noch etwas dazusetzen, doch konnte er's nicht, weü das Gefühl des 
Hasses und der Sehnsucht sein Herz und seinen Hals zu sehr bedrückten. 

»Schauen Sie, dass Sie verschwinden, Serjoscha,! meinte der 
Student, indem er bestrebt war, seine Verwirrung durch den herri- 
schen Ton und ein verächtliches Lächeln zu maskiren, »gehen Sie 
schlafen. € 

Serjoscha blickte ihn finster an und ging schweigend auf sein 
Zimmer. 

Beim Entkleiden war er bemüht, den Studenten und die Warja 
und alle Menschen zu vergessen — er wollte sanft und liebevoll von 
d^n Sternen träumen. Er ging zum Fenster und blickte durch das 
Rouleau auf den Himmel. Er funkelte und glitzerte. Wie Diamanten 
waren die Sterne, und kalt schien ihr Glanz — es kam von ihnen wie 
ein kühler Hauch. 

Gebückt und mit der Schulter an das Fensterbrett gelehnt, stand 
Serjoscha da, dachte traurig, dass man die Sterne absolut nicht fragen 
kann, wie es dort zugehe — und seine kalten Augen flimmerten in 
diesem blassen Gesicht. Wie er aber so dastand und zu den Sternen 
hinautblickte, legte sein Hass sich allmälig, und sein Herz zackte 
nicht mehr. 

In der Nacht träumte Serjoscha von einer geheimnissvollen und 
wunderbaren Welt, von der Welt auf den klaren Sternen. Auf den 
Bäumen des Waldes sassen kluge Vögel und sahen auf Serjoscha, und 
unter den Baumzweigen schritten langsam kluge Thiere, die es auf der 
Erde nicht gab. Es erfUllte Serjoscha mit Freude, mit ihnen und mit 
den Menschen jener Welt zusammen zu sein, die alle klar waren imd 
mit so grossen Augen blickten und nicht lachten. 

n. 

Der Tag war heiss, und Serjoscha war traurig. Er liebte die 
Hitze nicht, liebte nicht die grelle Sonnenbeleuchtung, bei Tage hatte 
er vor etwas Angst. Diese ganze Hitze und das Licht lasteten schwer 
auf seiner Brust, in der zuweilen^ irgendwo beim Herzen, eine quälende 
Pein und ein Zittern entstand. 



zu DEN STERNEN. 55 

Dazu liess man ihm bei Tag keine Ruhe und belehrte ihn, und 
er musste Aufgaben machen, wo er allein sein und denken wollte, oder 
man stiess ihn als überflüssig oder aus Zeitmangel von sich, wenn er 
von seinen Dingen sprechen wollte. Jeden Tag waren fremde Menschen 
da, meistens Männer, ungenirt und lärmend. Alle erschienen sie Ser- 
joscha dunkel so, als wäre der Staub ihres ewigen Lachens an ihnen 
haften geblieben. 

Serjoscha wollte, dass wieder möglichst bald die Nacht anbreche ; 
er würde schauen, ob die Sterne auch heute so flimmern, wie sie 
gestern flimmerten. Er hätte wieder eine Freude, aber der Tag — oh 
wie langweilig 1 Dann ist ja alles so fremd und feindselig. Selbst der 
Vater — ist ganz fremd. Er weiss nicht einmal, was er mit Serjoscha 
spricht; bleibt vor ihm stehen, streichelt den Kopf, fragt etwas Un- 
zusammenhängendes und Ueberflüssiges, wie zum Beispiel: »Nun, Ser- 
joscha, wie ?€ und beginnt sofort, ohne abzuwarten, was Serjoscha sagen 
werde, mit Anderen zu reden. Mama zwar fasst Serjoscha zuweilen bei 
den Schultern und herzt ihn und spricht mit ihm und wird dann so 
einfach und klar, dass Serjoscha sogar ihr aufgeputztes «Kleid nicht 
fürchtet und sich zutraulich an sie schmiegt. Aber das kommt nur 
selten vor, sehr selten, sonst ist auch Mama ihm fremd, mit den Gästen 
liebenswürdig, aufgeputzt und duftend für all diese langbeinigen und 
komisch nach der Mode gekleideten Herren, gegen Serjoscha aber 
kühl und nachlässig. 

»Ja, auch die Mama ist fremd, c dachte Serjoscha, »und Alles, 
was bei Tag vorgeht, ist langweilig, die Sterne aber • — die sind mein ; 
alle blicken sie auf mich und gehen nicht weg. Sie sind helL Und auf 
der Erde ist Alles dunkel. Und die Mama ist nur selten hell. Vielleicht 
ist aber meine Seele irgendwo dort, auf dem Stern, und ich bin hier 
nur so allein, als wenn ich schlafen würde, und deshalb langweile 
ich mich.« 

Zur gewöhnlichen Zeit ging Serjoscha mit seinem Hofmeister 
baden. Serjoscha wollte von seinen Gedanken sprechen und dachte, 
dass es jetzt bequem sei, weil dem Studenten auch heiss und offenbar 
traurig zu Muthe war; denn er schritt faul einher und lächelte nicht. 

»Die Sonne ist dunkel,« erklärte Serjoscha zuerst. 

Der Stud^t gab einen unbestimmten Laut von sich. 

»Es ist wahr,« betheuerte Serjoscha. »Man kann nicht darauf 
sehen. Wenn man hinsieht, sind dann in den Augen dunkle Kreise. 
Und der Tag ist dunkel, man sieht nichts am Himmel. Die Nacht 
aber ist hell. Die Sterne sind besser als die Sonne.« 

»Sie schweben zu hoch, Serjoscha,« unterbrach ihn faul der Stu- 
dent, »Sie reden Unsinn.« 

Die Rohheit des Studenten berührte Serjoscha unangenehm. Dennoch 
sprach er weiter. 

»Was für dumme Pferde gibt es hier auf der Erde,« sagte er 
und blickte auf den demüthigen Kopf emes Droschkengaules. 



56 SSOLOGUB. 

Der Kutscher duselte auf dem Bock, es duselte auch das Pferd. 
Serjoscha erinnerte sich der klugen Thiere, die er im Traume gesehen, 
jene blickten und wussten, aber diese . . . 

»Wirklich dumm,c wiederholte er. 

»Was haben sie Ihnen Böses gethan?c fragte kichernd der 
Student. 

Serjoscha erschrak vor diesem plötzlichen Lachen, er blickte 
bange um sich. Und Alles ringsherum war laut, lärmend und fremd: 
die Villa, das grelle Grün, der grelle Sand auf den Wegen, die grellen 
Blumen in den Gärten, die aufgeputzten Damen. Und neben der 
Pracht dieses Lebens gingen schmutzige, barfüssige Knaben mit gierigen 
und schüchternen Augen. 

In der Badecabine, als Serjoscha vom kalten Wasser frei und 
fröhlich gestimmt ward, erinnerte er sich wieder, dass die Menschen 
sich schämen, und dass man in die freie Weite nicht hinausschwimmen 
darf. Und er verstand nicht, warum er sich schämen sollte, wenn er 
sich hier so frei und wohl fühlte in diesem Wasser, welches kalt und 
ruhig war und ihn umarmt hielt. Dort aber auf der Erde, wenn er sich 
anzog, würde er wieder klein sein und lächerlich, während er hier so 
einfach und leicht war. Mit Händen und Füssen schlug er auf das 
hoch emporspritzende Wasser und quickste vor Freude. Eine kecke 
Lustigkeit ergriff ihn und auch ein feindseliges Gefühl darüber, dass es hier 
in der Cabine so eng war und dass er unaufhörlich bald mit den 
Händen, bald mit den Füssen an die Wände stiess. Er presste die 
Zähne zusammen, quitschte gellend auf, tauchte unter und gelangte leicht 
ins Freie. Es war hell, frei, kalt und lustig. Daneben stand eine 
andere Cabine; man hörte Mädchenstimmen und Rufe heraus. Mit einem 
fröhlichen, lauten Ausruf schwamm Serjoscha in diese Cabine. 

Als die Mädchen einen Knaben bei sich erblickten, begannen sie, 
es waren ihrer fünf, zu schreien und zu quitschen und unsinnig im 
Wasser herumzuschlagen, indem sie vor Serjoscha flohen und ihn 
mit Wasser bespritzten. Eine davon, die Kühnste, ein grösseres Mädel, 
blickte Serjoscha aufmerksamer an und rief dann zornig und gering- 
schätzig: 

»Diese Frechheit! Ein ganz kleiner Bublc 

Sie schwamm zu ihm hin, wahrscheinlich mit feindlichen Ab- 
sichten. Serjoscha beeüte sich, in seine Cabine zurückzukonmien. 

(Schluss folgt.) 



GEDICHTE. 



HOLLANDISCHE LANDSCHAFT. 

Weit läuft das Land, unendlich weit und eben 
Im tiefen athemlosen Mittagschweigen. 
Erstorbne Felder: rings Gewitterreigen 
Am dunkelgrauen Horizonte schweben. 

Brausende Wasser; zarte Gräser beben; 

Die schlanken Erlen ihre Häupter neigen; 

Auf allem liegt es brütend bang und eigen, 

Wie künftges Weinen, nahen Unglücks Weben . . . 

Dort unten nur, hart an dem Wasserringe, 

Raucht's aus dem Haus, durch Pappeln halb verborgen, 

Und eine Mühle hebt die Riesenschwinge. 

Und in dem Grün, das keine Grenzen Rndet, 
Nachtwandelnd, einsam, in Gedankensorgen — 
Ein weisses Segel gleitet hin und schwindet . . . 

Rom. EdMONDO de AMICIS. 

Deutsch \oa PAUL Wkkthbiubx. 



Zwischen blonden, juwelengeschmückten Frauen, 
Schlanken Gestalten in glänzenden, reichen Seiden, 
Möchte ich sitzen und Qualen des Wählens leiden, 
Wenn schmeichelnde Augen fragen unter den dunkeln Brauen. 



58 SCHAUKAL. 

Glühende Weine in KrystallcaraflFen, 
Brennende Rosen über Eisbärfellen, 
Silberhörner, aus denen Früchte quellen, 
Persergewebe, die sich um Säulen raflFen; 

Leise Musik aus fernen goldenen Harfen, 
Sehnsuchtklagende Cremonesergeigen, 
Schwarze Sclaven in harrendem Ehrfurchtschweigen, 
An der Hüfte den Dolch, den winkgewärtigen, scharfen. 

Wien. Richard Schaukal. 



DAS MEER (LA GUEUSE). 
Von Jean Reibrach. 

Autorisirte Uebersetzung yon Clara Theumann. 

I. 

Auf dem schmalen Damme, der an der einen Seite der 
Mündung des Flusses die angelegten Boote schützte, erhoben 
sich gegen 5 Uhr plötzlich laute Rufe; und die aus der 
Schenke kommenden Fischer, die in den Fensterrahmen er- 
scheinenden Frauen mit ihren bretagnischen Hauben ge- 
wahrten da drunten den Tumult, den ein Unglücksfall im 
Gefolge hat. Viele Kinder flohen, während andere wie fest- 
genagelt vor Schrecken am Meere blieben. Eines von ihnen 
war ins Wasser gefallen. Man eilte herbei. Die Männer 
sahen einander erschreckt an. Der Quai war hoch, und die 
Wellen, die gegen das Mauerwerk schlugen, brachen sich 
bei ihrer Rückkehr an steil emporragenden Felsen. Der 
Schreck durchbebte alle. Endlich wurde ein Boot losgemacht 
und holte mit grossen Ruderschlägen aus, um längs des 
Dammes herumzukommen. Man sah das Kind noch: eine 
Geberde der Verzweiflung, ein erstickter Schrei, eine undeut- 
liche Masse, welche die Welle wie ein Strandgut weiterwälzte 
und wie mit einem Leichentuch umhüllte. 

Das Schreien an der Küste gab der Barke die Richtung. 
Jetzt war sie aus dem Becken, kämpfte mit der Welle und 
bäumte sich in verzweifelten Sprüngen, um über sie hinaus- 
zugelangen. Aber das Kind, das einen Moment durch die 
Fluth herangeschwellt war, wurde immer wieder ergriffen und 
weitergetragen. Dann sah man es nicht mehr ; sicherlich war 
es dem Grunde zugeführt oder an einem Felsen zerschellt. 
Nein! die Barke konnte es nicht mehr erreichen. In der 
angsterfüllten, athemlosen Stille erklang eine Stimme von 
rückwärts: »Was gibt's ?€ Instinctiv trat die ohnmächtige 
Menge zur Seite: »Da! dal Ein KindU 

Schon hatte sich der Mann gebückt, l^ie flache Hand 
auf die Kante des Dammes gestützt, sprang er ins Wasser. 

5* 



6o REIBRACH. 

Staunen durchlief die Menge, dann ein Hoffnungsschimmer, 
und der Name des Mannes machte die Runde : Yves Lehanec, 
ein Fischer aus dem Nachbardorfe, Yves, der Retter. Alle 
kannten Yves. Man kannte den erbitterten Kampf zwischen 
dem Meere und ihm. Es hatte ihm seinen Grossvater, seinen 
Vater und seinen Bruder geraubt; aber für jedes dieser Opfer 
hatte Yves ihm zehn andere entrissen, und er wird ihm neue und 
immer neue entreissen, bis er selbst an die Reihe kommt — als 
Opfer. Ein erbitterter Kampf ohne Waffenstillstand, tückisch und 
grossartig, ein Kampf des Menschen gegen die rohe Gewalt, 
des Bändigers gegen das wilde Thier, ein Kampf, aus dem 
er stets noch siegreich hervorgegangen war. Die Erwartung 
war fürchterlich. Yves gewann ja doch. Man sah ihn unter- 
tauchen, verschwinden ; und als er wieder erschien, hatte er 
das Kind in den Händen. Er hob es hoch über seinen Kopf 
wie eine Trophäe, und unter dem Rauschen des Beifalls- 
sturmes schwamm er der Barke zu. Er erreichte sie: das 
Kind lebte. Yves schüttelte seine durchnässten Kleider und 
sagte schlicht: »Ich hab so 'ne Kröte wie diese da zu Hausei 
Ich glaubte, sie wäre es!« 

Und nach einigen in Eile erwiderten Händedrücken 

verschwand er. 

II. 

Yves hatte seinen Weg zum Dorfe das Meer entlang 
fortgesetzt. Sein rauhes Gesicht war verklärt durch den 
Triumph, der aus seinem blauen Auge leuchtete ; von der Hohe 
der Klippe schien das Meer wie ein besiegter Feind zu seinen 
Füssen zu liegen. 

Der Stolz über seinen Sieg hatte etwas von lächelnder 
Heiterkeit, von der Wollust des Starken. 

Es war so schon, das böse Meerl 

Ganz nahe war es lachend und kindlich. In ihrem leichten, 
schäumenden, ausgefransten Rand spielte die See einen 
Augenblick dunkelgrüne Farben, rollte sich ein, zerfloss und 
rieselte herab: eine Ernte von Perlen, von stets verschlungenen, 
in blauen, lila und rosa Reflexen zerschmelzenden und immer 
wieder erstehenden Perlen. Sie spielte und flüsterte. Stellen- 
weise war sie faul, und am Ufer trat sie kokett heran, um 
wieder zurückzuweichen. Sie zeigte sich zärtlich, einschmei- 



DAS MEER (LA GÜEUSE). 6l 

chelnd, ergeben und ohne Groll über die Niederlage; und 
dennoch verrätherisch mit plötzlich heftigem Schlagen gegen 
die Klippen, mit unvorhergesehenem Aufschäumen und Spritzen, 
das den ausgreifenden Tatzen eines Raubthieres glich, dessen 
Augenlider geschlossen scheinen. 

In der Breite veränderte sich die Anmuth der See in eine 
strengere Schönheit, in eine erhabene Pracht. 

Die untergehende Sonne beschien sie mit einem blen- 
denden Glanz von schmelzendem Metall ; die eilenden Wogen 
warfen büschelweise ihren schaumigen Rand weit aus, und 
glitzernd fiel er herab wie ein Stahlnetz aus tausend Maschen. 
Und weit, unabsehbar weit, den Horizont ausfüllend, so lag 
die Fluth da und verkörperte in sich die geheimnissvolle 
Majestät der Unendlichkeit. Yves ging weiter, gewiegt von 
tausend und abertausend Zauberstimmen. Zu seiner Rechten, 
dem leuchtenden Geheimniss des Oceans gegenüber, lag das 
dunkle Mysterium der druidischen Wälder, des steilen, ver- 
wüsteten, melancholischen Bodens mit seinen heftigen, abge- 
hackten Erhebungen, die Sturmwellen glichen, das Mysterium 
der bretagnischen Steppe mit grauen Felsen und dazwischen 
blühenden Ginstersträuchern, mit wellengekräuselten Farren, 
der Steppe, die unter der Berührung der wilden Seewinde 
ächzte und aufstöhnte. Dann ging's bergan über steile Klippen ; 
Yves entdeckte sein Dörfchen. Die um den Kirchthurm zer- 
streut gebauten Häuser lagen da wie eine um ihren Hirten 
gelagerte Heerde. Und unten am Wege erkannte er sein 
Haus, das am Meere dort stand wie eine kühne Herausforde- 
rung, ein baufälliges, von Wind und Regen gepeitschtes, 
ausgebröckeltes, klägliches und doch muthiges Häuschen, 
das gleichsam all das Elend verkörperte, dem es seit jeher 
Obdach gab. 

Ahl Das Elend I Das bittere Elend 1 Bitter und doch so 
süss, wenn es überstanden war, das Elend, das den geringsten 
Freudestrahl in seinem blauen Auge so herrlich und glänzend 
verstärkte. 

Es war Freudentag heute. Das Häuschen, rosig über- 
gössen von den Strahlen der untergehenden Sonne, lachte 
ihm zu. Der Mann ging trotz seiner schweren Kleider leichten 
Schrittes dem Heim entgegen, das seiner harrte. Der neuer- 



62 REIBRACH. 

liehe Sieg über den Ocean machte ihn froh. Die Frau war 
gewiss schon einigemale auf die Schwelle getreten, hatte die 
Augen mit den Händen beschattet und längs der Landstrasse 
nach ihm ausgelugt. Er sah sie mit ihrem breiten, gesunden 
Gesicht und dem Lächeln des Empfanges, während Johann- 
Maria auf den Knien entgegengekrabbelt kam, Johann- Maria 
'mit seinen meerblauen Augen, der mit drei Jahren schon so 
stark war, dessen Lungen gekräftigt waren von der würzigen 
Brise. 

Einen Augenblick verschwamm das Bild seines Kindes 
mit der Erinnerung an das soeben gerettete. Seine Zärtlichkeit 
wuchs dadurch nur noch. Dann sah er die Zukunft vor sich. 
Er sah, wie der grosse, stark gewordene Johann seine Barke 
bestieg. Und zu seinen Träumen lächelnd, stieg er den 
schmalen Pfad herab und sang ein heiteres Seemannslied. 

III. 

Als er an seine Thüre kam, empfand er Unruhe und 
hatte Herzklopfen. 

Warum war sie denn verschlossen? 

Und er hatte sie kaum halb geöffnet, als ihm die Nach- 
barinnen entgegenstürzten. 

»Halt! Geht nicht hinein! O Gottl Armer Yvesic 

Er sah sie ganz blöde an. Dann schlug der Name Johann- 
Maria an sein Ohr. Johann-Maria? der Kleine? 

Er machte eine Schwenkung und trat ein. Rückwärts 
im Zimmer auf dem Bett lag die Leiche des Kindes. Mit einem 
Schrei der Verzweiilung fiel ihm die Frau um den Hals. Die 
Nachbarinnen erzählten unter Klagen und in unzusammen- 
hängenden Worten das Unglück. Wie Johann-Maria von der 
Klippe, wo er gespielt hatte, ins Wasser gefallen war und 
alle Hilfe zu spät kam. Und die Frau stöhnte lauter, be- 
schuldigte sich, nicht genug Acht gegeben zu haben. Zer- 
schmettert und im Vorhinein gebeugt unter dem gerechten 
Zorn des Vaters stand sie da. Yves blieb stumm und kreide- 
weiss vor der kleinen Leiche. Er hatte eines Anderen Kind 
gerettet; und seines zu retten, hatte sich Niemand gefunden I 
Aber diese Bitterkeit hielt nur einen Moment an. Der Christ 



DAS MEER (LA GUEUSE). 63 

und Bretagner beugte sich resignirt vor dem Tode. Und seine 
Gedanken kehrten zum Meere zurück. Mit trockener Stimme 
fragte er: 

»Um wie viel UhrPc 

»Um 5 Uhr,€ sagte Jemand. 

Ein Schrei entrang sich seiner Kehle, ein wildes Rochein. 
Um 5 Uhr! Zur Zeit, als er selbst ins Wasser sprang. 

O; das Meer, das elende! 

Er begriflF plötzlich das sanfte Schmeicheln, das ironische 
Lächeln, mit dem die Fluth seine Schritte begleitet hatte. 
Während er ihr dort die Beute entriss, nahm sie ihm hier 
seinen Sohn. 

O, die Elende, die Elende I 

Mit einer wilden Geberde wandte er sich gegen das 
Meer. Heimtückisch hatte es gesiegt; jetzt noch höhnte 
es und sang freudig und fing in den tanzenden Wellenkämmen 
die letzten Strahlen auf. Roth stand am Horizont die Sonne, 
von der Fluth formlich verschlungen ; blutig ward von ihrem 
Schein das Auge des Fischers, der unzähmbar der ewigen 
Feindin die Stirne zeigte, eine rachesinnende Stirne und ein 
felsenfestes Antlitz. Lange sahen sie sich an, der Mensch und 
das Meer, wie zwei Ringende, die Athem schöpfen. Sie schienen 
auf einander zu horchen und sich zu verstehen, geheimniss- 
volle Herausforderungen und Hasseskundgebungen auszu- 
tauschen. Und dann verschwand die schon niedrig stehende 
Sonne ganz. Das nun düstere Meer schien zurückzuweichen, 
abzunehmen, und als der Wind sich über der Steppe erhob 
und das ferne Brausen der Wellen übertönte, da schien es, 
als ob die Wasser verstummt wären vor dem Hassesblick des 
Menschen. — — — — — — — — — — — — 



DIE TREUE FRAU. 

Sie schritten durch den weiten, grünen Park, über den 
die Sonne ihr weisses Licht goss. Die Dame rauschte in 
einem dünnen lila Seidenkleid mit weiten Glockenärmeln und 
unten verbreitertem Rocke; in der Rechten hielt sie einen 
zierlichen lila Seidenschirm, mit dem sie ihr unbedecktes, 
dunkelblondes Köpfchen schützte. Der Herr dagegen trug 
einen eleganten, grauen Smoking, einen grauen, steifen Hut 
mit breitem, schwarzem Bande und in der Hand ein Paar 
neuer, heller Glac6s. 

Er sagte eben: »Ich liebe Sie, gnädige Frau. Antworten 
Sie mir; Darf ich hofiFen? Weisen Sie mich nicht zurück? 
Ist irgend welche Aussicht?! 

»Nein,< erwiderte sie ruhig. »Keine Ic 

»Aber warum denn nicht, um Himmelswillen ?c 

Sie senkte ihr blasses Gesichtchen, das die glatte Boti- 
celli-Frisur wie ein Rahmen umschloss; dann sagte sie leise: 

»Weil ich einen Andern liebe. f 

»Wen?« brach er heftig los. »Etwa den Lieutenant 
Korflf?« 

»NeinI Den gewiss nicht!« 

»Oder den Doctor Weil?« 

»NeinI Den schon gar nicht!« 

»Oder den Banquier Geliert?« 

»NeinI Den bei allen Engeln nicht!« 

»Ja — alsol wen lieben Sie denn? Sonst kommt ja 
Niemand mehr hieherl« 

»Oh doch! Einer — Victor.« Langsam und feierlich kam's 
heraus: »Ich liebe Victor, meinen Mann.« 

Da sah er sie zuerst stumm an, dann aber nahm er 
stürmisch ihre feine, weisse, schlanke Hand, tauchte seine 
Lippen voll darauf und huldigte ihr wortlos, ganz ergriflFen. 

»Gnädige Frau,« sagte er später, »ich bete Sie ehrfurchts- 
voll an. Ich bin unendlich glücklich, dass ich nun doch 
eine Frau fand, die ihrem alten Gatten so die Treue wahrt.« 



DIE TREUE FRAU. 65 

Sie kam sich in diesem Moment unsäglich gross vor, 
heilig und hoch wie eine keusche Konigin. Und auch er 
schien ihr durch dieses so bereite Neigen vor der Reine 
gewachsen und besser und würdiger geworden. 

»Herr Baron, t hub sie an, »Sie dürfen mir glauben, 
auch ich freue mich unendlich, nun doch einen Mann ge- 
funden zu haben, der die Tugend so zu würdigen versteht, 
der sie nicht spottisch verhöhnt, sondern sich mit ritterlicher 
Ehrfurcht vor ihr beugt. < 

Er warf sich stürmisch vor sie hin und presste ihre 
langen, schmalen, blassen Finger. 

»Gnädige Frau, Sie sehen, ich beuge mich vor ihr 
nicht nur, ich kniee zitternd vor ihr nieder, c 

Mit ihren grossen, glitzernden, braunen Augen sah sie 
ihn glücklich lächelnd an. 

»Oh, Herr Baron, ich kann Ihnen nicht sagen, wie wohl 
mir das thut, diese Ehrfurcht vor der Keuschheit, dieser 
Zartsinn, diese Rücksicht! Wo sieht man das denn sonst 
noch in dieser rohen und verderbten Zeit? Wie soll ich 
Ihnen für Ihre gute Meinung danken? Was soll ich thun, 
sie mir zu erhalten?! Sie zog ihn zärtlich hinauf. »Sagen 
Sie mir's, sagen Sie's gerade heraus!« 

»Aber gnädige Frau,« erwiderte er, indem er sich er- 
hob. »Was kann an meiner Meinung denn gelegen sein?« 

Sie ergriflF sehr warm seine Rechte. 

»Oh, Sie wissen gar nicht, wie viel! Sehen Sie, wenn ich 
einmal weiss, dass Jemand ein vornehmer, feiner Charakter 
ist, der mich schätzt, dann bin ich einfach imstande. Alles 
zu thun, um diese Achtung zu bewahren.« 

»Nun, gnädige Frau,« erwiderte er, »bei mir brauchen 
Sie gar nichts weiter zu thun. Bleiben Sie nur, wie Sie 
sind, so »gut und rein und hold« — das genügt.« 

Heisse Thränen traten ihr ins Auge und rollten langsam 
ihre blassen Wangen hinab. 

»Oh Gott, was sind Sie für ein edler Mensch!« 

Sie schritten weiter durch den grossen, grünen Park, 
sie, das Köpfchen gesenkt und die Stirne gekraust, er frei, 
in die Lüfte gerichtet. Ein leiser Wind zerzauste ihre glatte. 



66 STRAUSS. 

dunkelblonde Boticelli - Frisur und trieb ihr diese feinen, 
wirren Locken zuweilen spielend ins Gesicht.*' 

»Herr Baron^c begann sie plötzlich, »sehen Sie, so ein 
Mann wie Sie hat mir gefehlt .... Ach, Herr Baron, ver- 
kennen Sie mich nicht: Aber wollen Sie mir rathen, wollen 
Sie mein Freund seinPc 

Sie waren gerade zwischen zwei dichten Jasminbüschen, 
die mit weissen Blüthen und grünen Blättern duftend 
den sandigen Gartenweg säumten. Kühler Schatten lag auf 
dieser stillen Fläche, nur hie und da drang schimmernd und 
golden ein gelber Sonnenstrahl durch das Gezweig. 

Der junge Mann blieb stehen und reichte ihr höchst 
feierlich die Rechte. 

»Ihr Freund? — Gnädige Frau, ich wäre es sehr gerne. 
Aber ich glaube, es wäre doch zu gefährlich — für mich. 
Denn sehen Sie, gnädige Frau, ich liebe Sie ja. Aber ge- 
rade wegen dieser Liebe, weil ich Sie so hochschätze, darf 
ich es nicht sein. Ich müsste mich ja schämen — Ihrer Un- 
schuld, Ihrer Reinheit gegenüber mit meiner tiefen, wilden, 
begehrlichen Liebe, c 

»Oh Gott, wenn das mein Mann wüsste, wie gut Sie 
sind, wie edel Sie sind! . . . Herr Baron lU Sie hatte sich 
jäh gebückt, seine Hand halb hinaufgezogen und einen 
heissen, glühenden Kuss darauf gedrückt. 

♦»Aber, gnädige Frau,€ sagte er ganz erschreckt und 
blickte ihr voll in die Augen. 

Da hielt es sie nicht länger. Mit beiden Armen um- 
schlang sie seinen starken und gebräunten Hals und warf 
sich schluchzend, bebend, wild an seine Brust. 

»Herr Baron, lieber, guter Herr Baron I Sie sind ja so 
hoch, so heilig, so hehr! Und ich liebe Sie, Herr Baron, 
ich liebe Sie . . .c 

Weiter kam sie nicht Er presste sie jubelnd, heiss und 
jäh an sich und küsste sie wie toll auf Aug und Mund und 
Wangen: »Gnädige Frau, süsse gnädige Frau! . . c 

Und das Alles, weil sie ihrem Manne treu war und weil 
»Erc diese Treue ganz zu würdigen verstand. 

Wien. Rudolf Strauss. 



GEDICHT. 



ODI PROFANUM . . . 

Flieh um so tiefer in dich selbst zurück, 

Als du dich keinem recht enträthseln kannst . . . 

Verhäng' die Fenster deiner Seele 

Mit dichtgeknüpften Alltagsphrasen I 

Mit dummem Lächeln stehn sie um dich her 
Und rühren hier und tasten dort dich an — 
Gib acht! Bedroht sind deine Schätze 
Von tempelschänderischen Fingern. 

Verbirg dich im Gewölb des Frühgewolks 
Und in des Abends langem Schattenwurf, 
Am liebsten aber in der Nächte 
Hochherrlich ausgespannten Zelten. 

Dort wanderst du allein mit deinem Schmerz 
Und schmückst die Erde ungestraft mit Lust 
Aus deines Geistes grünen Körben, 
Ein unerschöpflicher Verschwender. 

Berlin. CHRISTIAN MORGENSTERN. 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 

Von 

Karl Kraus (Wien). 

II. 

Man mag kühn behaupten^ der Wirkungskreis^ den der 
Herr aus Linz in Wien erlangte, habe sich auf drei, bei gut 
besuchtem KaiBFeehause vier Tische erstreckt. Vom linken 
Spiegeltisch an beginnt seine Popularität nachzulassen. Hier 
postirten sich jene Literaten, die, nicht gewillt, seine abso- 
lutistische Geschmacksdictatur bedingungslos anzuerkennen, 
sich bald von ihm losgesagt und als selbstständige Poseure 
etablirt hatten. Indes, der Einfluss des Mannes, der, wo er 
sich nicht direct für eine Unbegabung eingesetzt, doch auch 
noch kommenden Mittelmässigkeiten den Boden gelockert 
hat, sollte nicht ohne weiters vergessen werden. Die solchen 
Impuls empfangen hatten, gingen allerdings, während er an 
der Ueberschätzung neuer Talente arbeitete, den Weg eigener 
Entwicklung. Es ist ihnen nicht leicht gemacht worden. Eigener 
Kraft verdanken sie den heutigen Besitz ihrer Nerven- 
schwäche; Selfmade-men der Unnatürlichkeit, mussten sie 
sich ihre Blasirtheit erst erwerben. — Es ist nun rührend, wie 
aristokratische Dichter, deren Adel bereits zahlreiche Degene- 
rationen umfasst, sich über Standesunterschiede hinwegsetzen 
und ohne Stolz mit den Emporkömmlingen der Decadence ver- 
kehren. Diese sind eben heute der eigentliche Hort dessen, 
was man im Auslande als moderne wienerische Kunst zu be- 
zeichnen pflegt, — Jung-Oesterreich. Wien heisst der geistige 
Nährboden dieser Poeten, denen ein gütiges Geschick das 
süsse Vorstadtmädel schon in die Wiege gelegt hat, und die 
so genügsam sind, dass sie mit ein paar Wiener Stimmungen 
ihr ganzes Leben auszukommen hoffen. 

Die moderne Bewegung, die vor einem Jahrzehnt vom 
Norden ausging, hat hier nur rein technische Veränderungen 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 69 

hervorgerufen. Von der inneren Wirkung neuen Styls, der 
das StoiBFgebiet erweitern half und sociale Probleme ins 
Rollen brachte, ist unsere junge Kunst verschont geblieben, 
die geradezu in der Abkehr von den geistigen Kämpfen der 
Zeit ihr Heil sucht. Wenn Gedankenarmuth in Stimmungen 
schwelgen will, muss das Wienerthum für die Farbe her- 
halten, und der Localpatriotismus erwacht zu neuem, sensi- 
tiverem Dasein. 

Ueber den vielen Kaffeehaussitzungen, die zum Zweck 
einer endgiltigen Formulirung des Begriffes » Künstlermensch c 
abgehalten wurden, sind so manche dieser Schriftsteller nicht 
zur Production gekommen. Bevor man sich nicht über eine 
Definition geeinigt hatte, wollte sich keiner an die Arbeit 
trauen, und manche hatten sich längst als Stammgäste einen 
Namen gemacht, bevor sie dazu kamen, sich ihn durch ihre 
Werke zu verscherzen. Griensteidl ist nun einmal der Sammel- 
punkt von Leuten, die ihre Fähigkeiten zersplittern wollen, 
und man darf sich über diese Unfruchtbarkeit von Talenten 
nicht wundern, welche so dicht an einem Kaffeehaustisch 
beisammen sitzen, dass sie einander gegenseitig an der Ent- 
faltung hindern. Prätention scheint ja in Fülle vorhanden zu 
sein, überall, an allen Ecken und Enden, keimt eine junge 
Manierirtheit, wie sie bis nun keine zweite Literaturbewegung 
hervorgebracht hat: wenn jetzt auch noch Begabung hinzu- 
kommen sollte, werden wir jungen Oesterreicher getrost das 
Ausland in die Schranken fordern können. 

Bis heute war in diesen Kreisen eine affectirte Be- 
ziehung zur Kunst vorgeschrieben, und das eigenartige 
Können der Jungwiener Dichter besteht darin, dass sie ein 
grosses Interesse für lebemännische Allüren an den Tag 
legen, dass sie imstande sind, von den Eindrücken eines Ronacher- 
Abends durch Wochen zu zehren, die Komik eines Clowns mit 
Behagen zu gemessen und bei jedesmaligem Zusammensein die 
ältesten Anekdoten auszutauschen. Derselbe Geist, wenn er 
aus solcher Lebensfülle in beschauliches Alleinsein flieht, 
findet Stimmungstrost in dem Gedanken an die »stillen 
Gassen am Sonntag-Nachmittag« und an das »unsäglich 
traurige Praterwirthshaus an Wochentagen«, — immer 
wiederkehrende sentimentale Wahnvorstellungen, die diesen 



70 KRAUS. 

rührend engen Horizont ausfüllen. Auch haben sie in Wien 
einige Oertlichkeiten gepachtet; in die sie ihre ganze eigene 
Empfindungswelt einspinnen. So müssen die Fischerstiege, 
der Heiligenkreuzerhof, die Votivkirche und die Karlskirche 
ihren Bedarf an Stimmungen decken. »Die Karlskirche gehört 
mirif rief einer eines Tages, da der Tisch nachbar sie ihm 
streitig machen wollte. Als Letzterer sich mit dem Wien- 
ufer zufrieden gab, war der Grenzstreit der Stimmungen 
friedlich beigelegt. 

Der am tiefsten in diese Seichtigkeit taucht und am 
vollsten in dieser Leere aufgeht, der Dichter, der das 
Vorstadtmädel burgtheaterfahig machte, hat sich in über- 
lauter Umgebung eine ruhige Bescheidenheit des Grössen- 
wahnes zu bewahren gewusst. Zu gutmüthig, um einem Pro- 
blem nahetreten zu können, hat er sich ein- für allemal eine 
kleine Welt von Lebemännern und Grisetten zurechtgezim- 
mert, um nur zuweilen aus diesen Niederungen zu falscher 
Tragik emporzusteigen. Wenn dann so etwas wie Tod vor- 
kommt, — bitte nicht zu erschrecken, die Pistolen sind mit 
Temperamentlosigkeit geladen: »Sterben c ist nichts, aber 
leben und nicht sehen .... 1 

Nicht um Leben aufzunehmen, treten diese Nachempfin- 
der dann und wann aus dem Schneckengehäuse ihres angeb- 
lichen Ich heraus, nur um dessen coquette Windungen an- 
dächtig zu betrachten. Ein an französischen Vorbildern ge- 
übter Formensinn lässt sie an der dekorativen Ausgestaltung 
ihrer nächsten Umgebung, ja der eigenen Person ein naives 
Vergnügen finden. Da ist ein Schriftsteller, der so grosse 
Erfolge auf dem Gebiete der Mode aufzuweisen hat, dass er 
sich getrost in eine Concurrenz mit der schönsten Leserin 
einlassen kann. Diesem Autor, der seit Jahren an der dritten 
Zeile einer Novelle arbeitet, weil er jedes Wort in mehreren 
Toiletten überlegt, liefert ein persischer Tuchfabrikant die 
besten StoflFe. Mit eisernem Fleisse schafft er an seiner 
Kleidung und feilt sie bis in das feinste und subtilste Detail ; 
seine Hemden verblüffen, und da er sehr productiv ist, lässt 
er exotische Muster in rascher Abwechslung aufeinander folgen. 
Stets auf Schönheit und möglichste Exactheit einer jeden 
Pose bedacht, versteht er Alles um sich herum zu ge- 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 71 

schmackvoUer Wirkung zu vereinigen, indem er beispiels- 
weise nur mit solchen jungen Leuten verkehrt, deren Anzug 
zu dem jeweiligen seinen passt, und er geht dann in der so 
hergestellten Harmonie der Freundschaft seelisch ganz auf. 
Ein gut gelegter Faltenwurf ist ihm Erlebniss, und wenn er 
spricht, wendet er peinliche Sorgfalt daran, seine Oberlippe 
decorativ zu verwerthen. So drapirt er sich selbst sein Milieu 
und tapeziert sich gemächlich sein Leben aus. 

In seinem Kreise hat er einen sehr heiklen Dienst zu 
versehen. Seine Aufgabe ist es, den Toilettezustand jedes 
ankommenden Literaten zu visitiren und allfallige Correcturen 
vorzunehmen. Das gelingt unserem Dichter oft mit ein paar 
charakteristischen Strichen. Hier ist er gerade damit be- 
schäftigt, selbst die letzte Hand anzulegen, dort ertheilt er 
zweckmässige Weisungen, gibt einschlägige Winke und prak- 
tische Rathschläge ; hier ergänzt er die fragmentarische Schön- 
heit einer Bicycledress, dort spricht er durch einen vorwurfs- 
vollen Blick die Unmöglichkeit eines ganzen Hosenstoffes aus. 
Sein prägnanter Tadel: »Das wird sich nicht halten.« oder: 
»Das trägt man nicht mehr.« oder: »Mit Ihnen kann man nicht 
gehen.«; sein bündiges Lob: »Das kann so bleiben.« Und 
man mag sich diese Kritik ruhig gefallen lassen, da unser 
Dichter selbst der Natur gegenüber mit ähnlichen Be- 
merkungen nicht zurückhaltend ist, indem er sich beim An- 
blick einer Landschaft schon wiederholt geäussert haben soll : 
»Das müsste etwas stylisirt werden 1« und nur selten das Lob 
spendet: »Das kann so bleiben.« 

Dieser Dichter nun geht in seinen Bestrebungen so 
weit, dass er von der eigenen Umgebung nicht mehr ver- 
standen wird. Dem Gedankenfluge seiner polychromen Gilets 
vermögen die Kleinen mit ihren unbedeutenden Hemden nicht 
zu folgen. So hat er das Leid des einsamen Menschen zu 
tragen, und es erfüllt mit ehrfurchtsvollem Schauer, wenn 
man den von seiner Zeit nicht erfassten Geist in seiner 
Zurückgezogenheit belauscht. Von Allen weiss er sich am 
längsten mit sich selbst zu beschäftigen, auf sich zu con- 
centriren. Ferne dem lärmenden Treiben, sitzt er stunden- 
lang vor dem Spiegel: — enfin seul mit seiner Cravatte! — 
Aber auch er wird sich durchsetzen, und in gerechter 



72 KRAUS. 

Würdigung seiner Verdienste wird es von ihm einmal 
heissen : 

»Er war ein Dichter, der sich nicht nach der Schablone 
anzog, eine eigenartige Begabung, die sich noch in der durch- 
aus selbstständigen Form der Stiefletten äusserte. Dieser 
sensitiven Natur ist ein falscher, nicht am Hemd an- 
genähter Kragen stets stimmungswidrig gewesen. Seiner 
scharfen Beobachtungsgabe, die noch durch ein feingeschlif- 
fenes Monocle verstärkt war, entging kein Toilettefehler, 
und die Empfindungen, die in ihm eine chike Cravatte her- 
vorzurufen wusste, vermochte ihm ein Taschentuch, das zu 
weit aus der Rocktasche heraushing, sogleich wieder zu zer- 
stören. Die intensivsten Stimmungen, die originellsten Ge- 
danken, welche Anderen zu literarischen Erfolgen ver- 
holfen hätten, er hatte sie in seinen schonen Gürteln an- 
gelegt. Dieser Dichter war eine Individualität. Gott schütze 
uns Vor seinen Epigonen Ic 



PETER ALTENBERG. 

Eine Studie.*) 

Peter Altenberg lehnt an einer Säule und träumt : »Mit dir, 
Edle, Wunderbare, in einer lieben, häuslichen Stube zu sitzen 
und über die Enttäuschungen des Lebens zu sprechen, über 
den Sommer und über den Herbst, über die Kinderseelen 
und die Dichterseelen! In stiller sanfter Begeisterung zu 
sagen: Ich liebe die japanische Kunst und ihre Vögel, ihre 
Blumen, ihre Farben, ich liebe die Buchenwälder im October, 
die weissen Carrara-Nymphen des Gustav Eberlein, die christ- 
liche Begeisterung des Leo Tolstoi und die Musikgedanken 
des Parsifal.« 

Das ist die Natur, das ist die Kunst, die Peter Alten- 
berg begeistern. Und konnte er so lieben, konnte er so ver- 
zückt schwärmen, wenn nicht in jedem dieser scheinbar so 
heterogenen BegrifiFe auch sein »Ichc schlummern würde? Denn 
wir lieben in Natur und Kunst doch immer und immer nur 
unser eigenes Ich, suchen nur uns, wenn wir uns scheinbar ent- 
fliehen wollen, und können erst dann verstehen und geniessen, 
wenn wir unser Ich entdeckt haben, unser Ich, wie es ist 
und wie wir's in heimlichem Sehnen erträumen. Schier un- 
glaublich dünkt es freilich : das selbe Ich hallt aus dem hoch- 
heilig-übersinnlichen Feierklange der Gralsglocken, lächelt 
von den lockenden Lippen weisser, graziöser Nymphen, betet 
mit dem keuschen, gütig-strengen Russenapostel und blüht 
doch wieder in der zart hingehauchten, flüchtig-scheuen Kunst 
der Japaner Hiroshige und Outamaro. Schier unglaublich 
dünkt es, und doch — dies Alles steckt in dem eigenartigen 
Buche, — das und auch die Kinderseelen und die Buchenwälder 
im October. Das ist die Natur und die Kunst, in denen er 
sich findet, und die ihn darum begeistern, und — doch todt 
und leer, schal und verächtlich däucht ihm Alles, nichtiger 



*) »Wie ich es sehe.« Verlag S. Fischer, Berlin. 



74 SCHÄFFER. 

Tand ist es, wenn er nicht in lieber häuslicher Stube mit ihr 
darüber Gedanken tauschen kann, mit ihr, die eine Sonnen- 
mission zu erfüllen hat, mit ihr, der Edlen, Wunderbaren, 
der Königin — mit dem Weibe. 

In der Welt, wie sie Peter Altenberg sieht, herrscht 
das Weib. Als strahlende Königin gebietet sie auf blinkendem 
Thron, mit hellem Purpur angethan, und Peter Altenberg 
ist ihr demüthiger Ritter und stolzer Troubadour, der ihr 
festliche Weisen jubelt, bald wild-jauchzende, heisse Dithy- 
ramben, und bald sind es leise, zärtlich kosende Klänge, die 
wie bleiche Mädchenhände streichen. Und an dem prunkenden 
Altar, auf dem er seine duftenden Liederblumen dem Weibe 
huldigend opfert, da betet er: »Nicht was ihr seid, seid ihr! 
Doch was wir dichten, dichtet ihr in uns I So seid ihr unsere 
Dichter, unsere Dichtung, der Lieder Sänger und das Lied 
zugleich!! 

Königin ist das Weib. Aber eine Königin, vor der man 
huldigend das Knie beugt, vor der knien zu dürfen allein 
schon Glück und Seligkeit bedeutet, solch eine Königin muss 
zu allererst schön sein. Gleich milden und gütigen Sonnen 
müssen ihre Augen strahlen, weiss wie Jasmin sollen die 
schlanken Hände sein, und jede, auch die leiseste Bewegung 
muss von einem stolzen Adel zeugen, der aus Hellas lichten 
Fluren stammt. Weib und Schönheit ist eines; so lautet der 
erste Satz seines künstlerischen Evangeliums, und der zweite 
heisst: Jeder schöne Körper birgt eine königliche Seele. Darum 
darf er eine Dirne beim Speisen bedienen wie der Leibjäger 
den König, und durch die dumpfe Kammer weht es wie ein 
Hauch von Griechenthum, und darum kann er Lisabeta einen 
Stiefel nachwerfen. »Warum thaten Sie esPc forscht eine 
Socialdemokratin. »Hat sie Grazie?« fragt er bitter zurück . . . 

Königin ist das Weib, und darum darf es grausam sein, 
und Peter Altenberg bewundert Grausamkeit, so lange sie 
Majestät athmet; aber wehe dem Weibe, dessen Locken die 
gleissende Krone entglitt. Ein Beispiel: »Liebe Minnie,« bittet 
er, »bringen Sie mir doch . . .« — »Bin ich Ihr Dienstbote?! 
Sie sind komisch . . .« Die Schwester stellt Minnie wegen 
ihrer Hoffartigkeit zur Rede. »Wann denn soll ich es?!« er- 
widert Minnie, »vielleicht wenn ich alt und schiech bin?!« 



PETER ALTENBERG. 75 

Und schaudernd vernimmt er die grossen, tonenden Laute, 
die Fanfaren einer Konigin des Lebens und fühlt: »Minnie! 
Eure königliche Hoheit I Königin Hermine! Königin über 
das Leben, König Frühling, König Kraft I< Er schickt ihr 
Mandarinen als Geschenk, sie sendet die Schalen zurück, und 

er freut sich ihres königlichen Trotzes. Nach langer 

Zeit schickt er wieder Mandarinen, und sie schreibt einen 
demüthigen Dankesbrief. Da ist er entzaubert und fühlt: 
»Minnie, Ladenmädchen lc Und antwortet ihr mit brutalem 
Hohn: »Sie, Minnchen, Sie Kleine, Dumme, Junge, wissen 
Sie, Sie waren eine freche, ungezogene Gans,€ und schmerz- 
lich-stolz zeichnet er: »ein König«. 

Einmal wirft er eine kurze Frage hin: »Gehört die Alm- 
wiese dem Hiasl, der sie bewirthschaftet ? ! Sie gehört dem 
Wanderer, der sie empfindet !« Hiasl ist der Gatte, die Alm- 
wiese seine Frau und Peter Altenberg der Wanderer, der 
sie empfindet. Monsieur le mari spielt bei ihm nicht gerade 
eine dankbare Rolle. Seine Ehemänner gleichen ein bischen 
den Museumsdienern, die gar streng darüber wachen, dass 
keine frevle Hand die schimmernden Schätze berühre, die 
man ihrer Obhut anvertraut; aber dem Künstler, der die Säle 
durchwandert, können sie es doch nicht wehren, all die frohe 
Schönheit lechzend in seine Seele zu trinken, während sie 
selbst, die pflichtgetreuen Beamten, mürrisch und verdriess- 
lich in der Ecke hockend, an der glitzernden und leuchtenden 
Pracht vorbei gedankenlos in die Luft starren. 

Freilich, auch die Frauen Altenberg's haben trotz ihrer 
Vollkommenheit einen Fehler, aber sie theilen ihn mit allen 
Geisteskindern stark subjectiver Väter — sie gleichen einander 
allzu sehr, denn wie überall sucht Peter Altenberg auch bei 
den Frauen sein Ich. Aber trotz dieser ausgeprägten Sub- 
jectivität hat Peter Altenberg sich doch ein helles Auge 
bewahrt, da^ zu erspähen, was nicht sein Ich ist, und darum 
hat er manch tiefen verstehenden Blick gethan in jenen 
lockenden, unergründlichen Abgrund, den wir Frauenseele 
heissen, und Laura Marholm wird den bleichen, nervösen 
Modernen in einer neuen Auflage ihres Buches »Wir Frauen 
und unsere Dichter« wohl nicht gut auslassen können. 

6* 



76 SCHÄFFER. 

Anbetung des Weibes ist das Thema des Altenberg- 
schen Buches ; in der Art aber, wie er's behandelt und aus- 
spinnt, kurz, in seiner Technik zeigt sich das Studium der 
japanischen Maler, von denen er ja oft genug spricht und 
deren Farben und Linien er in Worte umsetzt. Mit ihnen 
theilt er die Scheu vor allem Componirten, auf Rahmen- und 
Bildwirkung Berechneten, die Angst, dem Verstehenden zu 
viel zu sagen und dadurch sein Feingefühl zu beleidigen; 
von den Japanern hat Altenberg gelernt, in der knappsten 
und präcisesten Form sich auszudrücken, die Dinge vom 
Geist der Schwere zu befreien und nur den Duft, den süssen, 
schönen Duft zu bringen. Diese japanische Art zu compo- 
niren oder besser nicht zu componiren, tritt zu allererst 
in der Gesammtanlage jeder Skizze hervor und innerhalb 
jeder einzelnen wieder besonders bei den Naturschilde- 
rungen. Denn sein Anschauen einer Landschaft ist das 
der grossen japanischen Künstler. Niemals verliert sich 
sein Schildern ins Detail, mit sicherem, scharfäugigem 
Blick fühlt er das Wesentliche, das der Landschaft und der 
Stimmung der Handlung zugleich Charakteristische heraus; nur 
dies bringt er von all den zahllosen Eindrücken, die in jeder Se- 
cunde das Auge bestürmen, nur dies bringt er und deutet alles 
Uebrige in matten Strichen nur oder überhaupt nicht an. 
Hier nun, in dieser japanischen Art, die Dinge anzuschauen, 
trifft er sich mit Knut Hamsun, dem grossen norwegischen 
Künstler, den man wohl in mehr als einer Hinsicht als Geistes- 
verwandten Altenberg's wird bezeichnen dürfen. Zu weit 
würde es mich führen, wollte ich an dieser Stelle eine ein- 
gehende Analyse der Landschaftsschilderungen Hamsun's 
und Altenberg's bieten; aber man vergleiche einmal die 
wundervollen Naturstimmungen in Hamsun's »Panc oder be- 
sonders den Anfang seines Romans »Neue Erde« mit irgend 
einer Skizze Altenberg' s, und man wird mich verstehen und 
vielleicht mir beistimmen. 

Damit aber ist die Reihe dessen, was ihm gemeinsam 
ist mit Knut Hamsun, noch nicht erschöpft. Altenberg's 
sclavisch-demüthige und doch dabei königlich- vornehme Art, 
vor schönen Frauen zu knien, an Hamsun's Helden finden 
wir sie wieder, an Lieutenant Thomas Glahn und an Nils 



PETER ALTENBERG. 77 

Nagel, dem räthselhaften Fremden in den »Mysterien c Und wie 
es in diesem leider viel zu wenig gewürdigten Roman Capitel 
gibt; die man, ohne den Gang der äusseren Handlung zu 
hemmen, ganz gut dem Buche entnehmen und als Studien 
über Tolstoi oder den BegrifiF des Genies verofiFentlichen 
konnte, so finden sich auch in Peter Altenberg's Buche 
einzelne Skizzen, die weder eine äussere noch eine innere 
Handlung berichten, aber doch als Commentar für das Ver- 
ständniss der anderen nothwendig sind; denn sie bieten in 
meisterhaft gedrängter Form den Extract seiner Welt- und 
Kunstanschauung. 

Was seine Kunstanschauung angeht, so weist sie manchen 
Berührungspunkt mit der Friedrich Nietzsche's auf. Wenn 
dieser verkündet: »Damit es Kunst gibt, damit es irgend ein 
ästhetisches Thun und Schauen gibt, dazu ist eine physio- 
logische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch«; 
und Altenberg sagt: »Alles tief vom Innersten heraus 
Lebendige hat seine Räusche, seine Exaltationen, seine Ex- 
centricitäten, seine Kindlichkeiten,« so fühlen Beide als grosse 
Künstler und damit auch — als Griechen. Doch bald 
scheiden sich ihre Wege. Mit schmerzlich- schrillem Hohn- 
gelächter wendet sich Zarathustra - Nietzsche vom Kreuze 
ab, an dessen Stamm Peter Altenberg niedersinkt; denn 
er betet in Christus den idealen Menschen an, und seine 
Liebe zu dem Gekreuzigten ist ihm die »Liebe zu uns selbst, 
zu unserem wahren, reinen, leidenschafterlosten Wesen«. 
Mit derselben Gluth aber bewundert er auch das Griechen- 
thum, die Materie, überwunden durch Schönheit 1 In Be- 
wegung geträumt, in Grazie verzaubert 1 Und so darf man 
sein Sehnen vielleicht in den scheinbar paradoxen BegrifF 
christliche Antike fassen: Christus mit dem Sonnenblick 
des fernhintreflfenden Apoll und Madonna, lächelnd wie 
Anadyomene, gebieten einer Welt der Liebe, die doch in all 
ihren Poren durchtränkt ist von leuchtendster, blühendster 
Sommerschönheit. 

Breslau. EMIL SCHÄFFER. 



KRITIK. 



BURGTHE A.TER. Ludwig 
Fulda: »Der Sohn des Kha- 
lifenc, dramatisches Märchen in 
vier Acten. 

Herr Fulda lässt wieder einmal 
die Könige in Unterhosen sehen: 
er ist der Dramatiker des kind- 
lichen Vergnügens, das noch 
mancher empfindet, wenn den 
Herren dieser Erde etwas Mensch- 
liches passirt. Die Bedenken gegen 
ein solches Entblössen der Historie 
werden bei Offenbach von einem 
Wirbelwind musikalischer Einfalle 
hinweggefegt; das Libretto des 
Herrn Fulda wird vom Orchester 
des Burgtheaters im Stiche gelassen. 
— Es ist eine groteske Zeiterschei- 
nung, dass die Speculation unserer 
seichtesten Köpfe sich auf revo- 
lutionäre Themen wirft, deren Burg- 
theaterfähigkeit ausser Frage steht. 
Fulda predigt das Evangelium 
der Nächstenliebe und unternimmt 
es, den tyrannischenUebermenschen, 
indem er ihm einen harmlosen Socia- 
lismus an die Seite stellt, zum mit- 
leidsvollen Menschen zu erziehen. 
Die wortspielerische Wandlung des 
Charakters ist nach dem dritten 
Acte vollzogen; der vierte bietet 
das Bild eines in Mystik sich ver- 
lierenden Librettisten. Dramatisch 
schwelgt Fulda in den Farben- 
resten, die er aus fremden Dichter- 
paletten gekratzt hat. »Der Sohn 
des Khalifenc setzt mit einer 



Parodie auf »Judith und Holo- 
fernesc ein und leitet mit Be- 
ziehung auf Calderon's Sigismund 
durch ein Motiv aus Ahasver und 
»Meister von Palmyrac zu sceni- 
sehen Anklängen an »Romeo und 
Julia €, »Tristan und Isolde c und 
» Winter märchen« hinüber. — Herr 
Fulda ist sich stets consequent ge- 
blieben ; es war dieselbe Flachheit, 
die ihn das Freiheitsbedürfniss der 
»Sclavin« verkünden hiess, die- 
selbe, die derartige moderne Be- 
strebungen in den »Kameraden« 
lächerlich machte. Im »Sohn des 
Khalifenc lässt er dem »Talis- 
man« wieder ein billiges Vexir- 
stück folgen, das feuilletonisti- 
sehe Erkenntnisse in glatte Vers- 
form kleidet. Dieser Königsfrozzler 
hat sich bereits in den Credit 
eines Revolutionärs gebracht ; dies- 
mal scheint er auf die Verweige- 
rung des Schiller-Preises hingear- 
beitet zu haben. — Den Helden, 
der verdammt ist, alle Leiden, die 
er seinen Nebenmenschen anthut, 
selbst zu fühlen, spielte Herr Rei- 
mers; er, der nicht fähig ist, 
eigenen Empfindungen schauspie- 
lerischen Ausdruck zu verleihen^ 
sollte nun auch die Seelenvorgänge 
der anderen durchleben. Den Sehn- 
suchtsschmerz seiner Geliebten blieb 
dieser Prinz schuldig, man glaubte 
ihm höchstens die Empfindung der 
Ohrfeige, die er seinem Knappen 



KRITIK. 



79 



verabreicht. Gibt es keinen Zauber- 
fluch, durch den Herr Fulda ver- 
halten werden könnte, das Stück 
an seinem eigenen Leibe zu spüren? 

Kr. 

K. K. Hof-Operntheater. 

»Der Chevalier d'HarmentaLc 
Komische Oper in 3 Acten nach 
dem Roman Alex. Dumas' von Paul 
Ferrier. Deutsch von Max Kal- 
beck. Musik von Andr6 Mes- 
sager. 

Der Librettist findet den Text 
zu seiner Oper komisch ; wir sehen 
nur, dass dieser einige effectvolle 
Scenen enthält und nach der ältesten 
Schablone gearbeitet ist: — im Mi- 
lieu die bekannte OpemverschwÖ- 
rung — der edle Baryton, der den 
hellen Sopran bloss wie ein Vater 
liebt — der glücklichere, ritter- 
liche erste Tenor im Ensemble der 
Verschwörer — der Brief der ver- 
storbenen Mutter, der im letzten 
Acte an die rechte Adresse gelangt. 
Daraus kann sich Jedermann 
selbst eine Opemhandlung zusam- 
menstellen. — Message r's Musik 
ist selbstverständlich, wie die aller 
modernen Componisten, stark von 
Wagner beeinflusst, dessen Grösse 
und Art von den Italienern gar 
nicht, von den Franzosen doch 
wenigstens theilweise mit Verstand- 
niss erfasst wird. Ausser Wagner 
sind Messager's Vorbilder Gounod 
und Massenet gewesen. Die für 
Gounod typischen Steigerungen fin- 
den wir ganz deutlich am Schlüsse 
der Liebesscene zwischen Bathilde 
und Raoul; in den beiden Chan- 
sons Roquefinette's und in dem 
Vallerala Buvat's scheint der Com- 
ponist einige ältere Volksweisen be- 
nützt zu haben. Im Allgemeinen ist 
Messager's Musik durchwegs ehr- 
liche, vornehme und gewissenhafte 



Arbeit, der sich auch bis zu einem 
gewissen Grade Esprit nicht ab- 
sprechen lässt. Messager hat immer 
das Bestreben, zu charakterisiren, 
die Begleitungsfiguren sind bis ins 
kleinste Detail sauber ausgeführt; 
zu grosser Wirkung kann er es 
jedoch nirgends bringen — es man- 
gelt ihm eben dazu das Mitreissende 
einer wirklich originellen Erfindung. 
»Der Chevalier d'Harmentalc hat 
bei seiner vorjährigen Pariser Pre- 
miere nicht durchzugreifen ver- 
mocht. Man hat dafür die dortigen 
Interpreten des Werkes verantwort- 
lich gemacht. Es ist nun begreif- 
lich, dass es den beim Publicum 
so beliebten Herrn Van Dyck ge- 
reizt hat, dem Werke lediglich 
durch seine Kunst einen Erfolg 
zu erringen, und dass er sich für 
die Aufführung der Oper seines 
Freundes einsetzte. Auch das 
Publicum hat sich Herr Van Dyck 
einigermassen verpflichtet; er ver- 
schafft ihm endlich in dieser Saison 
eine Novität. Die Direction, die 
einem Sänger so grossen Einfluss 
einräumt, gönnt sich also den 
Luxus, mit den wenigen guten 
Kräften, die sie besitzt, anderswo 
Abgelehntes aufzuführen. Sie ver- 
gisst dabei vollständig an ihre 
künstlerischen Pflichten, zu denen 
eine Aufführung des »Don Juan« 
und des »Fidelio« zweifellos gehört. 
— Von der nächsten Novität ist 
noch nichts bekannt geworden. 
Hoffentlich wird Herr Jahn, dem 
wir trotz seiner unglaublichen Fehl- 
grifle mehr musikalisches Verständ- 
niss zutrauen als Herrn Van Dyck, 
seine Wahl allein treffen. 

H, K—r. 

J. J. David. »Frühschein.« Ge- 
schichten vom Ausgange des 
grossen Krieges. Leipzig. Verlag 



8o 



KRITIK. 



von Georg Heinrich Meyer. 
1896. 

Von J. J. David, dem Autor 
des » Höferechtes c und des Ro- 
manes »Blute, ist eben, überaus 
reizend ausgestattet, nach längerer 
Pause ein neuer Novellenband er- 
schienen. Was die vier Erzählungen 
des Buches verbindet, ist das ge- 
meinsame locale Colorit, der be- 
deutende Hintergrund des dreissig- 
jährigen Krieges. Man kennt 
die Art dieses Novellisten. Man 
weiss, dass er lieber meisselt 
als malt, dass er lieber wuchtige 
und herbe als gefallige Stoffe in 
harter, gedrungener Form behandelt 
Man fühlt sich endlich von seiner 
dunklen und schweren Welt- 
betrachtung und dem Zuge 
persönlicher Verbitterung, der 
ihm eigen, vielfach nicht eben 
sympathisch berührt; so wird es 
Niemanden wundern, dass die 
weiche, empfindliche Grazie unserer 



Kunst an dieser eckig-schroffen 
Persönlichkeit oll: anstösst, mit der 
man sich befreunden oder welcher 
man offen entgegen sein muss. 
Daneben aber — jenseits des Ge- 
bietes persönlicher Sympathien — 
wird es ihm stets unvergessen 
bleiben: dass er in seinen Er- 
zählungen eine Reihe wirklicher 
Menschen hingestellt, und dass er 
Lieder von tiefer und warmer 
Seele und bleibender Schönheit 
geschaffen hat. Liebhaber seiner 
Richtung werden das neue Buch 
mit Freude, wenn auch nicht mit 
Heiterkeit empfangen, und der 
lichtere Ausblick, der sich darin 
bei allen Eigenheiten seiner auch 
hier bewahrten Herbheit eröffnet, 
mag zu dem vielleicht bewusst 
angedeuteten Wunsche Veranlassung 
geben, dass die Bezeichnung des 
Buches für das fernere Wirken 
David's symbolisch werde! w. 



Heraiisflrebor ttnd verantwortlicher Redactear: Rudolf Strauis. 
Ch. Reiuer & M. Wertbaer, Wien. 



^iener J^undschau 



15. DECEMBEB, 1896. 

KIND GOTTES. 

Skizze von MARIA JANITSCHEK (Berlin). 

Es war im Lüneburger Haideland. 

Weit wölbte sich der Himmel über dem braunrothen 
Boden wie eine ungeheuere, schützend ausgebreitete Hand. 
Dunkelgrüne Eschengruppen, die hie und da die einförmige 
Fläche unterbrachen, verbargen in ihren Schatten kleine, 
wunderliche, strohgedeckte Häuser. Vor diesen Gelassen, 
die man kaum Nachbarhäuser nennen konnte, weil sie so 
weit von einander entfernt lagen, sass die Einsamkeit und 
spielte auf unsichtbarer Laute ihr grosses geheimnissvolles 
Lied. Die rüstigen Arbeiter in der Mitte des Lebens, die 
zusehen mussten, Kisten und Truhen zu füllen, und gruben 
und harkten und schnitten, hatten nicht Müsse, darauf zu 
lauschen. Aber die Greise und Kinder, die unthätig vor den 
Hütten Sassen, die vernahmen es und bogen die Kopfe vor 
wie Horchende und verloren ihre Seelen in der Unermess- 
lichkeit dieses Himmels. 

Eine dieser weltfernen Niederlassungen beherbergte 
nebst einer bejahrten Familie, deren Kinder schon längst 
ausgeflogen waren, eine Frau und einen Knaben. Er war 
nicht ihr eigener; sie hatte ihn angenommen, damit sie einen 
Sohn und er eine Mutter habe. Später merkte sie, dass sie 
ihn doch nicht so lieb haben konnte, wie sie es gewünscht 
hätte. 

Um sich aber immer zu erinnern, dass er, der Vater - 
und Mutterlose, besonderer Güte und Sorgfalt verdiene, rief 
sie ihn statt nach seinem Namen: Kind Gottes. 



82 , JANITSCHEK. 

In seinem dritten Jahre erkrankte der Junge. Er verlor 
sein pralles Kindergesicht und erhielt sonderbare alte Züge. 
Auch sein körperliches Gewicht nahm ab. Ein Doctor^ den 
die Frau einmal von weit her holte, meinte, indem er den 
Knaben betrachtete, er hätte wohl die > Auszehrung c So 
glänzende, kluge Augen mit allerlei Geheimnissvollem darin 
bekämen die Kinder, die an der Auszehrung stürben. Und 
sie solle ihn nur ruhig liegen lassen und hübsch warm 
halten, weiter gäbe es da nichts zu thun. 

Sie Hess ihn ruhig, ganz ruhig in der kleinen Kammer 
liegen, stellte ihm ein Schüsselchen Milch ans Bett und ging 
ihrer Arbeit nach. 

Er weinte nicht, wurde nicht ungeduldig. Er. sah mit 
seinen grossen, glänzenden Augen immer aufs Fenster. 
Eigentlich sah er da nicht viel, denn die dichtbelaubten 
Bäume Hessen nicht das kleinste Stück Himmel sichtbar 
werden. Manchmal kam eine Biene oder ein Schmetterling 
hereingeflogen, oder ein Vogel sang in leisen Flüstertonen 
draussen im heimlichen Laubgezweig von etwas Wunder- 
süssem, das in der Welt war. . . . Dann lächelte der Junge. 
Er wurde alle Tage wissender und klüger und bekam hell- 
sehende Augen. Und sein kleines Herz begann mit jeder 
Stunde schneller und schneller zu klopfen. 

Eines Tages stand die Frau lange vor seinem Bette 
und sah ihn an. Er wollte ihr gar nicht mehr gefallen. Aus 
seinen strahlenden Augen schienen Engel zu lachen, und im 
Zimmer rauschte es wie nahende Gewände. Aber sie konnte 
nicht bei dem kleinen Kranken bleiben. Es war Spätherbst, 
und die letzten Kartoffeln mussten ausgenommen werden. 
Sie deckte das Kind gut zu, dass kein Luftzug und kein 
Lichtstrahl sein kleines, heisses Gesicht berühren konnte, 
dann entfernte sie sich seufzend. 

Draussen traf sie den alten Schäfer. 

Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. 

>Wenn Ihr 'mal vorbeikommt, seht doch nach dem 
Jungen. Ich bliebe gern bei ihm, aber ich kann nicht, ich 
muss aufs Feld.c 

Der Alte versprach es. Dann und wann, wenn seine 
Schafe in der Nähe grasten, öffnete er die niedere Stuben- 



•♦ * 



KIND GOTTES. 83 

thür und trat in die Kammer zu dem kranken Kinde. JDer 
Kleine sah ihm freundlich entgegen. Er freute sich, dass 
Jemand zu ihm kam. Er begann mit fieberhaftem Eifer 
allerlei Fragen an den Alten zu stellen. Der kauerte sich 
auf dem Bettrand nieder, stopfte sich seine Pfeife und 
dampfte und erzählte. Er war vor einem halben Jahrhundert 
Soldat gewesen und hatte allerlei durchgemacht. Wohl an 
tausendmale hatte er alle seine Erlebnisse und Abenteuer 
Freunden und Bekannten im Krug erzählt; zuletzt mochten 
sie's nicht mehr hören. 

Da schwieg er denn und steckte die Pfeife zwischen 
die Lippen. Jahre waren dahingegangen, seit er mit den 
Schafen auf die einsamen Halden zog und mit fast Nie- 
mandem mehr sprach. Nun begehrte ihn plötzlich Einer zu 
hören. Er suchte in den entlegensten Ecken seines alten 
Gedächtnisses und entdeckte allerlei Seltsames. Er wusste 
nicht mehr, hatte er es erlebt oder nur geträumt. Aber er 
erzählte. Von langen Wanderungen an der See und übers 
Hochgebirge erzählte er, von schnaubenden Rossen, die über 
Leichen hinwegjagten, von schönen jungen Kriegern mit 
wehenden Federbüschen. Und der Knabe lauschte mit halb- 
geöffneten Lippen und grossen, leuchtenden Augen. 

Einmal sagte er: >Sarne, was ist das ein Hochgebirge ?c 
Der alte Schäfer sah vor sich hin und meinte dann langsam: 
>Das sind Berge, die mitten in den Himmel hineinragen 
und an denen die Wolken sich spiessen, wenn sie drüber 
hinweggleiten wollen, c 

Mitten in den Himmel hinein! An diesem Nachmittag 
^sprach der Junge kein Wort mehr. 

Auch hörte er kaum, was der Alte ihm noch Alles er- 
zählte. Er sah immer mit seinen grossen Augen auf die 
kahle weisse Wand seinem Bette gegenüber. Abends, als die 
Pflegemutter zurückkehrte, sagte er: ^Du Mutter, ich roocht' 
wohl ein Hochgebirge sehen, c Die Frau sah ihn bekümmert 
an. Er phantasirte. Nun würde er wohl bald sterben. »Das 
Hochgebirge kann keiner von uns hier sehen,« sagte sie 
und ging an ihren Herd. Der kleine Kranke murmelte still 
vor sich hin: »Warum nur nicht, warum nur nicht?« Er 
glaubte es nicht, dass man etwas, das man sehen wollte, 

7* 



84 JANITSCHEK. 

nicht sehen konnte. In der Nacht träumte er wunderliche 
Träume und redete im Schlaf. 

Einmal sagte Sarne zu der Frau: »Warum nimmst du 
ihn denn nicht mit aufs Feld ? Sterben muss er ja doch bald. 
Im Flur steht der kleine hölzerne Wagen, mit dem er früher 
immer gespielt hat. Setz' ihn da hinein und nimm ihn einmal 
mit dir. Er ist ja jetzt so klein und leicht geworden und 
geht gewiss in das Wäglein. c 

Die Frau in ihrer weiblichen Zaghaftigkeit wagte nichts 
Sarne's Rath zu befolgen. 

Da einmal, als sie wieder draussen war, nahm der 
Schäfer das Kind, wickelte es gut in eine Decke ein, setzte 
es in das Wäglein und schob es hinaus ins Freie. 

Der Kleine jauchzte vor Lust. Seine Augen wurden 
noch einmal so gross und weit. Aber plötzlich verstummte 
sein Jubel. Ringsum die unermessliche Haide mit ihrem 
braunrothen Boden. Im Westen aber, was war das? Seine 
Blicke starrten wie trunken auf das Bild. 

Ein zerklüftetes, wild übereinander gethürmtes Gebirge 
scheint dort aus der Erde gewachsen zu sein. Seine Zacken 
und Zinnen brennen feurig, als ob sie sich an der Sonne 
entzündet hätten, indess das Massiv tief unten in dunkel- 
blauen Tinten leuchtet. 

»Da ist es ja,€ stammelt der Junge und deutet mit 
dem Finger hinüber, »da ist es ja, Hochgebirge, Hoch- 
gebirge ! . . . Ich möchte wohl dort hin können, aber es ist weit, 
weit. . . vielleicht gar schon auf einem andern Welttheil.« . . . 
Der Schäfer blickt auf die lohende Wolkenwand und spricht 
kein Wort. 

Später Hess sich das Kind ruhig nach Hause fahren. 
Ein leises triumphirendes Lächeln lag um seine Lippen. Es 
hatte gesehen, was es ersehnte. 

Etliche Tage später — sie konnten nicht aufs Feld 
hinaus, weil ein gewaltiger Sturm draussen brauste — er- 
zählte Sarne von einer grossen Schlacht und den tapferen 
Generälen und dem König, wie er ihm, dem Schäfer Sarne,. 
die Hand geschüttelt und ihm gedankt habe, dass er mit- 



KIND GOTTES. 85 

geholfen, das Vaterland zu retten. Der kleine Kranke legte 
sein Händchen auf den Arm des Erzählers. 

»Du, was ist denn das ein Konig ?c 

>Ein König ist ganz voll goldener Sterne, und auf dem 
Haupt trägt er eine Goldkrone, c Und der Alte setzte noch 
allerlei Wunderliches hinzu. 

Als die Mutter heimkam, sagte der Junge zu ihr: »Ich 
möchte wohl einen König sehen, c Sie legte die Hand auf 
seine brennende Stirne. 

Er schob sie sanft von sich. »Du, kannst du mir keinen 
König zeigen? Ich möchte so gerne einen sehen. c Die Frau 
sagte ruhig: »Ich will dir Zucker in die Milch thun. Könige 
gibt's nicht in unserer Gegend, c Nun stirbt er sicher bald, 
dachte sie traurig, und ein Stück Zucker mehr oder weniger 
macht nichts aus. 

Und sie reichte ihm die süsse Milch hin. 

Er wies sie fort und lächelte heimlich. 

Dann kam die Nacht. Die Frau, müde von der ange- 
strengten Arbeit, schlief immer sehr fest und hörte nichts 
im Schlaf. 

Mitten in der Nacht warf sich der Sturm auf den 
morschen Fensterriegel und öffnete ihn. Die Fensterflügel 
gingen beide auf. Von den Bäumen waren die letzten Blätter 
abgefallen, und der ganze grosse Himmel war sichtbar. Der 
Knabe, den das Geräusch aufgeweckt hatte, sah voll seligem 
Grauen hinaus. Ein volles goldenes Gesicht blickte durch 
die kahlen Baumäste herein und überfluthete mit seiner Helle 
die ärmliche Kammer. 

»Der König, € lispelte das Kind und faltete die Hände. 
»Der König, der König. Ob er auch die Sterne hat?c Und 
es setzte sich spähend im Bette auf und sah in den Himmel. 
Und da sah es die tausend und abertausend Sterne des Königs 
und lachte entzückt . . . 

Am Morgen schloss die Frau voll Erschrecken das 
Fenster. Dass sie das nicht gemerkt hatte! Nun würde sich 
der Junge wohl zu Tode erkältet haben. Sie legte ihm still 
abbittend die Hand auf den Kopf. Kind Gottes I Kind Gottes 1 



86 JANITSCHEK. 

Als der Schäfer das nächstemal eintrat, lächelte ihm der 
Knabe entgegen. >Du, ich hab' den König gesehen. Er war 
in der Nacht bei mir. Er roch so kühl und tropfte ganz von 
Gold. Und seine Sterne habe ich nicht zählen können. c Der 
Schäfer nickte. »Kann wohl sein, kann wohl sein.c 

Dann vermengten sich in seinem alten Gedächtniss 
Traum und Wirklichkeit, und er begann zu erzählen. 

Natürlich stand er wieder auf dem Schlachtfeld. Wo 
die Engel Gottes, die barmherzigen Schwestern, den Ver- 
wundeten und Sterbenden Linderung brachten. Wo sie ihnen 
mit weissen zarten Händen die rothen Wunden auswuschen 
und das Kreuz auf die Lippen legten . . . Diese gnädige, 
grosse Liebe! O, manch eine Mutter sei vor einer dieser 
schlichten, schwarzgekleideten Gestalten hingekniet und habe 
ihre Hände geküsst. Ja, im Kriege da ginge sie umher, 
suchend, immer suchend: die Liebe. Und sie fände auch 
genug, überreichlich fände sie . . . 

Der Knabe hielt den Athem an. »Was ist denn die 
Liebe?« 

»Ja, ja,« wiederholte der Schäfer wie geistesabwesend 
und versank in Brüten. 

Aber der Junge Hess nicht nach. Immerfort murmelte 
er: »Liebe, Liebe! Du, wo ist sie denn? Wie sieht sie denn 
aus? Trägt sie auch eine goldene Krone wie ein König?« 

Sarne schüttelte nur immer den Kopf, er wusste nichts 
zu entgegnen. Er hatte vergessen, wovon er gesprochen, und 
das Wort des Kindes schlug wie ein fremder Laut an sein Ohr. 

Der Knabe aber beharrte bei seiner Frage. »Du, sag' 
doch, was ist das: Liebe?« flüsterte er, die Hand seiner Pflege- 
mutter ergreifend. 

Die Frau stutzte, sah ihn gross an und wandte sich 
dann ab, um die Thränen zu verbergen, die ihr in die Augen 
traten. Sie blieb die Antwort schuldig. 

Doch der Junge hatte das aufsteigende Nass in ihren 
Augen bemerkt. Noch niemals hatte er die harte ernste Frau 
weinen gesehen. Was mochte wohl dieses Wort bedeuten? 
Seine Augen bohrten sich sinnend in das blässliche Firma- 
ment, das zum Fenster hereinsah. Und er erinnerte sich einer 



KIND GOTTES.»;^ 87 

merkwürdigeu Geschichte; die der alte Schäfer ihm einstmals 
erzählt hatte. 

Es kam ein Geheimniss in ihr vor, das kein Mensch 
auflosen koiii!te. In dem Kopfe des Kindes begannen die 
wunderlichsten Vorstellungen zu erwachen. Auf Alles, was 
ihn bewegte, hatte er noch Aufklärung erhalten, warum 
gerade über dies nicht? Warum hatte die Mutter zu weinen 
und der Alte zu schweigen begonnen, als er es aussprach? 

Liebe! Liebe! 

In der Nacht erwachte er plötzlich und setzte sich auf. 
Es war ihm so wunderlich. Er hörte Glocken klingen, und 
der Athem wollte ihm schier vergehen vor dem Wehen der 
zahllosen weissen Flügel, die durchs Zimmer schwirrten. 

Wem gehörten sie alle diese schmalen, hohen, schneeigen 
Schwingen? Ein kühler Wind entsprang ihrer Bewegung. 
Das Kind schaute und schaute. Dann legte es die Hand auf 
die Schulter der schlafenden Mutter. »Warum läuten die 
Glocken ? Warum sind alle diese Flügel geöffnet ?€ Aber die 
Mutter gab keine Antwort, sie schlief weiter. Mit einemmale 
kniete der Knabe im Bette auf und breitete die Arme gegen 
etwas aus. »Das ist sie, das ist sie . . .c 

Die Frau fuhr erschreckt empor und sah ihn lächelnd 
zurücksinken. 

»Nimm ihn gnädig auf, Herr Jesu Christ,c sagte sie und 
faltete die Hände ... 



ALLAÖINE UND PALOMIDES. 
Ein kleines Drama für Marionetten von MAURICE MAETERLINCK. 

Autorisirte Uebcrsetzung von Marie Lang. 



III. ACT. 

I. Scene. 

Ein Gemach im Palaste. 

Ablamore. Astolaine verweilt auf der Schwelle einer halbgeöffneten Thüre des 

Saales. 

Astolaine. 

Mein Vater, ich bin gekommen, weil eine Stimme, der 
ich nicht mehr widerstehen kann, es mir gebietet. Ich habe 
Euch gesagt, was in meiner Seele vorgegangen ist, als ich 
Palomides begegnet bin. Er glich nicht den anderen Men- 
schen . . . Heute komme ich, Euch um Euere Hilfe zu bitten . . . 
Denn ich weiss nicht, was ich ihm sagen soll . . . Ich habe 
erkannt, dass ich nicht lieben konnte ... Er ist derselbe 
geblieben, und ich allein habe mich geändert, oder ich habe 
nicht verstanden . . . Und da es mir unmöglich ist, ihn, den 
ich unter Allen erwählt hatte, zu lieben, wie ich es geträumt, 
so muss mein Herz wohl all dem verschlossen sein . . . Ich 
weiss es heute . . . Ich will mich nicht mehr nach der Liebe 
hinwenden und Ihr sollt mich an Euerer Seite leben sehen 
ohne Trauer und ohne Unruhe . . . Ich fiihle, dass ich glück- 
lich sein werde . . . 

Ablamore. 

Komm' zu mir, Astolaine. So pflegtest du früher nicht 
mit deinem Vater zu sprechen. Du wartest dort auf der 



ALLADINE UND PALOMIDES. 89 

Schwelle einer halbgeöfifneten Thüre, als wärest du bereit, 
zu fliehen; und mit der Hand auf dem Schloss, als wolltest 
du mir für immer das Geheimniss deines Herzens verschliessen. 
Du weisst doch, dass ich nicht verstanden habe, was du eben 
gesagt, und dass Worte keinen Sinn haben, wenn die eine 
vSeele nicht im Bereiche der anderen ist. Komm' näher und 

sprich nicht weiter zu mir. (Astolaine nähert sich langsam.) Es gibt 

einen Augenblick, in dem die Seelen sich berühren und 
Alles wissen, ohne dass man nöthig hätte, die Lippen zu be- 
wegen. Komm' näher . . . Sie erreichen sich noch nicht, ihr 

Gebiet rings um uns ist so klein! . . . (Astolaine bleibt stehen.) 

Du wagst es nicht? — Auch du weisst, bis wie weit man gehen 

darf? So will ich kommen ... (Er nähert sich langsamen Schrittes Asto- 

lainen, bleibt dann stehen und betrachtet sie lange.) Ich sehe dich, Asto- 
laine . . . 

Astolaine. 

Mein Vater! . . . (Sie nmarmt schluchzend den Greis.) 

Ablamore. 
Du siehst wohl, dass es vergebens war . . . 



II. Scene. 

Ein 2immer im Palaste. 

Alladine und Palomides treten auf. 

Palomides. 

Alles wird morgen bereit sein. Wir können nicht länger 
warten. Er streicht wie ein Wahnwitziger durch die Gänge 
des Palastes ; vorhin begegnete ich ihm. Er blickte mich an, 
ohne ein Wort zu sagjen ; ich ging vorüber ; und als ich mich 
umwandte, sah ich, dass er heimtückisch lachte, indem er 
seine Schlüssel schüttelte. Als er sah, dass ich ihn anblickte, 
lächelte er und winkte mir freundschaftlich. Er muss irgend 
einen geheimen Plan haben, und wir sind in den Händen 
eines Herrn, dessen Vernunft zu schwinden beginnt .... 
Morgen sind wir weit . . . Dort gibt es wunderbare Länder, 



QO MAETERLINCK. * 

die dem de'inen gleichen .... Astolaine hat schon unsere 
Flucht und die meiner Schwestern vorbereitet . . . 



• ^ 



Alladine. 
Was hat sie dazu gesagt ? 

Palomides. 

Nichts, nichts . . . Du wirst Alles rings um das Schloss 
meines Vaters sehen, — nachdem du tagelang auf dem Meere 
und tagelang im Walde gereist bist — du wirst Seen und 
Berge erblicken . . . Nicht wie diese hier, unter einem Himmel, 
der dem Gewölbe einer Höhle gleicht mit dunkeln Bäumen, 
welche die Stürme tödten . . . aber einen Himmel, unter dem 
man nichts mehr fürchtet, Wälder in ewigem Frühling, 
Blumen, die nimmer verblühen. 

Alladine. 
Sie hat geweint? 

Palomides. 

Wonach fragst du da? Das ist eine Sache, von der zu 
reden wir nicht das Recht haben, hörst du ? ... Es ist dies 
ein Leben, das nicht zu unserem armen Leben gehört und 
dem die Liebe nur schweigend nahen darf . . . Wir stehen 
hier wie zwei zerlumpte Bettler, wenn ich daran denke . . . 
Geh'! gehM . . . Ich würde dir Dinge sagen . . . 

Alladine. 
Palomides . . . Was hast du? 

Palomides. 

GehM GehM . . . Ich habe Thränen gesehen, die von 
weiter her kamen als aus den Augen ... Es ist etwas An- 
deres ... Es kann indessen sein, dass wir Recht haben . . , 
Aber wie sehr bedauere ich, also Recht zu haben, mein 
Gott! . . . Geh' . . . ich werde dir morgen sagen . . . auf 
morgen . . . auf morgen . . . 

(Sie gehen getrennt hinaus.) 



ALLADINE UND PALOMIPES» QI 

IIL Scene. 

' Ein GaDg vor AUadinens Gemach. 

Astolaine nnd Palomidens Schwestern treten |uf. 

Astolaine. 

• 

Die Pferde warten im Walde, aber Palomides will nicht 
fliehen, während euer Leben und das seine in Gefahr i^t. Ich 
erkenne meinen armen Vater nicht mehr. Er hat eine fixe 
Idee, die seinen' Verstand verwirrt. Drei Tage sind es nun, 
dass ich ihm folge Schritt für Schritt, indem ich mich hinter 
Pfeilern und Mauern verberge, denn er duldet nicht, dass 
ihn Jemand begleitet. Heute wie die anderen Tage begann 
er, beim ersten Morgenschimmer durch die Gänge und Säle 
-des Palastes und längs der Gräben und Wälle umherzuirren, 
indem er grosse goldene Schlüssel schüttelte, die er anfertigen 
liess, und mit voller Stimme jenes sonderbare Lied sang, 
dessen Kehrreim: ^Fahrt hin . und folgt dem Gesicht,€ 
vielleicht bis in das Innere euerer Gemächer drang. Ich ver- 
barg euch bisher Alles, was vorgefallen, weil ich ohne Grund 
von diesen Dingen nicht sprechen will. Er muss AUadine in 
diesem Gemache eingesperrt haben, aber Niemand weiss, was 
er mit ihr gethan. Ich horchte jede Nacht, sobald er sich 
nur einen Augenblick entfernte, doch horte ich niemals 
irgend ein Geräusch im Zimmer . . . Hört ihr etwas? 

Eine von Palomidens Schwestern. 

Nein; ich höre nichts als das Säuseln der Luft, die durch 
die kleinen Ritzen des Holzes streicht . . . 

Eine andere Schwester. 

Mir ist, wenn ich lausche, als hörte ich das grosse Pendel 
der Uhr. 

Dritte Schwester. 

Aber wer ist denn diese kleine AUadine und warum 
zürnt er ihr so? 

Astolaine. 

Sie ist eine kleine griechische Sclavin, die aus dem 
Innern Arcadiens gekommen ist . . . Er zürnt ihr nicht, aber 



f 



92 MAETERLINCK. 

. . . Hört ihr ? Es ist mein Vater . . . (Man hort in der Ferne singen.) 

Verbergt euch hinter den Pfeilern ... Er will nicht, dass 
irgend Jemand über diesen Gang geht. (Sie verbergen sich. Abla- 

more tritt ein, indem er einen Bund grosser Schlüssel schüttelt.) 

Ablamore (singt). 

Drei goldene Schlüssel das Unglück hat — 
Befreite die Konigin nicht — 
Drei goldene Schlüssel das Unglück hat — 
Fahrt hin and folgt dem Gesicht. 

(Er lässt sich überwältigt anf eine Bank neben der Thüre von Alladinens Gemach 
nieder, singt noch eine Weile halblaut vor sich hin und schläft alsbald mit herab- 
hängenden Armen und zurückgefallenem Haupte ein.) 

Astolaine. 

Kommt, kommt; macht keinen Lärm. Er ist auf der 
Bank eingeschlafen. Oh! mein armer alter Vater! Wie sein 
Haar während dieser Tage erbleicht ist! Er ist so schwach, 
er ist so unglücklich, dass selbst der Schlaf ihn nicht mehr 
beschwichtigen kann. Drei volle Tage sind es nun her, dass 
ich sein Antlitz nicht mehr anzublicken gewagt . . . 

Eine von Palomidens Schwestern. 

Er schläft tief ... 

Astolaine. 

Er schläft tief, doch man sieht, dass seine Seele niemals 
Ruhe findet . . . Die Sonne kommt und quält seine Augen 
. . . Ich will seinen Mantel über sein Angesicht breiten . . . 

Eine andere Schwester. 

Nein, nein; rührt ihn nicht an ... er konnte aus dem 
Schlaf auffahren . . . 

Astolaine. 

Es nähert sich Jemand auf dem Gange. Kommt, kommt, 
stellt euch vor ihn . . . Verbergt ihn ... In diesem Zustande 
soll ihn kein Fremder sehen . . . 

Eine von Palomidens Schwestern. 
Es ist Palomides . . • 



ALLADINE UND PALOMIDES. 93 

Astolaine. 
Ich decke seine armen Augen zu . . . (Sic bedeckt Abla- 
morens Angesicht.) Ich will nicht, dass Palomides ihn so erblickt 
... Er ist zu unglücklich. 

(Palomides tritt ein.) 

Palomides. 
Was geht hier vor? 

Eine der Schwestern. 
Er ist auf der Bank eingeschlafen. 

Palomides. 

Ich bin ihm gefolgt, ohne dass er mich bemerken konnte 
. . . Hat er nichts gesagt? . . . 

Astolaine. 
Nein; doch seht, was er Alles erlitten hat . . . 

Palomides. 
Hat er die Schlüssel? 

Eine andere Schwester. 
Er hält sie in der Hand . . . 

Palomides. 
Ich will sie ihm nehmen. 

Astolaine. 

Was wollt Ihr thun ? Oh I weckt ihn nicht auf . . . Drei 
Nächte sind es nun schon, dass er durch den Palast umher- 
irrt . . . 

Palomides. 

Ich werde seine Hand öflFnen, ohne dass er es gewahr 
wird . . . Wir haben nicht mehr das Recht zu warten . . . 
Gott weiss, was er gethan hat ... Er wird uns vergeben, 
wenn er die Vernunft wieder erlangt hat . . . Oh ! Oh ! Seine 
Hand hat keine Kraft mehr . • . 

Astolaine. 
Gebt acht! Gebt acht! 

Palomides. 

Ich habe die Schlüssel schon. — Welcher ist es? Ich 
will sofort das Zimmer öffnen. 







94 . MAETERLINCK. 

Eine der Schwestern. 

Oh ! Ich fürchte mich ..." Oeffne nicht gleich . . . Palo 

mides ... 

Palomides. 

Bleibt hier . . . Ich weiss nicht, was ich finden werde . . 

(Er seht zur Thüre, öffnet sie und tritt in das Gemach.) 

A-stolaine. 
Ist sie da? 

Palomides (im Innem). 

Ich sehe nichts . . . Die Fensterladen sind geschlossen . . 

Astolaine. 
Gib acht, Palomides . . . Willst du, dass ich zuerst 
hineingehe ? . . . Deine Stimme zittert . . . 

Palomides (im Innern). 

Nein, nein . . . Ich sehe einen Sonnenstrahl, der durch 
die Ritzen des Fensterladens dringt. 

Eine der Schwestern. 
Ja; draussen ist heller Sonnenschein. 

Palomides. 

(Kommt eilig aus dem Zimmer.) Kommt! Kommt 1 Ich glaube, 

dass sie . . . 

Astolaine. 

Du hast sie gesehen? 

Palomides. 

Sie liegt auf dem Bette ausgestreckt . . . Sie regt sich 
nicht . . . Ich glaube nicht, dass . . . Kommt 1 Kommt I (Alle 

gehen in das Zimmer.) 

Astolaine und Palomidens Schwestern. 

(Im Innern.) Sie ist da . . . Nein, nein, sie ist nicht todt . . 
AUadine ! AUadine ! . . . Oh I Oh ! Das arme Kind ! . . Schreit 
nicht so . . . Sie ist ohnmächtig geworden . . . Ihr Haar iat 
über ihrem Munde zusammengeknüpft . . Und ihre Hände 
sind auf den Rücken gebunden . . . Mit ihren Haaren sind sie 
gebunden. AUadine ! AUadine . . . Holt Wasser . . . 

(Ablamore, der erwacht ist, erscheint anf der Schwelle.) 

Astolaine. 
Mein Vater I 



ALLADIl5j5,ÜND PALOMIDES. 95 

Ablamore (anf B&lomidea^.zageheiid). 

Habt Ihr die Thüre des Zimmer ^eSffnet? 

Palomides? 

Ja; ich . . . ich hab' es gethan — und was weiter ? — 
und was weiter? . . . Ich kann sie nicht sterben lassen unter 
meinen Augen . . . Seht, was Ihr gethan habt . . . AUadine . . . 
Fürchte nichts . . . Sie öflFnet ein Venig die Augen ^ . . Ich 
will nicht . . . 

Ablamore. 

Schreit nicht . . . Schreit nicht so . . . Kommt , wir 
wollen die Fensterladen offnen . . . Man sieht nichts, AUadine 
. . . Sie ist schon auf. AUadine, komm' auch du . . . Seht ihr, 
meine Kinder, es ist finster im Zimmer. Es ist hier so finster, 
als wäre man tausend Fuss unter der Erde. Doch ich offne 
einen der Fensterladen, und sehet! Alles Licht des Himmels und 
der Sonne ! . . . Wir können es so leicht haben ; das Licht 
ist bereitwillig ... Es genügt, dass man es ruft ; es folgt 
immer . . . Habt ihr den Strom mit seinen kleinen Inseln 
zwischen den blühenden Wiesen gesehen? . . . Der Himmel 
ist heute ein krystallener Reif . . . AUadine , Palomides, 
kommt und schaut . . . Nähert euch Beide dem Paradiese . . . 
Ihr sollt euch umarmen in der neuen Klarheit . . . Ich zürne 
euch nicht. Ihr habt gehandelt nach dem Gebote und ich des- 
gleichen . . . Neigt euch einen Augenblick aus dem offenen 
Fenster und betrachtet noch das liebliche Grün . . . 

(Stille. Er scUiesst den Fensterladen wieder, ohne etwas zn sagen.) 

(Fortsetzung folgt.) 



GEDICHT. 



WUNDER. 

Wunderbar ist diese Nacht, 
Die mich in dein Haus geladen; 
Wie die fernen Wälder baden 
In tief dunkelblauer Pracht. 

Und du hast das Fenster offen, 
Dass wir alle Wunder schauen . . . 
Lass mich deinen Blicken trauen, 
Halte deine Flechten offen. 

Sieh! die Sterne glühn wie nie! 
Nimm die Alabasterschale, 
Reich' sie mir zum Abendmahle — 
Diese Nächte, fühlst du sie? . . . 

Keinen Schleier sollst du tragen; 
Deine Schönheit will ich küssen, 
Will sie ganz erkennen müssen 
Und es dann dem Himmel sagen. 

Gib mir Leben! gib, oh gib! 

Gib mir Wein, dass ich ihn trinke. 

Meine Seele hat dich lieb — 

Du mein Traum, drin ich versinke. 

O du weisst nicht, wie das ist, 
Wenn ich so an dir vergehe 
Und nur herrlicher erstehe. 
Wie du dann mein Wunder bist. 

Berlin. FrANZ EVERS. 



DER RECITATOR. 

(Anlässlicli des Recitations- Abends : RAFAEL FAELBERG, F. W. Weber's »Goliath«, 

15. December 1896.) 

Von Peter Altenberg (Wien). 

Eines Tages fand Er ein Buch in einem rothen Einbände, irgendwo 
in der Welt, auf einem Tische. 

Sechs Jahre lag es von da an in seiner Nähe. Wie ein Hund, 
der Uns liebt. Das Buch liebte Ihn, weil Er dasselbe liebte. Wirklich, 
Er wusste nicht mehr, »ist das Buch bei mir oder ich bei meinem 
Buche?!« 

Immer wenn Er in diesem treuen Buche zu der Stelle kam : 

»Gestern sagtest du zu mir: »lieber Olaf« — ; meinst du es 

so ? !«, musste Er einen Augenblick innehalten, bevor er weiterlas. Dann 
las Er weiter. 

Dieses Innehalten wurde nie kürzer, im Laufe der Jahre. 

Im fünften Jahre wurde es sogar um ein Stückchen länger. Und 
einmal, eines Abends, ganz lang. Man hätte vermuthen können. Er 
würde die Leetüre überhaupt diesen Abend nicht mehr fortsetzen. So 
eine riesige Pause machte Er bei dieser Stelle. Aber auch an diesem 
Abende las Er das Capitel zu Ende und das ganze Buch. Nur wie Er 
zu den letzten Worten des Buches kam : »Glück ist Entsagung«, schloss 
Er das Buch und küsste es einigemale und umfasste es in tiefer Freund- 
schaft mit seinen Fingern und küsste es wieder. 

An diesem Abende schlief es neben Ihm auf seinem Kopfpolster. 

Niemand hatte eine Ahnung von diesem zärtlichen Verhältnisse 
dieses verschlossenen Mannes zu seinem Buche. 

Aber manchesmal sagte man über Ihn: »Was hat Er?! Wie pre- 
occupirt stellt er sich. Welches süsse Geheimniss, he?!« 

Einer edlen Dame zeigte Er zuerst das Buch; und gab es ihr. 

Die Dame las es. Bei der Stelle: »Gestern sagtest du zu mir: 
»lieber Olaf«; meinst du es so?!«, machte sie eine Pause. Dann las 
sie weiter, zu Ende. 

»Was ist denn mit dir?!«, sagte der heimkehrende Gatte. 

»Nichts ,« sagte sie und küsste seine liebevolle Hand 

und liess sie nicht mehr los, den ganzen Abend. 



8 



98 ALTENBERG. 

Nicht Dir und Einem gib das Gute, welches Du ge- 
funden auf Deinen schweren Wegen! Gib es Allenll 

Gib auf die feige Vorsicht, gleichgesinnten Herzen 
Dich zu eröffnen! 

Sei stark! Wirfs in die Welt! Und lass' Dich kreu- 
zigenll 

Solches wuchs in seinem Herzen und bedrängte es. 

Eines Abends trat Er in schwarzem Anzüge und weisser Cra- 
vatte in einen weiten wundervollen Saal, betrat ein kleines Podium, 
rückte ein wenig an den silbernen Kerzenträgem, wartete ein bischen, 
und kühn und stark warf Er das Gute in die Welt! Nichts sah Er in 
dem weiten Räume als seinen Freund, das Buch und dessen erste 
Leserin, die edle Dame, welche in der ersten Reihe sass mit ihrem 
Gatten. Als Er zu der Stelle kam: »Gestern sagtest du zu mir: »lieber 
Olaf,« meinst du es so?!«, durfte er diesmal keine Pause machen. 
Selbstverständlich. Das erstemal in seinem Leben! 

Doch in den Hörern hielt der Herzschlag an — . 

So las Er bis zu Ende. 

Als Er zu Ende war, blieb Alles lautlos, wie in einer Kirche. 

Auf jedem Antlitz lag das Buch geschrieben. 

Er sah sein Buch in allen Herzen drin. 

Da fUhlte Er: »Ich warf das Gute in die Welt!« und »Amen!« 



zu DEN STERNEN. 

EraShlung von FjODOR SSOLOGUB (Petersburg). 
Autorisirte Uebersetzang von Alexander Brauner. 

(Fortsetzung.) 

Schweigend hörte er beim Anziehen die Moralpredigt des Studenten 
an, nnd seine Augen waren böse und leuchteten schlangenartig. Die 
rohen, ungeschickten Worte des Studenten schwirrten an seinen Ohren 
vorbei, wie fast alle diese überflüssigen Worte, die er schon so oft 
zu hören bekommen. Doch er dachte daran, dass der Student wahr- 
scheinlich zu Hause tratschen und dass man über ihn wieder schimpfen und 
lachen werde, und davor ward es Serjoscha bange. »Jeden Tag Gelächter 
und Beschämung!« dachte er. »Wie habe ich nur so ein Leben verdient?« 

Zu Hause begann man Serjoscha das Ungehörige seiner That zu 
beweisen; Alle fielen über ihn her: Mama und Tante Katja, Papas 
Schwester, eine dicke Frau mit einem gelben, runzligen Gesicht, und 
die Cousine Sascha, die Tochter der Tante, ein dünnes Fräulein 
mit einer tonlosen, gedehnten Stimme. Blöde hörte Serjoscha den 
Worten zu und beachtete sie nicht. Er wusste ja selbst, dass es für 
unanständig galt, das zu thun, was er gethan, doch daran zu denken, 
war für ihn tminteressant. 

Mama seufzte, schloss ihre schönen, schwarzen Augen halb und 
sagte leise, ohne sich direct an Jemanden zu wenden: 

»Wie unruhig er doch ist. Warum ist er nur so? Ich verstehe es nicht.« 

Dann sah Mama den Studenten an. 

»Constantin Osypitsch, Sie sollten ihn,« begann sie und blieb 
stecken, ohne zu wissen, was sie sagen wollte; endlich schloss sie: 

»Irgend wie. . . so,« und dabei machte sie eine von den eleganten 
Gesten, die Serjoscha so missfielen. 

Constantin Osypitsch zog ein gescheites Gesicht und sagte tiefsinnig: 

»Eine starke Nervosität. . .diese Generation. . . überhaupt. . .und 
das Ende des Jahrhunderts.« 

Tante Katja meinte mit einer so saueren, müden Stimme, als 
wäre sie am meisten beleidigt worden: 

»Heutzutage gibt es aber auch Kinder I bei den NetschajeVs der 
Knabe, der ist ja schrecklich!« 

Sie beugte sich zu Mamas Ohr und flüsterte etwas. Serjoscha 
stand düster bei Seite und wartete, bis man ihn entliesse; er dachte 
kurze, böse Gedanken. Mit einer tiefbetrübten Miene hörte Mama die 
heimliche Geschichte an, seufzte wieder und sagte: 

»Ja, die Kinder. . . So viel Sorgen. . . Man weiss wirklich nicht, 
wie man sein soll. Du, mein Herz, Serjoscha, halte dich doch selber 

6* 



lOO SSOLOGUB. 

von derlei Dingen zurück. Das sollst du doch einsehen, dass es für 
dich schädlich ist; man rügt dich, und du regst dich auf. Und die 
Aufregung schadet dir. Und auch mich sollst du schonen, du ruinirst 
mich ganz. Es gibt auch ohne dich Sorgen genug . . . < 

»Nun, siehst du, Serjoscha,« sagte die Cousine, idu betrübst 
deine Mama, und das ist nicht gut.« 

Serjoscha blickte auf ihr helles, mit Puffen, Bändern und Falten 
geschmücktes Kleid und dachte, es sei überflüssig, wenn sie sich einmenge, 
es gehe sie doch gar nichts an. Sie sprach noch etwas, langsam und ton- 
los, und ihre dünnen Lippen bebten peinlich. Die gedehnten Laute ihrer 
Stimme versetzten Serjoscha in einen bangen, feindseligen Zustand, 
und sein Herz zuckte und bebte. Endlich sagte er, die Cousine unterbrechend: 
»Cousine Nadja hat geheiratet, du aber hast auch heuer keinen 
Bräutigam und wirst auch keinen bekommen, weil du ewig sauer bist.« 
Mama wurde böse, erröthete und sagte: 
»Sergej, man wird dich bestrafen müssen.« 

Die Cousine presste ihre dünnen Lippen zusammen, während die 
Tante ausrief: 

»Du bist schlecht, Serjoscha U 

»Es bleibt nichts übrig, als ihn zu bestrafen,« wiederholte Mama 
mit müder Stimme. 

Serjoscha blickte sie düster an. Er fühlte, dass sein Herz heftiger 
schlug, dass seine Wangen blass wurden. Er dachte: »Wenn man 
den Grossen täglich mit Bestrafung drohen würde! Bestrafen!« 
»Und wie?« fragte er. 
»Was?« verwunderte sich Mama. 
»Wie bestrafen?« 

»Man wird dich nicht fragen, wie,« sagte Mama zornig. »Ich 

werde dir gleich die Barbara rufen, dann wirst du schon sehen, wie.« 

»Die Barbara soll mich züchtigen?« fragte Serjoscha ruhig weiter. 

Mama schlug die Hände zusammen und lachte nervös auf. 

»Da soll man mit ihm reden,« sagte sie beleidigt. »Nein, führen 

Sie ihn weg, Constantin Osypitsch, ich kann nicht mehr. Es wird irgend 

ein Idiot werden.« 

Serjoscha lachte genau so auf wie Mama und lief aus dem Zimmer. 
Der rauhe Stoff der rothen Portiere berührte stechend seinen kurz- 
geschorenen Kopf. Serjoscha dachte plötzlich daran, dass man ihn immer 
beleidigte, und dass ein jeder Andere an seiner Stelle unbedingt weinen 
würde. Er aber weinte niemals, und es that ihm sogar leid, dass er 
nicht weinte: Die Mama hätte ihn vielleicht getröstet und liebkost. Ein 
brennendes Verlangen nach Mamas Küssen und Zärtlichkeiten durchlief 
mit hoffnungslos scharfem Strom des Knaben Seele, doch er unterdrückte 
diese Wünsche rasch. Seine Lippen pressten sich trotzig zusammen, und 
das bebende Kinn schmiegte sich an die Brust. Laufend kam er in sein 
Zimmer, fiel rücklings auf das Bett, schlug mit den geknickten Füssen 
in der Luft herum und begann nun leise zu heulen; unangenehme, 
merkwürdige Laute waren es. Seine bösen Augen funkelten und weiteten 



zu DEN STERNEN. lOI 

sich, und die Schwärze seiner Augäpfel schien durch die Nähe seines 
blassen, von der Sonne wenig berührten Gesichtes nur noch tiefer zu sein. 

m. 

Jemand berührte Serjoschas Schulter. Aergerlich schwang Serjoscha 
die Beine und drehte sich um. Vor ihm stand Constantin Osypitsch. 
Das blatternarbige, stumpfnasige, von einem kleinen, weichen, rothen 
Bärtchen bewachsene Gesicht des Studenten war wichtig verzogen, was 
ihm gar nicht stand und einen lächerlichen Eindruck machte. Serjoscha 
sah sofort, der Student wollte etwas von ihm, und es ward ihm 
ganz bange und furchtsam zu Muthe. Er lag unbeweglich, mit aus- 
gestreckten Armen da und schmiegte sich mit dem ganzen Körper 
enge an das Bett. Die schwarzen Augen in seinem blassen Gesichte 
loderten, sie waren trocken und böse. 

Der Student stand eine Weile vor dem Knaben, blickte ihn 
strenge an und sagte: 

»Erstens, darf man bei Tag nicht herumliegen.« 

Serjoscha setzte sich schweigend auf das Bett; dann erhob er 
sich sogar. Er blickte von unten zu dem Studenten auf und reckte 
seinen Kopf dabei hoch empor. Er dachte an nichts. Der Student zwang 
sein Gesicht in noch strengere Falten, suchte nach Worten und fing dann an: 

»Sie haben Verschiedenes . . . hm . . . geplauscht . . .« 

»Geplauscht,« bestätigte Serjoscha ganz mechanisch und begann die 
grossen, knochigen, blauaderigen Hände des Studenten intensiv zu betrachten. 

»Unterbrechen Sie nicht,« sagte der Student böse. »Sie haben 
doch . . . dem Fräulein Frechheiten gesagt und der Mama auch. 
Und so kommt es eben . . . heraus ... Sie haben das, wissen 
Sie, ganz ungerechtfertigt gethan. Na, frech sein, das ist — nicht 
ganz . . . mit einem Worte, es geht nicht.« Der Student machte eine 
energische Bewegung, als wenn er etwas mit der Hand rasch und 
kräftig durch eine schmale Ritze stossen wollte. Es ärgerte Serjoscha, 
dass jener so lauge und so ungeschickt sprach. 

»Muss man um Verzeihung bitten?« fragte Serjoscha. 

»Natürlich ! Das ist es ja,« erfreute sich der Student. »Sie müssen 
einen Kratzfuss machen und die Hände küssen.« 

»Meinetwegen auch die Füsse, mir ist das gleich,« sagte düster der Knabe. 

»Na, das wäre wohl überflüssig.« 

»Und prügeln wird man nicht?« erkundigte sich Serjoscha in 
geschäftigem Tone. Der Student grinste, als wenn er etwas Theueres 
und Angenehmes gehört hätte. 

»Wird man nicht,« antwortete er, »es wäre aber gut.« 

Er verspürte Lust, dem Knaben Furcht einzujagen, doch hatte 
er nicht den Muth dazu; die schwarzen und bösen Augen Serjoschas 
schüchterten ihn ein, seine Worte und Thaten schienen ihm unberechenbar. 

Der Klnabe stand noch eine Weile da, dachte an etwas Dunkles 
und Fremdes und ging dann nachlässigen Schrittes ins Gastzimmer. 

(Schluss folgt.) 



GEDICHTE. 



WIENER WALZER.*) 

Zwischen geputzten Herren und Damen, 
die durch Zufall zusammenkamen, 
wiegen zwei Menschen sich im Tanz, 
um sie klingt des Saales Glanz. 
Zitternd legt sich im Spiel der Kerzen 
sein dunkles in ihr schwarzes Haar, 
legt sich über zwei zitternden Herzen 
an ihr Ohr sein Lippenpaar: 

Oh ja, wiege dich, lass dich führen, 

und führ es: Niemand darf uns trennen I 

Lass uns nichts als Uns noch spüren, 

selig Seel* in Seele brennen! 

Zehn Jahr' lang glaubt' ich, dass ich liebte, 

zu Hause sitzt mein blass Gemahl, 

sitzt und liebt mich, mir zur Qual, 

ahnt nicht, was in mir zerstiebte. 

Oh ja, wiege michl Hingegeben 

bringt sie jetzt ihr Kind zur Ruh, 

ist auch mein Kind — o mein Leben, 

oh ja, wiege mich, führ' mich dul 

Taumelnd drängt sich im Glanz der Kerzen 
sein wirres in ihr wirres Haar, 
drängt sich über zwei taumelnden Herzen 
an sein Ohr ihr Lippenpaar: 

Oh du, lass dul nit erzählen! 

Führe mich sanfter! nit uns quälen! 

Du bist mir gut, ich bin dir gut. 

Hab doch auch die Seel' voll Schmerzen, 



*) Aus »Zwei'Menschen«, einem demnächst erscheinenden >R o m a n 
in Balladen«. 



GEDICHTE. 103 

spür' ein Kindchen unterm Herzen^ 
und ist nit von deinem Blut. 
Sanfter, dul mich quält die Hitze; 
oh du, mein geliebter Thor, 
heb mal deine Kinnbartspitze, 
sanft — so — kitzel mich ins Ohr! 

Ihr schwarzes Haar erschauert ganz, 
zwei Menschen wiegen sich im Tanz. 

Berlin. RICHARD DeHMEL. 



DAS INNERE SCHWEIGEN. 
Aus: »ÜP0IKA — Musikalische Verse.«*) 

Wann sah ich jenen bleichen See, 
der ewig schwieg . ., 
in fliehender Ferne, 

unter des Mondes modernden Schleiern? 

und die Weiden, 

die leidohnmächtig sich neigten 

über die Ufer . ., 

und ihre traurigen Träume verschwiegen? — 

Wann sah ich den See und die Weiden? — 
. . wann sah ich den See und die Weiden . . . 

. . Immer jenes bleiche Schweigen 

in mir hören . ., 

und das Herz voll der verschwiegenen Träume 

trauriger Bäume: 

und mein Herz voll traurig schweigender Träume . . . 

Wien. CONSTANTIN ChRISTOMANOS. 



*) Zur Kennzeichnung der Intentionen des griechischen Dichters sei fol- 
gender Passus aus einem Brief an uns citirt : »Ich versuche hier den Reim durch 
musikalischen Rhythmus zu ersetzen — durch den Rhythmus einer Zeit, da Dich- 
tung und Musik noch Eins waren, und dessen Empfinden ich vielleicht von 
jenem Volke geerbt habe, das seine Gesänge von den Wellen des Meeres er- 
lernte.« 



EINE RETTUNG. 

Aus meinen Erinnerungen. Von Dr. FRIEDRICH EUBOGEN (Wien). 

An keine Periode meiner Vergang-enheit denke ich so 
gern als an die Zeit, da man mich noch den Socialisten- 
vertheidiger nannte. Es war der Frühling meines Lebens, 
meine Heroenzeit. Es war wie am Vorabende einer Revo- 
lution. Nach Jahren tiefsten Friedens, nur selten unterbrochen 
von wenig beachteten Declamationen vereinsamter Agitatoren, 
war über Nacht eine mächtige, stürmische, täglich wachsende 
Arbeiterbewegung entstanden. Sie hatte nichts von der klug 
abwägenden Diplomatie der heutigen Arbeiterführer, nichts 
von der schlauen Behutsamkeit, die mit parlamentslüsternen 
Phrasen den scharfen Stachel des revolutionären Geistes ab- 
todtet. Es war eine wilde, jugendlich kühne, überschäumende, 
fast krampfhafte Eruption, die, gleich einem Frühlingsgewitter, 
unter Blitz und Donner sich entlud, hässlich oft im Einzelnen, 
im Ganzen aber eine grandiose, ergreifende, unvergeasliche 
Offenbarung des Volksgeistes. Die Geschichte jener Zeit wijrd 
eine merkwürdige Thatsache verzeichnen müssen : dass näm- 
lich jene Bewegung wie von selbst, plötzlich, elementar, aus 
tiefsten Quellen hervorbrach. Kein Agitator hatte da vor- 
gearbeitet; ein paar hundert eingeschmuggelte Exemplare 
der Most'schen »Freiheit«, verstohlen von Hand zu Hand ge- 
schoben, das war Alles, was von aussen her geleistet wurde. 

In den Reihen der Besitzenden war unbeschreibliche 
Verwirrung an der Tagesordnung. Der allgemeine Schrecken 
scheint sich auch den »massgebenden« Kreisen mitgetheilt 
zu haben ; denn nie wurden verkehrtere und sinnlosere Mittel 
gegen eine Volksbewegung in Anwendung gebracht als 
damals. Das kräftigste Argument, mit welchem man den 
neuen Geist zu widerlegen unternahm, war natürlich das 
Strafgesetz in seinen schwerpfündigsten Paragraphen. Es 
schien, man wolle um jeden Preis Märtyrer haben. Und der 
Versuch wäre gelungen, wenn nicht fast allenthalben die Gre- 



EINE RETTUNG. 105 

schwornen der neuen Aera der Justizpolitik den entschieden- 
sten Widerstand entgegengesetzt hätten. Damals erwies sich, 
wie unerlässlich die Geschwornengerichte in Oesterreich sind. 
Sie wurden auch bald genug suspendirt (1883).« 

Eine der interessantesten unter den Gerichtsverhand- 
lungen jener Tage spielte sich in Leoben ab. Die Alpen- 
länder waren der radicalste Flügel der Propaganda geworden, 
die inzwischen ihr System, ihre Presse, ihren Fonds und in 
Wien ihren natürlichen Mittelpunkt gefunden hatte. Die 
Männer dort haben etwas von dem Eisen ihrer Berge im 
Blute. 

Die Staatspolizei hielt an der Behauptung fest, dass 
alle Arbeiterdistricte Oesterreichs damals von einem dichten 
Netz geheimer, aneinander gegliederter Clubs umsponnen 
waren ; die Leitung wurde in den Hauptstädten jener Bezirke 
vermuthet. Jede dieser Städte hatte ihren Hochverrathsprocess 
und nahezu überall mit demselben Misserfolg der Anklage. 
Leoben, als Mittelpunkt der nordsteierischen Eisenindustrie, 
kam ziemlich spät an die Reihe. Auch hier soll eine ge- 
heime hochverrätherische Verbindung existirt haben, und um 
sie aufzudecken, zu vernichten und zugleich die Rädelsführer 
zu strafen, wurde fünf Montanarbeitern von Obersteier der 
Process gemacht, der nach dem ersten Angeklagten »Process 
Schwarzelmüllerc genannt ward. Es waren fünf blutjunge 
Leute, insgesammt intelligent, temperamentvoll, herzensgut. 
Neun Monate waren die armen Jungen in Untersuchungshaft 
gesessen, während von Staatsanwaltschaft und Polizei fieber- 
haft gearbeitet wurde. Hochverrathsprocesse waren damals 
jüngste Mode, und Leoben wollte natürlich nicht zurück- 
stehen. Berge von Acten hatten sich angesammelt, dazu 
eine Literatur von gedruckten Pamphleten, anarchistischen 
Zeitungen, mit denen Obersteier überschwemmt worden war. 
Die Verbreitung aller dieser Druckschriften wurde nun den 
Angeklagten zur Last gelegt. Begründet wurde diese An- 
schuldigung vor Allem mit der notorisch agitatorischen 
Thätigkeit der Angeklagten. Dieses Argument erschien wohl 
selbst der Anklagebehorde zu hinfallig und hätte leicht mit 
der Erwägung entkräftet werden können, dass notorische 
Agitatoren, das heisst also Menschen, auf welche die Polizei 



I o6 ELBOGEN. 

ein Auge hat, kaum wohl so ungeschickt sein werden, auch 
Flugschriften noch zu colportiren. Um diese Schwäche zu 
decken, hatte die Staatsanwziltschaft rechtzeitig einen anderen 
Beweis herbeigeschafft, der allerdings verderblich schien: 
eine Masse von Adressschleifen und Couverts, in denen jene 
Pamphlete verschickt worden waren. Die Schrift auf diesen 
Schleifen und Couverts hatte nun eine verzweifelte Aehn- 
lichkeit mit der Handschrift der Angeklagten. Das heraus- 
zufinden, dazu bedurfte es nicht einmal der Befahigungs- 
unwissenheit der Sachverständigen im Schreibfache, deren 
Gutachten die Anklage als Aufputz verwendete. 

So stand die Sache schlimm. 

Es war eine Woche vor Weihnachten, als der Process 
seinen Anfang nahm. Der jetzige Bürgermeister von Leoben 
und ich hatten die Vertheidigung zu fuhren. Die ersten Tage 
gleich ging es herzlich schlecht. Die blutrünstige^ toUwüthige 
Sprache der zur Verlesung gelangten zahllosen Schmäh- 
schriften, nicht wenig auch der ungebrochene Trotz der An- 
geklagten, mit dem sie ihr socialistisches Bekenntniss vor- 
trugen, hatten die zumeist den Kreisen der Beamten und 
Montanunternehmer angehörigen Geschwornen in eine dü- 
stere, nervös gereizte Stimmung versetzt. Die dramatische 
Steigerung sollte nun an einem der letzten Verhandlungstage 
ihren kräftigen Abschluss erfahren. Denn die Vernehmung 
der Sachverständigen im Schreibfache war als Haupttrumpf 
der Anklage gedacht. Das schriftliche Gutachten, das sie im 
Untersuchungsverfahren abgelegt hatten, war für meine 
Clienten vernichtend; es schloss jeden Zweifel an der An- 
nahme aus, dass sie die Absender der Schriften seien. 

Der grosse Augenblick war endlich da. Die Herren 
Schriftgelehrten waren eingetreten und wiederholten nun ihr 
Gutachten : jedes Wort ein Galgen. Ich war einer Ohnmacht 
nahe, und nur die Rücksicht auf meinen triumphirenden 
Processgegner, den Staatsanwalt, hielt mich ab, in sie zu 
fallen. Gewiss hätten die beiden Schriftgelehrten es mit dem 
Leben gebüsst, wenn der kleinste Theil jener Wünsche in 
Erfüllung gegangen wäre, die ich in jenem Momente für sie 
hatte. Sie wollten sich schon mit feierlicher Geberde zurück- 
ziehen, als ich mich rasch noch ermannte und mir das Wort zur 



EINE RETTUNG. 107 

Fragestellung erbat. »Ist Ihnen bekannt, c apostrophirte ich sie, 
>dass alle Menschen, die rechtshändig zu schreiben gewohnt 
sind; mit der linken Hand gleich oder in hohem Grade ähnlich 
schreiben ?€ Ich hatte keine Zeit, mich über das höhnische 
Lächeln der verehrten Schriftgelehrten zu ärgern, denn in 
demselben Augenblicke unterbrach mich der Vorsitzende und 
verlangte von mir Aufschluss, was ich mit diesem Paradoxon 
beweisen wolle. Ich gab also folgende Erklärung : Wenn er- 
wiesen würde, dass die Schriftzüge der linken Hand gleich oder 
sehr ähnlich sind, dann wäre der Grund dieser Erscheinung 
darin zu suchen, dass wir mit der linken Hand nicht zu 
schreiben pflegen. Der gemeinsame Charakterzug der linken 
Handschrift (wenn man so sagen darf) ist Unbeholfenheit, 
Holprigkeit, Charakterlosigkeit. Die linke Hand handhabt 
Stift und Feder rein mechanisch, kindisch, als etwas ganz 
Ungewohntes, Fremdes, Verkehrtes. Ihr Erzeugniss, der 
Schriftzug, entbehrt daher des Personlichen, des Individuellen. 
Darum schreiben die Menschen mit der linken Hand alle 
gleich oder ungemein ähnlich. Ist dies aber einmal bewiesen, 
dann muss logisch gefolgert werden, dass Personen, denen 
das Schreiben überhaupt Mühe macht, weil es ihnen an der 
Uebung fehlt, wie z. B. regelmässig Arbeiter, mit ihrer 
rechten Hand ähnliche Schriftzüge hervorbringen als andere, 
schreibgeübte Personen mit der linken. Im Punkte des 
Schreibens ist die Rechte des »gemeinen Mannest so linkisch' 
wie die Linke eines Advocaten. Die Schriftzüge solcher Per- 
sonen werden darum einander ebenso gleichen wie sonst nur 
linke Handschriften. Aus dem Gesagten dürfe ich aber weiter 
folgern, dass die auffallende Aehnlichkeit zwischen der 
Schrift auf den Adressschleifen und der Handschrift der An- 
geklagten nicht die geringste Gewähr für die Unterstellung 
biete, dass die Angeklagten auch jene Schleifen und Couverts 
beschrieben haben. Man werde nach dem Gesagten unter 
den hiesigen Arbeitern zahllose Personen finden, deren Hand- 
schrift mit den vorliegenden Adressen dieselbe hohe Aehn- 
lichkeit aufweise. 

Der Präsident fand dieses Raisonnement überzeugend, 
nur äusserte er seine Bedenken gegen die Richtigkeit der 
Prämisse, nämlich der These von der Aehnlichkeit aller 



1 08 ELBOGEN. 

»linken Handschriften c Ich erbot mich sofort zu einem Ex- 
perimente, und auch der Staatsanwalt erklärte sich um so 
bereitwilliger mit einem solchen einverstanden, als die Schrift- 
gelehrten meinen ganzen Vortrag für baaren Unsinn er- 
klärten. Und bekanntlich lässt eine lobliche Tradition den 
Staatsanwalt den Versuchen des Vertheidigers, sich zu bla- 
miren, niemals hindernd entgegentreten. 

Es wurde also auf der Stelle eine kleine S^ance ver- 
anstaltet. Das Commando übernahm der Vorsitzende. Ich und 
mein Amtscollege bekamen den Auftrag, von einander ab- 
gewandt, mit demselben Bleistifte einen Satz in lateinischen 
Buchstaben mit der linken Hand niederzuschreiben und das 
Geschriebene den Experten zu übergeben. Der Effect war 
verblüffend. Die beiden Zettel waren nicht zu unterscheiden. 
Die Angeklagten waren gerettet. Die Geschwornen beant- 
worteten alle Fragen einstimmig verneinend. 

Leoben aber hatte einen neuen Wintersport: alle Welt 
schrieb mit der linken Hand. 



GERHART HAUPTMANNES NEUESTES BÜHNEN- 
WERK.*) 

»Die versunkene Glocke« wurde am 2. December im 
Berliner »Deutschen Theaterc zum erstenmale aufgeführt 
und erschien gleichzeitig in Buchform. Eine symbolische 
Dichtung, in der die individuelle Fortschrittsgier eines Men- 
schen verkörpert wird, welcher der Gesammtentwicklung der 
Menschheit zu weit voraneilen will. Der Glockengiesser 
Heinrich hat in seinem Berufe Hervorragendes geleistet und 
wird von seinen Mitbürgern mit Bewunderung »Meister« 
genannt. Besonders seine letzte Schöpfung ist ihm gelungen, 
eine Glocke, die eben nach einer hochgelegenen Bergkirche 
befordert wird. Aus ihrem Klang tonen ihm alle seine Zu- 
kunftshoffnungen entgegen. Wenig Hindernisse hemmten 
bisher seinen Schopferdrang. Frau und Kinder und seine 
ganze Umgebung boten ihm fruchtbringende Anregungen. 
Ein Zufallskobold bewirkt durch einen Radbruch, dass die 
Glocke bergab stürzt in den tiefen See; der Meister wird 
mitgerissen, rettet jedoch mit knapper Noth sein physisches 
Leben — das geistige liegt mit der Glocke begraben. Er 
fühlt, dass er die Anregungen seiner bisherigen Umgebung 
künstlerisch aufgebraucht, für seine schöpferischen Thaten 
nichts mehr von ihr zu erwarten hat, und zum Handwerker, 
der immer gleich gute, aber keine neu ersonnenen Werke 
liefern kann, will er nicht werden. Er sehnt sich, eine Welt 
zu verlassen, für die er innerhalb seiner natürlichen Ent- 
wicklungsschranken nichts Grosses fürder leisten kann. Ein 
Zufall hat seine Hoffnungen zerstört, ein Zufall hat sein 
Leben gerettet, und auf dem Todtenbette liegend, geht er 
einen Pact ein mit den durch eine Elfe symbolisirten Zu- 
fallen der grossen Natur. Jetzt überschlägt sich die ToU- 

*) »Die versunkene Glocke.« Ein deutsches Märchendrama. Berlin. 
Verlag S. Fischer. 



HO SCHIK. 

kühnheit seiner Zukunftspläne. Er will einen Sonnentempel 
bauen; von dem aus eine Glocke der Menschheit Befreiung* 
von allen Uebeln läuten soll. Rautendelein, die Elfe, die alle 
guten und bösen Keime in sieht vereinigt, wird seine Weg- 
weiserin. Nicht dem starren Bösen, wie Faust, hat er sich 
verschrieben, sondern den Naturkräften, die von einer so 
unermesslichen Höhe aus geleitet werden, dass sie sich nur 
als kleine Kobolde im Erdspiegel wiedermalen und den 
Menschen irreführen. Rautendelein, die verkörperte Natur, 
ist ihnen gewachsen. Die Erdgestalten, die dem Glocken- 
giesser bisher im Leben nahegestanden, Weib, Kind und 
Freunde, liegen nun weit hinter ihm, unten im Thale, ver- 
sunken wie die Glocke im See. Für das Werk, das er nun 
vor hat und das weit in die Zukunft hineinreichen und den 
Zukunftsmenschen dienen soll, kann er, der auf dem Berge — 
dem Gipfel seiner Entwicklung steht, von der Gegenwart 
keine Förderung erhalten, die ewige Natur soll sie ihm bieten ; 
seine Verbindung mit ihr gebiert die Phantasiegestalten des 
Märchens. Aber ein menschliches Geschöpf, welches sich 
zu nahe an sie heranwagt, muss am menschlichen Schaffen 
verzweifeln, das im Vergleich mit dem grossen All stets nur 
kleinliche Werke hervorzubringen vermag. Wer mit der 
Natur wetteifern und sie für alle Zeiten besiegen will, muss 
unterliegen. Der Kampf des Menschen mit dem Menschen 
kann in fernen Zeiten enden, der Kampf des Menschen mit 
der Natur niemals. Nur bleibt der Fleck Erde, wohin 
er einmal seinen Fuss gesetzt, in seiner ursprünglichen 
Natur verstümmelt ; die Elfe als freies Naturwesen sinkt mit 
den Brandmalen menschlichen Verkehres zu den Kobolden 
des Bösen hinunter. In Nachahmung der Allnatur wurde 
Heinrich immer grausamer gegen alle Wesen; er marterte 
die Gnomen. So lange er gleichen Schritt hielt mit der Natur, 
blieb er ihr Meister. Ueber Knirschen und Thränen der 
Lebewesen schreitet sie theilnahmslos hinweg. Im Momente, 
wo die Kinder Heinrichs mit dem Krüglein anlangen, in 
welchem sie die Todesthränen der Mutter aufgefangen, müsste 
er die menschliche Herkunft völlig abgestreift haben und den 
Blick unverwandt nach vorwärts gerichtet halten. Aber der 
Erdbürger erwacht in ihm; Heinrich stösst die Elfe von 



HAUPTMANNES NEUESTES BÜHNENWERK. 1 1 1 

sich, er versündigt sich an der Allnatur, die keine Schuld 
kennt. Indem er sich der Natur anschloss, war er der irdi- 
schen Strafe entronnen ; nun sinkt er zu Thal und wird von 
seinen Mitbürgern gesteinigt. 

Dieser dichterischer Bau ist mit echt künstlerischer 
Fa9adenpracht verkleidet. Aber das Ganze steht eingezwängt 
in die Monumentalbauten Anderer und gewährt keine sonder- 
lichen Perspectiven. Das Problem liegt uuter dem Niveau 
unserer Zeit. Die künstlerische Ausgestaltung mag den 
Dichter befreit haben, das Gros der heutigen Menschen steht 
bewusst oder unbewusst darüber. Faustische Seelenkämpfe, 
die einst die Männerbrust durchwühlten, sind heute schon 
zur Kinderkrankheit geworden. Alles reift jetzt früher. Die 
Massen führen in der Gegenwart einen gewaltigeren Kampf 
als der Einzelne mit sich. Früher entflammte Einer die 
Massen, jetzt die Massen das Individuum. Nebelhaftes Sehnen, 
das einst die Greise noch heimsuchte, hört heute beim Jüngling 
schon auf. Bei diesem Drama haben wir das doppelte Gefühl 
des Märchens: So ein Märchen klingt uns schon wie 
ein Märchen. Diese Dichtungsform ist heute nur mehr dann 
zu wählen, wenn die Vertiefung der Idee und der Charaktere 
so weit geht, dass deren Consequenzen in märchenhafte 
Fernen reichen und den realen Boden von selbst verlieren. 

Diesmal hat das Temperament Hauptmannes kaum die 
Tragkraft, seine köstlichen Dichtergaben in unsere Zeit zu 
schnellen. Die Verse sind unvergleichlich, die Naturschilde- 
rungen von unerreichter Feinsinnigkeit; die Gedanken sind 
nicht zu moderner Hohe entwickelt. Zu wenig Wurzeln, um 
Säfte für alle Theile der Dichtung aufzusaugen, aber doch 
eine Dichtung, die aus gutem Boden gewachsen ist. 

In Hauptmannes neuestem finden wir Elemente eines 
seiner Erstlings- Werke, der »Einsamen Menschen«, wieder. 
Die Seitenwege, die er in der Folge gegangen, führen ihn 
jetzt zu seinem Ausgangpunkt zurück. Hier muss seine 
Weiterentwicklung wieder ansetzen. Das moderne Drama 
würde er fSrdern wie selten einer. Seine dichterische Ueber- 
füUe aber muss er auch an andere Dichtungsarten ver- 
theilen. Ein Dichter verträgt keine Beschränkung; aber er 
darf sich auch nicht selbst beschränken und Alles der Bühne 



1 1 2 SCHIK. 

abgeben; was in Lesewerken seinen künstlerischen Platz 
fordert. 

In einem Märchen hat sich Gerhart Hauptmann das 
Leid über den Misserfolg seines »Florian Geyerc von der 
Seele schreiben wollen. Einen besseren Trost hätte er im mo- 
dernen Drama gefunden. Mit dem jüngsten Werke ist er wohl 
seiner Bestimmung wieder näher gerückt; die Erlösung will 
es ihm noch nicht bedeuten. Wenn die Klage des Individuums 
die Klage der Zeit nicht verstärkt; mit ihr nicht zusammen- 
hallt, dann gibt es den leisen Missklang »versunkener Glocken«. 

Wien. F. SCHIK. 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 

Von 

Karl Kraus (Wien). 

III. 

Man sieht, ßs ist nicht immer nur das Fachinteresse, 
auf welches Gäste des Literatur-Caf6s rechnen können, einige 
tragen ja doch auch eine allgemein menschliche Komik zur 
Schau. Man verzeihe, dass sie unbedeutend sind, und man 
wird sich ihrer Wirksamkeit freuen. Der kleinste Streber, 
der in dem Kampfe um das Kaffeehaus-Dasein sich durch- 
setzen will und nach einer festen Position an dem Tische 
der fertigen Literaten ringt, darf nicht übersehen werden. 
Die Entwicklung werdender Talentlosigkeiten gibt eine Fülle 
von Beobachtungen an die Hand, und pikant ist es, durch 
ein Kaffeehausfenster zuzusehen, wie sich heute der Neuling 
durch den gestern gemachten Mann lancirt. — Da fallt zunächst 
ein Schriftsteller auf, der sich aus schüchternen Anfangen 
zum Freunde des Burgtheaterautors emporgerungen hat. 
Sechs Uhr ist es, also Zeit, dass er auf dem Plan erscheine. 
Ein Parvenü der Gesten, der seinen literarischen Tisch- 
genossen Alles abgeguckt hat und ihnen die Kenntniss der 
wichtigsten Posen verdankt. Haben es die Andern in der 
Unnatürlichkeit bereits zu einiger Routine gebracht, ihm 
sieht man stets noch die Mühe an, die ihn seine Nervosität 
kostet. Immerhin hat er sich heute doch schon glücklich 
drei Nerven zusammengescharrt, die ihm die Ausübung einer 
bescheidenen Sensitivität erlauben. So legt er besonderen 
Werth darauf, es nicht vertragen zu können, wenn man mit 
einem Messer auf den Teller kratzt. Aus solchen Vorfällen, 
die in Andern das normale Unbehagen erzeugen, empfängt 
er die Anregung zu dichterischem Schaffen. Hier liegen Art 
und Stärke seines Talentes. Nach den Stoffen hatte er nie 
weit zu gehen. Er schrieb immer das, woran seine Freunde 
gerade arbeiteten, und da die Jung- Wiener Schule einstimmig 
das Thema vom Sterben gewählt hat und mit vereinten 



114 KRAUS. 

Kräften dem Tode ein paar Novellen abzuringen bemüht ist, 
sehen wir ihn mit der Anempfindung einiger Sentimentali- 
täten über Begräbnisse, Friedhofskränze und Hinterbliebene 
eifrig beschäftigt. Seine Production muss man sich so vor- 
stellen, dass er, eine Art Nuancenzuträger, sämmtliche Ein- 
falle seines accreditirteren Freundes in Aufbewahrung hat 
und dafür jeden zehnten benützen darf. Wiewohl er in einem 
Ausverkaufe von Individualitäten billig zu einer solchen 
gekommen sein soll, hat sich ihm das reine Künstlerthum 
auf die Dauer doch nicht rentirt. Er, dem es in seinem 
Kreise stets eingeschärft worden war, auf die Tagesschrilt- 
steller mit Verachtung herabzusehen, lief bald in den Hafen 
der Journalistik ein, aber mit dem festen Vorsatz, sich als ehe- 
maliger Literat über das Niveau seiner nunmehrigen CoUegen 
zu erheben. Glücklicherweise war ihm noch von früher her 
der Tonfall modernen Styles im Ohre geblieben, seine Freunde 
hatten ihm einige unterstandslose Beobachtungen mit auf 
den Weg gegeben, und ein paar verkommene Nuancen, die 
einst vom Tische abgefallen waren, raffte er noch in Eile auf. Im 
Uebrigen mit einer tüchtigen Portion Selbstvertrauen begabt, 
wohl wissend, dass er, wo er sich nicht auf seine Freunde 
verlassen könne, schon auf eigene Faust undeutsch schreiben 
werde, begann er seine Thätigkeit. Zunächst fragte er einen 
Wachmann nach der Lage des Theaters, dessen Tradition 
zu bekämpfen er entschlossen war. Man kann sagen, er hat 
bis heute doch die wichtigsten Stücke Schiller's und Sha- 
kespeare's gesehen — warum zögert die Direction so lange 
mit dem Konigsdramen-Cyklus? »Hamlete z. B. sah er ge- 
legentlich einer Neubesetzung zum erstenmale, wobei er als 
gewissenhafter Recensent nicht verfehlte, vorher sich von 
der Directionskanzlei das Manuscript zu erbitten; und mit 
der ganzen Lapidarität, mit der sich seine Seichtheit nicht 
selten auszudrücken liebte, soll er kürzlich, entzückt, so weit 
es seine Würde zuliess, ausgerufen haben: »Man wird die 
Wolter im Auge behalten müssen I« Stets hat er sich als der 
schneidige, unabhängige Kritiker erwiesen, der weder nach 
oben noch nach unten Concessionen macht, ja selbst mit 
Hintansetzung aller grammatikalischen Rücksichten gegen 
Uebelstände energisch Stellung zu nehmen bereit ist. Der 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. US 

reformatorische Eifer berührte sympathisch, wenn er, ein 
eingewurzeltes Vorurtheil bekämpfend, dem Schauspieler 
Martinelli eine »breite, behagliche Gemüthlichkeitc nach- 
rühmte. Als Ironiker stand er allzeit auf eigenen Gänsefüsschen, 
und wenn es die Geisselung des Wiener Komödiantencultus 
galt; drohten in der Druckerei die Anführungszeichen aus- 
zugehen; denn immer neue uninteressante Seiten wusste er 
diesem Thema abzugewinnen. Einige Fremdworter kamen 
ihm so neu vor, dass er es mit ihnen immer wieder versuchen 
zu müssen glaubte ; so behauptete er stets, dass Herr Reimers 
ad spectatores spreche und dass das Fräulein Bleibtreu 
karyatidenhaft sei. Vielleicht war hier die Freude, Ausdrücke, 
die man sonst erst im Obergymnasium kennen lernt, schon 
nach vier Classen zu beherrschen, doch etwas zu stark betont. 

Eines Tages Hess er sich Muther's »Geschichte der 
Malerei des XIX. Jahrhundertsc als Recensionsexemplar 
kommen und ward so Kunstkritiker. Als bald darauf die 
Muther-Hetze losging, der berühmte Kunsthistoriker vielfach 
des Plagiats beschuldigt und Alles hervorgeholt wurde, was 
bis dahin in Deutschland in seinem Fache geschrieben 
worden war, erzählte man sich, Muther habe auch unsern 
Recensenten benützt. 

Im journalistischen Dienste hart mitgenommen, hat sich 
der Literat bis heute doch seine Eigenart zu wahren gewusst. 
Die Verwechslung des Dativs mit dem Accusativ gelingt ihm 
noch immer mit unverminderter Jugendfrische. Anfänglich 
hatte er wohl mit dem Widerstand der Setzer zu kämpfen, 
die bekanntlich immer klüger sein wollen als der Schrift- 
steller und gerne corrigiren, weil sie für undeutsch ansehen, 
was individuellster Ausdruck einer künstlerischen Persön- 
lichkeit ist, aber bald lernten sie die Eigenart unseres Autors 
respectiren, und sein Talent setzte sich durch. Ungehindert 
konnte er sich nun ausleben, und man erkannte ihn auch in 
nicht unterzeichneten Artikeln. Wenn er z. B. bei einer 
alternden Schauspielerin den »heissen Athemc vermisste, »der 
Einem nur aus kindlichem Mädchenbusen anwehte, so wäre 
es ein Uebriges gewesen, hier auch noch seine Chi£Fre hinzu- 
zufügen. Selbstverständlich begegnet er die Leute, aber 
auch diesen Accusativ weiss er wieder zu verwechseln und 

9^ 



1 1 6 KRAUS. 

gelangt zu einem ganz unerwarteten Resultate^ wenn er 
schliesslich von Leuten spricht, die Einem begegnen, und so 
durch ein Versehen das Richtige findet. Anlässlich des 
Sonnenthal- Jubiläums im Vorjahre hat er, der Bedeutung des 
Gefeierten entsprechend, mehrere falsche Casusse gebracht. 
Er erzählte damals, »die vierzig Jahre, die der Künstler dem 
Burgtheater treulich gedient*, hätten »ihm zum Repräsen- 
tanten dieser geliebten Bühne gemachte, man habe Sonnenthal 
»zu verstehen geben wollen, dass man ihm noch immer gerne 
in seinen jugendlichen Rollen zu sehen wünschet, — woran 
er die allgemeine Bemerkung knüpfte, der Schauspieler 
müsse seine Rolle leben, er müsse »in sie aufgehenc Wo es 
die Besprechung von dramatischen Anfangern galt, zeigte 
er sich stets nachsichtig; ein Tadel, erklärte er, würde »Einem 
nur au niveau mit dem Dilettanten setzenc. Als die Zeitung, 
bei der er thätig ist, einst die telegraphische Nachricht 
brachte, »die serbisch -montenegrinische Verbindung mitsammt 
des daranhängenden Heirathsgedankensc stehe in Frage, 
Hess man sich damals vielfach zu der Meinung verleiten, 
dass er auch die Depeschen einrichte, was einer entschie- 
denen Ueberschätzung seines Wirkungskreises gleichkam, 
da das Ressort unseres Freundes ausschliesslich die Ver- 
wechslung des Dativs mit dem Accusativ, nie mit dem Ge- 
nitiv, und auch diese nur im Theater- und Kunsttheile, 
umfasst. 

Kein Mensch wird ernstlich behaupten, dass solche und 
ähnliche grammatikalische Eigenheiten einem in der litera- 
rischen Carrifere behindern können. Vollends durch die Prä- 
tention, mit die er seine Seichtigkeiten vorbringt, vermag 
ein Schriftsteller jederzeit auf dem Leser zu wirken. 

Was nun über den literarischen Rahmen hinausreicht, 
geht niemandem etwas an. Einige wollen sich zu den von 
ihm vertretenen Ansichten nicht bekennen; dafür gibt es 
wieder zahlreiche, die — gläubiger sind. Dies bestärkt ihn 
in seiner Zuversicht und gibt ihm Muth zu neuen Thaten. 
Die Bühnerfolge seiner Freunde haben ihn^ berauscht, jetzt 
heisst das Ziel seines ganzen Strebens: Aufgeführtwerden I, 
und schon sehen wir ihn einen kurzen Seitenweg hinter die 
Coulissen des Burgtheaters einschlagen .... 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 1 1 7 

Und nun von ihm, der an dieser Stelle eine unerwartete 
Bevorzugung erfahren, hinweg zu andern Tischgenossen, 
die schon warten und sich über Parteilichkeit der Bedienung 
beklagen. Der bleiche Dichter des athenischen Cassenstückes 
ist bereits ungeduldig, wiewohl er zu gereift ist, um sich 
noch über irgend etwas aufregen zu können. Er, der weder 
radfahren noch kegelschieben kann, mithin dem Director 
der Hofbühne die Entdeckung seines Talentes erheblich er- 
schwerte, hat sich doch im Burgtheater festzusetzen gewusst. 
Dies soll daher kommen, weil sein Werk eine höchst glück- 
liche Verbindung missverstandenen griechischen und nicht 
erfassten modernen Geistes bedeutet. Für das Wiener- 
thum seiner Umgebung bringt er eine unsäglich buko- 
winerische Note mit, die sich insbesondere darin kundgibt, 
dass er den x-füssigen Jambus mit grosser Geschicklichkeit 
anwendet. Sein Stück erweckt den Eindruck, als ob es über 
Aufforderung Büchmann's geschrieben wäre. Es enthält eine 
Reihe überaus mühsam geflügelter Worte, in der Art: »Die 
Sehnsucht nach dem Glück ist mehr als Glücke, oder: »Wie 
wenig kennt das Volk doch seine Geisteric. Und über dem 
Ganzen liegt es wie ein Hauch von Gindely, aber vom 
kleinen. — Der Rufeines Grillparzer- Epigonen schmeichelt ihm 
so sehr, dass er, um mit seinem Vorbilde wenigstens etwas 
gemeinsam zu haben, beabsichtigen soll, sich jetzt um eine 
Staatsbeamtenstelle zu bewerben und auch fürder in Allem 
sich streng nach des Dichters Biographie zu richten. 
Wenn er schon aus der alt-österreichischen Tradition nicht 
herausgewachsen ist, entgehen lassen will er sich sie keines- 
falls. Möge es ihm nach den Aufregungen und Strapazen 
der Premiere nun auch gegönnt sein, in Ruhe zu erleben, 
was er in seinem Stücke gedichtet hati 

Wer ist jener lebhafte Jüngling, der eben an die Herren 
des Kreises mit Fragen aller Art herantritt? Eine der selt- 
samsten Erscheinungen der Kaffeehauswelt, hat er sich da- 
durch, dass man ihn noch niemals sitzen sah, zu einer stehenden 
Figur des Griensteidl herausgebildet. Er hängt insofern mit 
der Literatur zusammen, als ihm die Aufgabe obliegt, des 
Nachts die Dichter nach Hause zu begleiten. Hat einer der 
Herren einen Erfolg aufzuweisen, so wird Er grössenwahn- 



1 1 8 KRAUS. 

sinnig, und oft ist er durch das Lob, das Andere ernten^ 
recht übermüthig geworden. Mit seinen literarischen CoUegen 
hat auch er von Goethe manche Anregung erfahren: 

Er ging ins Kaffeebaus so für sich hin, 
Um nichts za nehmen, war sein Sinn. 

Dabei ist er der Seissigste Stammgast. Die Marqueure 
haben sich an diesen Zustand gewöhnt. Anfangs musste er 
wohl, wenn die Andern bestellt hatten, stets wiederholen : »Mir 
bringen Sie nichtsc ; jetzt ist Heinrich schon eingeweiht und 
sagt immer gleich von selbst: »Herr Doctor — wie gewohn- 
lich, c Nur selten kommt es vor, dass Heinrich in seiner fein- 
sinnigen Weise in den Bart brummt: »Zum Anregungenholen 
allein ist das Kaffeehaus nicht dac, aber sonst kann unser 
Gast mit der Bedienung zufrieden sein; er müsste sich be- 
klagen, wenn sie zu aufmerksam wäre. Man hilft ihm nicht 
von seinem Hut und schweren Winterrock, und lässt ihn 
stundenlang Vorträge über die Bedeutung der ihm Zu- 
hörenden halten. So steht er da, Begeisterung schlürfend, 
heftig gesticulirend : er wäre ein grosser Schmock geworden, 
auch wenn er ohne Hände auf die Welt gekommen wäre. 



KRITIK. 



Burgtheater. Zwei unlite- 
rarische , nicht einmal mit dem 
Handwerkszeug moderner Technik 
hergestellte Stücke. Das einactige 
Schauspiel »Das letzte Ideal« 
von L'Epine und A. Daudet 
behandelt ein ähnliches Thema 
wie »Sündige Liebe«, reducirt auf 
das durch den Ehebruch der Frau 
entzweite Paar. Der Ehebruchs- 
gehilfe wird uns geschenkt — er 
ist bereits todt und die Frau seit 
acht Jahren ihrem alternden Gatten 
wieder treu, der nur durch Zufall 
von ihrer petrefacten Unthat er- 
führt. Ein Mann, der nicht die 
Menschenkenntniss besitzt , aus 
kleinen Symptomen das Abwenden 
einer Person, die im engsten täg- 
lichen Verkehr mit ihm steht, 
wahrzunehmen, und erst dann tobt, 
wenn die Frau das Alter für Aben- 
teuer eben absolvirt hat, erweckt 
kaum unsere moderne Theilnahme. 
Herr Sonnenthal hatte Ge- 
legenheit, alle seine Erfahrungen 
im Bühnenehebruch zu reprodu- 
ciren, die er schon im Risler 
künstlerisch geordnet hatte. Fräu- 
lein Adele Sandrock arbeitete 
ihre Rolle bis in die unschein- 
barsten Details heraus. Der Pu- 
blicumsgatte, welcher sich der von 
ihr geschaffenen Gestalt erinnert, 
wird keine acht Jahre brauchen, 
um seine auf Abwege gerathene 
Gemahlin zu entlarven. Fräulein 



S a n d r o c k's Haltung , Mienen, 
Bewegungen und Tonansatz waren 
typisch getroffen, und so manche 
Publicumsfrau wird sich um andere 
Verstellungskünste umsehen müssen. 
Die Schauspielerin hat diesen das 
Kainszeichen des Verrathes auf- 
gedrückt. 

»Die Romantischen«, Vers- 
Lustspiel in drei Aufzügen von Ed- 
mond Rostand, deutsch von 
L. Fulda, geisselt die Sucht Lie- 
bender nach romantischen Aben- 
teuern, welche sich heutzutage ohne- 
hin nur mehr vereinzelt äussert. 
Zwei reiche Väter, die ihre an- 
einandergrenzenden Besitzungen in 
der Hand ihrer Kinder vereinigen 
möchten, markiren Feindschaft, um 
das Conventionelle Moment einer 
solchen Heirat abzuschwächen, das 
die jungen Leute abstiesse. Offt- 
ciell verbieten sie ihren Spröss- 
lingen Jeden Verkehr, vermitteln 
aber selbst heimliche Zusammen- 
künfte, arrangiren sogar eine Ge- 
fahr, in die das Mädchen geräth, 
und geben dem Jüngling Gelegen- 
heit, es zu retten, um dann in die 
Verlobung zu willigen. Als Percinet 
und Sylvette erfahren, dass ihre 
Abenteuer von langer Hand vor- 
bereitet waren, erkalten ihre Ge- 
fühle, und sie suchen wirkliche 
Romantik. Diese nun enttäuscht 
sie noch viel herber, und nur die 
Erinnerung an den Zauber der 



I20 



KRITIK. 



unechten Grefahren vermag sie 
wieder zusammenzuführen. — Von 
der Romantik, die der Autor ver- 
spotten will, ist am ersten Acte 
etwas Stimmung haften geblieben. 
Im Uebrigen erregten ein paar 
parodistische Züge, auf Romeo 
und Julie gemünzti flüchtige Heiter- 
keit. Die Seichtheit des Ganzen, 
die Fulda gelockt haben mag, er- 
müdete. — Die Darstellung entbehrte 
des persiflirenden Grundtones. Herr 
Mitterwurzer spielte den die 
Scheinromantik arrangirenden Hel- 
fershelfer des Väterpaares. Für 
derlei Rollen hat Gabillon eine 
Tradition hinterlassen, die festzu- 
halten Herrn Mitterwurzer bereits 
wiederholt misslungen ist. Ihm fehlt 
der bramarbasirende Humor, der 
sich durch Pointiren nicht ersetzen 
lässt. Ganz unzulänglich erwies sich 
Herr T r e s s 1 e r, Herrn Burckhard's 
neueste Entdeckung. Sek. 

Maximilian Harden. Litera- 
tur und Theater. — Berlin. 
Freund & Jeckel. 

Unter den Schriftstellern deut- 
scher Zunge wird keiner wohl 
mehr gehasst und keiner mehr ge- 
liebt als Maximilian Harden. Denn 
keiner ist schonungsloser als Feind 
imd keiner zärtlicher als Freund 
wie gerade dieser grosse Literat. 
Das ist das Charakteristische an 
ihm: das Unbedingte. Er verehrt 
oder er verdammt, vor dem Einen 
kniet er, und auf den Andern 



setzt er stolz seinen Fuss. Halbe 
Gefühle sind ihm fremd, Gleich- 
giltigkeit kennt er nicht ; was man 
bei Deutschen nur zu selten findet, 
ist er: ein Temperament. So treibt 
ihn jede Stellungnahme sofort zur 
Schlacht. Ob er g^en Feinde sich 
stemmt oder für Freunde sich ein- 
setzt — immer finden wir ihn in 
der Fechterstellung. Es ist ein 
Dasein um den Kampf. Aber seine 
Klinge ist fein, ist haarscharf ge- 
schliffen, und er fuhrt sie mit 
einer leichten, spielerischen Ele- 
ganz, die in ihrer Sicherheit ver- 
blüfft; die Riesenzahl der tief Ver- 
letzten, die ihn mit heissem 
Grimm verfolgen, stellt seiner gra- 
ziösen Gladiatorkunst das denkbar 
ehrendste Zeugniss aus. Für den 
Aesthetiker Harden gelten diese 
Sätze nicht weniger wie für den 
stürmisch befehdeten Politiker. 
Seine literarischen Aufsätze, seine 
Essays — begeisterte Vertheidi- 
guugen sind es oder flammende 
Anklageschriften. Und dennoch ist 
Harden kern blosser Kampf kritiker. 
Wer wie er die heimlichsten Mängel 
eines angegriffenen, die letzten 
Absichten und Reize eines ver- 
theidigten Werkes aufzudecken 
weiss, der ist gewiss unendlich 
mehr. Vielleicht dürfen wir von 
Sainte-Beuve, seinem Lehrer, das 
ehrende Epitheton entlehnen, das er 
verdient, und dankbar und freudig 
ihn einen erklärenden Kampf- 
kritiker heissen. jr, st. 



Hcrausi^cber und verantwortlicher Redacteur : KudolfStrauss. 
Ch. ReUser & M. Wertbner, Wien. 



^iener {Rundschau. 



1. JANUAR, 1897. 



DER BOBOK. 

Memoiren einer Person. 

Von Feodor Michailowitsch Dostojewsky. 

Deutsch von Nina Hofmann. 

Da sagt mir Semjoa Ardaljonowitsch vorgestern plötzlich : »Ja» 
wirst du jemals nüchtern sein, Iwan Iwanytach ? Sag' mir das, um aller 
Barmherzigkeit willen Ic 

Ein seltsames Verlangen I Ich bin nicht beleidigt, bin ein sanfter 
Mensch, aber da hat man mich gar zum Narren gemacht. Da hat ein 
Maler mein Porträt gemalt, so zufällig. »Bist ja doch auch ein Literat,! 
sagte er. Ich bin ihm gesessen; er hat es richtig ausgestellt. Nun 
lese ich: »Tretet näher, seht Euch dieses krankhafte, dem Wahnsinn 
nahe Gesicht an.c Mag ja sein, aber warum denn das so grad aus- 
drücken? Das Gedruckte soll immer edel sein, Ideale braucht man, 
hier aber. . . 

Sag's wenigstens auf Umwegen, dazu hast du ja den Styl. Aber 
nein, auf Umwegen will er's einmal nicht. Jetzt verschwindet der Humor, 
der gute Styl, und Schimpfworte gelten für Witze. Ich bin nicht be- 
leidigt, bin, weiss Gott, kein solcher Literat, um verrückt zu werden. 
Eine Erzählung habe ich geschrieben, man hat sie nicht gedruckt — 
ein Feuületon, sie haben es zurückgewiesen. Solcher Feuilletons habe ich 
viele in verschiedene Redactionen getragen, überall hat man sie ab- 
gelehnt. »Sie haben kein Salz,« sagt man. 

»Was denn für Salz?« fragte ich spottend — »attisches?« 

Nicht einmal verstanden hat er's. Meistens übersetze ich für die 
Buchhändler Sachen aus dem Französischen. Auch Ankündigungen 
schreibe ich für die Kaufleute: »Eine Rarität 1« »Röthlicher Thee« — 
sage ich — »aus den eigenen Plantagen.« Auf diese Anpreisung ist 
Seiner Excellenz dem seligen Peter Matweitsch ein grosser Gusto ge- 
kommen. Auf Bestellung des Buchhändlers schrieb ich »die Kunst gefallt 
den Damen«. Solcher Büchelchen habe ich in meinem Leben sechs 



lO 



122 DOSTOJEWSKY. 

vom Stapel laufen lassen. Gerne möchte ich Voltaire'sche Bonmots 
sanmieln, furchte aber, sie könnten den Unseren nicht druckfähig er- 
scheinen. Was gibt's jetzt für einen Voltaire?. . . Knüppel gibt's und 
keine Voltaires. Die letzten Zähne haben wir einander ausgeschlagen. 
Nun, und da habt ihr meine ganze literarische Thätigkeit. Höchstens, 
dass ich in uneigennütziger Weise Briefe mit meiner vollen Unterschrift 
an die Redactionen sende, worin ich immerfort Mittheilungen mache, 
Rathschläge gebe, auf neue Bahnen hinweise. In eine Redaction habe 
ich in der vorigen Woche seit zwei Jahren den vierzigsten Brief ge- 
schickt, habe für die Postmarken allein vier Rubel ausgegeben. Mein 
Charakter taugt nichts, das ist's. 

Ich denke, der Maler hat mich nicht um der Literatur willen 
gemalt, sondern wegen meiner zwei symmetrischen Warzen auf der Stirn : 
»ein Phänomene. Ideen hat man nicht, also reitet man jetzt auf Phäno- 
menen herum. Nun, wie sind ihm auf dem Porträt meine Warzen 
aber auch gelungen I — Sie leben I — Das nennen sie Realismus. 

Was aber die Verrücktheit anlangt, so sind bei uns im vorigen 
Jahre Viele und wie geschickt, fiir irrsinnig erklärt worden 1 »Seht,« hiess 
es, »was bei einem solchen selbstständigen Talent« am Ende heraus- 
kam I . . . Das hätte man übrigens schon lange voraussagen können . . . < 
Das ist's ja, verrückt machen, das versteht man bei uns, gescheiter 
haben sie noch keinen gemacht. 

Der Gescheiteste von Allen ist meiner Meinung nach derjenige, 
der sich wenigstens einmal im Monate selbst einen Dummkopf nennt 
— eine heutzutage unerhörte Fähigkeit I Vormals wusste ein Dumm- 
kopf wenigstens einmal im Jahre von sich, dass er ein dummer Kerl 
sei; nun, und jetzt — nicht die Spurl Und so weit hat man die 
Dinge verwirrt, dass man einen Dummkopf von einem Gescheiten gar 
nicht mehr unterscheiden kann. Das haben sie absichtlich gethan. Dabei 
fällt mir ein spanischer Witz ein. Als vor zwei und einem halben Jahr- 
hundert die Franzosen das erste Irrenhaus bei sich bauten, da sagte 
man: sie haben alle ihre Dummköpfe in ein eigenes Haus gesperrt, 
um zu beweisen, dass sie selbst gescheite Leute sindl 

Das ist nicht richtig, dadurch, dass du einen Andern ins 
Narrenhaus sperrst, beweisest du deinen Verstand noch nicht; >K. ist 
verrückt geworden«, soll heissen: »Jetzt sind wir gescheit.« Nein, das 
heisst es noch nicht. 

Uebrigens, zum Teufel. . . was habe ich mich da mit meinem 
Verstände breit gemacht? Ich schwatze und schwatze, sogar der Magd 
bin ich schon zuwider. Gestern besuchte mich ein Freund. »Dein Styl,« 
sagt er, »verändert sich, wird gehackt. Du spaltest und spaltest; zu- 
erst ein Zwischensatz, dann zu diesem wieder ein Zwischensatz, dann 
schaltest du noch etwas ein, und dann spaltest und zerhackst du aber- 
mals.« — 



DER BOBOK. 123 

Der Freund hat Recht. Mit mir geht etwas Seltsames vor; mein 
Charakter verändert sich, und der Kopf thut weh. Ich fange an, ge* 
wisse seltsame Dinge zu hören und zu sehen. Nicht gerade Stimmen, 
sondern als rufe Jemand unter mir Bobök, Bobök, Bobök! 

Was für ein Bobök 1 Ich muss mich zerstreuen. 



Ich ging, um mich zu zerstreuen, gerieth zu einem Begräbniss. 
Ein entfernter Verwandter von mir. Eine Witwe, fünf Töchter, alle 
unverheiratet. Wenn man nur an die Stiefletten dei^t, wie hoch kommt 
das zu stehen! Der Selige hatte dafür gesorgt, nun, und jetzt — ein 
Pensiönchenl Sie werden die Schleppen einschlagen. Mich haben sie 
immer unfreundlich aufgenommen; ich wäre jetzt auch nicht dazu 
gegangen — wäre es nicht eben ein besonderer Zufall gewesen. Ich 
ging mit den Andern im Leichengefolge bis zum Kirchhof. Man geht 
mir aus dem Weg, man ist hochmüthig — meine Montur ist that- 

sächlich etwas schäbig. Fünfundzwanzig Jahre, denk' ich, war ich 

auf keinem Friedhof. Das ist noch ein Plätzchen! 

Erstens der Geruch. Fünfzehn Todte hat man herbeigebracht, die 
Sargdächer *} waren zu verschiedenen Preisen, sogar zwei Katefalke waren 
da, für einen General und für irgend eine Dame. Viele traurige Gesichter, 
auch viel geheuchelte Trauer, aber auch viel unverhohlene Lustigkeit. 
Die Gemeinde braucht sich nicht zu beklagen — Einnahmen winken ihr 
genug. Aber der Geruch, der Geruch. Ich möchte hier nicht geistliche 
Person sein. 

Die Gesichter der Verstorbenen habe ich mir mit Vorsicht an- 
geschaut, da ich mich auf meine Erregbarkeit nicht verlassen konnte. 
Es gibt sanfte Todtengesichter, es gibt auch unangenehme. Im Allge- 
meinen haben sie ein böses Lächeln, manche sogar ein sehr böses. 
Das liebe ich nicht — man träumt davon. 

Nach der Messe trete ich aus der Kirche; der Tag war ein 
wenig grau, aber trocken. Auch kühl war's — nun freilich, es ist ja 
October. Ich ging zwischen den Grabhügeln herum. Verschiedentliche 
Kategorien gab es da. Die dritte zu dreissig Rubeln, scheint ganz 
anständig und ist dabei gar nicht so theuer. Die ersten zwei stehen 
in der Kirche und in der Vorhalle; nun, die sind schon gesalzen. 
In der dritten Kategorie wurden diesmal sechs Leute begraben, unter 
diesen der General und die Dame. 

Ich habe in die Gruben hineingeschaut — schrecklich! Wasser, 
und was für Wasser I Ganz grün und . . . nun, was noch Alles ! 
Beständig warf der Todtengräber mit einer Schöpfschaufel davon hinaus. 
Ich trete, während drin der Gottesdienst noch dauerte, aus dem Thore. 
Hier, knapp nebenan, ist das Armenhaus und etwas weiterhin auch 
ein Restaurant. Nicht übel das Restaurantchen, man bekommt was 
zu essen und sonst noch was. Es war gestopft voll von Trauergästen. 

*) Die Särge bleiben bei der Leichenfeier unter SargdSchem offen in der 
Kirche stehen. 



xo* 



124 DOSTOJEWSKY. 

Ich sah da viel Lustigkeit und herzliche Fröhlichkeit. Ich ass und trank 
etwas. 

Danach betheiligte ich mich eigenhändig an der Uebertragung des 
Sarges aus der Kirche nach dem Grabhügel. 

Warum werden die Todten im Sarge gar so schwer? Man sagt 
in Folge irgend einer Trägheit der Materie, dass der Körper sich 
gleichsam selbst nicht regieren könne . . . oder einen ähnlichen Unsinn. 
Das widerspricht der Mechanik und dem gesunden Menschenverstände. 
Ich liebe es nicht, wie man bei uns, trotz einer bloss allgemeinen Bil- 
dung, sich in Besonderheiten einmengt und über sie entscheidet. Bei uns 
geschieht das durchwegs. Beamte lieben es, über militärische, sogar über 
Feldhermangelegenheiten zu urtheilen. Leute von technischer Bildung 
urtheilen am liebsten über Philosophie und Nationalökonomie. 

Zum Leichenschmaus bin ich nicht gefahren. Ich bin stolz, und 
wenn man mich nur in aussergewöhnlichen, unvermeidlichen Fällen 
empfslngt, so sehe ich nicht ein, warum ich bei ihren Gastmählern 
herumziehen soll, auch wenn es Trauermahle sind. Ich begreife nur 
nicht, warum ich auf dem Friedhof blieb; ich setzte mich auf einen 
Grabstein und begann in dieser Stimmung zu spintisiren. 

Ich fing mit der Moskauer Ausstellung an und endigte mit der Ver- 
wunderung im Allgemeinen, als Thema gedacht. Da ist nun, was ich 
über die > Verwunderung c herausbrachte: 

»Sich über Alles zu verwundem ist natürlich dumm; über gar 
nichts aber verwundert zu sein, ist bedeutend hübscher und wird aus 
irgend einem Grunde als guter Ton bezeichnet. Allein in Wirklichkeit 
ist es wohl kaum so. Nach meiner Meinung ist es viel dümmer, sich über 
nichts zu verwundem als über Alles. Ja, und ausserdem: sich über 
nichts verwundem ist fast dasselbe, wie nichts schätzen, der dumme 
Mensch versteht eben nichts zu schätzen.« 

»Ja, ich will vor Allem schätzen, ich dürste danach, etwas 
zu schätzen,« sagte mir da neulich ein Bekannter. 

Er dürstet danach, etwas hochzuhalten? Du lieber Gott, dachte 
ich, was geschähe mit dir, wenn du es wagtest, das jetzt zu dmckenl 

Hier ging mein Denken in Träumen über. Ich liebe es nicht, 
Grabschriften zu lesen, immer Eines und das Nämliche. Auf der Grab- 
platte neben mir lag eine unaufgezehrte Butterbemme ; dumm und nicht 
am Platze I Ich warf sie auf die Erde, weil es doch nicht Brot war, 
sondern nur eine Butterbemme. Ich muss annehmen, dass ich lange 
da sass, sogar zu lange ; das heisst, ich legte mich sogar auf den Stein 
hin, der die Form eines Marmorsarges hatte. Wie aber kam es, dass ich 
plötzlich verschiedene Dinge zu hören bekam ? Ich merkte anfangs nicht 
darauf und verhielt mich verächtlich dagegen. Allein das Sprechen dauerte 
fort. Ich höre dumpfe Laute, als ob die Redenden von Kissen bedeckt 
wären, dabei aber tönt es deutlich und sehr nahe* Ich ermunterte mich^ 
setzte mich auf und fing an, aufmerksam zu lauschen. 



DER BOBOK. I25 

»Euer Excellenzy das geht einfach nicht, HerrI Sie haben Coeur 
angesagt, ich adoutire, und nun haben Sie plötzlich sieben Carreaux. 
Man hätte frilher wegen der Carreaux übereinkommen müssen.! 

»Was soll denn das Auswendigwissen beim Spiel, wo bleibt dann 
der Reiz?€ 

»Das geht nicht, Excellenz, ohne Garantie zu spielen geht durchaus 
nicht. Es ist unbedingt ein Strohmann nöthig und eine blinde Karte.« 

»Nun, einen Strohmann bekommen wir hier nicht.« 

Was waren das für hochfahrende Worte I Seltsam war's imd 
unerwartet. Die eine Stimme klang behäbig und compact, die zweite 
gleichsam weich und süsslich. Ich würde es nicht glauben, wenn 
ich es nicht selbst gehört hätte. Was ist hier fiir eine Partie Pr6f6rence 
im Zuge, und was ist's für ein General? Dass dies unter den Grab- 
hügeln hervorklang, daran war kein Zweifel. Ich beugte mich vor und 
las die Aufschrift des Grabmals: 

»Hier ruht die Hülle des Generalmajors Kerwojedow, Ritters 
dieser und dieser Orden.« Hm. »Er verschied im August dieses Jahres 
im 54. Lebensjahre . . . Ruhe sanft, theure Asche, bis zum freudigen 
Erwachen ! . . . « 

Hm, Teufel, in der That em Generali Auf dem zweiten Hügel, 
von dem die schmeichelnde Stimme herdrang, befand sich noch kein 
Denkmal Es war nur ein Täfelchen, da — es musste ein Neu- 
angekommener sein. Der Stimme nach war's ein Hofrath. 

»Och, cho, cho, chol« hörte man nun, etwa fünf Klafter weit 
vom Generalsplatz entfernt und schon unter einem ganz frischen Hügel 
hervor eine neue^ ehrfUrchtig-innig abgeschwächte Stimme, die Stimme 
eines gemeinen Mannes. 

»Och, cho, cho, cho!« 

»Ach, er fängt schon wieder an!« erscholl plötzlich die capriciöse 
Stimme einer aufgeregten, offenbar der grossen Welt, entstammenden 
Dame. »Eine wahre Strafe für mich, neben dem Krämer zu liegen I« 

»Ja warum haben Sie sich hergelegt?« 

»Die Gattin imd die Kinderchen haben mich hergelegt, nicht ich 
selbst habe mich hier hergebettet I Des Todes Geheimniss I Auch möchte 
ich mich nicht neben Sie hinlegen, nicht um Alles in der Welt, nicht 
um alle Schätze. Auch liege ich für mein eigenes Capital hier, dem 
Preise nach zu urtheUen, denn das können wir uns schon gestatten, 
dass man uns in ein eigenes Grab der dritten Kategorie lege.« 

»Zusammengescharrt, die Leute übervortheüt?« 

»Womit kann ich Sie übervortheilen, wenn seit Jänner ge- 
rechnet keine einzige Zahlung von Ihnen bei uns eingegangen ist. Ihre 
Rechnung liegt bei uns im Laden.« 

»Na, hier Schulden einzufordern, das ist doch wirklich dumm. 
Steigt doch hinauf, fragt bei meiner Nichte an, die ist die Erbin.« 

»Ja, wo fragst du jetzt und wo gehst du jetzt hin? Wir haben 
beide unsere Grenze erreicht und sind einander vor Gottes Gericht in 
Sünden gleich.« 



126 DOSTOJEWSKY. 

»In Sünden gleich !c schrie verächtlich spottend die Verstorbene, 
»wagt es nicht, überhaupt mit mir zu sprechen 1< 

»Och, cho, cho, cholc 

»Immerhin, Excellenz, gehorcht der Krämer der Dame.c 

»Warum sollte er denn nicht gehorchen?! 

»Nun, natürlich, Excellenz, da doch hier eine neue Ordnung 
ist ... € 

»Was ist denn das, eine neue Ordnung ?c 

»Wir sind ja sozusagen gestorben, Excellenz. c 

»Ach ja! nun immerhin eine Ordnung . . . c 

Nun, sie haben mich wirklich herausgerissen, da ist nichts zu 
sagen, zerstreut haben sie michl Wenn es schon hier dazu gekommen 
ist, was soll man da erst in den oberen Etagen suchen. Was sind das 
aber für Spässe?! Gleichwohl fuhr ich fort, ilmen zuzuhören, obschon 
mit ungeheurer Entrüstung. 

(Fortsetzung folgt.) 



TRAUM.*) 

Von Georg Hirschfeld (Berlin). 

Ich kam zu Gott. DeDn eine hohe Gabe 
Floss seine Hand für meine Seele aus: 
Ich wachte auf in meinem jungen Grabe 
Und stieg an eines Engels Hand heraus. 

Da war die Nacht in Silberbläue, 

Und Sterne neigten sich so nah 

Und waren mit weichen Händen da, 

Die letzten Thränen aufzufangen. 

Die mir vom Leben her in Augen blieben hangen. 

Ich hatte tief gefühlt und eigen, 

Ich konnte mich dem Elend neigen 

Und führte es gern in den Frühling hinaus. 

So hold geschaffen bist du, meine Welt, 

So eigengekräftet, blumendurchhellt. 

So frei für die Freiheit, Frieden, Dank 

Und doch so krank 

In deinem Nichtbegreifen. 

Nebelstreifen 

Legst du dir selber um die Stirn. 

Von Geschlecht zu Geschlecht 

Erbt sich ein todtes Sclavenrecht. 

Viel Leichen schwimmen den Silberstrom 

Allabendlich zum Frieden ein — 

Die mögen alle ruhig sein 

Und sprechen doch der Ruhe Hohn. 

Gelebt in müder Sehnsucht nach dem Hafen, 

Und in der Stunde des Erreichens eingeschlafen. 

Der Engel, der mich weckte, war ein Kind, 

Die Augen wie ein Bergsee tief, 

Und freie, süsse Wonne lief 

Aus seiner Hand mir in die meine. 

Wie Elend küssende Himmelsreine. 



*) Der Dichter, dessen Schauspiel »Die Mütter« auch in Wien so grossen, 
ehrlichen Beifall weckte, theilt ans mit, dass diese Verse ihr Entstehen dem 
Uhdeschen Bilde »Nach kurzer Rast« verdanken. 



128 HIRSCHFELD. 

Ich fragt' ihn scheu: »Führst du mich nun zu Gott? 
Ich hoffe, Gott . . .« 

yFühlst du ihn schon?' 

Fragt mich sein süsser Kinderton. 

,£ndloser Weltraum athmet um dich her, 

Der Sterne strahlendes Wandehneer. 

Blick' auf den Pfad, den deine Füsse schreiten, 

Demanten sich darüber breiten, 

Noch kömig, und wo sie zusammenfliessen. 

Zuoberst, im geahnten Licht, 

Ist Gott — und siehst du ihn auch nicht. 

So wirst du ahnend ihn gemessen/ 

»O, kehrte noch im Tode nicht die Sonne 

In meine armen Augen ein? 

Muss ich vor meiner letzten Wonne 

So menschlich noch geblendet sein?« 

,Es lebt in dir sein Bild, in deinem Sehnen, 
Und schöner sehe ich ihn nicht. 
Em Jeder hat im Reich des Schönen 

Ein Gottesbild im Angesicht.' 

Still imd gleitend schwebt er weiter. 

Wie ein Engel und ein Traum, 

Die demant'ne Strahlenleiter. 

Und mir war, als sei das hohe Wesen 

Nur mein eig'ner Drang zum Licht gewesen, 

Sinnend folg' ich seinem Saum. 

»Wo sind Gottes and're Todten? 
Bin denn ewig ich allein? 
Unter stillen, freien Todten 
Muss auch meine Liebe sein.« 

• ,Weiss es nicht. Der weiss es oben.* 

»O, wie die Demanten funkeln. 

Wie sie glühend sich verdunkeln — 

Sind die Sterne unter uns? 

Sind wir schon so hoch gestiegen? 

Weisse Adler seh* ich fliegen. 

Unten ist ein Silberdunst. 

Sind die Sterne Menschenwelten? 

Sag' es mir, sie sind so nah.« 



TRAUM. 129 



,Weiss es nicht, der weiss es oben, 
Wag* den Blick, denn wir sind da . . . 
Sei geheiligt und geniesse.' 

Und ich fühlte es sich weiten, 

Pfadlos ew'ge Ewigkeiten, 

Und es drängte sich mein Ahnen 

Aufwärts, immer neue Bahnen — — 

Wonnevolles Gottessuchen . . . 

Und ein Wunsch aus meinem Munde 

Wagt sich vor den Weltberather, 

Rembewusst der Feierstunde 

Fühlt' ich mich als Kind dem Vater. 

»Bm ein Mensch, o neig* dich nieder, 
Mensch zu sein ist deine Ehre, 
Doch wir brauchen eine Lehre, 
Sende einen Christus wieder. 
Herrlich und zerrissen ist der Menschengeist, 
Tausend deiner Räthsel hat er schon ergründet. 
Doch vor allen Schätzen, die er blutend findet. 
Flieht die Liebe, die ihn in die Kindheit weist.« 

Strahlende Reihen 
Höchsten Ortes, 
Feme Schalmeien 
Femen Wortes: 

»»Kind Christus sandt' ich eurer Kindheit, 
Kinderaugen sind Führer der Blindheit — 
Den Weg der Lehre habt ihr verloren, 
Mann Christus werde in euch geboren. 
Einsamer Drang muss einsam es ergründen. 
Ein Jeder in sich selbst Erlösung finden — 
Die sündige Reife nun zu reinen. 
Sind alle Kreuze nöthig statt des einen.«« 

Nebel schieben sich zu Füssen, 
Duflig graues Silberfliessen, 
Schweigen, Dunkeln, Niederschweben, 
Schaudernd fühl' ich neues Leben, 
Breite meine Arme aus. 
Nebel werden Wetterwolken, 
Steme zucken schwach heraus. 
Und ich steh* in meinem Lande, 
In dem alten Erdenbande, 
Kalte, weisse Wintemacht. 
Endlos breitet sich der Boden 



I30 HIRSCHFELD. 

Schneegedeckt, ein Leichentuch, 
Und den Duft, den alten, todten, 
Athme ich, den Erdgeruch. 
Trüb in Schnee gestampfte Strasse 
Schliessen fem in dunkehi Reih*n 
Sturmverwehte Weiden ein. 
Und in müder, blauer Feme, 
Wo die Nacht den Boden küsst. 
Wo die Stadt der Menschen ist, 
Zittern trübe Dunkelsteme. 

Starr im neuen Lebensbann 
Halte ich verweilend an. 

Sieh', da nahen durch die Nacht 

Menschen zwei in Arbeitstracht, 

Wollen noch die Stadt erreichen^ 

Starren nach den Lichterzeichen 

Fem hin. Und die zwei Gestalten 

Lösten mir die Traumgewalten 

In der todten Wintemacht. 

Bilder eines grossen Leides, 

Das den stärksten Daseinskämpfen! 

Stummvergess'ne Gräber macht. 

Jung« die Frau, die Züge reif und krank. 

Kommendes Leben schon im müden Leib, 

Zu Tode matt am Weg sie niedersank. 

Milde, wortlos hält der Mann sein Weib, 

Beugt sich zu ihr und spricht ihr bittend Muth 

Und hält sie wie sein letztes Gut 

Die Bürde hat er ihr abgenommen, 

Doppelt beladen; in zitterndem Frost 

Ist er mit ihr den weiten Weg gekommen. 

Aber es ist keine Schuld 

In dem sturmverwehten Gesicht — 

Ernst nur und Geduld. 

Langsam steigen ihre Augen 
Auf zu ihm in stummer Liebe, 
Dass sie ihm erhalten bliebe, 
Will aus ihm sie Stärke saugen. 

Und sie wandelt mit ihm weiter. 
Schwer gestützt auf ihren Leiter, 
Immer weiter — schwinden dann. 
Und im weissen Mondenschein 
Schien der ernste Arbeitsmann 
Auch ein Christus mir zu sein. 



WIE WAR ... 131 

WIE WAR . . . 

Wie war dein schöner Leib mir hold 
und ist mir süss bekommen 1 

Nun deine Seele so gewollt, 
du hast ihn mir genommen . . . 

Die Pracht; die einst mein Eigen war, 
sie hält mich noch gefangen 

Hüir ein dich in dein goldnes Haar — 
mich todtet mein Verlangen . . ! 

Wien. Hermann Hango. 



zu DEN STERNEN. 

Eraählnng von FjODOR SSOLOGUB (Petersburg). 
Antorisirte Uebersetznng von Alexander Brauner.. 

(Schluss.) 

Der Student folgte ihm voller Angst, dass Seijoscha wieder keck 
werden könnte. Seijoscha aber ging auf die Cousine zu, blieb vor ihr 
stehen, machte einen Kratzfuss imd sagte mit tonloser Stimme, wie 
man was Emgelemtes herunterleiert: 

»Verzeihen Sie mir, Cousine, dass ich Ihnen eine Frechheit gesagt 
habe.« Seine Wangen färbten sich dabei gar nicht. Mit kalten Augen 
blickte er in das verstellt wohlwollende Gesicht der Cousine, stand 
noch eine Weile vor ihr, bückte sich darauf hastig und küsste ihre 
Hand mit einer Bewegung, als führte er einen an sich ganz uninter- 
essanten, doch eben gebräuchlichen Act aus. Die Cousine lächelte 
sehr sauer. 

»Ich bin nicht böse,« sagte sie, »aber es ist für dich selbst 
schlecht, wenn du dir das Frechsein angewöhnst.« 

Serjoscha machte wieder einen Kratzfuss, ging ebenso ruhig auf 
die Mutter zu und that bei ihr dasselbe wie bei der Cousine. Mama 
sagte ihm mit unzufriedener Stimme: 

»Wärst du nicht frech, hättest du's auch nicht nothwendig, um 
Verzeihung zu bitten.« Serjoscha ging auf den Vater zu. Der stellte sich 
strenge und böse, doch Serjoscha wusste, dass es ihm ganz gleich, dass 
er ein — Fremder sei. 

»Was hast du wieder angestellt, du Strick?« fragte der Vater. 
Serjoscha machte ein finsteres Gesicht und kam darauf, dass er ja 
gar nicht zu antworten brauchte. Der Vater dachte nach und fand keine 
strengeren Worte. Das machte ihn böse. 

»Wanze!« lachte er geärgert und kniff den Sohn in die Wange. 
»Du wirst noch einmal was Gutes verdienen!« 

»Nur nicht heute, bitte,« sagte Serjoscha ernst und rieb sich die 
Wange, auf der ein rother Fleck erschien. 

»Geh' auf dein Zimmer!« drohte düster der Vater. 

Serjoscha schritt hinaus, während man den Studenten noch zurück- 
hielt. Serjoscha folgerte daraus, dass man über ihn sprechen werde. Er 
ging nur einige Schritte weit, kehrte leise zurück, versteckte sich hinter 
der Portiere und horchte. 



zu DEN STERNEN. 133 

»Und haben Sie bemerkt,« sprach die Mama mit unaufrichtiger, 
gequälter Stimme, »wie feindselig er um Verzeihung bat?« 

»Wem ist er eigentlich so böse nachgerathen ?« fragte die Cousine. 

»Nerven,« brummte der Vater, »man behandelt den Buben wie 
ein Mädel, deshalb ist er nervös geworden.« 

»Ach was — Nerven!« sagte plötzlich roh und laut die Tante, 
»Ihr habt den Jungen einfach verwöhnt. Streng muss man sein!« 

»Wie, noch strenger?« antwortete der Vater brüsk. »Soll man 
ihn vielleicht schlagen, was?« 

»Natürlich, es möchte gar nicht schaden, das wäre für ihn sogar 
sehr nützlich.« 

»Das geht nicht,« sagte der Vater entschlossen und missmuthig, 
nicht weil er so dachte, sondern weil er ein derartiges Gespräch mit 
Damen für unanständig hielt und sich dabei der rohen Worte schämte. 

»Ja, warum denn nicht?« widersprach die Tante. »Hast du viel- 
leicht Angst, dass er auseinanderfällt?« 

»Aber ich verstehe solche Redereien einfach nicht,« sagte der 
Vater aufgeregt, indem er sofort den Ton änderte und von was 
Anderem sprach, um dieses ihm unangenehme Thema zu verlassen. »Ja, 
ich hätte fast vergessen, ich bin heute Abend bei Leonid Pawlowitsch « 

Serjoscha ging rasch von der Thüre fort und war bestrebt, keinen 
Lärm zu machen. Er ging in den Garten. 

Als er bei der Küche vorbeikam, hörte er, wie Barbara dort der 
Köchin lachend erzählte: 

»Und unser Knirps hat das Fräulein fein abgeführt.« 

Und sie erzählte, was Serjoscha gesagt hatte, und fügte Manches 
hinzu, und wiederholte Falsches, und sie lachten laut und gemein. Ser- 
joscha ging weiter. Er fühlte einen dumpfen Groll in sich. »Ueberall lachen 
sie,« dachte er, »die Menschen können nichts Anderes, als übereinan- 
der lachen.« Er hob den Kopf gegen den Himmel, der von einer weiss- 
lichen Bläue überzogen war. Bange senkte Serjoscha das Haupt und 
schlenderte faul durch den Garten. 

Ganz am Ende des sandigen Weges sass ein kleiner magerer 
Frosch. Er ekelte Serjoscha an. Ein lustiger Knabengedanke kam ihm 
plötzlich in den Sinn. Freudig leuchteten seine schwarzen Augen. Er 
bückte sich und hob den Frosch auf. Er war schlüpfrig, glatt, und es war 
Serjoscha sehr unangenehm, ihn in der Hand zu halten. Dieses Gefühl 
des eklig Schlüpfrigen floss durch seinen ganzen Körper imd kitzelte 
ihn im Halse. Ungeduldig, vor Eile stolpernd, lief er ins Gastzimmer. 
Der Vater war nicht mehr dort, aber die Andern sassen noch auf 
ihren Plätzen. Alle Drei blickten Serjoscha verächtlich lächelnd an. 
Er aber ging geradeaus auf die Cousine zu. 

»Schauen Sie mal,« sagte er, »was für einen schönen Frosch ich 
gefangen habe« . . . 



134 SSOLOGUB. 

Und er legte den Frosch auf die Knie der Cousine. Diese schrie 
verzweifelt auf und sprang von ihrem Sitze. 

»Ein Frosch, ein Frosch!« schrie sie und schlug wie wahnsinnig mit 
den Händen um sich. 

Alle sprangen verwirrt empor, Serjoscha aber stand da und blickte 
auf die Cousine, welche schrie und hysterisch weinte. Es schien Ser- 
joscha, dass sie sich verstellte, und er schämte sich ihretwegen. 

»Er ist doch unschädlich,« sagte er, »und er beisst doch nicht.« 

Als er aber sah, dass man ihm nicht zuhörte, drehte er sich leise 
um und ging aus dem Zimmer. Man hielt ihn nicht auf, weil das Fräulein 
einen Anfall hatte und Mama und die Tante ihr das Schnürleibchen 
aufmachten und ihr Wasser mit Tropfen zu trinken gaben. 

Serjoscha wusste genau, dass man ihn jetzt bestrafen werde, aber 
es war ihm ganz egal. 

In seinem Zimmer setzte er sich auf das Fensterbrett und blickte 
mit den bösen, schwarzen Augen in den Garten. Die Bäume mit ihren 
langen Zweigen waren grell-grün, die Spatzen sprangen herum, die 
Sonne warf scharfe Schatten auf die Erde, und der gelbe Sand glitzerte 
blendend. Alles war roh und Alles ärgerte Serjoscha — sein Herz 
schmerzte ihn, und er fühlte das genau so deutlich, wie man einen 
Schmerz im Fusse oder in der Hand spürt. Seinen Hass weckte und 
stachelte es; er stellte sich vor, was man mit ihm machen, wie man 
ihn schimpfen und beschämen und dann mit der Prügelei beginnen 
werde. Klein, wie er ist, findet er auf Barbaras Schosse dann Platz, 
sem Kopf hängt herunter und die Hände breiten sich hilflos auseinander. 

Doch Hess man Serjoscha heut in Ruhe. Die Mama wurde 
von einer vornehmen, reichen Dame besucht und hatte darüber 
eine ausserordentliche Freude. Die Dame war sehr liebenswürdig, 
sehr theilnehmend, man erzählte ihr von Serjoscha, worauf sie den 
Wunsch äusserte, ihn zu sehen. Serjoscha machte den vorgeschriebenen 
Kratzfuss, küsste ihr die Hand und blickte sie aufmerksam und feind- 
selig an. Es kam ihm vor, dass sie gross, roh und dunkel war und in 
ihren pompösen, rauschenden Kleidern imangenehm nach Parfüm roch. 
Unharmonisch gemengte, scharfe Odeurs strömten von ihr, und auf ihrem 
Gesicht lag etwas Fremdes, Poudre oder Schminke. Die Dame wollte den 
Knaben anlächeln, der so klein war, doch riefen seine schwarzen, auf- 
merksamen Augen eine dunkle Unruhe in ihr hervor. 

»Lassen Sie ihn in Ruhe,« sagte sie zu Serjoschas Mutter, »ja, 
lassen Sie ihn in Ruhe. Er soll spielen. Er muss wachsen. Alles kommt 
daher, weil er für sein Alter zu klein ist.« 

Und man liess Serjoscha in Ruhe, überliess ihn seiner dumpfen 
Erregung, die ihn unaufhörlich quälte, wie wenn die Sterne gestern ihn 
vergiftet hätten. Ungeduldig erwartete er den Abend, wo dieser helle 
und schwere Vorhang, mit dem die Sonne die Sterne verdeckt, wieder 
fällt. Und der Abend kam. 



zu DEN STERNEN. 135 



IV. 



Man schickte Serjoscha zeitlich zu Bett. Heute war die Mama 
zu Hause, und man erlaubte Serjoscha nicht, in den Garten zu gehen, 
doch weil er sich schlecht aufgeführt, durfte er auch nicht bei der Mama 
bleiben. Er war aber froh, als er ausgekleidet endlich in seinem 
Bette allein blieb . . . Der Tag ist zu Ende, die Sonne, dieses heisse 
und rohe Ungethüm, ist nicht mehr da, und die Nacht ist still, und 
auf dem Himmel sind Sterne, die man nach Herzenslust besehen darf: 
wenn man vom Bette aufsteht, ganz leise ans Fenster geht und das 
Rouleau ein bischen in die Höhe zieht. Er lag zusammengekauert auf 
seinem Lager, blickte auf das weisse Rouleau, lachte leise, und seine 
schwarzen Augen leuchteten freudig. Die Sterne riefen ihn mit kaum 
vernehmlichem, dünnem Klange. Serjoscha warf die Decke von sich, 
Hess die Füsse vom Bett herunterhängen und horchte. Der Teppich, 
den er berührte, war weich und warm. Es war angenehm, darauf zu 
stehen Serjoscha streckte sich aus, lachte vor Freude leise auf und 
lief zum Fenster; selbst die kalten Bretter des angestrichenen Fuss- 
bodens störten ihn nicht. Er schob das Rouleau etwas empor, legte 
sich, das Kinn auf dem Fensterbrett, vor dem Fenster auf die Knie, 
und begann mit seinen flimmernden, schwarzen Augen auf die hellen 
Sterne zu blicken. Beim verschwommenen Licht der Sterne schien es, 
dass über die leichte Fülle der blassen Wangen ein Lächeln huschte, 
doch er lächelte nicht mehr, wenn ihm auch fröhlich zu Muthe war. Lange 
blickte er auf die Sterne, die kalten und klaren, und durch die Scheiben 
der Fenster wehte auf ihn von dorther KiQte und Ruhe. Das Herz 
schlug heftig, glücklich in seiner Brust, und er athmete lustig und 
rasch, als ergiesse sich etwas Kühles und Fröhliches in seine Lungen« 
Er dachte an nichts, alles Tägige war wie ein Traum von ihm ge- 
wichen . . . 

Die Stimmen im Hause und auf der Strasse verstummten. Ser- 
joscha erhob sich, kam auf das Bett zu und begann sich anzukleiden. 
Seine Schuhe fand er nicht: man hatte sie weggenommen, um sie in 
der Frühe zu putzen. Doch er wusste, dass jetzt Alle schliefen, imd 
dass ihn keiner sehen würde. Er ging zum Fenster, öffnete es und kroch 
in den Garten hinaus, wobei er sich an den Zweigen der Birke fest- 
hielt. Unten, auf der Erde, ergrifif ihn die Feuchtigkeit und die Kälte 
der Juli-Nacht. Er schauerte zusammen. Doch die Sterne blickten 
auf ihn — und zu ihnen hob er sein unschönes, blasses Gesicht empor, 
lächelte glücklich und lief über die feuchte Erde vom Hause weg zu 
jener Bank, auf der er gestern die Sterne betrachtet Zweige streiften 
ihn, seine Füsse wurden feucht, und sein Herz schlug stürmisch, aber er 
beeilte sich, es war ja so viel Zeit schon verstrichen, und der gestirnte 
Himmel musste von dem blassen Lichte bald verhüllt werden. 

Er kam bis zu der Bank, legte sich darauf, blickte auf die Sterne 
und athmete, ohne noch zu lächeln, schwer auf. Er spürte Schmerzen: 
sein Herz pochte so stark, dass er es in der Kehle und in den Schläfen 



136 SSOLOGUB. 

wie scharfe, unangenehme Zuckungen fühlte. Er betrachtete die 
Sterne, um sein Herz so zu betäuben, das eine Zeitlang nicht schlug, 
doch nachher plötzlich wieder zu hämmern, zu schmerzen begann. Als 
es dann endlich zur Ruhe kam und nur noch leise in der Brust vibrirte, 
wurde Seijoscha bange und bebend-süss zu Muthe, und ein früher nie 
gekanntes Entzücken zwang ihn, die Zähne stark zusammenzupressen, 
verschob seine blassen Lippen mit einem krankhaften Lächeln. 

All diese Gefühle hinderten ihn, sich in die Sterne zu versenken, 
ausserdem stürzten ganze Schwärme unsinniger und unbedeutender Er- 
innerungen über ihn. Sie waren höchst langweilig, Serjoscha suchte sich 
ihrer zu entledigen, allein er konnte es nicht. 

Da steht die Cousine vor dem Spiegel, mit einer weissen Puder- 
quaste in der Hand und athmet neidisch. Der Vater hält eine Cigarre 
im Mund, von der sich ein bläulicher Rauch löst. Dann sieht er die 
Strasse, die Villen, die rothen Feuer in den Fenstern, und vom Bahn- 
hof fahren unendliche Reihen von Droschken, auf denen lauter grau- 
gekleidete Herren sitzen. Serjoscha steht am Dampfschiff-Quai, von den 
Sternen will er erzählen, aber Alle lachen ihn aus . . . 

Ein stechender Schmerz in der Brust durchdrang des Knaben 
ganzen Körper. Verschwommene, graue Schatten huschten an seinen 
Augen vorbei — etwas Schreckliches und Gesichtsloses strich hinter den 
Sträuchem blitzschnell vorüber. Langsam, an allen Gliedern zitternd, 
erhob sich Serjoscha von der Bank . . ; Ein dünnes Spinngewebe be- 
rührte seine Wange . . . Blass stand er da und blickte mit den schwarzen 
Augen in die Leere der Nacht . . . Alles war stül, war ruhig. Serjoscha 
wandte sich gegen das Haus — seine schweigsamen, aufmerksamen 
Fenster schimmerten in der Feme hmter den Sträuchem, und Serjoscha 
fühlte, dass es schrecklich sei, dorthin zu müssen, ja nur hinzuschauen. 
Er kehrte sich von diesem Hause ab und legte sich von Neuem auf 
die Bank. 

Nun ward ihm wohl zu Muthe. Das Herz hielt still, so stQl, als 
sei es nicht mehr in der Brust Serjoscha lauschte seinem Pochen, allein 
es schlug ganz gleichroässig, und nur ein leichtes, aber angenehmes 
Kitzeln spürte er irgendwo daneben. Serjoscha dachte nicht weiter an 
sein Herz. Alle Erinnerangen wichen plötzlich zurück, nichts hinderte 
ihn mehr, den Sternen sich zu überlassen . . . 

Und dann auf einmal sah er nichts mehr als die Sterne. Es wurde 
ganz stül, die Nacht ward dunkler, kam Serjoscha näher, hielt lauschend, 
wie er, den Athem an. Doch freudig schwiegen die Sterne, strahlten 
und flimmerten nur. Dann ward ihr Leuchten stärker, und sie wirbelten 
süss und wonnig, erst langsam, langsam, dann immer schneller und 
schneller dahin. Serjoscha blickte von seiner Höhe in ihre grundlose 
Tiefe herab, und es erschreckte ihn nicht, dass alle diese Sterne nicht 
wie früher weit oben glitzerten und glänzten, sondern tief, tief unter ihm. 
Wirbelnd flössen sie in helle Bogeu, bis mälig dann ihr Licht zerrann, 
als sei ein leichter Schlummer über sie gekommen. Zwischen ihnen 



zu DEN STERNEN. 137 

und Serjoscha spann sich ein weisses Tuch. Und in Serjoschas Händen 
fand sidi ein kluger, schimmernder Vogel aus Gold und Edelstein. 

»Schaue dich um!« sprach zu Serjoscha ein rosiger Knabe, der 
gleich ihm unter der Wölbung des Tuchzeltes stand. Serjoscha blickte 
zutraulich hin. Da entriss ihm der Junge den Vogel und eilte davon. 
Serjoscha fühlte, dass er schwimme und schaukle. Der Fliederzweig 
über ihm schwamm mit. Es ward ihm wieder bauge und doch unsäg- 
lich süss zu Muthe. Leise und zärtlich klangen die Sterne über ihm, 
bis ihre Töne später klagend wurden. . . . Serjoschas Leib durchfuhr 
ein Schauer, der von den Füssen bis zum Kopfe strich. 

»Rette dich! Zu uns!« flüsterten bebend die Sterne. Die Bank, auf 
der er lag, stiess Serjoscha an und mühte sich, ihn abzuwerfen. Der 
Wind zog vorbei — und schreckliche Laute erklangen plötzlich in den 
Bäumen. 

Serjoscha sprang empor. Sein Herz erzitterte, als hätte es Flügel 
erhalten. Die Erde wankte unter seinen Füssen. Etwas Eckiges und 
Schreckliches näherte sich ihm, etwas Biegsames mit stechenden, grünen 
Augen, das gell und furchtbar schrie. Hinter Serjoschas Rücken lachte 
Jemand mit roher, menschlicher Stimme. Doch über dem Chaos der 
rauhen, feindseligen Laute, welche Serjoscha betäubend rings um- 
schallten, klangen lockend, verheissend, mit leisen Stimmen die 
Sterne ; Serjoscha hörte sie. In der Luft schwebte ein feines, klebriges 
Spinngewebe und legte sich auf Serjoschas Wangen; in dem allge- 
meinen Wirrwarr und Lärm war es das einzig Stumme, und dieses 
Schweigen der klebrigen Masse war ihm das Fürchterlichste. 

Serjoscha wusste nicht, was er thun sollte, um sich vor diesem 
Lärm und diesem Spinngewebe zu retten. Angst bedrückte sein Herz, 
er begann zu laufen, wankend, stolpernd und weinend, ohne zu wissen 
wohin — seine Füsse wurden schwer, sein Herz schlug mit schwerem 
Gepolter in der Brust, und Alles ringsumher donnerte und knirschte 
mit den 2^hnen. 

Serjoscha lief an einen dunklen Birkenstamm, stützte sich mit den 
Händen an ihn, sprang wankend zurück und blieb in ängstlicher Ge- 
quältheit stehen, indem er flüsterte: 

»Was soll ich thun? Was soll ich thun?« 

So heftig krampfte sich sein Herz zusammen, dass ihn sein ganzer 
Körper schmerzte. . . . Aber plötzlich verschwanden der Schmerz und die 
Bangigkeit. Eine stille, leise Freude erfüllte Serjoscha. Er fühlte, dass 
ihn Jemand kühl behauchte und mit dem Rücken an die Erde lehnte. 
Und unter ihm, weit unter ihm, leuchteten wieder hell geruhige Sterne. 
Serjoscha breitete die Arme aus, stiess sich mit den Händen von der 
Erde ab und stürzte mit einem lauten, scharfen Aufschrei, ähnlich dem 
Heulen eines Nachtvogels, eilig und freudvoll von der dunklen Erde zu 
den klaren Sternen. Lustig wirbelten die Sterne, klar und laut ertönten 
sie, ihre goldenen Fittiche breiteten sie aus und eilten ihm entgegen. 



xz 



138 SSOLOGUB. 

Ein gewaltiger, doch unsäglich milder Engel hielt seinen weissen Flügel 
an Serjoschas Brust, umarmte ihn zärtlich und schloss seine Augen mit 
sanfter Hand. Und in des Engels Umarmung vergass Serjoscha Alles 
vergass er Alles fiir immer. 

Zeitlich in der Frühe fand man ihn beim Zaun im feuchten Grase. 
Die Arme ausgestreckt und das Gesicht dem Himmel zugekehrt, lag er 
da. Um seinen Mund, auf der blassen, von einem Lächeln gehobenen 
Wange schlängelte ein dunkler Blutstreif. Seine Augen waren geschlossen, 
das Gesicht unkindlich still — kalt und todt . . . 



RHYTHMEN. 

Von Felix RAPPAPORT (Wien). 

AHASVER. 

I. 

In deiner Augen Glühn hab' ich*s erkannt — 
Du bist von denen, 

die erliegen werden . . . 

Der Weg ist lang und heiss der Sonnenbrand — 
Ahasver wandelt immer noch 

auf Erden. 

Durch seine Adern zehrend schleicht der Brand, 
Er schreitet schweigend 

durch die Menschenheerden. — 

Eins bleibt dir, wenn auch alles Andre schwand - 
Die müde Schönheit 

rhythmischer Geberden . . . 

IL 

Die Feuer werfen Gluthschein durch das Feld, 
Im Hintergrunde 

starren die Ardennen; 

Er ruht im Traum in seinem Purpurzelt, 
Darum im Kreis 

zwölf hohe Fackeln brennen. 

Ein Satyrspiel wälzt draussen sich die Welt, 
Der sammtne Vorhang 

muss von ihm sie trennen: 



II* 



140 RAPP APORT. 

Sein Haupt; das glühnde, sie umschlossen hält 
Zu seiner Seele ward 

ihr Selbsterkennen. 



VENEDIG. 

I. 

Manche schreiten im Lichte . . . doch um dich her 
Dämmernd grünliche Schimmer 

den Pfad erhellen . . . 

Aus vergessenen Gärten schwül und schwer 
Ziehen die Düfte^ 

die welken Blüthen entschwellen. 

Längst gestorben ragt die Stadt aus dem Meer, 
Weisse Paläste 

umklagt von den wiegenden Wellen. 

Wie auf dem Feste der Masken gehst du einher, 
Wenn das Hörn erdröhnt 

und die Geigen gellen . . . 

II. 

In der Tiefe brausen die Wasser; doch oben 
Gleitet die Barke, die schlanke, 

im weissen Licht . . . 

Nicht die Stürme, die nachts um die Ufer toben. 
Die versunkenen Dome, 

du kennst sie nicht. 

Längst ist aller Wille zum Kampf zerstoben, 
Kaum ein Laut, 

der die fluthende Stille durchbricht - 

Aus deiner Tiefen smaragdenem Glanz gewoben. 
Ragt in steinernen Rhythmen 

das Gedicht . . . 



MELCHIOR LECHTER. 
Von Franz Servaes. 

Wir alle haben einst die Vergangenheit gehasst Wir waren schon 
beinahe böse, dass es überhaupt etwas wie eine Vergangenheit für 
unser Kunstschaffen gab. Denn wir waren geneigt, in ihr lediglich einen 
drückenden Ballast zu sehen, der uns am freien, leichten Schreiten 
hinderte. Wir sahen in ihr die paragraphirte Tradition, d. i. Convention. 
Und wider die Convention rannten wir Sturm voll zornigen Eroberer- 
muthes. 

Diese Zeiten des Sturmrennens sind jetzt vorüber. Die Bedeutung 
eines Kunstwerkes wird selbst von Hitzköpfen nicht mehr darnach ab- 
gemessen, wie provocirend es wirkt. Der Künstler, nachdem er alle 
Masken heruntergerissen hat, nimmt langsam die Maske wieder auf, 
seine Maske. Die »Fühlung mit der Zeitc scheint ihm nicht mehr so 
wichtig, oder er nimmt sie doch nicht mehr so grob wie in seinen 
jungen Revolutionsjahren. Leise richtet er zwischen sich und der Zeit 
wieder Schranken auf Er lebt nicht mehr ausschliesslich in der Gegen- 
wart, in deren Armuth und Dürre. Höher immer schwillt seine Sehn- 
sucht der Zukunft entgegen, und mit demuthvoUem Beben naht er, 
neuen Vertrauens voll, den aufgespeicherten Schätzen Jahrtausende alten 
Menschenfleisses. Der jugenddumme Grössenwahn, dass heute erst, eben 
heute, die wahre, die einzige Kunst entdeckt zu werden habe, hat 
weiserer Erkenntniss und Selbstbescheidung Platz gemacht. Das Ziel 
schraubt man nicht niedriger; aber man bläht sich weniger, um es zu 
erreichen. Und ängstlicher hält man von sich ab, was der Kunst fremd 
ist und nur dem Tage dient. »Unzeitgemässc beginnt man wieder zu 
werden, muss man werden, wenn man sein an vertrautes Talent in 
Reinheit verwalten will. 

Hinter uns liegt, das ist gewiss, ein Jahrzehnt der Explosionen. 
Vor uns liegt, wenn nicht Alles täuscht, eine Zeit der Abkllürung, der 
Reife. Dass man Neues will, hat man nun gezeigt; auch dass man 
Neues kann. So darf man wohl wieder das Alte wollen und sachte 
eine Verbindung anstreben mit dem frisch errungenen Neuen. 

Nach dieser Richtung scheint mir die Bedeutung eines Künstlers 
zu liegen, dessen Existenz jetzt einen lebhaften Streit der Werthmeinungen 
heraufbeschworen hat, Melchior Lechter's. Als er im »Salon 
Gurlittf (Berlin) im November 1896 als ein Reifer und Fertiger zum 
erstenmale auspellte, da hatte er, wie es schien, mit einem Schlage 
die gesammte Kunstwelt bezwungen. So rasche Erfolge machen indess 
stutzig. Und die kritischeren Geister sahen strenger auf Lechter hin, 
als dies vielleicht ihr erster Antrieb war. Wie kommt es, fragten sie 



142 SERVAES. 

sich, dass dieser Mann, der doch wie ein weltferner Priester vor uns 
hintritt, von banausischen Zeitdienem mit ungezügeltem Enthusiasmus 
als der Heiland der neuen Kunst ausgerufen wird? Hat er denn gar 
so wenig, an das diese Leute sich erst gewöhnen müssen ? Ist Alles — 
selbstverständlich an ihm? Und flugs war dann der Rückschlag da. 
Gerade die Feinsten und Anspruchsvollsten, die Selbstkünstler stellten 
sich Herrn Lechter kühl, fast feindselig gegenüber. Beinahe waren sie 
geneigt, ihm jegliche Bedeutung abzusprechen. Sie fanden ihn ideenlos, 
conventionell und im Ganzen sehr wenig merkwürdig. Bestechend, ja, 
das Hessen sie gelten. Aber wo waren die Ueberraschungen, die 
dieser Künstler zu bieten hat? 

Ich möchte zu diesem Streite weniger als Aesthetiker Stellung 
nehmen wie als Zeitpsychologe. Ich will versuchen, die Erscheinung 
Melchior Lechter's zu erklären, und das wird uns dann wohl auch 
ästhetisch einen gerechteren Maassstab geben. 

Man kann vielleicht sagen: Melchior Lechter bietet in keinem 
einzigen Zuge etwas ganz Neues. Aber sogleich muss man hinzufugen, 
in dieser Verbindung, so organisch und abgeklärt, war das vielerlei 
Alte doch noch nicht da. 

Ein scharfer Rechenkünstler, der die Entwicklungsmöglichkeiten 
unserer Kunst abzuwägen und einzustellen verstünde, hätte, so möchte 
man wähnen, mittelst einer höheren Art Algebra die Conjunctur »Melchior 
Lechter € genau vorher bestimmen können. Ist Lechter kein Bahnbrecher 
und Erringer, so ist er doch höchst wahrscheinlich ein nothwendiger 
Schlussstein — nicht für Alles, was in unseren Zeiten sich regt, aber 
doch für Vieles und Wichtiges. 

Zehn Jahre lang hat Melchior Lechter in der Stille gearbeitet. 
Und in diesen zehn Jahren vollzog sich all der Lärm, der jetzt sachte 
verstummt. Seiner friedlichen, gleichgewichtbedürfitigen und ziemlich 
phlegmatischen Natur konnte das Geschrei der Kämpfenden wenig zu- 
sagen. Er schwieg, aber er blickte scharf hin. Er sah genau, was wurde, 
und er vergass nie, was seit langen Zeiten bereits geworden war. Sein 
conservativer Sinn hielt gläubig fest an dem Erbe vergangener Jahr- 
hunderte. Und als nun die Stunde kam, wo nach all dem vielen be- 
unruhigenden Experimentiren das Bedürfniss nach etwas Gewissem, 
Zuverlässigem, Erprobtem sich regte, wo auch die Fortgeschrittensten 
fühlten, dass man den Zusammenhang mit der Tradition im weitesten 
Sinne nicht aufgeben dürfe, da sah Melchior Lechter seinen Augenblick 
gekommen und trat mit der lange vorbereiteten Ausstellung seiner 
Werke hervor. 

Drei Elemente, die bis dahin getrennt nebeneinander hergingen, 
hat Lechter in seiner Kunst zu verschmelzen gewusst: mittelalterlichen 
Mysticismus, Böcklin'schen Farbenrausch und eine entschieden decorative 
Tendenz. Und über dem Allen leuchtet die heitere Griechensonne 
Zarathustra's und schwingen bewegungsvoll die Rhythmen von Wagner's 
»unendlicher Melodie«. 



MELCHIOR LECHTER. I43 

Die Gesammterscheinuog dieses Künstlers war also wohl vor- 
bereitet, und man kann es verstehen, wenn seine Zeitgenossen in ein 
jähes Entzücken geriethen und bereits all ihrer Wünsche Erfüllung 
gekommen wähnten. 

Lechter stammt aus der katholischen Stadt Münster in Westphalen. 
Die hieratisch starre und doch immer sinnenfrohe Kunst romanisch- 
gothischer Kirchen mit ihrer steilen Pracht und gebieterischen Ent- 
rücktheit nährte seine früheste Anschauung. Wie tief das drang, lehren 
vor Allem Lechter's Glasfenster, die seltsamerweise in dem protestantisch- 
nüchternen rationalistischen Berlin (im sogenannten »Romanischen Hause) 
grösstentheils eine Heimstätte gefunden haben. Die wuchtigsten freilich 
und bedeutungsvollsten hat der Künstler für sich behalten, eines für 
sein Bibliothek-, das andere für sein Schlafzimmer. 

Aus den Glasgemälden spricht Lechter's Kunstcharakter am inten- 
sesten und concentrirtesten. Hier schlummert das Geheimniss seiner 
Farbe, seines Styles. Hier offenbart sich auch das Musikalische seiner 
malerischen Empfindung. Mit wenigen, etwas stereotyp angewendeten 
omamentalen Elementen (blauen Sternblumen, ast- und blätterreichen 
Bäumen, verschlungenen Weihrauchwolken) werden Umrahmung und 
Gliederung mit oft byzantinischer Steife und Eckigkeit angelegt. Die 
wenigen Figuren zeigen einfache, feierliche Bewegungen, klar gefaltete 
Gewandung und wirken im Wesentlichen gleichfalls decorativ. Sinn- 
sprüche (aus Nietzsche, Stephan George, Richard Wagner) und zahl- 
reiches symbolisches Beiwerk reden zum inneren Sinn. Die Farben aber 
brennen wie heilige Osterfeuer mit unerhörtem Gluthschmelz. In 
süchtigen Rhythmen, stolzen Accorden klingt ihr brünstiges Werben. 
Aehnlich wie bei Munch oder Jan Toorop rollen sie sich, z. B. auf 
dem herrlichen Tristan-Fenster, in welligen Streifbändern über- und 
umeinander her, gleichsam Erscheinung gewordene nackte Empfindungen. 
Das Stärkste, was Lechter uns zu sagen hat, sagt er hier. Wie mit 
Weltgerichtsposaunen redet er uns an, erschütternd und eindringlich. 
Das Glasgemälde hohen Styls hat Melchior Lechter, dank seines Studiums 
der mittelalterlichen Kirchenkunst, für die modernen Zeiten geradezu wieder 
entdeckt. Aber auch darin empfindet er ganz altmeisterlich, dass ihm 
das Fenster als solches, losgelöst von seiner Bestimmung und heraus- 
gehoben aus dem Verbände der inneren und äusseren Architektur, 
nichts bedeutet. Es ist stets für einen bestimmten Platz componirt, es 
empfängt seine Weihe erst als Theil jenes harmonisch gedachten 
Ganzen. Ein kunstgewerblicher Zug durchdringt so im edelsten Sinne 
Lechter's ganzes Schaffen. Der ästhetische Werth eines einzelnen Kunst- 
werkes bleibt fragwürdig, wenn nicht die Umgebung, in der es ge- 
wissermassen sein Dasein fristet, selber ein Kunstwerk ist. Der echte 
und starke Kunsttrieb zieht Alles in seinen Bereich. Nicht das kleinste, 
nicht das prosaischste Geräth des täglichen Lebens lässt er interesselos 
passiren. Allem drückt er seinen Stempel auf, Alles bringt er unter- 
einander in harmonische Uebereinstimmung. So hat Lechter daheim 
sein Bett, seine Stühle, Schränke, Truhen, Tische, die Schlösser selbst 



144 SERVAES. 

und die Beschläge, die Decken und die Wände nach eigenen Zeich- 
nungen anfertigen lassen und dadurch seine Wohnstätte' zu emetn 
Sanctuarium gemacht, über dem der Hauch einer höheren Weihe ruht. 
So sollen nadi seiner Idee auch die gemalten Tafelbilder nicht zu- 
fällige Prunkstücke beliebiger Räumlichkeiten sein. Sie verlangen eine 
wohlabgestimmte Umgebung, wo sie rhythmisch ins Ganze klingen. 
Daher müsste der Maler zugleich Innenarchitekt sein und genau für 
seine Bilder: dort eine verschwiegene Ecke, drüben eine stolz aus- 
ladende Nische schaffen, oder zu intimerem Genuss stellt er eine be- 
quemere Staffelei zurecht, und stets ist es seine erste Sorge, dass nichts 
in der Nähe ist, was störend oder ablenkend wirkt 

Durch diesen Blick aufs Ganze bekommt der decorative Zug in 
Lechter's Kunstwirken seine monumentale Bedeutung. Die Kunst soll 
für das Leben des ästhetisch verfeinerten Menschen nicht ein leeres 
Anhängsel sein. Sie soll sein ganzes Dasein veredeln, durchtränken. 
Sie muss die Lebensluft werden, in der er athmet. Froh stimmen wir 
ein in diese stolze Auffassung von der Würde der Kunst. Wenn sie 
uns nicht das Höchste sein kann, so mag sie uns lieber gar nichts 
bleiben. 

Dieser Grundauffassimg gemäss sind auch die Tafelbilder Lechter's 
an erster Stelle als Erzeugnisse des decorativen Kunstgeistes zu 
würdigen. Gewiss wird man finden dürfen, dass vor Allem Böcklin, 
dann die englischen Präraphaeliten, femer Hofmann und Stuck, aus 
weiterer Feme selbst Puvis de Chavanne im Ganzen und Einzelnen 
starke Anregungen hinterlassen haben. Auch die Elemente der mittel- 
alterlichen Omamentik und sehr im Constrast dazu Japan, das ja 
nirgends mehr fehlen darf, sind als stylistische Vorbilder häufig er- 
kennbar. Aber wäre Lechter nicht die eigene starke Künstlerpersön- 
lichkeit, — welch ein wirres Gemenge unverarbeiteter Reminiscenzen hätte 
aus diesen vielerlei Einwirkungen entstehen müssen! Statt dessen aber 
herrscht gerade das Gegentheil: eine sichere, mhige Klarheit, eine 
vomehme Abgewogenheit und Harmonie, keinerlei Haschen und Flackern, 
kein Getümmel. Der unbeirrbare decorative Instinct in Melchior Lechter, 
sein untrügliches Stylgefühl haben hier jegliches Ausgleiten verhindert. 
Er geht so stark und tief in die Farbe wie keiner, selbst Böcklin lässt 
er hinter sich — und doch keinerlei Kreischen und Exaltirtthun, Alles 
liegt gebändigt, umfriedet im Ruhehafen dieses wohlponderirten Künstler- 
naturells. 

Dies gibt den Bildem die individuelle Note: die Lautlosigkeit, 
die darüber liegt. Nur wer mit klarheitsvoller, unbewegter Seele in das 
verzerrte Getriebe des modernen Lebens und darüber weg schaut, vermag 
solche Bilder zu schaffen. Nur wo die »blaue Blume Einsamkeit c 
duftet, regen sich solch zarte und stille Träume. Sie wirkt fast be- 
ängstigend, diese Ruhe, und oft ist sie nicht fem von Starre. Etwas 
Todtenhaftes liegt dann über dem blühend ausgebreiteten Teppich der 
Farben. Man sucht die Seele, das leise Zittern und geheime Vibriren, 
das uns erst verräth, wo Leben ringt . . 



MELCHIOR LECHTER. I45 

So wirkt denn im Ganzen die Kunst Melchior Lechter's ziemlich 
eintönig. Wir können diese Dissonanzlosigkeit nicht gut mehr ver- 
tragen. Sie wirkt auf uns schon fast wie Geistlosigkeit. »Ein ewig 
blauer Himmel lacht über Griechenland. c O Gott, wir fürchten 
diesen ewig blauen Himmel. Ein Gran von Disharmonie ist uns 
modernen Menschen schon längst zum ästhetischen Bedürfniss ge- 
worden. Eine vollkommene Beschwichtigung wirkt auf uns wie Be- 
täubung. Und wenn wir lange am Quell der Schönheit getrunken haben, 
verlangen wir stürmisch — nach Hässlichkeit, ja nach Gemeinheit! Wird 
man mich verstehen, wenn ich sage, dass in diesem Manco bei Lechter 
seine Inferiorität gegenüber Böcklin begründet liegt? Daher hat Lechter 
denn auch keinen Humor, weil er nicht den Muth zur Fratze hat. 

So sehen wir hier deutlich die nothwendige Schranke einer ein- 
seitig decorativen Begabung. 

Nach all den voraufgegangenen Stürmen bringt Lechter uns 
den Frieden. Es fragt sich, ob wir diesen Frieden wollen? Ob wir 
uns bei ihm beruhigen können? Gewiss, bei ihm, bei Melchior Lechter, 
als einem einzelnen, künstlerisch begabten Individuum. Ihn werden wir 
gerne gemessen, ab und zu einmal, wenn wir des Meeres und seiner 
hohen Wellen müde sind. Aber wir können uns nicht von ihm ein- 
lullen lassen. 

Gewiss, er fühlt ja auch mit, was die Brust des modernen 
Menschen bedrückt und beklemmt. Hinter all der Abgeklärtheit ruht 
auch bei ihm eine feine, tiefe Schmerzlichkeit. Aber sie löst sich doch 
wieder auf in sanfte harmonische Schwingung. Da ist das herrliche 
Büd »Tristis est anima mea usque ad mortem«, eine farbige Symbo- 
lisirung des E-MoU-Präludiums von Chopin. Auf jener weissmarmomen 
Bank sitzt ein Weib, von sehnsüchtiger Trauer erfüllt. Der schmale 
Arm ruht, weit ausgestreckt, auf der Schulterbrüstung. Der verhärmte 
Kopf mit dem schattentiefen Auge ist leise-schmerzhaft gehoben. 
Rother Mohn ist ihr aus den Händen gesunken. So sitzt sie und blickt 
über ein endloses Orchideenfeld, das mit mattem Lila bis an den 
Horizont wächst. Ganz fem ein niederes blaues Gebirge, darüber im 
grünlich glimmernden Himmel ein scharfer Wolkenstreif. Das ist Alles. 
Tristis est anima mea usque ad mortem. 

Das ist eine Elegie, classisch-gedämpft, in verzogenen, weich ver- 
dämmernden Accorden. Largo, immer largo. Largo maestoso. 

So ist auch hier der Schmerz wieder verklärt, gleichsam seiner 
Stosskraft beraubt. Das ist auf diesem BUde weihevoll-schön, und wir 
lassen es andachtsvoll auf uns wirken. Aber im Innern wissen wir von 
tieferen, von gewaltigeren Schmerzen, die nicht so einfach in ein Largo 
sich auflösen lassen, die wir zwar auch werden bändigen müssen, 
aber denen doch stets die Sturmmöven voranfliegen. Und von diesen 
Schmerzen des gebärenden Menschengeistes scheint Melchior Lechter 
nichts zu wissen. 



146 SERVAES. 

Aber ich sagte es schon: er ist kein Pionnier, der Berge durch- 
bohrt und Ströme überspringt. Er ist ein stiller, beschaulicher 
Architekt, der das vorhandene Steinwerk weise benützt. 

Und Eines nochl In seiner Rolle als Zuschauer, fem von den 
eigentlichen Gebortskämpfen unserer neuen Kunst, ist es ihm ja 
zweifellos geglückt, sich Abgeklärtheit, Drüberstand, Priesterlichkeit zu 
erwerben. Aber im Tiefsten und Eigensten der modernen Seele wohnt 
er nicht. Daher ist er einer neuen Menschheit zwar ein Zeuge, aber 
kein Künder. Er ist ein Magier^ der feierlich an ihr vorüberwandelt, 
stets in Aengsten, dass ihm sein fleckenloses Gewand einmal beschmutzt 
werden könnte. Und er hat in der salbungsvollen Art, wie er segnet 
und beschwört, ganz leise etwas Pfaffisches. Pfaffen waren aber noch 
stets für unser Tiefstes und Heissestes und Wildestes blind, weil sie 
mit süchtigen Blicken den »ewig blauen Himmele umspannten, der 
über der christlichen Lämmerheerde sich wölbt. 



DER FALL MISS VAUGHAN. 

Von Oscar PANIZZA (Zürich). 

»Den Teufel spürt das Völkchen nie, 
Und wenn er es beim Kragen hätte.« 

Der Teufel hat in diesen Tagen eine furchtbare Niederlage er- 
litten. Ein zweibändiges Werk von rund 2000 enggedruckten Gross- 
Quart-Seiten, »Die Geheimnisse der Hölle«, welches wieder einmal die 
gesammte Menschengeschichte von Nebukadnezar bis Bismarck als in- 
fame, zum Nachtheil der heiligen katholischen Kirche und des unfass- 
baren Geheimnisses der heiligen Dreieinigkeit unternommene Institution 
darstellte, wurde von dem betreffenden katholischen Verlag in Deutsch- 
land, Director Kunzle in Feldkirch, aus Furcht vor einer Welt- 
blamage zurückgezogen. Der genannte Herr veröffentlicht eine Anzeige 
in den Blättern, dass er »trotz bedeutenden Schadens den Verkauf des 
Werkes einstelle,« nachdem er erkannt, dass das französische Original 
»Le diable au XIX® siecle« von Dr. Bataille sich als Schwindel erwiesen 
habe. Bei dem enormen Umfang des Werkes und bei der Höhe der Auf- 
lage blieb dem Verleger nichts übrig, als eine Maculaturanlage zu er- 
richten, und nun ballen in ganz Oesterreich, Deutschland und der 
Schweiz die Ciosetpapierfabrikanten die Fäuste über den Rückgang der 
Preise. Die Niederlage des Teufels ist also eine vollkommene, und die 
Sache stinkt gegen den Himmel. 

Es ist doch ein eigenthümliches Ding um das stille Weiter- 
schreiten des Volksgeistes. Wir haben die Teufelaustreibung in Wem d in g 
vor einigen Jahren erlebt, wo die Patres Kapuziner die ernsthaftesten 
Gesichter schnitten, wir haben die Wallfahrten nach Lourdes mitange- 
sehen, in Trier wurden die »lückenhaften Stofftheile« des Rockes Christi 
den Gläubigen dargeboten, und der Papst warnt in Lungos und Breves, 
dass die Freimaurerlogen wahrhaftige Teufelsverbindungen seien. Der 
Zeitgeist wendet sich so wie so der Romantik zu, und man glaubt, 
der Menschheit wieder einmal etwas bieten zu dürfen: und siehe da, 
die Miss Diana Vaughan, die Buhlerin des Teufels, die Mutter des 
Antichrists, die Enkelin der Grossmutter des Teufels und smarte Ame- 
rikanerin bricht auf der Vari6tebühne eines katholischen Impresario 
mitten während der Vorstellung zusammen, so dass Höschen, Seiden- 
tricots und der ganze übrige Teufelsqnark oflfen zu Tage liegt, die 
schwerverletzte Dame hinkend in der Coulisse verschwindet und der 
Vorhang schleunigst fallen gelassen werden muss. 

Da war es vor 30 Jahren doch anders! Damals erschien auch 
eine deutsche Uebersetzung eines französischen Teufelswerkes: tGe* 



148 PANIZZA. 

schichte des Satans, sein Fall, seine Anhänger, seine Offen- 
barungen, seine Werke, sein Kampf gegen Gott und die Menschen, 
Zauberei, Besessenheit, lUuminismus, Magnetismus, Klopfgeister, Tisch- 
rücken, Spiriten, Geisterspuk in Kunst und Literatur, dämonische Ver- 
bindung. Von A. Lecanu, Doctor der Theologie zu Paris und Mitglied 
mehrerer gelehrten Gesellschaften. Aus dem Französischen. Regensburg, 
G. K. Manz. 1863.« Aber Herr Manz wusste eben ganz genau, was 
man drei Jahre vor der Schlacht bei Königgrätz dem Publicum 
bieten dürfe. Das Buch ging famos, es brachte seinem Verleger einen 
hübschen Verdienst ein, Herr Manz wurde wegen seiner Rührigkeit 
und Besonnenheit von allen Seiten gelobt — denn im Anhang wurden 
noch folgende Werke angezeigt: »Die Tyroler ekstatischen Jungfrauen, 
Leitsterne in die dunkeln Gebiete der Mystik«, »Der animalische Magne- 
tismus in seinem Verhältniss zum Christenthum, nach einer Reihe von 
Artikeln der Civil tä cattolica übersetzt.« »Dr. J. von Ringseis, System der 
Medicin, ein Versuch zur Reformation und Restauration der medicini- 
schen Theorie und Praxis« (das bekannte Werk, in dem nicht nur die 
Geschlechtskrankheiten, sondern auch Typhus und Genickstarre als 
Folge teuflischer Einwirkung construirt und entsprechende Therapie 
vorgeschlagen wurde) und noch manche andere schöne Sachen . . . 
aber nach der Schlacht von Königgrätz hätte der sorgfältige und 
besonnene Verleger die »Geschichte des Satans, aus dem Französischen« 
nicht mehr herausgegeben. Und hier liegt der Vorwurf, den wir dem 
Herrn Director K u n z 1 e von der katholischen Abtheilung in Feldkirch 
machen. Man muss immer Zeit und Ort — einer Tragödie wie einer 
Komödie — sorgfältig erwägen, dies verlangt schon Aristoteles, 
und nicht blind für die Vermehrung der Ciosetpapierfabriken arbeiten. 
Zartheit — weil ich von dem Papier rede — Durchsichtigkeit, Glätte 
der Ausführung und Biegsamkeit verlangt ein solches Problem und ver- 
langen wir von einem Mann, der sich mit solchem Problem beschäftigt. 
»Gewiss scheint es manchem Leser eine kühne Idee,« beginnt die oben- 
erwähnte, vor Königgrätz erchienene »Geschichte des Satans«, nach- 
dem sie auf die bekannten »Schwierigkeiten«, ein solches Werk gerade 
in der jetzigen Zeit erscheinen zu lassen, hingewiesen — »gewiss scheint 
es manchem Leser eine kühne Idee, ein gewagtes Unternehmen zu sein, 
die Geschichte des Satans zu schreiben und dem Publicum anzubieten. 
Allein jener verworfene Geist, in welchem der Urgrund des Bösen 
sich individualisirt und die erste active Grundwurzel und der Ursprung 
alles Lasterhaften sich birgt, bildete zu allen Zeiten einen ernsten 
Gegenstand des theologischen Studiums, und zwar mit Recht. Der Rapport, 
in welchen sich der Satan von Anfang an mit der Menschheit gesetzt, 
der Einschlag, den er in ihr ganzes Wesen, Thun und Treiben genommen, 
und die reichen Früchte seiner unerraüdeten Thätigkeit nach der irdi- 
schen Seite hin liegen zu offen am Tage, als dass die Wissenschaft sich 
nicht versucht fühlen sollte, diesen weitläufigen Process in systemati- 
sche Form zu bringen. Indem nun solche productive Wirksamkeit von 
ihrem ersten Aufkeimen durch alle Stadien des Wachsthums hindurch 



DER FALL MISS V AUGHAN. 149 

bis zur letzten sichtbaren Aeusserung — nach Raum und Zeit — ver- 
folgt wird, baut sich eben die Geschichte des Satans wie von selbst 
auf, und es erschliessen sich so dem staunenden Auge alle jene ge- 
heimen Minenadern, welche unheilschwanger durch die verschiedenen 
Schichten der menschlichen Gesellschaft sich verzweigen und, wo sie 
dem nöthigen Zündstoff begegnen, zum grossen Verderben Einzelner 
oder ganzer Völker losbrechen.« (Vorwort, Seite III). Hier sieht man 
eine gewisse Eleganz der Sprache, und wer nicht geradezu mit Mole- 
schott und Büchner vollgepfropft war, liess sich auf einen Versuch, 
an den Teufel zu glauben, in refracta dosi ein. Freilich kommen dann 
im Verlauf der »Geschichte« alle möglichen und schwierigen Construc- 
tionen vor, ohne die eben ein so tiefsinniges Werk nicht abgefasst 
werden kann! nach dem ersten Capitel, »Gründung des satanischen 
Reiches«, erscheint im sechsten ausführlicher das »Reich des Satans«, 
im siebenten die »Jüdische Magie«, im achten »Der Satan lässt seine 
Wuth gegen den Messias los«, im neunten »Der jetzt noch übliche Satans- 
cult in nichtchristlichen Ländern«, im elften »Fortgesetzte Verehrung des 
Satans im Schoosse des Christenthums«, im 13. »Die Herrschaft des 
Satans über die Wissenschaft« ; im 14. »Directer Satanscult«, im 15. 
»Ansteckung durch den Satanismus: die Waldenser, die Hussiten«, im 

16. »Fortgesetzte Ansteckung durch den Satanismus: Savonarola«, im 

17. »Die Reformation und der Satanismus: Luther, die Wiedertäufer«, 
im 18. Capitel »Dämonische Besessenheit : die Illuminaten und die Auf- 
klärung in Bayern, die Freimaurer, Robespierre, der Magnetismus . . .« 
u. s. w. u. s. w. Aber, wie gesagt : M a n z, der Verleger des Buches, der erst 
vergangenen Sommer in Regensburg starb, hinterliess ein enormes 'Ver- 
mögen und bedeutende Kunstschätze ; er wusste eben ganz genau, dass 
er vor der Schlacht bei Königgrätz verlegte, und er hatte nie nöthig, 
bei Bedarf von Ciosetpapier auf seinen eigenen Verlag zurückzugreifen, 
sondern sagte sich : »Leben und Leben lassen«, und bestellte sein Cioset- 
papier vom Fabrikanten. 

Nunmehr zu dem neuen Werke »Die Geheimnisse der Hölle«, 
wiederum aus dem Französischen übersetzt: »Le Diable au XIX® si^cle« 
von Dr. Bataille, Paris 1894, in dem der Teufel durch die Dummheit 
eines deutschen Verlegers eine so vernichtende Niederlage erlitt. Das 
über 2000 Quartseiten haltende Werk liegt vor mir. Auf dem Um- 
schlag zeigt sich auf zeisiggrünem Grund eine elegante Kellnergestalt 
in zeisiggrünem Rock, fliegend, ohne Zahltasche, der Vorderkörper 
nackt, die Frackflügel hinten und in Form von grossen Fledermaus- 
flügeln nach oben geschlagen, die muskulösen nackten Arme vom über 
der Brust gekreuzt, das Gesicht in Bartschnitt und meckender Zahn- 
stellung täuschend ähnlich meinem Freund, dem bekannten Farben- 
chemiker und Kunstverleger Dr. E. Albert in München, Teint eben- 
falls dick Schweinfurtergrün, höhnische Kellnerphysiognomie, unter- 
halb des Nabels kolossaler, grünangestrichener Ringelschwanz mit zehn 
Widerhaken; das ganze Bild riesengross, aus einer grünen Magnesium- 
flamme, deren Beginn 2 Centimeter unter dem Papierrand liegt, her- 



ISO PANIZZA. 

vorschiessend ; unten, rechts und links, zwei kleine Gruppen Menschen- 
kehrichts, Minister, Pfarrer, Bundhois und derlei Zeug, in glotzender 
Stellung. Oben in grandiosen Buchstaben: Le Diable ( — ich bitte, 
Diable für alle Fälle immer gross zu schreiben — ) au XIX* si^cle, la 
Francma^onnerie luciferienne, magn^tisme occulte, la cabale fin de si^cle, 
le palladisme et tout le satanisme moderne, par le docteur Bataille ; 
nombreuses gravures. Paris et Lyon 1894. 

Zwei Jahre stand dieses Buch unter »Katholischer Theologie« ungestört 
in meiner Bibliothek, bis der kostbare Miss Vaughan-Schwindel diesen 
Herbst in Trient losging und ich mir den zeisiggrünen Diable etwas 
näher anschaute. 

Er ist nun zweifellos eine richtige Fortsetzung des Werkes von 
Lecanu, welches der selige Manz ins Deutsche übersetzte und 
mit dem er ein so schönes Stück Geld verdiente. Die gesammte moderne 
Geistescultur von den Enciklopädisten angefangen, Voltaire, die deutsche 
Philosophie mit Kant, die englischen Skeptiker mit Hume, sie Alle 
erscheinen hier in zeisiggrünem Frack und mit dem bösen Ringel- 
schwanz. Besonders auf die Juden hat es der Arge abgesehen. Die 
Christen müssen ja, wenn sie den Dingen der Welt auf den Grund 
gehen wollen, über die entsetzliche Christusleiche hinwegschreiten imd 
ihr Gewissen ertödten: aber die Juden, die Christus gekreuzigt, die 
überhaupt kein Gewissen mehr haben, sind natürlich ein willkommenes 
Fressen für Leo Taxil — ich wollte sagen für den Satan. Und so 
erscheint denn von Moses Mendelssohn, dem Verfasser des 
»Phädon«, bis herauf zu Börne und Heine — die schöne Henriette 
Herz nicht ausgeschlossen — jeder Jude, der nur irgendwie durch 
Gredanken sich ausgezeichnet hat, in dem verdächtigen satanischen 
Frack und mit dem giftigen schweinfurtergriinen Teint beladen. . . . 

Nun noch einige Worte über den Verfasser des Werkes »Le 
Diable au XIX si^cle«. Es ist meiner Meinung nach höchst einerlei, 
ob eine Miss Diana Vaughan existirt oder nicht, ob eine Amerikanerin, 
die vielleicht zeisiggrüne Unterbeinkleider mit Goldtupfen gesprenkelt 
trägt, von den Freimaurern weg und zur katholischen Kirche über- 
gegangen ist und ob Sophie Walder, die ewig Besessene, durch 
ihren jahrelangen Umgang mit dem Satan nun endlich in der Hoffnung 
ist und ein seh wein furtergrünes Teufelchen gebären wird oder nicht. 
Auch das scheint mir höchst unwichtig zu sein, dass nun zugestanden 
wird, der Dr. Bataille, der angebliche Verfasser des zeisiggrünen 
Werkes, existire überhaupt nicht, während ein französischer Schißsarzt, 
Dr. Charles Hacks, die beiden Bände mit dem nackiggrünen Zahl- 
kellner auf dem Titelblatte (ohne Geldtasche) geschrieben habe. Und 
auch die Frage scheint mir unwichtig, wie gerade ein französischer 
Schiffsarzt zu der Idee — und den literarischen Kenntnissen — komme, 
ein kabbalistisches Werk von über 2000 Seiten zu schreiben, in dem 
Kant, Voltaire, Hume, Börne, Heine und die Henriette Herz mit giftig- 
grünen Unterbeinkleidem, Wickelschwänzen mit Salamanderstaub be- 



DER FALL MISS V AUGHAN. 15I 

Streut und mit verschmitzten Gesichtern auftreten, in deren Falten der 
Grünspan fingerdick liegt .... 

Wer ein bisschen die moderne französische Schartekenliteratur 
kennt, richtiger: Wer die Werke Leo Taxil's bis zum Jahre 1885 ver- 
folgt hat und Stylgefühl für einen fremden Autor besitzt, für den kann 
es nicht mehr zweifelhaft sein^ dass Leo Taxil und niemand Anderer 
den »Diable au dixneuviöme si^cle« verfasst hat. Taxil war bekannt- 
lich bis zum genannten Jahr einer der populärsten und fürchterlichsten 
Feinde des französischen Clericalismus. Er hat die Freiheit der fran- 
zösischen Gesetzgebung, in Wort, Schrift und Bild seine letzten Ge- 
danken äussern zu dürfen, bis zur äussersten Grenze ausgenützt. Ja, 
er wäre, man kann das offen sagen, der furchtbarste Feind des Christen- 
thums in unserem ausgehenden Jahrhundert geworden, wenn er nur 
etwas feiner gewesen wäre. Aber er wollte eben für die niederen 
Volksclassen schreiben. Und so producirte er Scharteke auf Scharteke, 
Colportageroman auf Colportageroman mit den fürchterlichsten In- 
vectiven und Abbildungen gegen das römisch-katholische Priesterthum 
und wurde so der französische Nietzsche für das gemeine Volk. 
Der Verfasser von »La bible amüsante € mit den unerhörten Illustra- 
tionen von Rick, von »Calotte et Calotinsc und der auf authentischem 
Quellenstudium beruhenden »Livres secrets des Confesseursc (die 
officiellen, aber geheimgehaltenen Beichtinstructionen sämmtlicher fran- 
zösischen Seminare), Paris 1883, darf sich wahrlich in der Geschichte 
der Aufklärung sehen lassen. Er pflegte seinen Büchern das Motto 
vorzusetzen : 

»Tuer la superstition par le rire, 
Instruire le peuple en Tamusant, 
Enseigner ä la jeunesse le m6piis de l'imposture et la haine des imposteurs.« 

Noch im Jahre 1884 wurde er, weil er die in seiner werthvoUen 
»La Prostitution contemporainec veröffentlichten Abbildungen, die fran- 
zösische Geistliche in schlimmen Positionen zeigten, auch ausserhalb 
des Werkes verkauft hatte, zu 14 Tagen Gefängniss und 9000 Francs- 
seine Frau zu 5000 Francs Geldstrafe verurtheilt. Dann scheint er 
sich besonnen zu haben. Es erfolgte die berühmte Bekehrung. Wie 
sie zustande gekommen , ob es eine Gewissens- oder eine Geld- 
beutelfrage war, darüber war nichts Sicheres zu erfahren. Man munkelte 
von enormen Summen, die es sich die französische Geistlichkeit habe 
kosten lassen. Jedenfalls war die eine Bedingung von dieser Seite 
sicher und wurde auch ausgeführt: Einstampfung sämmtlicher Taxii- 
schen Bücher. 

Monsieur L^o Taxil — ich glaube, dass dies auch ein Pseu- 
donym ist — ging aus Rücksichten der Convenienz und Zerknirschung 
auf einige Zeit in ein Kloster, um hier Askese und Mortification zu 
studiren und zu probiren. Aber, es dauerte nicht lange — der heUige 
Paulus brauchte länger zu seinem Tag von Damascus — schon im 
folgenden Jahre hatte sich Herr Taxil gehäutet, und es erschien das 
erste — antifreimaurerische Buch auf dem Büchermarkte: »Les fr^res 



152 P ANIZZA. 

trois-points.« 2vols. Paris 1885. Dann erschienen noch andere: >Con- 
fessions d'un ex-libre-penseurc, 1887| »La corruption fin de si^clec, 
1890, »Les loges androgynes du ma^onneriec u. a., in denen er die 
Freimaurer mit den schmutzigsten Invectiven verfolgte. Aber — ich 
furchte, die Herren Abb6s haben eine schlechte Capitalsanlage in Taxil ge- 
macht. Wenn sie glaubten, seine Bücher möchten eine ähnliche Verkaufs- 
kräftigkeit aufweisen, wie »Le vrai B^nödictint und »La grande Char- 
treuse c — hier ist allerdings die grüne Sorte sehr beliebt — so 
haben sie sich gründlich getäuscht. Taxil's Bücher gingen nicht, denn 
so dumm ist das Publicum doch nicht, sich vom selben Verfasser vor 
1885 den Teufel weiss und nach 1885 den Teufel schwarz malen zu 
lassen. 

Nun hat Taxil mit jenem krankhaft-wahnsinnigen Eifer, der Con- 
vertiten eigen zu sein pflegt, einen Hauptschlag gewagt und das 
2000 Seiten starke, giftig-grüne, antideutsche, Pseudonyme, mit den 
amerikanischen Seidenunterhosen der Miss Vaughan pikant gemachte, 
prachtvoll schwefel-blau-grüne Werk »Le Diable au dixneuvi^me si^clec 
erscheinen lassen — ein Capitalhirsch von einem deutschen Verleger 
druckt es nach — und nun ist der zeisiggrüne Teufel vor der ganzen 
gebildeten Welt, ja vor Köchinnen und Dienstmädchen, vor französischen 
Ministem und russischen Schiffen blamirt. 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 

Von 

Karl Kraus (Wien). 
IV. 

(Schlnss.) 

Die Jung -Wiener Dichtergalerie besitzt einen Charakter- 
kopf; der sehr hübsche Ansätze zu einem Dulderantlitz zeigt. 
Dieser Decadent (Abtheilung für Lyriker) ist durch drei 
stattliche Gedichtbände, in denen er bewiesen hat, dass er 
verwelkte Nerven besitzt, für den literarischen Tisch legiti- 
mirt. »Neuroticac wurden confiscirt und hatten »Sensationen«, 
diese aber »Gelächter« im Gefolge. Die echte Dichtergabe, 
aus minimalen Erscheinungen ungeahnte Anregung zu ziehen, 
ihm ist sie nie versagt geblieben. Stets hat er um mehrere 
Grade hoher gedichtet als erlebt, und wenn man sich nach 
den Urheberinnen seiner Ekstasen erkundigte, konnte man 
staunend erfahren, was so ein dämonisches Weib für Minder- 
bemittelte alles imstande ist, wenn es von einem modernen 
Lyriker empfunden wird. Einst gab er vor, »Alles, was seltsam 
und krank«, zu lieben. Die Klritik glaubte indess, den Sitz 
seines Leidens in der Leetüre Baudelaire's gefunden zu haben, 
verordnete ihm strengste Diät und untersagte ihm jede 
Maniriertheit. Er nun, aus Furcht, in eine unheilbare Gesund- 
heit zu verfallen, kehrte sich an diese Massregeln nicht. 
Hektische Verse flossten ihm Wohlbehagen ein, er erwarb 
ein literarisches Wappen, in welchem sich eingezeichnet 
finden: ein Herz, das müd und alt, ein Sinn, der welk und 
kalt, sowie ein Strauss schwindsüchtiger Tuberosen, mit 
heimlichen Nerven umwunden. Der Erfolg enthebt ihn aller 
Reuepflichten, und bei seiner Jugend ist er schon heute ein 
geübter und tüchtiger Greis. 

Endlich einmal ein wirklich Nervöser I Das thut formlich 
wohl in dieser Umgebung des posirten Morphinismus. Es ist 

X2 



154 KRAUS. 

kein Künstler, nur ein schlichter Librettist, der hier den 
Andern mit gutem Beispiel vorangeht. Abgehetzt, von den 
Aufregungen der Theaterproben durch und durch geschüttelt, 
nimmt er geschäftig Platz: Kellner, rasch alle Witzblätter 1 
Ich bin nicht zu meinem Vergnügen dal — Während seine 
moderneren Tischgenossen in das geistige Leben Wandel zu 
bringen bemüht sind, sehen wir ihn dem Handel Eingang 
in die Literatur verschaffen. Seine Beziehungen zur Bühne 
sind die eines productiven Theateragenten, und er entwickelt 
eine fabelhafte Fruchtbarkeit, die sich auf die meisten Bühnen 
Wiens erstreckt. Nach jeder einzelnen seiner Operetten 
glaubt man, jetzt endlich müsse sich seine Kraft ausgegeben 
haben. Doch ein Antäus der Unbegabung, empfangt er aus 
seinen Misserfolgen immer neue Säfte. Er erscheint fast 
nie allein auf dem Theaterzettel, und pikant müsste es sein, 
die beiden Compagnons an der Arbeit zu sehen. Hier ergänzen 
sich die Individualitäten wohl so am passendsten, dass, was 
dem Einen an Humor fehlt, der Andere durch Mangel an 
Erfindung wettmacht. Der Andere ist talentlos aus Passion, 
der Eine muss davon leben. Doch scheint solch ein Ge- 
schäft seinen Mann zu nähren. Heute gehört ihm eine 
Villa, am Attersee herrlich gelegen, — mit Aussicht auf den 
Waldberg. 

An diesen Kreis von jungen Männern, die nicht schrei- 
ben können, sich aber immer nur auf den einen Beruf 
capriciren, schliesst Einer sich an, der durch Vielseitigkeit 
wohlthuende Abwechslung bietet: Er kann auch nicht 
malen. Erst in gereifteren Jahren ging er daran, seiner 
Unbegabung auch schriftstellerischen Ausdruck zu geben, 
nicht ohne sich vorher eine feste Grundlage umfassender 
Bildungslosigkeit geschafifen zu haben, und lange bevor 
er durch seine eigenartigen Beziehungen zu der deutschen 
Grammatik von sich reden machte, konnte er auf zahl- 
reiche Misserfolge als bildender Künstler hinweisen. An 
ihm zerschellt jenes bekannte Witzwort, das noch Alle, die 
zwei Beschäftigungen in einer Hand vereinigen wollten, 
glücklich getroffen hat: die Schriftsteller wissen nämlich 
schon, dass er kein guter Maler, und die Maler täuschen 
sich nicht mehr darüber, dass er kein guter Schriftsteller 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 155 

ist. Der Letztere bezog lange Zeit hindurch seinen Styl aus 
Linz, von wo ja bekanntlich seit einigen Jahren alle literari- 
schen Reformversuche ihren Ausgang nehmen. Die Gewalt, 
die er bereits nach kurzer Schulung der deutschen Sprache 
anthat, war eine unvergleichliche. Wenn es fremdländische 
Eigennamen in deutscher Satzverrenkung darzubieten galt, 
beschämte er den Meister. Einige seiner Perioden werden 
ihm unvergessen bleiben. Die Sensation einer Ehescheidungs- 
affaire und des flammenden Protestes, den die Heldin gegen 
ihre Verfolger publicirt hatte, erreichte erst den Höhepunkt, 
als unser Schriftsteller zur Feder griff und die erlösenden 
Worte niederschrieb : »Das Processgebäude, über welches sie 
sich ergeht, hing lange Jahre wie das Schwert des Damokles 
über dem Haupte der Verfolgten, c Ein kleiner Artikel zu 
Hanslick's siebzigstem Geburtstage — und die gesammte 
Auflage seines Blattes war vergriffen. Hanslick, schrieb er 
damals, sei, »in Prag geboren, früh auf den Spuren seiner 
Zukunftc gewesen. Den Feuilletonisten rühmte er also: 

Des flüchtigen Blattes Theilung, wo der Geist sich von der sorgen- 
vollen Schwere des Leitartikels, von den ernsten Dingen der Politik 
erholen, in schönen Gefilden wandeln und sich belehrend erfreuen soll 
können, bietet, wenn er die Feder fiihrt, in reichlicher Münze das, wozu 
unter dem Striche der ersten Zeitungsseite das Feuilleton erschaflen ist. 
Und wenn man sagen sollte, wie es denn sei, dass es gerade von ihm das 
richtige wäre, wo all die tausend Schreiber mit dem lustigen Worte 
zur langweiligen tödlichen breitgequatschten Sache Frevel und Miss- 
brauch treiben, so hielte es schwer im Vergleiche. 

Aus einer impressionistischen Beschreibung des Leichen- 
begängnisses eines hohen Herrn: 

Gell und grauenhaft steigen Hilferufe auf; ich sehe Körper auf 
der Strasse liegen und Menschenfüsse sie fast zertreten. Ich sehe Kinder 
mit entsetzensvollem Ausdruck. Warum man doch immer gerade Kinder 
mitnimmt ins Gedränge? Warum man der Säuglinge kleine zitternde 
Körper nicht schont und in die ersichtliche Gefahr des Erdrückt werdens 
bringt? . . 

In den Zweigen der Bäume hängen Buben und Männer. Ver- 
gebens sucht man sie zu vertreiben. Immer wieder klettern sie hinauf. 
Selbst am Gitter des Volksgartens stellen sich Neugierige auf. Sie 
können zwar nichts sehen ; sie bleiben jedoch dort. Sie wollen es so. . . . 

Hofrath Kozarek erscheint. . . . 

Es fliegen die Hüte von den Häuptern vor dem Leichenwagen 
mit den blendenden Schimmeln in ihren goldstarrenden Schabraken. . . . 

12* 



156 KRAUS. 

Die hellen Klingen gleiten um Haaresbreite an den Gesichtern 
der Zuschauer hinter ihnen vorüber. . . . 

Besondere Zustimmung aber fand er^ als er einmal Ge- 
legenheit nahm; sich über die »schwerflüssigen Sprachwerk- 
zeuge des Herrn Kutscherac auszulassen. 

Die syntaktischen Reformen, die er in unser Schrift- 
thum einführte, haben den Mann populär gemacht. Aber auch 
inhaltlich hat er, durch Meinung und Tonart seiner Auf- 
sätze, jederzeit im Sinne einer Volksaufheiterung gewirkt. 
Einer grossen Zugkraft erfreuten sich die kostlichen Wahn- 
vorstellungen, die er zu produciren pflegte, die grotesken 
Ueberhebungen, zu denen sich der »gemüthliche Wiener 
Bitzc verstieg. Keine bedeutungsvolle Entdeckung, die ohne 
seine Mithilfe gemacht worden wäre, keine künstlerische 
Persönlichkeit, die nicht von ihm die erste Anregung 
empfangen hätte. Alles verdankt ihm seine Entstehung, alle 
hat er »gemachte Ueber Mascagni schreibt er: 

. . . Ich trug das Meine bei, um ihm su helfen mit gefälligen 
Reclamen. ... So nützte ich ihm gerne, wie gesagt : ich nütze immer 
Anderen gerne; auch heute noch. 

Und in der gleichen Tonart ruft er aus: 

Endlich ist es Hermann Sudermann gelungen, mich vollständig 
zu überzeugen I 

Wo der Schriftsteller, sei es durch Undeutsch oder 
Grossenwahn, das ganze Interesse der Oeffentlichkeit ab- 
sorbirt — bleibt für den Maler nichts mehr übrig, und er muss 
der Beliebtheit des Schreibenden weichen. Gerade er nun 
konnte dem Stillleben zu bedeutendem Aufschwung ver- 
helfen und namentlich als Stylblütenmaler Hervorragendes 
leisten. Dem Porträtisten begegnet man schon lange mit 
Misstrauen. In den letzten Jahren haben sich nur mehr Ver- 
storbene von ihm zeichnen lassen, z. B. Brückner und Tilgner. 
Kein Tadel kann ihn in solchen Fällen treffen; hat er doch 
hier die Entschuldigung der vom Tode entstellten Züge 
für sich. 

Probleme sind es, des Schweisses der Edeln werth, 
welche eine benachbarte Tischgesellschaft in Athem halten. 
Kein literarischer Misston stört die reine Theaterfreude 
dieser Menschen, kein Jung- Wiener Künstler verirrt sich 



DIE DEMOLIRTE LITERATUR. 157 

hieher. Wer hat am 24. April im Stadttheater in Regens- 
burg den dicken Herrn in der »Wildentec gespielt? Wann 
trat Herr Rottmann im Burgtheater zum letztenmal auf? 
Diese und ähnliche Themen, sonst mit Leidenschaft er- 
örtert, müssen doch in den Hintergrund treten, wenn die 
Lebensfrage auftaucht : Sind heut' Freikarten ? Jedem Schau- 
spieler ist ein Theaterinteressent an die Seite gegeben, der 
ihm mit demselben Respecte zuhört wie jener dem Kritiker 
des Tisches. Da sind pathetische Vorstadtmimen, die in der 
Josefstadt die Tradition des Burgtheaters hochhalten; da 
gibt es Bühnengrössen, die auf eine langjährige Wirksamkeit 
in der Theaterloge zurückblicken können und sich einen 
Ruf als Zuschauspieler des Burgtheaters gemacht haben. 

Es folgen Tische, deren Verhältniss zur Literatur nur 
noch ein sehr gelegentliches ist. Hier sitzen Leute, deren 
Talent sich in den Randbemerkungen und Glossen ausgibt, 
mit welchen sie sämmtliche im Literatencaf6 aufliegenden 
Zeitschriften versehen. Manche schreiben in die vornehmsten 
Revuen des In- und Auslandes. Diese Autoren unterzeichnen 
nicht mit vollem Namen, bleiben demnach dem grossen 
Publicum unbekannt. Gleichwohl besitzt ein jeder von ihnen 
seine markante Eigenart. Da ist Einer, der durch Jahre und 
in dem Wechsel der Richtungen, welchem dieses Kaffeehaus 
unterworfen war, seinen Standpunkt bewahrt hat; von ihm 
liest man immer noch die eine Aeusserung: »Judlc 

Nicht einmal zu dieser Höhe der Production vermochte 
sich eine Gruppe von Jünglingen emporzuschwingen, denen nur 
der Vorwand, Stimmungen leicht zugänglich zu sein, ein 
Plätzchen im Locale der modernen Schriftsteller eingeräumt 
hatte. Manche unter ihnen wussten sich noch insoweit nützlich 
zu machen, als sie den Verkehr zwischen den einzelnen Tischen 
vermittelten, den Gästen Theaternachrichten zutrugen und 
vielen wirklich die Leetüre der Journale ersparten. Als diese 
Gesellschaft eines Tages nicht mehr erschien, versicherte der 
Marqueur in seiner feinsinnigen Weise, die Herren seien nicht 
allein den Beweis literarischer Fähigkeit schuldig geblieben. 



KRITIK. 



Volkstheater. »Die Ver- 
liebten, c Drama in fünf Acten 
von Maurice Donnay. 

Als ich voriges Jahr in einem 
leider nun entschlafnen Blatte 
unseren lieben Phäaken ein bischen 
pariserisches Blut zu injiciren suchte, 
da zeigte ich ihnen u. A. auch das mit 
echt decadenter Grazie beschenkte, 
das schillernde Temperament eines 
jungen Franzosen, den zwischen 
Simmering und Nussdorf noch 
Niemand kannte; nun spielen sie 
im Volkstheater sein neuestes Stück. 
Es war Maurice Donnay, dessen 
»Verliebtet man so stüi misch jetzt 

bejubelt In diesem Werke 

steckt aber auch eine ganz eigene 
Verfuhrung und Depravation. Wie 
über schimmernde, blühende Körper 
ist über die Sünde hier ein feiner, 
weiter Schleier schwermüthiger 
Wohlanständigkeit gebreitet, der 
sie nur lockender noch, nur duf- 
tiger macht. Nicht eine einzige 
ehrbare Frau tritt auf — allein 
um der Cocotten Haupt flimmert 
die sanfte Gloriole zärtlichster 
Mütterlichkeit. Bis drei Uhr Früh 
verweilen die Verliebten bei ein- 
ander — aber George begnügt 
sich, seiner angebeteten Ciaudine 
verträumte Verse träumend vor- 
zutragen. Es lockte Donnay, 

unszu zeigen, wie die Liebe sich in 
Menschen malt, die verrucht und 
verderbt und aller Unschuld bar 
sind. Ein Pendant zum Liebespaar 
der Naivetät, zu Romeo und Julia, 
hat er in seinem Liebespaar von 
Rafünirten möglicherweise zeichnen 
wollen. Die Ersten — sie trennt 



nur Tod und Sterben — die Zweiten 
aber gehen freiwillig, wenn auch 
leicht erschüttert, auseinander, und 
wenn nach kurzen Jahren der Zu- 
fall sie wieder zusammenfuhrt, dann 
sprechen sie mit einem leisen, 
müden, skeptischen Lächeln, aber 
doch sehr wohlwollend — de 
mortuis nil nisi bene — von ihrer 
gestorbenen Liebe. Dass Donnay 
den geschmackvollen Muth fand, 
diesen typischen Fall trotz seiner 
simplen Schlichtheit direct vom 
Leben weg ganz uncomplicirt auf 
die Bühne zu verpflanzen, das scheint 
mir ein Zug von echter, edler Grösse, 
von der wir Vieles noch erwarten 
dürfen. R. St. 

»Christus« von F. Liszt. In 
Wien zum erstenmale aufgeführt 
am 18. December 1896. 

Ueber ein Vierteljahrhimdert 
nach seinem Entstehen musste ver- 
streichen, ehe es Liszt's »Christusc 
in Wien (von Kürzungen im stabat 
mater abgesehen) zu einer voll- 
ständigen Aufführung brachte, und 
auch da war es nicht die Gesell- 
schaft der Musikfreunde, der wir 
diese That verdanken sondern 
die österreichische Leo-Gesellschaft, 
welche das Zustandekommen des 
Unternehmens künstlerisch förderte 
und unterstützte. Ohne gerade zu 
den Liszt -Verehrern zu zählen, 
müssen wir dem »Christusc eine 
eminent künstlerische Bedeutung 
zuerkennen. In der geistvollsten 
Weise hat der Meister es ver- 
standen, die alten Kirchentonarten 
in ihrer Keuschheit und Reinheit 
mit unserer modern - sinnlichen 



KRITIK, 



159 



musikalischen Ausdrucksart zu 
einem einheitlichen Ganzen zu ver- 
weben und dies Alles durch 
den Glanz vollendeter Instrumen- 
tation noch zu steigern. Leider 
wird dieser gute Eindruck durch 
die vielen langsamen Tempi, durch 
zu häufige Wiederholungen und 
durch Zwischenspiele, die in den 
Chorsätzen immer wieder auftreten, 
doch etwas beeinträchtigt. Bei einer 
neuerlichen Aufiuhrung des Werkes, 
die wir selbstverständlich nur be- 
fürworten würden, wären fast selbst- 
verständliche Kürzungen vor Allem 
im > Weihnachtsoratorium c und in 
dem viel zu weit ausgedehnten 
»tristis est anima meac dringend 
zu empfehlen. Die AufRihrung, bei 
welcher die Singakademie, der 
» Schubertbund € und ein eigens zu 
diesem Zwecke organisirtes Or- 
chester mitwirkten, machte dem 
Dirigenten Ferdinand Löwe alle 
Ehre, man konnte jedem Einzelnen 
das durch die künstlerisch sichere 
Ruhe des Dirigenten bedingte Ver- 
trauen in das Gelingen der Sache 
deutlich anmerken. H. K—r, 

Lothar Schmidt. »Exredacteur 
Sauer.c Verlag von Schuster& 
Loeffler. Berlin 1896. 

Simplex sigillum veri, so lautet 
das bescheidene Motto, das der 
Autor seinem Buche voranstellt. 
Ein schlichtes Bild der Wirklich- 
keit! Jawohl, aber nicht Jeder 
kann diese Wirklichkeit sehen und 
nicht Jeder mit- so prachtvollem 
Impressionismus malen, wie Lothar 
Schmidt es gethan. Wie der seelen- 
gute, wehmüthig - sarkastische Ex- 
redacteur zum Clavierspieler herab- 
sinkt, der allabendlich um drei 
Mark und Freibier das verstimmte 
Pianino der »Cerevisiac bearbeitet, 
und wie er mit Erna, der stillen. 



verhärmten Kellnerin, sich wieder 
zu einem soliden^ gut bürgerlichen 
Hausvaterglück emporschuflet, das 
ist so frisch, so keck und so 
lebensvoll hingehaut, dass man 
seine helle Freude über das Büch- 
lein haben muss. Besonders gut 
ist neben dem bisweilen an Col- 
lege Crampton gemahnenden Ex- 
redacteur die überaus schwer zu 
zeichnende Figur der Kellnerin 
gelungen. Die meisten Modernen 
scheitern an zwei Klippen, ent- 
weder renommiren ihre Heldinnen 
allzu sehr mit dem verlorenen 
Jungfemkranz aus veilchenblauer 
Seide, oder ihr Haupt umleuchtet 
ein flimmernder Heiligenschein, ihre 
unsterbliche Seele ist rein und 
weiss nichts von dem, was nach 
Mittemacht die sterbliche Hülle 
thut. Beide Gefahren hat Lothar 
Schmidt glücklich umsegelt und 
ein liebes gutes Ding geschildert, 
das als Gouvernante eine Dumm- 
heit machte und darum Kellnerin 
werden musste. E.S. 

EINGESENDET. 

Wir werden um Veröffentlichung 
folgender 2^üen gebeten : 
Geehrte Redactionl 

Die Art, wie ein in dem Artikel 
Nr. m »Die demolirte Litera- 
tur c Angegriffener auf diese Satyre 
reagirte, scheint mir nach jeder 
Richtung hin geeignet, Befremden 
zu erwecken. Auf einen geistreichen 
literarischen Angriff* gibt es meinem 
Empfinden nach nur zwei Formen 
der Erwiderung. Entweder mau 
replicirt — und bei Literatenkämpfen 
ist die natürlichste Waffe wohl die 
Feder — ebenso scharf und geist- 
reich: das hat allerdings seine 
Schwierigkeiten, denn mit treffen- 
dem Witze zu antworten, ist nicht 
Jedermanns Sache — oder man 



i6o 



KRITIK. 



schickt, wenn man sich beleidigt 
fühlt, seine Zeugen. Der in Rede 
stehende Herr hat keinen dieser 
beiden Wege betreten, sondern es 
vorgezogen, die Sache in Kirch- 
weihmanier durch eine thätliche 
Attaque auf einen Ahnungslosen 
auszutragen. Warum dieser Herr 
den ersten Weg nicht eingeschlagen 
hat, ist mir, wie oben schon an- 
gedeutet, vollständig klar. Welche 
Gründe haben ihn nun von dem 
zweiten Wege abgehalten? 

Man kann ein principieller 
Cregner des Duells sein, oder man 
hat verschiedenartige Veranlassung, 
es zu vermeiden, sei es nun aus 
Mangel an Muth — das körper- 
liche Kraftübergewicht des Einen 
kann ja möglicherweise durch die 
grössere Gewandtheit des Anderen 



paralysirt werden — sei es, weil 
man auf Grund einer bewegten Ver- 
gangenheit den Spruch eines Ehren- 
gerichtes fUrchtet. Offenbar ist 
dieser Herr ein principieller 
Gegner des Duells . . . 

Die Art, wie er dieser Gegner- 
schaft Ausdruck gab, die Anwen- 
dung der Brachialgewalt, verdient 
in jedem Falle die unbedmgte Ver« 
urtheilung, die sie in allen Kreisen 
der GeseUschaft erfahren hat 

Ich spreche im Namen Vieler, 
geehrte Redaction, wenn ich Sie 
bitte, vorstehenden Zeilen in Ihrem 
geschätzten Blatte freundlichst Raum 
geben zu wollen. Mit vorzüglicher 
Hochachtung 

Otto Wenuck, 
Wien, IX. Eisengasse 15. 

Am 22. December 1896. 



Hcrausg^eber und verantwortlicher Redacteur: Rudolf Strauis. 
Gh. Reisser fr M. Wertbner, Wien. 



^iener J{undschau. 



15. JANUAR, 1897. 



EINE SCHAUSPIELERIN. 

Novelle von GABRIELE REUTER (München). 

»Wie — ? Was — ? Verlobt? Die Ridberg und Heller?« 

»Ja — es scheint so, Herr Director,« antwortete der kleine, ein 
wenig verwachsene Komiker. »Ich sah sie wenigstens heute Nachmittags 
wieder von einem gemeinsamen Spaziergang kommen. Sie führte sich 
an seinem Arm. Nun — imd das kann doch bei Fräulein Ridberg nur 
eine Verlobung bedeuten.« 

»Allerdings — allerdings !« Director Luckner's schwarzer Zwickel- 
bart zuckte aufgeregt unter seiner stark gebogenen Nase. Er klemmte 
nervös das Monocle ins Auge und starrte nach der Seitencoulisse 
hinüber, wo der gefeierte Gast des Abends neben der ersten Lieb- 
haberin stand. 

Zum letztenmal hatte sich eben der Vorhang niedergesenkt. 
Aber noch immer klatschten einzelne Begeisterte unermüdlich weiter, 
während das Publicum sich rauschend, klappernd, stimmensurrend 
entfernte. 

Director Luckner suchte seinen Weg zwischen den Decorations- 
stücken, die von den Theaterarbeitern mit der ihnen eigenen Hast 
fortgerissen wurden, zu den Beiden hinüber. Er pustete in kurzen 
Athemzügen. 

»Dem wird*s Gratuliren auch bitter,« raunte einer der I^ute hinter 
ihm, die Anderen lachten verstohlen. 

Aber er streckte dem Paar jovial und väterlich die Hände 
entgegen. 

»Sagt mal, Kinder, darf man euch denn wirklich Glück wünschen?« 

Sie standen noch im Costüm des Abends, Petruchio und das 
widerspenstige Käthchen, heiss und erregt von Shakespeare*s wildem 
Liebesspiel. Herrlich kleidete die üppige Renaissancetracht das Mädchen 



102 REUTER. 

mit der stolzen Büste, dem vollen Halse und dem von guter Laune 
sprühenden, in den übertriebenen Farben der Schminke leuchtenden 
Antlitz. 

Als der Director neugierig und indiscret fragend auf sie zutrat, 
zog sie die Brauen zusammen, und ihre Haltung markirte eine kühle 
Abweisung. 

Doch Petruchio-Heller blickte ihr schelmisch, si^;reich in die 
Augen. 

»Darf er, Käthchen? Ich denke, wir erlauben es ihm. Ja, ja, 
Director, Sie dürfen!« 

Und glücklich lachend, mit der unwiderstehlichen Kraft des 
Empfindungsausdruckes, durch den er das Publicum stürmisch gewann, 
riss er auch das Mädchen an seiner Seite, die noch zitterte vom 
NachhaU der leidenschaftlichen Rolle, über Zögern und Schwankungen 
hinweg. Er legte ritterlich den Arm um ihre Schulter, und so nahmen sie 
die Glückwünsche der Collegen entgegen. Im Nu flog die Parole Trepp 
auf, Trepp ab, die winkeligen Gänge hindurch, bis in die Garderoben. 
Wer heute Abend beschäftigt gewesen und wer auch nur um den 
fremden Gast, den vielgenannten Franz Heller zu sehen, da herum- 
gestanden. Alles kam erregt auf die Bühne zurück, die Herren schon 
iii Ueberziehem, die Damen im Strassenkleide, in Hut und Schleier. 
Das flüsterte und tuschelte unter dem Theatervolke: 

»Haben Sie gehört . . .? Gleich auf der ersten Probe war er 
von ihrem Anblick betroffen!« 

»Ja — das ist uns Allen aufgefallen!« 

»Und diese endlosen Kunstgespräche I« 

»Ah — Heller ist ein Schlaukopf — der weiss, wie man die 
modernen Käthchen fangt!« 

»Ach, gehen's doch, Sie sind immer so C3mischl« schmollte die 
Sentimentale mit dem Charakterspieler, und er kicherte boshaft. 

»Ein himmlisches Paar!« schwärmte die Theaterelevin und flüsterte 
freudig erwartungsvoll: »Nun geht sie gewiss ab.« In Gedanken setzte 
sie hinzu: »Die Rollenhyäne!« 

»Warum sollte sie? Er wird ihr doch ein Engagement in Berlin 
verschaffen ?« 

»Na, das scheint mir noch sehr die Frage. Uebrigens — natürlich — 
ich wünsche ja Fräulein Ridberg alles Gute . . . Nur — in Berlin ist 
ihr Genre gerade nicht so sehr beliebt.« 

»Aber Herr Oberregisseur, was wollen Sie denn damit sagen?« 

»Nichts, meine Damen, gar nichts . . . Bei aller Hochachtung 
vor Fräulein Ridberg's Talent müssen wir doch Alle zugeben, dass 
eine gewisse Kühle und Herbigkeit ihren Rollen oft schadet. Sie ver- 
stehen mich schon. Ich bleibe dabei, eine Schauspielerin muss Er- 
fahrungen gemacht, kurz und gut, muss gelebt haben, um den Gipfel 
ihrer Kunst zu erreichen.« 

»Darum verlobt sie sich wahrscheinlich,« warf die Soubrette 
schnippisch hin, und Alles lachte. 



EINE SCHAUSPIELERIN. 163 

»Das wird Aufregung in der Stadt geben ! Weun die Commercien- 
räthin Leonstein nicht die Lorbeerkränze dieser vierzehn Tage bereut!« 

.Ha — ha — ha! Hi — hü« 

Man drängte sich zum Händedruck um das Brautpaar. 

Olga Ridberg nahm ihre goldbraune Sammtschleppe zusammen, 
um der Scene ein Ende zu machen. Das Herz schlug ihr wild, und 
sie bewahrte nur schwer ihre freundliche Gelassenheit. 

Er hatte nicht von Verlobung, nicht von Heirat geredet auf dem 
Spaziergang am Nachmittag. Nur von Freundschaft, die sein kurzes 
Gastspiel überdauern sollte, von Aussichten, die sie in Berlm haben 
würde, wo er für ihr Engagement wirken wollte. Und nun nahm er 
ihre Einwilligung so plötzlich, so im Sturm . . . 

Sie musste sich fassen — sich klar werden — dem Taumel ent- 
rinnen. . . Und o — wie entzückend, wenn dann auch die Vernunft 
ihr sagte, dass sie glücklich sein durfte! 

»Verzeihung, Herr Director — ich werde erwartet. . .< 

Ein Blick, ein leuchtender, glückseliger Blick auf Heller, dem er 
mit seinen ausdrucksvollen Augen antwortete, und sie lief davon. 

»Ich glaube, die Excellenz Wabern sitzt schon in der Garderobe, 
um Sie zu empfangen,! bemerkte der Director unbestimmt und süsslich 
lächelnd. »Sah vorhin den Livrdediener da an der Thür.c 

»Na ja, Heller — Ihr Fräulein Braut wird hier energisch an- 
gebetet — machen Sie sich nur auf ein paar Duelle gefasst mit alten 
Damen und schwärmerischen Backfischen Ic 

Franz Heller lachte als der gutmüthige Sieger über den Versuch 
des Directors, sarkastisch sein zu wollen. 

Die Geschichte, wie Fräulein Ridberg Director Luckner ablaufen 
Hess, hatte er während seines vierzehntägigen Gastspieles nicht nur 
vom Friseur und Garderobier gehört, sondern auch von der Naiven, 
vom Komiker, von der Heldenmutter und vom Regisseur — so ver- 
schieden ausgeschmückt und zurechtgestutzt, wie es gerade das Rollen- 
fach des Erzählers bedingte. Jede Andere wäre danach wohl entlassen 
worden. Aber mit der Ridberg konnte der Director es nicht wagen 
— sie war zu beliebt beim Publicum und wurde von den ange- 
sehensten Familien in der Stadt gehalten. Es hätte der Gasse arg ge- 
schadet. 

Da war z. B. das Haus der reichen Wabems, wo der Director 
brennend gern verkehrt hätte. Es blieb ihm verschlossen, aber fUr 
Fräulein Ridberg hatte es sich freundschaftlich geöffnet Freilich spielten 
in diesem Falle auch alte Beziehungen mit : Excellenz Wabern war 
eine Jugendfreundin von Olga Ridberg's Vater, der noch jetzt eine 
hohe akademische Stellung bekleidete. 

Dem jungen Mädchen war es nicht leicht gemacht, ihrem Wunsch 
folgen und sich fUr die Bühne ausbilden zu dürfen. Zwar gab es 
keine lauten Scenen: ihr Vater hatte sie weder verflucht, noch aus 
dem Hause gestossen und enterbt. Als er sah, dass sie fest in ihrem 
Entschlüsse blieb, hatte er sich gefügt. Nur traurig wurde er von da 

«3* 



164 REUTER. 

ab und mied jedes Zusammensein, jedes Aussprechen, als sei sie schon 
nicht mehr seine Tochter, sondern etwas ihm Fremdes, daran man das 
Herz nicht zu fest hängen darf. 

Ahnend fühlte sie, was er fürchtete. 

Wenn Olga Ridberg an die letzten Tage im Eltemhause dachte, 
rann ihr noch immer ein Bangen und ein Weh durch die Nerven. Es 
war fast nicht zu ertragen gewesen, dieses Mitleiden mit der stummen 
Qual eines Menschen, den sie lieb hatte. Wie eine zarte und doch 
unerbittliche Geistergewalt drückte es auf ihrer Brust, würgte sie, dass 
die Kehle ihr heiss und wund war von ersticktem Weinen. Es er- 
schlaffte ihr die freudige Zuversicht, die starke Siegeskraft, welche sie 
in den schönen jungen Gliedern, in ihrem klugen Kopfe und ihrem 
feurigen Temperament fühlte. 

». . .Aber Papa — so glaube doch an michl« 

Er antwortete nicht. Seine Augen hatten den verstörten Ausdruck 
eines Menschen, der etwas sehr Kostbares verloren hat. 

»Du kennst mich doch, Papalc 

»Mein Kind — von Deinem Talent bin ich ja überzeugte 

Wie viel Misstrauen in dem Ton lag — und wie viel Resignation. 
Olga biss die Zähne zusammen; das Blut stieg ihr zu Kopf, und ihre 
Wangen glühten vor innerem Zorn. 

Und dann kam der Abschied. 

»Papa, habe doch Muthl Du beleidigst mich. Ich werde auch 
als Schauspielerin nicht vergessen, dass ich deine Tochter bin. Verlass 
dich nur auf mich.c 

Sie lachte fröhlich, weil sie fröhlich sein wollte. 

»Ach Kind, ich fordere kein Versprechen. Du weisst ja nicht . . . 
Es tst wohl da kaum möglich, so in unserm bürgerlichen Sinne. . . 
Was wir ein anständiges Mädchen nennen ... Es gibt da andere Ge- 
setze und andere Sitten . . .< 

Er nahm sie an sich und drückte ihren Kopf an seinen Mund 
— verzeihend — mit Thränen, die ihr über die Stirn liefen. 

Olga ergriff seine Hand und hielt sie fest in ihren beiden. Er 
hatte ihr kaum so viel Kraft zugetraut, als sie in diesen Druck legte. 

»Papa — ich will! Und nun — Lebewohl I Auf Wiedersehen Ic 

(Schluss folgt.) 



LEBEN. 

Sie wandelt durch den Gartengang, 
bebend im Dufte der Syringen, 
in Wegen, die am Blüthenhang 
sich durch begrünte Gitter schlingen. 

Sie geht zur weissumfassten Quelle 
und lauscht des Brunnens leisem Sang, 
Wie Kinderlachen tönt die Welle, 
gemengt mit Stöhnen, fern und bang. 

In ihrem Busen schläft ein Wähnen 
von einem Glück, das blüthenschwer 
in goldnen fruchtgeschmückten Kähnen 
gen Abend schwimmt zum hellen Meer. 

Ein Vers hat Kunde ihr gegeben, 
ein Duft, vielleicht ein altes Lied, 
dass irgendfern ein grosses Leben 
voll Räthsel durch die Länder zieht. 

Das Auge träumt versagte Bahnen, 
Entzückung lächelte der Mund. 
Durch ihre Seele klingt ein Ahnen 
von Paphos oder Amathunt. 

München. OsCAR SCHMITZ. 



DER BOBOK. 

Memoiren einer Person. 

Von Feodor Michailowitsch Dostojewsky. 

Deutsch von Nina Hofmann. 
(Fortsetzung.) 

»Nein, ich möchte noch ein Bftchen leben! nein . . . ich . . . wisst 
Ihr ... ich möchte noch ein Bischen leben I« wurde plötzlich eine neue 
Stimme irgendwo zwischen dem General und der aufgeregten Dame laut. 

»Hören Sie, Excellenz? Der Mensch fUngt abermals an. Drei 
Tage lang schweigt er, und dann plötzlich: Ich möchte noch ein 
Bischen leben, nein, ich möchte noch ein Bischen leben! Und, wissen 
Sie, mit einem Appetit, hi, hilc 

»Und einem Leichtsinn I< 

»£s friert ihn, Excellenz, und wissen Sie, er schläft ein, er 
schläft schon ganz ein; er ist ja schon seit April hier, und plötzlich: 
Ich möchte noch ein Bischen leben !c 

»Es ist ein bischen langweilig, c bemerkte Seine Excellenz. 

»Ein wenig langweilig, Excellenz? soll man vielleicht Awdotja 
Ignatjewna wieder ein wenig reizen, hi, hi?€ 

»Nein, bitte mich zu verschonen. Ich kann diese zänkische Schrei- 
liese nicht ausstehen. € 

»Ich aber kann euch Beide nicht ausstehen,« rief die Zänkerin 
verächtlich zurück. »Ihr seid Beide höchst langweilig und versteht es 
nicht, etwas Ideales zu erzählen. Von Ihnen, Excellenz, weiss ich ein 
Geschichtchen — thun Sie, bitte, nicht so dick — wie ein Lakai Sie 
an einem schönen Morgen unter einem Ehebett hervorgekehrt hat.« 

»Abscheuliches Frauenzimmer,« brummte der General zwischen 
den Zähnen. 

»Mütterchen, Awdotja Ignatjewna,« fing abermals des Krämers 
Stimme zu jammern an, »du mein liebes Madamchen, sage mir, nichts für 
ungut, bin ich hier hinter Prellereien her, oder was geht denn eigentlich vor ? 

»Ach! er kommt schon wieder auf das Nämliche zurück! Das 
hab' ich auch geahnt, drum kommt auch ein Geruch von ihm herüber 
— ein Geruch — er dreht sich eben um.« 

»Ich drehe mich nicht um, Mütterchen, und es kommt gar kein 
besonderer Geruch von mir — wir haben uns ja noch in unserem 
vollständigen Leibe, wie er war, erhalten — Sie aber. Madamchen, Sie 
sind schon angestochen, und darum ist thatsächlich ein unausstehlicher 
Geruch hier, sogar für diesen Ort. Nur aus Höflichkeit schweige ich.« 



DER BOBOK. 167 

»Ah, der abscheuliche Lästerer 1 von ihm selbst riecht es so, und 
er schiebt's auf michl« 

»Och — cho — cho — cho, wenn nur schon uns're vierzigtägigen 
Todtengebete herankämen I Ihre thränenerfUUten Stimmen werde ich 
über mir hören, der Gattin Jammern und der Kindchen stilles Weinen I« . . . 

»Da seht, worüber er lamentirt: sie werden sich mit Rutja an- 
essen und davonfahren. Ach ! wenn nur irgend wer aufwachen wollte I« 

» Awdotja Ignatjewna,« begann der schmeichlerische Beamte, »warten 
Sie nur ein Weilchen, ganz Neue werden zu sprechen anfangen.« 

»Sind aber auch Junge darunter?« 

»Auch Junge sind da, Awdotja Ignatjewna, sogar Jünglinge sind 
dabei.« 

»Ach, wie schön wäre das!« 

»Nun, was ist's, hat man noch nicht begonnen?« meldete sich die 
Excellenz. 

»Nein, auch die Dreitägigen sind noch nicht zu sich gekommen, 
Excellenz 1 Sie belieben ja selbst zu wissen, dass sie manchmal eine 
ganze Woche lang schweigen. Es ist gut, dass man gestern, vorgestern 
und heute so Viele zugleich, wie plötzlich, herbeigefahren hat, denn es 
sind ja zehn Klafter im Umkreise lauter Vorjährige da!« 

»Ja, das ist interessant.« 

»Sehen Sie, Excellenz, heute hat man den wirklichen Geheimrath 
Tarassjewitsch begraben. Ich habe es an den Stimmen erkannt. Ich kenne 
seinen Neffen, er hat vorhin den Sarg mit hinabgelassen.« 

»Hm, wo ist er denn?« 

»Ungefähr fünf Schritte von Ihnen, Excellenz, links, fast gerade 
zu Ihren Füssen .... Excellenz sollten doch die Bekanntschaft machen « 

»Hm, nein, — was soll ich denn — — der Erste « 

»Er wird ja selbst anfangen, Excellenz, er wird sich sogar ge- 
schmeichelt fühlen . . . beauftragen Sie mich, Excellenz, und ich werde . . .« 

»Ach, ach, ach! was geschieht denn da mit mir?« krächzte plötz- 
lich ein erschrecktes, ganz neues Stimmchen. 

»Ein ganz Neuer, Excellenz, ein ganz Neuer, Gott sei gedankt, 
und wie schnell! Manchmal schweigen sie eine ganze Woche.« 

»Ach! es scheint ein junger Mensch zu sein?« winselte plötzlich 
Awdotja Ignatjewna. 

»Ich ... ich . . . ich . . . an einer Complication und so plötzlich!« 
stammelte wieder der Jüngling. Noch am Vorabend hat mir Schulz ge- 
sagt: »Bei Ihnen,« sagt er, »ist eine Complication da — ich aber 
bin plötzlich am Morgen verschieden. Ach, ach! . . .« 

»Nun, da ist nichts zu machen, junger Manu,« bemerkte der 
General theilnehmend und wie erfreut über den neuen Ankömmling, 
»Sie müssen sich trösten! Willkommen, ich möchte sagen: in unserem 
Thale Josaphatl Wir sind gute Leute, Sie werden uns kennen und 
schätzen lernen. Generalmajor Wassility Wassiljewitsch Kerwojedow, zu 
Ihren Diensten.« 



X 68 DOSTOJE WSKY. 

»Ach nein, nein I Das kann ich durchaus nicht. Ich bin bei Schulz 
in Behandlung; bei mir, wissen Sie, ist eine Complication dazugekommen; 
anfangs hat es die Brust ergriffen, Husten, dann aber hab' ich mich 
erkältet. Die Brust also und Grippe . . . und da, plötzlich, ganz uner- 
wartet ... die Hauptsache ist : ganz unerwartet.« 

»Sie sagten, anfangs war es die Brust,« mischte sich gleichsam 
aus dem Wunsche, den Neuling zu ermuthigen, sanft der Beamte ein. 

»Ja, die Brust und Verschleimung, dann aber plötzlich hörte die 
Verschleimung auf . . . nur die Brust, und kein Athem . . . und wissen 
Sie . . .« 

»Ich weiss, ich weiss. Aber wenn's die Brust ist, da hätten Sie 
eher zu Eck sollen und nicht zu Schulz.« 

»Ich aber, wissen Sie, hatte immer vor, zu Botkin zu gehen . . . 
und . . . plötzlidi . . .« 

»Nun, Botkin ist gesalzen,« bemerkte der General. 

»Ach nein, er ist gar nicht gesalzen; ich habe gehört, dass er 
so aufmerksam ist! Und Alles sagt er im Voraus!« 

»Seine Excellenz haben das in Bezug auf das Honorar gesagt,« 
erläuterte der Beamte. 

»Ach, warum nicht gar! Nur drei Rubel und dabei untersucht er 
so gründlich . . . und das Recept . . . ich habe unbedingt zu ihm 
gehen wollen, weil man mir gesagt hatte . . . Also, was meinen Sie, meine« 
Herren, soll ich zu Eck oder zu Botkin?« 

»Was? Wieso?« wiegte sich angenehm lachend des Generals 
Leichnam hin und her. Der Beamte accompagnirte ihn in der Fistel. 

»Lieber Junge, lieber, erfreulicher Junge, wie liebe ich dich!« 
winselte entzückt Awdotja Ignatjewna, »wenn man doch einen Solchen 
neben mich legte!« 

Nein, das kann ich nicht zugeben! Uebrigens will ich weiter zu- 
hören, nicht voreilig urtheilen. Dieser kleine Neuling — ich erinnere 
mich, ihn vorhin im Sarge gesehen zu haben — einen Ausdruck hat 
er wie ein erschrecktes Küchlein, das widerwärtigste Gesicht von der 
Welt! Indessen, was kommt weiter. 

Aber weiter begann ein solches Getümmel und Gezanke, dass ich 
nicht einmal Alles im Gedächtniss behalten habe, denn es wachten sehr 
Viele zugleich auf. Es wachte auf ein Beamter aus der Kategorie der 
Staatsräthe und fing sofort und unmittelbar an, mit dem General über 
das Project einer Subcommission im Handelsministerium und über die 
wahrscheinlich damit verbundene Versetzung der amtirenden Persönlich- 
keiten zu sprechen, was den General ganz ausserordentlich aufheiterte. 
Ich gestehe, dass ich selbst dabei viel Neues erfuhr, so dass ich mich 
über die Wege wunderte, auf welchen man in unserer Hauptstadt 
manchmal administrative Neuigkeiten erfahren kann. Dann erwachte 
halb und halb ein Ingenieur ; der murmelte aber noch lange Zeit einen 
vollkommenen Unsinn, so dass die Unseren sich gar nicht an ihn 
kehrten und ihn seine Frist abliegen liessen. Endlich bekundete eine 
gewisse Grabesbelebung die am heutigen Morgen auf dem Katafalk bei- 



DER BOBOK. 169 

gesetzt gewesene, vornehme Dame. Lebesjatnikow (denn der schmeichle- 
rische und mir verhasste Hofrath, welcher neben dem General seinen 
Platz gefunden hatte, hiess, so zeigte es sich, Lebesjatnikow) war sehr 
geschäftig und auch sehr verwundert, dass diesmal alle so schnell er- 
wacht waren. Ich gestehe, auch ich wunderte mich. Uebrigens waren 
einige der eben Erwachten schon vor drei Tagen begraben worden, 
wie z. B. ein ganz junges, sechzehnjähriges Mädchen, das aber unauf- 
hörlich kicherte — widerlich und lüstern kicherte. 

»Excellenz, der Geheimrath Tarassjewitsch belieben aufzuwachen!« 
verkündete plötzlich Lebesjatnikow ausserordentlich eilfertig. 

»Eh ? was ?« murmelte mit einemmale verächtlich und mit heiserer 
Stimme der eben erwachte Geheimrath. Ich horchte neugierig auf, 
denn in den letzten Tagen hatte man über denselbigen Tarassjewitsch 
von etwas im höchsten Grade Bethörendem und Beunruhigendem 
sprechen gehört. 

»Ich bin es. Euer Excellenz, vorläufig ganz allein niu: ich!« 

»Um was bitten Sie, und was ist Ihnen gefällig?« 

»Einzig und allein, mich um das Befinden Euer Excellenz zu er- 
kundigen; aus Ungewohntheit fühlt sich hier ein Jeder beim erstenmal 
etwas beengt . . . General Kerwojedow wünscht die Ehre Ihrer Bekannt- 
schaft, Euer Excellenz, und wünschen . . .« 

»Ich höre nicht.« 

»Bitte, Euer Excellenz, der General Kerwojedow Wassily Wassil- 
jewitsch . . .« 

»Sie sind der General Kerwojedow?« 

»Nein, Euer Excellenz, ich bin nichts weiter als der Hofrath 
Lebesjatnikow, Ihnen zu dienen, der General Kerwojetow aber . . .« 

»Unsinn 1 Und nun bitte ich, mich in Ruhe zu lassen 1« 

»Genug,« sagte endlich würdevoll General Kerwojedow selbst, der 
widerwärtigen Geschäftigkeit seines Grabgenossen Einhalt gebietend. 

»Seine Excellenz sind noch nicht vollständig aufgewacht, Excellenz, 
man muss das im Auge behalten ; das war aus Ungewohnheit, Seine 
Excellenz werden erwachen und werden es dann anders aufnehmen . . .« 

»Genug!« wiederholte der General. 



»Wassilji Wassiljewitsch ! He, Excellenz I« schrie plötzlich laut 
und zornig knapp neben Awdotja Ignatjewna eine ganz neue, herrische 
und freche Stimme mit einer modisch ermüdeten Aussprache und 
einem impertinent skandirenden Tonfall. »Ich beobachte euch Alle schon 
zwei Stunden lang, liege ja schon seit drei Tagen hier — erinnern 
sich doch meiner, Wassilji Wassiljewitsch! was!? — Klinewitsch, bei 
Wotokonskys getroffen, wo man Sie, ich weiss nicht warum, auch einliess.« 

»Wie, Graf Peter Petrowitsch. . . ja — sind Sie denn?. . , . und in 
so jungen Jahren . . . wie bedaure ich 1 « 

»Ja, bedaure selbst — übrigens ist mir's einerlei, und ich will 
von überall das Möglichste herausschlagen. Aber nicht Graf, nur Baron, 



1 70 DOSTOJEWSKY. 

ganz einfach nur Baron ; wir sind nur so schäbige Barönchen aus dem 
Lakaiengeschlecht, ja, und ich weiss auch gar nicht wozu — spucken 
kann man drauf. Ich bin ein Taugenichts aus der pseudo-höheren Ge* 
Seilschaft und rechne mich zu den iliebenswürdigen Polissonsc Mein 
Vater war irgend ein Generälchen, und meine Mutter war einmal 
en haut lieu aufgenommen. Ich habe im vorigen Jahre mitZiphel, dem 
Juden, um funfzigtausend Rubel falsche Papiere in Umlauf gebracht. 
Ihn hab' ich dann angezeigt. Das Geld aber hat Julchen Charpentier 
de Lusignan nach Bordeaux mit sich genommen. Und, denken Sie 
nur, ich war schon wirklich verlobt — Schtschewalewskaj, drei Monate 
fehlten ihr zum sechzehnten Lebensjahre, noch im Institut, neunzig- 
tausend Mitgift. Awdotja Ignatjewna, erinnern Sie sich, wie Sie mich 
vor 15 Jahren, als ich noch ein vierzehnjähriger Page war, verfuhrt 
haben ?c 

»Ach, du bist das, Taugenichts?! Nun, dich hat der Herrgott 
geschickt — hier aber . , . c 

»Sie haben Ihren Nachbar, den Handelsmann, ganz ungerecht 
des schlechten Geruchs verdächtigt. . . ich habe dabei nur geschwiegen 
und gelacht, das kommt ja von mir, mich hat man drum auch in 
einem vernagelten Sarge begraben.« 

»Ach, du Nichtswürdiger! Aber ich bin dennoch froh. Sie glauben 
nicht, Klinewitsch, Sie glauben nicht, was hier für ein Mangel an Leben 
und Geist ist.« 

»Nun ja, jawohl. Ich habe auch die Absicht, hier etwas Origi- 
nelles einzuführen. Excellenz! Nicht Sie, Kerwojedow, Excellenz, der 
andere, Herr Tarassjewitsch, Geheimratb, melden Sie sich doch! Hier 
Klinewitsch, der Sie in der Fastenzeit zu MUe. Furie gebracht hat, 
hören Sie . . . « 

»Ich höre Sie, Klinewitsch, sehr erfreut und. . . . glau — ben. . . . 
Sie . . . « 

»Keinen Heller glaub' ich, spucke drauf! Ich will Ihnen, lieber 
Greis, nur den Willkommenskuss geben, aber, Gott sei Dank, ich kann 
es nicht. Wisst Ihr, meine Herren, was dieser grand'p^re geleistet 
hat ? Vor drei oder vier Tagen ist er gestorben und, könnt Ihr*s euch 
vorstellen? er hat in der Staatscasse ein Deficit von ganzen 400.000 
Rubeln zurückgelassen. Das Geld der Witwen und Waisen, mit dem 
er, weiss Gott warum, ganz allein gewirthschaftet hat, so dass man 
zuletzt ganze acht Jahre nicht bei ihm revidirte. Ich kann mir 
denken, was für lange Gesichter sie jetzt machen und in welchen Aus- 
drücken sie seiner gedenken. Eine saftige Vorstellung, nicht wahr? 
Ich habe mich das ganze vorige Jahr hindurch gewundert, wie ein 
solches mit Podagra und Chiragra behaftetes Alterchen noch so viel 
Kraft zur Liederlichkeit aufbringt und — nun, da ist auch die Lösung. 
Diese Witwen und Waisen — ja, schon der Gedanke an sie hätte ihm 
siedeheiss machen müssen ! . . . Ich habe das schon lange gewusst — 
ich allein hab's gewusst. Mir .hat es die Charpentier mitgetheilt, und 
wie ich's erfahren habe — gleich zu ihm, in der Osterwoche, und habe 



DER BOBOK. I ^ I 

ihm zugesetzt, ganz freundschaftlich: »Gib 25.000 Rubel, wenn nicht 
— revidirt man morgen.« Und nun stellt euch vor, es fanden sich 
damals nur mehr dreizehntausend bei ihm vor, so dass er, wie es 
scheint, jetzt recht ä propos gestorben ist. Gfand'p^re, grand'p^re, 
hören Sie?« 

»eher Klinewitsch, ich gebe das vollkommen zu, und Sie haben 
sich — ganz überfliissigerweise in Details eingelassen. Im Leben gibt es 
so viele Leiden, so viele Foltern und so wenig Vergeltung. . . Ich 
hatte endlich den Wunsch, mich zu beruhigen und, so viel ich sehe, 
hoffe ich auch hier Alles herauszuschlagen, was . . . « 

»Ich wette, dass er schon die Katisch Berestowa heraus- 
geschnüffelt hat!« 

»Was für eine... was für eine Katisch?« sagte lüstern mit 
zitternder Stimme der Greis. 

>A, ach — was für eine Katisch!? Da, hier, links, fünf Schritte 
von mir, von Euch etwa zehn Schritte. Sie ist schon den fünften Tag 
hier; und wenn Sie wüssten, grand'p^re, was das für ein Luderchen 
ist . . . Aus gutem Hause, wohlerzogen und ... ein Ungeheuer letzten 
Grades! Ich habe sie dort Niemand gezeigt, ich allein habe sie ge- 
kannt. Katisch, melde dich!« 

»Hi, hi, hi,« antwortete der rissige Klang eines Stimmchens, 
in welchem etwas wie der Stich einer Nadel enthalten war, »hi, 
hi, hi!« 

»Ein Blon — din — chen?« fragte lallend und abgerissen in drei 
Absätzen der grand'p^re. 

»Hi, hi, hi.« 

»Mir hat schon — schon lange — — « setzte stammelnd und 
athemlos der Alte, »die Vorstellung von einem Blondinchen zugesagt 
von fünfzehn Jahren — und gerade unter solchen Umständen. « 

»Ach, das Ungeheuer!« rief Awdotja Ignatjewna aus. 

»Genug!« schloss Klinewitsch, »ich sehe, dass das Material vor- 
trefflich ist. Wir werden uns hier sofort auf das Beste einrichten. Die 
Hauptsache ist, dass wir die übrige Zeit lustig verbringen. Allein was 
für eine Zeit ? He ! Ihr ! Beamter, Lebesjatnikow oder so was ; ich hörte, 
dass man Euch so nannte!« 

»Lebesjatnikow, Hofrath, Semjon, Jewsejitsch zu Ihren Diensten 
und sehr, sehr, sehr erfreut!« 

»Spucke drauf, dass Sie erfreut sind — sondern, Sie sind es, 
wie mir scheint, der Alles hier kennt. Sagen Sie einmal; erstens (ich 
wundere mich schon seit gestern darüber) : Auf welche Weise geschieht 
es, dass wir hier sprechen? Wir sind ja gestorben und dabei sprechen 
wir. Es ist, als bewegten wir uns und dabei sprechen wir nicht und 
bewegen uns nicht. Was ist das für ein Hokuspokus?« 

(Schlnss folgt.) 



»MIT GEDÄMPFTER STIMME . . .c 

In dem dämmernden Dunkel des Abends, 
Tief verborgen von laubigen Zweigen, 
Ströme tröstend in unsere Seelen 
Friedlich trauliches; heiliges Schweigen. 

Und die müden, verlangenden Herzen 
Soll kein wildes Begehren mehr stören. 
In dem wiegenden, wogenden Raunen 
Rauschender Pinien, träumender Föhren. 

Schliesse die schlummertrunkenen Augen, 
Und im Schoosse verbirg deine Hände — 
Deine Alles vergessende Seele, 
Denke nimmer an Anfang und Ende. 

Will die brennende Stirne uns netzen 
Kühlender, heiterer Hauch der Oase? 
Sieh', es wogen zu unseren Füssen 
Gleitende Wellen im röthlichen Grase. 

Und wenn feierlich, tröstend der Abend 
Nieder sich senkt aus den schwärzlichen Bäumen, 
Wollen auch wir bei der Nachtigall Klagen 
Air unsern Jammer und Kummer verträumen. 

Paris. Paul Verlaine. 

Deutsch von Alfred NKU^rANN (Wien). 



GOLGATHA. 

Des Tages Blut träuft von den Bergen . . . 

Und leisen Schrittes naht die blinde Nacht — 
Vom Thale steigt sie tastend auf zum Gipfel. 
Dann scheucht sie fort den letzten Dämmerstrahl. 

Hochaufgerichtet steht auf Golgatha 

Das Kreuz und ragt gespenstisch in die Femen — 

Vom grauen Holze schimmert gelblich-weiss 

Wie Elfenbein der todte Gottesleib. 

Nur auf der Stime blinken helle Tropfen 

Vom Todesschweiss . . . Mit kühlen, sanften Lippen 

Küsst sie hinweg die Nacht, die bleiche Nonne. 

Dann hockt sie sich am Kreuzesende nieder 
Und weint und weint — und ihre Thränen fallen 
Auf welke Blumen, die vom Tage krank, 
Und dürre Gräser, die Erlösung dürsten . . . 
Aus ihres Mantels Laken huschen Engel 
Und richten auf die tiefgebeugten Halme, 
Die von der Menge Fuss zum Staub getreten. 

Vom Himmel hangen schwere Wolken nieder. 
Da schlägt die Nacht die blinden Augen auf. 
Und zitternd schwebt daraus em Mondenstrahl 
Und flimmert um das todte Gotteshaupt 
Mit den violenblassen, herben Lippen 
Und den gebrochenen, schmerzenstiefen Augen. 
Doch wundersam — die röthlich-gelben Haare 
Erglühen leise, wie vom Licht entzündet. 
Und eine Flamme lodert um das Haupt I 

Da senkt die Nacht den schwarzen Wolkenschleier, 

Der Strahl verlischt — doch schimmernd steht das Kreuz — 

Und wie Musik erklingen alle Weiten — 

Ums Haupt des Todten flattern weisse Tauben, 

Und östlich wetterleuchtet das Gericht! . . . 

Wien. Paul Wilhelm. 



ALLADINE UND PALOMIDES. 

Ein kleines Drama für Marionetten von MAURICE MAETERLINCK. 

Antorisirte Uebersetzung von Marie Lang. 



IV. ACT. 
I. Scene. 

Weite unterirdische Grotten. 
Alladine und Palomides. 

Palomides. 

Sie haben mir die Augen verbunden, sie haben mir die 
Hände gefesselt. 

Alladine. 

Sie haben mir die Hände gefesselt, sie haben mir die 
Augen verbunden . . • Ich glaube, meine Hände bluten . . . 

Palomides. 

Wartet. Heute segne ich meine Kraft .... Ich fühle, 
dass die Fesseln nachgeben . . . Noch ein starker Ruck, und 
mögen meine Arme brechen! Noch ein starker Ruck. Nun 
hab' ich meine Arme wieder (die Binde abreissend) und meine 
Augen! . . . 

Alladine. 



Ihr seht? 

Ja. 

Wo sind wir? 

Wo seid Ihr? 

Alladine. 
Hier; seht Ihr mich nicht? 



Palomides. 

Alladine. 

Palomides. 



ALLADINE UND PALOMIDES. 175 

Palomides. 

Meine Augen thränen noch von dem Druck der Binde 
... Im Finstern sind wir nicht. Seid Ihr eS; welche ich dort 
höre, wo es hell wird? 

Alladine. 
Ich bin hier, kommt. 

Palomides. 

Ihr seid am Rande des Lichtschimmers, der uns leuchtet. 
Rührt Euch nicht; ich sehe nicht Alles um Euch her! Meine 
Augen haben die Binde noch nicht vergessen. Man hat sie 
zusammengeschnürt; als hätte man mir die Augen vernichten 
wollen. 

Alladine. 

Kommt, die Fesseln ersticken micl?. Ich kann nicht länger 
warten . . 

Palomides. 

Ich höre nur eine Stimme, die aus dem Lichte dringt . . . 

Alladine. 
Wo seid Ihr? 

Palomides. 

Ich weiss es selbst nicht. Ich schreite noch in der 
Finsterniss .... Sprecht weiter, dass ich Euch finde. Ihr 
scheint am Rande einer grenzenlosen Helle . . . 

Alladine. 

Kommt ! Kommt ! Ich habe schweigend gelitten, aber ich 
kann nicht mehr . . . 

Palomides (sich vorwärs tastend). 

Da seid Ihr? Ich habe Euch so fern geglaubt I . . . Meine 
Thränen haben mich getäuscht. Ich bin hier, und ich sehe 
Euch. Oh! Eure Hände sind verwundet I Das Blut ist auf Euer 
Kleid geflossen, und die Fesseln sind in das Fleisch gedrun- 
gen. Ich habe keine Waffen mehr. Sie haben mir meinen 
Dolch genommen. Aber ich werde sie zerreissen. Wartet! 
Ich habe den Knoten gefunden. 



176 MAETERLINCK. 

Alladine. 
Entfernt erst die Binde, die mich blind macht . . . 

Palomides. 

Ich kann nicht . . . Ich sehe nicht . . . Sie scheint mir 
von einem Netze goldener Fäden umgeben . . . 

Alladine. 
Dann meine Hände, meine Hände! 

Palomides. 

Sie haben seidene Schnüre genommen . . . Wartet, der 
Knoten lost sich. Die Schnur ist dreissigmal herumgewunden 
. . . Jetzt ! jetzt ! — Oh ! Eure Hände sind blutüberströmt . . . 
Man könnte meinen, sie seien todt . . . 

Alladine. 
Nein, nein! . . . Sie leben, sie leben! Seht! . . . (Mit 

ihren kaum befreiten Händen umschlingt sie Palomidens Hals und küsst ihn 
leidenschaftlich.) 

Palomides. 
Alladine! 

Alladine. 
Palomides ! 

Palomides. 

Alladine, Alladine! . . . 

Alladine. 
Ich bin glücklich! . . . Ich habe lange gewartet! . . . 

Palomides. 
Ich habe mich gefürchtet, zu kommen . . . 

Alladine. 
Ich bin glücklich . . . und ich möchte dich sehen . * . 

Palomides. 

Sie haben die Binde wie einen Helm befestigt ... — 
Kehr' dich nicht um; ich habe die goldenen Fäden ge- 
funden . . . 



ALLADINE UND PALOMIDES. l^^ 

Alladine. 
Doch, doch, ich kehre mich um . . . 

(Sie wendet sich um, um ihn wieder zu küssen.) 

Palomides. 

Gib Acht. Rühre dich nicht. Ich fürchte, dich zu ver- 
letzen . . . 

Alladine. 

Reisse sie ab! Fürchte nichts. Ich kann nicht länger 
leiden I . . . 

Palomides. 

Auch ich will dich sehen . . . 

Alladine. 

Reiss' sie ab! Reiss* sie ab! Der Schmerz übersteigt 
meine Kräfte! . . . Reiss' sie ab! . . . Du weisst nicht, dass 
man sterben möchte . . . Wo sind wir? 

Palomides. 

Du wirst sehen, du wirst sehen ... Es sind zahllose 
Grotten . . . grosse, blaue Säle, schimmernde Pfeiler und tiefe, 
Gewölbe . . . 

Alladine. 

Warum antwortest du mir nicht, wenn ich dich frage? 

Palomides. 

Was kümmert's mich, wo wir sind, wenn wir beisammen 
bleiben . . . 

Alladine. 

Du liebst mich nicht mehr? 

Palomides. 
Was hast du denn? 

Alladine. 

Ich weiss ja, wo ich bin, wenn ich an deinem Herzen 
bin ! . . . Reiss' doch die Binde ab ! ... Ich will nicht wie 
eine Blinde in deine Seele eingehen . . . Was thust du, 
Palomides? Du lachst nicht, wenn ich lache, du weinst nicht, 
wenn ich weine. Du klatschest nicht in die Hände, wenn ich 



1 78 MAETERLINCK. 

in die Hände klatsche ; und du zitterst nicht, wenn ich beim 
Sprechen bis ins Innerste meines Herzens zittere . . . Die Binde I 
Die Binde! ... Ich will sehen! . . . Da, da, über meinem 

Haare ! . . . (Sie rcisst die Binde ab.) Oh ! . . . 

Palomides. 
Kannst du sehen? 

Alladine. 
Ja . . . ich sehe nur dich . . . 

Palomides. 
Was ist das, Alladine? Du küsst mich, als wärest du 
wieder traurig . . . 

Alladine. 
Wo sind wir? 

Palomides. 
Was fragst du das so traurig? 

Alladine. 

Nein, ich bin nicht traurig; aber meine Augen offnen 
sich kaum . . . 

Palomides. 

Man könnte glauben, deine Freude sei auf meine Lippen 
gefallen wie ein Kind auf die Schwelle des Hauses . . . 
Kehr' dich nicht um . . . Ich fürchte, du entfliehst, und ich 
fürchte, zu träumen . . . 

Alladine. 
Wo sind wir? 

Palomides. 

Wir sind in Grotten, die ich nie gesehen habe . . . 
Scheint es dir nicht, das Licht nimmt zu? — Wie ich die 
Augen geöffnet habe» konnte ich nichts unterscheiden, 
und jetzt enthüllt sich allmälig Alles. Man hat mir oft von 
den wunderbaren Grotten erzählt, auf denen die Paläste 
Ablamorens erbaut sind. Dies müssen sie sein. Niemand ist 
da hinabgestiegen; und der König allein hat die Schlüssel. 
Ich wusste, dass das Meer die tiefsten dieser Grotten überfluthet ; 



ALLADINE UND PALOMIDES. 179 

und es ist wahrscheinlich der Widerschem des Meeres, der uns 
so leuchtet . . . Sie glaubten, uns in Nacht zu versenken. Mit 
Fackeln und Lichtern sind sie hier herabgestiegen und haben 
nichts als Finsterniss gesehen, während uns das Licht ent- 
gegenkommt, weil wir keines haben ... Es nimmt unab- 
lässig zu . . . Ich bin gewiss, die Morgenrothe durchdringt 
den Ocean und sendet uns durch all die grünen Wogen das 
Allerreinste ihrer Kinderseele . . . 

Alladine. 
Wie lange sind wir schon hier? 

Palomides. 

Ich weiss 'es nicht . . . Ich habe mich um nichts ge- 
kümmert, ehe ich dich hörte . . . 

Alladine. 

Ich weiss nicht, wie es kam. Ich schlief in dem Zimmer, 
in dem du mich fandest, und als ich erwachte, hatte ich die 
Augen verbunden, und meine beiden Hände waren an meinen 
Gürtel gefesselt . . . 

Palomides. 

Auch ich schlief. Ich horte nichts und hatte eine Binde 
vor den Augen. Ich wehrte mich im Dunkeln; aber sie waren 
stärker als ich . . . Ich muss durch tiefe Gewölbe gekommen 
sein, denn ich fühlte die Kälte auf meine Glieder fallen ; und 
ich stieg so lange hinab, dass ich die Stufen nicht mehr 
zählen konnte. Hat dir Niemand etwas gesagt ? 

Alladine. 

Nein; es sprach Niemand. Ich horte nur Jemanden, der im 
Hinuntersteigen weinte, dann schwanden mir die Sinne . . . 

Palomides (küsst sie). 
Alladine ! 

Alladine. 
Wie feierlich du mich küsst . . . 



l8o MAETERLINCK. 

Palomides. 
Schliess' nicht die Augen, wenn ich dich so küsse . . . 
Ich will die Küsse sehen, die in deinem Herzen zittern ; und 
all den Thau, der aus deiner Seele quillt . . . uns werden 
keine Küsse mehr zu theil wie diese . . . 

Alladine. 
Immer, immer! . . . 

Palomides. 
Nein, nein; man küsst kein zweitesmal unter den Fit- 
tichen des Todes . . . Wie schon du bist! ... Es ist das 
erstemal, dass ich dich in der Nähe sehe . . . Wie eigen, man 
glaubt, eins das andere gesehen zu haben, weil man zwei Schritte 
weit an einander vorüberging; aber Alles verwandelt sich 
im Augenblick, da die Lippen sich berühren ... So ist es; 
ich muss dich gewähren lassen . . . Ich strecke die Arme 
aus, um dich zu bewundern, als wärest du nicht mehr mein, 
und schliesse dich dann wieder an mich, bis ich deine Küsse 
fühle und nichts mehr als ewige Seligkeit gewahre . . . Wir 
bedurften dieses übernatürlichen Lichtes! ... (Er küsst sie wieder.) 
Ach! Was thust du? Gib Acht, wir stehen auf dem Grat 
eines Felsens, der über das leuchtende Meer ragt. Tritt 
nicht zurück. Es war hohe Zeit . . . Wende dich nicht zu 
rasch um. Ich war geblendet . . . 

Alladine 

(wendet sich um und betrachtet das blaue Wasser, das sie beleuchtet). Oh ! . . . 

Palomides. 
Man könnte glauben, der Himmel fluthet bis hieher . . . 

Alladine. 
Das Wasser ist voll regungsloser Blumen . . . 

Palomides. 
Es ist voll regungsloser, sonderbarer Blumen . . . Siehst 
du die grösste, die unter den anderen erblüht? Es scheint, 
sie lebt ein rhythmisches Leben . . . Und das Wasser . . . 
Ist es Wasser? ... Es scheint schöner und klarer und blauer 
als alles Wasser der Erde . . . 

Alladine. 
Ich wage nicht mehr, es anzublicken . . . 



ALLADINE UND PALOMIDES. l8l 

Palomides. 
Betrachte Alles, was sich um uns her erhellt . . . Das 
Licht wagt nicht mehr zu zaudern, und wir umarmen uns 
in den Vorhallen des Himmels . . . Siehst du das Edelgestein 
der Gewölbe, trunken von Leben scheint es uns zuzulächeln; 
und die tausend und abertausend leuchtender, blauer Rosen, 
die längs der Pfeiler emporranken . . . 

Alladine. 
Oh! . . . Ich habe gehört! . . . 

Palomides. 
Was? 

Alladine. 
Man hat an die Felsen geschlagen . . . 

Palomides. 
Nein, nein; es sind die goldenen Pforten eines neuen 
Paradieses, die sich in unseren Seelen offnen und in ihren 
Angeln klingen! . . . 

Alladine. 
Horch' . . . wieder, wieder! 

Palomides (mit jählings veränderter Stimme). 

Ja ; dort ist es . . . Im Grunde der blauesten Gewölbe . . . 

Alladine. 
Sie kommen, um uns . . . 

Palomides. 
Ich höre das Eisen gegen den Felsen klingen . . . Sie 
haben die Thüre vermauert oder können sie nicht öffnen . . . 
Es sind Hacken, die am Gesteine scharren . . . Seine Seele 
hat ihm gesagt, dass wir glücklich waren . . . 

(StiUe; dann löst sich ein Stein am äussersten Ende des Gewölbes los, 
und ein Strahl des Tageslichtes bricht in den unterirdischen Raum ein.) 

Alladine. 
Oh! . . . 

Palomides. 

Das ist ein anderes Licht . . . 

(Regungslos und beklommen sehen sie andere Steine sich langsam in 
einer unerträglichen Deutlichkeit loslösen und fallen, einen um den andern. 



l82 MAETERLINCK. 

während das Licht, in unaufhaltsamen Fluthen immer mehr und mehr herein- 
strömend, ihnen allmälig die Traurigkeit des unterirdischen Gewölbes enthüllt, 
das sie für wanderbar gehalten; der Zaubersee wird trüb und unheimlich; das 
Edelgestein erlischt um sie her, und die leuchtenden Rosen erscheinen als 
Schmutz und zersetzte Ueberreste, die sie waren. Endlich stürzt ein ganzes 
Felsstück heftig in die Grotte herab. Die Sonne dringt blendend herein. Man 
hört Rufe und Gesänge von aussen. AUadine und Palomides weichen zurück.) 

Palomides. 
Wo sind wir? 

Alladine (ihn traurig umschlingend). 

Ich liebe dich noch immer, Palomides . . . 

Palomides. 
Ich liebe dich auch, meine Alladine . . . 

Alladine. 
Sie kommen . . . 

Palomides (blickt hinter sich, während sie noch mehr zurückweichen). 

Gib Acht . . . 

Alladine. 
Nein, nein, gib nicht mehr Acht . . . 

Palomides (indem er sie anblickt). 

Alladine ? 

Alladine. 
Ja . . . 

(Sie weichen immer mehr zurück vor der Ueberfluthung des Lichtes oder 
der Gefahr, bis sie den Boden verlieren; und sie fallen und verschwinden 
hinter dem Felsen, der über das unterirdische, jetzt dunkle Wasser ragt. — 
Stille. — Astolaine und Palomides* Schwestern dringen in die Grotte ein.) 

Astolaine. 
Wo sind sie? 

Eine von Palomides' Schwestern. 
Palomides! . . . 

Astolaine. 
Alladine! Alladine! . . . 

Eine andere Schwester. 
Palomides! . . . Wir sind es! . . . 



ALLADINE UND PALOMIDES. 183 

Dritte Schwester. 
Fürchte nichts, wir sind allein I . . . 

Astolaine. 
Kommt I Kommt 1 Wir kommen euch befreien I . . . 

Vierte Schwester. 
Ablamore ist geflohen . . . 

Fünfte Schwester. 
Er ist nicht mehr im Palaste . . . 

Sechste Schwester. 
Sie antworten nicht . . . 

Astolaine. 
Ich habe das Wasser aufschäumen gehört ! . . . Hieher, 

hieherl (Sie laufen auf den Felsen, der das unterirdische Gewässer überragt.) 

Eine der Schwestern. 
Sie sind da! . . . 

Eine andere Schwester. 

Ja, ja, ganz am Grund des schwarzen Wassers . . . Sie 
umschlingen sich. 

Dritte Schwester. 
Sie sind todt. 

Vierte Schwester. 
Nein, nein; sie leben, sie leben! . . . Seht . . . 

Die anderen Schwestern. 
Zu Hilfe! Zu Hilfe! . . . Ruft! . . . 

Astolaine. 
Sie machen keine Anstrengung, um sich zu retten! . . . 

(Schlnss folgt.) 



DER »FLIEGENDE HOLLÄNDER«. 
Von Peter Altenberg (Wien). 

Wie Senta im »Fliegenden Holländer« sind alle Frauen- 
seelen. 

lieber ihren Thüren ist das Bild gemalt des »Fliegenden 
Holländers«, dieses organische und unentrinnbare Bedürfniss 
ihrer romantischen und kindlichen Seelen. 

In einen weiten dunklen Mantel gehüllt, wie mit den 
Weltenschwingen angethan, sehen sie ihn mit seinen räthsel- 
voUen Augen und seinem Schicksale des ewig Wandernden. 
Einen suchen sie, der ewig sich bewegt und Ruhe sucht im 
Weibe! 

Ueber den weissen Thüren ihrer kindlichen Schlaf- 
gemächer hängt dieses Bild, über den braunen Thüren mit 
Goldleisten ihrer Salons, über den gelben Thüren ihrer Land- 
villen, über den dunklen Thoren ihres Lebens! 

Nie öffnet sich die Thüre. Nie erscheint er. 

Aber siehe! 

Hingegen steht Einer da, des Morgens, in langen weissen 
leinwandenen Beinkleidern mit Zugbändern, taucht das 
Zahnbürstchen in Pasta Boutemard (Doctor Suin de Boute- 
mard), gurgelt, wählt unter verschiedenen Halsbinden eine 
geeignete aus, befestigt goldene Knöpfchen in dem Hemde 
. Fertig! 

Senta sitzt aufrecht, an den weissen Kopfpolster an- 
gelehnt, in ihrem breiten Bette und betrachtet. Wohin 
lauscht sie?! 

»Um mich zu erlösen, musst du für mich in den 
Tod geh'n .« 

»Ich bin bereit, Herr — — — .« 



DER »FLIEGENDE HOLLÄNDER«. 185 

«Natürlich, es ist schon wieder kein Spiritus in der 
kleinen Brennmaschine für den Schnurrbart. Sie, Marie — 
— . Jedesmal und jedesmal — — . Was glauben Sie eigent- 
lich?!« 

Drei Löffel Thee, ziemlich gehäuft, in die Theekanne. 
Noch einen halben Löffel. Fertig! 

Senta lauscht . 

»Ich muss ewig wandern .« 

Dann geht er in die Kanzlei, Kleine Brunngasse 7, 1. Stock, 
und bleibt bis zwei. 

Ueber allen Thüren ihrer Wohnungen ist das Bild des 
»Fliegenden Holländers«, über den Thüren des Schlaf- 
gemaches, des Speisezimmers, des Salons; wenn sie vom 
Spaziergange nach Hause kommen, über der lackirten Thüre 
im Stiegengange. Und über den Thüren des Landhauses, wo 
es kühl ist an Sommertagen. 

In einen weiten dunklen Mantel gehüllt, steht er da, 
wie mit den Weltenschwingen angethan, mit seinen räthsel- 
haften Augen und seinem Schicksale des ewig Wandernden . . . 

Auf und zu gehen alle diese Thüren, auf und zu, bald 
laut, bald leise. 

Nie kommt Er ! 



ZUR PSYCHOLOGIE NIETZSCHE'S. 

Von Dr. Paul Weisengrün (Wien). 

Es hat kaum jemals einen Denker gegeben, der von seiner Epoche 
so verschieden beurtheilt und in so hohem Masse bald überschätzt und 
bald unterschätzt wurde wie Friedrich Nietzsche. Während er dem Einen 
als blosser Stylkünstkr, als Anreger zarter und complicirter Gedanken 
und kühner Erfinder philosophischer Schlagwörter erscheint, preisen ihn 
Andere als grossen Dichter und Denkerfursten, als den gewaltigen Werth- 
veränderer, der in grossartigen Perspectiven uns die Zukunft offenbart, 
als den tiefsten Psychologen aller Zeiten. Man ist sich nicht einig über 
Nietzsche, und kein Steg, den Freund und Femd gleich gerne betreten 
möchten, scheint zu einem intimen Verständniss seiner Grundeigen- 
schaften zu führen. Die Nietzscheaner sehen in seinen Schriften das 
grösste Ereigniss unserer Cultur. Die Nietzsche-Gegner warnen vor ihm 
als dem Erneuerer einer grossen sophistischen Periode, als dem Neo- 
Cyniker, als dem Verführer der Jugend. 

Was ist Nietzsche nun wirklich gewesen ? Ich glaube als Psychologe 
zu verfahren, ganz im Sinne unseres Denkers selbst, wenn ich in 
wenigen flüchtigen Strichen die Grundnote seines schriftstellerischen 
Wirkens hier zeichne. Nur der Nietzsche-Kenner wh-d die folgenden 
Zeilen ganz begreifen und mit mir wenigstens in dem Streben überein- 
stimmen, Nietzsche vor den Nietzscheanem retten zu wollen, ohne ihn 
den Philosophieprofessoren, den falschen Systematiken! und den Moralisten 
preiszugeben. 

Vollkommen instin et sicher in grossen wie in kleinen Dingen, 
so stellt man sich gerne unseren philosophischen Stylkünstler vor. Es 
ist in der That leicht, nachzuweisen, welch festen und tiefen Spürsinn 
sein Dionysios-Begriff, seine Interpretation hellenischer Cultur, seine 
kritische Analyse unserer Art von Wissenschaftlichkeit verrathen. Sein 
Instinctsinn weist da grosse Sicherheit auf, wo es gilt, hinter das Mensch- 
liche intellectueller Processe zu gelangen, sein prächtiges Errathungs- 
vermögen offenbart sich am meisten dort, wo er kritisirt, wo er negirt, 
wo er verurtheilt. Vor Allem ist er gross im Auffinden und Aufspüren 
von Culturanfslngen, im Zurückgehen auf die ersten psychischen Quellen, 
im Zerwühlen seelischer Fragmente und Ergänzen dürftiger Daten aus 
dem Geistesleben. Das macht, dass Nietzsche, der immer und stets ein 
Interpret geblieben ist, sich als Philologe im besten Sinne offen- 
bart. Ich weiss nicht, ob seine Abhandlungen über Homer und die 
classische Philologie, über Empedokles u. s. w. einen grossen fach- 
wissenschaftlichen Werth besitzen. Man versichert uns seitens vieler 



ZUR PSYCHOLOGIE NIETZSCHE'S. 187 

Philologen, dass dem so sei. Und glaubhaft genug wäre es, dass der 
geniale psychische Interpret griechischer Cultur auch einen guten Aus- 
leger und Textkritiker abgegeben haben mag. Auf jeden Fall aber ist 
Nietzsche bedeutender Philologe in dem allgemeinen und weiteren 
Sinne eines August Böckh, der von der classischen Philologie eine 
geistige Reproduction des gesammten Alterthums forderte. Ja, was bei 
Böckh eine ideale Forderung bleibt, wird hier verwirklicht. Nietzsche 
erfasst nicht nur das Alterthum, er verinnerlicht es. £r offenbart uns 
die tiefsten Beziehungen zwischen dem Hellenenthum und unserer Cultur. 
Hinter dem Philologen indessen steckt ein minder instinctsicherer 
Werthgestalter geistiger Dinge. Seine Moral ist nur da wahrhaft 
intuitiv, wo es sich um das Aufzeigen von Schwächen herrschender 
Moralsysteme handelt oder wo es gilt, Anfange, Ansätze, primitive 
Werthe aufzufinden und zu analysiren. Nietzsche ist ein ganz anderer 
Genealoge der Moral als der nüchterne Spencer und all die britischen 
Utilitarier mit ihrem grossen sociologischen Wissen, ihren falschen biologi- 
schen Analogien und ihrem Aufwand an methodischen Mätzchen. Seine 
positive Ethik hingegen wird von einem Stützpfeiler getragen, der, im 
Grunde genommen, ebenfalls auf rein historisch -philologischen Deduc- 
tionen beruht. 

Wir modernen Menschen sind ein Product zweier Culturen. Wir 
tragen alle die geistigen Spuren des Hellenenthums und der christlichen 
Weltanschauung in uns. Nietzsche hat nun das Wesen des Griechen- 
thums wirklich entdeckt und gibt auch vor, die tiefsten Zugänge zum 
Christenthum erschöpfend nachgewiesen zu haben. Es bedarf indess 
wohl keines Nachweises, dass Nietzsche keine Beschreibung, sondern 
eine subjective Werthung des Christenthums vorgenommen, keine Ge- 
schichte, sondern eine einseitige Psychologie dieser Weltanschauung 
geschrieben hat. Aus dem Weltwirken des Judenthums und seiner 
historischen Verlängerung hat Nietzsche ein Gedicht gemacht: die 
Poesie der »ressentiment «-Empfindung. Der grosse Umweg, auf dem 
das Hellenenthum zu uns gelangte, die Renaissanceperiode mit all 
ihrem Glänze, hat allerdings in unserem Denker einen verständnissvollen 
Interpreten gefunden. Aber dieses Element seiner Culturauffassung hat 
Nietzsche vornehmlich aus Burckhardt's »Cultur der Renaissance in 
Italien« entlehnt, wo uns in vollendeter Darstellung und mit nie ver- 
sagender Kraft gezeigt wird, wie die Bildung einer gereinigten Welt- 
anschauung, die erste Werthung einer starken Individualität, der Anfang 
eines grossartigen Styls der Lebensführung in Europa vor sich gegangen 
sind. Die »Herren «-Moral Nietzsches ist eine Uebersetzung aus dem 
Historischen ins Philosophische. 

Sie ist eigentlich aus blosser Betrachtung des Renaissance-Zeit- 
alters gewonnen — eine Uebertragung von Renaissancegewohnheiten 
in alle Ewigkeit. 

Wie sehr aber Nietzsche's Instinctsicherheit in fast allen Dingen 
(eine Ausnahme macht seine Völkerpsychologie, die wir später be- 
rühren werden) Philologendenkgewohnheit, höhere Interpretationskunst 



l88 WEISENGRÜN. 

ist, beweist vor Allem seine Sociologie. Sie gipfelt, wie ja wohl all- 
gemein bekannt ist, in der Lehre vom Uebermenschen. Zwei ver- 
schiedene Grundgedanken oflfenbart uns eigentlich diese Theorie. In 
der Lehre vom Uebermenschen steckt erstens der Begriflf einer künst- 
lichen Züchtung der Menschheit und femer die Idee eines solchen 
socialen Ideals, dass dessen blosse Erwähnung, dessen alleinige Ver- 
kündigung genügen soll, um die auserlesenen Geister zu berauschen. 
Die Lehre vom Uebermenschen soll für den erwählten Menschen, für 
das grosse Individuum das sein, was die Religionen heutzutage für die 
Massen sind: das vornehmste geistige Narcoticum. Was die 
Idee der künstlichen Züchtung nun betrifft, so zeigt sie sich bei 
Nietzsche im vortheilhaftesten Gewände. Sie ist eine originelle, gehalt- 
volle, starker Ausbildung fähige Doctrin. Nur der feine, voll intuitiv 
erfassende Kenner der Griechen konnte in dieser Weise zu dem Be- 
griff der künstlichen Züchtung gelangen. Dieser Begriff verhält sich zur 
Lehre vom Dionysios-Menschen wie die Therapie zur Physiologie. Wer 
die Griechen im tragischen Zeitalter so liebt, wer die Modernen so 
hasst wie Nietzsche, muss unsere Menschheit zu einer neuen Art von 
Hellenen heranzüchten, muss die Physis vor Allem reformiren wollen. 
Die Lehre vom Uebermenschen als sociales Ideal aber offenbart uns 
klarer als jede seiner sonstigen Doctrinen eine andere Grundnote in 
Nietzsche's Wesen. Sehen wir genauer zu, betrachten wir dies sociale 
Ideal mit dem Auge des Psychologen ... So redet kein starker Geist 
vom Thatendrang, von der Schönheit des Handelns, vom Wollen an 
sich. Der starke Geist findet Thatendrang selbstverständlich und preist 
nicht herrliches Vollbringen in so sehnsüchtiger Weise, mit aller An- 
strengung der Seele, mit allen Verführungskünsten der Sprache. Die 
Lehre vom Uebermenschen würde ein wahrhafter Vollbringer in einigen 
klaren und kurzen Sätzen aussprechen; er würde damit Memoiren 
seiner Seele schreiben, ein kurzes, aber inhaltreiches Inventarium seiner 
geistigen Thätigkeit vornehmen wollen. Es hiesse Hamlet zum Fortinbras 
machen, wollte man in diesen Dithyramben eines schwachen Gemüths 
Keime zum Uebermenschen selbst auffinden, — Man lese das Memorial 
von St. Helena, und man wird mich verstehen. Die kurzsichtigsten Augen 
werden wohl hier zu erkennen vermögen, wie ein wahrhafter Kraft- 
mensch von der Schönheit der Action und von der Vornehmheit 
starken WoUens spricht. 

Nietzsche ist eben, und hiemit verrathen wir die Gnindformel 
seines Wesens, selbst Decadent durch und durch. Sein Verhältniss 
zu seinem Uebermenschen ist das der Romantiker zu Shakespeare 
oder zum deutschen Mittelalter. Sehnsüchtig blickt er nach dem Lande 
seelischer Tapferkeit, halb schelmisch und halb wehmüthig blinzelt er 
hinüber nach den Jagdgründen der blonden Bestie. Der starke Mensch 
ist ihm eine zu Zweidrittel unbekannte Domäne, und in: »Also sprach 
Zarathustrac stimmt er für alle diejenigen, die sich auf Rhythmus ver- 
stehen, eigentlich nur das Hohelied der Ermannung an. Werde hart, 
werde hart, predigt Zarathustra . . ., ... zu oft, zu deutlich, zu laut 



ZUR PSYCHOLOGIE NIETZSCHE'S. 189 

vernehmbar ... Ja, Nietzsche ist der grösste Geist der Decadenpe, 
ihr Triumph, ihr Höhepunkt. Mit ihm hat sie sich gleichsam selbst 
überwunden und schreitet dem Untergange zu. Zwar Nietzsche's Ideen 
sind nur zum geringsten Theile decadent, aber sein Instinct, sein 
Empfindenkönnen, sein Temperament spiegeln in vollkomm.ener Treue 
die zerrissene und zerklüftete, allzu verinnerlichte, allzu vergeistigte Gene- 
ration wieder, die heute uns gar zu gern alle ihre VVerthe aufoctroyiren 
möchte. — Der Erfinder der Formel vom Uebermenschen ist in Wirk- 
lichkeit ein geistiger Antipode der Grundinstincte , die uns diese 
Formel lehrt. 

So verlässt den Decadent-Nietzsche die Instinctsicherheit nur 
dann keinen Augenblick, wenn es gilt, psychische Interpretation zu 
treiben. Wir dürfen ihm also nur mit allergrösster Vorsicht folgen auf 
dem Wege zur Erneuerung eines Styls der Lebensführung. 
Denn Nietzsche war nur ganz dabei mit seinen Worten und Formeln, 
nicht aber mit seinem Instinct. 

Als grösster Psychologe aller Zeiten wird uns des Oefteren 
Nietzsche gepriesen. Wir finden bei näherem Zusehen, dass gerade 
derjenige Theil seiner Wirksamkeit als Psychologe, der gewöhnlich am 
unbeachtetsten bleibt, sich als der reichste und innerlichste erweist. 
Unser Denker ist vor Allem gross als Völkerpsychologe. Er be- 
greift zwar nicht die Masseninstincte, zwar bleibt ihm der rein sociale 
Theil der Völkerpsychologie verschlossen, aber da, wo es sich um 
Racen handelt und um das Temperament der Völker, um die Wirksam- 
keit einer Volkstradition und einer nationalen Literatur, da ist Nietzsche 
unübertrefflich. Ich will gar nicht von seiner Griechenpsychologie 
sprechen, aber wie bedeutend ist schon sein Hinweis auf psychologische 
Zusammenhänge in den »Unzeitgemässen Betrachtungen c ! Wie früh 
erkannte er den neuen Typus des Deutschen — nach 1870, wie 
richtig beurtheilt er in »Wie man mit dem Hammer philosophirtc die 
Menschen zur Zeit Goethe's. Um aber Nietzsche als Völkerpsychologen 
vollauf zu würdigen, lese man vor Allem: »Jenseits von Gut und 
Bösec. Seine Apercus über Deutsche und Franzosen, seine psychische 
Werthung der Juden, die kurzen Bemerkungen über Russen — und 
Slaventhum sind einfach bewunderungswürdig. 

Als Individualpsychologe hingegen weist Nietzsche bedeutende 
Schwächen auf. Er selbst spricht mehrmals mit grösstem Lobe von 
Dostojewsky und Stendhal. Wie verschieden nun auch der halbmysti- 
sche Russe und der kalte, reflectirende, analytische Franzose sind, 
Beiden ist in hohem Masse die Fähigkeit gemeinsam, in visionärer 
Weise die Menschen zu schauen und mit ein paar Strichen Gestalten 
zu bannen, Typen festzuhalten. Davon ist bei Nietzsche nirgends auch 
nur die Spur. Er ist als Psychologe vor Allem Constructeur^ ein 
Mann, der an seelischen Typen mit allem Raffinement des Geistes, 
mit allen ausgeklügelten Mitteln einer nur halb lebendigen Phantasie 
arbeitet. Zwar wittert sein Philologeninstinct alles Fremdartige, aber 
den Psychologen in ihm drängt es nicht nach Erkenntniss seltsamer. 



I go WEISENGRÜN. 

ihm entgegengesetzter Geistesrichtungen, nach Orientirung in gänzlich 
verschieden gearteten Seelen. Daher seine ungerechte Verurtheilung von 
Schiller, 2^1a u. s. w. Nietzsche's Seele zittert nicht mit bei jedem 
gewaltigen psychischen Ereigniss, sie vibrirt nur bei Vorkommnissen 
subjectiver Art. Er ist als Individualpsychologe höchstens fähig, mit 
Vollendung Selbstanalyse zu treiben, nie aber Seelenkunde des 
fremden Ichs. Schon der Decadent in ihm hindert ihn daran. Man 
sehe sich unsere grossen Psychologen an, man betrachte Balzac, 
Stendhal, Gogol, Dostojewsky — sie sind Alle wenigstens im Mit- 
vibriren ganze Menschen, fähig der starken seelischen Concentration, 
womit man in andere Seelen dringt, Männer ohne Selbstbespiegelung, 
ohne innere Pose. 

Wir leben in der grössten aller Uebergangsperioden. Nicht allein 
unsere Wissenschaft, unsere Methoden, unsere Ideen harren der 
Revision, es bereitet sich auch eine Umformung unserer Grundinstincte, 
eine Umgestaltung anserer Empfindungen, eine Erhöhung unserer 
Vitalität vor. Nietzsche hat uns nun nicht, wie Viele glauben, diese 
Zukunft in gewaltigen Perspectiven vorausgesagt. Er hat nur mit allen 
Verfilhrungskünsten der Sprache uns an einigen Punkten die grosse 
Umwerthung offenbart. Seine Schriften sagen mehr aus vom Wesen 
der modernen Menschheit als von der zukünftigen. Sein Werk ist, in- 
sofern es nicht direct von der Vergangenheit handelt, Memoiren- 
Literatur. Es sind Aufzeichnungen über die Krankheit des modernen 
Menschen, dem es an Styl der Cultur gebricht und an Vitalität. 



DIE UNIFORMIRUNG DER JUGEND. 
Von Maurice Barr£:s (Paris). 

Autorisirte Uebersetzung von Marie Lang. ^ 

Man spricht viel von der »Association des ^tudiantsc von Paris. 
Lavisse besdiützt sie, die Moralisten befragen dort »die neue Genera- 
tion c, und die Opportunisten reissen sie an sich. Genau genommen ist 
sie eine Gesellschaft, in der die jungen Leute, die an den verschie- 
denen Facultäten studiren, zusammenkommen. Man fügt hinzu, es sei 
dies der Ort, wo sich die Seele eine Heimat bereite. Anfangs be- 
greift man nicht, welchen Zusammenhang ein wenn auch billiges Kaffee- 
haus, ein Billard- oder ein Lesesaal mit irgendwelcher moralischen Ent- 
wicklung eigentlich haben sollte. Aber das ist ja gerade das Charakte- 
ristische der Philosophie, Beziehungen wahrzunehmen, die dem Ge- 
wöhnlichen entgehen, und Lavisse, der grosse Organisator dieser 
Studentenverbindungen, ist eben einer der thätigsten Philosophen unserer 
Zeit. 

Ich wohnte den Anfangen dieser Verbindungen bei. Die erste, 
mit der man es in Frankreich versuchte, wurde an der Facultät von 
Nancy, wo ich studirte, gegründet. Nachdem man den Saal eines Bier- 
hauses gemiethet und Statuten abgefasst hatte, ergriffen einige Per- 
sonen das Wort. Mit edlem patriotischen Eifer sagten jene Redner, 
diese Gnippirung werde unser Gefühl von der Würde des geistigen 
Berufes kräftigen. Um die Wahrheit zu sagen, die Studenten hatten 
sich bereits einen bedeutenden Begriff von ihrer Würde gemacht: aus 
Stolz auf ihren Beruf zogen sie die Klingeln der Bürger, vertrieben mit 
niedrigen Epitheta die Handlungsgehilfen von den Bällen und lärmten 
an öffentlichen Orten, um für ihre Corporation herabgesetzte Preise zu 
erlangen. Man sieht, dass ihre Abendunterhaltungen von dem Geflihle 
ihrer Würde erfüllt waren, sogar noch ehe sie eine Verbindung besassen. 
Um Mitternacht leistete diese aber wirkliche Dienste. Wenn alle Kaflfee- 
häuser geschlossen waren, blieb ihr Local geöffnet; man versammelte 
sich dort, um Schnecken zu essen, die Austern der Universität. 

Das war der allerdeutlichste Vortheil. Unsere Redner verkannten 
das keineswegs, und in den officiellen Sitzungen sagten sie, auf diese 



192 BARRfeS. 

eleganten Mussestunden anspielend: »Hüten wir uns, diese heiteren 
Vereinigungen zu tadeln, in welchen die jungen Leute gemeinsam ihre 
Jugend feiern! Hier knüpfen sie Bande an, die sie durch alle Missver- 
ständnisse des Lebens hindurch vereinen werden. O wie reich anVor- 
theilen fiir das ganze Leben sind sie, diese ohne Berechnung ge- 
schlossenen Kameradschaften des zwanzigsten Jahres Ic 

Beredte, doch allzu falsche Verheissung ! Sie sind dahingeschwunden, 
die Hoffnungen, die ich auf die mittemächtigen Schnecken gründete. 
So oft es mir vortheilhaft gewesen wäre, wollten diejenigen, die eiost 
an meiner Seite sassen, sich dessen nicht erinnern. Vereinigten wir in 
dieser Verbindung denn nichts als den unerträglichen Rauch unserer 
Cigarren? Diese fürs ganze Leben mir verheissenen Kameraden, sie 
kannten mich nicht mehr vom Tage an, da unsere Interessen sich um 
einen Schimmer unterschieden. In Nancy fehlte nicht viel, so hätten 
mir die Jüngeren, meine Nachfolger auf der Liste der Verbindung, in 
öffentlicher Versammlung die Zunge herausgereckt, und meine Zeit- 
genossen, die doch meine alten Kameraden waren, gingen so weit, 
mich als Cäsaristen zu behandeln, trotzdem ich einst ihr Unter- 
bibliothekar gewesen war! 

Ich glaube, man sollte sich vernünftigerweise damit begnügen, in 
diesen Verbindungen eine den Studenten gebotene Gelegenheit zur Be- 
quemlichkeit und billigen Unterhaltung zu erblicken. Mittelst eines 
kleinen Beitrages sind sie vollkommen untergebracht. Ganz gut, aber 
nun sind sie auch uniformirt. 

Die Verbindung vereinigt junge Leute, die in kleinen Gruppen 
lebten, und setzt sie überdies auch ausserhalb der Vorlesungen unter 
den Einfluss ihrer Professoren; sie setzt an Stelle der ehemals in Sitten, 
Bestrebungen und Ansichten so verschiedenen Studenten einen gleich- 
förmigen Typus. Diese Beschlagnahme der Initiative der Jugend halte 
ich für höchst bedenklich. 

« 

Seltsame Raserei, diese moderne Manie, allen Geistern eine ge- 
meinsame Form zu geben und das Individuum zu brechen! Schon den 
Kindern wird, so verschieden ihre Natur auch sei, unter der Leitung 
der Schule dieselbe Zucht, dieselbe Sitte auferlegt Von einem Ende 
Frankreichs bis zum andern sind Alle verpflichtet, zu bestimmten 
Stimden zu sprechen, sich zu bewegen, Bücher zu lesen, die sie nicht 
gewählt, und Phrasen zu schreiben, die sie nicht verstanden haben. 
Kein Zugeständniss an die Freiheit eines geistigen Wesens, das sich 
selbst sucht, oder an eine Eigenart, die sich bildet. 

Nach dieser verdammenswerthen Erziehung, aus der die Mehr- 
zahl jeder Generation stumpfsinnig und nur mehr brauchbar für die 
mechanische Thätigkeit des niederen Verwaltungsdienstes hervorgeht, 



i 



DIE UNIFORMIRUNG DER JUGEND. 193 

gab man den jungen Leuten wenigstens einen Theil geistiger Freiheit 
zurück. Diejenigen, welche durch die spanischen Stiefel der Schulordnungen 
nicht verstümmelt waren, machten sich auf, um ihren Weg zu suchen. 
Ausserhalb der Höfe der Facultät hatten sie das Recht und die Fähig- 
keit, ihre Persönlichkeit zu entdecken. Da wurden sie Menschen. 

Ja, bis zur Stunde war das Leben nach dem Gymnasium den 
Studenten die Befreiung. Und an diese Befreiten, an diese Kinder, 
denen die Gesellschaft einige Jahre halber Unabhängigkeit gönnte, 
damit sie ihren Lebenstraum sich wählen könnten, an sie legt ihr nun 
Hand an! 

Eine Freundeshand, sagt ihr^ die Hand älterer Kameraden, die 
sich den Bestrebungen der jungen Generation zugesellen wollen! Leeres 
Gerede! Lehrer und Schüler wirken nicht zusammen; so vorsichtig 
eure Einmischung sein mag, die Ideen, welche ihr ihnen anzurathen 
glaubt, ihr zwingt sie ihnen auf, und zwar durch die Autorität eurer 
Wissenschaft und eures Alters, und ausserdem, ihr vortrefflichen 
Menschenkenner, traue ich euch auch nicht zu, dass ihr die wirklichen 
Instincte zu entdecken vermögt, die ihnen selbst noch unbekannt sind. 
Einer zwanzigjährigen Seele, die sich eben entfalten will, hilft man 
nicht, ohne sie zu schädigen. 

Geist und Gemüth besitzen die allein, welche in innigem Contact 
mit ihrem Ich leben. 

Um welche Denkrichtung immer es sich handle, Ursprünglich« 
keit wird nur demjenigen zu eigen sein, der die volle Wahrheit 
ohne Vermittlung, ohne Voraussetzung sucht, vorwärts tastend, bis er 
den wahren Grund seiner Natur erreicht. Ausgezeichnete Lehrer, ehr- 
liche Kameraden, sie ersetzen das starke, innere Nachsinnen nicht, das 
ihre Gegenwart unmöglich macht. Wahrlich, die Taine, die Renan, die 
Michelet sehe ich ihren zwanzigjährigen Geist nicht auf diesen mageren 
Weiden von zweitausend jungen Leuten des Kleinbürgerthums nähren, 
denen nichts gemeinsam ist, als ihre erbärmliche Lycäumserfahrung, 
ihre ererbte Blödigkeit und ihr Spectakel. 



Ah, wie schön war die Jugendzeit Michelet's, der sich in zarte, 
häusliche Sorgen und in Gespräche mit allen Genies der Menschheit 
wie mit seinesgleichen einschloss. Sein Freundeskreis war seine einzige 
Erholung, Bibliotheken erschienen ihm schön wie Tempel, weil er ein 
Herz dahin trug, das durch die Gesellschaft der Mittelmässigen und 
ihre eitlen Auseinandersetzungen noch nicht abgeschmackt war! O du 
Süssigkeit und o du Bittemiss des einsamen Lebens, die ihr beide 
gleich fruchtbar seid! Dieses Mitleid mit sich selbst, dieses Studium 
der Feinheiten seines Gefuhllebens, dieser Vergleich seines Ich mit 

15 



194 barr£:s. 

glänzenderen Fähigkeiten, all der unschuldige Egoismus des jangen 
Mannes, der einsam lebt — das ist die religiöse Empfängniss des 
Lebeus, eine Morgenröthe des Idealismus. 

Wie sollte sie das Fieber, das aus dem feuchten Sande der 
Gärten von Luxemburg aufsteigt, kennen, diese Herde der Association ? 
Der Hauch, der aus diesen Platanen weht und der so viele jugendliche 
Genies berathen hat, wird kaum bemerkt von dem, der einen Billard- 
saal, zweihundert Journale, Mahlzeiten zu herabgesetzten Preisen und 
zweitausend Kameraden hat, von welchen manche so entzückend 
Couplets singen. 

Aber wenn ihnen das innere Leben fehlt, wird Paris sie wenig- 
stens unterrichtet haben ? In dieser Periode verschwenderischen Wachs- 
thums, ungeheurer Thätigkeit, in der sich der junge Mann bildet, seinen 
Weg sucht, den Sinn seiner Zeit entdeckt, würde ein, würden zwei 
Freunde genügen, um am Abend gemeinsam die Eindrücke des Tagcs 
zu besprechen; aber so viele Kameraden sind ihm eine Welt, aus der 
er nicht mehr entrinnen wird. 

Könnte er ihnen entkommen? Ich weiss es nicht, aber er hat 
nicht mehr den Wunsch danach. Mit ihrer Geselligkeit, mit ihrer Be- 
quemlichkeit sind sie sein materielles Milieu geworden, bald werden 
sie auch sein geistiges sein ; sie bilden seine Atmosphäre. In den Vor- 
lesungen der Facultät, dann im Cafe, im Lese- oder Billardsaal findet 
er sie wieder; von jedem unter ihnen empfängt er genau die gleichen 
Ideen, die er selbst hat, seine Vorurtheile, seine Unwissenheit — ge- 
wöhnlichen Ballast, gleich Allem, was Menschen, sobald sie sich ver- 
sammeln, nach einem bleibenden Gesetz hervorbringen. Bringt junge 
Leute zusammen : die vorzüglichsten werden herabsinken, die schlechtesten 
werden steigen, und es wird sich ein niedriges Niveau der Mittelmässig* 
keit ergeben. 

Er lebt in einem unendlichen Centrum, sagt ihr, in der Stadt, 
wo die Mannigfaltigkeit der Gedanken, der Thatsachen, der Charaktere 
und der Standpunkte unbegrenzt ist ? 1 1 Leerer Schein I Bezaubert durch 
die leichten Bekanntschaften, zu denen er durch die Association ge- 
langt; bringt er in Paris sechs Jahre als Gefangener zu, ohne von den 
dort ausgebreiteten Schätzen irgend etwas aufgelesen zu haben. 



Können mir die hervorragenden Männer, die diese Associationen 
protegiren, widersprechen ? Wie könnte man sich wohl den Grundsätzen 
verschliessen, die ich in Folgendem zusammenfasse: 

1. Junge Leute, die sich verbinden, haben nichts gemein als ihre 
Mittelmässigkeit, denn sie finden Berührungspunkte nur in ihren ge- 
wöhnlichsten Angelegenheiten. 



DIE UNIFORMIRUNG DER JUGEND. I95 

2. Es ist die Aufgabe des juDgen Mannes, sich selbst sein Sitten- 
gesetz und seine Auffassung des Glückes zu finden. Immer Lehrer I 
Immer Organisationen! Nur jene Wahrheit ist von Nutzen, welche von 
einem Geist gefunden ward, der sich, gemäss den dunkehi Instincten 
seiner zwanzig Jahre, selbst zurecht findet. 

Ich betrachte die Frage eben vom Standpunkte der jungen Leute. 
Aber für den Abgeordneten, der gestern bei ihrem Bankette sprach, 
ist die Menschheit ein weites Feld, auf dem es sich darum handelt, 
Wähler zu sammeln. Ueberzeugt, dass die ewige Wahrheit in seiner 
Politik enthalten ist, ist er sehr besorgt, den Neuangekommenen zu 
helfen, dem Unbekannten, das sie in sich tragen, ein Ende zu setzen. 
Dem ungebildeten Politiker erscheint die Association nur als sein 
Werkzeug. 

Was Lavisse betrifft, so bedurfte er eines .Milieus, wo seine Eigen- 
schaften den Leiter der Menschen und Organisator spielen konnten. 
Jeder bedeutende Geist, der sich einer Rolle würdig fühlt, schafft sich 
unwiderstehlich sein Theater und sein Publicum. Wahrhaftig, wenn 
unsere künftigen Notare, Mediciner, Advocaten und Vertreter zu er- 
raässigten Preisen Billard spielen müssen, damit Lavisse seinen ausser- 
ordendich edlen, patriotischen Idealismus entwickeln kann, dann zaudere 
ich nicht, mich willig dareinzuschicken. 

Ich gebe zu, dass das Leben der meisten Studenten stets bei 
unbedeutenden alltäglichen Vergnügungen und einer vollständigen geistigen 
Sorglosigkeit verging. Wird aber der officielle Charakter, den sie heute 
ihren kleinen Zerstreuungen und ihren unbestimmten moralischen Nach- 
forschungen geben, ihre Mittelmässigkeit nicht noch bedeutend steigern ? 

Von denen unter ihnen, die eine Individualität besitzen, hoffe ich 
bestimmt, dass sie sich gegen diese Uniformirung, gegen jede Ver- 
mischung mit der Menge der Halbstudenten sträuben werden. 



15' 



KRITIK. 



Deutsches Volksthea- 
ter. »Meerleuchten.c Schau- 
spiel in vier Acten von Ludwig 
Ganghofer. 

Einem i Gartenlaube c Publicum, 
dem gewöhnlichen Leserkreis Lud- 
wig Ganghofer's, wird dieses Stück 
gewiss modern erscheinen. Denn 
es hat eine Tendenz und es zeigt 
uns eine schöne junge Frau in 
heisser Liebe zu dem Bruder ihres 
Mannes. Aber die Tendenz besteht 
darin, dass gegen das Majorat zu 
Gunsten der enterbten jungem 
Adelssöhne heftig Stellung ge- 
nommen wird, und das Verbrechen 
der Frau — es ist ein einziger, 
harmloser, gar nicht sündiger Kuss. 
Die beiden Verliebten jedoch 
dünken auch durch ihn sich schon 
so schuldbeladen, dass sie sofort 
für immer auseinandergehen. So 
malt die sociale Frage sich und 
so die Leidenschaft im Hirn eines 
Erzählers für höhere, bleichsüchtige 
Töchter. Oder hat man es sonst 
noch irgendwo gesehen, dass ein- 
gestandene Liebe ein Scheidungs- 
grund für Unverheiratete ist? Ich 
glaube nicht. — Noch imponirender 
wirkt dann die Zeichnung Roberts, 
des halbbetrognen Ehemannes. 
Das ist der vollendetste Idiot, der 
auf der Bühne jemals zu erscheinen 
wagte. Diese Reden! Diese An- 
sichten I Die beiden Leute wanken, 
beben, jauchzen liebedurchschauert 
in seiner Gegenwart — er merkt 
nichts, sieht nichts, hört nichts, 



sondern schleppt die dümmsten, 
die entferntesten Gründe herbei, 
um ihr Verwirrtsein zu erklären. 
Das ist ein wahres Genie der Ver- 
bohrtheit . . . und manche blasse 
Frau im Parquet und in den Logen 
hat ihren Gatten dabei mit dem 
sehnsüchtigen, leise-ironischen Vor- 
wurf angesehen: O, warum bist 
du nicht wie erl Das war aber 
wirklich zu viel verlangt . . . 

K. Si. 

Am 16. d. M. raflft sich das 
Burgtheater zur »Wildente« 
auf. Doch hat es den Anschein, 
als ob man nicht Ibsen, sondern 
Herrn Mitterwurzer helfen 
wollte. Die glanzvolle Leistung 
dieses Schauspielers, der als Hjalmar 
vor einigen Jahren im Deutschen 
Volkstheater gastirte, ist den 
Wiener Theatergängem noch in 
Erinnerung. Herr Mitterwurzer 
erhält jetzt Gelegenheit, sich als 
Ibsen-Darsteller zu rehabilitiren und 
die Schlappe seines AUmers in 
•Klein-Eyolf« wettzumachen. Die 
wichtige Rolle der Hedwig ist nicht, 
wie man erwarten durfte, der Frau 
R e i n h o 1 d zugewiesen worden, 
sondern einem Fräulein Medelisky, 
das neulich im Conservatorium die 
Probe einer kleinen Begabung ab- 
gelegt hat. Seit ihrer prächtigen 
Frau Käthe (»Einsame Men- 
schen«), über die sich Gerhart 
Hauptmann selbst ungemein güu- 
stig geäussert hat, sind die An- 
sprüche der Frau Reinhold auf 



itioTnc. 



^W 



moderne Aufgaben unberücksichtigt 
geblieben, und wieder einmal sieht 
sich die systematisch Vemach- 
lüssigte in die Lage versetzt, um 
ihre Entlassung anzusuchen. 

Man darf darauf begierig sein, 
wie unser Publicum die Reifeprüfung 
für Ibsen bestehen wird. Bei »Stützen 
der Gesellschaft« und »Volksfeind« 
nicht durchzufallen, war noch kein 
Zeugniss besonderer Modernität ; 
mit »Wildente« nimmt das pronon- 
cirteste Gesellschaftsstück Ibsen's 
seinen Einzug in das Repertoire 
der Hofbühne. Für etwaige Ohn- 
machtsanfälle sind besondere Vor- 
kehrungen getroffen worden. Man 
darf auch auf das Verhalten der 
Kritik gespannt seiti. Ausfälle, 
wie jüngst gelegentlich der Auf- 
fuhrung des »Peer Gynt« im Pariser 
Oeuvre, wird Ibsen bei uns heute 
nicht mehr über sich ergehen 
lassen müssen. Mit Phrasen von 
»nordischem Nebel« u. dgl. haben 
die Pariser Kritiker den grossen Dra- 
matiker abzuthun versucht. Inter- 
essant ist es, wie damals Octave 
Mirbeau, der durch die schroffe 
Unabhängigkeit seiner Ideen be- 
kannte und wegen derselben viel an- 
gefeindete Schriftsteller, im »Journal« 
gegen die Seichtheit seiner Collegen 
drastisch protestirt hat: »Hört das 
ehrenwerthe Federvieh schreien : 
»nordische Nebel« , »Eisbären«, 
»skandinavische Dunkelheit«! Der 
Geist Hector P e s s a r d's (des ver- 
storbenen Kritikers des »Gaulois«), 
der bei der ersten Aufführung der 
»Wildente« sterbenskrank wurde, 
lebt in fast allen unsem grossen 
und bewunderungswürdigen Kri- 
tikern fort. Aber wenn sie ebenso 
begriffsstutzig sind, wie Hector 
Pessard es war, so sind sie ihm 



darin überlegen^ dass sie sich als 
unduldsamer offen bekennen. Sie 
madien aus der Begriffssttttzigktit 
eine allgemeine Forderung, ein 
Dogma der Unfehlbarkeit, einen 
strengen Codex der Aesthetik, den 
man nicht überschreiten darf, ohne 
in den Verdacht zu gerathen, ein 
Snob, ein Dummkopf oder ein 
Bösewicht zu sein. Die Kritiker 
gehen nämlich nicht ins Theater, 
um zu begreifen oder sich rühren 
zu lassen : sie gehen in die Musen- 
tempel, um Decorationen und hüb- 
sche, halbentkleidete Damen auf 
der Scene und andere Damen mit 
koketten Hütchen im Saale zu 
sehen. Sie kommen auch, um Ka- 
lauer, Kehrreime, Psychologien 
ä la Dumas, Simili-Rührungen und 
Tombackhumanitäten Augier's, Sar- 
dou's, Dennery's, Gondinet's, Anek- 
doten Sarcey's u. s. w. mitanzu- 
hören. Das verlangt keine grosse 
intellectuelle Anstrengung und för- 
dert die Verdauung ehrlicher Leute. 
Alles, was zum Denken zwingt, 
wird von diesen Herren als feind- 
seliges Element angesehen. Zwischen 
»Peer Gynt« beispielsweise und 
irgend einer Zote der Variöt^s 
schwanken sie keinen Augenblick ; 
sie gehen in's Vari^t^theater. Das 
nennen sie »sich vor den nordi- 
schen Nebeln flüchten«!« 

KÜNSTLERHAUS. CoUectiv- 
ausstellungen haben manches Gute. 
Sie enthüllen einen Künstler. Sie 
zeigen ihn in vollem Können oder 
in dürftiger Armuth. So wenig ein 
Gedicht einen Dichter macht, so 
wenig macht ein Bild einen Maler. 
Die Mittelmässigkeit, die jeder 
künstierischen Entwicklung gefähr- 
licher ist als die absolute Talent- 
lentlosigkeit, hat ja ihre glücklichen 
Momente der Inspiration. Und ihre 



i 



iqS 



KRITIK. 



Aeusseningen täuschen so leicht 
über ihre AbstammuDg. Aber in 
dem Gesammtbilde vieler Werke 
liefert eine Künstlernatur meist ein 
unwillkürliches, doch nicht unge- 
treues Selbstporträt. So überrascht 
die Exposition der Bilder des ver- 
storbenen Malers Rudolf C. Hub er 
durch ihre Vielseitigkeit. Man an- 
erkennt sein starkes Können, wenn 
auch Vieles nicht mehr anspricht. 
Man empfindet ihn als Künstler. 
So mehr, als einige Studien aus 
letzter Zeit ein Auffangen neuer 
coloristischer Reize und eine 
grössere Müde und Weichheit des 
Tones und der Farbe zeigen. 
A. D. Goltz setzt sich stark für 
sein ehrliches Wollen ein. Ohne 
reichen Umfang und tiefere Emotion 
eine freundliche innere Geschlossen- 
heit. Eine kleine »Pythiac -Skizze 
ist ein glücklicher Ansatz zu sub- 
jectiverer Vertiefung. Daneben viel 
künstlerische Schwärmerei in satten 
Molltönen. Ribarz hat manche 
feine Arbeit. Man mag seine Tüch- 
tigkeit nicht in Alfrede stellen, 
wenn sie auch nur für den Nicht- 
» Kenner € eine starke persönliche 
Marke trägt. Elemente fremder 
Gestaltungskunst mischen sich kaum 
merklich in seine Mache. Japanische 
Vorbüder im Coloristischen (bei 
den Blumenstücken) und ein leichter 
RaffaelTscher Einfluss in der 
Contourirung sind unverkennbar. 
Im Uebrigen überfluthet eine Fülle 
von harmlosen Genrebildern jener 
Art, wie sie schon längst überall 
ausgestorben ist und nur mehr von 
der Wiener Künstlergenossenschaft 
das Gnadenbrot geniesst, die Räume 
des Hauses — eine Fluth, in der die 
Hoffnung auf eine baldige Besserung 
unserer Kunstverhältnisse unter- 
zugehen droht. Man möchte sich 



rächen und die Katzen der Frau 
v. Ron n er darin ersäufen. 

»PoGGFRED, Kunterbuntes 
Epos in zwölf Cantussenc von 
Detlev V. Liliencron. Unser Jahr- 
hundert hat seltsame Dichter ge- 
formt. Da gab es Solche, welche 
in ihrer Kunst das Werkzeug er- 
blickten, gewaltige Wahrheiten zu 
verkünden oder mit Tiefsinn ab 
grundtiefe Brunnen zu graben, von 
Jenen abzusehen, welche nach »un- 
erhörten, seltenen Schönheiten c 
auszogen oder mindestens auf den 
Schultern derFrühem stehen wollten. 
Da kam ein gewisser Liliencron, 
welcher die Kühnheit besass, das 
Wesen der Dichtung nicht etwa in 
tiefsinniger Symbolik, sondern ganz 
einfach in dem Ausdrucke der sinn- 
fälligen Beziehungen von Personen 
und Gegenständen zu finden. Wenn 
er ein Gefühl zum Ausdruck bringen 
wollte, fragte er sich nicht, ob dieses 
nicht schon von Anderen geschildert 
worden sei oder ob er ihm eine 
neue unerhörte Form abzugewiimen 
wisse. Der bacchantische Literar- 
historiker kam in ihm nie zur Gel- 
tung. Den Vers bestimmte die ein- 
fache, sachliche Situation, und auch 
später, als man ihn Meister nannte, 
kam bei seinem Versbau nicht jene 
peinliche Erwägung in Betracht, 
welche einen andern grossen deut- 
schen Lyriker unserer Tage zu be- 
stimmen scheint, nämlich die, zu 
ganz besonders gesteigerten Vers- 
bauten und Stimmungen verpflichtet 
zu sein. Er lebt sein Leben in den 
Liedern ganz einfach, seine Gefühle 
haben wie die in Goethe's Liedern 
Jeden bewegt. Er findet aber da- 
für den Ausdruck, und damit ist 
bei ihm das ursprüngliche Gefühl 
zwischen Dichter und Alltags- 



KRITIK. 



199 



menschen gegeben. Auch dort, wo 
er Betrachtungen über das Leben 
zu machen geneigt ist, spricht aus 
ihnen die sinnfällige Philosophie, 
zu welcher jeder reine Mensch ge- 
langt, ohne ihr aber den naiv 
geistreichen Ausdruck geben zu 
können. Ein weiterer Zug seiner 
Dichtung ist der unendlich objec- 
tive Blick, den er mit Goethe und 
Homer gemein hat, jener Blick, ftir 
welchen Distel und Rose, Jungfrau 
und Dirne in gleicher Berechtigung 
nebeneinander bestehen: also eine 
grosse Sittlichkeit. So hat sich mir 
Lüiencron in seinen bisherigen 
Sammlungen geboten. Aber in ihnen 
befand sich gleichwohl Manches, 
was man Trotzgedicht nennen 
könnte. In seiner letzten Sammlung 
^Poggfred« gibt es keine solchen 
Trotzgedichte mt:hr; der Dichter 
hat aufgehört, dem Publicum zu 
trotzen, er beachtet es nicht mehr. 
Um sich hat er einen Domenwall 
von Stanzen und Terzinen gethürmt, 
schöne malende Terzinen und 
Stanzen, auch Sicilianen sind dar- 
unter, an mancher Stelle von wun- 
derbarer Abgeklärtheit. Alle Vor- 
züge früherer Gedichte finden sich 
in der Sammlung in vollkommener 
Ausgestaltung, die Anschaulichkeit, 
die Reinheit, der gutmüthige, an- 
spruchslose Humor, den ich nicht 
mit Witz zu verwechseln bitte. Vor 
Allem aber die grosse Anschaulich- 
keit. Man kann das Buch vorne 
und rückwärts aufschlagen, wie der 
Dichter meint; auch die einzelnen 
Gesänge bringen keine zusammen- 
hängende Geschichte, sondern eine 
Fluth von Träumen, Bildern und 
Erlebnissen, welche um »Pogg- 
fred« spielen. In dieser Welt lebt 
er, nur hie und da gibt er aus 
Höflichkeit dem oder jenem Zu- 



dringling einen Nasenstüber, weil er 
ihn durch Missachtung zu kränken 
scheut. Die Sammlung bringt 
manche Stellen, welche sich mit 
Homer oder mit der Bibel in der 
Auffassung des ureinfachen, unver- 
änderlichen Menschenlebens der 
Natur vergleichen lassen. Für Leute 
mit Anschauungsvermögen eine 
grosse verklärende Freude, für 
Leute ohne solches eine Erziehung 
dazu. Man gestatte mir die An- 
fühnmg folgender Strophe, welche 
das Wachsen und Gleiten des Ge- 
sanges auf einem nahenden Schiffe 
malen soll. Der Dichter beugt 
sich zur See vor; das Schiff fährt 
immer näher, die Gewalt des 
Traumes bricht sich im unendlichen 
hellblauen Räume immer stärker 
und stärker Bahn: 

Es klingt ein Knabenchor, weither, 

weither, 
Wohl über tiefe, tiefe Stromesbreiten, 
Die Vikingharfe rauscht weither, weither, 
Erinnerung aus alten, alten Zeiten, 
Doch dein Gesang, hoch her, weither, 

weither, 
Schwebt über Harfenton und Chor und 

Saiten, 
Das Alles zieht, schwellend, weither, 

weither 
Wohl über stille, stille Wasserweiten. 

Z. WiUmayer. 

Bayreuth. (1876—1896.) Von 
Felix Wein gar tn er, Berlin, 
S. Fischer. 

Der ausgezeichneten Capell- 
meister Weingartner hat sich 
durch seine bisherigen Publica- 
tionen ebensoviel Feinde als durch 
sein allgemein anerkanntes Diri- 
gententalent Anhänger erworben. 
Diesmal wendet sich sein Rieht- 
Schwert vor Allem gegen die 
Berufung fremder, also nicht- 
deutscher Sänger und Sängerinnen 
nach Ba3rreuth und gegen die 
angeblich dadurch bedingte Ein- 



200 



KRITIK. 



führung des »Starsystemsc; ferner 
gegeii dea Dilettantismus der Frau 
Cosima und gegen allerhand 
Schwächen der Bayreuther Diri- 
genten, unter welchen der Leiter 
des »Tristane, Herr Mottl, wegen 
seines »berechnenden und bis zur 
charakterlosen Selbstentäusserung 
gehenden Wesens« am schlechtesten 
w^kommt 

Weingartner's Ausführungen 
hätten entschieden an Sachlichkeit 
gewonnen, wenn er sich nicht öfters 
auf die Meinung Anderer und auf 
Coulissentratsch berufen hätte. Das 
unedle, persönliche Motiv mehrerer 
ausgetheilten Hiebe ist manchmal 
so durchsichtig, dass es selbst dem 
Nichteingeweihten deutlich er- 
scheint. 

Es war vorauszusehen, dass 
Weingartner's Anklagen in dem aus 
flinken Streitern bestehenden Freun- 



deskreise der Frau Cosima ein 
Echo finden würden. Leider hat 
aber auch die Erwiderung des Henm 
Gustav Schönaich in der »Neaen 
Musikalischen Presse c keine Klar- 
heit in die Sache gebracht; offen- 
bar in begreiflich gereizter Stim- 
mung geschrieben, ist sie zu 
wenig massvoll gdialten. Zweifel- 
los meinen es ja beide Henen 
mit Bayreuth sehr gut, aber der 
blosse Hinweis auf einzelne Uebel- 
stände nützt einem Unternehmen 
ebensowenig als fortgesetzte Rei- 
bereien und Zwistigkeiten seiner 
Freunde; ein Schaden entsteht jedoch 
für Bayreuth, wenn jetzt auch die 
Oberflächlichen und Femestehenden 
die vielleicht nicht ganz unrichtige 
Schlussfolgerung ziehen werden, es 
müsse etwas faul sein im Staate 
Bayreuth. n, K—r, 



Herausgeber und Tera&twortlicher Redacteur: Rudolf Strauas. 
Cb. Retuer * M. Wertkner, Wien. 



^iener f{undschau. 



1. FEBRUAR, 1897. 



EINE SCHAUSPIELERIN. 

Novelle von GABRIELE ReUTER (München). 

(Schluss.) 

Professor Ridberg sass in der Studirstube vor seinem Schreib- 
tisch, von dem aus er der Welt viel gute und tüchtige Werke ge- 
schenkt hatte. Er dachte an seine Jugend, an lustige Abende mit 
lustigen Schauspielerinnen und an Eine, die ihm sehr gefiel und ihm 
dann für eine kurze Weile angehörte. Wie das gekommen? — Es 
konnte nicht anders sein — es war so natürlich in jenem freien be- 
wegten Dasein, wo die Kunst aus dem Rausch geboren wird und der 
schöne leichte Rausch aus der Kunst. 

Sie war eigentlich ein liebes, tapferes Mädchen gewesen — voller 
Energie und Witz und Klugheit ... Er hatte doch kaum an sie ge- 
dacht, diese vielen, vielen Jahre hindurch; es wäre ihm nicht einge- 
fallen, sich jemals einen Vorwurf zu machen. Und jetzt wollte sie ihm 
nicht aus dem Sinn — nun seine Tochter zur Bühne ging. 



Excellenz Wabern kam Olga in der Garderobe mit ausgebreiteten 
Armen entgegen. Das Mädchen warf sich ihr stürmisch an die Brust. 

»Ach, gnädige Fraul Ich bin so frohl So glücklich I 

»Mein Herzchen, ist es denn nur wahr?< 

»Wahr! Wahrl Seine Braut! Wie ist es nur möglich, einen Mann 
plötzlich so lieb zu haben? Den man vor zwei Wochen noch nicht 
kannte! Wenn man sich auch oft vorgestellt hat — es ist doch ein 
Wunder . . .< 

». . . Gefällt er Ihnen? Nicht, er ist ein schöner Mann? Aber 

das ist ja Nebensache. Das heisst . Wissen Sie — ich hab*s 

doch gemic 

Olga versteckte lachend ihren Kopf an der Schulter der alten 
Freundin, und diese fühlte das Beben und Schauem des jungen Körpers 

x6 



202 REUTER. 

in ihren Armen. Sie strich dem Mädchen beruhigend über das reiche 
blonde Haar. 

»Ich glaube, Ihre Eltern werden sich über die Nachricht freuen. 
Franz Heller gilt für einen ungewöhnlich gebildeten, denkenden und 
vornehmen Künstler. < 

»Excellenz — das ist's, was mich gleich so gefesselt hati Wir ver- 
stehen uns in dem, was wir wollen! Das ist's I Er denkt so hoch von 
der Kunst! Nicht wie Manche, die mit dem Publicum kokettiren. Er 
nimmt es ernst! Seine Kunst geht ihm über Alles! Ich glaube im 
Grunde noch über mich . . .< 

»Das wird wohl schwer zu entscheiden sein,€ scherzte die alte 
Dame, die in ihrem grossen Abendpelz auf einem Stuhl neben Olgas 
Toilettentisch sass und ihr zusah, wie sie plaudernd, aufgeregt, hin 
und her gehend, die bunten Renaissancekleider ablegte und ihr Ge- 
sicht mit weichen Tüchern rieb, unter der Schminke eine noch immer 
gesunde, frische Haut enthüllend. 

»Nein, ernstlich — Ic rief das Mädchen mit frohem Triumph, 
»ich habe meinem dummen Herzen in diesen Tagen immer wieder 
zugerufen: der Mann entschliesst sich nie zu einer soliden bürger- 
lichen Heirat — er ist so mitten drin im Streben und Ringen, er 
stürmt von Erfolg zu Erfolg . . . Und so eifersüchtig ist er auf seine 
Freiheit . . . Aller Genuss, auch der schönste, ist ihm daneben nur 

flüchtige Sensation . . . das habe ich mir gesagt < schloss sie 

nachdenklich verwundert. 

»Die Liebe siegt eben über alle Bedenken, < antwortete die alte 
Dame herzlich. 

»Sagen Sie, Olgchen — wir sind doch noch zusammen? Müssen 
doch auf die Gesundheit des Brautpaars trinken! Anna und Lisa sind 
voran nach Haus geschickt. Sie sollen Champagner aus dem Keller 
holen 1 Nur ein paar Freunde . . . c 

»Ja, Excellenz — nicht zu viel fremde Menschen !c 

»Gewiss, gewiss. Ich kann mir schon denken, wie Ihnen zu 
Muthe ist. Nur mein Bruder und seine Familie — und wen Sie Sonn- 
tags gewöhnlich bei uns treffen, c 

»Ich darf auch nicht zu spät heim kommen. Muss morgen das 
Gretchen spielen . . .< 

»Morgen? Sie werden sehr angestrengt!« 

»Ich bin doch nun einmal seine Partnerin!« 

Wie stolz das klang. 

»Dann wollen wir Sie ja nicht lange halten. Ich dachte nur, es 
wäre Ihnen lieb, heute Abend noch mit Heller zusammen sein zu 
können. Und da Sie allein wohnen . . .« 

»O ja! Ich bin Ihnen so dankbar!« 

»Was meinen Sie — « begann Frau v. Wabern zögernd, »ob wir 
den Director auch bitten?« 

»Liebe Excellenz, ist Ihnen das nicht fatal?« 



EINE SCHAUSPIELERIN. 203 

Die Excellenz lächelte mit dem liebenswürdig-feinen Lächeln der 
Frau von Welt Sie nahm Olgas Arm, um zu gehen. 

»Der arme Director, wir wollen milde gegen ihn sein. Er ist ja 
nun nicht mehr zu fürchten.« 

»Ach, nein,€ rief Olga mit hellem Spott, »der Aermste ist nicht 
mehr zu fürchten !c 

In den Familien, wo das Mädchen verkehrte, deutete man ihr 
zuweilen an, dass sie bewundert werde, weil sie sich auf dem schlüpfrigen 
Boden hinter den Coulissen so unverletzt aufrecht hielt. 

Darüber musste sie sich doch heimlich amüsiren. Sie konnte nie 
begreifen, dass man so viel Wesens um die kämpfende Tugend machte 
Die anständige Schauspielerin zu bleiben — im Grunde war's ein Sport 
wie ein anderer auch. 

Humoristisches Kameradenthum — wie weit man damit kam, 
hätte Niemand geglaubt. Die gesellschaftliche Gewandtheit half ihr 
auch. Mein Himmel — und vor Allem der gute Geschmack. Oft hatte 
man sogar ein bischen Spass dabei . . . 

Mit Heller war es vom ersten Augenblick etwas ganz Anderes 
gewesen. Er machte ihr nicht den Hof, er trat ihr als Freund ent- 
gegen. Und sie bewunderte, verehrte ihn als Künstler, noch mehr denn 
als Mann. Darum fühlte sie sich mit ihm allein so sicher und geborgen. 

Vor ihrer Phantasie schwebte ein Lebensbild von gemeinsamem 
Arbeiten und gemeinsamem Streben. 

Und sie verzieh dem Director jede Unannehmlichkeit, die er ihr 
bereitet hatte, um des Trinkspruches willen, den er heute Abends am 
Tisch von Excellenz Wabern ausbrachte. 

Franz Hellers geistreiches und überlegenes Gesicht bekam dabei 
einen leichten spöttischen Zug. Aber unter dem Tisch drückte er Olga 
die Hand. Dann erhob auch er sich. Und er war wohl eine andere Er- 
scheinung als der Director. 

»Er gehört eben in die gute Gesellschaft,! hatte Excellenz vorhin 
Olga zugeflüstert. 

Während er dem Director antwortete, ergriffen seine Finger den 
Myrthenzweig, der seinen Teller geschmückt hatte, und spielend 
schlugen sie damit einen leichten Takt zu seinen Worten. Eigentlich 
ironisirte er die Rede des Directors, aber es geschah so scherzhaft und 
graziös, dass bei seinen drolligen Pointen die kleine Tischgesellschaft 
ihn oft mit beifalligem Gelächter unterbrach. 

Nur Olga fühlte sich enttäuscht. Sie hatte erwartet, er i^erde 
bedeutender und wärmer reden. Aber wieder verstand sie es auch, 
dass er sein Bestes nicht vor Director Luckner preisgeben mochte. 
Und dann wusste sie ja, dass er an sich von der Ehe gering und ver- 
ächtlich dachte. Darüber lachte sie jedoch im Innern. Hatte er ihr 
nicht alle diese abscheulichen Principien zum Opfer gebracht? In zehn 
Jahren sollte er schon anders denken . . . 

Und da sie ein kluges Mädchen war, überwand sie die Ent; 
täuschung und zeigte ihm heiteren Beifall gleich den Anderen. 

x6* 



204 REUTER. 

Bald mahnte Excellenz Wabern selbst zum Aufbruch. Ihre liebe 
Olga dürfte nicht überanstrengt werden. 

Eine Strasse weit blieben die Gäste noch plaudernd beisammen, 
dann schieden sich die Wege. Der Director bestieg den letzten votüber- 
fahrenden Pferdebahnwagen, Heller begleitete seine Braut auf ihrem 
Heimwege. Sie hauste mit einer alten Dienerin in einer hübschen, 
kleinen Wohnung, ziemlich weit draussen in der Vorstadt. Sie brauche 
frische Luft um sich her, erzählte sie Heller. 

Die Gaslaternen waren schon fast alle verlöscht. Irgendwo hinter 
den Wolken stand der Mond. Man sah ihn nicht, doch wandelte er die 
Finstemiss zu sanfter Dätnmerung. Es war eine laue Vorfrühlingsnacht 
Ein weicher Hauch strich thauted an den schneebeladenen Dächern 
entlang und löste schwere Tropfen, die klatschend niederfielen. Die 
Strassen waren noch trocken, man wanderte leicht und angenehm. 
Olga löste die Spangen ihres Mantels und warf die Enden ihres 
Spitzenshawls zurück; es wurde ihr warm. 

Heller drückte ihren Arm leise an sich, und sie schmiegte sich 
an seine Seite. Das allgemeine Gespräch hatte bis zum letzten Augen- 
blick von den Beziehungen des Lebens zur Kunst und der Kunst 
zum Leben gehandelt. Es war köstlich für Olga, sich einmal frei aus- 
sprechen zu können mit einem erfahrenen und gescheiten Manne. 
Was wurde auf diese Weise nicht angeregt und neu geweckt! Reich 
und schön musste die Zukunft werden! 

Als sie von ihr zu träumen begann, wurde sie still, und Heller 
verstummte auch. 

Olga athmete tief, wie zu einem schweren Glückesseufzer hob 
sich ihre Brust. 

Heller nahm ihre Hand und spielte liebkosend mit ihren Fingern. 
Sie fühlte, dass seine Augen auf ihr weilten. Sie hob die ihren, lange 
blickten sie sich an. Und dann wandte sie sich scheu beklommen ab. 
Sie war verwirrt und fühlte eine plötzliche Angst vor der Liebe. 

»Hier bin ich daheim, c sagte sie leise und war froh, dass sie 
zum Ziele gelangt war — sie wusste selbst nicht,", weshalb. 

Aber Heller zog sie fester an sich und küsste sie im Schatten 
der Hausthür. 

»Meine Olly — mein süsses Kind — hast du mich lieb? Sag' es 
mir nur ein einzigesmal I c 

Und bebend hauchte sie »Ja«. 

Leise, wie ein schwüler, betäubender Hauch drang sein inniges 
Flüstern zu ihrem Ohr. Sie lauschte athemlos. 

Und plötzlich verstand sie ihn. 

Mit einem Wehelaut riss sie sich los und floh in Todesangst vor 
ihm, stürzte die Treppen hinauf — hinauf in ihre Wohnung, deren 
Thür sie mit fliegenden Händen hinter sich verschloss. 

Oben in ihrem Zimmer, das von dem Schein einer kleinen Lampe 
traulich erhellt wurde, stand sie erschöpft und betäubt — zerstört. 
Ihre Blicke wanderten mechanisch über die Dinge umher; den Schreib- 



EINE SCHAUSPIELERIN. 205 

tisch, die Blumen, die breite Chaiselongue mit dem weissen Bärenfell, 
auf dem sie so manchesmal nach den Anstrengungen der Proben mit 
zitternden Gliedern und stürmisch jagendem Blut vergebens zu ruhen 
versucht hatte, die Lorbeerkränze und ihre grossen, bunten Widmungs- 
schleifen, die Theaterzettel und Photographien an den Wänden. Jedes 
einzelne Stück bedeutete den Preis mühevoller Arbeit, war Zeuge 
ihrer ernsten und doch freudigen Einsamkeit gewesen. Und nach allen 
Erfolgen hatte sie ihr selbstgeschafTenes Heim mit frohem Lächeln be- 
grüsst, wie einen guten Kameraden, den man theilnehmen lassen 
möchte. 

Jetzt sah sie nichts von ihrer Umgebung. Ihr Wesen war wie 
zu Eis erstarrt. Lautlos bewegten sich ihre Lippen. Endlich kam es 
wie ein Schrei und ein erlösendes Schluchzen aus ihrer Brust: »Vater, 
lieber Vater — ich wilüc 

Lauschend beugte sie sich vor. Und in der Stille der Nacht 
vernahm sie Schritte, die sich langsam, zögernd entfernten. 



Am nächsten Abend spielte man den Faust. Die Menge strömte 
bewegt aus dem Theater. Es war eine herrliche Vorstellung gewesen. 

Heller und die Ridberg hatten sich selbst übertroffen. 

Sie sollen ja verlobt sein, sagten die Leute. Nun, da ist es frei- 
lich kein Wunder, dass die Liebesscenen so bezaubernd innig wurden 
— von einer beklemmenden Leidenschaft. Dieses Eine hatte der Rid- 
berg noch gefehlt — bis heut* ! 

»Aber die Stelle vor dem Madonnenbild hat mich am tiefsten 
ergriffen, c meinte Excellenz Wabern. »Das war ein Triumph der 
Kunst — der trostlose Jammer in dem Ruf: 

»Ich bin ach kaum alleine, 

Ich wein' — ich wein' — ich weine — 

Das Herz zerbricht in mir . . .« 



Die Gerüchte von Fräulein Ridberg's Verlobung mussten doch 
auf einem Irrthum beruht haben. Man hörte nichts weiter davon. 
Hinter den Coulissen wusste man, dass Olga Franz Heller sein Wort 
zurückgegeben hatte. 



DIE ENTARTETENT. 

Ruhlos wandeln sie auf Erden, 
Schon als Embryos belastet, 

Und in Purpur und in Lumpen 
Tragen ihres Daseins Fluch sie. 

Tragen ihn erhobnen Hauptes, 
Trotzig auf ihr Wesen pochend — 

Oder scheu dem Licht entflohen, 

Angstvoll vor sich selbst erschaudernd. 

Schon als Kinder stehn sie düster 
Abseits von den Mitgebornen, 

Die in hellem Jubel tollen 

Und nach bunten Faltern jagen. 

Früh in ihrem jungen Busen 

Regen sich geheime Lüste, 
Regen sich geheime Schmerzen — 

Und im Hirn Gedankenfrevel. 

Und es nagt schon das Gewissen, 
Eh' sie wirklich noch gesündigt — 

Aber plötzlich, unerwartet, 

Kommt der OflFenbarung Stunde! 

Und dann weiter, immer weiter, 
Ohne Gnade, ohn' Erbarmen, 

Ob sie drohen und vernichten, 
Ob sie dulden und verzagen; 



LEBEN. 207 

Ob gefoltert sie im Siechbett 

Oder in des Wahnsinns Krallen, — 

Ob sie unterm Henkerbeile, 
Ob durch eigne Hand sie enden: 

Ruhlos wandeln sie auf Erden, 

Schon als Embryos belastet. 
Und in Purpur und in Lumpen 

Tragen ihres Daseins Fluch sie. 

Raitz in Mähren. FERDINAND VON SAAR. 



LEBEN. 

IL 

">Verblasstes Gestern, unerwünschtes Morgen, 
die mir den Geist in dumpfes Heute zwingen! 
Naht sich kein Traum, die Stunden zu beschwingen, 
verschoUner Zeiten Farbenspiel zu borgen?« 

Er wollte sich das Haupt mit Rosen kränzen, 
das Mahl erstrahlte in geerbter Pracht, 
und Frauen kamen, die in losen Tänzen 
sein Bett umkreist in schlummerloser Nacht. 

Er suchte in den Schriften weiser Ahnen 
und fand nur, was sein Sinnen selbst erlauscht, 
dass irgendfern auf unerforschten Bahnen 
ein grosses Leben durch die Zeiten rauscht. 

»Wo schläft der Gott, mit dem das Leben schied, 
ragt der Altar, umglüht von Opferherden? 
Ihm strebt die Seele Weihrauchduft zu werden, 
ein Rausch von Duft und Ton: ein bacchisch Lied. 

München. OsCAR A. H, SCHMITZ. 



DER BOBOK. 

Memoiren einer Person. 

Von Feodor Michailowitsch Dostojewsky. 

Deutsch von Nina Hoficann. 
(Schluss.) 

9 Das, BaxoDy könnte Ihnen, wenn Sie es wünschen, Piaton Ni- 
kolajewitsch besser erklären als ich.€ 

»Was für ein Piaton Nikolajewitsch ? Schwatzen Sie nicht, sondern 
zur Sache, c 

9 Piaton Nikolajewitsch, unser Hausphilosoph, Naturforscher 
und Magister. Er hat einige philosophische Bücher in die Welt 
gesetzt, nun aber schläft er seit drei Monaten vollständig ein, so dass 
man ihn hier gar nicht mehr aufrütteln kann. Einmal in der Woche 
murmelt er einige Worte, die gar keinen Sinn haben, c 

»Zur Sache denn, zur Sache !c 

»Er erklärt das Alles durch das allereinfachste Factum, nämlich 
damit, dass wir oben, als wir noch lebten, irrigerweise den dortigen 
Tod fiir wirklichen Tod hielten. Der Körper belebt sich hier gleichsam 
aufs Neue, die Lebensüberreste concentriren sich, doch nur im Be- 
wusstsein. So setzt sich das Leben — ich kann es Euch nicht so wieder- 
geben — gleichsam in Folge der Trägheit fort. Alles ist nach seiner 
Meinung irgendwo im Bewusstsein concentrirt und dauert noch zwei, drei 
Monate fort — — manchmal sogar ein halbes Jahr. Es ist z. B. Einer 
hier, der nahezu schon ganz zersetzt ist, aber einmal, in etwa sechs 
Wochen stösst er plötzlich ein Wort hervor, natürlich ganz sinnlos: 

,Bobök, bobök*, sagt er da aber in ihm ist immer noch ein 

Leben, das in einem unsichtbaren Funken fortglimmt « 

»Ziemlich dumm. Nun, und wie ist's denn damit, dass ich keinen 
Geruchsinn habe und doch Gestank verspüre ?€ 

»Das? He, he! — Nun, hier ist unser Philosoph schon 

wirklich in den Nebel gerathen. Gerade über den Geruchsinn hat er 
bemerkt, dass man hier Gestank rieche — sozusagen — seelischen 
Gestank — He, he! Gleichsam den Gestank der Seele, damit man sich 

in diesen 2, 3 Monaten noch besinnen könne und das sei 

sozusagen — <üe letzte Barmherzigkeit — — Nun scheint mir dies 
Alles schon ein mystisches Phantasiren, lieber Baron, ganz verzeihlich 
in seiner Lage -• — « 

»Genug! Auch alles Weitere, davon bin ich überzeugt, ist Un- 
sinn — die Hauptsache ist: Zwei, drei Monate Leben und zu aller- 



DER BOBOK. 20g 

letzt — der Bobök. Ich schlage Allen vor, diese zwei Monate so an- 
genehm als möglich zu verbringen, und darum müssen wir uns Alle 
auf einer neuen Grundlage einrichten. Meine Herren I Ich schlage vor, 
dass wir uns über nichts mehr schämen, c 

>Ja, ja! Schämen wir uns über nichts, schämen wir uns über 
nichts Ic hörte man viele Stimmen, und seltsamerweise auch ganz neue, 
das heisst solche, die indessen neu erwacht waren. Mit ganz besonderer 
Bereitwilligkeit donnerte im Bass der nun schon völlig zu sich ge- 
kommene Ingenieur seine Zustimmung heraus; das Mädchen Katisch 
kicherte freudig auf. 

9 Ach, wie hab' ich Lust, mich über gar nichts zu schämen !< 
rief Awdotja Ignatjewna entzückt aus. 

»Hört Ihr, wenn schon Awdotja Ignatjewna sich über nichts 
schämen will — c 

9 Nein, nein, nein, Klinewitsch, ich habe mich geschämt, ich habe 
mich dorten wirklich geschämt ; hier aber hab' ich schrecklich, schreck- 
lich Lust, mich über gar nichts mehr zu schämen, c 

»Ich verstehe, Klinewitsch, c meldete sich des Ingenieurs Bass- 
stimme, »dass Sie vorschlagen, das hiesige sogenannte Leben auf einer 
neuen, höchst vernünftigen Grundlage aufzubauen.« 

»Nu; darauf spuck ich! Dazu wollen wir Kudejarow erwarten, 
gestern hat man ihn gebracht Er wird aufwachen und euch Alles klar 
machen, das ist ein Kerl, ein grossartiger Kerl I Morgen, scheint's, wird 
man noch einen Naturforscher herbeischleppen, einen Officier ganz 
sicher und, wenn ich nicht irre, nach 3 — 4 Tagen einen Feuilletonisten, 
und zwar, glaub' ich, sammt seinem Redacteur. Uebrigens, hol' sie der 
Teufel — aber ein Häuflein der Unsem wird sich schon zusammen- 
finden, und da wird sich bei uns Alles von selbst einrichten. Vorläufig 
jedoch will ich nur, dass man nicht lüge. Ich will nur dies, denn das 
ist die Hauptsache. Auf der Erde leben und nicht lügen, ist nicht 
möglich, denn Leben und Lüge sind Synonima. Hier aber werden wir 
zu unserem Spass nicht lügen. Hol's der Teufel, das Grab ist doch 
auch zu was gut ! Wir werden einander alle unsere Geschichten ganz laut 
erzählen und uns gar keiner Sache mehr schämen. Ich bin, wisst Ihr, 
^von den Lüsternen, das war Alles dort oben mit faulen Stricken zu- 
gebunden. Herunter mit den Stricken, und lasst ims diese zwei Monate 
in der schamlosesten Wahrheit leben. Wir wollen uns ganz entblössen, 
ganz nackt wollen wir sein!< 

»Ganz nackt! Ganz nackt !c schrie man aus vollem Halse. 

»Ich habe schrecklich, schrecklich Lust, mich zu entblössen !c 
winselte Awdotja Ignatjewna. 

»Ach, ach, ach! Ich sehe, hier wird es lustig sein, ich will nicht 
mehr zum Eck.< 

»Nein, ich möchte noch ein wenig leben, wisst ihr, ich möchte 
noch ein wenig leben Ic 

»Hi, hi, hüc kicherte die Katisch. 



2 1 DOSTO JE WSK Y. 

»Die Hauptsache ist, Niemand kann es uns verbieten, und ob- 
wohl Kerwojedow, wie ich sehe, böse ist, so kann er mich doch nicht 
mit der Hand erreichen. Grand'p^re, einverstanden?« 

»Ich bin vollkommen, vollkommen einverstanden, und zwar mit 
dem grössten Vergnügen, aber so, dass die Katisch die Erste ist mit 
ihrer Bio — gra — phie.« 

»Ich protestire, ich protestire aus allen meinen Kräften Ic rief 
der General Kerwojedow mit Festigkeit. 

»Excellenz!« stammelte in geschäftiger Erregtheit und die Stimme 
dämpfend der Schurke Lebesjatnikow in überzeugendem Tone, »£lx- 
cellenz, es wird uns ja sogar vortheilhafter sein, wenn wir einstimmen. 

Hier ist, sehen Sie, dieses junge Mädchen und endlich — — 

alle die verschiedenen Stückchen « 

»Nehmen wir an, das Mädchen aber < 

»Vortheilhafter, Excellenz, vortheilhafter, bei Gottl Nun, wenn 
auch nur, um ein Beispielchen, nur als Probe « 

»Sogar im Grabe iässt man Einen nicht in Ruhe.« 

»Erstens, General, spielen Sie ja selbst im Grabe Pr^fi^ence, und 
zweitens können wir auf Sie spuck — ken,« skandirte Klinewitsch. 

»Geehrter Herr, ich muss Sie denn doch bitten, sich nicht zu 
vergessen I« 

»Was? Sie können mich ja nicht erreichen, ich aber kann Sie 
von hier aus reizen wie Julchens Bologneserhündchen. Und — erstens, 
meine Herren, was ist er hier für ein General? Dort ist er ein Ge- 
neral gewesen, hier aber ist er ein Pfifferling.« 

»Nein, kein Pfifferling — ich bin auch hier — — « 

»Hier werden Sie in der Grube verfaulen, und von Ihnen bleibt 
nichts übrig als sechs Messingknöpfe.« 

»Bravo, Klinewitsch! Ha, ha, ha!« brüllten die Stimmen heraus. 

»Ich habe meinem Kaiser gedient, ich besitze einen Degen.« 

»Mit Ihrem Degen können Sie Mäuse aufspiessen, übrigens haben 
Sie ihn ja niemals aus. der Scheide gezogen.« 

»Alles eins, ich habe einen Theil des Ganzen ausgemacht.« 

»Gibt's denn wenige solcher Theile des Ganzen?« 

»Bravo, Klinewitsch, bravo, ha, ha, ha!« 

»Ich verstehe nicht, was ein Degen bedeutet,« meldete sich der 
Ingenieur. 

»Wir werden wie die Mäuse vor den Preussen davonlaufen, sie 
werden uns zerstäuben ! « schrie eine entfernte, mir unbekannte Stimme, 
die sich buchstäblich vor Entzücken überschlug. 

»Der Degen, Herr, bedeutet Ehre!« wollte eben der General 
ausrufen, aber nur ich allein hörte ihn. Es erhob sich ein langes, 
rasendes Gebrüll, Geschrei und Gezeter, man konnte nicht einmal 
das bis ins Hysterische gesteigerte Gewinsel Awdotja Ignatjewna's 
unterscheiden. 

»Schneller also, schneller! Ach, wann fangen wir denn an, uns 
über nichts mehr zu schämen!« 



DER BOBOK. 211 

>Och, cho, cho! In Wahrheit wandert die Seele uml< — hörte 
man die Stimme des Mannes aus dem Volke imd — — — — 

Und hier musste ich plötzlich niesen. Das kam unvermuthet und 
absichtslos, aber die Wirkung war frappirend: Alles verstummte wie 
auf einem Kirchhof, verschwand wie im Traum. Es entstand eine wahr- 
hafte Grabesstille. Ich denke nicht, dass sie sich vor mir schämten; 
sie hatten ja doch beschlossen, sich nicht zu schämen! Ich wartete 
etwa fünf Minuten — kein Wort, kein Laut. Man kann auch 
nicht annehmen, dass sie eine Anzeige bei der Polizei fürchteten, 
denn was kann die Polizei hier thun? Ich komme unwillkürlich zum 
Schluss, dass dennoch irgend ein Geheimniss unter ihnen bestehen 
muss, das den Sterblichen unbekannt ist und das sie vor jedem Sterb- 
lichen sorgsam bewahren. 

fNa meine Lieben, ich besuche euch schon noch einmal,« dachte 
ich und verliess den Kirchhof. 

Nein, das kann ich nicht zugeben, nein, in Wahrheit nicht, der 
Bobök beunruhigt mich nicht (da ist er also hervorgekommen, dieser 
Bobök). Verdferbtheit an solchem Orte, Verderbtheit der letzten Hoffnungen, 
Verderbtheit morscher und verfaulter Leichname, und das — sogar 
ohne die letzten Augenblicke des Bewusstseins zu schonen 1 Diese 

Augenblicke sind ihnen gegeben, sind ihnen geschenkt und 

vor Allem, vor Allem an solchem Ortel Nein, das kann ich nicht 
zugeben I 

Ich werde mich in anderen Abtheilungen aufhalten, werde überall- 
hin lauschen, das ist's ja, dass man überallhin lauschen muss, und 
nicht nur am Rande allein, um sich ein Verständniss zu bilden. Viel- 
leicht stosse ich dann auch auf Erfreuliches. 

Zu diesen aber werde ich unbedingt wiederkommen. Sie haben 
ihre Biographien versprochen und verschiedene Anekdoten. Tful Ich 
komme aber doch, unbedingt komme ich — eine Gewissenssache! 

Ich bringe es dann zum »Graschdanin«. — Vielleicht druckt er's. 



DAS WEISSE SCHLOSS. 

Ein weisses Schloss in weisser Einsamkeit. 
In blanken Sälen schleichen leise Schauer. 
Todtkrank krallt das Gerank sich an die Mauer, 
Und alle Wege weltwärts sind verschneit 

Darüber hängt der Himmel brach und breit. 
Es blinkt das Schloss. Und längs den weissen Wänden 
Hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen . . . 
Die Uhren stehn im Schloss: Es starb die Zeit. 

München. ReN* MARIA RiLKE. 



OCTOBER.*) 

Fort, Liebe, vom eintön'gen Meer — hier, starre 
Die graue Schlucht herab aufs alte Jahr. 

Herab, o Liebe! Keinen Handdruck mehr? 

Da wir, des Lenzes ungedenk, noch leben, 

Und Sommers, nach dem Herbst nur voll Begehr? 

O horch nur, horch! Vom grauen Thurme beben 

Die Tone klangvoll durch das Dämmerweben. 

Süss, traurig, gleich dem letzten Hauch des Jahres, 

Zu lebenssatt, dem Tod zu trotzen, war es — 

Gleich uns, gleich uns! O sprich, ob's uns nicht frommt, 

Uns auszuruh'n von Leben, Leid und Lasten, 

Vom Glück zu ruh'n, das unvermuthet kommt. 

Zu ruh'n von Liebe, die nichts weiss vom Rasten ? — 

Die Tone — horch — aufs Neue, die verblassten! 

« 
Blick, Lieb', empor! Halt fest dich ohne Beben! 

Wie fand ich Liebe wohl genug und Leben ! . . . 

London. WILLIAM MORRIS. 

Deutsch von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. 



*) Dieses Gedicht ist ein Zwischenspiel aas dem »Irdischen Paradiese des 
jüngst verstorbenen, berühmten englischen Dichters William Morris, der im Verein 
mit Bume Jones, dem grossen Präraphaeliten, den gewaltigen Aufschwang der 
decorativen Künste hervorgerufen hat. 



ALLADINE UND PALOMIDES. 
Ein kleines Drama für Marionetten von MAURICE MAETERLINCK. 

Autorisirte Uebersetzung von Marie Lang. 



V. ACT. 
Ein Gang. 

(Er ist so lang, dass seine letzten Bogen sich in einer Art inneren Hori- 
zontes zu verlieren scheinen. Palomides' Schwestern warten vor einer der un- 
zähligen geschlossenen Thüren, die auf diesen Gang münden, und scheinen 
sie zu hüten. Ein wenig weiter unten und auf der entgegengesetzten Seite 
sprechen Astolaine und der Arzt vor einer anderen Thüre, die ebenfalls 

geschlossen ist.) 

Astolaine (zum Arzt). 

Bis jetzt hatte sich in diesem Palaste nichts ereignet, 
in dem, seit meine Schwestern darin gestorben sind. Alles zu 
schlafen schien; und mein armer, alter Vater zürnte, verfolgt 
von einer sonderbaren Besorgniss, ohne Grund über diese 
Ruhe, welche indessen die wenigst gefahrliche Gestalt des 
Glückes scheint. Es ist nicht lange her — seine Vernunft 
begann bereits zu schwinden — da stieg er auf einen Thurm, 
und während er die Arme zaghaft gegen die Wälder und 
gegen das Meer ausbreitete, sagte er mir — mit einem 
bangen Lächeln, als wollte er mein ungläubiges Lächeln 
entwaffnen — dass er von allen Seiten die Ereignisse riefe, 
die sich seit Langem am Horizont verbärgen. Sie sind nun 
eingetroflfen, ach, früher und zahlreicher, als er sie erwartet, 
und wenige Tage haben genügt, dass sie an seiner Stelle 
herrschen. Er ward ihr erstes Opfer. Ganz in Thränen floh 
er an jenem Abend, als er die kleine AUadine und den un- 
glücklichen Palomides in die Grotten hinab bringen liess, 
singend in die Wiesen. Man sah ihn seitdem nicht wieder. 



2 1 4 MAETERLINCK. 

Ich Hess Überall im Lande und bis auf das Meer hinaus 
nach ihm suchen. Man fand ihn nicht. So ho£fte ich wenig- 
stens diejenigen zu retten, die er, ohne es zu wissen, 
hatte leiden lassen, denn er war immer der weichste der 
Männer und der beste der Väter, aber ich glaube, auch 
dafür zu spät gekommen zu sein. Ich weiss nicht, was 
vorgefallen ist. Sie haben bisher nicht gesprochen. Als sie 
das Klirren des Eisens horten und plötzlich das Licht wieder 
sahen, glaubten sie ohne Zweifel, dass meinVater die Henkers- 
frist bedauerte, die er ihnen gewährt hatte, und dass man 
komme, ihnen den Tod zu bringen, oder sie glitten aus, als 
sie auf dem Felsen zurückwichen, welcher den See überragt, 
und fielen aus Versehen hinab. Aber das Wasser ist nicht 
tief an jener Stelle, und es gelang uns ohne Mühe, sie zu 
retten. Ihr allein könnt jetzt das Uebrige thun . . . (Palomides' 

Schwestern halben sich genähert.) 

Der Arzt. 

Sie leiden Beide an demselben Uebel, und zwar an 
einem Uebel, das ich nicht kenne. Aber es bleibt mir wenig 
Hoffnung. Sie werden sich in den unterirdischen Gewässern 
erkältet haben; oder diese Gewässer sind wohl vergiftet. 
Man fand darin den zersetzten Leichnam von Alladinens 
Lamm. Ich komme diesen Abend wieder. Einstweilen be- 
dürfen sie der Ruhe . . . Die Lebensfluth ebbt in ihren 
Herzen . . . Betretet ihre Zimmer nicht und sprecht nicht 
zu ihnen, denn das geringste Wort kann ihnen bei ihrer 
Schwäche den Tod bringen ... Es wäre nothwendig, dass 
sie dahin gelangten, einander zu vergessen. (Geht fort.) 

Eine von Palomides' Schwestern. 
Ich sehe, er wird sterben . . . 

Astolaine. 

Nein, nein . . . weint nicht ... in seinem Alter stirbt 
man nicht so leicht . . . 

Eine andere Schwester. 

Aber warum war Euer Vater gegen meinen armen 
Bruder ohne Grund so erzürnt? 



ALLADINE UND PALOMIDES. 215 

Dritte Schwester. 
Ich glaube^ Euer Vater hat AUadine geliebt. 

Astolaine. 

Sprecht nicht so davon ... Er glaubte, dass ich ge- 
litten hätte. Er glaubt e, Gutes zu thun, und that Böses, ohne 
es zu wissen . . . Das geschieht uns oft . . . Vielleicht ist 
es meine Schuld . . . Ich entsinne mich dessen heute. Eines 
Nachts schlief ich. Ich weinte im Traum . . . Man hat wenig 
Muth, wenn man träumt. Ich erwachte ... er stand an 
meinem Bett, und blickte mich an . . . Vielleicht täuschte 
er sich ... 

Vierte Schwester (herbeilaufend). 

AUadine hat sich ein klein wenig in ihrem Zimmer 
geregt . . . 

Astolaine (geht zur Thüre, horcht). 

Es war vielleicht die Krankenwärterin, die sich er- 
hebt . . . 

Fünfte Schwester. 

Nein, nein; ich höre die Wärterin gehen ... Es ist ein 
anderes Geräusch. 

Sechste Schwester (läuft gleichfalls herbei). 

Ich glaube, auch Palomides hat sich bewegt; ich habe 
das Gemurmel einer Stimme, die zu sich kommt, gehört . . . 

Alladinens Stimme (sehr schwach aus dem Innern des Zimmers). 

Palomides! . . . 

Eine der Schwestern. 
Sie ruft ihn! . . . 

Astolaine. 

Geben wir Acht ! . . . Geht, geht vor die Thüre, auf dass 
Palomides nicht hören kann . . . 

Alladinens Stimme. 
Palomides! 

Astolaine. 

Mein Gott! Mein Gott! Halte diese Stimme auf! . . 
Palomides stirbt an ihr, wenn er sie hört! . . . 



2l6 MAETERLINCK. 

Palomidens Stimme (sehr schwach aas dem andern Zimmer). 

Alladine! ... 

Eine der Schwestern. 
Er antwortet! ... 

Astolaine. 

Drei von euch mögen hier bleiben . . . und wir gfehen 
zur anderen Thüre. Kommt, kommt schnell. Wir werden sie 
umringen. Wir werden sie zu vertheidigen trachten . . . 
Schmiegt euch an die Thürflügel . . . vielleicht hören sie dann 
nichts mehr . . . 

Eine der Schwestern. 
Ich gehe zu Alladine hinein . . . 

Zweite Schwester. 
Ja, ja; verhindert sie, weiter zu rufen. 

Dritte Schwester. 
Sie ist doch schuld an all dem Uebel . . . 

Astolaine. 

Geht nicht hinein, oder ich trete bei Palomides ein . . . 
Auch sie hatte ein Recht an das Leben; und sie hat nichts 
gethan als gelebt . . . Aber dass wir vergängliche Worte, 
wenn sie vorüberschweben, nicht ersticken können! . . . Wir 
sind wehrlos, meine armen Schwestern, und unsere Hände 
können die Seelen nicht aufhalten! . . . 

Alladinens Stimme. 
Palomides, bist du es? 

Palomidens Stimme. 
Alladine, wo bist du? 

Alladinens Stimme. 
Bist du es, den ich weit von mir klagen höre? 

Palomidens Stimme. 

Bist du es, die ich nach mir rufen höre, ohne dich zu 
sehen ? 



ALLADINE UND PALOMIDES. 21 J 

Alladinens Stimme. 

Man konnte glauben^ deine Stimme hat alle Hoffnung 
verloren ... 

Palomidens Stimme. 

Man konnte glauben, die deine sei durch den Tod hin- 
durchgegangen . . . 

Alladinens Stimme. 
Deine Stimme dringt kaum in mein Zimmer . . . 

Palomidens Stimme. 
Auch ich höre deine Stimme nicht wie sonst , . . 

Alladinens Stimme. 
Du hast mir leid gethan! . . . 

Palomidens Stimme. 
Man hat uns getrennt, aber ich liebe dich noch immer . . . 

Alladinens Stimme. 
Du hast mir leid gethan . . . leidest du noch! 

Palomidens Stimme. 
Nein, ich leide nicht mehr, aber ich möchte dich sehen . . . 

Alladinens Stimme. 

Wir werden uns nicht mehr sehen, die Thüren sind ge- 
schlossen . . . 

Palomidens Stimme. 

Deiner Stimme nach konnte man glauben, du liebst 
mich nicht mehr . . . 

Alladinens Stimme. 

Doch, doch, ich liebe dich noch, aber es ist traurig 
jetzt . . . 

Palomidens Stimme. 
Wohin wendest du dich ? Ich verstehe dich kaum . . . 

Alladinens Stimme. 
Man konnte meinen, dass wir hundert Stunden von ein- 
ander entfernt sind . . . 

«7 



2 1 8 MAETERLINCK. 

Palomidens Stimme. 

Ich versuche mich zu erheben, aber meine Seele ist zu 
schwer . . . 

Alladinens Stimme. 

Auch ich möchte kommen, aber das Haupt sinkt mir 

zurück . . . 

Palomidens Stimme. 

Man könnte glauben, du sprichst und weinst g'eg^en 
deinen Willen . . . 

Alladinens Stimme. 

Nein, ich habe lange geweint; das sind keine Thränen 

mehr • . . 

Palomidens Stimme. 
Du denkst an etwas, das du mir nicht sagst . . . 

Alladinens Stimme. 
Es war kein Edelgestein . . . 

Palomidens Stimme. 
Und die Blumen waren keine wirklichen . . . 

Eine von Palomidens Schwestern. 
Sie reden irre . . . 

Astolaine. 

Nein, nein; sie wissen, was sie sagen . . . 

Alladinens Stimme. 
Es war das Licht, das kein Erbarmen gehabt . . . 

Palomidens Stimme. 

AUadine, wo gehst du hin? Man könnte glauben, dass 
man dich entfernt . . . 

Alladinens Stimme. 
Ich vermisse die Strahlen der Sonne nicht mehr . . . 

Palomidens Stimme. 

Doch, doch, wir werden all das liebliche Grün wieder- 
sehen I . . . 



ALLADINE UND PALOMIDES. 2 ig 

Alladinens Stimme. 
Ich habe den Wunsch zu leben verloren . . . 

(Stille; dann immer schwächer und schwächer): 

Palomidens Stimme. 
Alhidine I . . . 

Alladinens Stimme. 
Palomides! 

Palomidens Stimme. 
AUa . . . dine . . . 

(Stille — Astolaine und Palomidens Schwestern horchen in Todesangst. Dann 
öffnet die Krankenwärterin von innen die Xhike von Palomidens Zimmer, erscheint 
auf der Schwelle, macht ein Zeichen, und alle tr^en in das Zimmer ein, das sich 
wieder schliesst. Von Neuem Stille. Bald danach l^Snet sich auch die Thüre von 
A>lladinens Zimmer; die andere Krankenwärterin tritt ebenfalls heraus, blickt in 
den Gang und kehrt, da sie Niemanden sieht, in das Zimmer aurück, dessen Thüre 

sie weit offen lässt.) 



Ende. 



17* 



y 



WIENER KUNST UND KUNSTKRITIK. 

Von Paul Wilhelm. 

Die Wiener Künstlergenossenschaft hat den Maler Felix zu 
ihrem Vorstand gewählt. Man fragt sich, ob die Wahl glücklich 
war. Ich glaube nicht. Herr Felix ist einmal ein tüchtiger Maler ge- 
wesen, ein grosser Künstler war er nie. Man wird das nicht leugnen. 
Aber es wäre gemüthlos, wollte man den liebenswürdigen alten Herrn 
darum verdammen, weil er nicht mehr in unsere Zeit hereinpasst 

Aber das erste Kunstinstitut des Reiches braucht Kräfte, die ein 
neues Werden, ein künstlerisches Wachsen gewährleisten. Ein jahre- 
langes, verdienstvolles Wirken mit Pinsel und Palette hatte wohl An- 
spruch auf persönliche Anerkennung, aber nicht auf eine Führerrolle, 
die; soll sie den innersten Kern ihres Zweckes erfüllen, mehr sein 
müsste als eine mit den berühmten »Erfahrungen des Alters« gesättigte 
administrative Leitung. 

Es ist sprechend für unsere Kunstverhältnisse, dieses Hangen am 
Alten, dieses zähe Festhalten ererbter Institutionen, diese gedankenlose 
Anhänglichkeit an die ergrauten Repräsentanten der Wiener Kunst, 
die in ihrem engbegrenzten MUieu die Wellen alles Neuen, Werdenden 
an sich vorüberwogen lassen in sicherer Geborgenheit, ohne revolu- 
tionäre Emotionen, ohne Stürme und Gefahren. Das ist echt wienerischer 
Localpatriotismus, echt österreichische Gleichgiltigkeit für das Kosmo- 
politische in Kunst und Leben. Und das gerade ist es, was uns mangelt 
und uns überall langsam in den Hintergrund drängt 

Kein junger, kräftiger Stamm ist in das alte Gebäude gefügt 
worden, das morsch ist, morsch zum Zusammenbrechen. Aber der un- 
verwüstliche Wiener Humor in seiner ganzen ehrlichen Verlogenheit 
hilft über alle Bedenken hinweg. Die Künstler, die stets über die 
tristen Kunstverhältnisse jammern, trösten sich in »anregenden« Unter- 
haltungsabenden, arrangiren Herrenabende, Damenabende, Gschnasfeste 
und Kränzchen. Alles aus begreiflicher Verzweiflung über den Nieder- 
gang unserer Kunst. Dabei geht es denn auch lustig her. Die Künstler 
sind stolz auf ihre sonnigen Naturen, und man kann die Freude über 
einen gelungenen Bierwitz in manchem Auge häufiger sehen als das 
stille, heimliche Leuchten über eine vollbrachte That. Und Thaten sind 
es eben, die uns mangeln. 

Der gute Wille wird für sie genommen. Die Wiener haben von 
jeher viel geschwätzt und wenig vollbracht. Und VoUbringungea sind 



WIENER KUNST UND KUNSTKRITIK. 221 

die Erfordernisse einer neuen Kunst. Seit sie aus ihrer passiven Stellung 
im socialethischen Zeitstreben herausgetreten, hat sie aufgehört, bloss Ge- 
nussfactor zu sein. Kunst sollte man heute für Erlösung setzen. Darin 
läge das Geheimniss, und danach müsste man den Massstab für ihren 
inneren Werth finden. 

Die Wellen der Zeit haben uns von den Inseln stiller Beschau- 
lichkeit fortgespült, unser Auge ist lange kein bloss empfangendes 
mehr, wir wollen mit ihm nicht allein schauen, wir wollen mit ihm 
empfinden. Im Genuss eines Kunstwerkes Selbstgestalter sein können I 
Das ist der einzig gesunde Egoismus, der, den wir der Kunst gegen- 
über stellen. Wir wollen etwas für uns. Etwas Neues, etwas Befreiendes, 
Erlösendes! Wir brauchen eine Kunst, die Perspectiven in unbekannte, 
aber geahnte Welten eröffnet, eine Kunst, die über das Wohlgefallen 
des Auges hinaus ihren Einfluss nicht durch die Doctrine des Ge- 
dankens, sondern die Psyche der Empfindung übt. Wir wollen das 
Unausgesprochene seelisch aus uns selbst werden fühlen und so allmälig 
einer inneren Befreiung und Loslösung entgegenreifen von alledem, das 
mit den Entwicklungsphasen der letzten Cultur in uns erstorben ist. 
So ist die Kunst nicht Luxus, so ist sie Bedürfniss, und wir haben 
ein tieferes Recht an sie als den »guten Geschmack«. 

Und darin liegt die Bedeutung des modernen Künstlers, dass er 
zuerst ein moderner Mensch sei, das heisst, dass er keinen todten 
Ballast mit sich trage, dass er ein reiner Repräsentant der letzten 
Cultur sei in ihrer ganzen Hoheit. Dann erst wird er zum modernen 
Künstl'er, indem er das Räthselvolle einer Culturphase begreift, das 
das Selbstverständliche der nächsten sein wird. Darin liegt der grosse 
erlösende Zug, der sich nicht lehren, nicht predigen lässt, der nur 
in tiefgeheimen Empfindungen in uns aufgehen kann. 

Wenn man doch ein neues Wort fiir den Ausdruck »modern« 
finden möchte. Er ist so oft compromittirt worden, und auch heute 
wird er, gestützt auf die sprachetymologische Ableitung von dem 
Stammworte »Mode«, noch unausgesetzt missbraucht und missver- 
standen. 

»Mode« bedeutet den willkürlichen Wechsel, die »Moderne« aber 
ein unwillkürliches Wachsen; jene ändert sprunghaft ihre Formen, diese 
aber verkörpert Entwicklungen, deren einzelne Stadien nach den Ge- 
setzen einer gewissen Zielstrebigkeit nothwendig einander entwachsen 
— sie haben im Gegensatz zum Begriff der »Mode«, die im Aeusser- 
lichen, gleichsam in der Toilette der Dinge liegt, ihre Ausgangs&den 
bei tiefinnerlichen Ursachen, die ihre äusseren VVirkungen gebieterisch 
bedingen. So ist der moderne Künstler nicht der B r i n g e r, wohl aber 
der K und er einer neuen Cultur, die in seiner tieferen Empfänglich- 
keit ihre ersten Wurzeln schlägt. 

Immer mehr gewinnt denn auch die Kunst in Verbindung mit 
den menschlichen Erziehungsaufgaben an ethischer Bedeutung, immer 
inniger schmiegt sie sich* der Poesie an, dem einfachsten und form- 
losesten Ausdruck unseres Seelenlebens. 



222 WILHELM. 

Wie himmelweit, wie hinter anderen Bergen steht all dem 
unsere österreichische Kunst im grossen Ganzen gegenüber. Sie hat 
kaum einen Zug jener Grösse in sich, die die Stütze des künstleri- 
schen Subjectivismus bildet. Und mit ängstlicher Sorgsamkeit wird Alles 
von uns ferne gehalten, was unseren Horizont über den Kreis unserer 
heimischen Talentlosigkeiten hinaus erweitem könnte. 

Da bekam ich kürzlich ein Buch gesandt: Gedichte von Evers 
mit Zeichnungen von Fidus. Ein Blatt fesselte meinen Blick Es 
waren zwei bittend emporgehobene Hände, rührende Hände mit einer 
unsäglichen Schmerzhaftigkeit ineinander geschlungen. Ich habe »be- 
rühmte« Bilder aus dem Gedächtnisse verloren, die beiden Hände 
wollen mir nicht aus der Erinnenmg, ich sehe sie vor mir, bei 
Tag und bei Nacht. Sie gehören zu dem Mächtigsten, das die tiefe 
Symbolik unserer Kunst hervorgebracht. 

Ich zeigte sie dem Kunstkritiker eines angesehenen Blattes. Er 
fand nichts darin, als eine interessante Actstudie, und gestand »Fidus«, 
dessen Namen er zum erstenmale hörte, zu, dass er Talent 
besitze. Das ist der schroffe Gegensatz, mit dem unsere Aesthetik an 
die Schöpfungen der modernen Kunst herantritt, deren feine subtile 
Blüthen vor ihrer kühlen Ueberlegenheit fröstelnd zusammenschauem. 
Sie können nur unter dem warmen Odem einer leisen Liebe, einer 
künstlerischen Innigkeit gedeihen. 

Darum fort mit den Propheten der starren Unpersönlichkeit, fort 
mit der Toleranz in künstlerischen Dingen! Man sollte eine strenge 
Scheidewand errichten zwischen Malern und Künstlern. Jene wollen 
mit klingender Münze gezahlt sein, diese haben ein Anrecht auf eine 
tiefere Dankbarkeit. 

Darum sollte es Bilderausstellungen geben für Kauflustige und 
Kunsttempel für Geniessende. Das echte, grosse Kunstwerk sollte 
niemals verdammt werden, im Salon eines Vermögenden zu hängen, 
wo es seiner Aufgabe^ auf die Menge zu wirken, entzogen ist. 

Aber jenes greuliche Gemisch unserer Kunstausstellungen von 
künstlerischen Trieben und geschäftlicher Speculation ist entwürdigend. 

Man wird mir nun den sehr naheliegenden Einwurf machen, 
dass die Künstler ja leben und darum »leider!« auf den Geschmack 
des Publicums Rücksicht nehmen müssen. Auf die Gefahr hin, ge- 
steinigt zu werden, erkläre ich das für grundfalsch. Zur Kunst ist man 
berufen, aber sie ist kein Beruf, den man wählt und ergreift. 

Und wir haben ein gutes Recht, in Kunstausstellungen etwas 
Anderes zu suchen als Illustrationen des künstlerischen Kampfes ums 
Dasein. Dafür wären Kunstbazare eine passende Institution. Da könnte 
der Verkehr zwischen Maler und Publicum, Waare und Käufer prächtig 
vermittelt werden. 

Aber wir haben diesen Kunstbazar — wenn auch noch nicht in 
voller Reinheit — bereits in der Lothringerstrasse, ein Gemäldewaldren- 
haus, das mit den grossen Regungen unserer Zeit nichts zu thon hat. 



WIENER KUNST UND KUNSTKRITIK. 223 

Was im Aaslande an vornehmer, grosser Kunst geschaffen wurde, 
ist uns mehr oder weniger fremd geblieben, und eine neue Richtung 
hat man bei uns nur vorgeführt, wenn sich Gelegenheit bot, sie in 
einzelnen Extremen für alle Zeit zu compromittiren. Die Leitung der 
Künstlergenossenschaft wusste ganz gut, dass bei allem Neuen und 
Werdenden der Satz gilt: »Der Himmel schütze mich vor meinen 
Freunden«, und sie durchschaute wohl den lächerlichen Eindruck, 
welchen ein nachempfundener Individualismus machen musste, und gab 
darum einer Fluth von Schöpfungen Raum,^ die mit der modernen 
Kunst gar nichts gemein hatten und nichts darstellten als klägliche 
Versuche, durch Nachahmung der Aeusserlichkeiten unverstandener 
Vorbilder für künstlerische Originale genommen zu werden. So er- 
reichte man mit dem Graf sehen »Sancta simplicitas« den Zweck 
schlauer Abschreckungstheorie für lange Zeit hmaus. 

Für die stürmischeren Vertheidiger der neuen Ideale waren einige 
einmalige Abfertigungen, so die Menzel-, Klinger- und Dettmann-Aus- 
stellungen, berechnet, ohne dass man damit eine tiefere Absicht ver- 
folgte, als jene Schreier endlich zum Schweigen zu bringen. 

Auch wenn ein Künstler stirbt, werden die ihm bei Lebzeiten 
zurückgewiesenen Bilder zu einer reichhaltigen Auction gesammelt, um 
die Zurückgebliebenen vor Noth zu schützen. So müsste manche 
Künstlerfamilie den Ernährer verlieren, damit sie zu leben habe. 

Und Theodor v. Hörmann? 

Aber da fällt mir eben eine kleine Geschichte ein: »In den 
Palast eines reichen Mannes kam einst ein Armer, der um Aufnahme 
bat. Man hatte ihn schon von mehreren Häusern abgewiesen, und er 
war zu Tode erschöpft. Aber der Reiche wies ihn fort. Da brach der 
Arme auf der Schwelle zusammen und starb. Und siehe — da handelte 
der Reiche »edel«, er liess ihn in seinem Hause aufbahren und legte 

einen kostbaren Kranz auf seinen Sarg. Und die Kurzsichtigen 

und Schwachköpfigen priesen ihn. Aber die Armen alle, die er im 
Laufe der Jahre von der Schwelle gejagt hatte, schwiegen und wagten 
es nicht, zu widersprechen.« 

So sehen die Verdienste unserer Künstlergenossenschaft um die 
moderne Kunst aus. — 

Warum sehen wir fast nie einen Böcklin, nur hie und da 
einen Uhde, warum kennt man keine einzige Zeichnung von Fidus, 
nicht die Cartons von Sascha Schneider? Nur hie und da kommen 
die grossen Künstler auf spärliche Gastspielrollen, zu einsam, zu ver- 
einzelt, um bestimmend oder lenkend auf unsere Kunstbewegung ein- 
zuwirken. 

Das Verständniss für Offenbarungen tiefster Innerlichkeit, wie es 
z. B. die Kindergestalten des Fidus bedeuten, fehlt gänzlich. 

Uod doch hat der Stift dieses Künstlers zuerst ahnend ausge« 
sprochen, was auch der moderne Dichter bereits empfindet: die Psyche 
des Kindes, des halbreifen Wesens, die der nächsten Stufe unserer 
Cultur angehören wird. Was aber gibt unsere Kunst dagegen: »Aller- 



224 WILHELM. 

liebste« Putti aod bausbackige Engelsköpfchen, deren Darstellung nichts 
Anderes bedeutet als die Sinuenfreude an der runden, gesunden Leib- 
lichkeit, während es die Psyche des Kindes ist, in ihren blassen, feinen 
Regungen, ihren heimlichen Schmerzen, ihren scheuen Freuden, den 
zarten, zitternden Fäden ihrer Empfindung, was die Seele des mo- 
dernen Künstlers bewegt. Und wie ihre tiefe Reinheit in der unsäglich 
milden Menschlichkeit der Kunst des Fidus zum Ausdruck gelangt, so 
hat Max Klinger das Weib in den tiefen Wandlungen seiner Seele 
erfasst, als ein Künstlerphilosoph in der Welt des Sinnlichen, so Sascha 
Schneider die herbe Männlichkeit, ihr hohes Ringen und die blutige 
Verzweiflung ihrer gehemmten Kraft. 

Alles das geht unempfunden und unbeachtet an unserem Kunst- 
leben vorüber. Wieder und wieder das alte Schwelgen im Genre und 
Porträt, im Stillleben und Historienbild, den geläufigen Ausdrucksmitteln 
der künstlerischen Durchschnittsseele. So schaffen unsere Maler fort, 
ohne das sein zu wollen, was jene sind: echte Herzenskünder, Elnt- 
decker einer neuen Sinneswelt, jauchzende Freudtnbringer einer jungen 
Cultur. 

Dagegen wird die heimische Talentlosigkeit ängstlich gehütet und 
poussirt. Wer nur irgend welche Anlagen zu prätenziöserer Unfähig- 
keit besitzt, darf eines gewissen Anhanges sicher sein. Dabei muss dem 
Publicum zur steten Aufrechterhaltung des Interesses und der noth- 
wendigen Spannung von neuen Richtungen vorgegaukelt werden, von 
einer jungen Kunst, von Stürmern und Drängem, die denn auch that- 
sächlich in einigen Sonderexemplaren vorhanden sind. 

Leider ist ihr grosses Wollen meist von fast ebenso geringer Be- 
gabung unterstützt, und so. haben sie die beste Aussicht, zu geistigen 
Führern emporgehoben zu werden, und erscheinen wenigstens in der 
Farbenmischung zu umwälzenden Neuerungen berufen. Wenn sie nun 
noch gesellschaftliche Talente aller Art mit ihren künstlerischen Ideal- 
zwecken verbinden, so können selbst die überraschendsten Beweise ihrer 
künstlerischen Unpersönlichkeit sie nicht vor einer beneidenswerthen 
Carri^rre beschützen. Dabei klagen sie beim Champagner über das 
traurige Stagniren unserer Kunstverhältnisse, belächeln Den oder Jenen 
mitleidig wegen seiner veralteten Anschauungen und rufen dabei un- 
ausgesetzt nach den Messiasjüngem der neuen Kunst. Und in dieser 
seltsamen Theorie gleichen sie dem Diebe, der, um nicht erwischt zu 
werden, im Laufen fortwährend schrie : «Haltet den Dieb, haltet den Dieb 1« 

Eine sehr beliebte und stets opportune Klage ist auch die — die 
Regierung unterstütze die Kunst zu wenig. Uns scheint, noch viel zu 
viel. Sie kann gar nicht wenig genug von dieser Seite unterstützt 
werden, damit sie endlich das werden könne, was sie sein sollte — 
eine freie Demokratini 

Aber die meisten unserer Künstler wollen keine self-made-men 
sein, sie wollen lieber bequem zur Höhe ihrer Künstlerschaft empor- 
protegirt werden, und ein verliehener Franz Josefs-Orden entschädigt 
sie reichlich für das bescheidenere Glück innerer Befriedigimg. 



WIENER KUNST UND KUNSTKRITIK. 225 

Daneben sind sie aber die eifrigen Hüter geistiger Vornehmheit, 
sie hassen die Reclame — welche ein Anderer macht — besonders 
aber dann, wenn sie Gefahr läuft, zu einem ehrlichen künstlerischen 
Erfolg zu fuhren. Die im vorigen Jahre aus diesem Grund erfolgte Zurück- 
weisung des Ferraris'schen Kaiserbildes ist vom künstlerischen Standpunkte 
aus allerdings weniger bedauemswerth als die jüngste Refusirung, welche 
zwei interessante Porträts eines jungen Mailänder Künstlers betraf, dessen 
origineller Verismus auf der letzten Ausstellung den gestrengen Hütern 
der k. k. akademischen Langweile bereits zu viel Aufsehen erregte. 
Und in derselben Form wurde auch eine hervorragende Landschafterin, als 
sie von den Modernen segensreiche Anregungen empfangen hatte, in 
die Schranken einer der Wiener Künstlergenossenschaft geläufigeren 
Naturwahrheit zurückgewiesen. 

Aber mit den Künstlern zugleich fordert die Kunstkritik Arm in 
Arm das kommende Jahrhundert in die Schranken. Hier müssen wir 
mehrere Kategorien unterscheiden. Die Einen, welche weder etwas von 
Kunst verstehen, noch schreiben können, und Jene, welche leider — 
journalistische Gewandtheit besitzen. 

So ist die Unfähigkeit eines in Verständnisslosigkeit ergrauten 
Wiener Kunstreferenten, den sein Alter nicht vor den effectvoUsten 
kritischen Thorheiten schützte, beinahe sprichwörtlich geworden. Hier- 
auf müssen jene »Selbstmaler« in Betracht gezogen werden, welche 
die Ueberlegenheit über ihre CoUegen wirksamer mit der Feder 
als mit dem Pinsel erweisen, und als beachtenswertheste, weil gefahr- 
lichste Kategorie die schönen Stylisten, die Muther- Schüler, welche bei 
der »Menge« als »Kenner« gelten, weil ihr Urtheü sich mit dem des 
Laienpublicums deckt, das in dieser Uebereinstimmung natürlich die 
Fähigkeit des Kritikers, nicht aber die eigene Urtheilslosigkeit er- 
blickt. Als ob der Kritiker dem Leser nicht gerade das zu sagen hätte, 
was er sich »nicht selbst auch dabei gedacht hat«, sondern das, was 
ihm entgangen, wofür ihm die Tiefe der Erkenntniss fehlte, wozu er 
erst erzogen werden muss. 

Man missverstehe mich nicht! 

Ich verehre und bewundere Muther, diesen Heine der Kunst- 
geschichte. Aber wie er in seiner hochragenden und eigenartigen 
Individualität dem grossen Dichter gleicht, hat er mit diesem auch den 
weitestgehenden und geflihrlichsten Einfluss auf eine junge Generation 
gemein. Seit Muther schreibt Alles über Kunst. Die blendende Ge- 
wandtheit seines Styls, die ausserordentlich poetische und sensible Art 
seiner Schilderung Hess die Tiefe seiner Erkenntnisse übersehen und zog 
jene Richtung der Kunstkritik gross, welche die nothwendigen Elemente 
künstlerischen Verständnisses zu ersetzen weiss durch die literarische 
Ausdrucksfähigkeit der allgemeinen Intelligenz. Das scheinbar »Ueber- 
zeugende« in diesen Darstellungen ist das Gefährliche, es gleicht einem 
plastisch bemalten Vorhang, den ' die Naivetät des Publicums schon 
für die Analyse des aufzuführenden Stückes nimmt. 



226 WILHELM. 

Aber wie bei den Künstlern hört man auch bei den Kritikern 
die berühmten Schlagworte der Modernen, flattert auch hier ab und 
zu ein hofinungsvolles Wort auf von neuen Thaten und neuer Kunst! 

Doch leider wird keines dieser vielverheissenden Worte nur halb 
so eifrig colportirt, als irgend eine neue Variante des neuesten Wiener 
Witzblödsinns : »In welchem Satze kommt das vor ....?« 

Und so sei uns denn gestattet, dem allgemeinen Bedürfniss nach 
solcher geistiger Nahrung Rechnung tragend, das reiche Repertoire 
dieses Witzgenres um ein bescheidenes Exemplar zu vermehren: In 
welchem Satze kommt der Name Muther vor? — 

In der Frage, die man an manchen Wiener Kunstkritiker richten 
sollte: »Wo nehmen Sie den Mut her, über Kunst zu schreiben?« 



GESPENSTER IM MENSCHEN. 
(Henrik Ibsen, »John Gabriel Borkman«.) 

Von Franz SeRVAES (Berlin). 

Zuweilen, wenn wir mit einem Menschen sprechen — vielleicht 
lachen, wir ihn gerade harmlos an und blasen den Dampf unserer Cigarette 
weg — überrascht uns plötzlich in seinem Gesicht irgend eine Linie, 
die wir niemals bemerkt haben, die jetzt plötzlich auftaucht und rasch 
wieder verschwindet, imd die doch einen Eindruck in uns hinterlässt, 
der dem Schrecken nahekommt. Wir bezwingen uns aufs Aeusserste, 
damit der Andere nur ja nichts merke von unserer jähen Gemüths- 
bewegung. Aber wir lauem unaufhörlich, ob der Zug nicht wieder- 
kehren will, der unwillkürliche, verrätherische, der mit einemmale das 
verborgene Gewebe einer ganzen Innenwelt vor uns blosszulegen schien. 
Aber wir lauem und lungern meist vergebens. Gespenster sind scheu. 
Unentwirrbarer Zufall ist's, wenn sie sich einmal ans Tageslicht hinaus- 
gewagt haben. Und schnell verkriechen sie sich wieder und hocken 
und kleben im verkrümmten Winkel ihrer dumpfigen Dämmerhöhle. 
Dort aber sitzen sie und wissen, dass sie die Herren sind, über 
die Menschen sowohl als über der Menschen Werke und der Menschen 
Schicksale. 

»Es muss diese Geisterwelt geben,« so sagt auch Willy Pastor 
in seinem tiefangelegten Romanessay »Der Andere«. »Wir Menschen 
dünken uns stolz, wenn wir den Fluss eindämmen und die Kraft ab- 
schöpfen von iseinen Fällen. Aber Wesen gibt es, unsichtbar und doch 
fühlbar, die schöpfen ab von uns, was wir thun und denken. Wenn 
wir Wege bauen oder philosophische Gedanken denken, bauen und 
denken wir, weil sie es so wollen. Nichts, nichts ist freiwillig, was 
wir ausüben. Und wenn böse Dämonen uns fingen, was hilft es, dass 
wir gut sind ? Wir -sind doch so wehrlos gegen sie wie ein Thier inr 
Käfig.« 

Hier sind die Geister allerdings als etwas gefasst, das gewisser- 
massen ausserhalb unser existirt, das nur von Zeit zu Zeit einmal, 
gleichsam im Vorübergehen, uns berührt und dann heilsam oder schäd- 
lich auf uns einwirkt. In diesem Sinne steckt die ganze Umwelt voller 
Geister, die unausgesetzt an uns saugen, unausgesetzt an uns bauen 
und auf Millionen geheimer Porenwege in uns eindringen. Doch auch 
in uns selber wohnt etwas Gespenstisches, gerade so unfassbar, gerade 



228 SERVAES. 

SO UDbekannt und gerade so mächtig wie alle die Geister, die uns von 
aussen umirren. Wir tragen es in uns und wissen es nicht. Aber blind 
und unbedingt müssen wir ihm gehorchen. Es ist in uns lebendig als 
Urinstinct, als intimster Lebensimpuls. Es hat nichts vor sich als seine 
Aufgabe. Und der wird es unter allen Umständen gerecht. Es irrt nie. 
Es geht mit elementarer Macht und Sicherheit seinen Weg. Ob die 
Maschine darüber zugrunde geht, ob sie Schaden leidet oder reparirt 
wird, ob sie mit heisser Dampfkraft arbeitet oder von frühem Rost zer- 
nagt wird, oder ob sie vielleicht Herrliches zuwege bringt, das der ganzen 
Menschheit rings ein Staunen und ein Labsal wird, die gespenstische 
Natiirkraft in uns, die Niemand sieht und Niemand kennt, sie bleibt 
unwandelbar dieselbe, unzerstörbar und unveränderlich, ewig gleich- 
müthig, des »Glücks« und des »Unglücks« völlig unkundig. 

Aber das Gespenst, wie gesagt, liegt ganz still in uns, is( lautlos 
und unmerkbar bei der Arbeit. Wir selber spüren fast die ganze Zeit 
unseres Lebens nicht das Mindeste von ihm. Wir stehen nur ganz 
schlicht in seinen Diensten. Aber dabei fiihlen wir uns oft froh und 
stark, als unsere eigenen Herren, und sind stolz auf die Werke, die 
»wir« vollbringen. Noch weniger kennen wir die Gespenster der 
Anderen. Wir suchen sie nicht und wissen nichts von ihnen. Aber 
unablässig kämpfen wir mit ihnen, als mit unsichtbaren Gegnern. Doch 
auch dies kommt uns kaum je zum Bewusstsein. Meist freuen wir uns 
über die charmanten Kerle, die das Sckicksal uns mit auf den Lebens- 
weg gegeben hat und die wir unsere Brüder und unsere Freunde 
nennen. Wir finden, dass es ausserordentlich belustigend ist, mit ihnen 
zu plaudern und zu lachen, Bier zu trinken und spazieren zu gehen. 
W^ie fremd sie uns im tiefsten Grunde sind, darüber täuschen wir uns 
im blinden Lebensdrange leichtfertig hinweg. Bis dann unversehens 
einer jener erschreckenden Momente kommt, wo das Gespenst unseres 
Freundes uns aus einem Augenwinkel oder einem Mundeslächeln droheiid 
anblinzelt und wir dann verstummen und plötzlich so feierlich-ernst, 
so nachdenklich-inunsgekehrt werden . . . 

Dann raunt das Gespenst in uns selber: »Sahst du, sahst du 
das fremde Gespenst? Hüte dich, mein Lieber, aufs Strengste hüte 
dich!« Denn die Gespenster sind einander feind. Sie ringen alle mit- 
einander um die Macht und liegen in erbittertem Kampf wider ein- 
ander, so lange sie an das zerbrechliche Gehäuse gefesselt sind, das 
wir unser menschliches Ich nennen. Erst wenn sie davon frei sind, 
fliessen sie jauchzend in den unermesslichen Weltäther und wissen 
iiichts mehr von Hader und Machtbegehr. 

Und nun frage ich euch, nachdem ihr also vorbereitet seid: 
Laset ihr schon das neueste Drama von Henrik Ibsen, den »John 
Gabriel Borkman«? Die deutsche Originalausgabe (mehr original 
als deutsch, wie ich leider bekennen mussl) erschien kürzlich in 
München bei Albert Langen. Niemals habe ich etwas gelesen, selbst 
bei Ibsen nicht, das dermassen hinter dem Menschen das Gespenst 



GESPENSTER IM MENSCHEN. 22i^ 

uns erscheinen liessc. Ja, der Mensch zergeht schliesslich und zerfallt, 
und nur das Gespenst oder die Gespenster fuhren das Wort. Was 
werden da diejenigen sagen, die immer noch gewohnt sind, im 
nordischen Meister den grossen »Charakteristiker«, wohl gar den 
»Realisten« zu preisen? 

Ihr wisst, eines seiner Dramen fdhrt den Titel »Gespenster«. 
Darin hat er zuerst jene Entdeckung gemacht, die ihn nun nicht mehr 
loslässt, oder sie trat ihm doch damals zum erstenmal mit voller 
Klarheit und Schärfe ins Bewusstsein. »Wir schleppen etwas mit uns 
herum, das nicht von uns ist,« so lautete damals die Erkenntniss, 
»etwas geheimnissvoll Ererbtes, das unabhängig von unserem Wollen 
und Wissen unser Schicksal schmiedet mit räthselhaft furchtbaren 
Hammerschlägen.« Seitdem sahen wir hinter den Ibsen'schen Menschen 
immer schattenhaft etwas wandeln, und manchmal schlugen die Schatten 
über den Menschen zusammen und machten sie nebelhaft und undurch- 
dringlich. Wohl sprachen diese Menschen noch und bewegten sich wie 
die Menschen des Alltags. Aber was sie thaten, was sie wollten, das 
war nicht mehr von dieser Welt. Auf einfältige Gemüther machte das 
einen Eindruck, als ob die Ibsen'schen Menschen alle wahnsinnig 
wären — weil das Aussenmenschliche so beängstigend dahinschwand 
und das Innenmenschliche, Gesi^enstische aus ihnen heraustrat. Der 
Eindruck dieser Leute zeugte zwar von etwas Beschränktheit, war aber 
keineswegs unvernünftig. Denn darin besteht ja zumeist der Wahnsina 
des Menschen, dass das Gespenst die wehrenden Aussenschranken 
durchbricht und mit enthüllter Larve der W^lt ins Gesicht grinst. Nur 
hatten jene Leute nicht bedacht, dass der Dichter gegenüber dem 
Leben seine besonderen Rechte hat, und dass er mit wohlbedachter 
Intuition wohl auch einmal jenen Schleier lüften darf, den sonst Ver- 
nunft und Sitte niederhalten und den erst die Trunkenheit und der 
Wahnsinn wegzuzerren belieben. Freilich zeigte uns Ibsen weder 
Trunkenheit noch Wahnsinn, er »zerrte« auch den Schleier nicht weg 
— er liess ihn nur langsam, langsam verdunsten. Immer glaubten wir 
noch den Alltag vor uns zu sehen, mit seiner heuchlerischen, trüge- 
rischen Deutlichkeit, und doch hatte sich unmerklich ein Geistertag 
entwirkt, und in seinem geheimnissvollen Duste lag gross und ernst, 
in gespenstischer Nacktheit die — Wahrheit. Da machten wohl Viele 
die Augen zu und sagten, dass sie nichts mehr sehen könnten. Und 
sie sahen auch nichts. Denn die Gespenster — blieben ihnen un: 
sichtbar. 

Das ist es, wodurch Ibsen uns im Anfange regelmässig täuscht 
(oder doch zu täuschen versucht), dass er die Mittel jener realistischen 
Kleinkunst, die er sich für eine frühere Phase erworben hatte, ausser- 
lieh im Ganzen beibehält. Da sind der Ton des Lebens, die be- 
obachtungs- und nuancenreiche Charakteristik, die genau berechnete 
Wahrscheinlichkeit der äusseren Umstände, die sorglich motivirte 
Schiebung der Handlung, das ungezwungene Kommen und Gehen der 



230 SERVAES. 

Personen und all die vielen kleinen Regisseurkünste, durch die man den 
Zuschauer in Illusion hält, all diese Dinge sind nach wie vor aufs Pein- 
lichste beachtet und mit rafünirtem Aufwand technischer Mittel vor- 
gebracht. Auf diese rein artistische Meisterschaft will Ibsen auch da 
nicht Verzicht leisten, wo er ihrer eigentlich nicht mehr bedarf. Er 
will niemals vergessen machen und auch vor sich selber nicht ver- 
gessen, dass er »vom Handwerke ist, und wie viel er uns auch mag 
andeuten und zeigen wollen hinter den Dingen — die Dinge selbst 
setzt er doch stets klar und scharf in voller Tagesbeleuchtung vor 
uns hin, und dann erst mag in Gottesnamen der Geistertanz beginnen 
um die Dinge herum, und die Dinge hinten nach alle miteinander über 
den Haufen werfen. 

Die Personen in Ibsen's neuestem Drama traten uns entg^en 
als gute tüchtige Menschen, die vielleicht etwas schrullenhaft sind und 
nicht immer freundlich, die aber doch alle von wackeren redlichen 
Absichten erfüllt sind und der Menschheit dienen wollen auf ihre 
Art. Sie gehören der guten Gesellschaft an und haben jedenfalls nicht 
die Tendenz, sich principiell wider die herrschenden Satzungen auf- 
zulehnen. Trotzdem thun sie im Verborgenen und, wenn es sein 
muss, auch offenkundig allerhand, das wider diese Satzungen verstösst, 
und Einer ist darüber zu Fall gekommen. Das war vor vielen Jahren 
schon, und damals wurde der Bankdircctor Borkman gefänglich ein- 
gezogen, weil er sich an den ihm anvertrauten Depots vergriffen hatte. 
Jetzt ist er schon acht Jahre aus dem Gefängniss heraus, und er steht 
vor uns als ein würdiger alter Herr in schwarzem Rock und mit 
weisser Cravatte. Freüich, er lebt ein völlig einsames Leben, aber er 
hat in seinem Geist noch keineswegs mit der Menschheit da draussen 
abgeschlossen. Er glaubt fest daran, dass diejenigen, die ihn früher 
gebraucht haben, ihn auch jetzt noch brauchen und dass sie eines 
Tages zu ihm kommen werden, um ihn aufs Neue an die Spitze 
der Bank zu berufen, gleichwie einen entlassenen Wallenstein oder ge- 
stürzten Napoleon an die Spitze des nur von ihm zu befehligenden 
Heeres. 

Das ist natürlich ein Wahn. Es ist eine Construction von Leben, 
die nur ihm gehört. In Wirklichkeit denkt Niemand daran, ihn zurück- 
zuberufen. Er selbst aber, Borkman, könnte ohne diesen Wahn nicht 
leben. Es ist das Gespenst in ihm, das diesen Wahn unterhält, sein 
unbezwinglicher, unauslöschlicher Machtwille. Der ist sein Lebenselement, 
das alles Uebrige sich unterwerfen muss, das Alles niedertritt, aber auch 
Alles zu ertragen weiss, so lange die Illusion einer unumschränkten 
Machtfülle noch lebendig bleibt. Bei Borkman wächst sich das Gespenst 
zum Dämon aus, der der ganzen Persönlichkeit etwas Fascinirendes, 
Berückendes gibt. Und dieser Dämon führte den Menschen empor zur 
schwindelnden Höhe, um ihn dann kaltherzig herunterstürzen zu lassen. 
Aber selbst im Sturze machte er den Menschen noch gewaltig, und in 
der Erniedrigung machte er ihn hoheitsvoll. 



GESPENSTER IM MENSCHEN. 2^ l 

So ist Boikman eine HerreDnatur und eine Verbrechematur. Aber 
so, wie er ist, ist er durch und durch vor sich selber (und dem- 
nach auch vor uns) gerechtfertigt. Als Bergmannssohn empfing er die 
Suggestion der Machtbegier, schon da er als Knabe »des Goldes 
schlummernde Geister« sich umflüstem hörte, da er den Ton des ge- 
fesselten £rzes vernahm, wie es vor Freude und Sehnsucht sang. »£s 
will hinauf ans Tageslicht und den Menschen dienen« : das erkannte 
er bei sich. Und er beschloss, diesen Menschheitsdienst des Goldes zur 
Wirklichkeit zu machen, alles Gold, alle Schätze in seiner Hand zu ver- 
sammeln, um damit unter Menschen Glück zu gründen. Also erging an 
ihn der Wille seines Dämons, dawider es keine Auflehn^ng noch Ab- 
irrung gab. 

Aber kann der Träger eines solchen Dämons sich ausleben in 
uns, einer überall verclausulirten Welt, die auf wechselseitige Abhängig- 
keiten gegründet ist? Musste dieser Herrenmensch nicht zum Ver-. 
brecher, und musste dieser Verbrecher nicht geknechtet werden ? Trägt 
nicht jeder Heros mit Nothwendigkeit seine Tragödie in sich? Auch 
Borkman konnte seinem Schicksal nicht entgehen. 

Er wird zum Verbrecher in doppelter Weise. Das Geringere ist, 
dass er sich wider das Gesetz verging. Denn das that er nicht, um 
Andere zu schädigen. Hätte man ihn gewähren, hätte man ihn seine 
Operationen zu Ende fuhren lassen, es hätte wohl Niemand um ihn 
leiden müssen, Alle hätte er vielleicht reicher und mächtiger gemacht. 
Aber das kleinere Vergehen war nur eine Folge des grösseren, eines 
Verbrechens wider die Natur, wider das Schicksal. Er war zum Mörder 
geworden am Liebesleben eines Weibes, und auch sein eigenes Liebes- 
leben hatte er damit gemordet. Doch auch da erfüllte er nur den Willen 
seines Dämons. Er opferte die Begierde nach dem Weib der höheren 
Begierde nach der Macht. Er überliess das Weib einem Anderen, der 
ihm dafür die Macht zuschlug. Aber das Weib schlug den Andern aus, 
widersetzte sich all dessen Bewerbungen. Da ergrimmte der Andre, 
und weü er den ehemaligen Liebhaber an seinem Missgeschick schuldig 
wähnte, überlieferte er diesen, um dessen Gesetzesverletzungen er wasste, 
der irdischen Gerechtigkeit. 

Das Weib, das Borkman geliebt hatte, war Ella Rentheim, und 
deren Zwillingsschwester, die stolze Gunhild, führte er statt ihrer zum 
Altar. Zwei neue Menschen und zwei neue Gespenster treten mit den 
feindlichen Zwillingsschwestem auf den Schauplatz. 

Es ist dieser beiden Weiber Schicksal, dass sie überall im Leben 
den Platz sich müssen streitig machen. Die Eine sucht unablässig der 
Anderen die Lebenslust abzuschneiden. Das ist so vom Urbeginn in 
sie hineingele^. Wo die Eine ist, da ist die Andere zu viel. 

Schon im Charakter sind sie vollendete Gegensätze. Ella ist das 
Weib, wie jeder Mann es lieben möchte, von dem es eine Wonne sein 
musste, Kinder zu besitzen. Aber so viel sie begehrt wurde, was Liebe 
heisst, hat sie nie erfahren, und ein eigenes Kind hat sie nie auf ihrem 



2^2 SiBRVAES. 

Schosse gewiegt. Gunhild daj^egen ist eine herrische und spröde Natur, 
selbstsüchtig und ehrgeizig« Vor solchen Weibern pflegt der Mann einen 
weiten Bogen zu macheu. Aber gerade sie erobert sich den John Gabriel 
Borkman und gebärt ihm auch ein Kind, Erhard, ihren Sohn. 

Gunhild liebt in Borkman nur sich selbst und ihre machtvolle 
Stellung. Ella aber liebte den Menschen. Als daher Borkman ins Ge- 
fangniss muss, da empfindet Gunhild die Schmach und Ella das Un- 
glück. Für Gunhild ist Borkman seitdem todt, und in ihrem Sohne 
Erhard sieht sie bloss den, der den geschändeten Namen dereinst zu 
neuem Glänze erheben soll. Ella dagegen trauert um den Gefallenen, 
und seinen Sohn nimmt sie zu sich, weil sie den Vater in ihm liebt, 
und weil sie ihm das menschlich-warme Glück bereiten möchte, dessen 
Jener verlustig ging. 

So entbrennt denn um Erhard aufs Neue der Kampf der Zwillings- 
Schwestern. Jede will ihn für sich besitzen ; denn jede glaubt, Anspruch 
auf ihn zu haben, und jede verfolgt mit ihm ihre besonderen Zwecke. 
Bei der Einen ist es das natürliche, bei der Andren das unterdrückte, 
(las betrogene Muttergefühl, das sich an Erhart anklammert als an 
das kostbarste Besitzthum. 

Aber es ist der Kampf zweier Gespenster — um ein Gespenst. 

Jede der beiden Frauen folgt ihrem gebieterischen, uncontrolir- 
baren Lebensimpuls. Jede sieht in Erhard, was ihre Wünsche ihr zu- 
flüstern. Aber Erhard ist weder das eine, noch das andere, noch auch 
das, als was der Vater ihn möchte, als seinen Gehilfen für einen zweiten 
Erobererzug ins Leben. So hat keiner von diesen Dreien Macht über 
JuDg-Erhards Lebensschicksal. 

Aber auch Erhard selbst hat nicht diese Macht. Der Sprosse 
zweier Herrennaturen, die sich freilich kalt gegenüberstanden, ist selber 
eine Weibematur, die überall Anlehnung sucht, am meisten aber dort, 
nicht wo ihm der Ruhm und die Ehre, sondern wo ihm Genuss und 
Sinnenfreude winken. Man hat ihm eine Lebensaufgabe, eine » Mission c 
gar aufbürden wollen. Er selbst aber will »leben, leben, lebenc. So 
spricht aus ihm sein gespenstischer Urtrieb. 

Und so ist es denn eine Andere, die Macht Über ihn gewinnt, 
und der er bedingungslos folgt. Eine blühende, sprühende Abenteurerin, 
die Verkörperung schwillender, quülender Lebenslust. Und diese ent- 
führt ihn dann, eine spukhafte, übermächtige Hypnotiseuse. Auf einem 
Schlitten fahrt er mit ihr davon, mitten in der Nacht. Den Andren 
entwich damit Jugend und TrauuL 

Und trauernd stehen sie und blicken hinter ihnen drein. In John 
Gabriel aber erwacht der alte Königs- und Eroberergeist. Gerade jetzt, 
wo er allein ist und ganz vereinsamt, treibt ihn sein Dämon hinaus, 
mitten in den Winter und hohen Schnee, mit trügerischer Fata Morgana 
winkender Machtfülle. Aber der alte Mann, der nur die GefÜngniss- und 
Stubenluft noch gewohnt war, draussen, wo der scharfe Wind der 
Wirklichkeit weht, da versagt ihm jetzt die Kraft seiner Lungen. Eine 



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GESPENSTER IM MENSCHEN. 233 

eisige Erzhand packt ihn ums Herz, und miter ihrem GrifT bricht ex 
zusanmien. Das war zum letztenmal sein DImon. Da hat er ihn ge- 
tödtet. 

Die beiden Zwillingsschwestem, die jetzt nichts mehr haben, um 
das sie den Daseinsraum sich streitig machen können, sie reichen sich 
jetzt schweigend die Hände — »zwei Schatten über einem Todtenc. 

Die Gespensterschlacht ist aus . . . Hier wurden nur die 

allgemeinsten Züge reproducirt. Es liesse sich noch weit intimer und 
vielßUtiger den Gespenstern der Puls fühlen, noch ein höchst inter- 
essantes Nebenspiel von Parallelen und Contrasten sich aufdecken, das 
Borkman's Jugendfreund Foldal und dessen Tochter Frida betrifft. Es 
sei indess genug. Jeder, der das Stück aufmerksam liest, wird sich jetzt 
das Nöthige selber sagen können. 

Ein Allgemeines nur sei noch bemerkt. 

Das betriffi die Umwandlung der Gespenster im Menschen, wie 
sie sich vollzogen hat seit den alten mythischen Zeiten bis in unsere 
verspiessbürgerlichte Gegenwart. Von dieser Gegenwart vermag Ibsen 
sich nicht mehr völlig freizumachen, und so bleibt denn der merk- 
würdige Charakterzug, dass seme Gespenster diesen Hauch von Spiess- 
bürgerlichkeit haben. Sie befinden sich, darwinistisch geredet, im Zu- 
stande der Domestikation. Sie smd brave Hausthiere geworden, die 
Pfote reichen und possierlich zu niesen wissen. Und sie verhalten sich 
meist zurückgezogen in der Ofenecke, wo sie bald behaglich schnurren, 
bald missvergnügt knurren. Nur ganz selten flackert etwas in ihnen 
hoch von ihrer alten, prachtvollen Wildheit — eben dann, wann aus 
dem Gespenste der Dämon hervorkriecht, wann aus dem kleinlichen 
Getriebe der Eifersüchteleien und der Ränke ein grosser, gebieterischer 
Wille zur Macht emporbricht, wie zuweilen beim »John Gabriel«, dieser 
geknickten Königsbestie. 

Aber der Machtwille ist es gerade, dessen Tragödie wir erleben. 
Die Mikrobenzucht der Spiessbürgerwelt zernagt ihm Sehnen und Lungen. 
Das Machtgespenst des Mannes ringt vergeblich mit dem MoraUtäts- 
gespenst des Weibes. Jene Zeiten sind vorüber, wo man lachend Menschen- 
glück niedertreten konnte, um eines erhabenen, nie von der Menge be- 
griffenen Gedankens willen. Fort und fort umlauert die Menge den Grossen, 
verlangt auf Schritt und Tritt von ihm, dass er Rechenschaft ablege, 
dass er für sein kleinstes Thun und Lassen sich verantworte, nicht nach 
den Gesetzen des Grossen, sondern nach denen der Menge. 

Denn woraus setzt sich die Menge zusammen? 

Auch wieder aus Menschen, aus neuen Lebendigen, die alle ihr 
eigenes Dasein für ebenso wichtig halten wie jedes andere, die sich 
gleichfalls nach ihren eingeborenen Gesetzen entwickeln und ihre indi- 
viduelle Glückseligkeit erlangen wollen. Und gerade hier ist es am 
meisten, wo das Weib dem Mann entgegentritt, wo eine Ella Rentheim 
sich unter den Sichelwagen des königlich einherdonnemden Siegers 
wirft, wohl wissend, dass der Sieger über diese Leiche nie wird hinweg 
können. 

z8 



234 SERVAES. 

Und so stürzte denn John Gabriel Borkman über Ella Rentheim, 
über das Weib, das er geliebt bat, weil ihm Frauenliebe nicht das 
Höchste zu sein vermochte im Leben, weil er wusste, dass seine männ- 
lichen Ziele, so hart ihre Erlangung war, doch dereinst der Menschheit 
herrlichere Früchte versprachen. 

»Du hast das Liebesleben in mir getödtet»« sagt Ella Rentheim 
zu Borkman, »und das ist die grosse, geheimnissvolle Sünde, für die es 
keine Vergebung gibt. « 

Und was erwidert Borkman darauf? 

Kalt und ruhig gibt er zur Antwort: 

»Du bist ein Weib, Ella ... du darfst aber nicht vergessen, dass 
ich ein Mann bin.c 



DIE THEATERCENSUR IN ÖSTERREICH. 

Von Dr. MAXIMILIAN StIGLITZ (Wien). 

Max Halbe feiert jetzt einen seltenen Triumph; selten in seiner 
Ursache und selten in seiner Veranlassung. Die Ursache seines Triumphes 
ist seine »Jugend«, die mit überraschender Geschwindigkeit in den 
Bücher- und Bühnenschatz des deutschen Volkes überging, die Ver- 
anlassung das rein locale Verbot ihrer AuflUhrung. 

Es ist nicht wahr, dass die österreichische Regierung die Auf- 
führung von Halbe's »Jugend« ganz verbot. Wer das behauptet, irrt 
Im Gegentheily die Herren Badeni und Kielmansegg haben die 
Aufführung der »Jugend« ausdrücklich gestattet. Aber allerdings nur 
in der Bukowina. 

Allem Anschein nach wurde Halbe's »Jugend« für Czemowitz 
reservirt, um all die stacheligen Wiener Literaten zum Pilgerzug 
nach dem Hinterland von Badeni's Mutterprovinz zu zwingen, auf dass 
sie sich in östlicher Cultur von westlichen Schlacken reinigten. Viel- 
leicht war da durch die Massenbeförderung Wiener Volkes nach Czemo- 
witz auch den nothleidenden galizischen Staatsbahnen auf leichte Weise 
aufzuhelfen. Also zwei Fliegen auf einen Schlag! Max Halbe's zweiter 
Triumph besteht darin: Er wird ein Mittel zur Hebung des Fremden- 
verkehrs nach dem Lande, in welchem sich Graf Kielmansegg seine 
ersten bezirkshauptmännlichen Sporen verdiente. Und er weist uns 
schliesslich auch die Geistesrichtung der Herren Badeni und Kiel- 
mansegg — die halbasiatische. 

Allein die Sache hat noch eine andere Seite, welche die Schrift- 
steller, die mit solcher Bevorzugung ihrer Dichtungen nicht einver- 
standen sind, und das Volk, welches zu emer Urlaubsreise nach Halb- 
asien kein Geld und keine Zeit hat, ernstlich in ihren vitalsten geistigen 
Interessen berührt. Und darum haben die Schriftsteller und die breiten 
Volksschichten sich kürzlich in mehreren Versammlungen gegen diese 
neueste Methode von Cultureinimpfung heftig ausgesprochen. Die Praxis 
der heutigen Theatercensur kam dabei recht übel weg, und die öffentlich 
rechtliche Basis derselben erfuhr eine vernichtende Kritik. 

Die öffentlich rechtliche Basis? Eigentlich hat die Theatercensur 
nach den Gesetzen, die heute in Oesterreich in Geltung stehen, über- 
haupt keine staatsrechtliche Grundlage mehr; sie würde längst nicht 
mehr ihr anrüchiges Gewerbe ausüben, würden in Oesterreich die Ge- 
setze nicht bloss zu dem Zweck erlassen, um von dem Theoretiker 
studirt und von dem Praktiker ignorirt zu werden. Das Recht auf das 
freie Wort und die freie Schrift ist nach langen, oft blutigen Kämpfen 

x8* 



236 STIGUTZ. 

errungen worden, den Oesterreicher aber hindert die gemiitfaliche, leicht- 
blütige Natur, es täglich neu zu erwerben, um es täglich neu zu be- 
sitzen. So lässt er sich nach und nach aus seinen wichtigsten öffent- 
lichen Rechten depossediren, und erst lange nach ihrem Fetischen 
Verlust erinnert er sich daran, dass er sie einst gehabt. In unsere 
heutige Zeit des papiemen Rechtes auf freie Meinungsäusserung ragt 
die Theatercensur wie ein erratischer Block aus der Vergangenheit des 
absolutistischen Regimes. Sie ist ebenso ein Ausfluss des Absolutismus, 
wie die Machtbefugniss des Staatsanwaltes, ein Buch, eine Schrift oder 
eine Zeitung zu confisciren, oder wie das »Rechte der Regierung, zu 
jeder Versammlung, mag sie welchen Zweck oder welche Tagesordnung 
immer haben, einen Vertreter zu entsenden, der den Redner willkür- 
lich unterbrechen und die Versammlung willkürlich auflösen darf. Der 
Unterschied liegt nur in der Wirkung. Wenn der R^erungsvertreter 
in einer Versammlung den Redner unterbricht, so hindert er ihn 
dadurch, ein ihm selbst noch unbekanntes »Verbrechenc zu begdien; 
wenn aber die Regierungsgewalt ein Buch oder eine Zeitung confiscirt, 
so hindert sie die Verbreitung eines bereits begangenen » Ver- 
brechens c Bei einer dramatischen Dichtung jedoch verlegt sie sich 
gewöhnlich aufs > Handeln c Ist der dramatische Dichter mit der 
Streichung seiner geschriebenen »Verbrechenc einverstanden, so mag 
das Stück gespielt werden. Einen gewaltigen, aufreibenden Kampf muss 
der Dichter um jedes Werk mit der Regierungsgewalt bestehen, einen 
ungleichen Kampf, der meist mit seiner Niederlage endet Es ist hier 
ganz wie bei den Confiscationen, wo auch der Staatsanwalt trotz aller 
Einspruchsrechte fast immer stolzer Sieger bleibt. 

Des Dichters Schicksal ist in solchen Fällen ein wahrhaft tragi- 
sches. Wie in den guten alten Zeiten der Leibeigenschaft und Grund- 
hörigkeit in manchen Gegenden der Brauch bestand, dass der Vater 
seiner reinen Tochter jungfräulichen Leib dem Grundherrn hingeben 
musste, ehe sie ihrem Gatten zu eigen ward, so muss in Oesterreich 
heute der dramatische Dichter das Strafgericht des jus primae noctis 
über das keusche Kind seines Herzens ergehen lassen, ehe es das Volk 
empfangt, dem es gehört. 

Aber ist auch die Dichtung einmal in dieser Weise geaicht und 
gewogen, so ist ihr damit noch immer nicht freie Bahn gegeben zum 
Siegeszuge über alle Schaubühnen Oesterreichs. Wo es sich um Prä- 
ventivmassregeln zum Schutze allmäliger Verblödung der Völker 
handelt, dort stossen sich bei uns die absolutistischen Gewalten hart 
im Räume, denn sie gehen alle auf die Jagd nach dem freien (be- 
danken und wachen eifersüchtig darauf, dass nicht ein Jäger etwa aus 
seinem Revier in ein anderes, fremdes auf die Ideenpürsche schreite. 
Und so kommt es, dass eine Theaterdichtung so viele Censurirungen 
passiren muss, als Oesterreich Provinzen zählt, und dass die Wiener 
noch recht lange Versammlungen abhalten und Resolutionen verfassen 
können, bevor der «Jugend«, die in Czemowitz gestattet ist, sich die 
schweren Pforten eines Wiener Theaters einst eröfihen dürfen. 



DIE THEATERCENSUR. 237 

Ja, nicht einmal die bereits erfolgte Bewilligung der Aufführung 
schützt die Dichtung vor dem Arm der Censur. Die Censurbehörde 
kann auch das bereits freigegebene Stück confisciren und dessen Auf- 
führung untersagen, genau wie der Staatsanwalt einen Artikel heute 
ohneweiteres passiren lässt, um ihn morgen zu inhibiren, sobald es 
ihm gefällt. 

Der österreichische Absolutismus, welcher seine grösste Stütze in 
einer schrankenlosen Bureaukratie besitzt, hat eben trotz aller freiheit- 
lichen Gesetzgebung in der ersten Zeit des constitutionellen Lebens 
noch niemals aus seiner Haut hinaus können. War ihm schon die phy- 
sische Freizügigkeit und die persönliche Bewegungsfreiheit ein Greuel, 
weil er mit richtigem Blicke in der Beweglichkeit der Volksmassen bei 
besseren Verkehrsverhältnissen gewaltige ökonomische und politische 
Umwälzungen voraussah, so musste er sich umsomehr mit Händen und 
Füssen gegen die geistige Bewegungsfreiheit und gegen die Freizügig- 
keit des Gedankens sträuben. Der Absolutismus musste auf Mittel 
sinnen, um die strömende Raschheit des geschriebenen oder ge- 
sprochenen Wortes nach Möglichkeit zu hemmen. Es musste also ein 
Werkzeug gefunden werden, das äusserlich dem Rechte, sich in Wort 
und Schrift frei auszuleben, vollkommen Rechnung trug und dennoch 
die gefurchtete Wirkung des freien Wortes und der freien Schrift ver- 
eitelte — und dieses Präservativ war das objective Verfahren. 

Mit Hilfe dieses objectiven Verfahrens hat die absolutistische 
Staatsgewalt die gesetzlich decretirte Pressfreiheit erschlagen, sie con- 
fiscirt Bücher und Journale nach Herzenslust. Mit diesem Mittel hat 
sie die Redefreiheit vernichtet; sie schickt ihre Vertreter in Versamm- 
lungen und verbietet von vorneherein, ihr nicht Genehmes zu sagen, 
statt dass sie erst das schon gesprochene Verbrechen verfolgte. Und 
mit Hilfe dieses Receptes benimmt sie dem Dichter die Möglichkeit, 
durch des Schauspielers Mund seine Ideen dem lauschenden Volke zu 
künden. Ein einziges Gebiet ist dem segensreichen Wirken des objectiven 
Verfahrens bis heute noch imzugänglich geblieben: die Musik. 

Nach dieser Sachlage ist der Kampf gegen die Theatercensur 
allein ein unzulängliches Beginnen. Fällt der Mantel, so muss der 
Herzog nach, und die Theatercensur wird deshalb auch nur mit der 
Beseitigung der absolutistischen Beschränkung der freien Rede und der 
freien Schrift fallen können. Die Wirkung kann nur beseitigt werden 
mit der Entfernung der Ursache, und die Ursache der Bedrückung, 
die sich auf jedem geistigen Gebiete breit macht, liegt darin, dass wir 
trotz aller constitutionellen Floskeln noch tief im finstersten Polizeistaat 
stecken. So lange die mächtige Hand des Absolutismus bei constitu- 
tionellen Allüren nicht gefesselt ist, kann von einer Aenderung der 
Censurverhältnisse allein — losgelöst von den Fragen der ander- 
weitigen geistigen Fesselung — nicht die Rede sein. Und deshalb mag 
man den Kampf gegen die Theatercensur mit Sympathie begleiten, 
eine selbstständige Lösung dieser Frage darf man wohl kaum erhoffen. 



KRITIK. 



Burgtheater. »Die Wild- 
ente.« Schauspiel von Ibsen. 
Die Stützen unserer Zustände sind 
schwach geworden und vertragen 
nicht mehr eine Belastung durch 
die Wahrheit. Die Dinge müssen 
sich ausleben, um allmählich in sich 
zusammenzustürzen. Wollen die 
Kinder den kindlichen Respect 
nicht verlieren angesichts der Ver- 
hältnisse, in welche sie durch die 
Eltern sich verstrickt finden, dann 
müssen sie vor diesen die Welt 
verlassen. Nur so kann der Frevel 
aussterben. Wie die Wildente sind 
zahllose Menschen angeschossen 
und werden ihrer ursprünglichen 
Natur untreu. Sie vermögen keinen 
Flug mehr zu unternehmen, ihnen 
ist nicht mehr zu helfen. Sie 
können noch fortvegetiren, aber 
nicht mehr voll leben. Was sie in 
diesem Zustande erzeugen, wird 
schon angeschossen geboren; ihre 
Früchte fallen vor der Reife ab. — 
Diese Idee sammt ihren Gedanken- 
trabanten hat Ibsen mit seiner 
meisterlichen Kunst auf entspre- 
chende Personen instrumentirt und 
für ihre Verkörperung auf der 
Bühne die schwierigsten Aufgaben 
gestellt. Es genügen hiefür nicht 
mehr Schauspieler von moderner 
Innerlichkeit, diese Dichtung ver- 
langt geradezu — sociale Schau- 
spieler. Solche; die nicht bloss 
aus den bisherigen Generationen 
schöpfen , sondern schon die 
künftigen anticipiren. Während bei 



Aufliihrung älterer Stücke erfahrene 
Theaterleute stets klagen, dass 
man früher besser Komödie gespielt 
habe, werden die jetzigen Theater- 
besucher in ihren älteren Tagen 
äussern, dass man Ibsen immer 
besser spiele. Herr Mitt er würz er 
hat die Rolle des Hjalmar genau 
so festgehalten wie vor Jahren im 
Deutschen Volkstheater. Damals 
war er der beste Ibsen -Spieler. 
Heute ist er schon von der Sand- 
rock überholt. Sie hat die Gina mit 
verwegener Treffsicherheit auf solch 
künstlerische Höhe gebracht, dass 
es lange dauern wird, bis ihr ein 
Mitspieler dahin nachkommt Durch 
sie hat die weibliche Gutmüthig- 
keit auf dem Untergrunde unbe- 
wusster Gemeinheit die Zeitpunze 
erhalten. Adele Sandrock ent- 
wickelt sich zur socialen Schau- 
spielerin als erste, die wir von 
dieser Darstellungsweise haben. 
Herrn Reimers würde man ver- 
zeihen, wenn er sich nur für Ibsen- 
Gestalten nicht eignete. Das kann 
man nicht von jedem Schauspieler 
verlangen. Er hat die Rolle des 
jungen Werle schon in der Maske 
vergriffen — von allem Anderen 
zu schweigen. Ein so weltabge- 
kehrter Phantast, wie ihn der 
Dichter zeichnet, setzt einen Ehr- 
geiz daiein, sich schon in Haar- 
tracht und Kleidung als Narren 
zu geben. Fräulein Medelsky, 
eine eben absolvirte Conservato- 
ristin, welcher die Hedwig von 



KRITIK. 



239 



einer naiv - sentimentalen Burg- 
schauspielerin eingelernt wurde, 
wird sich in der Folge als schau- 
spielerisches Unicum erweisen. Das 
künstliche Licht, welches jetzt von 
dieser Anfängerin ausgeht, wird 
nur so lange leuchten, als es von 
derjenigen, die sie einst ersetzen 
soll, gespendet wird. Verschwindet 
die einmal, wird die Nachfolgerin 
ebenfalls erlöschen. Jung sein, 
heisst noch nicht modern sein. 
HerrLewinsky als Grosshändler 
Werle und Herr Schöne als 
alter Ekdal haben die Intentionen 
des Dichters erreicht. Sie schufen 
in Dichtererde eingewurzelte Ge- 
stalten. Schik. 

Schubert - Ausstellung. 

Es geschehen Zeichen und Wunder ! 
Was Niemand für möglich hielt, 
ist eingetreten, und in den ersten 
Stock des Künstlerhauses, wo uns 
noch vor Kurzem Hermann Vogl- 
sche Nichtigkeiten langweilten, ist 
ein Genie eingezogen. In einer Hoch- 
fluth naiver Holzschnitte, dunkler 
Porträts und greller Aquarelle wird 
der Schatten Franz Seh über t's 
heraufbeschworen, und um ihn 
taucht ganz Alt- Wien empor mit 
all seiner kleinbürgerlichen Ge- 
müthlichkeit und seiner stimmungs- 
vollen Beschränktheit. Schubert's 
Geburtshaus und Schubert's Zeitge- 
nossen, Schubert auf der Landpartie 
und Schubert, wie er Kaffee trinkt. 
Dazwischen die Dannhauser und 
Kupelwieser mit ihren einfaltigen 
Genrebildern und Schwind, der 
der Romantik die Grösse nahm . . . 
Es« liegt uns fem , dieser Aus- 
stellung nahetreten zu wollen, die 
ja, besonders für ältere Leute, eines 
gewissen culturhistorischen Inter- 
esses nicht entbehren mag. Aber 
es ist unerfindlich, wie sie ins 



Künstlerhaus kommt, denn die 
Beziehungen Schubert's zur Wiener 
Malerei beschränken sich wohl 
darauf, dass Beide todt und be- 
graben sind. Man braucht sich nur 
einen Moment die Unmöglichkeit 
einer ähnlichen Ausstellung in den 
Champs Elys^es oder im Mün- 
chener Glaspalast vorzustellen, um 
den ganzen Jammer unserer un- 
heilbaren Wiener Culturlosigkeit zu 
fühlen. Dass die Wiener Künstler- 
genossenschaft aus eigener Kraft 
eine Ausstellung veranstalte, die 
neben der wundervollen Renaissance 
deutschen und französischen Kunst- 
lebens nicht lächerlich wirkt, kann 
man gewiss nicht von ihr ver- 
langen; ultra posse nemo te- 
neatur. Aber wenigstens mögen 
die Herren nicht vergessen, was 
sie der Würde eines Kimsthauses 
schuldig sind, und uns derartige 
Acte der Barbarei ersparen. Doch 
freilich, sie haben ja jetzt Wich- 
tigeres zu bedenken: Sie müssen 

das Gschnasfest vorbereiten. 

f. r. 

JONAS LiE: »Grossvater.« 
Roman. — Verlag von Richard 
Taendler. Berlin 1896. 

Es geht ein harter, kalter Zug 
durch |die nordischen Poesien, 
etwas, was an die Landschaften 
Schwedens erinnert: bald zerris- 
sene, steinige Fjords, Klippen und 
spitze Zacken, bald meilenweite 
Schneefelder, einsam, gottverlassen, 
in furchtbarer Monotonie dasWeiter- 
wollen ertödtend .... Der kalte, 
harte Zug gemahnt auch an die 
Tage im Norden, trüb, dunkel, 
hoffnungslos oder von zu grellem 
Sonnenlicht überfluthet, das schmerz- 
bereitend in das Auge dringt. . . . 
Und die Natur überträgt das ihr 
eigene Gepräge auch auf die Men- 



240 



KRITIK. 



sehen — sie gehen durch das Leben 
kalt und rauh und führen ein ein- 
töniges Dasein, einen Tag wie den 
anderen, ein Jahr wie das andere 
.... und glauben, dass sie wirk- 
lich gelebt hätten. Und dann fällt 
der grelle Strahl der Erkenntniss 
auf ihr Leben, und kummervoll, 
gramzerrissen erkennen sie, wie 
bitter sie sich und die Anderen 
getäuscht. — Es sind wenige Per- 
sonen, die Jonas Lie im «Gross- 
vater« zeigt — die Ehe zu Dreien, 
den Vater des Betrogenen, die 
Kinder. Aber wie weiss er sie zu 
zeichnen. Das elende Weib, den 
schwachen Gatten, der erst in 
letzter Stunde sich aufraffi zu Ent- 
setzlichem, den Grossvater, der 
Alles kommen sieht, wie es kommen 
muss, und die süsse, herbe Tema, 
die Seeschwalbe mit dem unbe- 
stimmten Sehnen nach freier, frischer 
Luft, wo sie die weissen Schwin- 
gen breiten und sich erheben kann 
aus dem Alltäglichen, höher und 
immer höher bis in den reinen, 
klaren Aether. . . . 

lAe schreibt nicht schön im ge- 
wöhnlichen Sinne wie beliebte deut- 
sche Schriftsteller, Heyse,Spielhagen, 
Sudermann, aber aus den rauhen, 
aus der Tiefe der Seele ringenden 
Worten klingt jene Poesie, die nur 
den Norwegern eigen ist, und 
Hamsun, Arne Garborg und Kiel- 
land als Romanciers, Ibsen und 
Bjömson als Dramatiker aus den 
schneebedeckten Ebenen zu der 
einsamen Höhe der zerrissenen, 
steinigen Fjords getragen hat. 

Alfred Neumann. 

Frühling. Von Johannes 
Schlaf. VerlagKreisendeRinge. 
Leipzig 1897. 

Man merkt es dem Buche nicht 
an, dass der Autor einst so Man- 



ches gekonnt hat. Nietzsche hat 
sein Talent aufgezehrt, er ist 
Einer der Vielzuvielen , die an 
Zarathustras Flackerlicht sich die 
dünnen Talentflügelchen verbrannt 
haben. Nie hat er das Wort, immer 
das Wort ihn. Achtlos sind die 
kostbarsten und seltsamsten Aus- 
drücke verstreut; nirgends aber 
entwickelt sich aus der prunkenden 
Rhetorik eine auch nur dämmer- 
haft deutliche Symbolik. So erfüllt 
sich an Schlaf der Nachtreter 
übles Geschick. Wo Nietzsche 
dionysisch angeheitert schwankte, 
fiel Schlaf mit trunkener Taumel- 
prosa. 

Der Andere Von Willy 

Pastor. VerlagKreisendeRinge. 
Leipzig 1897. 

Durch einige Zeit nimmt Einen 
die sichere Geschicklichkeit des 
Erzählers gefangen. Aber dann 
wird man verdriesslich. Es geht 
doch wirklich nichts vor, und das 
eigentliche Problem ist zu läppisch, 
um darüber Worte zu verschwenden. 
Ein Todter führt gegen seinen 
Nachfolger, dem er als arger 
Vampyr erscheint, einen ver- 
zweifelten Kampf um das geliebte 
und nie besessene Weib. In an- 
deutlichen Worten klagt das selt- 
same Liebespaar sich seine Leiden. 
Später aber erkennen sie die Sache 
als Ueberspanntheity was des 
klügeren Lesers geärgerter Sinn 
schon früher hätte künden können« 
Zum Ueberdruss erscheint noch 
eine mit geologischen Phantasien 
ausgeschmückte Lebensweisheit dem 
dürftigen Probleme aufgepfropft. 
Dennoch hat der Autor eine starke 
Begabung, die über manche Un- 
gereimtheit trägt. Er muss nur 
weniger wollen, und er wird mehr 
können. Ludwig Bauer. 



Herausgeber und Terantwortlicher Redacteur: Rudolf Strattis. 
Ch. Reisser h U, Werthner, ^Wien. 



^iener {Rundschau. 



16. FEBBÜAB, 1897. 



EIN OCTOBERTAG. 1 

Novellette von CARL LaRSEN (Kopenhagen). | 

Antorisirte Uebenetzong von Ernst Brausswstt£R. 



Die Wirthin hatte am Nachmittag zu dem einzigen Herrn 
gesandt^ der^ wie sie wusste^ hin und wieder zu ihni gekommen 
war und ihn besucht hatte. Und ein ganz junger Arzt, der in 
der Nähe wohnte und schon am Morgen dagewesen war, um 
den Todten zu besichtigen, war noch einmal heraufgegangen 
— er konnte ja gut wiederkommen und ein wenig mit dem 
Freunde reden, worum die Frau ihn gebeten hatte, er ver- 
säumte ja weiter nichts damit. 

Die beiden Männer hatten dann gesessen und eine ganze 
Menge geschwatzt, hin und her. 

»Nein, ich kann das nicht begreifen,! sagte der Freund 
wieder und schüttelte den Kopf. 

Der Arzt knipste eine kleine Flocke von seinem Rock. 
»Es lieg^ ja nichts vor, was auf eine acute Manie deutet,« 
bemerkte er. 

»Nein — und in den Verhältnissen liegt nicht das ent- 
fernteste Motiv. Wir sassen gerade hier, hier oben,c wieder- 
holte er — »vor drei Tagen — er sass dort im Sopha mit 
seinem Grog. Er hatte sich daran gewohnt — jeden Abend 
kochte er auf einem kleinen Spiritusapparat selbst das Wasser. 
Wir Sassen gerade und plauderten von allem Möglichen — < 

»Nein, ich begreife es nicht.« 

Der Andere meinte, dass Aerzten ja oft in all den 
Familien Dinge begegneten, von welchen gewöhnliche 



»9 



242 LARSEN. 

Menschen keine Ahnung haben. Es wäre erstaunlich, was 
die Menschen Alles, selbst ihren allernächsten Ang-ehorig'en, 
verborgen hielten. 

»Ja, deren hatte er ja keine mehr. Er hatte überhaupt 
niemand, ausser mir. Wir Beide blieben in Kopenhag-en; ich 
bin auch unverheiratet, und wir waren alle Beide Schul- 
männer € 

Der junge Arzt sah den Schulmann einen Augenblick an« 

»Ott est la feDune?c sagte er dann mit Weltmiene. 

»0, keine Spur von cherchez la femme — Nein, Herr 
Doctor,€ sagte er, »vor zehn Jahren — da gab es une fenune* 
Und er war über dies und jenes unglücklich. Damals hätte 
es mich nicht gewundert, wenn man gekommen wäre und 
gesagt hätte, er läge da mit einer Kugel durch den Kopf. 
— Aber nun war er ja zur Ruhe gekonunen.« 

Der Arzt erhob sich — er musste doch immer an seiner 
Skepsis festhalten — übrigens fing das Ganze an» ihm 
allmälig langweilig zu werden. Aber der Schulmeister wollte 
nicht aufhören: 

»Er gehörte zu den Menschen, die sich gern ver- 
heiraten wollen. Aber er hatte allzuviele Bedenken. Und 
dann hatte er wissenschaftliche Pläne. Er wollte sich an der 
Universität habilitiren. Das mochte er nicht gern aufgeben. 
Dazu wurde er nun doch genöthigt. Wir werden Alle dazu 
genöthigt.« 

Der Philologe ging im Zimmer schlendernd auf und ab. 

»Und dann kam er ja auch zur Ruhe. — Er wurde 
Lehrer. Und er war sehr beliebt. Er that nicht mehr so 
wichtig wie in seiner Jugend — Sie wissen, so ein gewisses 
überlegenes Wesen gegenüber Andern betreffs seiner Fähig- 
keiten. Ach nein, das hatte er gar nicht mehr — er war 
sehr beliebt. Und er hatte es ja so gut als Junggeselle. 
Von Nahrungssorgen kann ja keine Rede sein. Wir meinten 
Alle, er legte etwas auf die Seite. Und es wird sich auch 
noch zeigen, dass er es that.« 

Es hatte zu dämmern begonnen. Nun wollte der junge 
Arzt wirklich ein wenig in der Dämmerung durch die 
Strassen bummeln. Er nahm seinen Hut und Stock: es wäre 



EIN OCTOBERTAG. ^43 

wohl am besten, sie gingen, sie konnten hier ja doch nichts 
mehr machen. 

»Nein, leider,« sagte der Schidmeister und sah sich 
noch einmal um, »leider — t 

»Es traf sich nun auch verdammt unglücklich,! fügte 
er hinzu, während sie die Treppen hinunterstiegen, »dass et 
den Revolver kaufen musste, als hier in diesem Stadttheil 
die vielen Einbrüche stattfanden. Es ist eigentlich unrichtig, 
dass die Leute so ohneweiters hingehen können und der- 
gleichen kaufen.! 

»Na — wollen sie das Leben los sein, so finden sie 
schon ein Mittel dazu,c meinte der Arzt draussen vor der 
Thüre. — »Adieu Ic 

»Ja, natürlich, wenn sie wollen — c 

»Ja, dass dem Selbstmord der Wille dazu zugrunde 
gelegen hat, darüber kann man doch nicht im Zweifel sein. 
Adieu, Herr Oberlehrer U 

»Ja, das wohl,« sagte der Andere. »Aber trotzdem ^-« 

Dann wurde der Arzt ihn endlich los. 



In seinem Schlafzimmer lag der Todte. 

Die Fenster waren geöffnet, aber die Wirthin hatte in 
ihrer Verwirrung vergessen, das Rouleau herabzulassen« Es 
hing> wie er es selbst am Morgen aufgezogen hatte — ein 
wenig schief. Sie hatte ein weisses Laken über ihn ge- 
breitet, welches ihn ganz bedeckte — in dem Consolspiegel 
gleich davot schimmerte es im letzten brechenden Licht. 
Der Spiegel allein hatte Alles gesehen, was dort am Morgen 
vorging. 

Er erwachte zu gewohnlicher Zeit und streckte die Hand 
nach der Zeitung aus, durchlief sie und legte sie wieder auf 
den kleinen Tisch, von wo die Wirthin jeden Tag, Schlag 
neun, sie an sich nahm, wenn er gegangen war. 

Dann kleidete er sich langsam an. 

Er zog das Rouleau auf. 

Es regnete — wie gestern — wie vorgestern -— ein 
Octoberregen. 



844 LARSEN. 

In acht Tagen würde es Novembeilregen werden* 

Er blieb stehen und schaute in den Hof hinab; da wollte^ 
der Milchwagen eben hinein — ein Knecht läutete. 

Ein Weilchen spater vernahm der Oberlehrer es vom 
nächsten Hof her — vielleicht würde er es von noch einem 
Hof hören können — dieselben dreimal — mit drei Schlägen 
tum Schluss. 

Er trank seinen Thee mit den vier Stückchen Zucker 
darin^ ass ein Ei und zwei Stückchen Weissbrot. 

Dann ging er in die Wohnstube und liess die Thüre 
hinter sich offen stehen. 

Das Fenster stand halb offen, wie es auch sollte, vom 
Abend, wenn er zu Bett ging; auch die Thür des Kachel- 
ofens stand offen; um die Luft zu ventiliren — im Vorbei- 
gehen stiess. er sie mit dem Fusse zu. Das Fenster schloss 
er -r- jetzt kam dort nur die feuchte, rauhe Luft hinein, 
vermischt mit dem Gestank von der Strasse. Die Arbeits- 
tagen rumpelten vorbei, durch das Gerassel vernahm er, 
dass bei dem Materialwaarenhändler Eisenstangen abgeladen 
wurden — einen Augenblick, da es gleichsam etwas still 
wurde, schrie die Stimme einer Handelsfrau hindurch; er 
kannte die Stimme. Im dritten Stock in dem grauen Hause 
gerade gegenüber stand derselbe kleine Junge wie immer 
im Fensterrahmen und bewegte den Kopf hin und her und 
umklammerte die Stangen des Eisendrahtes, welcher vor den 
Scheiben angebracht war. 

Er ging zum Schreibtisch und fing an, die lateinischen 
Uebersetzungen der Prima in ein graues Papier einzupacken. 
Während er stand und damit beschäftigt war, den Bindfaden 
herumzuschnüren, begann im Hof der Leiermann zu spielen 
— das war der Donnerstagsmann — und dann war die Uhr 
halb neun — der Mann kam das ganze Jahr hindurch. 

Als er den Bindfaden herumgemacht hatte, ging er in 
das Schlafzimmer zurück, um ihm seine fünf Oere herab- 
zuwerfen. 

Der Leiermann grüsste. Er musste ein wenig suchen, 
ehe er das Geldstück im Schmutz fand, dann grüsste er 
wieder zu dem Oberlehrer hinauf. 

Es fiel von einem der Küchenfenster ein Geldstück herab. 



EIN OCTOBERTAG. 245 

Es war ein alter, weisshaariger Mann — die Mütze 
behielt er in der Hand, während er zwischen den Steinen 
suchte. 

Der Oberlehrer schüttelte sich und ging nach der Wohn- 
stube zu — drehte aber an der Thüre um und schlenderte 
wieder zum Fenster zurück. 

Es war doch ein widerlicher Leierkasten — ein widerlich 
gellender Leierkasten — auf dem Wachstuchüberzug, der 
zersprungen war, sammelten sich gleichsam kleine Seen vom 
Regen — und der Mann sah mit matten Augen zu den 
Fensterreihen empor. 

Man würde vielleicht gerade so alt; wenn man so imiher- 
ging; das ganze Jahr hindurch mit einem Leierkasten. 

Er ging vom Fenster fort und nahm seinen Winter- 
mantel; um fortzugehen. 

Auf dem Wege kam er an der Commode vorbei. Ueber 
derselben hing sein Revolver. Er blieb stehen: das war doch 
eine recht thörichte Idee in der Einbruchsperiode gewesen; 
den Revolver zu kaufen. — Er nahm ihn aus dem Futteral 
heraus und zog den Sicherheitsstab heraus. Er öffnete das 
Magazin — es sass noch von damals eine Kugel darin. — 
Er auf Menschen schiessen? Man hätte beinahe lächeln 
können. Er; der keiner Katze ein Leid zufügte; noch einem 
Menschen etwas that — weder Böses noch Gutes. 

Es ward plötzlich still im Hof; der Mann hatte auf- 
gehört — man vernahm das Klappen des HolzstativS; das er 
unten zusainmenlegte. Der Oberlehrer sah nach der Weckuhr 
— es fehlten nur noch die sieben Minuten; die er brauchte, 
um die Schule zu erreichen — nun hörte er die Tritte im 
Thorweg — er ging — der Andere — 

Der Oberlehrer wandte sich um und sah noch einmal 
nach dem Fenster. Der Regen strömte herab — noch immer 
der Octoberregen. Grau und eintönig 1 Immer und ewig das- 
selbe Einerlei! 

Es überschlich ihn wie ein dumpfer Ekel. 

Da fiel sein Blick auf den Revolver; den er noch immer 
in seiner Hand hielt. 

Und plötzlich hob er ihn empor und drückte ihn ab. 



HERBSTKLAGE. 

Bald schlagt das Dunkel über uns zusammen. 
Leb' wohl, du allzu kurzer Sommertraum I 
Ich höre trockne Blätter düster raschelnd 
Zu Boden sinken vom entlaubten Baum. 

Der Winter will in mir den Einzug halten: 

Der Hass, die Angst und aufgezwungne Pflicht — 

Ja, der Polarwelt blutigrother Sonne 

Gleicht meines Herzens wärmeloses Licht. 

Mit Schaudern lausche ich der Blätter Rauschen, 
Des Henkers Beil klingt nicht so fürchterlich .... 
Mein Geist gleicht, ach, dem wankenden Palaste, 
Der zögernd nur der Macht des Sturmbocks wich. 

Es stöhnt in mir dies monoton Getone, 

Wie Särgezimmern in des Hauses Flur — 

Für wen? — Dem Sommer gestern, heut' dem Herbste! 

Ein Abschiednehmen geht durch die Natur 

Paris. Charles Baudelairr 

Deutsch von AT.fB.BD Neumann. 



STIMMUNGEN. 

Von Alfred Neumann (Wien). 

Eines der grossen Kaffeehäuser in der Mitte der Stadt, 
zwei Uhr Nachts. 

Der grosse Lesetisch vom elektrischen Lichte grell be- 
leuchtet; die dunkelrothen Sammtfauteuils, die am Tage ein 
so anheimelnd einladendes Aussehen haben, erglänzen jetzt 
unter den allzu starken Lichtwellen in einem gespensterhaften 
Schimmer. 

Sie erinnern an Blut, dickes, trag hervorquellendes 
Blut . . . 

Seltsamer Gedanke das für ein grosses Kaffeehaus in 
der Mitte der Stadt um zwei Uhr Nachts 1 

Ein paar Spieler sitzen im Nebenzimmer bei ihrer Piquet- 
partie. Eintönig klingt es, wenn sie ihre Karten ansagen. 

iDrei Asse • . . iDrei Konige . . .c iDrei Damen . . .c 

Unwillkürlich setzt der einsame Gast am Lesetisch in 
seiner Arbeit aus. Vor ihm liegt ein mächtiger Stoss von 
Zeitungen, die er längst gelesen, Schreibzeug und Papier. 

Bis jetzt hat er emsig geschrieben, unbekümmert um 
die Leute neben ihm; als er gegen zehn Uhr anlangete, war 
es noch gedrängt voll, voll von lebenslustigen Menschen, die 
sich ein paar Stunden vergnügen wollten. Sie störten ihn 
weder mit ihren Reden noch mit ihren Spielen, er hat fleissig 
geschrieben und geschrieben. 

Nur einmal hat er aufgehört und gehorcht — als ein 
junger Mann, der eben die vierte Carambolepartie an seinen 
Partner verlor, zu seiner Begleiterin, einer stark geputzten 
jungen Dame, bemerkte: 

>Qui a malheur au jeu a bonheur en amour.« 

Die stark geputzte junge Dame lächelte affectirt, denn 
sie verstand nicht, was ihr Galan meinte. Das gehörte nicht 
zu ihrem Beruf. Der Mann am Lesetisch aber sann und sann. 

>Qui a malheur en amour — qu'est-ce qu'il a alors?€ . . . 



248 NEUMANN. 

Seitdem waren einige Stunden vergangen, die meisten 
Gäste schon fort. 

Grell leuchtete das Licht im Saale. 

»Drei Asse . . . »Drei Konige« . . . »Drei Damen« . . • 

»Drei Damen,« murmelte der Schreibende, »ich habe 
nur eine gehabt, und mit ihr habe ich meine Partie verloren.« 

Dann schrieb er wieder weiter, ohne dabei aufzusehen, 
aus seinem Glase trinkend und in starken Zügen rauchend. 

Um drei Uhr wurde das Caf6 gesperrt; der Mann am 
Lesetische nahm seine Schriften, zahlte imd ging als Letzter. 

»Ein ekelhafter Mensch,« sagte der eine der Kellner, 
die ihm müde und übernächtig nachsehen, »ein Nacht- 
vogel«. 

»Kein Nachtvogel,« declamirte der Andere, sich genial 
durch das wohl frisirte Haar streichend (in früheren Jahren 
war er Statist an der »Burg« gewesen und wusste, wie es 
Sonnenthal macht). »Ein Unglücklicher, der vor sich selbst 
flieht. Ich kenne das!« 

Und mit düsterer Miene, jeder Zoll Weltsclmierz, gieng 
er zur Cassa, um abzurechnen und der ihn bewundernden 
Bufifetdame zwei falsche Kronen anzuhängen. 

Und die Stimmung des schreibenden Mannes am Lese- 
tische? 

Sehr unglücklich, meine verehrten Herren Kellner, sehr 
unglücklich 



DIE SEHNSUCHT. 

Sie war mir unter fremdem Himmel nah. 
Ich fühlte eimnal ihre grossen Blicke; 
Ich fühlte, wie sie mir ins Innre sah — 
Und weiss seitdem die leiseren Geschicke: 

Ich weiss von Faltern, die vor Sehnsucht starben. 
Als eine Blume sacht zu bleichen schien, 
Von grossen Pflanzen, die im Licht verdarben, 
Von Vögeln, die nach schwarzen Wäldern ziehn. 

Und weiss von Menschen, die in schweren Nächten 
Mit blassen Wangen nacheinander streben — 
Sie hoffen, dass die Tage Frieden brächten. 
Und fühlen doch, es ist umsonst — und beben. 

Sah sie dich an mit Augen, grau und gross. 
Dann musst du immer ihr dein Opfer bringen. 
Dann spürst ihr Wesen du in allen Dingen, 
Und nie mehr lässt sie deine Seele los. 

Berlin. FRANZ EVERS. 



LITERATUR UND MORAL. 
Von Marcel Prävost (Pmri«). 

Deutsch von Ludwig Bauer. 

iMein Herr,« sagte zu mir diese dicke Dame, die meinen Stahl 
vom Salon absperrte, >ich liebe die jetzige Literatur nur wenig. Ich 
spreche da nicht von den Versen, die uns die Unterhaltungen der Lang- 
weile mit dem Schatten, mit dem Schweigen oder gar mit dem Herbst 
erzählen — hell klingendes Blech, das man zu tiefen Ausverkaufs« 
preisen nach dem Verscheiden der Romantik erstand. Ich spreche nur 
von den Romanen und Theaterstücken. Ich verabscheue sie, diese mo« 
demen Romane und Theaterstücke.« 

Die dicke Dame unterbrach sich einen Augenblick. Sie wollte mir 
eine Bestätigung oder selbst einen unbedeutenden ^^^derspruch, einen 
höflichen Einwand ermöglichen, der ihr Gelegenheit gegeben hätte, das 
Gesagte zu bekräftigen, ihre Bosheiten in noch geUenderem Tone zu 
schreien. Ich fand nur diese zögernde En^egnung: i Vielleicht sollten 
Sie, gnädige Frau, wenn diese Literatur Ihr Missfallen erregt, mehr die 
Ruhe bevorzugen, in der man sie weder liest, noch von ihr hört« 

Sie stiess einen zweiten Schrei aus. 

»Nicht lesen, nicht hören I Aber mein Herr, wenn das unmöglich 
isti Die moderne Literatur verfolgt Sie, hängt sich an Sie. Sie thut 
Ihnen Gewalt an, wexm ich diesen Ausdruck wagen dar£ Man dürfte 
weder Zeitungen noch Zeitschriften halten, nicht ausser dem Hause 
speisen, keinen Besuch machen, keine Einladung ins Theater anndimen. 
Man müsste sich jeder Gespräche mit wem immer enthalten. Ebenso 
gut könnte man sich in ein Kloster sperren.« 

»Indess, gnädige Frau, es gibt doch gewisse Zeitungen, Zeit- 
schriften, Theater — « 

Ich setzte keine übertriebenen Hofifhungen auf diesen Einwand« 
Die Dame zerriss ihn auch sofort in tausend Stücke. 

»Nein, mein Herr, es gibt keine gewissen Zeitungen, Zeitschriften 
und Theater. Die Epidemie hat auf der ganzen Linie gesiegt Früher 
boten wirklich derartige ehrenfeste Ueberschriften am Kopfe eines Tag- 
blattes oder am Umschlag eines Wochenheftes ein^e sichere Bürgschaft. 
Heutzutage kann man sich auf nichts mehr verlassen. Ein Artikel von 
Leroy-Beaulieu über landwirthschaftliche Syndicate ist zwischen die 
Erzählung emes liebewahnsinnigen Italieners und einen Roman der 
Pariser Pornographie eingeschachtelt Sie entfalten Ihr Morgenblatt und 
erwarten vielleicht Mittheilungen über die türkische Krise — Sie täuschen 
sich, schon am Kopfe der Zeitung erzählt man Ihnen die Gefühle einer 



LITERATUR UND MORAL. 251 

anständigen Frau nach ihrem dritten Liebhaber. Und die Theater sind 
noch ärger. Keiner sorgt sich mdir um einen guten Ru£ Einer nach 
dem andern ward vom modernen Wirbel fortgerissen. Wie kann man 
bei diesen Zuständen jnnge Mädchen erziehen?« 

Dinwt Schlusssati verblüfite mich. Ich gab der Sprecherin unter 
tausend Vorsichtsmassregdn zu bedenken, dass* ich mir überhaupt un- 
fähig schiene, ein noch so junges Mädchen zu erziehen. Sollte mir aber 
gegen alle Möglichkeit eine derartige Rolle zutheil werden» so würde ich 
mkh hüten» dSis junge Mädchen mit der g^enwärtigen Literatur oder, 
genauer gesprochen, mit irgendwelchen Schilderungen der Phantasie oder 
Leidenschaft bekannt zu machen. 

iDenn,« bemerkte idi, >keine Literatur kann lebenswahr und zu- 
gleich erfreulich und nützlidi für Jenen sein, der — voraussichtlich — 
das Leben nicht kennt, wie eben das junge Mädch^. Halten wir also 
die unschuldige Jugend, Mädchen wie Knaben, von allen Romanen, 
Dramen oder Gedichten fem, deren Gegenstand die Liebe der Menschen ist. < 

Die dicke Dame zudcte die Achseln. 

>Ich gaube nicht, dass Sie diesen Polizistendienst in einem mo- 
dernen Haus durchführen können.« 

»Dann müssen Sie, gnädige Frau, Ihre Knaben und Mädchen 
in sehr streng beau6ichtigte Häuser geben, wie man es früher that. 
Agnes kam vollständig unschuldig vom Kloster, und der kleine Racine 
musste mit seinem Herzen >Daphnis und Chloe« lernen — denn nur 
von dieser Stelle kann man es ihm nicht wegnehmen.« 

»Sie wissen ganz gut, mein Herr, dass die streng abgeschlossene 
Erziehung von einst für beide Geschlechter vorbei ist Ein richtiges 
Knabenalumnat besteht, um bei der Wahrheit zu bleiben, überhaupt nicht 
mehr — dazu haben sich die Ferien viel zu sehr ausgedehnt. Und so 
muss es Sache Jener bleiben, die Artikel, Romane oder Theaterstücke 
schreiben, daran zu denken, dass ihr Werk einem jungen und un- 
schuldigen Wesen unter die Augen fallen oder in die Ohren dringen 
kann. Und alle Jene, die das übergehen und achtlos all das, was ihren 
Kopf durchkreuzt, niederschreiben, sind öffentliche Verführer — das ist 
meine Ansicht.« 

Die dicke Dame erhob sich, nachdem sie diese letzten Worte 
hervorgesprudelt hatte, sieghaft von ihrem Sessel. Ich dachte, sie wolle 
nunm^, zufrieden mit ihrem Triumph, mich 2^rschmetterten verlassen. 
Aber sie wollte auch noch eine laute Zustimmung, ein Geständniss 
memer Niederlage. 

»Was haben Sie noch zu bemerken, mein Herr?« fragte sie in 
einem Tone, der mir deutlich zeigte, dass ihre Kämpferkraft noch lange 
nicht erschöpft war. 

Ich aber wollte jetzt nicht mehr mit ihr, sondern mit ihrer Ab- 
straction, der »idealen dicken Dame« reden, die sich wegen der Un- 
moral in der Literatur an sie herandrängt und in scbmähsüchtiger 
Prüderie die moderne Dichtung verunglimpft. 



252 PRfeVOST. 

»Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, gnädige Frau, dass Sie die 
Fragen ein wenig verwirren. Sie warfen der modernen liteiatur gleich 
AnÜBuigs vor, sie sei unmoralisch an sich. Dann haben Sie diesen Vor- 
wurf plötzlich eingeschränkt und verdeutlicht, indem Sie die Gefahr an- 
kündigten, mit der sie die Jugend bedrohe. Diese Verwechslung über- 
rascht mich nicht. Man macht sie immer. Stellen wir mit Ihrer Erlaub- 
niss eine Reihenfolge in Ihrer freigebigen Entrüstung her. 

Zuerst: die Unmoral an sich, die objective Unmoral — wie 
unsere Nachbarn jenseits der Vogesen sagen würden. Wenn Sie fähig 
sind, die Unmoral in der Kunst zu definiren, haben Sie eine glänzende 
B^abung zur Analyse. Aber daran liegt ja nichts. Lassen wir die De- 
finition bei Seite, schreiten wir zur Prüfung des Objectes. Ueber dieses 
Obj^t nun — ist Niemand in Uebereinstimmung. Dasselbe Theater- 
stück, das — wohlgemerkt: gestern — verderblich für die Sitten galt, 
wird — wohlgemerkt: heute — vor der Familie gespielt (»Die Camelien- 
(Jamec). Dieselben Romane, die früher in gutgesinnten Bibliotheken zum 
Mindesten verpönt waren, man vertheilt sie heute als Preise in den 
Schulen (George Sand). Ich habe eine ganze Provinzstadt in lebhafter 
Aufregung gesehen, weil der Municipalrath am Corso einen Diskuswerfer 
aufgestellt hatte. Andererseits wiederum werden gewisse Werke, die im 
vorigen Jahrhundert einfach nur für unterhaltend galten, in diesem als 
unsittlich erklärt, unser modernes Schamgefühl würde sich über die 
decorativen Freiheiten der Renaissance äusserst empören. Bei diesem. 
Wirrwarr von Meinungen finde ich nur in den Ansichten der extremen 
Partei ein wenig Klarheit. Jedes Kunstwerk ist verderblich, das ent- 
weder Nacktheiten oder den heimlichen Verkehr der beiden Geschlechter 
an das Licht bringt. 

Das wenigstens ist klar. Nur müsste man in diesem Fall so ziemlich 
die ganze gegenwärtige Kunst zerstören und jeder künftigen entsagen. 
Die Annahme dieses Satzes würde die Absperrung der Literatur vom 
Leben bedeuten. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Ich weise Sie auf 
ein noch jetzt in vielen Gymnasien verwendetes Werk: »Die Rhetorikc 
des Vater Marin de Bylesse. Dieser in seinen Ueberzeugungen erstarrte 
und in seinen Folgerungen streng logische Professor endigt schliesslich 
mit dem Verbot aller Werke Racine's, »Athaliec und »Estherc ausge- 
nommen. Der ganze Rest, selbst »Mithridatesc, ist als schädlich verurtheilt 

Merken Sie sich, dass dieser Jesuit Recht behält, wenn man 
nämlich das Princip einer innerlichen Unmoral von Büchern zugibt. 
Ein möglicherweise verlockender Reiz birgt sich in jedem Gemälde der 
Nacktheit wie in jeder Schilderung einer Leidenschaft. Sir Walter Scott 
war in den letzten Jahren seines Lebens durch Gewissensbisse gequält, 
weil er die Liebesgluthen eines Templers beschrieben hatte. Und ich 
kannte in der That sehr junge Gymnasiasten, die diese Schilderungen 
mit gierigen Augen verschlangen und überzeugt waren, dass man in 
Schamlosigkeit nicht weiter gehen könne. Auch Lukian erzählt uns ja, 
dass gerade der reinste und weiss(ste aller antiken Marmorarten die 
Satyren verlockt habe . . . 



LITERATUR UND MORAL. 253 

So glauben Sie es mir denn, gnädige Frau. Unmoral an sich gibt 
es bei einem Kunstwerk nicht. Ja noch mehr. Dasselbe Buch kann 
jenen erhöhen und diesen erniedrigen, jenen reinigen und diesen ver- 
derben. Der heilige Augustin, der vom Wüstling sich zum Heiligen 
emporrang, fängt seine »Gottesstadt«, dieses Bekenntniss der Glaubenslehre, 
folgendermassen an: i Derjenige, der dieses Buch mit sündigem Greiste 
liest, möge nur seiner Seele eigene Verderbtheit anklagende Und es ist 
wirklich nicht sicher, ob nicht selbst dieses Buch von manchen un- 
firommen Sinnes gelesen ward. So unterhalten sich die Lyceumsschüler in 
ihrer Pubertätsperiode über sehr tadellose medicinische Abhandlungen, 
die sie den glühendsten Romanen vorziehen. Sobald das menschliche 
Wesen die Krise der Mannbarkeit erdulden muss, können die harm- 
losesten Literaturerzeugnisse »es suggerirenc, wie die Mediciner sagen. 
Man mag noch so schöne Worte vom »Engel c machen — die Bestie 
erwacht und fordert ihr Recht. Grausamer Zwiespalt — die lauwärmsten 
Bücher bethören den Heranwachsenden; die ganz marklosen widern ihn 
an. Der entschiedenste Beweis dafür wurde soeben geliefert. Eine für 
junge Mädchen bestimmte Zeitschrift befragte ihre Abonnentinnen um 
ihre Meinung über die ihnen gebotenen Phantasieproducte. Das Ergeb- 
niss dieser Abstimmung war, dass diese jungen Damen die Romane 
der Zeitschrift derart blödsinnig fanden, dass sie ihnen die ernsten Auf- 
sätze vorzogen. Aehnlich verhindert man die Kinder, sich die Nägel 
abzubeissen, indem man ihnen die Finger mit quassia amara einreibt. 



Kurz und gut : die Gefahr ist sehr selten im Buch oder Theater- 
stück, fast immer im Zustand der »Suggestibilitätc des Zuschauers oder 
Lesers gelegen. Der erwachsene und gesunde Mensch hat gar kein 
richtiges Urtheil über die durch ein Buch bei einem Wahnsinnigen oder 
einem Kinde erzeugte Wirkung. Aber — sagen wir die Wahrheit — 
die Literatur soll und kann nicht stets an den Wahnsinnigen und das 
Kind denken. Sie wendet sich an das Wesen von entwickeltem und 
mittlerem Temperament, auf das überhaupt das Kunstwerk keinen morali- 
schen Einfluss übt, weil seine sittlichen Gewohnheiten eine ganz andere 
Stärke haben als der vorübergehende Eindruck einer Idee oder eines 
Schauspiels. Soll ich Ihnen schliesslich meine geheimsten Gedanken ver- 
trauen ? Die Literatur einer Epoche ist immer moralischer als ihre Moral. 
Kein Buch ist so lüstern wie die gewöhnliche Unterhaltung, in der 
feinen Gesellschaft sowohl als auch beim Volke. Sie sprechen von der 
Jugend und den Gefahren, in welche Ankündigungen und Zeitungsartikel 
sie stürzen. Hören Sie doch die Unterhaltungen dieser Gymnasiasten 
und Arbeiterinnen, wenn sie unter sich sind I . . . 

Die lassen sich gar nicht wiedergeben. Doch gleichwohl . . . gleich- 
wohl wird jeden Schriftsteller, der zugleich ein anständiger Mensch ist, 
arge Unruhe quälen über die Verleitung zum Bösen, die von seinem 
Buche kommt. Die Vernunft kann noch so schön reden : Es gibt in all 
diesem nichts Verführendes; es gibt nur deinen klaren Gedanken, 



254 PRjfeVOST. 

deine moralische Glaubwürdigkeit, deine genaue Lebenskenntniss — 
der Vorwurf Sir Walter Scott's hat auch die Stärksten schon gequält . . • 
»Ob es dennoch nicht anders käme — fragen sie sich immer und immer 
wieder — »bei einem Wesen von schwacher Seele, bei einem Rind, bei 
einem waffenlosen Geist, der nicht zu begreifen vermochte?« Und das 
Gewissen — von Natur aus unfähig, über sich selbst zu urdieüen, wie 
zu entscheiden, ob es selbst all das bewirkt oder ob es nicht nur ein 
gleichgiltiges Werkzeug war, zaudert, macht sich verrückt wie der Kopf 
eines Liebenden . . • 

Glauben Sie mir, gnädige Frau, und werfen Sie auf einen Schrift- 
steller nicht so sorglos den Vorwurf der Unmoral Sie sind nicht allzu 
häufig, die gegen ihr Gewissen schreiben.« 

Meine Gegnerin antwortete nicht. Einige Augenblicke war ich 
sehr stolz, sie so zum Schweigen gebracht zu haben. Aber wie ich sie 
genauer besah, da merkte ich: sie hatte so lange nicht selbst reden 
können ... sie schlief. 



ÜBER DAS EMPFINDEN DER LANDSCHAFT. 
Von Oscar A. H. Schmitz (Frankfurt a. m.). 

Etliche in den Vordergründen der Erscheinungen wohl- 
erfahrene Seelenforscher von schlechten Sinnen und geringer 
Weisheit haben vermein t, die Lust- und Unlustgefühle, welche 
gewisse Reizungen der Nerven begleiten, allein auf das Ver- 
halten körperlicher Bedingungen zurückführen zu können. 
Sie wissen nicht, dass Farben und Linien in einer Art 
Rhythmus schwingen, dessen Macht : Lust oder Unlust zu er- 
wecken, wesentlich davon abhängt, inwiefern ihm der Rhyth- 
mus der getroffenen Persönlichkeit gemäss ist. Und dies 
wird nie durch körperliches Verhalten erklärt werden können. 

Ja, es ist ein Lustgefühl denkbar, welches durch eine 
den Nerven schmerzvolle Wahrnehmung erkauft wird. Es 
könnte einem durch ein heftiges, den Sehnerv übermässig 
reizendes Roth die Sensation einer babylonischen Nacht ver- 
mittelt werden oder durch den schwülen, Kopfschmerz er- 
weckenden Duft der Oleanderblüthe die heisse Süssigkeit 
einer vergessenen Leidenschaft. Darum müssen wir an Seelen- 
zustände glauben, die, der körperlichen Wirkung ungeachtet, 
zwar durch die äusseren Reize beeinflusst sind, aber aus 
diesen allein nicht erklärt werden können. Der Rhythmus 
jedes Individuums ist verschieden, aber — so lese ich bei 
Maurice Barrys — »les individus, si parfaits qu'on les imagine, 
ne sont que des fragments du Systeme plus complet qu'est 
la race, fragment elle-mSme de Dieu.« 

Es gibt heute eine feine Race von Sensitiven, über 
deren seelischen Rhythmus ich Einiges sagen möchte, indem 
ich zeige, auf welche Rhythmen der äusseren Dinge sie ant- 
worten, im Gegensatz zu anderen Racen, deren Empfindlich- 
keit, von einfacheren Lebensumständen entwickelt. Diesen 
zu grob geworden ist. Unechte Nachgeborene jener suchen 
Diesen gegenüber Althergebrachtes vorzubringen, indem sie 



256 SCHMITZ. 

sich auf gute Namen stützen; aber sie vergessen^ dass das^ 
was ehedem Verfeinerung hiess, unter verknüpfteren Um- 
standen der Aussenwelt vulgär geworden ist, was einst selbst- 
ständiges Erlebniss Einzelner war, heute zum Gebrauch Aller 
verpöbelty des personlichen Duftes entkleidet ist. 

Sehe ich von denen ab, welche racelos keiner inten- 
siven Erregbarkeit fähig oder allen oberflächlichen Reizen 
ohne Wahlinstinct zugänglich sind, von jenen Keinseitigen 
oder Allseitigen, so sind drei Style unterscheidbar, unter 
denen einheitliche Entwicklungen vorkamen: der classische, 
der romantische und jener moderne Styl, für den wir noch 
keinen Namen haben, dessen Grenzen noch sehr fliessend 
sind, zu dessen Erklärung auch diese Worte beitragen wollen. 

Das classische Empfinden der Landschaft hat Preller in 
künstlerischen Symbolen zum Ausdruck gebracht: jene kupfer- 
braunen Hohen, wie man sie in der Sonne glühend an August- 
nachmittagen am Jonischen Meer sehen kann, jene unüber- 
sehbare blaue Fläche, die mehr Staunen vor dem Unend- 
lichen als Sehnsucht erweckt, jene reifen, männlichen Linien 
brauner, verwaister Gefilde, welche Namen wie Selinunt und 
Guteoli ins Gedächtniss rufen, jenes durchsichtige Azur der 
Luft, die durch keinen zärtlichen Nebel die starren Tempel- 
reste verschleiert. Man denkt an den Schlegel'schen Aus- 
druck der gefrorenen Musik, es liegt etwas Architektonisches, 
zum Mindesten Stationäres über diesen Landschaften : edle 
Einfalt und stille Grosse, die halkyonische Heiterkeit einer 
gereiften Männerseele, die den Tasso oder die Iphigenie 
schafft. 

Die Romantik sucht das Toben der Wasserfalle, das 
Geheul der Stürme, den kalten Schauer finsterer Abgründe. 
Mehr als das halkyonische Blau liegt ihr der schwefelgelbe 
Gewitterhimmel am Herzen, wie man ihn von verlassenen 
Alpenhütten beobachten kann, das im Sturm grollende 
Meer, welches vor den gährenden Kräften des Erdschosses 
erbeben lässt, die gezackten, vernichtenden Formen der 
Hochgebirge, an denen grosse Nebelklumpen hangen, nicht 
mild verschleiernd, sondern gebieterisch verdeckend. Es ist 
die Leidenschaft, nicht mehr die Ruhe, welche sie sucht, 
die Leidenschaft des wild stürmenden Jünglings» die Goethe 



EMPFINDEN DER LANDSCHAFT. 257 

SO wenig liebte, das Jähe, seltsam Verkettete, Abenteuerliche, 
das Pittoreske. 

Wie aber sind wir geboren, Nachkömmlinge einer 
späten Zeit? Sind wir Greise, weil wir die Wildheit verab- 
scheuen, oder Jünglinge, doch von feinerer Art, mehr von, 
den zarten Händen der Mutter geleitet, die wir nicht ver- 
gessen können? Zu uns flüstern die ungewissen Töne der 
Dämmerung, das Zweifellicht von Tag und Nacht, während 
das Geschrei einer Hochgebirgslandschaft unsere SinuQ 
stumpf macht, ein »Zu viele gibt für unsere Empfänglich- 
keit, ein Gefühl, das man gemeinhin »erhabene nennt. Oder 
haben wir etwas Weibliches in uns, weil wir die sanften 
Linien des stummen Holland suchen, weil es uns erfreut, 
am Sommernachmittag nach dem lieben Bucksloot zu fahren, 
wo 4cleine bunte Giebelhäuser beisammenstehen, wie sie 
Vermeer malte, wo sich endlose Wiesen erstrecken, auf denen 
Potter'sche Thiere weiden im feuchten Sonnenglanz, der 
nach dem Meere duftet, weil uns, wenn wir in der Dämme- 
rung heimkehren, die leis verschleierten Strassen Liebe er- 
wecken, wenn wir an den vielfach verschlungenen Grachten 
entlang gehen, zwischen mageren Bäumchen, etwa in Dord<» 
recht oder Delft? Auch scheinen uns die grünen Voralpen 
heimatlich und die blau verschwommenen Sabinerberge und 
das deutsche Mittelgebirge mit seinen umbuschten Weilern 
und Birkenstämmen, wie es Thoma malt. Zwar nennt man 
uns Romantiker, weil wir das Seltsame lieben, wir nennen 
uns wohl gelegentlich selbst so, aber mehr um unserer 
Weltfernheit willen, im Gegensatz zu den Naturalisten« Doch 
gesetzt; dass Naturalismus überhaupt nicht Kunst ist, bleibt, 
alle Kunst dieser Welt fern, nämlich eine eigene Welt. Auch 
wir zwar hören gern die Tempel von Nepal und Ellora er- 
wähnen, und wir lieben den Gedanken, dass irgend fern bei 
blassem Sonnenuntergang schlanke, braune Mädchen zum 
Brunnen gehen, mit edlen Gefässen auf dem Haupt. Dagegen 
ist uns das Hidalgohafte, Banditenartige der Romantiker vom 
Grund verhasst. Viel mehr sagt uns noch das stille Sonett 
eines dorischen Tempels, ob es uns gleich ein wenig be- 
fremdet. Wir suchen in der Landschaft keine Leidenschaft^ 
Qs ist mehr eine anmuthige Melancholie, eine Sehnsucht. 

ao 



258 SCHMITZ. 

Wir suchen das Poetische^ womit nicht gesagt sein soll »das 
Literarische €. Auch ist uns der Werther recht aus dem 
Herzen geschrieben, und Bilder, wie das des Brunnens vor 
dem Dorf, wohin des Abends die Mägde kommen, um Wasser 
zu schöpfen, können uns entzücken. Es liegt etwas von 
Thoma über dieser Dichtung. 

Und noch eines: Die Schicksale berühren uns nicht, 
nur die Linie oder der Ton. Wir haben nie gefragt, W2is die 
verhüllte Frau vor der Villa am Meer bewegen mag. Doch 
fühlen wir die Wehmuth ihrer Linie und die endlose Trauer 
der Landschaft. Auch uns mögen alte englische Schlosser 
mit vergessenen Krypten und gewundenen Verliessen Schauer 
erwecken, doch fragen wir nicht nach dem armen Gefan- 
genen, der hier schuldlos verschmachtet, vielmehr wandeln 
wir durch den welken Park und suchen bemooste, halbzer- 
brockelte Steinbänke auf, ob uns vielleicht aus der Däm- 
merung ein weisser Pfau entgegenträte. Es scheint, dass 
wir an der Oberfläche haften, weil wir »nurc Erscheinungen 
gewahr werden. Aber dies »nurc ist vielleicht unsere Tiefe. 
Was bedeuten Schicksale der Einzelnen, die dem, der nach 
Lebensklugheit trachtet, für den äusseren Verlauf der Dinge 
lehrreich sein mögen, dem, der sich mit der Lehre von der 
Gesellschaft und der Sitte befasst, mit dem Bedingten. Viel- 
leicht dürfte uns mehr, als es das Beobachten zufälliger, selt- 
samer Verschlingungen vermag, wie sie die Romantik liebt, 
das Schauen des Wechsels von Farben und Linien, von 
denen die Geschehnisse nur mögliche Auslegungen sind, und 
des Unwandelbaren in ihnen den ewigen Beziehungen näher 
rücken, einem höheren Sein, welches Gott ist. 

Darum ist unsere Art so aussermoralisch, so unspecu- 
lativ und undialectisch. Wir suchen die Schauer, welche die 
Inder empfinden, wenn sie sich in die Betrachtung der 
Gottheit versenken. Wir suchen eigene Nervenreize, aus deren 
sinnlicher Ordnung wir, gleichsam wie aus Symbolen, ein 
tieferes, unbedingteres Leben ahnen. Darum sind wir so un- 
stofflich und so durchaus künstlerisch. 

Doch dies müssen wir uns gestehen : Es ist weniger der 
Friede selbst, den wir erstreben, als dass uns das Sehnen 
nach jenem Frieden süss erfüllt, gleich wie Hölderlin nicht 



EMPFINDEN DER LANDSCHAFT. 259 

die attischen Gestade zur Zeit atheniensischer Grösse erstehen 
lässt^ sondern einen Jüngling, den die Sehnsucht dorthin ver- 
klärt. Darin sind wir der Romantik nahe. Wir würden das 
Nirwana nicht ertragen können, weil unsere Nerven die 
Keuschheit verlernt haben. 

Die Natur ist uns weiblicher Art, wir wollen nicht ihre 
unbedingte Nacktheit schauen, viel mehr lieben wir sie, wenn 
sie der Schleier der Maja noch halb verhüllt, wenn uns noch 
etwas zu erhoffen übrig bleibt. Wir sehnen uns nach der 
Sehnsucht, wir begeistern uns für die Begeisterung. 

Zweimal bereits wurde in diesen Zeilen Hans Thoma's 
gedacht. Er, den viele altmodisch, nach veralteten Werken 
zurückgreifend nennen, ist derjenige, welcher jener poetischen 
Sehnsucht der modernen Seele am meisten entspricht. Er 
vermag seinen Werken jenen Dichtzauber zu verleihen, der 
der classischen Ruhe und romantischen Bewegung so ent- 
gegengesetzt ist, dem nur einer bisweilen nahe kam, nämlich 
Moritz v. Schwind. Doch dieser haftet noch sehr an den 
Schicksalen des Einzelnen, in welche höhere Mächte ein- 
greifen. Aber bei Thoma gibt es fast keine Nixen, Zwerge 
oder Alräunchen mehr, welche nur leere Allegorien, das 
heisst der kalten Vernunft entstammende Begriffe darstellen. 
Thoma gibt sinnenfällige Symbole in Linie und Ton, welche 
von der frohen Anschauung erkannte Ideen (im Sinne der 
Schule Plato's) bedeuten. Das, was Schwind (gleichwie Bocklin) 
durch Fabelwesen ausdrücken will, das Tiefbelebte, das 
Ueberallsein des Göttlichen, das, was uns beim Flüstern der 
Baumwipfel und beim Rauschen der Wasser erschauern 
macht, das ist nun ganz aufgesogen von den Dingen selbst, 
das spricht nun aus den Linien und Farben der Bäume, 
Flüsse und Thäler. 

So verstehen wir die grosse Sehnsucht des herrlichen 
Knaben, der einsam auf einem Felsen sitzt am Meeresge- 
stade. Leblos erstreckt sich die blaue, unerbittliche Fläche. 
Aber wir verstehen das Leben, welches in jenem schweigenden 
Scheintod liegt, wir verstehen es, ohne dass sich die Geister 
der Einsamkeit etwa in Meergottheiten materialisiren. Und 
so ist es auch auf dem Bild des einsam-traurigen Hirten. 
Warum er traurig ist, fragen wir nicht. Wissen wir doch 

20* 



26o SCHMITZ. 

selbst, dass es hiezu keines anderen Grundes bedarf, als dass 
der Himmel in düsterer Schwermuth leuchte und die müden 
Linien der Ufer und Hügel sich wie in schmerzlicher Sehn- 
sucht dahinziehen. Wozu braucht es da noch der kleinen 
Leiden derlchheit, die uns nie und nimmer gefallen können? 
Wir wollen den Linien und Farben lauschen, die uns belebt 
und fühlend scheinen. Dies aber ist der Zweck der Mal- 
kunst, die durchaus nichts mit Literatur und Allegorie zu 
thun hat, eine Kunst, deren göttliches Wesen erst wenigen 
Deutschen aufgegangen ist. 

Wenn auf dem Bilde »Frühlingc die Beiden so still- 
froh sind, weil die Bäume so zart knospen und der Fluss 
so sanft dahinzieht, weil die Blumen so gelb sind und die 
Baumflote so süsse Töne hat, vor Allem aber, weil man der 
ist, der man ist, ein kleines ahnungsvolles Mädchen oder ein 
junger, verträumter Knabe, was braucht es dann noch 
äusserer Geschehnisse, einer Anekdote? Denn Alles, was 
Einzelfalle von Lenzglück stückweise zum Ausdruck brächten, 
ist hier in seiner Ganzheit gefasst, insoferne nichts individua- 
lisirt, aber Alles möglich gelassen ist. 

Dies aber nährt die Malerei der Musik. Sie überwindet 
vollkommen das Stoffliche und sucht — Verstand und Ver- 
nunft völlig umgehend — allein durch die Sinne Eingang 
in unsere Seele, wie jene durch Ton und Rhythmus, so diese 
durch Farbe und Linie. Dies aber bleiben keineswegs niedere 
sinnliche Reize wie die des Geschmacks, sondern sie werden 
symbolisch, das ist ästhetisch, indem sich in ihnen, mit 
Schopenhauer zu reden, die Welt als Wille offenbart. 



HABERFELDTREIBEN. 

Ueber einen internationalen heidnisch-christlichen Kern in den 

»Haberfeldtreiben« . 

Von Oscar Panizza (zünch). 

Die grobe Unfläthigkeit und starke Lascivität in den oberbayeri- 
schen Haberer-Protokollen war immer ein Gegenstand besonderen Auf- 
merkens bei dem Culturforsdier. 

Man war immer erstaunt, bei einem so einfachen, biederen, von 
der Cultur wenig beleckten^ im Ganzen sittenreinen Stamm, wie den 
Altbayem und den Bewohnern des bayerischen Gebirges, eine derartig 
starke Betonung und rücksichtslose Hervorkehrung erotischer Be- 
ziehungen in ihren Rügewerden, in den »Haberer«-Protokollen ihrer 
Sittengerichte zu finden. 

Wir sind dergleichen doch eigentlich nur von den Franzosen 
gewöhnt, und hier in der denkbar feinsten und geschmackvollsten 
Form, während die deutschen Stämme durchwegs eine schon von 
Tacitus ihnen zugesprochene grosse Portion von Schamhaftigkeit ver- 
hinderte, erotische Beziehungen aufzudecken. Und die Fähigkeit oder 
vielmehr Unfähigkeit, erotische Empfindungen glücklich auszudrücken, 
oder das sexuelle Leben zum Hauptgegenstand eines ästhetischen Inter- 
esses zu machen, ist eigentlich auch heute noch das Signum der deut- 
schen Literatur. Wie kommt — frug man sich — eine so urkräftige, 
durch keinen Einschuss fremden Blutes verdorbene, bis vor Kurzem fast 
abgeschlossen in ihren Bergen wohnende Bevölkerung dazu, in ihrem 
Rügeverfahren das Aufdecken von geschlechtlichen Beziehungen direct 
zum Hauptgegenstand des Interesses zu machen, und in der Lust, 
diese Beziehungen breitzutreten und in grausamer Deutlichkeit bei 
ihnen zu verweilen, geradezu zu excediren ? — 

Bevor wir jedoch der Sache auf den Grund zu kommen suchen, 
müssen wir an einige Erscheinungen erinnern, die uns zeigen werden, 
dass das Verhöhnen in geschlechtlichen Dingen und das Einander- 
Nachstellen der Menschen in sittlichen Vergehen ein internationaler 
Gebrauch war, der zum Theil heute noch besteht. So war das Charivari 
in Frankreich ein direct obscönes Spiel, eine Radau-Aufführung in 
dunkler Nacht, wobei man in Verkleidungen, mit geschwärzten Ge- 
sichtern und unter Aufführung eines entsetzlichen Lärms vor das Haus 
der Braut oder des jungen Ehepaares, auch der sich wiederverheira- 
tenden Witwe zog und unter Absingen zotiger Lieder der jungen 
Dame die gemeinsten Anklagen ins Gesicht schleuderte, Anklagen, die 
sich nicht auf gewisse Vergehen, sondern einfach auf die Thatsache der 



202 PANIZZA. 

Verheiratung, des Eingehens eines sinnlichen Verhältnisses bezogen. Man 
hat keine Ahnung, wie dieses Charivari — unser Wort Charivari, Uhr- 
gehange, welches die französische Sprache nicht kennt, ist offenbar ans 
dem klirrenden Geräusch der metallenen Anhängsel hergenommen, 
denn Charivari bedeutet ursprünglich Lärm — man hat keine Ahnung, 
wie dieses sittenverhöhnende Charivari entstanden ist, auf welcher 
Basis es sich ausbildete, welches Motiv eigentlich in ihm steckte; man 
weiss nur aus den strengen kirchlichen Verordnungen dagegen, dass 
es vom XIV. bis XVII. Jahrhundert bestand. Es war eine ganz feste 
Einrichtung. »Les attentions de votre belle-soeur pour son jardinier 
sont publiques dans le village; et on leur pr6pare le r^al d'nn petit 
charivari . . . . « heisst es noch in einem Lustspiel von Dancourt am 
Ende des vorigen Jahrhunderts. Wer sich fürchtete, konnte sich los- 
kaufen »en donnant quelquechose ä la Canaille«. Phillips, der eine 
hübsche Abhandlung darüber geschrieben, sagt: »Ueberall tritt als 
wesentlicher Charakter des Spiels die Obscönität hervor.« Auch in 
England kannte man und kennt man noch die rough music, die 
Katzenmusik, mit Kesseln, Bratpfannen, Schüreisen u. dgl, dort be- 
sonders angewandt gegen Eheleute, die sich schlecht vertragen, oder 
wenn ein sehr alter Mann ein sehr junges Mädchen heiratete oder ein 
Neger eine Weisse zur Frau nahm. Im vorletzten Fall wird die Katzen- 
musik auch in Italien aufgeführt und heisst dort scampanata. Auch in 
Lübeck finden wir eine Verordnung aus dem XV. Jahihundert, 
welche das Verspotten und Lärmen vor den Thüren Sichwiederver- 
heiratender verbietet : »de Wedewen by der Brutnacht nicht tho höhnen, 
nach en Grael (Grölen) mede Schalmeyen vor de Döre tho make, by 
Pene des Rades.« — Aber hier in der Schweiz bestand noch vor circa 
30 Jahren die vollständige Sitte des Charivari; der Redacteur der 
»Züricher Post«, Reinhold Ruegg, erzählt mir, dass er als Knabe einen 
Aufzug mitgemacht habe, ohne damals zu wissen, um was es sich 
handle, wobei ein Haufen Männer und Weiber am Vorabende des 
Hochzeitstages unter Absingen garstiger Lieder vor das Haus der Braut 
gezogen sei und ihr in höhnischer und unfläthiger Weise ihren neuen 
Stand unter Aufdeckung der geheimsten Beziehungen vorgehalten habe ; 
auch auf ihr angebliches oder wirklidies Vorleben bezügliche Dinge 
und Vorkommnisse wurden hier in brutalster Weise kundgegeben. Dabei 
war der ganze Platz vor dem Haus und alle angrenzenden Strassen 
zum Ausdruck der Verachtung mit Sägespänen bestreut. Spreu, Säge- 
späne, Kleie, Häckerling galten als Abfallstoffe seit urdenklichen Zeiten 
als Ausdruck der Verächtlichmachung. »In Frankfurt» — erzählt Sepp 
— »diente das Häckselstreuen im XVII. Jahrhundert zur Verhöhnung 
bei der Hochzeit.« Am Niederrhein wurde der bräudichen Witwe 
Häcksel gestreut, wenn sie ihren ersten Mann nicht ordentlich be- 
handelt hatte. In Kissingen und Umgebung wurde bis vor Kurzem 
anrüchigen Mädchen Häckerling vor dieThüre gestreut, und zwar am Samstag, 
damit es am Sonntag die Leute alle sehen. Wie sehr es aber in 
solchen Fällen rein auf die Verächtlichmachung des erotischen, des 



HABERFELDTREIBEN. 2Ö3 

sinnlichen Princips abgesehen war, zeigt die Sitte in Oberschwaben. 
Dort wurde der Hochzeiterin von ihrem Hause bis zum Stall des 
Dorfhagen (Zuchtstiers) Spreu gestreut (Sepp). Das war gewiss deutlich. 

Auch das »Märzrufen«, das Tratto Marzo, am Gardasee und in 
den anstossenden Bergen gehört hieher. Dort werden in den ersten 
Tagen des März bei einbrechender Dunkelheit von unbekannter Stimme 
vor den versammelten Bewohnern des Städtchens die bekannten und 
heimlichen Liebespaare des Ortes ausgerufen, wobei die Volksmenge 
unter Gelächter und Witzen ihre Glossen dazumacht, die Paare 
applaudirt oder als nicht statthaft zurückweist. Auch hier fallen rohe 
und obscöne Bemerkungen, die schliesslich zur Hauptsache werden. 
Auch hier hat die Regierung vergeblich gesucht, die uralte Sitte, die 
schon Horaz kannte, abzustellen. 

Schliesslich dürfen wir aber unsere »Polterabende« nicht Über- 
gehen. Es handelt sich doch auch hier um eine mehr weniger härm« 
lose Neckerei der Brautleute, um das Anrussen der Gesichter beim 
»Schwarz-Peter «-Spiel, um allerlei Schelmenstücke, bei denen immer 
wieder das Brautpaar die Zielscheibe des Spottes ist, und um lärmendes 
Austoben der jungen Leute und Sichgehenlassen, wobei die Grossen 
selbstgefällig zuschauen. Also eine Art Salon- Charivari. Aber doch Chari- 
vari. Doch ein kleines Haberfeldtreiben. 

Was hat das nun Alles für einen Smn? Auf welchem religiösen, 
sittlichen, Gewohnheits- oder humoristischen Motiv baut sich dieses 
Hänseln, dieses Necken von Liebesleuten auf? Dieses Verächtlich- 
machen des hedonistischen Princips? Auch wir, wir Alle, wenn uns 
Jemand sagt, dass er sich verlobt habe, haben da ein höhnisches 
Grinsen in Bereitschaft. Was gibt es da zu lachen? Ja, wir lachen 
Alle und wissen nicht warum. Steckt da irgend ein todter, psycholo- 
gischer Kern in uns, dessen wir nicht bewusst werden? Warum ver- 
höhnen wir unsere Nebenmenschen, wenn der heiligste und gewaltigste 
Naturtrieb sie zu einander führt, in einer Situation, die die alten 
Culturvölker, die Griechen, die Römer, zu den keuschesten und 
ernstesten Symbolen und Mythen umgebildet haben, und aus der sie 
die unvergleichliche Gestalt der schaumgeborenen Anadyomene er« 
stehen liessenl — 

Sehen wir zul 

Wenn wir die »Haberfeldtreiben«, von denen wir hier aus- 
gegangen sind, nach ihrer Entstehung rückwärts verfolgen — ich habe 
in einer soeben bei S. Fischer, Berlin, erschienenen Schrift »Die Haber- 
feldtreiben im bayerischen Gebirge, eine sittengeschichtliche Studie«, 
diesen Gang versucht — dann stossen wir auf die ältesten heidnisch- 
christlichen Schnittergebräuche bei der Halmemte, besonders bei der 
Hab er ernte, und hier finden wir eine Reihe von Spielen und 
Scherzen — ein »Treiben« auf dem Haberfelde — die eine ausge- 
sprochene Verhöhnung in Hinsicht geschlechtlicher Dinge, in Hinsicht 
des Liebesgenusses zum Inhalt haben: eben jener internationale heid- 
nisch-christliche Kern, der im »Haberfeldtreiben« steckt, und zu dem 



264 PANIZZA. 

wir oben so viele Parallelbeispiele aas allen Ländern bis in die neueste 
Zeit anführen konnten. 

Es war nämlich Sitte, dass, sobald der letzte Drischelschlag auf 
der Tenne erklungen oder der letzte Halmbock auf dem Aehrenfelde 
gebunden, die letzte Garbe gemäht war, derjenige, der den letzten 
Schlag gethan, den letzten Sensenhieb geschwungen, zum Gegenstand 
Von Hänseleien, versteckten Anklagen und beleidigenden Verfolgungen 
gemacht wurde, die alle einen stark erotischen, um nicht zu sagen 
obscönen Charakter haben und in denen eine directe Verhöhnung und 
Beschimpfung jedes Liebeslebens, einerlei, ob legalen oder illegalen, 
zum Ausdruck kommt. Es wurde ein Kranz aus Haberstroh gebunden, 
ihm, dem Unglücklichen, auf dem Rücken befestigt und er unter Ge- 
schrei und Verspottung durchs Dorf gefuhrt oder gejagt. Man sagte, 
»er hat die Sau bekommen«. Oft konnte er noch versuchen, den 
Schimpf von sich abzulenken, indem er den symbolischen Strohbund 
Anderen aufband. In diesem Falle wurde aus Stroh eine kleine Sau 
geflochten, sie durch Steine beschwert, damit man sie schleudern 
konnte, in die Schleuder noch geschriebene Reimpaare unzüchtigen 
Inhalts, welche sich auf die Liebschaften oder das Eheleben Jener 
bezog, auf die es gemünzt war, mithineingebunden, oft auch noch das 
KLartenblatt, die Herz-, Eichel-, Gras- oder Schellen-Sau mithinein- 
versenkt und das Ganze in eine Scheuer geworfen, in der eben noch 
die Drescher bei der letzten Arbeit waren. Dies nannte man »die Sau 
vertragen«, und es galt als schwere Beschimpfung. Denn auch ohne 
die anzüglichen Reime — hier liegt die Genese der Habererverse — 
war das pure Hineinwerfen der »Sau« eine insolente Anklage und voll 
der schmutzigsten Anspielungen. 

Gelang es dem Werfenden, so rasch zu entfliehen, dass er nicht 
mehr eingeholt werden konnte — und oft hatte er sich eigens zu 
diesem Zweck em Pferd bereitgestellt — dann hatten d i e, die Drescher 
in der Scheune, »die Sau bekommen« und wurden ihrerseits gehänselt 
und ausgelacht. Wurde der Uebelthäter eingeholt, dann ging es ihm 
schlimmer als zuvor. Er wurde im Gesicht geschwärzt, mitUnrath be- 
strichen, ihm die »Sau« neuerdings auf den Rücken gebunden und er 
aufs Neue dem allgemeinen Gespötte preisgegeben. Es war ein Spiel, 
ein loses »Treiben«, aber voll böser Hintergedanken und grausamer 
Anspielungen. Abends beim Dreschermahl, welches der Bauer besonders 
reich anrichtete, kam eine Schüssel mit Krapfen auf den Tisch. Einer 
derselben hatte die Gestalt einer Sau. Und eben diesen bekam der 
Unglückliche, der schon am Nachmittag hineingefallen war, unter 
grossem Geschrei und Hailoh der Tischgesellschaft zugesprochen. 

Panzer in seinen »Bayerischen Sagen und Bräuchen«, München 
1855, Band 11, Seite 214 — 236, konnte noch um die Mitte dieses 
Jahrhunderts aus einer grossen Anzahl von schwäbischen, bayerischen 
und fränkischen Ortschaften das Fortbestehen dieser Schnitter- und 
Dreschergewohnheiten melden. Unter den mannigfachsten Variationen 
tritt an Stelle der Sau oft der Bock, der Hahn, die Gais — aber. 



HABERFELDTREIBEN. 265 

wie schon der Charakter dieser Thiere ergibt, immer sind es Anzüg- 
lichkeiten und Verspottungen im Hinblick auf das sexuelle Leben der 
Menschen, um die es sich hier handelt. — Dies ist nun jenes inter- 
nationale heidnisch-christliche Element, welches bei allen Völkern des 
Abendlandes, wo sich nur immer bei Ceremonien Anlass gibt, wieder- 
kehrt, welches im Charivari, in der rough musik, in der Scampanata, 
im »Märzrufen« sich findet, und welches in einigen bayerischen 
Gegenden eine so rüde Form angenommen hat. — Und dies ist anderer- 
seits sittengeschichtlich der Ausgangspunkt für die »Haberfeldtreiben«. 
Das Wort deutet noch auf die Haberemte und die Schnittergebräuche. 
Aber diese wurden immer mehr verlassen, und die rügenden Reim* 
paare mit erotisch-beschimpfendem Inhalt, wie sie in der Strohschleuder 
eingewickelt waren, blieben im Vordergrund des Interesses. 

Gehen wir nun, nach weiterer Aufklärung suchend, von den 
Haberfeldsitten, von dem Treiben und Thun bei der Halmemte noch 
weiter zurück, ms Heidenthum selbst, dann treffen wir, wenn auch nur 
durch spärliche Züge angedeutet und in wenigen Quellen fassbar, auf 
einen Götterdienst, auf einen Gottesdienst auf dem Felde, auf einen 
Opferdienst für die Götter nnd Göttinnen der Fruchtbarkeit, des Emte- 
segens, der Fortpflanzung unter Menschen und Thier, der Erweckung 
der Liebesgefiihle bei den Menschen, der aufsteigenden Frühlingssonne 
mit ihren keimenden Saaten und dem sprossenden Grün, auf eine Natur- 
verehrung, auf einen Ernte- und Dankgottesdienst auf dem Felde voll 
der feierlichsten Formen. Hier treffen wir auf Wotan, den Allvater, 
für dessen Schimmel die letzten Haberhalme stehen bleiben, weshalb 
der letzte Sensenschlag eine so symbolische Bedeutung gewinnt; auf 
Donar, den Regen- und Gewittergott, der die Felder befruchtet, auf 
Freyr, den Liebesgott, largiens voluptatem hominibus, der die Wol- 
lust gewährt. Alles bekommt jetzt einen ganz anderen, vornehmeren, 
seriöseren Charakter. Das Zeugungsprincip, als das elementarste Wollen 
im Menschen wie in der Natur, wird abgöttisch verehrt, aber in rein 
naiver Schätzung, mit der Lust eines Naturkindes. Alle die stark 
sexuellen Thiere, der Bock, die Sau (der Eber), der Hahn, die oben 
eine so hässliche, anzügliche Rolle spielen, wir finden sie hier als die 
Vertreter der heiligsten Götter. Böcke ziehen den Donnerwagen des 
Gewittergottes; ihre Hörner werden vergoldet. Der goldborstige Eber 
ist das Sinnbild Freyr's, und bei Hochzeiten wird, weit entfernt von 
anzüglichen Schmähungen, Freyr's, des Gottes der Fruchtbarkeit, ge- 
dacht und sein Segen unter wärmster symbolischer Darstellung und 
Verehrung seiner Naturkraft erfleht. Diese Thiere wurden auf dem Felde 
den Göttern als Opfer dargebracht, das Blut auf der Ackererde aus- 
gegossen, das Fleisch von den Feiernden als Festbraten gegessen. Und 
wie man für den Grott von der Halmfrucht stehen liess, so goss man 
auch von dem Getränk, welches man für die Festlichkeit gebraut hatte, 
für die Götter als Libation auf den Boden. Diese iBockopferc konnte 
Sepp noch im Jahre 1854 als Osterfeierlichkeit in der Jachenau, 
emem Seitenthal des Isarwinkels, nachweisen. Die Homer des Thieres 



266 P ANIZZA. 

wurden vergoldet, und das Getränke, welches man zu dem Festbraten 
verarbeitete, hiess — Bock (daher der Name für eine heute noch so 
genannte Biergattung. ^) Ueberall finden wir im alten Hddenthum eine 
heiter-naive Verehrung des Zeugungs- und Fruchtbarkeitsprindps, eine 
stille Bewunderung der geheiomissvollen Macht, die spriessen und 
sprossen lässt, eine lautere, reine Auf!assung, wie man sie heute noch 
beim Bauern beobachten kann, weit entfernt von Spott oder höhnischen 
Nebengedanken. So wenig hätte das Heidenthum einen Spott Über die 
sich in Liebe zugethanen Menschen verstanden, dass im Gegentheil 
diejenigen Mägde, >quae innuptae ad enm diem mansissent,c die 
unverheiratet geblieben waren, auf einen bestimmten Tag von den 
Buben des Ortes auf einen Pflug gesetzt und als Strafe zur Schau ge- 
führt wurden, eine Sitte, von der noch Hans Sachs erzählt und die 
sich auch auf der alten Leipziger Fastnacht erhalten hatte. ^ Und be- 
kannt ist das sagenhafte, auf Rädern gezogene Schi£f der altdeutschen 
Göttin der Fruchtbarkeit, welches noch im Jahre 1133 von Aachen 
nach Mastricht gezogen wurde, dort mit Mastbaum und Segel ge- 
schmückt >im ganzen Land herumzog, überall unter grossem Zulauf 
und Geleite des Volkes ; wo es anhielt, war Freudengeschrei, Jubelsang 
und Tanz um das Schifif hemme. Wir haben die von hässlichen Zuthaten 
und Entstellungen nicht freie Beschreibung des Aufzuges nur aus der 
Feder emes christlich-fanatischen Mönchs. Er sagt, beim ersten Tönen 
der auf dem Wagen erklingenden Geigen und Zimbeln, welches das 
Herannahen des Schiffes der Göttin verkündigte, seien die Mädchen 
halbnackt und mit aufgelösten Haaren aus den Betten herbeigesprungen 
und hätten sich bis in die sinkende Nacht mit den Buben und den 
Reisenden auf dem Schiff erlustigt. Jede Ortschaft habe es als eine 
Ehrenpflicht angesehen, das Schiff der Göttin, welches in ihnen die 
heiligsten Erinnerungen an die ehemaligen Umzüge der Felder- und 
Emtegottheiten weckte, so festlich wie möglich zu empfangen und 
nach gemessenem Aufenthalt durch den Bezirk zu geleiten. Der christ- 
liche Geschichtsschreiber kommt fast ausser sich vor Entrüstung : »Papel 
Quis vidit unquam tantam in rationalibus animalibus brutalitatem ? Qaas 
tantam in renatis in Christo gentUitatem?« Er bezeichnet es als einen 
teuflischen Aufzug, »diaboli ludibriumc, einen Spuk böser Geister, 
»malignorum spirituum simulacrumc, und nennt es direct »Schiff der 
Venus €.^ Mit so naiver Freude hing noch im XII. Jahrhundert das 
Volk an seiner alten, reinen und freien NaturaufTassung. 

Was ist nun inzwischen erfolgt? Der Einzug des Christenthums, 
die Verdammung aller reinen Freude am Natürlichen und die Stig- 
matisirung der sinnlichen Lust als sündigen Geschehens. Die alten 
Götter müssen den Himmel räumen und finden nur als trübselige, 
geknechtete Gestalten im »wilden Heere unter Anfuhrung des Teufels 



>) Sepp ]„ Die Religion der alten Deutschen. Manchen 1890. S. 141. 
») Grimm J., Deutsche Mythologie. IV. AuR. Berlin 1875. S. «13—219. 
») Grimm J., a. a. O. S. 214 ff. 



HABERFELDTREIBEN. 267 

Aufnahme. Das Geschlechtsleben wird jetzt von Origines ex Cathedra, ob 
in oder ausser der Ehe, für sündhaft und teuflisch erklärt. Das Weib 
wird jetzt direct eine Creatur des Teufels, eine »schöne Teufelinnec, 
wie sie im Tannhäuserliede heisst. Sie darf nicht die Klosterschwelle 
überschreiten. Sie darf (heute noch) nicht mit dem Papst zu Tische 
sitzen. Nur im Stande der absoluten Jungfernschaft kann sie sich 
einigermassen in Achtung setzen. Wollust im Geschlechtsleben ist nur 
erlaubt, wenn die Absicht auf Nachkommenschaft dabei vorhanden ist. 
Sonst Todsünde. Die Menschen werden belehrt, dass sie hier auf 
Erden nichts, im Himmel Alles zu suchen haben. Die Thiere auf dem 
Emtefelde, die dem Cult der Fruchtbarkeit gedient hatten, kommen 
natürlich jetzt in eine klägliche Stellung. Freyrs Thier, der Bock, 
wird zum lasterhaften Scheusal und zum Vertreter des Bösen auf 
dem Blocksberg ; und die Feder des Hahns steckt sich der Teufel selbst 
auf den Hut. Aber so eingewurzelte Gewohnheiten und liebgewordene 
Opferungen lassen sich nicht von heute auf morgen entfernen. Und da 
man die Thiere — Bock, Sau, Hahn — nicht mehr ernst nehmen kann, 
so nimmt man sie spasshaft. Und nun beginnt jenes gemeine, obscöne 
Spiel auf dem Erntefelde mit seinen widerlichen Andeutungen und 
schmutzigen Verstecktheiten, jene Verhöhnung aller erotischen Be- 
ziehungen im Menschen, die zum »Haberfeldtreibenc, zur Verspottung 
der Ehe im französischen »Charivaric, zu den tollen Aufzügen und 
Katzenmusiken auf englischem Boden fährten. Denn die reine Freude 
am Naturgeschehen war unterbunden worden. Irgendwo aber will die 
Natur hinaus. Und da sie nicht nach oben konnte, als Idee der Lust 
und Freude, so ging sie nach unten und ward gemein. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER. i) 

Von Dr. Carl du PREL (München). 

I. 

Das Teleskop hat unseren Gesichtssinn erweitert, und diese blosse 
künstliche Steigerung eines bereits vorhandenen Sinnes hat eine Wissen- 
schaft geschaffen, die in Bezug auf die Sicherheit ihrer Ergebnisse und 
ihre Bedeutung für unser Weltbewusstsein den ersten Rang einnimmt: 
die Astronomie. Was erst würde geschehen, wenn uns ein ganz neuer 
Sinn verliehen würde? Es würde eme ganz neue Wissenschaft ent- 
stehen, deren Umfang und Bedeutung aber wir nicht einmal ahnen 
können. Nehmen wir an, wir hätten nur vier Sinne, und der des Ge- 
ruches ginge uns ab; es lebte aber unter uns ein Mensch, der mit 
einem ausserordentlich feinen Geruchssinn ausgestattet wäre. Dieseif 
Mensch würde Fähigkeiten zeigen, die uns ganz unbegreiflich wären. 
Mit verbundenen Augen in einen Garten geführt, würde er die Blumen 
bezeichnen können, als den Inhalt einer verschlossenen Schachtel könnte er 
Moschus angeben und der Spur eines Vermissten könnte er mit der Sicher- 
heit eines Jagdhundes folgen. Die Gelehrten würden sagen, dass solche 
Leistungen den Gesetzen der Physiologie widersprechen, dass also jener 
Mensch ein Schwindler sei, die Ungelehrten aber würden ihn für einen 
Zauberer halten. 

In dieser Weise sind auch die Somnambulen beurtheilt worden, 
als man ihre merkwürdigen Fähigkeiten kennen lernte. Im Alterthum 
hielt man sie fdr göttlich inspirirt, die Kirche im Mittelalter schrieb 
ihnen dämonische Eingebungen zu, und die Gelehrten der Neuzeit 
nennen sie kurzweg Schwindler. In Wahrheit aber lassen sich die 
Fähigkeiten der Somnambulen naturwissenschaftlich erklären, wenn wir 
ihnen einen sechsten Sinn, den für das Od, zusprechen. Die Somnam- 
bulen sind aber nicht einmal Ausnahmswesen, denn ähnliche Fähig- 
keiten zeigen sich nicht nur in verschiedenen Instincten der Thiere, 
sondern auch beim Menschen, sogar im Wachen, wo sie sich als 
Idiosynkrasien, als Sympathien und Antipathien geltend machen. Im 
Normalzustand bleibt dieser Sinn latent; der Somnambule erwirbt sich 
nicht einen völlig neuen Besitz, sondern unterscheidet sich von uns nur 
dadurch, dass der odische Sinn bei ihm über die Empfindungsschwelle 
gehoben wird, also zu abnormen Kenntnissen Anlass gibt. Diess aber 
ist die Grundlage für eine völlig neue Wissenschaft, welche das nächste 



^) Wir geben diesen Aasfahrangen mit der bestimmten Hofifnnng Raum, 
dass sie auch bei der grossen Mehrzahl Jener Interesse finden werden, die dem 
Occultismus ablehnend oder fremd gegenüberstehen. D, Red. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER. 269 

Jahrhundert erforschen wird, in Bezug auf welche aber schon längst 
von den Somnambulen als Lehrern Manches ausgesagt worden ist, 
was verwerthet werden könnte. 

Durch magnetische Striche eingeschläfert, zeigen sich die 
Somnambulen, indem ihr sechster Sinn über die Schwelle tritt, odisch 
empfänglich und orientirt. In Beurtheilung odischer Verhältnisse sind 
sie wie zu Hause, und zwar zunächst in Bezug auf den Magnetiseur, 
in welchem sie ihre Odquelle sehen, aus der sie schöpfen können. 
Sie sehen und fühlen die odischen Ausströmungen seiner Hände. £me 
Sonmambule hielt ihre Hände gegen den Magnetiseur wie vor einem 
Ofen, an dem man sich wärmen will, und dann machte sie geschickte 
Striche über ihren eigenen Leib.^) Es gilt geradezu von allen Sonmam- 
bulen, dass sie den animalischen Magnetismus aufs Höchste preisen, 
der allein sie gesund machen könne; dagegen sprechen sie durchwegs 
sehr respectlos von der Medicin und verwerfen fast alle Medicamente. 
Das medicinische System der Somnambulen, in wenige Sätze zusammen- 
gedrängt, würde lauten: Das Leben kann nur verliehen werden vom 
Leben. Nicht durch Pflege des Leibes und der Krankheitsursachen 
oder gar der blossen Symptome kann eine Krankheit gehoben werden, 
sondern nur durch Pflege der den Lebensprocess unterhaltenden Kraft, 
welche, wenn genügend verstärkt, als Naturheilkraft auftritt und die 
Krankheit auch ohne Medicamente beseitigt. Nur die Gesundheit kann 
Gesundheit verleihen. Wenn ein Kranker mit einem Gesunden durch 
Magnetisiren in Verbindung tritt, findet ein Ausgleich ihrer Lebens- 
kraft statt; der Gesunde gibt Lebenskraft ab, der Kranke nimmt sie 
auf. In diesen Sätzen ist nur zusammengezogen, was in hundert 
Büchern verstreut, als Aeusserung der Somnambulen vorkommt. 

Während wir nur unser Gehimbewusstsein haben, hat der 
Somnambule sein Seelenbewusstsein, welches über ersteres hinausreicht. 
Die organischen Functionen, die uns unbewusst bleiben, sind ihm be- 
wusst. Die in ihm thätige Lebenskraft erkennt er als gebunden an 
ihren materiellen Träger, das Od. Der Lebensprocess ist ihm odische 
Bewegung; wenn diese in beweglichem Gleichgewicht sich vollzieht, 
ist Gesundheit, wenn und wo sie gestört wird, ist Krankheit vorhanden. 
Von diesen Bewegungen kann er nicht bloss, weil er sie fühlt, Rechen- 
schaft geben, sondern für ihn wie fiir Sensitive überhaupt sind die 
odischen Vorgänge auch noch mit Lichtphänomenen verbunden, er 
nimmt also die innere Selbstschau vor, seine Aütodiagnose. Die ge- 
sunden Organe sieht er leuchtend, die kranken dunkler; nach den 
letzteren die Lebenskraft zu leiten und das odische Gleichgewicht 
wieder herzustellen, dies erkennt er als das Mittel seiner Genesung. 
Er fühlt und sieht also, was wir nicht fühlen und nicht sehen, darum 
sind seine Aussagen verlässiger als die des Arztes, dessen Diagnose 
nur auf unsicheren Schlüssen von der Wirkung auf die Ursache 
beruht 



^) Deleaze: hist. critiqne da mago. animal. I. 240. 



270 DU PREL. 

Für den Somnambulen ist es die reine Thorheity den animalischen 
Magnetismus zu leugnen, und auch die Streitigkeiten innerhalb der 
magnetischen Schulen vermag er zur Entscheidung zu bringen. Mesmer 
hat Alles aus dem magnetischen Fluidum erklärt, Andere haben im 
Willen des Magnetiseurs das wirkende Princip gesehen. Der Somnam- 
bule würde sagen, dass beide Factoren zusammenwirken : der Wille des 
Magnetiseurs wirkt nicht direct, sondern als Hebel, der das magnetische 
Fluidum zur Ausströmung bringt und leitet, wohin er will. Dies ist 
sogar die wörtliche Aussage einer ungebildeten Somnambulen.^) 

Die Somnambulen sind orientirt über die Verwendungsart der im 
Magnetiseur liegenden Kraft. Sie wissen es, weil sie es fühlen, wie man 
zu magnetisiren hat, und wie speciell sie zu magnetisiren sind. Jussien, 
einer der Commissäre, welche Mesmer's System zu prüfen hatten, der 
aber den oberflächlichen Rapport dieser Commission zu unterschreiben 
sich weigerte, sah bei der gemeinschaftlichen Behandlung der Kranken 
am Mesmer'schen Baquet einen jungen Mann, der häufig in Somnam- 
bulismus verfiel, dann stillschweigend im Saale auf und ab ging, und 
die Kranken berührte, die dann häufig ebenfalls somnambul wurden, 
und deren Krisen er dann, ohne Concurrenz zu dulden, zu Ende führte. 
Wenn er erwachte, erinnerte er sich nicht mehr an das Geschehene 
und wusste nicht mehr, wie man magnetisirt.^ Die Somnambulen be- 
stimmen die Zeit, wann sie magnetisirt werden sollen, wie oft es zu 
geschehen hat, die Anzahl und Richtung der Striche, und wechseln in 
allen diesen Bestimmungen je nach dem Fall, während selbst der beste 
Berufsmagnetiseur nur allgemeine Regeln hat und erst aus der Er- 
fahrung die individuelle Behandlungsweise kennen lernt. Für die Som- 
nambulen gibt es in dieser Hinsicht weder Scrupel noch Zweifel Eine 
Somnambule, gefragt, ob sie magnetisiren könne, bejahte, und auf die 
weitere Frage, woher sie diese Kenntniss habe, entgegnete sie: von 
mir selbst. Aufgefordert, ihre Mutter zu magnetisiren, that sie es in 
einer dem Magnetiseur selber unbekannten Weise und zeigte ihm, wie 
er sein Verfahren verbessern könne. ^) Olivier beschreibt, wie ein zehn- 
jähriges Mädchen, das an Ankilosis litt und auf Krücken ging, im 
Somnambulismus sich selbst magnetisirte, massirte und in der zweck- 
mässigsten Weise behandelte. Ein Kranker, der jahrelang eine Moorcur- 
behandlung von den unheilvollsten Folgen durchgemacht hatte, wurde 
schliesslich magnetisirt. Im Somnambulismus nun wühlte er mit den 
Händen in seinen Haaren und seinem Bart, wie um eine Moorcurausdünstung 
herbeizufuhren, und es geschah mit Erfolg, so dass das ganze Zimmer 
von dem Geruch erfüllt war. Eine andere weibliche Kranke verfuhr 
von selbst ganz in der gleichen Weise.*) Dieses Beispiel ist sehr lehr- 
reich: das Wühlen in den Haaren konnte offenbar nur eine odische 
Verflüchtigung herbeiführen, und diese Kranken drückten also durch ihr 



^) Mittheilnngen aus dem Schlafleben der Somnambale Auguste R, 256. 
*) Jussien : Rapport de Tun des commissaires. 10. *) Annales du magn^tisme animal, 
VII., 161-163. *) Olivier: Trait^ de magn^tisme, 490, 497. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER. 27 1 

instinctives Verhalten aus, dass es bei schädlichen Substanzen auf die 
odischen, nicht chemischen Qualitäten ankommt, was logischerweise 
auch auf die wohlthätig wirkenden Substanzen, also auf die ganze 
Medicamentenlehre ausgedehnt werden muss. Die Pharmakochemie muss 
also durch eme Pharmakodynamik abgelöst werden, von der wir aber 
noch nicht einmal die Anfiüige besitzen. 

Im vergangenen Jahrhundert wurde Puys^gur von einem somnam- 
bulen Knaben über verschiedene Methoden des Magnetisirens belehrt, 
die ihm fremd waren, und dass es schädlich sei, den Magnetiseur zu 
wechseln. Ganz in Uebereinstimmung mit Mesmer gab dieser Knabe 
an, dass die stärkste magnetische Kraft im Daumen liege, sodann im 
kleinen Finger, eme noch schwächere im Zeige- und Ringfinger, und 
dass der Mittelfinger indifferent sei.^) Von einem somnambulen Bauern 
erfuhr es Puys^gur zuerst, dass es nicht immer nöthig sei, die Kranken 
zu berühren, und dass man auch durch den Blick und den Willen 
magnetisiren könne. ^ Er nennt diesen Bauer den bomirtesten der ganzen 
Gegend; wenn er aber im Somnambulismus sei, erhalte er von ihm die 
klügsten, tiefsten und hellsehendsten Aufschlüsse.^) Als er ihn einmal 
befragte, wie er bei geschlossenen Augen seine inneren Organe sehen 
und die Natur seines Leidens beurtheilen könne, verlangte dieser Bauer, 
die ganze Nacht hindurch im Somnambulismus gelassen zu werden; 
das würde ihm gut thun, und wenn man ihm Papier und Tinte gäbe, 
würde er die Fragen schriftlich beantworten. Puys^gur Hess ihn ohne 
Licht im Zimmer und schloss es ab. Die Abhandlung, welche der Bauer 
niederschrieb, ist seitenlang und trotz einiger Dunkelheiten ganz inter- 
essant zu lesen.^) Eine weibliche Somnambule ist es, die ihn über die 
magnetische Anziehung des Magnetisirten durch den Magnetiseur be- 
lehrte. Dr. Pichler sagt, dass seine Somnambule Über den Magnetismus 
und die dem Magnetiseur nöthigen Eigenschaften viel besser gesprochen 
habe, als er selbst es hätte thun können.^) Eine andere gab eine so zu- 
sammengesetzte magnetische Behandlungsweise fUr sich an, dass der 
Magnetiseur Mühe hatte, sie zu verstehen und zu behalten.^) 

Die magnetische Femwirkung, die erst in neuerer Zeit wieder in 
exacter Weise constatirt wurde, war im Anfang des Jahrhunderts schon 
sehr wohl bekannt, und Somnambule sind es, welche die Anleitung 
dazu gegeben haben. Eine solche gab ihrem Magnetiseur das Verfahren 
an, wie sie aus der Feme eingeschläfert werden könne. Ihre Vor- 
schriften kamen ihm lächerlich vor, aber der Erfolg zeigte, dass sie 
auf die angegebene Weise sogar schneller eingeschläfert werden konnte 
als durch unmittelbare Berührung. Wenn er an diesem Verfahren das 
Geringste vergass oder veränderte, blieb der Erfolg aus.'') 



^) Pays^gur: M^moires, 316—319. *) Pays^gnr: Recherches, 206. *) Pay- 
a6güx: M^moires, 26, 27. ^) Pays^gnr: Da magn^tisme animal, 194 — 199. ') Ex- 
pos^ des diffiSrentes eures op^r^es depnis 1785, 2öl. ^ Archiv fär thierischeo 
Magnetismus. X., 1, 108. ^ Archiv X., 1, 124-127. 



272 DU PREL. 

Die besten Magnetiseure sind die Somnambulen selbst; ihre mag- 
netische Einwirkung ist viel intensiver als die des besten Magnetiseurs.^) 
Der Unterschied ist so aufiallend, dass er schon sehr früh bemerkt 
wurde. Tardy sagt, dass seine Somnambule genau angab, wie sie magne- 
tisirt werden sollte; als sie ihn einst selber magnetisirte, wurde sie 
somnambul, und nun fuhr sie mit geschlossenen Augen fort, es viel 
besser und wirksamer zu thun als vorher im Wachen. Sie ist es auch, 
welche die richtige Erklärung dieses Phänomens gegeben hat: den 
Monoideismus. Sie sagte nämlich, dass die Somnambulen ihre Gedanken 
ausschliesslich darauf richten, Gutes zu thun, dass sie durch nichts 
zerstreut und ganz auf den Patienten concentrirt sind.^ Deleuze spricht 
es als einen allgemeinen Erfiahrungssatz aus: »Jedermann weiss, dass 
die guten Somnambulen den Sitz der Krankheit bei den Personen ent- 
decken können, mit welchen sie in Rapport gesetzt worden, entweder 
indem sie sympathisch in den correspondirenden Theilen des eigenen 
Körpers die fremden Schmerzen mitempfinden oder indem sie mit den 
Händen darüber fahren und vom Kopf bis zu den Füssen die Kranken 
abfdhlen. Jedermann weiss auch, dass sie ohne Unterschied besser 
magnetisiren, als sie es im Wachen thun könnten, und dass sie dem 
magnetischen Fluidum die beste Direction zu geben verstehen. Diese 
Fähigkeit, den Sitz der Krankheit zu empfinden und zu wissen, welche 
Direction dem Magnetismus gegeben werden soll, kommt nicht aus- 
schliesslich den Somnambulen zu ; sie entwickelt sich auch bei manchen 
Magnetiseuren, wenn sie aufmerksam sind, von den verschiedenen 
Empfindungen, die sie fühlen, sich Rechenschaft zu geben.«') Diese 
Fähigkeit der Magnetiseure, beim Abfühlen der Kranken aus den 
Empfindungen der eigenen Hand sich zu orientiren, ist zuerst von 
Bruno entdeckt worden, dessen Werk De Lausanne herausgegeben hat.^) 

Ein anderer sehr erfahrener Magnetiseur, Gauthier, sagte ebenfalls, 
es sei allen Magnetiseuren bekannt, dass die Somnambulen viel stärker 
einwirken als ein wachender Magnetiseur. Oft sei ihr Magnetismus 
sogar zu stark, und sie weigern sich dann, ihn anzuwenden. Oft bringen 
sie augenblicklich Schlaf hervor und die wohlthätigsten Krisen bei 
Personen, die vorher von den besten Magnetiseuren vergeblich behandelt 
wurden. ^) 

Häufig werden Somnambule erwähnt, die sich selbst in Schlaf zu 
versetzen wissen. Ein Verfahren, das sie instinctiv anwenden, ist noch 
heute bei den Derwischen in Gebrauch : die drehende Bewegung haupt- 
sächlich des Kopfes. In dieser Hinsicht ist aus der christlichen Mystik 
die Christina mirabilis zu erwähnen. Ihr Körper wurde wie im Kreisel 
herumgetrieben, so dass die Form ihrer Glieder nicht mehr zu unter- 
scheiden war.^) Von einer anderen Autosomnambulen heisst es, dass 



>) Hermes, II.. 369. — «) T. d. M. (Tardy de Montravel): Journal du 
traitement de Mme. B., 3, 4, 13, 40. -^ *) Deleuze : Instmetion pratique, 329. — 
*) De Lausanne: Principes et proc6d^8 du magn. an. — ^) Gauthier: Trait^ pratique 
de magnötisme, 596. — *) Gorres: Die christliche Mystik» II., 405. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER, 273 

sie herumspringend so schnell um sich selbst sich drehte, bis sie ohn- 
mächtig niederfiel^) Chardel beobachtete eine Kranke, die durch 
drehende Bewegungen sich in Somnambulismus versetzte,^ und Bertrand 
spricht von einer Patientin, die mit unglaublicher Geschwindigkeit um 
sich selbst sich drehte, bis sie ohnmächtig ward.*) Vielleicht ist auch 
das Tanzen des Königs Davids vor der Arche ^) und das des heiligen 
Pascal Baylon vor der Statue der Jungfrau Maria ^) in dieser Weise 
auszulegen. Auch sonst noch ist die instinctive Anwendung dieses Ver- 
fahrens beobachtet worden.^) Bei der Epidemie der Besessenen in 
Landes drehte sich eines der Mädchen mehr als eine Stunde lang auf 
ihren Füssen.'^) Es steht diese Erscheinung in Analogie mit solchen 
der unorganischen Natur, indem z. B. eine um ihren Mittelpunkt ro- 
tirende Kupferscheibe elektrisch wird. 

Aber auch das Verfahren, durch odische Manipulationen sich zu 
wecken, wandten die Somnambulen häufig an. Da nun der Fall nicht 
selten ist, dass ein ungeübter Magnetiscur das Erwecken nicht zu Stande 
bringt, ist das emfachste Mittel wohl das, die Somnambulen selbst 
zu fragen. 

Wir finden also die Somnambulen orientirt in Allem, was die 
Wirkungen des Magnetismus betrifft. 



') Annales da magn. an., II., 128. — *) Chardet: Esquisse de la natare 
humaine, 263. ») Bertrand : Trait^ du somnambalisme, 596. — «) 2. Kön., 6, 14. 
— «) Ribct: La mystique divine, II, 405. — «) Archiv III., 2, 64. — ') Bizouard: 
Rapports de rhomme ayec le d^mon., IV., 34. 

(Schluss folgt.) 



ai 



CHRONIK. 
Von Karl Kraus (Wien). 

Ad die schwarz-gelben Grenzpfahle unseres Reiches hören wir 
die Wellen der socialen Hochfluth anschlagen, unsere Aufmerksamkeit 
jedoch gilt einem gefallenen Comfortableross, das wir staunend um* 
stehen. 

Jetzt sollen alte Häuser fallen und winkelige Gassen in Avenuen 
sich verwandeln. Aber mit dem Bauarbeiter kämpft der Localgenius, 
der alles zu vereiteln sucht, und den Vorwurf, Grossstädter zu sein, 
weisen wir mit Indignation zurück Unsere SerpoUetwagen sind entgleist, 
die Automaten functioniren nicht, und die fünf elektrischen Lichter 
auf dem Kohlmarkt hüllen den Stadttheil in undurchdringbare Finster- 
niss. Schon hat die Polizei die Röntgenstrahlen verboten, und da die 
Commune thatkräftig jetzt die Verunreinigung der Strassen in eigene 
Regie übernommen hat, kann Wien beruhigt seiner Vergangenheit ent- 
gegensehen. Es war nahe daran, seinen Duft und seine Farbe, seine 
Stimmung und sein Sperrsechserl einzubüssen. Wir kehren zurück zu 
unseren Fiakerkutschem, welche, entgegen allen socialpolitischen Ab- 
sichten, die man jetzt auf sie hat, ihr Recht auf Individualität geltend 
machen. Was die Tram way betrifft, wird bereits die Forderung nach Wieder- 
herstellung der alten Ordnung laut, wobei namentlich die beschäftigungslos 
gewordenen Coupletdichter die UeberfüUung der Waggons zurückwünschen. 
Bald wird uns auch das süsse Mädl zurückerobert und wieder in seine Rechte 
eingesetzt sein ; lange genug musste es in den stillen Gassen unserer Vor- 
orte vegetiren und war auf die Barmherzigkeit einiger Jungwiener 
Dramatiker, von denen es kümmerliche Tantiemen bezog, angewiesen, 
während Neugestalter des Wiener Lebens sich mit der Absicht trugen, 
diesen veralteten Typus ganz aufzulassen. Neben ihm und den Fiakern 
waren als Culturrepiäsentanten jederzeit die sogenannten »Pülcher« 
bemerkenswerth, die uns heute regenerirt gegenübertreten. Ausschliess- 
lich der antiliberalen Strömung ist es zu danken, wenn diese im täg- 
lichen Einerlei der Burgmusik bereits etwas schablonenhaft gewordenen 
Figuren mit neuem Lebensinhalt erfUllt wurden^ wie denn überhaupt 
von dem Beschlüsse des Stadtrathes, die Dummheit zu Subventioniren, 
eine neue Blütheperiode des Wienerthums datirt. 

Schon bläst auf dem Graben der Postillon munter sein Liedchen, 
daneben schwankt ein Wasserwagen, dessen Spritzschlauch von einem 
Manne ewig hin tmd her bewegt wird. Durch dieses Strassenbild er- 
schreckt, entflieht eine Bicyclistin in eine der Seitengassen . . . 

Die Vergnügungen des heurigen Faschings fielen fast durchwegs 
mit den Beschlüssen der Gemeinderathsmajorität zusammen, ihren Höhe- 



CHRONIK. 275 

punkt aber hat die communale Lustigkeit im Balle der Stadt Wien 
erreicht. Der Verlauf des Abends bewies, dass Diejenigen im Irrthum 
waren, die sich ein schlecht besuchtes Tanzfest auf dem Vulkan er- 
wartet hatten. Die Affaire verlief sehr harmlos, und das Nachsehen 
hatte nur Frau Gräfin Kielmannsegg, die, an graziösere Tänzer 
gewöhnt, sich bis 12 Uhr am Arme des Herrn Strobach langweilen 
musste. Letzterer machte die Honneurs, ohne im Stande zu sein, 
dieses Fremdwort auszusprechen. Gleichwohl klappte Alles, und auf- 
fallende faux pas waren nicht zu rügen. Herr Lueger hat sich eben 
glücklicherweise von seiner Krankheit so weit erholt, dass Herr Stro- 
bach bereits ausser Gefahr ist. Wenn man aber an die letzten Wochen 
zurückdenkt! Als die Fieberhitze Lueger's stieg, welch ein Bild der 
Zerstörung bot der Bürgermeister, wie wurde er immer apathischer, 
sein Zustand immer besorgnisserregender. Nun ist er reconvalescent 
und wird sich bald vollends erholt haben, da Dr. Lueger genesen und 
seiner Partei wiedergegeben ist Gleichwohl wird diese über eine 
schmerzliche Enttäuschung so bald nicht hinwegkommen können. Eine 
alte Chronik ward aufgefunden, die von einer liberalen Ahnmutter des 
Herrn Dr. Lueger zu erzählen weiss. Gewissenhafte Forscher studiren 
die Publicationen der Akademie der Wissenschaften so eifrig, dass die 
Partei allen Ernstes Gefahr läuft, ihre Besten zu verlieren. Was ein 
richtiger Antisemit ist, wird in Hinkunft gut daran thun, einem rich- 
tigen Antisemiten nur mit Misstrauen zu begegnen. Auf dem nicht 
mehr ungewöhnlichen Wege des Quellenstudiums gelang es, schon so 
vielen unverfälschten Männern ihr höchst israelitisches Vorleben nach- 
zuweisen, dass, wenn sich die Ahnen unserer populärsten Antisemiten- 
fUhrer zusammenfinden könnten, dies möglicherweise eine sehr lebhafte 
Frotestversammlung gegen das von ihren Nachkommen erlassene Hausir- 
verbot gäbe. 

Den Genüssen des heurigen Camevals folgen Bussabende, die 
man in den Theatern zubringt. So bescherte die Burg ein ein- 
actiges Lustspiel, das alle Theaterbesucher zur Einkehr in sich selbst 
anhielt und nicht nur durch seinen Titel — »O wie so trügerisch!« — 
in eine zerknirschte Stimmung zu versetzen wusste. Dafür wird Herr 
Director Burckhardtbei der Aufführung der »Versunkenen Glocke« 
wieder die Lacher auf seiner Seite haben. Die Besetzung des «Heinrich» 
mit Herrn Hartmann — ein delicater Fastnachtsscherz, der nur 
leider etwas post festum kommt. Der erbitterte Rollenkrieg, der zwischen 
Hietzing und Cottage geführt wurde, ist beendet. Frau Rein hold hat 
über Altmeisterin Hohenfels gesiegt und wird das «Rautendelein» 
spielen, obwohl gerade dieser Partie die unvergleichliche Erfahrung 
zu statten gekommen wäre, die Frau Hohenfels im Jungsein besitzt. 
Was den Heinrich betrifft, so ist das Burgtheater heute in der Lage, 
ihn entweder durch Herrn Robert röcheln oder durch Herrn Hart- 
mann verschlucken zu lassen. Herr Burckhardt, hinter dessen Rücken 
die definitive Besetzung der Hauptrollen vorgenommen ward, erfuhr 
die Entscheidung aus den Zeitungen und soll besonders auch auf 

21* 



2j6 KRAUS. 

Lewinsky als Nickelmann und Herrn Römpler als Pfarrer gespannt 
sein. Man hofit, Director Burckhardt werde den natürlichen Wirkungs- 
kreis eines Zuschauers, in den er wichtigeren Werken gegenüber ver- 
wiesen erscheint, ohne erhebliche Störungen ausfüllen, wiewohl er an 
Theaterroutine sich mit keinem unserer Galleriebesucher messen könnte. 
Während Herr Hartmann mit seinem Heinrich im Lande bleibt, 
beabsichtigt Herr Reimers als Faust die deutsche Schauspielkunst in 
Paris zu compromittiren. Dies ist die erste That, die das Lothar- 
Bonn'sche Unternehmen in der französischen Hauptstadt verheisst Bedarf 
es körperlicher Stärke, um deutscher Kunst auf fremdem Boden Bahn 
zu brechen? Es gibt noch athletischer veranlagte Männer in Wien. Man 
sollte Herrn Reimers gerade jetzt mit aller Macht an das Burgtheater 
fesseln und ihm alle GastspieLspläne auszureden suchen. Seit Jahren 
bemühen wir uns doch, den Mann vor dem Auslande zu verbergen, 
damit ja kein Fremder erfahre, wie Romeo und Antonius bei uns 
gespielt werden. Was Herrn Reimers betrifft, sind wir Chauvinisten. 
Auch keinen der classischen Schauspieler des Raimund-Theaters möchten 
wir uns nach Paris entführen lassen, trotzdem sie hier kaum gewürdigt 
werden: eine auffallende Blasirtheit trägt unser Publicum zur Schau, 
welches kürzlich bei »Othello« nicht mehr lachen konnte. Aus dem 
Raimund-Theater, das die gegenwärtige Leitung längst zugrunde ge- . 
richtet hätte, wenn es nicht die Abwesenheit Müller-Guttenbnmn's noch 
aufrecht hielte, kommt übrigens die Nachricht, Graf Bombelles habe 
sein neuestes Stück mit grossem Erfolge zurückgezogen. 

Ein anderer Dramatiker, dem aber weniger Geburt als Besitz das 
Recht freier dichterischer Bethätigung verschafft, Herr Moriz v. Gut- 
mann, schrieb eine Hohenstaufen-Tragödie, die ein Berliner Theater- 
director kürzlich in Scene gehen Hess. Zu einer Zeit, da die Wirkungen 
des Börsenkrachs noch immer nicht verschmerzt sind, berührt das 
Beispiel unentwegten Reichthums doppelt erfreulich. Mit der Aufführung 
seines Dramas hat Gutmann den vollgiltigen Beweis erbracht, dass sein 
Talent durch die verderbliche Deroute nicht erschüttert worden ist, 
und so kann man alles Lob, das ihm in Berlin gespendet wurde, für 
baare Münze nehmen. Das Werk hatte, wie wir den Depeschen des 
Dichters in den Wiener Blättern entnehmen, begeisterten Erfolg, und 
die Einwände der Berliner Kritik verstummten vor dem dichterischen 
Vermögen des Autors. 

Ein Bild rührender Selbsterkenntniss haben einheimische Künstler 
für die kürzlich eröffnete Plakatausstellung geliefert. Neben französischen, 
englischen und deutschen Malern, die ihre Kunst in mercantilische 
Dienste stellen, kein einziger Wiener! Da es vermuthlich keinem aus- 
ländischen Chokoladefabrikanten einfallen wird, für Reclamezwecke den 
besten unserer Meister heranzuziehen, haben letztere allen Grund zur 
Vornehmheit und können mit dem stolzen Bewusstsein schaffen, nicht 
von unkünstlerischen Nebenabsichten, sondern von reiner Talentlosigkeit 
geleitet zu sein. 



KRITIK. 



C. Karlweis: Das grobe 

Hemd. Als vor zwei Jahren das 
Raimund-Theater den »Kleinen 
Mann« brachte, schien dem todtge- 
glaubten Wiener Drama ein £r- 
wecker erstanden. Aus dem er- 
loschenen Brande Nestroy'schen 
Hohns sprühten einige Funken in 
ein genügsam gewordenes Parquet, 
und besonders findige Reporter er- 
nannten Herrn Karlweis taxfrei zum 
Wiener Aristophanes. Die Hoff- 
nungen, die auch Einsichtige da- 
mals auf den Autor setzten, hat 
sein neuestes Werk bedeutend 
herabgemindert ; es ist eine normal 
gebaute deutsche Posse, über die 
sich harmlose Naturen zwei Stunden 
lang recht gut unterhalten können. 
Wir finden hier, in's Hernalserische 
localisirt, alle unsere alten Be- 
kannten aus der Marionettenwelt 
deutscher Lustspieldichter wieder: 
den zärtlichen Vater mit dem 
Stolz auf den »studirten« Sohn, 
den unterdrückten Ehemann, den 
unschuldsvollen Engel u. s. w., und 
schliesslich ändert es nicht viel 
am Werthe des Stückes, wenn, mit 
ganz am Aeusserlichen haftender 
Verspottung gewisser neuererWiener 
Typen, der Socialismus eines Vor- 
stadtgigerls zur Beschaffung der 
nöthigen Verwicklungen verwendet 
wird, die friedfertigeren Zeiten ge- 
wöhnlich die bösartige Schwieger- 
mutter liefern musste. Es ist immer 
misslich, wenn der Humorist dem 
Satyriker ins Handwerk pfuscht; 



letzterer muss das Wesen der 
Dinge verstehen, deren Aeusserlich- 
keiten er verspottet. Aber die 
Spässchen, mit denen Herr Karl- 
weis sein verständnissinnig jubeln- 
des Publicum auf Kosten einer 
begeisterungsf^higen Jugend unter- 
hielt, sind recht abgeschmackt und 
finden die richtigste Kritik in der 
Bemerkung des alten Schöllhofer: 
Es gibt Dinge, die zu ernst sind, 
als dass man mit ihnen spielen 
dürfte. Und sogar ein falsch ver- 
standener, ja posirter Idealismus 
steht allen denen, die le beau geste zu 
schätzen wissen, noch immer viel 
höher als jene verbohrte Anti- 
pathie gegen alles Geistige, die 
Wien in cultureller Hinsicht auf 
den Rang einer Provinzstadt herab- 
gedrückt hat. »Das hätte Karlweis 
Niemand zugetraut«, wie sich kürz- 
lich der erbte Wiener »Kenner« 
pathetisch äusserte, er, der Mae- 
terlinck in Wien eingefilhrt hat. 
Sic transit ... F. IL 

K. K. Opernhaus. Schubert- 
Feier. »Der vierjährige Posten«, 
»Der häusliche Krieg« von Franz 
Schubert. 

Mit ihrer Schubert - Feier hat 
die Oper weder den todten Meister 
sehr geehrt noch dem zahlreich 
erschienenen Publicum besondere 
Freude bereitet. Die Aufführung 
des tHäuslichen Krieges« war 
keine Heldenthat; im Gegentheile: 
sie deckte nur Blossen auf: ein 
so reizendes Werk, wie dieses, 



278 



KRITIK. 



hätte nie vom Spielplane unserer 
Hofoper verschwinden dürfen. 
Anders verhält es sich mit dem 
von Dr. Rob. Hirschfeld in geist- 
reicher Weise bearbeiteten > Vier- 
jährigen Postenc. Das ist eine von 
den schwächeren Jugendarbeiten 
des damals 18jährigen Meisters, 
die nur durch sehr liebevolle Be- 
handlung und ganz ausgezeichnete 
Wiedergabe auf der modernen 
Opembühne zur Wirkung kommen 
kann. Die bekannten massgebenden 
Persönlichkeiten haben mit dem 
ihnen eigenen Scharfblick sofort 
erkannt: damit sei kein »Geschäfte 
zu machen ; die Pflicht aber gebot 
die AufHihrung, und der nun ent- 
standene Hass gegen das Werk 
documentirte sich durch die Be- 
setzung der Hauptrolle mit Fräulein 
Abendroth — eine Thatsache, die 
fiir jeden Musikfreund einen ver- 
lorenen Abend bedeutet. Niemals 
noch verstand es eine Sängerin 
so gut, den Zuhörer durch ihre 
Kunst in einen Zustand peinlichster 
Nervosität zu versetzen und, wenn 
ein hoher Ton in ihrem Parte 
naht, im Partiturkundigen nach 
echt dramatischer Norm Furcht 
und Mitleid zu erwecken. 

H, K—r. 

PlacATKUNST. Das Künstler- 
haus hat eine Placatausstellung. Wir 
wollen gerne anerkennen, dass sie ein 
Verdienst bedeutet, das wir freudig 
begrüssen, umso lieber, als wir erst 
kürzlich Gelegenheit nahmen, unsere 
Wiener Kunstverhältnisse aufs Ener- 
gischeste zu tadeln. Abgesehen von 
der Fülle originellen Schaffens und 
sprudelnden^ wenn auch formlosen 
Geistes, die uns aus diesem Räume 
entgegenleuchtet, ist der Haupt- 
eindruck dieser Exposition wieder 
die Empfindung, wie sehr man uns 



überall voraus ist. Wie ein schreien- 
des, lärmendes Placat, das die 
moderne Cultur anpreist, sieht diese 
Ausstellung aus. Sie meldet uns 
von der grossartigen Entwicklung, 
welche dieser Zweig der dem Ob- 
ject dienenden Kunst in den 
letzten Jahren durchgemacht Das 
Hauptverdienst, diePlacattechnik zur 
Höhe eines subjectiven Kunst- 
schaffens emporgehoben zu haben, 
gebührt dem Franzosen Cheret. In 
der Vereinfachung der bis dahin 
ungemein schwerfälligen Technik 
des Reproductionsverfahrens er- 
schloss er dem Placat die Fähig- 
keit zu einer selbst die Grenzen 
der Malkunst überschreitenden Sub- 
jectivität. Das Placat ist kein Kunst- 
werk im engsten Sinne des Wortes. 
Was es uns zu sagen hat, sind 
trockene Thatsachen, sind leblose 
Dinge. Aber seine tiefere Bedeutung 
liegt in der Anwaltschaft der be- 
seelten Kunst für das seelenlose 
Ding, für die Waare, für Genuss- 
artikel, manchmal, allerdings seltener 
auch für geistige Schöi)fungen. Es 
ist nicht seine Aufgabe, zu erläu- 
tern; seine ganze Kraft liegt in 
der Wirkung des Augenblicks. 
Darum keine harmonische Gliede- 
rung, kein künstlerischer Aufbau, 
keine mühsame Selbstgestaltung, 
auch nicht jene künstlerische Ab- 
sicht, zu überzeugen, welche zu 
den Werthmessem des Kunstwerkes 
gehörten. Darum auch nicht jener 
künstlerische Selbstzweck, sondern 
der offenbekannte Kampf um 
das Interesse des Publicums. 
Die Placatkunst ist die Cocotte 
unter den bildenden Künsten. Und 
im innersten Verständniss ihrer 
Art hat auch Cheret zumeist die 
leichtfUssige Chansonnette zur Muse 
semer Composition gemacht. Sie 



KRITIK. 



?79 



will Dur die Blicke auf sich lenken, 
Chic und Lebendigkeit, selbst 
Frechheit, so weit sie noch unter 
dem Schutze der Grazie steht, 
bilden die Grundzüge ihres Wesens. 
Die rasche Bewegung, die das 
Auge von der Ruhe des Milieus 
ablenken muss, fUlirt den Stift des 
Künstlers an die äussersten Grenzen 
der Form. Und er überschreitet 
sie selbst mit der Kühnheit der 
Caricatur und gibt ihr die Fri- 
volität der Excentrique. Aber das 
ganze reiche Leben der Nerven, 
auf welche das Placat durch die 
Momentsuggestion wirken soll, 
webt in dieser Kunst. Sie ist die 
letzte Ausstrahlung unseres mo- 
dernen Empfindens. Sie ist die 
kunstgewordene Aeusserung unserer 
Subtilität, für deren überfeinerte 
Bedürfnisse die todten Dinge ein 
eigenes Leben gewinnen, für welche 
der Duft der Parfiims, die Farbe 
der Gobelins und das Geräusch 
knisternder Seidenstoffe ihre eigene 
Poesie und ihre eigenen Stim- 
mungen haben. Sie ist nicht die 
Kunst für uns, sondern für unser 
Milieu, für die Dinge, die um uns 
sind. Und darum mochte sie in un- 
serer modernen Cultur und nament- 
lich bei den Franzosen und Eng- 
ländern zu sieghafter Selbstständig- 
keit und einem eigenen Kunstzweig 
emporblühen. Paul Wilfulm. 

Thorwaldsen's Darstel- 
lung DES Menschen. Von Dr. 

Julius Lange. Deutsch von 
Math. Mann. Berlin bei Georg 
Siemens. 

Wir treten sichtlich wieder in 
die Zeichen anderer Ideale in der 
Kunst. Die Künstler wenden sich 
von jenem als Endzweck unfrucht- 
baren Naturalismus immer mehr, 



sie haben es verstehen gelernt, 
wie wenig nur von Allem, was 
uns umlebt, selbst das beste 
Können hier auszudrücken vermag, 
und so suchen sie nach dem, was 
höher ist. Sie heben den Blick 
wieder nach oben, und mit den 
starken Mitteln, welche ihm der 
Weg durch eine exacte Kunst ge- 
geben, drängt dieser neue Styl dem 
Classicismus zu. 

Er gleicht in Vielem der Empire- 
bewegung zu Anfang des Jahr- 
hunderts, nur dass das, was da- 
mals ein objectiver, schematischer 
Idealismus war, ein Idealismus aus 
der Perspective einer grossen, be- 
wusst archaisirenden Zeit, heute 
mehr subjective Färbung trägt 
und zu einem Neu-Idealismus wird, 
in dem die Individualität des 
Künstlers die grosse selbstständige 
Note gibt. Man denke an Carstens 
und an Thorwaldsen einerseits, 
über dessen idealisirte Büsten G. 
Bindesböll, der feinsinnige Architekt 
des Thorwaldsen - Museums, die 
treffenden Worte gesagt, dass man 
das Auge haben müsse für die 
antike oder die allgemeine Idee, 
um den Kern ihres Styles zu er- 
kennen, oder an David, und 
andererseits an Klinger und Böcklin. 

Damals stand man der Linie 
der Antike näher, heute ihrem 
Geiste. 

Mit der Sympathie der bildenden 
KuDst greift auch das Kunstge- 
werbe auf jene Zeit zurück, die 
Architektur sucht Eierstab, Mä- 
ander, Trygliphen und Schuppen- 
ketten wieder vor, und die kunst- 
historische Forschung stützt diesen 
ganzen Drang durch manche schöne 
Gabe. 

Und eine solche ist auch Lange's 
Thorwaldsen- Werk. Mit feinstem 



2 So 



KRITIK. 



Verständniss für die subtile Gliede- 
rung d«r keuschen Kunst des 
grossen Formenmeisters verfolgt 
er dessen Schafifen, von seiner An- 
kunft in Rom — dem eigentlichen 
Geburtstage des Künstlers, wie 
Thorwaldsen jenen 8. März 1797 
später scherzend nannte — bis zu 
jenem Märztage 1844, der Däne^ 
mark einen seiner grössten und 
sicher seinen nationalsten Meister 
entriss. Durch Benützung der zahl- 
reichen Skizzen und Entwürfe (im 
Besitze des Thorwaldsen-Museums), 
die hier zum erstenmale zum 
Theile in graphischer Nachbildung 
veröffentlicht wurden, durch Pa- 
rallelen seines Schaffens mit dem 
Einflüsse, welchen Zeit, Freunde 
und Ereignisse auf ihn nahmen, 
gelingt es Lange in diesem durch- 
aus modernen Buche, das sich frei 
hält von aller kunsthistorischen 
Abstraction, eine geradezu glän- 
zende psychologische Analyse von 
Thorwaldsen's Darstellung mensch- 
licher Formen zu bringen. Es ist 
das Phantasiebild einer hoch- 
strebenden Zeit, das wie eine 
grosse Silhouette hinter der Ge- 
stalt und dem Schaffen des däni- 
schen Meisters ersteht — man wird 
über Thorwaldsen fürder nicht 
schreiben, ohne Lange*s Buch 
studirt zu haben. Karl Rosner, 

ChOIX de PoifcSIES. Paul 
Verlaine. Edition augment^e 
d'une preface de Frangois Copp^e. 
Paris. Biblioth^que Charpentier. 
1896. 



Dichter werden nach ihrem 
Tode oft noch sehr nützliche 
Menschen. Die wackeren Portiers, 
die sie bei Lebzeiten geringschätzig 
grüssten, mögen sich das immer 
vor Augen halten. So dürfte es 
auch dem armen Verlaine be- 
stimmt sein. Die kürzlich in neuer 
Ausfgabe gedruckte Auswahl aus 
seinen Werken liegt schon im 
zehnten Tausend vor und kann 
leicht noch weitere Tausende er- 
klimmen. Die Nekrologe summen 
noch in allen Ohren, die 2^itungs- 
nachrichten haben das literarische 
Interesse angeschürt. So starb er 
dem Verleger sehr gelegen. Mit 
der Entschlossenheit des Mannes, 
der sich sagt: Jetzt muss es los- 
gehen! annoncirte dieser Alles, 
was von und über Verlaine bei 
ihm erschien. Was geschehen 
konnte, geschah. Ein Porträt des 
Dichters nach Carri^re ist da und 
für solche, die auf gute Emführung 
halten, eine Vorrede von Frangois 
Copp^e, deren wichtigste Stelle 
lautet: »Comme Tenfant, il dtait 
sans defense aucune^ et la vie l'a 
souvent et cruellement bless^. 
Mais la souffrance est la ran^on 
du g^nie, et ce mot peut dtre 
prononcd en parlant de Verlaine, 
car son nom ^veUlera toujours le 
Souvenir d'une poesie absolument 
nouvelle et qui a pris dans les 
lettres frangaises Timportance d*une 
d^couverte.c In dieser handlichen 
und billigen Sammlung werden dem 
Leser Verlaine's beste Gedichte ge- 
reicht. Dr. Emil Rechert. 



Herausgeber and verantwortlicher Redacteur: Rudolf Strauss 
Cb. RetMer & M. Wertbner, Wien. 



^iener {Rundschau. 



1. MlBZ 1897. 



STUMMER KAMPF. 

Skizze von MARIA JaNITSCHEK (Berlin). 

I. 

Die Andern waren schon versammelt, als Thorwalt's mächtige 
Gestalt unter der Thüre erschien. Er bot ihnen seinen Gruss und nahm 
am Kopfende des Tisches Platz. Die Andern Hessen sich ebenfalls 
nieder. Dann begann man zu essen. Der Stuhl zur Rechten des Greises 
war unbesetzt. Links von ihm sass eine wie aus grobem Eisen gehärtete 
Gestalt, sein Sohn Ulf, diesem gegenüber dessen Gattin, ein stark- 
knochiges Bauemweib mit herbem, verschwiegenem Gesichte. Neben 
sich hatte sie ihre beiden Töchter. Die Reihe der Mägde eröffnete ein 
ganz junges Dimlein. Gegenüber sassen Ulfs Knaben und die Knechte. 

Es wurde wenig beim Mahle gesprochen und das Wenige mit 
leiser, flüsternder Stimme. Die weite, gewölbte, fast hallenartige Stube, 
in deren Hintergrund das Feuer auf einem riesigen Herde flackerte, 
besass nicht das geringste Schmuck- oder Zierstück. Die braun- 
geräucherten Wände waren kahl, das kleine Fenster, das auf das 
grünliche Wogenspiel der See hinaussah, ohne Vorhang. Nur Tisch 
und Stühle und ein mächtiger Schrank befanden sich in dem Räume, 
der sein Licht hauptsächlich von dem grossen Feuer auf dem Herde 
erhielt. Von draussen liess sich das Pfeifen des Windes vernehmen. 

»Hast du die Boote festlegen lassen?« fragte der Alte. »Es wird 
eine unruhige Nacht geben.« 

»Ja, Vater, die Boote sind festgelegt.« Der Sohn schob den 
Löfiel zurück. 

»Die Gerste ist in der Scheune untergebracht?« 

»Ja, sie ist in der Scheune untergebracht.« 

»Hat Lomblad die Bretter geschickt?« 

■Nein.« 

»Weshalb nicht, da ich sie doch bestellt habe?« 

»Der Junge war nicht anwesend und der Alte — « 

»Was ?« 

aa 



282 JANITSCHEK. 

»Der schien nicht genau von der Bestellung untenichtet zu sein 
oder sich nicht zu getrauen — < 

Die Brauen Thorwalt's wulsteten sich. 

»Du sprichst unklar. Wann würde sich ein Vater vor seinem 
Sohne etwas nicht zu thun getrauen? Du — < 

»Ich wollte nur — « 

«Lass mich ausreden. Du setzest den Alten herab. Der Vater ist 
Herr und Meister seiner Familie. Deshalb ist ihm gestattet, sich einem 
oder dem anderen Geschäfte zu entziehen, zu dem er vielleicht weder 
Freude noch Nöthigung in sich fühlt. So wird es auch bei Lomblad 
der Fall sein.« 

»Ich wollte den Vater nicht als schwach hinstellen, eher vielleicht 
der Handlungsweise des Sohnes tadelnd erwähnen.« 

»Das wäre nicht klug gethan. Die Voraussetzung, dass der Vater 
ein Schwächling sei, müsste trotzdem vorhanden sein. Und die wäre 
ein Unrecht. Bin ich nicht dein unumschränkter Herr, so wie du der 
deiner Kinder bist?« 

»Vater, darf ich dir noch etwas Bier einschänken ?« fragte Ulf 's Frau 
leise. Ihre Hände zitterten, wie sie vor ihn hintretend den Krug aufhob. 

»Nein, ich danke dir.« 

Unsicheren Schrittes ging sie auf ihren Platz zurück. Das Gesinde 
unten am Tische sass regungslos da und wagte nicht die Wimpern zu 
erheben. 

Der Alte liess seine Blicke langsam über die Anwesenden gleiten, 
Blicke, aus denen der Glaube an die Macht der eigenen Autorität 
sprach. »Gott, dann ichl« war es in dem uralten Eichengiebel des 
Hauses eingeritzt zu lesen. Und der Mann mit der niederen, harten 
Stime und dem halbversteckten Feuer im Blicke war der Sohn dieses 
Alten, dem er Alles verdankte, der ihm das Weib in die Kammer 
geführt hatte und seinen Kindern Crottes rauchenden Zorn im Ge^ 
witter zeigte. 

Eine schwüle Pause war eingetreten. Keiner wagte zu sprechen. 
Selbst die Kleinen senkten die Köpfe, denn sie kannten die Strenge 
des Mannes oben am Tische. Da ist's, als ob eine Lerche herein- 
schwirrte und plötzlich zu jubiliren begänne. 

»Vater, weshalb steht der leere Stuhl neben deinem Platze? Wer 
sass dort? Wann kehrt er wieder?« 

Ein Schrecken fasst die Andern. Die kecke Voreiligkeit I Die junge 
Dirne, die neben den Kindern sitzt, hat den Mund geöffnet. Die braunen 
Augen unter den feinen dunklen Bogen blitzen vor Lebenslust. Um den 
rosigen Mund spielt ein Schalklächehi. 

Der Alte blickt sie an, wie er etwa ein Insect oder eine Blume 
angesehen hätte, die der Wind auf seinen Rockärmel geweht hat. Wird 
er erzürnen über ihre Weise? Nein, er ergrimmt nicht. Er lehnt sich 
zurück und richtet die mächtigen Augen auf sie. 

»Hier ist der Brauch, erst zu reden, wenn man gefragt wird, 
verstehst du? Aber du bist erst einen Tag hier und kennst unsere 



STUMMER KAMPF. ^83 

Sitten noch nicht, so will ich dich heute entschuldigen. Dieser Stuhl 
da ist der meiner Frau. Sie ist vor zwei Wochen gestorben. Er soll 
zu ihrem Andenken noch stehen bleiben.« 

»Habt Ihr sie sehr lieb gehabt?« zwitschert*s wieder von unten. 

Ulf wirft einen erschreckten Blick auf die Fragerin. Ihre Augen 
begegnen mit strahlender Wärme den seinen. 

Der Alte oben am Tische streicht sich durch den weissen Bart. 
»Sie war ein braves Weib. Kein Tag ging ihr nutzlos vorüber. Sie hat 
Gott gefürchtet und ihre Kinder in seiner Zucht erzogen. Sie war mir 
eine gehorsame Gefährtin. Selbst als ihr jüngster Bruder, dein Vater, 
ihr den Kummer bereitete, in ein fremdes Land zu ziehen und sich 
eine Frau aus fremdem Blute zu nehmen, verlor sie nicht ihre Ruhe.« 

»Ach, wenn er noch lebte, der gute Vater 1 Er war so lieb und 
schön. An Mutter erinnere ich mich gar nicht. Sie starb, als ich noch 
ganz klein war.« 

»Ein Glück.« Hat es Jemand geflüstert? Die Anwesenden sehen 
einander betroffen an. 

»Und der Vater lehrte mich euere Sprache. Ich konnte mich mit 
den anderen Kindern fast gar nicht unterhalten, die nur italienisch 
reden. Wenn der Vater auf Fischfang hinauszog — du, warum ist denn 
euer Meer so hässlich graugrün?« wandte sie sich plötzlich an Ulf, der 
Alte schien ihr zu weit zu sitzen. »Das unsere ist ganz, ganz blau und 
so lind. Du meinst, in lauter weiche Blumenblätter zu sinken, wenn du 
in seine Wasser tauchst, du das ist dir schön I Und am Abend, wenn 
man hinaussegelt, die grossen Sterne, die spiegeln sich wieder in der 
Fluth, und dann hast du zwei Himmel, den einen oben und den andern 
unter dir, und weiche Mandolinenklänge klingen vom Ufer herüber und 
lassen dich glauben, du hörtest die leisen Stimmen der Engel. Dann 
kommt wohl Einer oder der Andere im Nachen dir nach, bindet sein 
Schifflein an deines, steigt zu dir herüber, legt den Arm um dich und 
flüstert dir etwas Liebes ins Ohr. Und bunte Lämpchen zünden sie 
an und essen bei ihrem Rosenschein Confetto, und schenken einander 
Blumen und Küsse « 

»Wie alt bist du, Dirne?« klang es vom Kopfende des Tisches 
herab. 

»Sechzehn, Väterchen.« 

Ulf hatte den Arm auf den Tisch gestützt, das Haupt darauf 
gelehnt und starrte mit grossen Augen auf das schwätzende Mägdlein. 

»Und du hast wirklich Niemanden in Spezia? Hat deine Mutter 
denn keine Verwandten gehabt?« 

»Nein, Niemanden. Deshalb sagte mein Vater, bevor er starb: 
Unten an der nordischen Küste, sagte er, bei Thorwaltshavn, lebt 
meine Schwester. Geh' zu ihr, sie wird dich aufnehmen. Hier will ich 
dich nicht allein wissen, sagte er. Ich verkaufte Alles, was wir besassen, 
als er todt war, und kam hierher. O, er war so süss I Keinmal kam er 
nach HausC; ohne mich an seine Brust zu ziehen und zu küssen. Wir 
hatten einander schrecklich lieb.« 

22* 



284 JANITSCHEK. 

Wieder das fremdartige Wort! 

Die grobknochige Frau mit den herben Zügen senkte den Kopf 
tiefer auf ihren Teller. Die Kinder ößheten die Lippen zu einer leisen 
Frage an ihren Vater, verstummten aber erschreckt bei seinem Anblick. 
Seine Augen hingen an den rothen Lippen des Mägdleins mit einem 
Ausdrucke, der ganz fremd an ihm war. 

»Ich werde nun wohl immer bei euch bleiben« Aber ihr sollt 
euch freuen an mir. Vater hat mich die Mandoline spielen gelehrt und 
singen kann ich auch, auch tanzen.« 

Sie sprang auf, nahm ihren ärmlichen Rock zierlich zwischen 
die Fingerspitzen und begann sich im Kreise zu drehen. Aller Augen 
hingen wie gebannt an ihr. 

Da knarrte der Stuhl oben am Tische. 

Der Hausherr hatte sich erhoben. 

Seine Gestalt schien noch grösser und mächtiger als sonst 
zu sein. 

»Führt die Kleine auf ihre Schlafstelle. Der Schluck Bier, den 
sie trank, ist ihr in den Kopf gestiegen.« 

Eine Magd trat heran und gab ihr einen Wink. Sie legte die 
Finger an die Lippen, warf eine Kusshand hin, lächelte Alle an und 
folgte der Voranschreitenden. Die Dienstboten erhoben sich, ebenso 
die Andern. 

Nur Ulf blieb sitzen und starrte auf ihren Stuhl hinüber. Plötz- 
lich legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er sprang auf. Sein Vater 
stand mit unbeweglichem Gesiebte vor ihm und sah ihn an. 

»Mir ist, als hätt' ich geträumt,« stotterte der Sohn. 

Seine vier Kinder und seine Frau waren demüthig hinter seinem 
Stuhl versammelt; damit er ihren Gutenachtgruss erwidere. Er murmelte 
etwas zwischen den Zähnen. Der Blick des Alten, der wie eine Flamme 
auf ihm ruhte, raubte ihm fast die Besinnung. 

Da, als die Andern im Fortgehen waren, trat sein ältester Bube 
nochmals vor ihn. 

»Vater!« 

»Was willst du?« 

»Ich glaube — ich weiss nicht — ich fürchte mich vor der 
Nacht.« 

»Was hast du gethan?« fragte Ulf finster. 

»Ich spielte in dem Felsen am Strande, da — « Der Junge 
stockte. 

»Rede die Wahrheit,« sagte Thorwalt und legte seine Hand auf 
den blonden Kopf des Knaben. 

»Da sah idi ein Ei in einem verlassenen Nest. Ich legte es der 
Schwalbenmutter unter. Sie brütete es aus. Ein kleiner, fremder Vogel 
ist aus dem Ei gekrochen. Aber seither zanken sich die Alten immer 
und flattern umher, anstatt bei den Jungen zu bleiben. Sie werden 
allesammt erfrieren müssen. Ich hör* ununterbrochen — « 

»Was denn, was hörst du denn?« 



STUMMER KAMPF. 285 

»Ihr trauriges Zwitschern. Selbst in der Nacht Gestern kroch ich 
zu Radulph aufs Lager und schwatzte mit ihm, um die ängstlichen 
Laute nicht zu hören. Was soll ich thun? Sie werden allesammt zu- 
grunde gehn.« 

Ulf Starrtc wie geistesabwesend auf den Platz gegenüber am 
Tische. 

Der Alte sagte: »Nimm den fremden Vogel aus dem Neste.« 

»Dann stirbt er aber, denn er kann noch nicht fliegen.« 

»Lass ihn sterben.« 

»NeinI« schrie Ulf wie erwachend auf, «nein, er soll nicht 
sterben !« 

Aus des Greises Augen flammte ein Blitz. 

»Geh fort, Bube!« rief er dem Jungen zu. 

Dann standen die beiden Männer einander gegenüber. Sie sahen 
sich in die Augen. Ulf legte die Hand über die seinen. 

Als er aufblickte, war der Alte verschwunden. Er stand allein 
in der weiten Stube. 

Die Flammen auf dem Herde brannten nicht aufwärts, sondern 
schlugen zur Seite wie in irrer Flucht. — 

n. 

Andern Tags gegen Abend. 

Vor dem kleinen Fenster bäumt sich ein grünliches Gespenst 
und winkt und droht mit huschenden Händen. Die See ist in unheim- 
licher Erregung. In der braunen Stube sitzen die Leute am langen 
Tische und verzehren schweigend ihr Nachtmahl. Das Herdfeuer wirft 
ungewisse Lichter um sich. Bald loht's durch den Raum wie sinkender 
Sonnenschein, bald hüllt Dämmerung Alles in fahle Schatten, bald ruht 
auf des Einen oder Andern Haupt ein flimmernder Glanz. Sie schweigen 
und essen, wie sie gestern und vorgestern thaten. Oben am Kopfende 
des Tisches sitzt der Alte, wie er vor fünfzig Jahren schon sass, mit 
unbeweglichem, steinernem Gesicht, in dem nur die Augen zu leben 
scheinen, ein unergründliches, von Niemand verstandenes Leben. 

Drei Stühle am Tische sind leer. 

Der der Todten, Ulfs seiner und jener der jungen Dirne. 

Der Greis sieht die Leute entlang. 

»Wo ist Ulf?« 

»Er ist vor etlichen Stunden mit seinem Netze hinausgerudert, 
Vater.« 

»War er allein?« 

»Nein, Vater, deiner Frau Bruderkind war mit ihm.« 

Das grobknochige Weib mit dem herben, demüthigen Gesichte 
neigt sich wieder über den Teller. Der Greis schweigt und streicht 
langsam durch seinen niederwallenden Bart. »Weshalb ging die Dirne 
mit ihm?« 

Die Frau weiss keine Antwort zu geben, aber ihr jüngster Bub 
weiss eine. 



286 JANITSCHEK. 

»Sie mochte Thora nicht zur Hand sein, sondern tanzte und sang 
draussen umher. Gegen Mittag kam Svend vom Bemsteinhof herüber. 
Was habt ihr für ein Tiriliren im Hause? fragte er. Ist's ein Vogel 
oder eine Flöte, die da singt? Keines von Beiden, sondern meiner 
Grossmutter Bruderkind ist's, das da singt, sagte ich und deutete auf 
sie. Sie kam eben herbei. Vater folgte ihr. Er hob die Faust auf, sie 
aber fiel ihm in den Arm und bettelte, dass er ihr nichts zu Leid 
thue. Sie fuhr mit der Hand über seine Wange und lächelte ihn an. 
Da wurde er ganz still. Svend ging ins Haus. Mein Vater sagte: Die 
Wellen können aber doch lauter singen als du. Mir kam vor, er hätte 
aus dem Keller heraufgesprochen, weil es so tief klang. Aber er stand 
neben ihr. Da rief sie: Das möchte ich versuchen. Ich muss hinaus- 
fahren, sagte er hierauf und ging vor das Haus. Sie bat: Nimm mich 
mitl Er antwortete nicht, hob sie aber ins Boot und ruderte hinaus.« 

Es ist todtenstill, als der Knabe ausgesprochen hat. Vom Herde 
kommt ein geheimnissvolles Raunen und Flüstern, und der Wind schlägt 
ans Fenster. 

Da dröhnt es draussen im Flur wie von schweren, schlürfenden 
Tritten. 

»Ulf,« murmelt der Greis. Niemand wagt aufzustehen, obgleich 
sie ihr Essen beendet haben. Eine lange Pause. 

Die Schritte sind verstummt. Alles bleibt still draussen. 

»Ulf!« ruft der Alte mit mächtiger Stimme. Keine Antwort. »Hole 
deinen Vater I« Der älteste Knabe erhebt sich gehorsam und eilt hinaus. 
Auch er kehrt nicht wieder. Und nun stehen Alle zugleich auf, wie 
unter einer plötzlichen Eingebung. Ohne ein Wort zu wechseln, treten 
sie hinaus, zuletzt mit gesenktem Kopf die Mutter der Kinder. Nur 
Thorwalt bleibt bewegungslos auf seinem Platze sitzen. 

Von draussen dringt geheimnissvolles Flüstern herein, als ob 
keiner wagte, laut zu sprechen. Dann öffnet sich schwerfällig die 
Thüre. Ulf tritt herein. 

Seine Kleider tropfen, sein Gesicht ist weiss wie der Schaum auf 
den Wogen draussen. Er bleibt beim Eingang stehen, ohne die Kraft 
oder den Muth zu finden, näher zu treten. Thorwalt erhebt sich. 

»Wo ist die Dirne?« 

»Das Boot ist gekentert, sie ist ertrunken.« 

Aus dem schneeweissen Gesichte richten sich zwei starre, brennende 
Augen in die des Alten. 

Der entgegnet nichts, streicht sich durch den Bart und schreitet 
langsam hinaus. 

Ulf ist allein. Seine Blicke suchen einen Stuhl am Tische, dann 
schleppt er sich vor den Herd und blickt in die Flammen. Sie steigen 
ruhig und kerzengerade empor. 



AN FRIEDRICH MITTERWURZER. 

Du warst ein Ritter, rittest auf fahlem Ross, 
Schwarz deine Rüstung, dein Helmbusch schwarz, 
Ueber dunkle Wiesen trug dich das Ross durch Dämmerungen; 
Der bleiche Knappe hinter dir, dein treuer Knappe — 

denkst du daran? — der war ich. 

Nein, du warst ein alter Bettler mit blinden Augen, 
Heischtest Almosen, betend an der Kirchenpforte, 
Der Knabe neben dir, dein Führer durch so viel Finsternisse, 
Du hattest ihn lieb, weisst du, er führte dich gut und sicher — 

der Knabe — war der nicht ich? 

Nein, du warst ein Fürst, im Purpurmantel throntest du, 
Im Morgenlicht glänzte deine goldene Krone; 
Der Kanzler hinter dir, der alte, im schwarzen Talare, 
Er stritt für dein Recht, er stritt mit tönender Stimme — 

Weisst du es noch? Der war ich. 

Ueber die Bretter schrittest du dann in der Gauklermaske, 
Aber ich wusste gleich, wer du warst; ich wusst' es; 
Hast du mir nicht zugewinkt über alle die Fremdlinge, 
Mit dem Bettler- und Königsblick, du, der schwarze Ritter? 

O ich dachte daran, dachte daran. 

Und jetzt, wo bist du jetzt hin? Wo treff ich dich wieder? 
Ziehst über ferne Meere du, mit weissem Segel segelnd? 
Wandelst über Wolken du oder schlürfst in Tiefen, in grauen 

Tiefen? 
Es wird vielleicht lange dauern, bis ich dich finde — sehr 

lange — 

denke nur dranl 

Aber einmal noch kreuzen sich doch unsere Wege, 

Ich habe so viel noch zu fragen, zu sagen noch Vieles. 

O wenn du mich wieder siehst, rühr* mit dem Finger leise 

die Lippen, 
Und ich will still dir folgen, still den langen, langen Pfad . . . 

Denke nur dran, denke daran. 

Wien. Eugen Guglia. 



^) Von seinem Biographen und langjährigen Freund. 



.KRITIK!« 
Von Pierre V^ber (Pans). 

Atttorisirte Uebersetzung von Ct^ra Theumann. 

Sam ist sehr bestürzt 

Er hat nie etwas gelesen; es ist nicht seine Schuld, es 
hat ihm an Zeit gefehlt. Uebrigens hat er, um keine un- 
vollständige Bildung zu besitzen, sich der literarischen Be- 
wegung der letzten vierzig Jahre lieber ganz ferne gehalten. 
(Die vergangenen Jahre gehen nur die Nachwelt etwas an; 
damit hat Sam nichts zu thun.) 

Nun soll er unverzüglich bei einem gemeinsamen Freund 
mit Paul Hervieu, dem berühmten Romancier, zusammen 
speisen. 

Sam kennt die Gebräuche; er weiss sehr gut, dass ein 
wohlerzogener Mensch einem Schriftsteller gleich bei der 

ersten Begegnung sagen muss : »Oh, gewiss — ich 

kenne den Herrn — — — — dem Namen nach selbst- 
verständlich; ich bewundere sein schönes Talent. Ich habe 

sein Buch gelesen! Das ist hübsch!« Und dann 

muss er, um den Beweis zu erbringen. Einiges citiren. 

Sam hat nicht Zeit, erst Paul Hervieu zu lesen. 

Wozu auch? Es gibt da Leute, Kritiker benamset, die 
einem ganz fertige und sehr angemessene Urtheile um ein 
Billiges verkaufen. Die werden gewiss etwas über Paul 
Hervieu haben und Sam gründlich berichten. Ein bischen 
Gedächtniss und immer nur hübsch beim Allgemeinen bleiben, 
dann wird's schon gehen! 

Sam nimmt also eine Sammlung »Charakterköpfe« von 
dem Nadar der zeitgenössischen Aesthetik; da liest er: 
»Paul Hervieu ist ein schärferer, obgleich weniger spontaner 
Daudet.« 

Das ist allerdings klar, wenn man Daudet gelesen hat; 
wird er nun Daudet lesen? Er hat ja keine Zeit! Er wird 
sich also an den Artikel des berühmten H halten. 



KRITIK. 289 

(Oh, Sam lässt sich nur aus den besten Häusern liefern I) 
— — — Dort entdeckt er, »dass Daudet ein Zola ohne 
Grösse, aber mit mehr Naivetät ist«. 

Gut. Sam geht direct an die Quelle; was sagen die 
Kritiker von Zola? Er findet: »Ein breiterer, aber weniger 
gewissenhafter Flaubert.« 

Flaubert? Wer ist das? Die zeitgenossischen Kritiker 
sagen von ihm, dass er »ein arbeitsamer, wärmevoller 
Balzac ist.« 

Sam lässt sich von Niemandem einschüchtern, nicht 
einmal von posthumen Kritikern; wer ist dieser Balzac? Aber 
ganz einfach! »der Chateaubriand des bürgerlichen Mittel- 
standes 1« 

Nun beginnt Sam toll zu werden; er erkundigt sich 
nach Chateaubriand ; dieser ist der Aussage gut unterrichteter 
Leute zufolge »der Bossuet des ersten Kaiserreiches«. 

Ja, aber was ist Bossuet Anderes als »der heilige Johann 
Chrysostomus des XVII. Jahrhunderts« I 

Nun hält Sam bei Johann Chrysostomus; er verliert 
den Muth nicht, obgleich er schon ziemlich niedergeschlagen 
ist. Ich habe ihm gerathen, ganz einfach Paul Hervieu zu 
lesen. Er hat mir geantwortet: »Nein, ich will das letzte 
Wort in der Sache kennen; entweder sind die Kritiker 
dazu da, um das Publicum zu belehren, oder sie sind unnütz ; 
wären sie unnütz, so hätte man sie doch längst schon ab- 
geschafft. Ich werde die Sache bis ans Ende verfolgen. 
Wenn es sein muss: bis zu Jehovah, der Quelle aller Defini- 
tionen; und von Definition zu Definition werde ich endlich 
zur Kenntniss dessen gelangen, was Paul Hervieu eigentlich 
ist ; dann erst kann ich mit ihm speisen. « 



BLAUER FALTER. 

Ein blauer Falter gaukelt 

Um einen Lindenbaum — 

Der wiegt sich leis' und schaukelt 

Die Zweige wie im Traum, 

Die blüh'nden Zweige, 

Sie schwanken hin und wieder 
Vor einem Kämmerlein, 
Drin liegt in weissem Flieder 
Ein todtes Kind . . . allein 
In weissem Flieder, 

Er fiel aus kleinen Händen 
Herab wohl auf die Leich' — 
Die Sonn' geht an den Wänden 
So lautlos und so weich — 
Der Tag rückt weiter. 

Und mitten in dem Kreise, 
Dem mag'schen Zauberring 
Von Licht und Tod tanzt leise 
Der blaue Schmetterling — 
Im Kreis' .... im Kreise .... 

Wien. M. E. dcUc GrAZIE. 



ABEND. 

Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten 
Aus deinem Haar vergessenen Sonnenschein. 
Schau', ich will nichts, als deine Hände halten 
Und still und gut und voller Frieden sein. 

Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben 
Den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit: 
An ihren morgenrothen Marken sterben 
Die ersten Wellen der Unendlichkeit. 

München. ReN^ MARIA RILKE. 



PYRRHUSSIEG. 
Von Rudolf Strauss (Wien). 

Sie sass geschmückt und stolz in ihrer rothen Sammetloge. Ganz 
weiss war sie angethan, mit einem Kleid aus schwerem, leuchtendem 
Brocat. Blutrothp Nelken dufteten in ihren mattblonden, ä la Grecque 
frisirten Locken, und um den Hals und in den winzigen Ohren erfunkelte 
ein goldgefasster Schmuck von hellen, grünen, glitzernden Smaragden. 
Sie Hess den Blick nicht von der Bühne. Unausgesetzt hielt ihre kleine, 
schlanke, weissbehandschuhte Rechte das langgestielte Lorgnon vor den 
Augen. Denn er, dessen Stück sie heut zum erstenmale gaben, er hatte 
sich ihr mit einer Leidenschaft genähert, die sie fast schon bezwang. 
Noch war sie nicht ganz besiegt, noch widerstand sie. Aber wenn er 
heute auf der Bühne triumphirte, dann würde auch sie sich ihm beugen 
— das fühlte sie. Und so sass sie und sah und lauschte, bereit, dem 
Sieger sich zu unterwerfen. 

Der erste Act ging unter lebhaftem Beifall vorüber. Nach dem 
zweiten durfte der junge Dichter sich einmal zeigen; seine Freunde 
hielten sich brav. Lisa hatte zu klatschen aufgehört, das Opernglas er- 
griffen. Und sie sah, wie sie ihn oberflächlich schon so oft gesehen, 
den schlanken, mittelgrossen, schwarzbefrackten Körper, den feinen, 
blassen, ovalen Kopf mit dem dunkelblonden, pariserisch geschnittenen 
Vollbart, der weissen, gewölbten Stime, den grünlich-blauen Augen, die 
ihr so sehr gefielen. Mit einem leisen Lächeln lehnte sie sich jetzt zu- 
rück, als sich der Vorhang wieder senkte. 

Aber nun kam dieser dritte Act, wo die Mutter der CQcotte zu 
Füssen sinkt und sie weinend um die Freigabe ihres Sohnes anfleht, 
wo dieser plötzlich dann erscheint, gegen die Mutter Partei nimmt 
und sie mit harten Worten aus der Stube weist. Als da der Vorhang 
fiel, da herrschte zuerst ein banges, bebend-feierliches Schweigen, dann 
aber brach ein Beifall los, ein tosender, frenetischer wie ein Gewitter 
im Frühling. Die Herren im Parquet erhoben sich von ihren Plätzen, 
und selbst die Damen in den Logen klatschten hingerissen mit. Lisa 
war wie betäubt Ihre Wangen hatten sich geröthet, die feine, 
knospenhafte Brust vibrirte unter tiefen Athemzügen, sie hätte weinen 
mögen vor warmem, leuchtendem Ergriffensein. Gigantisch gross kam er 
ihr vor, ein Gott, ein Held, an dessen harter, freier Schulter sie gerne 
gelehnt hätte. Es war das echte, das weibliche Gefühl bereiter Opfer- 
willigkeit des Schwachen für das Starke. 

Dann riefen sie laut und stürmisch seinen Namen, Der Vor- 
hang hob sich, der Dichter erschien. Demüthig, schüchtern trat er 
vor die Rampe, sein Blick flog suchend zu Lisa empor. Und diese 



FELICIEN ROPS. 
Von Sar Josephin Peladan (Paris). 



— — — — combien j'aime 
C« tant bixzare Monsieur Ropt 
Qui n'est pas an grand prix de Rome, 
Mais dont le talent est hant, comme 
La Pyramide de Ch6ops. 

Baudelairt, 



Zeitgenosse seini Das heisst die Gefiihle und das Gehaben seiner 
Zeit, ihr Denken und ihr Wesen sich erklären; ihre symbolische Be- 
deutung erfassen und die Entstehung ihrer Ideen sowie deren nächste 
Erscheinungen schauen; sein Zeitalter lieben, ohne vor den Fehlem, 
die man an ihm entdeckt, seine Seele zu verschliessen. Der Künstler 
als Zeitgenosse acceptirt das Wesen, die Formen seiner Zeit, indem er 
dieselben, ohne sie durch Anpassung an bildnerische Formeln zu ent- 
stellen, in sein Werk überträgt. 

Im Alterthum sowohl als vom Beginne der Renaissance war der 
Künstler auch Zeitgenosse; doch es verseltsamte sich dieses 2^it- 
genossenthum und endete mit der Revolution. Die Schande, von seiner 
Kunst verleugnet zu sein, blieb dem XIX. Jahrhundert vorbehalten ; vor 
der Realität unseres Zeitalters prallten Pinsel und Meissel zurück, die 
Eben ins Vergangene, die Andern ins Abstracte. Dieses Flüchten aus 
der Gegenwart: Ist es Unfähigkeit oder Ekel? Dem Anscheine nach 
beides. Wenn diese Flucht der Kunst auch durch das Vorschreiten des 
Hässlichen theil weise gerechtfertigt erscheint, bleibt sie doch eine sträf- 
liche Pfiichtunterlassung, denn Pflicht der Kunst ist: die Veränderung 
der Formen nach ihrer Reihenfolge des Erstehens zu verewigen. Man 
sagt unseren Körpern nach, dass sie hässlich seien, und vergisst, dass 
Schönheit des Objectes nicht das Wesentliche der Kunst ist. Rembrandt 
weist in seinen ganzen Stichen auch nicht eine reine Linie auf, und 
Albrecht Dürer, der grosse Dürer, hat nie ein plastisch reines Profil 
gezeichnet! Das Wesen der Kunst ist die Seele, und wenn die Seele 
unserer 2^itgenossen auch minder hehr geworden ist, so will sie doch 
zum Ausdruck gebracht werden. Man liebt und man weint in unseren 
Tagen — was braucht es zu einem Meisterwerke mehr? 

Die Hässlichkeit des Körpers ist von seltsamer Melancholie, und 
die Wiedergabe dieser erhob Dürer und Rembrandt auf die höchste 
Sprosse der ästhetischen Stufenleiter. . . Ein Weib aus dem Volke 1 
Ohne Rasse, vom Uebel des Lebens erschöpft, nur von Lumpen ge- 
deckt: Man entkleide es, und man wird die sinnlichen Heiden flüchten 
sehen; der Künstlerchrist aber wird erschüttert sein bei dem Anblick 



FELICIEN ROPS. 295 

dieses Leibes, den die Mutterschaft entstellt hat, und dieser Brüste, die 
so kraftlos hängen. Der Schmerz, diese grosse Muse, hat diesen 
Körper, indem er ihn zemarbte, dramatisirt I Eine unleugbare Thatsache 
unserer Tage, ob sie sich nun in die Lyrik Byron's einhüllt oder in die 
Barbey d'Aurevilly's, in den zotigen Freimuth von Armand Silvestre oder 
in den Petrarquismus Paul Bourget's, Factum bleibt : die geschlechtliche 
Besessenheit. Je mehr die Decadenz einer Zeit erkennbar wird, desto 
mehr verräth sich diese Besessenheit als eine gesellschaftliche Plage 
und unabänderliche physische Thatsache. 

Um heute Künstler und Zeitgenosse zu heissen, muss der Mensch 
Moderner sein, und als solcher bedarf er, um wahrhaft gross dazu- 
stehen, tausendfach stärkerer Kraftäusserung als der Nichtmodeme. Das 
heisst: ein Modemer muss Zeitgenosse aller Zeitalter, aller Länder 
sein, zugleich aber seiner Zeit und seinem Ort verbleiben; daneben 
heisst es, Alles gesehen haben von den Ufern des Jordan bis zum Tiber 
und der Seine ; Alles gelesen haben : Homer und Dante, Confucius wie 
die Kritik der reinen Vernunft. Modemer von heute sein, bedeutet 
ferner das Wesen der Moderne in zeitgenössische Formen fassen, und 
daher gibt es nur einen Künstler, der es im Adlerflug gethan: F^licien 
Ro p s. 

Einem Künstler wie Fdlicien Rops, der den Inhalt eines grossen 
Buches bedeutet, in diesem Rahmen gerecht zu werden, ist nicht mög- 
lich. Aus den vom Verfasser der »Art romantique« in dem Werke 
»Le Peintre de la vie moderne« dem Aquarellisten Const. Guys ge- 
widmeten sechzig Seiten passt der Satz: »Heute will ich das Publicum 
von einem seltsamen Menschen unterhalten, dessen mächtige, ent- 
schiedene Originalität sich selbst genügt und gar nicht erst den Beifall 
sucht . . . « auch auf Felicien Rops. 

Rops selbst schrieb einem Kritiker: »Glauben Sie, dass es auch 
nur interessant genug sei, der alten turba, die blind und taub ist, zu 
sagen, was ich bin, oder besser, was ich sein möchte? Mein Kupfer- 
blatt scheut das grosse Tageslicht; ich bin ungekannt und befriedige 
eine gewisse Eitelkeit damit, ungekannt zu sein.« 

Der »tant folätre Monsieur Rops« Baudelaire's ist ein Gegensinn, 
eine Antiphrase. Von ausserordentlicher Selbstzucht, wie es für einen 
Freund Baudelaire's sich schickt, und mit martialischen, jedoch feinen 
Gesichtszügen begabt, welche in ihrer grossen Beweglichkeit die 
schwingende, erfassende Künstlerseele offenbaren, besitzt er eine Conver- 
sationsgabe, die — die mit absolut nichts vergleichbare Barbey d'Aure- 
villy's ausgenommen — das Lebhafteste, Bilderreichste ist, was man je 
gehört haben mag. Dank unermesslicher Belesenheit, ist beispielsweise 
seine Kenntniss des Lateinischen mit der vergleichbar, die man im 
XVII. Jahrhunderte erwarb. 

Für ihn war die Kunst keine »Laufbahn«, sondern Sache des 
Geschmackes zuerst^ dann Leidenschaft. Baudelaire sagt, Rops' Ziel sei 
«nicht ein Preis von Rom«, und doch bewarb sich jener einst mit »Jesus 
Christus, Lazarus erweckend«. In einem riesigen Friedhofe tritt mit 



296 PELADAN. 

erdenmenschlichem Zagen Christus vor. Ob das auch lästerlich schien, 
die Behandlung war gleichwohl jene, aus der heraus man den zu- 
künftigen Aquarellisten der »Sataniques« schon ahnte. Die Brillen der 
Jury, sie wackelten davor. 

Abgesehen von einer Sammlung, die sich im Besitze des Herrn 
Noilly befand, hat Mars, der geistvolle Zeichner, die schönste Collection 
Rops'scher Werke. Sie enthält ungefähr 2000 Kupferstiche, für welche 
die Stedt Antwerpen 30.000 Francs bot und die eines Tages 100000 
werth sein werden. Als Rops zu radiren begann, war die Lithographie 
dem stets wachsenden Misscredit noch nicht anheimgefallen, und der 
Künstler radirte seine heftigsten, oft feindseligen Compositionen auf 
Stein : le Fer rouge, la Medaille de Waterloo. Doch sagte diese Richtung 
seinem nervösen, schneidigen Stifte weniger zu, und es begann die 
Reihe seiner Frontispicien. Vor AUem das Titelbild für die »Epaves« 
von Baudelaire, der während seines Aufenthaltes in Belgien Fdlicien 
Rops' Gast und steter Freund und Bewunderer wurde. »Unter dem 
Baum der Verderbnisse, dessen Stamm ein menschliches Skelett dar- 
stellt, erblühen die sieben Todsünden, durch Blumen von symbolisirender 
Form und Haltung dargestellt. »Fleurs du Mal . . . « Die um das 
Becken geschmiegte Schlange ringelt sich gegen die Blumen des Bösen 
vor, in welchen das gespenstige Knochengerüst des Pegasus sich wälzt, 
der mit seinen Reitern erst im Thale Josaphat zu neuem Leben er- 
wachen darf Ein Zaubergeschöpf entfuhrt auf seinem Rücken des 
Dichters Bild in den Aether, umringt von Engeln und Cherubinen, die 
das Gloria in excelsis anstimmen. Im Vordergrunde zeigt eine Cam^e 
einen Strauss, der ein Hufeisen verschlingt, mit der Devise: Virtus 
Durissima coquit, Tugend weiss selbst mit dem Unverdaulichsten sich 
zu nähren. Die Aufschrift allein zeigt die symbolisirende Kraft und die 
bilderreiche Vorstellung des Künstlers. 

Die meistgenannte Serie Rops'scher Radirungen ist die der »Delvau« : 
Caf^s et cabarets de Paris, Grand et petit trottoir. Davon das Wunder- 
stück sind die achtzehn Dessins der »Cythdres parisiennes«. Nie ward 
die Welt der Feilschenden, das niedrige Laster, so trefflich imd wahr- 
haft gezeigt als in diesen achtzehn Croquis, welche die crapule parisienne 
vom bal Montesquieu zum Salon de Mars und vom vieux Chöne zur 
Salle Markowski lebendig werden lässt. Es ist das, was man »Croquis 
der Sitten« nennen möchte, und was Rops an die Seite Gavarni's 
und Daumier's stellt. 

Die ganze belgische Literatur hat kein wirklich grosses Buch pro- 
ducirt; aber einer von den durch Baudelaire so sehr verhöhnten 
»Wallonen«, Charles de Coster, hat während des XDC Jahrhunderts 
ein Epos im ganzen Sinne des Wortes geschaffen: »Tiel Ulenspiegel«, 
der Held von Flandern. Felicien Rops, ein Freund des de Coster, 
fertigte hiezu eine Serie von Stichen an, von denen in der grossen 
Brüsseler Ausgabe kaum die Hälfte Platz finden konnte. Der hervor- 
ragendste dieser Stiche, welchen auch Rembrandt signirt haben würde, 
führt die Aufschrift »Le Pendu« und zeigt einen Mann, der an dem 



FfeLICIEN ROPS. 297 

Klöppel einer riesigen Thurmglocke hängt. Der Körper schwingt zwischen 
dem Balkengerüste, von Thurmfalken umkreist. Zola würde niederknien, 
und die Leichenmaler Vald^s und Leal würden angesichts dieser ver- 
tieften Wirklichkeit ihre Pinsel zerbrechen. Rops war auf seiner Reise 
in Spanien in eine einsam gelegene posada gelangt, deren Wirth sich 
aus Liebesleid eben erhängt hatte. Niemand wagte es, den Cadaver 
vor Eintreffen der Behörden herabzunehmen, so blieb derselbe mehrere 
Stunden hängen, während welcher F^licien RopS; stets befürchtend, 
dass man ihn störe, eifrigst zeichnete. Als de Coster die Zeichnung 
sah, erbat er sie sich für sein Werk, in das er den Vers einfügte: 
»Und Charles Quint Hess den an den Schlägel der Glocke hängen, der 
sie zum Alarm geläutet.« So wie dieses, haben die Mehrzahl der Werke 
F^licien Rops* ihre Vorgeschichte ; schon deshalb ist sein Gesammtwerk 
das Material eines grossen Bandes. 

F^licien Rops hat wohl sämmtliche Ateliers mehr als Neugieriger 
denn als Schüler passirt. Von Verfahren und Technik hat er jederzeit 
so viel wie irgend ein Künstler verstanden; Jener aber, den Rops 
»mon glorieux et vdnör^ maitre« nannte, der grosse Millet, hat ein 
Echo in ihm erweckt und in ihm den grossen, von Nachbilderei freien 
Fortsetzer gefunden. »La Gardeuse d'abeilles« und »le Bouvier arden- 
nais« sind Millet- Werke der Radirkunst. Ein ganz unvergleichliches 
Meisterwerk ist »Bout du sillon«. Die junge Bäuerin und der kräftige 
Bursch, jedes einen Pflug vor sich führend, begegnen sich, von ihren 
Herzen getrieben, am Ende der Ackerfurche; ihre Lippen bewegen sich, 
ohne zu sprechen, aber ihre Augen legen Alles in einen Blick, und die 
Beiden pressen sich aneinander, mehr als sie sich umarmen, doch 
keusch und beinah feierlich. Die Wirkung dieses Bildes ist sofortig, 
beim Anblick dieser Gestalten ist man bewegt. 

Das Gute und das Böse, Gott und sein Pendant, der Teufel, sind 
die zwei synthetischen Facten der Menschheit, die beiden Pole der 
freien Willkür; es sind die beiden Urangelpunkte der Metaphysik: der 
Mysticismus, der zu Gott erhebt, und die Verderbtheit, die zum Teufel 
hinführt. Der Mysticismus ist selten und verborgen; die Verderbtheit 
dagegen deckt mit ihren schwarzen Flügeln die Welt; die Modernität 
in der Kunst kann also nichts sein als der Ausdruck dieser Verderbt- 
heit, die die Basis des Modernen ist. Jemand sagte mit scheinbarer 
Unbesonnenheit: »Rops ist die Antithese des Fra Angelicol« Richtig. 
Das Entgegengesetzte des Angelischen ist eben das Diabolische, und 
Rops, der kein Mystiker ist, ist ein Perverser, ein Verderbter, da er 
ja gross und modern ist. Es dürfte überflüssig sein zu betonen, dass 
dieses Epitheton nur auf den Künstler, nicht auf den Menschen ge- 
münzt ist; kühn dürfte man es auch auf Balzac ausdehnen. 

Die jüngste Form des modernen Wortes : der Roman, den Balzac 
und Barbey d*Aurevilly zur Höhe des Epos erhoben, hat nur ein Sujet: 
die Schilderung der Sünde und der Versuchung, d. h. die Mannigfaltig- 
keit der Verderbniss, ihre Ursachen und Folgen. Balzac ist von einer 

23 



298 PELADAN, 

wunderbaren Keuschheit, aber zu viele schöne Schleier verwischen das 
Hässliche des Bösen. Barbey d'Aurevilly vergisst nie, dass er, der 
Casuisty Seelsorgelasten hat; doch flammen seine Schriften, so dass 
die Hitzausstrahlung dieses Gluthofens, in dem er die Metalle der Seele, 
das gemeine Blei und das reine Gold zum Schmelzen bringt, einen 
Schwindel verursacht. Der Stichel Felicien Rops' ist stark von Sexualität 
bewegt, doch frei von Heuchelei und möglichen Missverständnissen. 
Eines seiner Unterscheidungsmerkmale ist die Freimüthlgkeit ; sein Stichel 
begeht keine Heuchelei oder vorsätzliche Uebergehung; er gibt das 
Laster wieder, kühn, offen, wagemuthig. Eine Eigenschaft möge Rops 
in dem Geiste des Lesers nicht einbüssen durch dieses Lob: Er ist 
zartsinnig. Nicht wie Gustave Moreau, aber doch. Zum Beweise sei hier 
das Bild erwähnt: »Adieux d'Auteuil«. Das ofifene Gitterthor lässt ein 
untadelhaftes Gespann sehen, das, von einem äusserst correcten Kutscher 
gehalten, jene der beiden eleganten Damen erwartet, welche sich im Strassen- 
kleide von ihrer Freundin, die ein Gartencostüm trägt, warm verabschiedet. 
Sie umarmen, küssen sich. Was ist natürlicher? Dieses BDd war von einem 
Brüsseler Kunstjoumal als Prämie beigegeben worden; in den »Fleurs 
du Mal« jedoch wurde es aus demselben Grunde von der Censur unter- 
drückt, aus welchem Sehende vor diesem Werke lächelten. Der Künstler, 
der der Allgemeinheit unsichtbar zu machen versteht, was für Ein- 
geweihte auffallend bleibt, ist ein subtüer Meister I Im Lächeln, in jenem 
Doppellächeln von Mund und Augen, scheint der Zauber des Frauen- 
antlitzes zu liegen. Jene Meister, die ein Lächeln gefunden, wie Leonardo 
da Vinci und Correggio, die z^lt man. Rops hat ein Lächeln gefunden, 
das schwer defmirbar ist und das ich nennen möchte: das Lächeln der 
sorglosen Verderbtheit. 

Je mehr Einfluss und Vermögen das Weib in einer Civilisation 
besitzt, um so grösser ist die Decadenz. 

Den Denker Felicien Rops überraschte die grenzenlose Behexung 
des Mannes durch das Weib im Verfall der latinischen Rasse. So ent- 
stand ein Meisterwerk: »Dames au pantin«. Es gibt deren mehrere, von 
denen die erste Mars in der Originalzeichnung besitzt Eis ist eine 
im Rücken gesehene Büste mit sich verlierendem Profil. Die schönen, 
in ihrer Rundung kräftigen Schultern lassen die in Unthätigkeit ver- 
borgene Kraft ahnen. Auf den Ellbogen gestützt, erheitert sie sich mit 
einem Polichinelle; das ist schön, wird man sagen, aber platt Schlank, 
geschmeidig, von schönem Ansätze, gleicht sie in ihrer anschliessenden 
Kleidung eher einer Schlange ; im schmächtigen, bis zum Ellbogen von 
schwarzen Handschuhen bedeckten Arm schüttelt sie über ihrem Kopfe 
mit einem Lächeln unbeschreiblicher Verachtung nicht mehr das Spiel- 
zeug des Kindes, sondern einen Herrn im Frack, das Spielzeug des 
Weibes . . . Dieses Werk würde genügen, um Rops unsterblich zu machen. 
Rops, der Maler der Sünde, hat alle die höhnischen und die furchtbaren 
Varianten des super bestiam femina vergegenwärtigt. Niemand hat, wie 
er, das gekleidete Weib erfasst Aus der Toilette desselben hat er ein 
ausdrucksvolles Mittel von ungekannter Intensität geschaffen. In eine 



FfeLICIEN ROPS. 299 

Falte des Stoffes nistet er die sieben Todsünden ein ; er hat das Kleid 
nicht nur menschbelebt, sondern geradezu animalisirt. 

Als Maler der Perversität oder besser der Verderbtheit ragt Rops 
selbstverständlich in der Entkleidung hervor. Sein Stülpen der Aermel, 
sein Bnistentblössen und seine Halsknoten sind von bewundemswerth 
bezeichnender Erfindung. Die langen Handschuhe und die grossen, 
schwarzen Strümpfe, welche, ohne dem Modell, ohne ihm etwas zu nehmen, 
einen eigenthümlich perversen Ton verleihen, sie haben in Felicien Rops 
ihren Entdecker. 

Will man die modernen Werke von Rops in eine Formel fassen, 
so ergibt sich die folgende: Der Mann, besessen vom Weibe; aber der 
Zwang der geschlechtlichen Anziehung genügt nicht, diese Besessenheit 
zu erklären, und als Moderner, d. h. als katholischer Geist — denn 
dies ist synonym — hat Rops des Teufels gedacht. Es ist sein bleibendes 
Verdienst, den Muth gehabt zu haben, aus dem heraus, was Nichts- 
wisser den Aberglauben des Mittelalters nannten, die Lösung des Leiden- 
schaftproblems gefunden zu haben. 

F61icien Rops frug sich, was Lucifer denn sei, was er seit der 
Renaissance geworden und welches die Ursache sein mag, dass er in 
Nichts ||ind Niemandem mehr erscheine, da der Spiritismus nur eine 
nervös-krankhafte Erscheinung, doch keine Manifestation vom Bösen ist, 
wie Chevillard es so meisterhaft bewies. Als feinsinniger Meister fand 
Felicien Rops, dass die heutigen »Besessenen« die Positivisten seien und 
nach der Sittenordnung ihr Helfershelfer: das Weib. Rops ersann die 
vom ästhetischen Gesichtspunkte wunderbare Formel: der Mann, be- 
sessen vom Weibe ; das Weib, besessen vom Teufel. Wie so Vieles, kennt 
Rops auch den Occultismus, gehört ihm jedoch nicht an; sein Zauber- 
buch liegt in seiner Inspiration. 

Felicien Rops ist vom Publicum ungekannt; aber hat er auch 
keinen Namen, Ruhm besitzt er. Dreihundert subtile Geister bewundem 
und lieben ihn. Die Zustimmung dieser Denker ist die einzige, an die 
der Meister sich kehrt. Könnte einer von Jenen, für welche populari- 
sirende Werke geschrieben werden, an einem seiner Werke Geschmack 
finden, Rops würde es sofort vernichten. Patricier der Kunst, will er 
nur Richter von seinesgleichen. Nicht aus Stolz. Die beste Probe seiner 
Bescheidenheit ist seine geringe Notorität, die er wünscht, da er weiss, 
dass die Kunst ein Druidismus ist, welcher alle zur Höhe strebenden 
Geister aufnehmen, aber nie zu Jenen sich niederlassen darf, die sich 
nicht zu erheben vermögen. 

Das Werk Fdicien Rops' umfasst das gesammte synthetisirte Leben 
der Modernen; ihre Spitzen sind: das Weib und der Teufel I 

Die flüchtige Anmuth des unsteten, stets wechselnden Weibzeit- 
genossen ist in ein Kunstwerk beinah nicht zu bannen. In der Be- 
wegungslosigkeit büsst es seinen schönsten Reiz ein, der in der Rasch- 
heit und in dem Unerwarteten der Geste und der Haltung liegt. Die 
Pariserin zum Styl erheben, ist eine Unmöglichkeit, die nur Rops sieg- 
reich versucht hat. Als Denker empfindend, hat er statt eines einfachen 



300 PELADAN. 

Weibes unserer Tage die »Dame au pantin« geschaffeu, das Dämchen 
mit dem Klappermann, der vielleicht Sie sind oder ich bin. 

Doch das Wunderbarste seines Werkes ist der Teufel Ja, heute, 
in der Zeit der starken Geister, gibt es einen Künstler, der Dämone 
schafft, welche ängstigen und die keiner verlacht. 0hl es ist nicht 
Bertram, nicht Mephistopheles, er hat keine Klauen; dieser Teufel ist 
im Frack und trägt ein Monocle . . . und er beängstigt doch ; der einzige 
Satanismus ist: sein Lächeln und sein Blick. 

Es sei versucht, eine Jdee von den »Sataniques« zu geben, diesem 
Poem vom »Weib, besessen vom Teufel«, in welchem Felicien Rops sich 
bis zum Dürer erhebt, mehr denn je Felicien Rops bleibend: 

I. »La Chimäre.« — Enorm, breitschulterig aus dem Block ge- 
schnitten, die steinernen Augen im nubischen Antlitz nach dem Horizont 
des Mysteriums gewandt, rollt die Chimäre die kahlen Flügel zur Hohl- 
muschel ein; in ihr wie in einer Nische sitzt Satan, das Kinn in die 
Hand gestützt, weiss cravattirt, das Monocle ins Auge geklemmt; so 
betrachtet er das Weib, welches auf dem Rücken des Kolosses liegt 
und, indem es ihn liebend umarmt, zu seinem Ohr hinaufstrebt, ihm 
ihr Geheimniss zu vertrauen. Dieses Geheimniss, Satan hört es würdevoll, 
kaum merklich höhnend an: ein Akademiker der Hölle ist ei, kein 
Homstümpfchen, kein Schweif verunstaltet ihn. Dieses Weib, aas sich 
auf dem steinernen Koloss wälzt, ihm das Geheimniss vertrauend, das 
der Teufel belauscht und durch welches er das Weib an sich zerren 
wird: Ist es nicht das Symbol der Sünde? 

Technisch lässt der weibliche Körper an Michelangelo denken, 
wie von einem florentinischen Meister ist es, aber des Teufels Antheil 
daran ist grösser 1 

II. »Le Semeur.« — Nun ist es Satan der Bauer, welcher in dunkler 
Nacht die Erde durcheilt, die bösen Wesen säend, die abscheulichen 
Neugeborenen, welche Verdammte sein werden; Satan hat die Blouse 
voll von diesen verdammten Geschöpfen, die er mit vollen Händen aus- 
streut. Rops stellt ihn dar, einen Fuss auf den Thürmen von Notre 
Dame und halb Paris unter den mageren, mit riesigen Holzschuhen an- 
gethanen Beinen, sein finsterer Schattenriss erfüllt den Himmel. Es ist 
ein Dürer! 

IIL »Lidole.« — Man vermeint, den schimpflichen Cultus der 
Phönicier zu sehen. Vom Giebel eines Bauwerkes werfen zwei unheim- 
liche Scheinwerfer ihre schwefeligen Schimmer. In der Mitte ragt ent- 
setzlich der höhnisch grinsende Götze, eine Art Satan, halben Körpers 
in einer Hermesscheide; das bethörte Weib widersteht der Bestrickung 
nicht und hisst sich auf den Götzen, umschlingt ihn verblendet unter 
dem höhnenden Gelächter des bronzenen Dämons. 

IV. »Le Sacrifice.« — Hier hat Satan keine beschreibliche Form 
mehr. Ein ochsenkopfförmiger Helm, mit einem ThierfeU und dem Schweife 
eines Monstrums, durch den er das Weib behext und in seiner Gewalt 
hält, dieses Weib, das vom Wahnsinn durchwühlt sich vornüber geworfen^ 
auf einen Altar mit selbstschänderischen ReliefbUdem. 



FtLICIEN ROPS. 301 

Es gibt zwölf »Sataniques«. Hier fehlt der Raum, die letzten acht 
zu beschreiben, aber man darf auf F^Ucien Rops wohl mit grösserem 
Rechte als auf Goya das Wort Gautier's anwenden: »Er hat in seinen 
Kupferstichen grosse Schrecken geschaffen.« Kürzlich frug Jemand : Wer 
ist Rops? Ist er ein Maler, ein Kupferstecher? Rops ist ein Künstler, 
der alle Arten des Verfahrens kennt und sie je nach seinem Gutdünken 
anwendet. Er ist Maler, da aber seine Conceptionen Gedanken sind, 
zieht er dem Pinsel den Stichel vor, wofeme er nicht etwa das Pastell 
oder das Aquarell erwählt. Gleichwohl ist die mit der Vemis-mou-Manier 
gemengte Aetzkunst sein Lieblingsverfahren. In dieser Kunst folgt F61icien 
Rops gleich nach Rembrandt. 

Nur wenige — selbst aufgeklärte und gebildete Menschen nicht 
— zeigen sich empfanglich gegenüber den »Sataniques«. Wo aber Rops 
allen Intelligenzen zugänglich wird, das ist in seiner Auffassung des 
modernen Weibes. 

Die Frauen Balzac's und die Dämone Barbey d'Aurevilly's haben 
ihre Ebenbilder nur im Werke F^licien Rops'. Wie er hat seit Leonardo 
da Vinci und Dürer Niemand das moderne Weib ausgedrückt; Niemand 
in der Kunst den Satanas. Das Weib und Satan aber sind die halbe Welt. 

Felicien Rops und seine fünfzehnhundert Stiche in einen Artikel 
zu fassen, ist unmöglich; es soll diese Monographie auch nur als Vor- 
studie eines späteren Werkes gelten. 

Zwischen Puvis de Chavannes, dem Heroischen, Gustave Moreau, 
dem Feinfühligen, und Felicien Rops, dem Intensiven, schliesst das 
kabbalistische Triangel der grossen Kunst. 

In meinen Augen ist Felicien Rops, seit der Schule von Antwerpen, 
der grösste flämische Meister. 



URY'S NEUES KOLOSSALGEMÄLDE. 

Von FFANZ SeRVAES (Berlin). 

Ein grosses Kunstwerk hat im Laufe dieses Winters in 
Berlin das Licht der Welt erblickt: ein Triptychon von 
Lesser Ury „Der Mensch". Eine ganze Weltanschauung 
ist darin niedergelegt und eine kühne, künstlerische Protest- 
gesinnung. 

Wer das kleine Urychen über die Strasse huschen 
sieht, mit hastigen, nervösen Trippelschritten, geduckt, 
menschenscheu, vergrämt, mit einem putzigen Anstrich von 
Eleganz bei dem stets unvermeidlichen, aber leider ziem- 
lich fragwürdigen Cylinder, wer ihn dann sprechen hört, 
übertrieben hoflich, fast demüthig, manchmal mit allerhand 
franzosischem Gestotter durchflickt und von unmotivirtem, 
nervösem Gekicher unterbrochen, der wird schwerlich er- 
rathen, dass in diesem so klein sich geberdenden Menschen- 
kind eine grosse, stolze und heroische Seele wohnt. Und 
doch hat, wenn irgend Einer unter den Berliner jüngeren 
Künstlern, Lesser Ury Anspruch darauf, für einen Heros 
gehalten zu werden. Nicht allein seiner künstlerischen 
Leistungen wegen, sondern vor Allem wegen des opfer- 
muthigen, ausdauernden und unerschrockenen Charakters, 
mit dem er seine künstlerische Gesinnung, allen Anfein- 
dungen und Anfreundungen zum Trotz, als sein innerstes 
Heiligthum sich bewahrt hat. Nicht einen Zoll ist dieser 
von keinerlei Heimsuchung verschont gebliebene, aus Noth, 
Hunger und Missachtung schwer sich emporringende Künstler 
vor den conventioneilen Ansprüchen der Menge oder den 
banausischen Rathschlägen der Pressekritik zurückgewichen. 
Er hat eine Entwicklung durchgemacht, so rein und auf- 
wärtsstrebend, so instinctsicher vordringend zum eigentlichen 
Centrum seiner künstlerischen Individualität, dass er als 
einer der Ganzesten dasteht im Bereich modemer Kunst, 
nicht etwa nur in Berlin, nein, in Europa. Sein neues Werk ist 



URY'S NEUES KOLOSSALGEMÄLDE. 303 

aber auch für Europa noch zu gross, es gehört der Mensch- 
heit an. 

Es ist gleichsam ein dreitheiliges Altarwerk, in dem 
die Passionsgeschichte des neuen und doch ewig alten, 
tragisch wider Zeit und Geschick ringenden Menschen ver- 
kündet wird. 

Gesinnung und Pathos des Ganzen drücken sich in der 
Mitteltafel aus. Sie ist Geist- und Fleischwerdung jener 
leidenschaftlichen Ringerstimmung, die den Künstler selbst 
in so hohem Grade charakterisirt. Da reckt sich ein Mensch 
zum Himmel hoch, das Knie aufgestemmt — welch ein Knie ! 
das eines Riesen! — den Kopf herausfordernd zurückge- 
worfen und die Arme — Hercules- Arme an Muskeln und 
Arbeitskraft! — mit düsterer Entschlossenheit wider die 
Brust gekrampft. Das ist der Mensch, der sich dem Schicksal 
nicht beugen will. Er kennt den Kampf, seine Härte und 
Schonungslosigkeit, von allen Illusionen ist er längst rein 
gewaschen, jeglichem Basiliskenblick hat er standgehalten 
— und nun kennt er nur den einen Wunsch noch: siegen 
oder untergehen! 

Der jetzt so verhärtet ist, so übermenschlich-graniten, 
er kannte einst die Weichheit des Sich-Sehnens. Da lag er 
träumend im Walde, hingeworfen ins schwellende Moos, 
umraschelt vom jungen Hoffnungsgrün, von goldener Sonne 
Übergossen und buntschillernden Verheissungen. So zeigt 
ihn uns das erste Bild. Und das letzte? Ein müder Greis, 
floh er in die Wüste, sitzt da und kauert, starrt vor sich 
hin. Seiner Glieder Blosse ist abgemagert, abgehärmt. Der 
Feuerschein des Auges ist erloschen. Hinter kahlem, grau- 
braunem Feld geht die Sonne unter, ein glühender Ball. 
Dann kommen die kühlen Schauer der Nacht. 

Also Kern und Inhalt der Tragödie. 

Ein michelangeleskes Ringen spricht sich darin aus, 
und michelangelesk ist vielfach auch die Formengebung. 

Wer hat je in unseren Zeiten die Natur wieder so ins 
Kolossalische zu steigern gewagt wie der kleine Ury diesmal 
in seinem grossen Mittelbild?! Dieser Mensch muss ja das 
Entsetzen aller Philister sein — und aller Correctheitspedanten I 
Aber für die Ungeheuerlichkeit der Leidenschaft, die sich 



304 SERVAES. 

darin aussprechen wollte, war dieser muskelgeschwellte 
Hercules der einzig zutreffende Ausdruck, und seine kühne, 
gewaltsame Stellung mochten wir um keinen Preis missen. 
Wie aber stets in Ury'schen Bildern, offenbart sich erst in 
der Farbe die ganze Intensität dieser bis zum Zerspringen 
vollen Künstlerseele. Wie Sturmrausch geht es durch diese 
Farbe, wie jauchzendes Hallelujah, wie schmetternde Fan- 
faren und wie starres, monotones Psalmodiren. Höchster 
Jubel tönt im ersten Bilde. Durch goldenen Glanz gaukeln 
prismatische Spiele. Der Ueberschwang der Jugend und 
des Frühlings lacht hindurch. Dann der schwere, sengende 
Mittag. Ein bleikühler Himmel über blau-weissem Meer. 
Und wie eine dunkle Feuersäule hindurchragend die 
bronzene Silhouette des Mannes. Auf dem Schlussbild trübe, 
fliehende, gedämpfte Lichter. Ein schweres Grau als Domi- 
nante. Unheimlich am stahlblauen Himmel, wie eine glühende 
Glaskugel, die Sonne. 

Ein Bekenntnisswerk von höchster individueller Kraft 
und ein Malwerk von zwingendem souveränen Können, 
durch diese Doppelheit wird Ury's neues Bild, was es ist: 
ein gewaltiges Kunstwerk. 



DAS NÄCHSTE CONCLAVE. 

Von Professor GlUSEPPE FlAMINGO (Rom). 
Deutsch von Wilhelm Kraus. 

Die zahllosen publicistischen Producte, die gegenwärtig über das 
nächste Conclave in die Oefifentlichkeit treten, erscheinen zwar etwas 
seltsam, sind aber nicht neu. Auch Pius IX. war in der sonderbaren 
Lage, über seinen bevorstehenden Tod und über seinen Nachfolger so 
Vieles hören zu müssen; dasselbe geschah bei allen anderen lang- 
lebenden Päpsten. 

Ich will nicht gerade sagen, dass derlei Broschüren für den noch 
lebenden Papst ein schlechtes Augurium sind; jedenfalls bedeuten sie 
einen verständlichen Wink, dass er lange genug gelebt hat. 

Bei der Papstwahl kommt es stark auf das Alter des Candidaten 
an; er soll möglichst betagt sein, denn das Conclave hofft immer, 
binnen Kurzem wieder zusammentreten zu können. 

Als es sich um die Wahl Leos XIII. handelte, war Joachim 
Pecci's vorgerücktes Alter eines der ausschlaggebendsten Argumente 
für seine Candidatur. So bestimmte Cardinal Bartolini, »grande elettore« 
bei Pecci's Wahl die vier spanischen Cardinäle, Franchi's Candidatur 
fallen zu lassen und Pecci ihre Stimme zu geben : Franchi sei zu jung, 
mit der Zeit könne auch er hofifen, Papst zu werden, jetzt noch nicht. 

Der Papst also, der lange lebt, bereitet namentlich dem heiligen 
Collegium eine schmerzliche Enttäuschung! Und Leo XIII. war ein 
Greis schon bei seiner Wahl — zudem war er von ziemlich schwäch- 
licher Constitution, und allgemein glaubte man, dass diese Asketenseele 
nur mehr ganz kurze Zeit in diesem Körper werde weilen können, 
der schier durchsichtig und jeglicher Lebenskraft bar schien. Gleich- 
wohl hat er der grossen Mehrzahl seiner Wähler an ihrer Bahre den 
heiligen Segen gespendet. Man begreift, dass unter solchen Umständen 
die Verblüffung des CardinalcoUegiums eine grosse ist. 

Und eben diese Enttäuschung, eben diese durch langes Warten 
aufs Aeusserste gespannte Ungeduld, sie bricht sich Bahn in der 
schwellenden Hochfluth literarischer Producte über das nächste Con- 
clave. 

Alles, was über das Conclave geschrieben wird, lässt sich in 
zwei Kategorien scheiden. Die eine behandelt im Allgemeinen die 
Frage, welchen Wünschen und Hoffnungen der neue Papst genugthun 
soll; häufig entwickelt sich daraus eine Kritik der gegenwärtigen Lage 
des Katholicismus und der Stellung des Papstthums. Jeder dieser Ver- 



3o6 FIAMINGO. 

fasser hegt die Ueberzeugung, der Papstwechsel müsse alle jene tief- 
einschneidenden Reformen im Katholicismus herbeiführen, die dem je- 
weiligen religiösen Ideal des Betreffenden entsprechen. 

Dagegen bemüht sich die zweite Kategorie, ein Bild der Vor- 
arbeiten hinter den Coulissen des Vaticans zu geben. Die Regel ist hier 
eine Art Musterung der verschiedenen »papslföhigen« Cardinäle (Car- 
dinali Papabili); Einer nach dem Andern wird vorgenommen, mit 
seinen Rivalen verglichen und auf seine Chancen geprüft. Da passirt 
vor dem Leser eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die eigentlich 
denn doch mit Ehrfurcht erfüllen müssten. Allein der Autor verschont 
keinen mit Intriguen und mehr oder weniger gemeinem Klatsch. 

Cardinal Bonghi und Monsignore Pappalettere nannten Joachim 
Pecci schon mehrere Jahre vor der Wahl den berufenen Nachfolger Pius'DC. 
Aber in dieser Wahrscheinlichkeitsrechnung figurirten als günstige Fac- 
toren nur die Verdienste Pecci's — und die stehen fest ; keinen Platz 
fand darin sein unmotivirter und schlecht verhehlter Hass gegen den 
Cardinal Antonelli, Staatssecretär unter Pius IX. Dieser Papst war 
Pecci nicht gewogen, und die gegenseitige Abneigung wurde durch 
Pecci's Mahn- und Protestschreiben gegen die Politik der Curie in den 
letzten Jahren Pius' IX. nicht gemindert. Bartolini war ein treuer Freund 
Pecci's, er war auch bei dessen Wahl sein »grande elettore«. 

Trotz alledem ist Joachim Pecci zeitlebens ein besonnener, milder, 
gutherziger Mann geblieben, trotz jedem andern. In der Vertheidigung 
der Würde des Papstthums Enthusiast, niemals Fanatiker, ist er, der 
Klatschsucht und müssigem Gerede ausgesetzt, ein edler Charakter. 

Uebrigens können alle diese Schriften, die uns zu einer Zeit, da 
der Papst noch lebt und doch schon ein neuer gewählt wird, in den 
Hintergrund des Vaticans fiihren, sich unmöglich vor dem Odium der 
Geschwätzigkeit schützen. Bedenkt man zudem, dass im heiligen Col- 
legium doch nur bejahrte Männer sitzen, und dass der Tod eines ein- 
zigen Mitgliedes, und hätte es noch so geringe Chancen, genügt, um 
ein ganzes Luftschloss scharfsinnig aufgebauter Hypothesen und Combina- 
tionen über den Haufen zu werfen, so sieht man, dass alle diese Bücher 
nur eine ganz ephemere und sehr nebensächliche Bedeutung haben. 

Grösseres Interesse darf die andere Kategorie beanspruchen. Ihre 
Autoren unterwerfen die allgemeine Lage des Katholicismus einer ein- 
gehenden Prüfung und füllen die Lücken und Löcher in der Welt- 
ordnung, die der christkatholische Glaube schliessen sollte, mit dem 
Idealbild des künftigen Papstes aus. Zu dieser Gattung zählt auch das 
kürzlich erschienene Buch Josephin P61adan*s: »Le prochain conclave«. 
Darunter schreibt er »Eine Belehrung für die Cardinäle«, einen Subtitel, 
der den Geist des ganzen Buches athmet. Wir finden eine Reihe sehr ernster 
Gedanken; um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, eine Aufdeckung 
der Todeskeime, die sich im kaiserlichen Palast des Pontifex bergen. 
Diese Kritik des Katholicismus schliesst mit der Meinung des Ver- 
fassers, dass er für das Ideal des Katholicismus das reine Menschen- 



DAS NÄCHSTE CONCLAVE. 307 

thum halte, und dass er glaube, der neue Papst werde dieses Ideal in 
Fleisch und Blut verwandeln. 

Peladan ist Romancier und Mystiker, und was mehr ist, er ist 
auch gläubiger Katholik. Daraus erklärt es sich, dass er die Gewohn- 
heit hat, von der Realität der Thatsachen oft zu abstrahiren, dass er 
die Idee für Wirklichkeit hält und so zu immer neuen Hypothesen 
und Abstractionen gelangt Vom hohen Giebel dieses Gebäudes herab 
erscheint die Wirklichkeit dann freilich armselig und schal. 

So zeigt P^ladan's Kritik an manchen Stellen reichliche Fehler 
und Mängel. Aber sie weist noch etwas Anderes auf: das tiefe, re- 
ligiöse Bedürfniss einer mystisch veranlagten Seele, ein religiöses Be- 
diirfhiss von einer bedeutend höheren intellectuellen Entwicklung wie 
die, die der Katholicismus bisher befriedigt hat. 

Pdadan ist nicht der gewöhnliche Mönch, der dem kommenden 
Papst und seiner Kirche bessere Zeiten prophezeit. Das Buch wird 
viele religiös begeisterungsfahige Seelen erregen. 

»Der Katholicismus muss vermenschlicht werden I« Das ist der 
Tenor seines Inhalts. 

Ist das nun möglich? 

Man darf sagen, dass das Ideal von der Macht der katholischen 
Religion, das in Leos X. Herzen lebte, ebensowenig den Gang der 
socialen Entwicklung beeinflusste wie das Programm Gregors VII. 

Gregor VII. verkündete es der Welt, dass die Kirche unabhängig 
sein muss von jeder weltlichen Gewalt, »dass sie frei sein muss; dass 
es im Ermessen des Papstes steht, seine Priester aus den weltlichen 
Banden zu befreien — zwei Lichter erleuchten die Welt: ein grosses, 
die Sonne, ein kleines, der Mood. Die apostolische Macht gleicht der 
Sonne. Wo der Statthalter Gottes auf Erden Widerstand trifft, und sei 
er noch so gross, er muss ihn bekämpfen, er muss stark bleiben, er 
muss leiden, wie Christus litt. Verfolgung und Uebermacht dürfen ihn 
von der Erfüllung seiner Pflicht nicht abschrecken«. 

Ein glänzendes Programm, in der That, fast übermenschlich 
gross I Aber vermochte Gregor die Ideale zu verwirklichen, die er als 
Pflicht des Statthalters Christi auf Erden proclamirte? Oder hat sie je 
ein anderer Papst verwirklicht ? — Im Wechsel der Zeitläufte wiederholt 
sich stets dasselbe Spiel: In den ersten Zeiten, da die Päpste das 
Erbe des allumfassenden Cäsarengeistes der weitbezwingenden Roma 
antraten, im waffenklirrenden Mittelalter ebenso wie in jüngstvergan- 
genen Tagen, da das heilige Collegium zusammentrat, um Pius dem 
Neunten eben Nachfolger zu geben, immer und immer hebt sich die 
weldiche Macht über die geistliche empor, immer stärker wird ihr 
Uebergewicht, und die flammenden Proteste Pius des Neunten gegen 
die Säcularisirung des Kirchenstaates bezeichnen die letzte Phase dieses 
Riesenkampfes. 

So erweisen sich sämmtliche Reformideen, sämmtliche Programme, 
ihres mystischen Schleiers entkleidet, als leere Abstractionen, als blut- 
lose Schemen. Unbewusste Kräfte sind es, die den Fortgang der reli- 



308 FIAMINGO. 

giösen Entwicklung — mehr noch als der socialen — durch mäliges 
Walten als unsichtbare Federn treiben und drängen. Kräfte, die ihren 
eigenen Weg gehen und sich nicht darum kümmern, ob dem Leib der 
katholischen Religion neue Säfte, neue Lebenskräfte zugeführt werden 
oder nicht. 

Paul V. lässt den kolossalen Peterstempel in Rom vollenden; 
den Tempel, der die ganze Menschheit in seinen Hallen vereinigen 
soll Und mit Riesenlettern kündet er es der Welt, dass dieser Tempel 
der Familie Borghese, dass er der Stadt Rom eigne. 

Die Cardinäle Mertel und Ca t er in i wollen ihre Stimme bei 
der Papstwahl (Leo XIII.) nur dann abgeben, wenn das Conclave in 
Rom gehalten wird, weil — sie alt sind und sich den Mühen emer 
Reise nicht unterziehen wollen! 

Leo XIII. approbirt in seiner Freude über die Sympathien der 
französischen Regierung als Bevollmächtigten bei der Curie einen Ex- 
communicirten, den Antichrist der Bocche di Rodano, Ponbelle, 
den »crocheteur«, wie ihn die französischen Katholiken nennen, die 
sich in Folge dessen immer mehr gegen die Politik des Vaticans 
sträuben und jetzt feierlichen Einspruch thun in der Wahl von Brest. 

Diese kleinen Daten haben bei all ihrer Verschiedenheit einen 
gemeinsamen Kern: sie zeigen, wie Papst und Cardinäle eben auch 
schwache Menschen sind, nicht imstande, all die Enge und Kraftlosig- 
keit zu ersticken, die im Herzen der anderen Menschheit waltet. 

Lange Jahrhunderte lebt der Katholicismus, zahllos sind die 
Päpste, zahllos die Collegien, die einander ablösen; und das Resultat 
solcher tausendjährigen Entwicklung ist, dass Macht und persönliche 
Werthung der Curie und des Monarchen im Vatican grösser und 
grösser wird. 

Anfanglich ist der Papst ein einfacher Bischof, seine Macht über 
das engumgrenzte Gebiet seiner Diöcese ist genau so gross wie die 
eines beliebigen anderen Bischofs, nur einen kleinen Ehrenvorrang hat 
er als Nachfolger Petri; aber es währt nicht lange, so erklärt er sich 
für den Stellvertreter Christi, für gottähnlich und unfehlbar! 

Diese ganze Fortentwicklung des Christenthums ist also im ge- 
wissen Sinne das genaue Widerspiel jener Vermenschlichung, Ver- 
allgemeinerung und Transsubstantiation seines ganzen Charakters, welche 
die spiritualistischen Katholiken, P^ladan an der Spitze, verlangen. 

Solche religiöse Ideale entsprechen eben nicht mehr dem Geist 
der Zeiten, und die grosse Menge kümmert sich immer weniger darum. 
Die katholische Religion ist ja in einer Anzahl von Individuen re- 
präsentirt und trägt daher die Last all jener Qualitäten, die diesen 
Individuen eignen. Der Geist der Exclusivität und masslosen Herrsch- 
sucht, von dem kein Einzelner frei ist, ist daher auch in den Katholi- 
cismus gefahren und haftet ihm untrennbar an. Als Leo XIII. an die 
englischen Dissidenten den Ruf ergehen Hess, in den Schoss der 
alleinigen Kirche zurückzukehren, so vermochte er in ihrer Religion 



DAS NÄCHSTE CONCLAVE. 309 

nichts als einen Irrthum zu sehen; sie antworteten natürlich beleidigt 
und ebenso beleidigend. 

Wie masslos muss erst der Geist des unbegrenzten Selbstbewusst- 
seins in dem Haupt der Kirche schwellen, wenn er die Reiche Buddhas 
oder Mahomets zum wahren Glauben zurück entbietet! Dasselbe 
thäten sämmtliche papstfahige Cardinäle, wenn sie morgen gewählt 
würden, Vanuntelli, Jacobini, Svamba. Ein Conclave ist zu schwach, 
den Geist des heutigen Katholicismus zu ändern, jede Wandlung ist 
ausgeschlossen. Will man nicht annehmen, dass sich die menschlichen 
Eigenschaften des Clerus von heute auf morgen in ihr Gegentheil ver- 
kehren, so verstehe ich diese ganze Vermenschlichung und Universali- 
sirung des Katholicismus nicht, nach der die Elite der Katholiken 
unter ihrem Wortführer P^ladan ruft. 

Der Conservatismus und Misoneismus ist und bleibt die grösste 
Macht in der Evolutionsgeschichte der Menschheit; und dass er auch 
in der Religionsgeschichte gross genug ist, um alle momentanen Reform- 
ideen bei Seite zu schieben, ist wahrlich gut. Denn eher stirbt eine 
Religion, als dass sie sich — entgegen ihrem tiefsten Wesen — ver- 
ändert. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER. i) 

Von Dr. Carl du PrEL (München). 

(Fortsetzung.) 

Als Medicinalrath Wetzlar eine Somnambule fragen liess, ob eine 
schlimme Rückwirkung von einem Kranken auf den Magnetiseur möglich 
sei, Hess sie ihm die ganz richtige Antwort zugehen, das sei möglich, wenn 
der Magnetiseur schwächer sei als der Kranke.^) Die Somnambulen 
finden auch instinctiv die Mittel, sich dem Magnetismus zu entziehen, wenn 
er ihnen unbequem wird. Dies hat erst jüngst wieder Janet erfahren : Er 
bat einst den Dr. Gibert, Frau B. aus der Entfernung einzuschläfern. Es 
geschah 1 1 Y» Uhr Vormittags, eine Stunde, zu der sie nie magnetisirt 
zu werden pflegte, und sie befand sich in ihrer Wohnung, 500 Meter 
entfernt. Janet ging sodann in ihre Wohnung, fand sie aber völlig wach 
und glaubte, das Experiment sei misslungen. Er schläferte sie sodann 
wie gewöhnlich ein, und nun gestand sie ihm: »Ich weiss sehr wohl, 
dass Dr. Gibert mich hypnotisiren wollte, aber ich merkte es und 
tauchte meine Hand in kaltes Wasser, um den Schlaf zu verhindern. < *) 
Wir dürfen wohl vermuthen, dass das Wasser hier als ein wegen seiner 
grossen Odcapacität geeignetes Ableitungsmittel angewendet wurde; 
denn in diesem Sinne wurde dieses Verfahren schon früher angewendet, 
und in einem Briefe an Dr. Wienholt wird es als »einstimmige Meinung 
vieler Somnambulenc angeführt, dass das sicherste Mittel, einen an- 
steckenden Kranken ohne Gefahr für den Magnetiseur zu behandeln, 
darin bestehe, sich nicht vor den Kranken, sondern seitwärts zu setzen, 
und zu seinen Füssen ein Gefäss mit Wasser zu stellen, in welches 
einige Conductoren von Glas, die seinen Körper berühren, münden'.) 
Auch bei Du Potet geräth eine Somnambule auf dieses Ableitungs- 
mittel. Bei ihr hatten sich einige Aerzte zu einer Berathung versammelt, 
konnten sich aber so wenig verständigen, dass — wie der Bericht- 
erstatter sagt — die Wissenschaft sich an diesem Tage kaum von der 
Unwissenheit unterschied. Eine 14jährige Somnambule, die hierauf be- 
fragt wurde, verlangte, dass die schlechten Säfte der Kranken, die an 
einem Weichselzopf litt, durch magnetische Striche von der Brust gegen 
den Kopf abgeleitet werden sollten. Als der Magnetiseur dieses Ver- 
fahren als sehr bedenklich erklärte, gab sie ihm Recht, doch könnte 
üblen Folgen vorgebeugt werden, wenn über den Kopf der Kranken 
ein Glas Wasser gehalten würde ; dann aber müsste das Wasser sogleich 

') Wetsler: Meine wanderbarc Heilang durch eine Somnambale. 206. — 
^) Revue scientifique. Mai 1886. — *) Wienholt: Drei Abhandlungen über 
Magnetismus. 103. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER. 3 1 1 

weggeschüttet und das Glas mit Essig gewaschen werden. Dieses Ver- 
fahren wurde in 15 Sitzungen angewendet und die Kranke geheilt.^) 

Es ist nicht nur das Od des menschlichen Körpers, sondern das 
in der ganzen Natur, worüber die Somnambulen sich orientirt zeigen. 
In allen ihren Verordnungen richten sie sich nach den odischen Quali- 
täten der Substanzen, von welchen sie durch ihren sechsten Sinn Kunde 
erhalten. Insbesondere ist es das Pflanzenreich, welches sie berück- 
sichtigen. Ein Somnambuler Lützelburg*s sagt, nicht in den schauder- 
haften Giften der Apotheken liege die wahre Medicin, sondern in den 
Pflanzen, wenn diese von Somnambulen auf ihre Eigenschaften und 
ihre Zuträglichkeit geprüft seien.*) Eine Somnambule, gefragt, welche 
von verschiedenen Weinsorten für ein krankes Kind die beste sei, be- 
roch und kostete drei Proben und bestimmte die zuträgliche, wiewohl 
sie vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen Wein getrunken hatte; 
auch wenn man den Wein zu verwechseln suchte, fand sie doch den 
richtigen heraus.') Eine Andere ging mit geschlossenen Augen auf eine 
Wiese, nahm Pflanzen auf, und wiewohl sie die Namen derselben nicht 
kannte, wusste sie doch von jeder, wofür sie gut sei, indem sie sich 
durch Geruch und Geschmack orientirte.*) Anderen, wie der Seherin 
von Prevorst, genügt es, die Pflanzen zu befühlen. 

Unsere Gelehrten sträuben sich allerdings aufs Aeusserste gegen 
die Annahme, es könnte eine ungebildete, schlafende Person mehr 
wissen als ein Medicinalrath, der Universitätsstudien und eine lange 
Praxis hmter sich hat. Aber um ein abstractes Wissen handelt es sich 
gar nicht, sondern um ein intuitives auf Grund wirklicher Empfindungen. 
Als schlafend können ferner die Somnambulen überhaupt nicht eigent- 
lich bezeichnet werden. Sie schlafen nur äusserlich, d. h. ihr sinnliches 
Bewusstsein ist unterdrückt; aber eben weil die gröberen Eindrücke 
der Sinne ausgeschaltet sind, umfasst ihr inneres Bewusstsein die 
feineren odischen Emwirkungen. Unter diesen Umständen ist ihr intui- 
tives Wissen, das sie um eine Stufe höher stellt als uns, nicht nur 
möglich, sondern nothwendig. Statt also über den angeblichen Schwindel 
der Sonmambulen zu spotten, sollten wir sie als unsere Lehrer ansehen, 
von denen wir Dinge lernen, die wir nicht selbst erfahren, weil uns 
der sechste Sinn fehlt. Sogar die Thiere übertreffen uns ja in ihren In- 
stincten und zeigen sich orientirt, wo wir es durchaus nicht sind. 

Indirect kann allerdings ein sechster Sinn dem Besitzer auch ein 
theoretisches Wissen verleihen, und so gut sind die Somnambulen in 
den odischen Verhältnissen zu Hause, dass sie sogar zu allgemeinen 
Theorien darüber sich versteigen. Die Somnambule des Dr. Klein sagt, 
das magnetische Fluidum sei durch die ganze Welt verbreitet ; es gebe 
nur Einen Magnetismus, der im Menschen, in der Erde und im Weltall 
wohne, nichts Materielles sei, sondern mit dem Licht des Tages 



') Da Potet: Journal da magn^tisme. XVIII. 236. — ") Expos« de dl£fi- 
rentei eures op6er68 depuis 1785. 71. — ") Archiv V., 8., 86. — *) Da Potet: Le 
Propagateur. I. 215. 



312 DU PREL. 

Aehnlichkeit habe und eins sei mit dem den Menschen belebenden^ immate- 
riellen Nervenäther. Dieser mache ihr alle Theile des Menschen sichtbar, 
mit Ausnahme der kranken Theile, die ihr als dunkle Stellen erscheinen.*) 
Diese Sätze könnten ebensogut bei Mesmer oder Reichenbach stehen. 
Die theoretischen und praktischen Aufschlüsse der Somnambulen über 
odische Verhältnisse beweisen, dass sie dabei in ihrem Elemente sind, 
und nur weil die innerste Natur des Menschen selbst eine odische ist 
und mit dem odischen Innern der Naturobjecte in Wechselwirkung 
steht, wissen die Somnambulen Dinge, die dem in die Schranken der 
Sinnlichkeit eingeschlossenen Menschen nicht zum Bewusstsein kommen. 
Sie haben uns über die transscendentale Physik wie transscenden- 
tale Psychologie Aufschlüsse gegeben, lange bevor diese Probleme 
wissenschaftlich in Angriff genommen wurden. 

Es ist eben nicht nur möglich, sondern unvermeidlich, dass die 
mit einem sechsten Sinne begabten Individuen direct oder indirect zu 
Einsichten geführt werden, welche die reflectirende Wissenschaft erst 
auf grossen Umwegen oder durch zufallige Erfahrungen gewinnen kann. 
Die Somnambulen beweisen es in tausenden von Aussprüchen, dass es 
so ist in Bezug auf die äussere Natur, den inneren Menschen und das 
Verhältniss beider. Sie bieten Beispiele aus jeder dieser Kategorien. 
Beispielsweise machte die mit grossem psychologischen Verständniss 
behandelte Somnambule des Dr. Klein eine ganze Reihe von Eröff- 
nungen, die zu Entdeckungen im Gebiete der unbekannten Natur- 
wissenschaft und Psychologie schon damals hätten führen können. Lange 
bevor Professor Jäger die Humanisirung des Weines durch Nippen ent- 
deckte, hat sie dieselbe praktisch ausfuhren lassen, und es kommt immer 
wieder vor, dass der Magnetiseur von dem Wein, den er ihr gab, 
vorher dreimal nippen musste.^ Ebenso hat sie, bevor Reichenbach 
entdeckte, dass die Sensitiven die Berührung gleichnamiger Hände widrig 
empfinden, die odische Polarität praktisch berücksichtigt, indem sie bei 
Begrüssungen immer nur die linke Hand nahm.') Sie belehrte ihren 
Arzt darüber, dass er ihrem Lachkrampf durch Suggestion Einhalt thun 
könne. Als er es nun einst mit den Worten thun wollte: »Ich will, 
dass du nicht mehr lachst Ic fuhr sie dennoch fort und sagte: »Ich habe 
es dir anders angegeben !c Schnell sprach er nun: »Ich will durchaus, 
dass du nicht mehr lachst!« und im Augenblicke war sie ruhig.*) Sie, 
wie hundert andere Somnambulen, hat die individuelle Verschiedenheit 
des menschlichen Od erkannt, die oft sogar im Gegensatze zu den 
Sympathien des Wachens sich geltend macht. Als sie zu Verwandten 
gebracht werden sollte, wusste sie voraus, dass ihr nur der Onkel, 
aber nicht die Tante odisch sympathisch sein würde. ^) Sie belehrte 
ihren Arzt über den Einfluss psychischer Factoren im Somnambulismus 



^) Archiv III., 3., 115. Meier und Klein: Höchst merkwürdige Geschichte 
der hellsehenden Auguste Müller, 51. — *) Archiv V., 1. 41, 61, 75, 77, 80. 100. 
— ») Archiv V, 1, 145, 166, 170. — *) Archiv V., 1, 88, 92, 108. — ») Archiv V., 
1, 107. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER. 313 

und darüber, dass dem Erwecken die Suggestion des Wohlbefindens vor- 
hergehen müsse. Als sie nämlich einst verlangte, mit den Worten ge- 
weckt zu werden: »Im Namen des Höchsten, Lotte, will ich, dass du 
gesund aus dem magnetischen Schlaf erwachst Ic da kam das dem 
Arzte überschwenglich vor, und er fragte, ob es nicht genüge, diese 
Worte zu denken. Nach längerem Gespräche über diese überschweng- 
liche Formel meinte sie, da ihm der feste Wille und Glaube doch 
fehlten, wäre es besser, wenn er sich anderer Worte bediene. Nach 
einigem Öesinnen gab sie ihm dann die Formel: »Lotte, erwache ganz 
gesund ans dem magnetischen Schlaf l<^) Auf Grund ihrer transcenden- 
talen Selbsterkenntniss erhebt sie sich sogar zu metaphysischen Ein- 
sichten. Sie lehrt die unbewusste Eingliederung des Menschen im Geister- 
reiche, ganz entsprechend den Ansichten von Kant und Plotin, mit den 
Worten: »Wie wohl es mir jetzt ist, fühlt ihr erst, wenn ihr dort 
seid. Ich bin nur zur Hälfte bei euch, die andere Hälfte ist recht gut 
aufgehoben, sie ist dort oben im Himmel. Mein Geist ist dort oben, 
ich bin nur flüchtig bei euch, und ich sollte noch mehr oben sein, 
ganz vom Irdischen frei. Aber wahrscheinlich werde ich so, dann wird 
es ein noch grösseres Entzücken sein. Auch wenn ich wache, ohne dass 
ich es weiss, ist mein Geist oben — auf der Welt, wenn ich mit euch 
rede.c*) 

Aehnliche Aussprüche findet man bei allen guten Somnambulen. 
Sie haben aber nie die richtige Beachtung gefunden, weil sie nicht in 
der Form logischer Deductionen gegeben wurden, sondern in einer oft 
recht kindlidien Sprache. Ein Somnambule würde es (Hut die grösste 
Thorheit erklären, wenn man ihm die Seele wegdemonstriren und das 
Denken als blosses Ausscheidungsproduct des Gehirns erklären wollte. 
Er weiss es, dass an seinem Bewusstsein, dem Seelenbewusstsein, die 
Sinne und das Gehirn nicht mitbetheiligt sind und wie auf sein Seelen- 
bewusstsein eingewirkt werden kann. Die Theorie des hypnotischen 
und posthypnotischen Befehls ist schon längst von den Somnambulen 
gelehrt worden. Ein Arzt hatte seiner Kranken Blutegel verordnet, sie 
hatte aber grosse Abneigung davor und kam der Vorschrift nicht nach. 
Im Somnambulismus gestand sie es, und da er ihr vorstellte, sie würde 
nicht gesund werden, wenn sie seinen Vorschriften nicht nachkäme, 
entgegnete sie: »Sie hätten mir den Befehl im Schlaf geben sollen, 
und dann würde ich ihn befolgt haben.!') Ich habe schon anderwärts 
aus älteren Schriften den Beweis geliefert, dass die Theorie des post- 
h3rpnotischen Befehls schon seit Anfang des Jahrhunderts von Somnam- 
bulen gelehrt wurde ;^) es lassen sich aber noch ältere Beispiele aus 
dem vorigen Jahrhundert anführen. Der somnambule Bauer Vi^let, von 
Puys^gur durch magnetische Behandlung im Mai geheilt, sah voraus, 
dass er im October wieder erkranken würde, und bat ihn daher, ihm 



>) Archiv V., 1, 153. — «) Archiv V., 1. 77, 78. — •) Tarte: Le Propaga- 
tenr. 32. — ^} Du Frei: Studien aaf dem Gebiete der Geheim Wissenschaften. 
I., 190, 198, 194. 



«4 



314 I>ü PREL. 

den posthypnotischen Befehl — ordre — cu geben, zu jener Zeit von 
selbst wieder zu Puys^gur nach Buzancy zu kommen. Auch von einer 
ungebildeten Ftbu wurde Puys^gur über den posthypnotischen Befehl 
belehrt. Sie hatte sich Bäder verordnet, und er mahnte sie, darauf 
nicht zu vergessen. >£s liegt nur an Ihnen,c sagte sie, »dass ich es 
nicht vergesse.« — »Wie so?« — »Befehlen Sie es mir sehr bestimmt, 
bevor Sie mir die Augen öffnen.« — »Werden Sie sich alsdann er* 
innem?« — »Es wird mehr als Erinnerung sein, eine Verpflichtung, 
eine Nothwendigkeit. Ich werde genöthigt sein, sie zu nehmen.« & 
legte ihr nun die Hand auf die Stirne und übertrug ihr mit festem 
Willen den Befehl. »Es ist gut,« sagte sie, »das genügt, Sie können nun 
ganz beruhigt sein.«^) Auch die von Puys^gur Unterrichteten wandten 
nun dieses Verfahren an. Von einer derselben schreibt er: »Wenn 
Ribault es nicht vergisst, ihr magnetisch seinen Willen aufzudrängen, 
dass sie sich überwinden solle, Nahrung zu nehmen, so ist sie darauf 
im Normalzustand gezwungen, ihm zu gehorchen, und bereitet sich das 
Nöthige. Wenn aber Ribault diese Formalität vergisst, was manchmal 
der Fall ist, so isst sie nichts, und bei der nächsten Sitzung machen 
sie sich dann gegenseitig Vorwürfe.*) Die neueste Entdeckung der 
Medicin ist also eine sehr alte Entdeckung der Somnambulen und 
ihrer Magnetiseure, und die Aerzte, welche über Mesmer und Pujrs^gur 
lachten, statt sie zu studiren, haben zwar nicht vermocht, eine Wahr- 
heit zu unterdrücken, wohl aber ihre Anerkennung um ein Jahrhundert 
aufzuhalten. 



*) BiblioUiiqae da magn^tisme animal. XI., 16. — *) Bibliothiqae d« 
magn6tisme animal. VII., 46. 

(Schloss folgt.) 



CHRONIK. 

Von Karl Kraus (Wien). 

Beim Leichenbegängnisse Friedrich Mitterwurzer's wollten sich 
einige Schriftsteller, die unmittelbar hinter dem Sarge schritten, als 
Leidtragende einen Namen machen; als sie trotzdem in den Zeitungen 
übergangen waren, soll ihre Trauer noch erheblich gestiegen sein. 
Aber alle Wiener mussten sich nach Mitterwurzer's Tode als Hinter- 
bliebene fühlen. Die ganze Stadt folgte dem Leichenzuge, Tausende 
umstanden das Portal der Augustinerkirche, namentlich die anwesenden 
Damen schienen fassungslos, und meine Nachbarin rief immer wieder 
schmerzbew^ aus: »Wie schade, dass man den Reimers nicht sehen 
kanni« Inzwischen fanden einige ältere Hofschauspieler, die der Ver- 
storbene überleben wird, erschütternde Accente, und wieder bewies das 
Burgtheater, dass es die besten deutschen Schauspieler besitzt. Bald 
darauf versuchte es Herr Director Burkhardt, seinen Schmerz im 
fröhlichen Faschingstteiben der zweiten Redoute zu betäuben. Als ihn 
ein Domino mit der Frage intriguirte: »Was wird die Zukunft des 
Burgtheaters sein?« erbleichte der sonst so fesche Director. 

Ueber die Todesursache Mitterwurzer's waren die verschiedensten 
Gerüchte im Umlauf. Klarheit in die Afiaire bringt endlich der Bericht- 
erstatter eines österreichischen Adelsblattes, welches mir, offenbar zum 
Beweise, dass Stylblüthen noch in den höchsten R^onen gedeihen, 
dieser Tage zugeschickt ward. Mit einem nassen, einem unfreiwillig 
heitern Auge referirt jener über den Tod des Burgschauspielers: 

> . . . Und das Entsetzlichste an seinem Hingange ist, dass er 
nicht hätte sterben müssen. Er fiel als ein Opfer modemer Chemie. 
Die Aerzte erkannten erst bei der Section seines Leichnams, was seine 
Krankheit gewesen. Er hatte die Gewohnheit, sich den Mund mit einem 
chlorkalihältigen Wasser auszuspülen, und durch eine offene Stelle 
des Halses scheint dieses Gift in den Körper gedrungen zu sein, den 
es binnen sechs Tagen zersetzte. Man hätte ihn retten können, wenn 
man nicht die bequeme Influenza, die heute alles Unerklärliche decken 
muss, behandelt hätte. Selbst als er schon todt war, wusste man noch 
nicht, was ihm gefehlt hatte, dass er sich, ein vollkommen Gesunder, 
den Tod m der Apotheke oder im Parfumerieladen eingekauft hatte, 
ohne es zu wollen; unbewusst, schuldlos. Denn einen Selbstmord hätte 
dieser Mann auf andere Art verübt, wenn er es hätte thun wollen. 
So ist er eine Beute lässiger Gesetze in Bezug auf den 
Verkauf medicinischer Mittel geworden.« Der Verfasser 

24* 



3l6 KRAUS. 

gibt der festen Zuversicht Ausdruck, dass nunmehr »dem Treiben ge- 
winnsüchtiger Apotheker und Aerzte Einhalt gethan werde, nachdem 
dieses kostbare Leben durch sie vernichtet wurde« 

Die Lage im Orient gestaltet sich namentlich für die Choristinnen des 
Theaters a. d. Wien immer bedrohlicher. Erst kürzlich, anlässlich emer 
theatralischen £nqu£te, ist es an den Tag gekommen, dass in dem 
Contracte, welchen eine Choristin mit der Direction des Theaters 
a. d. Wien eingeht, diese es sich ausdrücklich vorbehält, das weibliche 
Chorpersonale »in unvorhergesehenen Fällen, z. B. bei Ausbruch eines 
Krieges oder einer Revolution«, spontan entlassen zu dürfen und so für 
die Angelegenheiten der kleinsten Theaterleute die Weltgeschichte zu 
Strapaziren. Kein Wunder, wenn jetzt die Choristinnen des Theaters 
a. d. Wien mit unverhohlener Angst nach Kreta blicken. 

Die Kriegsfurcht allein verbindet die Chordamen und die männ- 
liche Jugend des Landes, welche ihrerseits im Falle einer plötzlichen 
Mobilisirung auf den Mittagscorso am Graben für einige Zeit verzichten 
müsste. Beunruhigende Gerüchte durchschwirrten die Stadt, schon 
rüsteten unsere OfHciere zu einem humoristischen Vortragsabend im 
Adelscasino, und thatsächlich war auch bereits Frau Baronin S u 1 1 n e r 
aus Schloss Harmannsdorf in Wien eingetroffen, um in lustiger Ge- 
sellschaft im Hotel Continental zu soupiren. 



KRITIK. 



Raimund -Theater. »Das 

Theater darf nicht Herr über die 
Künste werden.« An dieses Wort 
des grossen Missverstandenen 
musste ich denken, als neulich das 
Raimund-Theater die »Lebens- 
wende« des Max Halbe aufführte, 
jene seltsame Komödie, die einem 
so tragischen Schicksal zum Opfer 
fiel. In der That: in eine andere 
Kunstform gebracht, hätte aus 
dieser Arbeit, die hier ein so trost- 
los schlechtes Stück wurde, viel- 
leicht ein Kunstwerk werden 
können; denn jedenfalls steckt 
mehr drin, als sich die Weisheit 
unsrer Recensenten träumen liess. 
Den Dichter beschäftigte offenbar 
ein Problem, welches gleich einem 
Lfeitmotiv das gesammte Schrift- 
thum der Decadenten durchklingt, 
von Gaborg bis Altenberg: die 
fatale Geschichte derer, die keine 
Beziehungen zum Leben haben, 
weil sie wie der arme L^lian »sont 
n^s trop tot ou trop tard«, weil 
die Gewalt und Tiefe ihres inneren 
Erlebens das äussere ausschliesst. 
Ihre überreizte Sensibilität geräth 
jeden Moment mit der Gleichgiltig- 
keit des Milieu in Conflict, und 
zu schwach, sich ihre eigenen Wege 
zu bahnen, gehen sie unter den 
intensivsten Leiden zugrunde, die 
sie gewöhnlich unter irgend einer 
absonderlichen Manie zu verbergen 
suchen. Die Menschen dieser Art, 
die gleich den letalen Zeichen am 



Ende jeder sehr späten Cultur er- 
scheinen, suchte man bisher bloss 
unter den Aristrokaten des Geistes; 
doch wie schon der Dichter der 
»Nora« für die unbedeutendste 
Puppe selbst das Recht auf das 
Wunderbare proclamirte, so ver- 
sucht hier Halbe zu zeigen, wie 
unter gewissen Umständen und zu 
gewissen Zeiten auch die niedrig- 
sten und nichtemsten Naturen plötz- 
lich zu Menschen werden und ihr 
Recht auf das Leben geltend 
machen können. Allerdings fehlt 
ihm, der unserer Zeit das beste 
Stimmungsdrama gegeben hat, die 
intensive Macht und die Härte des 
Psychologen. Sein weiches Tempera- 
ment vermag nicht Menschen zu 
schaffen und Probleme zu bewältigen, 
seinen Figuren glaubt man einfach 
ihre Geberden und Gedanken nichti 
sie scheinen inconsequent und 
werden lächerlich. Wie ganz anders 
hat Richard Dehmel in seinem 
»Mitmensch«, den natürlich kein 
Theater aufzuführen wagt, die 
Figur des Erfinders erfasst, des 
Mannes, der die Menschen nicht 
mehr braucht, der hier ganz vag 
und schemenhaft skizzirt wird. Die 
Darstellung, die Einiges hätte retten 
können, verdarb Alles mit gewissen- 
hafter Gründlichkeit; nur Fräulein 
Flora Kessler zeigte einige An- 
sätze zu einer modernen Nerven- 
schauspielerin. 



318 



KRITIK. 



CONCERTE. Der Barytonist Herr 
Edmund Neumann darf das Ver- 
dienst für sich in Anspruch nehmen, 
das Publicum mit zwei Liedern 
des begabten, jungen Componisten 
Hugo Kobler bekanntgemacht 
zu haben. Das erste, »Schmetter- 
ling, Rose und Sonne«, ist in seiner 
frischen Melodik und bei aller Ein- 
fieichheit stimmungsvollen Harmonie 
von entzückender Liebenswürdig- 
keit, das zweite, eine humoristische 
Ballade, »Wein, Weib und Gesang« 
betitelt, bildet eine werthvolle Be- 
reicherung unserer heiteren musi- 
kalischen Lyrik. Durch kecke Ur- 
sprüDglichkeit wirkt gleich das 
rh3rthmisch scharf charakterisirte 
Hauptmotiv, von dem sich der 
feinempfundene Seitensatz in B-dur, 
der die Macht der Minne besingt, 
sehr glücklich abhebt. Wir hoffen, 
dem Namen des Componisten, von 
dem wir bereits eine von Erfin- 
dungskraft und Bühnentalent zeu- 
gende komische Oper, »Die Oster- 
hochzeit«, kennen, auf unseren in 
Monotonie untergehenden Concert- 
programmen nunmehr häufiger zu 

begegnen. — Vor einigen 

Tagen fand auch ein Liederabend 
Hugo Wolfs statt. Auf dieses hoch- 
interessante künstlerische Ereigniss 
kommen wir in der nächsten Num- 
mer ausführlicher zurück. b. 

Hohe Lieder von Franz 

Evers. Verlag von Schuster und 
Löffler, Berlin. 

In den beiden BUdem, die 
Fidus den Gedichten als Um- 
schlagzierde gegeben hat, liegt 
eine tiefe Symbolik: die ehernen, 
mächtig ragenden Reckengestalten 
mit dem starren Blick, die kräftigen 
Hände auf den Griff der Frame 
gestützt, Stolz, Stärke, das Gefühl 
der Unbezwinglichkeit ausgeprägt 



im regungslosen Verharren — und 
dann wieder ein herrlich schönes, 
schmerzdurchwühltes Frauenantlitz, 
das mit unsäglichem Janmier vor 
sich hinstarrt, »lasciate ogni espe- 
ranza. . . Die Domenkrone drückt 
zu sehr . . . « 

So sind auch die > Hohen Lieder c : 
eine weichliche Mondscheinlyrik, 
keine dämmernde, gefühlheuchdnde 
Romantik, klar und durchsichtig 
trotz der Tiefe wie ein grüner» 
heller Gebirgssee, der selbst das 
kleinste Steinchen am Grunde 
blicken lässt. Aber echtes 
Empfinden spricht aus diesen 
Rhythmen, Dichters Ahnung der 
» Glocke €, von der Andersen's 
unbeschreiblich schönes Märchen 
erzählt — die reinen Schwin- 
gungen, in denen der Aether 
schwebt, zittern nach im Busen 
des horchenden Sängers. Die ge* 
heimnissvollen Stimmen der deut- 
schen Haide, die Abende, schwei- 
gend, lautlos und doch durch- 
woben von tausend unhörbaren» 
nur das sensitive Ohr der Seele 
treffenden Rufen, die Nächte im 
Moor, sie weiss Evers zu er- 
lauschen. Oder es spricht aus seinen 
Liedern die tiefste Melancholie: es 
wühlt und wogt in der Brust des 
Dichters wie in dem Weibe mit 
der Corona di spine, ein »hohes 
Liedc ertönt — aber ein Hohe- 
lied des Schmerzes, der Selbst- 
quälung, der Unzufriedenheit ; man 
glaubt nicht, dass es derselbe 
Evers ist, der demselben Saiten- 
spiel so grundverschiedene Töne 
zu entlocken weiss: hier ein Recke^ 
der die starren Augen ruhig zum 
Himmel erhebt, und dort eine 
kummervolle Dulderin, welche die 
Domenkrone trauernd, aber er-* 
geben trägt - Alfred Neumann, 



KRITIK. 



3^9 



Traumgekrönt. Neue Ge- 
dichte von Ren6 Maria Rilke. 
Leipzig bei P. Friesenhahn. 

Der liebenswürdige Sänger der 
» Larenopfer c bringt uns in diesem 
geschmackvoll ausgestatteten Bänd- 
chen neue Proben seines dichteri- 
schen Könnens. Jeder einzelne 
Vers besagt uns deutlich, dass wir 
es hier mit einem Dichter zu thun 
haben, dessen ganzes Innere in 
seinen Werken restlos aufgeht Die 
Sammlung enthält kurze, höchstens 
vierstrophige Gedichte, die jenen 
fernen Stimmungsreiz, jenen Hauch 
des Selbsterlebten, Selbstempfun- 
denen, jene höchste Subjectivität 
besitzen, die wir Modernen nun 
einmal nicht missen können. Nicht 
grelle Leidenschaften, nicht heisse, 
verzehrende Sinnengluth : süsses, 
wehmüthiges Träumen, sehnendes 
Lieben klingt uns aus seinen me- 
lodischen Versen entgegen. Leider 
hat den Dichter das gewiss lobens- 
werthe Bestreben, für die alten, 
abgeleierten Bilder und Zusammen- 
setzungen neue einzuführen, zu 
einigen gewagten und etwas ge- 
suchten Neologismen verleitet. So 
klingt es wohl befremdend, wenn 
Rilke vom »nassen Räderrinnen- 
säumen c spricht oder gar vom 
»Blondköpfchen, das ins Stäubchen- 
treiben stemt«. w, W, 

In Phanta's Schloss. Von 
Christian Morgenstern. Ri- 
chard Taendler, Berlin. 

Wie in der jüngsten Renais- 
sance der Künste Darstellungs- 
kreise und Motivgestaltung mit der 
frohen Kraft sehnenden Schönheits- 
suchens über altgesteckte Grenzen 
ineinanderflutheten und vomdim- 
lich der modernen Dichtung reiche 
Einflüsse aus der Plastik und 



Malerei zuströmten, bezeugt neuer- 
dings Christian Morgensternes Lyrik. 
Mit blinkenden Worten, kühl und 
silbern, wie Marmor, tief und be- 
seelt, von der purpurglühenden 
Weinfarbe des Edelgesteins, hat 
er sich, ein Meister der Form, 
ein Schloss gebaut, und innen hat 
es Phanta Sia, seine Göttin und 
sein Liebchen, ausgemalt. Was auf 
den einsam -klaren Höhen, so nahe 
der Sonne, sein trunkenes Auge 
sieht, was in Nebelfemen als 
Weltenlauf und Menschenleben 
sich vorüberwälzt, das sind ihre 
Bilder und seine Träume. Zum 
Licht erwacht, empfindet er sein 
Menschenkönigthum, seine Gewalt 
und Macht alsWerthe schaffender 
Allgebieter, und eine stille Heiter- 
keit singt durch seine Seele, das 
spielende Lachen eines Baesen- 
kindes, das mit Sonne und Sternen 
Kurzweil treibt Einiges in den 
Gedichten ist von der unberührten 
Feierschönheit griechischer Chöre, 
heilige, reine Kunst, noch diesseits 
vom Leben, Manches von dem 
selig unseligen Erkenntnisskampf 
des heutigen Menschen, Vieles 
schon von Zarathustras Zukunfts- 
sonne und alle Schwere über- 
windendem Tanzschritt , jenseits 
des Alltags. Es ist ein stolzes 
Buch und sein Dichter ein starker 
Künstler. Dem Geiste Friedrich 
Nietzsche's hat er es gewidmet. 

Richard Wrede. Vom 

Baume des Lebens. Berlin, 
Kritik-Verlag. 

Die Früchte, die Richard Wrede 
vom Baume seines Lebens streift, 
sind Producte einer gluthend-rothen 
Sonne, der Sonne seiner warmen, 
brennenden Natur. Etwas Stürmi- 
sches, Drängendes ist in ihr, etwas 



320 



KRITIK. 



ruhdos Gährendes, etwas Wildes, 
Leidenschaftliches. Es ist ein 
Temperament, das sich ehrlich noch 
empören und ehrlich noch be- 
geistern kann, und das deshalb 
die grellen, grossen Tropenfrtichte 
heisser Gefühle und heisser Empfin- 
''dungen zeitigt. Für Skeptiker, für 
kalte Nörgler ist dieses Buch nicht 
geschrieben. Uns aber sind diese 
starken Skizzen und Novellen werth. 



weil sie uns eine feine, nervöse 
Seele verkünden, die — ein stets 
bereites Echo — auf den leisesten 
Rjif laut reagirt, auf den sachtesten 
Anschlag tönend und singend, wenn 
auch vielleicht etwas lärmend, er- 
widert. Und darauf, auf dieser ver- 
stärkten Resonanz empfangener 
Reize imd Eindrücke, beruht im 
letzten Grunde ja alles echte 
Künstlerthum. Carl Lang, 



Herausgeber und verantwortlicher Redacteur: Rudolf Strausa. 
Ch. Reisser Sl M. Werthner, Wien. 



-*♦ 



• 

^iener f^undschau. 



15. MlBZ 1897. 



EIN EINSIEDLER. 
Von Gustaf af Geijerstam. 

Autorisirte Uebertragung aus dem Schwedischen von Francis Maro. 

Niemand, der je vorbeigefahren ist, hat umhin können, ein wunder* 
liches Gebäude zu bemerken, das am Waldessaum gerade an dem 
Punkte liegt, wo der Weg zur Ebene hinabbiegt. Es ist ein viereckiges 
Haus, dessen Dach sich zu einer Spitze erhebt. Aus dieser Spitze ragt 
ein Schornstein empor, und wenn das Wetter schön ist, kann man zu* 
weilen sehen, wie sich blauer Rauch daraus ringelt. Blickt man näher 
hin, so wird man finden, dass die Thüre des alten, recht verfallenen 
Gebäudes nicht selten verschlossen und der Schlüssel herausgenommen 
ist. Man kann dies oft beobachten, gerade wenn der blaue Rauch sich 
aus dem gemauerten Schornstein emporringelt. 

In diesem Hause wohnte ein seltsamer Einsiedler, der Per hiess. 
Kein Mensch nannte ihn anders als Per, und Niemand dachte daran, 
dass er einen vollständigeren Namen haben könnte. Er hatte nun so 
viele Jahre dort gewohnt, dass man sich auch nicht länger den Kopf 
darüber zerbrach, warum er eigentlich da wohnte. Allein war er nicht, 
denn ein armes, altes Weib versah seinen Haushalt. Auch nicht müssig. 
Denn Per war Schmied, und die Bauern pflegten bei seinem Häuschen 
Halt zu machen, um ihre Pferde beschlagen zu lassen. Ausserdem hatte 
er sein eigenes Ackerland und sein eigenes Gärtchen. All dies war seit 
lange so geordnet, und es hatte sich in die Gedanken der Anwohnenden 
eingewachsen, dass es gar nicht anders sein konnte. 

Wie es zugegangen war, dass Per Schmied wurde, das wusste 
eigentlich Niemand, wenn auch Jedermann seine Vermuthangen haben 
konnte; aber dass dem ein Geheimniss zugrunde lag, das wussten Alle. 
Denn Per war der älteste Sohn eines reichen Bauern, und es war eigent- 
lich eine Ungerechtigkeit, dass er die Pferde der Bauern beschlagen 
und ihre Schlösser verfertigen sollte. 

Aber Per hatte es nie verstanden, seinen eigenen Vortheil wahr- 
zunehmen und war stets ein wunderlicher Kauz gewesen, noch als et 
ein ganz junger Mann war und Niemand etwas Anderes denken konnte, 
als dass er einmal den Hof nach dem Vater erben würde. Und dass 



^22 GAIJERSTAM. 

er manchmal wunderlich war und anders als andere Kinder, das kam 
vielleicht daher, dass der Vater ihn geschlagen hatte. 

Der alte Lars Olsson, Per's Vater, gehörte zu Jenen, von denen 
das Gerücht geht, dass sie böse sind. Er hatte zeitlich geheiratet, und 
als Per geboren wurde, da war es beinahe, als sei er rasend darüber, 
dass der Sohn hinzukam. Dies geschieht zuweilen bei Männern, die 
sehr jung heiraten; und möglicheinveise beruht es darauf, dass ein 
Kind, das heranwächst, immer eine Art Erinnerung für den Vater ist, 
dass seine Zeit bald vorbei sein kann. Wie sich das nun verhalten 
mochte, gewiss ist, dass Lars Olsson immer hart gegen Per gewesen 
war und ihn beim mindesten Anlass schlug. Er schlug ihn auch 
nicht so, wie ein Vater gewöhnlich sein Kind züchtigt ; Leute, die es 
gesehen, erzählten, dass Lars Olsson, wenn der Knabe gezüchtigt 
werden sollte, in eine Art Raserei kam, die schaurig anzusehen war. 
Er schlug das Kind mit dem Knüttel oder mit der geballten Faust, 
und er kümmerte sich nicht darum, wohin die Schläge trafen. Nach 
solchen Scenen ging der Junge mit grossen Beulen an Rücken und 
Beinen fort, und es kam vor, dass er offene Wunden an Kopf und 
Händen hatte. 

Durch dies wurde Per weder hart noch böse, wie man vielleicht 
hätte erwarten können. Nur verschüchtert wurde er. Er pflegte wegzu- 
laufen und sich zu verstecken, wie er den Vater über den Hof kommen 
sah ; und wenn er ärger als gewöhnlich zu Schanden geschlagen worden 
war, geschah es ein paarmale, dass der Knabe in den Wald lief und nicht vor 
dem nächsten Tage wiedergefunden wurde. Die Mutter wagte auch nicht, 
sich seiner anzunehmen. Sie war ein kleines, blasses Ding, das Allen 
aus dem Wege ging; und wenn Lars 'Olsson Per schlug, pflegte sie das 
Zimmer zu verlassen und in der Einsamkeit zu weinen. Aber sie wagte 
nicht, sich dazwischen zu werfen. Einmal hatte sie es gethan, und da 
hatte sie geglaubt, Lars Olsson würde den Jungen auf der Stelle todt- 
schlagen. Aber sie liebkoste Per, wenn sie allein waren, und weinte 
über ihn. Gleichviel woher es kam, aber nachdem Per geboren war, 
bekamen die Eheleute viele Jahre hindurch kerne Kinder. Per lebte 
mit dem Vater nicht im Einvernehmen, und ihre Beziehungen wurden 
mit den Jahren nicht besser. Grüblerisch, wie Per von Natur war oder 
durch die Verhältnisse wurde — ob das Eine oder das Andere kann 
Niemand entscheiden — gewöhnte er sich nach und nach an den Ge- 
danken, dass Alles für ihn traurig sein musste. Es erschien ihm ganz 
natürlich, dass er gepufft, zurückgesetzt, getreten und vernichtet wurde. 
Er war so vertraut mit diesem Gedanken, dass Per, nachdem die Eltern 
nach zwanzigjähriger Ehe einen zweiten Sohn bekamen, die Sache 
beinahe ruhig nahm, als er entdeckte, dass dieser zweite Sohn ebenso 
gehegt und geliebt wurde, als er selbst geschlagen und misshandelt 
worden war. Auf jeden Fall fand er die Sache natürlich und ganz in 
Ordnung. 

Einsam, wie er mit sich selbst und seinen Grübeleien war, ging 
Per und sah zu, wie Alles sich um ihn entwickelte, beinahe als wäre 



EIN EINSIEDLER. 323 

er selbst nicht davon berührt Lar;» Olsson spielte mit dem jüngeren 
Bruder und liebkoste ihn, wie es Per niemals widerfahren war. Als der 
Knabe heranwuchs, ging er wohl mit aufs Feld, wie die Anderen auch. 
Aber er war immer gleichsam ein wenig Herr, und Niemand schlug es 
ihm ab, ihm die Pferde zu leihen, wenn er es wünschte, oder einen 
freien Tag zu haben und an einem Samstag Abends zur Stadt zu 
fahren, die Taschen voll Geld. War ein Erntefest, so kam Karl Johan 
immer als Erster dran, sowohl daheim wie vor den Leuten ; und galt 
es die Arbeit auf dem Felde oder die Fuhren im Winter, so war es 
stets Per, der Knecht sein musste, und immer duckte der Bruder 
ihn unter. So ging es zu, dass Per — als er 40 Jahre alt war, aus 
dem Eltemhause wegzog. In seinem schwermüthigen, vielleicht nicht 
immer ganz klardenkenden Hirn arbeitete sich der Gedanke durch, 
dass es nicht lohnte, sich aufzulehaen. Karl Johan war schon trotz 
seiner Jugend Herr auf dem Hofe. Er und der Vater hielten zusammen. 
Hart und unregierlich waren sie Beide, rasch bereit, handgreiflich zu 
werden, gierig nach dem Ihrigen und voll Tücke. Per wusste, dass sie 
nichts sehnlicher wünschten, als ihn los zu werden, und da er es nicht 
vermochte, anzukämpfen, unterdrückt, wie er es von Kindheit an war, 
zog er es vor, sich bei Zeiten aus dem Staube zu machen. Darum ging 
er zu einem Schmied in die Lehre, und eines schönen Tages zog er 
in das viereckige Haus, das am Waldessaum liegt, da wo die Land- 
strasse vorbeigeht. 

Das heisst, so ganz gutwiUig zog er nicht fort. Er verliess das 
Haus, weil ihm von seiner Kindheit an Alle so viel Böses gethan 
hatten, dass er nicht anders denken konnte, als dass eines Tages das 
Aeusserste geschehen würde. Geschlagen und misshandelt war er als 
Kind worden, unterdrückt und bei Seite geschoben als Mann. Sein 
ganzes Leben drängte sich in ein vergebliches Warum zusammen, das 
ihm stets entgegenrief und keine Antwort erhalten konnte. Er glaubte, 
dass man ihn am liebsten tödten wollte, wenn sich Gelegenheit hiezu 
fand, und er zog fort, um nicht durch seine Gegenwart dem Hasse 
des Vaters und des Bruders Nahrung zu geben. Er wollte zeigen, dass 
er zu schlau für sie war. Hi, hi, er würde sie prellen, das würde er. 
War er einmal fort, dann, glaubte Per, würde er schon Ruhe haben. 

Aber das war durchaus nicht der Fall. Im Gegentheil schien es 
beinahe, als sei Per's Angst und Unsicherheit grösser geworden, seit er 
hinaus in die Einsamkeit gekommen war. Tagaus, tagein dachte er an 
nichts Anderes als all das Böse, das die Menschen ihm sein ganzes 
Leben hindurch zugefügt. Er dachte nicht länger an Vater und Bruder. 
Er dachte an den Bruder allein, und immer mehr und mehr wuchs in 
ihm der Gedanke, wie der Bruder ihm Alles gestohlen, das einstens 
sein gewesen. Karl Johan würde den Hof erben. Karl Johan würde 
reich sem, geachtet und geehrt, und Per würde bis an das Ende seiner 
Tage in seiner Hütte sitzen, Hufeisen schmieden, Spaten machen und 
kaum so viel haben wie ein armseliges Kartoflelland, in dem er sdne 
eigenen Kartoffel ernten konnte. Es vergingen Monate und es vergingen 

«5* 



324 GAIJERSTAM. 

Jahre, während der nichts von alledem sich veränderte. Per's Bart er- 
graute, und seine Haut wurde immer blässer und grauer. Und indessen 
wurde sein Vater alt und sein jüngerer Bruder ging daheim auf des Vaters 
Hof umher und schaltete und waltete, als wäre Alles schon sein Eigen. 

Per wurde immer verschüchterter. Schliesslich fürchtete er nicht 
allein mehr den Bruder, er war vor allen Menschen scheu. Sprach 
er mit Jemandem, konnte er plötzlich mitten im Satze abbrechen, einen 
misstrauischen Blick auf den werfen, mit dem er redete, und dann ver- 
stummen, als hätte er etwas Gefahrliches sagen wollen und den Muth 
dazu verloren. Kam Jemand ihn aufzusuchen, dann geschah es wohl, 
dass der Besucher die Thüre von aussen mit einem Hängeschloss ver- 
sperrt fand, und wenn er sich umwendete und den Steg hinabging, 
dann zeigte sich Per's grosses, bärtiges Gesicht, das ihn durch die 
Fensterscheibe betrachtete. Oft, wenn das Geräusch von Wagenrädern 
auf dem Wege hörbar wurde, ging Per über die Wiese fort, kletterte 
über den Zaun und verbarg sich im Walde, bis der Wagen vorüber- 
gerollt war. Die Leute sagten, er sei wunderlich, aber wie er wunder- 
lich geworden, das hatten die Meisten vergessen. Denn Per war jetzt 
60 Jahre alt, und sein Vater lebte noch. 

Da geschah es eines Sommertages, dass Per entdeckte, dass seine 
Kartoffeln umgegraben werden sollten, und dass er Steine einfahren 
musste, um ein paar Löcher zu füllen, die durch das Alter in dem 
Pflaster seines Häuschens entstanden waren. Er stand und starrte auf 
diese Löcher im Pflaster, und es kam ihm zum Bewusstsein, dass er 
nicht einmal ein Pferd hatte, um ein paar Steine vom Walde einzu- 
fahren. Auf dem Hofe gab es Pferde genug, und Karl Johan be- 
nützte sie. 

Wie Per den Muth fand, eine solche Handlung auszufuhren, lässt 
sich nicht leicht sagen. Aber eines Tages ging er heim zum Bruder 
und bat ihn, ihm die Pferde zu leihen. Ein höhnisches Lachen war die 
Erwiderung, doch er versuchte, an sich zu halten, und bat den Bruder 
noch einmal. Es gab eine lange Unterredung zwischen den Beiden, 
die damit schloss, dass Per unverrichteter Dinge abziehen musste. 

Aber jetzt brach das Allerseltsamste von Allem ein. Es war bei- 
nahe, als wollte Per in einer einzigen Handlung all die Oppositionen 
erschöpfen, die die Kränkung auf dem Grunde semes verschüchterten 
Sinns erzeugt, und eines Nachts stahl er die Pferde des Bruders, um 
sein eigenes Feld umzuackern und seine Steine einzufahren. Der Bruder 
entdeckte das kühne Beginnen und gelobte Per alles Unheil der Welt, 
wenn er seine That wiederholte. Aber als ein paar Nächte vergangen 
waren, konnte Per sich nicht länger halten. Wieder fing er die Pferde 
des Bruders im Hag ein, und wieder fuhr er sie müde und schweissig, 
bis der Tag heranbrach. 

So lange die Nacht währte, fühlte sich Per kühn und munter, 
er brüstete sich sogar mit seiner That, ja er war stark im Gefühle 
seines Rechts. Denn waren es nicht ebenso gut seine Pferde wie die 
des Bruders? 



EIN EINSIEDLER. 325 

Aber als der Tag kam, da sank ihm wieder der Muth, und er 
begann nachzugrübeln über das, was er gethan; er fühlte sich mit 
einemmale so jämmerlich und klein, und er wusste aufs Neue, so sicher 
als er es nur je in den langen Jahren gewusst, die vergangen, dass 
er — Per — nichts zu hoffen, nichts zu erwarten ha^e. Ihm half 
Niemand ; ihn hassten Alle. Wohin er ging, summte es in seinen Ohren 
wie ein wunderliches Lied, dass er mit seines Bruders Pferden ge- 
fahren und sich unglücklich gemacht hatte. Er hatte sich unglücklich 
gemacht, unglücklich, unglücklich. Keine Macht auf Erden konnte ihm 
mehr helfen. 

Es war eine lange Geschichte, wie er in dieses Unglück gerathen 
war, und wie es eigentlich so weit hatte kommen können. Per konnte 
sich darin nicht zurechtfinden; am Morgen, als er fortging, war er 
nur noch eingeschüchterter als gewöhnlich, und in dem dunklen Ge- 
fühl, dass ihm etwas geschehen könnte, befestigte er das Hängeschloss 
an der Thüre. Er selbst ging auf die Wiese hinab, wo er begonnen 
hatte. Steine zu spalten. Den Eisenspaten hielt er in der Hand, und 
mitten in der Arbeit hielt er oft inne, über die wunderlichen Dinge 
nachgrübelnd, die sein Hirn erfüllten. 

Da hörte er in der Entfernung laute Rufe, und er erkannte Karl 
Johans Stimme unter den Lärmenden. Er hörte, wie sie seinen Namen 
schrien, und durch die klare Morgenluft drangen Flüche und Drohungen. 
Darauf hörte er Getöse, als wollte Jemand mit Gewalt in sein Haus 
dringen. Dann durchschnitt eine schrille Weiberstimme den Lärm. Es 
war die der alten Frau, die seinen Haushalt versah. Sie verstummte 
wieder, und der lauschende Mann vernahm jetzt ein anderes Unwesen, 
das er sich im Anfange nicht erklären konnte. Es waren Laute wie 
von grossen Steinen, die gegen einander schlugen und sich zer- 
schmetterten. Scharrende, < reissende, krachende Laute waren es. Und 
plötzlich entsann er sich des Ziegelhaufens, der vor der Holzkammer 
lag. Die Männer warfen mit Ziegelsteinen. Per glaubte fast, sie zu 
sehen, und das dunkle Entsetzen, das sich über seinem Leben ange- 
häuft, schien sich in diesem wilden Heulen zu verkörpern, das ihn an 
Leib und Leben bedrohte. 

Die ganze 2^it stand Per stille und horchte. Sein Entsetzen war 
so gross, dass er um keinen Preis gewagt hätte, seinen Widersachern 
entgegen zu gehen. Er stand nur stille, indess die Schweisstropfen auf 
seiner Stime hervordrangen, und angstvoll, wie ein gescheuchtes Thier, 
war er bereit, umzukehren und sich hinein in den Wald zu schleichen. 

Da hörte er plötzlich, wie die Stimmen sich einen Augenblick 
senkten. Es klang, als berathschlagten sie über etwas, als sei ihre Ra- 
serei fiir ein paar Minuten gestillt, und dann hörte er deutlich Schritte, 
die herankamen. Es lag ein Hügel zwischen semem Häuschen und der 
Stelle, wo er stand, so dass er anfangs nichts sehen konnte. Aber nach 
einer Weile schien der Kopf des Bruders den Hügel heraufzukommen. 
Noch ein Haupt wurde sichtbar, und da kam Karl Johan auf seinen 
Bruder losgegangen, von dem Knecht des Hofs gefolgt, einem ehe- 



326 GAIJERSTAM. 

maligen Gardisten, der wegen Raufsucht und Säuferei verabschiedet 
worden war, einem harten, * bösen und gefährlichen Mann, den Per 
mehr fürchtete als alle Anderen. 

Wie an die Erde gefesselt stand Per stille. Den Eisenspaten hielt 
er in der Hand, und instinctiv erhob et ihn zur Höhe seines eigenen 
Kopfes. Er hätte um Hilfe rufen mögen, allein er wagte es nicht. Er 
woUte fliehen, aber konnte nicht. Er stand nur stille und sah, wie 
der Bruder mit langen, eifrigen Schritten immer näher kam, und alles 
Blut in seinem Körper erstarrte vor Angst. Nun war die Stunde ge- 
kommen, da die, welche ihm Alles geraubt, auch sein Leben nehmen 
würden, und wenn Per es in diesem Augenblicke gewagt oder gekonnt 
hätte, wtirde er sich niedergeworfen und in Verzweiflung geweint 
haben. Aber er wagte nicht einmal dies. Er stand bloss stille, den 
Spaten über seinen Kopf erhoben, und schrie: 

»Komm* nicht her! Komm' nicht 1« 

»Ich will dich lehren, nicht herkommen, du Pferdedieb,« ant- 
wortete Karl Johan. 

»Komm' nicht her!« sagte Per. »Es gibt ein Unglück.« 

Karl Johan stiess einen langen Fluch aus und sprang über den 
Graben, der sie trennte. Mit geballter Hand ging er auf den Bruder 
los, und wahnsinnig vor Schrecken, liess Per den schweren Spaten 
auf den Kommenden fallen. 

Er hatte nicht berechnet, dass der Spaten so schwer war, auch 
nicht, dass der Schlag mitten auf den Scheitel treffen würde. Er stand 
ganz still und sah wie im Traum den Bruder zur Seite taumeln, ein 
paar wankende Schritte thun, zusammenfallen wie ein b,etäubtes Schlacht- 
thier und schwer zu Boden sinken. 

Mit dem Spaten in der Hand stand Per und starrte auf den 
Bruder, der unbewreglich auf der Erde lag. Der Hut war hinabgefallen, 
und es floss Blut aus seinem Munde. 

»Steh' auf, Karl Johan, Hege nid^t so da,« stöhnte der Unglück- 
liche. Aber jetzt war der Knecht herangekommen und beugte sich über 
den Liegenden. Er sprach nur ein einziges Wort, und im nächsten 
Moment lag Per auf den Knien. Seine Stimme war Winselnd- wie die 
eines Kindes, wenn es etwas Böses gethan hat, und seine Hände 
gefaltet. 

»Mein Bruder!« rief er. »Mein Bruder! Ich habe ihn erschlagen.« 
Laut weinend sank er neben dem Todten nieder, und wie von seinem 
Schicksal zu Boden gedrückt, lag der Verüber dieses seltsamen Bruder- 
mordes still schluchzend neben der Leiche auf den Knien, bis fremde 
Hände ihn ergriffen und fortführten. ... 

So trug sich dieses Ereigniss draussen auf dem Lande zu, und 
nun sollte die Gerechtigkeit Hand an den gefahrlichen Mörder legen, 
der in ausserordentlicher Verhandlung vor den Richterstuhi gefuhrt 
wurde, von all den Augen gefolgt, die, vor seinem Verbrechen zurück- 
schreckend, die Bestrafung des Mörders verlangten. 



EIN EINSIEDLER. 327 

Er stand an dem Tische und hörte all die wunderlichen Worte, 
die gesagt wurden, und die er nicht veiistand. Zeugen traten vor, und 
seine Augen starrten die Sprechenden an, als erwartete er, dass Je- 
mand etwas zu seiner Vertheidigung zu sagen haben würde. Aber die 
Verhandlung ging ihren Gang, und aus Allem, was Per fassen konnte, 
zog er die Schlussfolgerung, dass er im Vorhinein verurtheilt war, und 
dass Niemand etwas herausfinden würde, was man nicht ohnehin mit 
Händen greifen konnte, und das war eben gerade nur das Eine, das 
Per selbst unmöglich fassen konnte, dass der Bruder todt war und 
er selbst ihn getödtet hatte. 

Die Hände über der Brust verschlungen, stand Per vor dem 
Richter. Er wusste, dass jetzt Alles gesagt war, das gesagt werden 
konnte, und nun sollte das Urtheil fallen, das Urtheil, welches das 
Unglück besiegelte, das über seinem ganzen Leben geruht hatte. Er 
stand und rang seine verschlungenen Hände, als wollte er sie aus- 
einandcrreissen und könnte nicht; und wieder sah er sich um, als ob 
er Hilfe von irgend Jemandem erwartete, Hilfe von Gott oder Menschen, 
Hilfe, die nicht kam. Da ertönte die Stimme des Richters: 

»Hat der Angeklagte noch etwas zu sagen?« 

Wieder sah er sich um, und in Verzweiflung fühlte er, wie einsam 
er war. Es schien ihm, dass hier noch mehr zu sagen war; denn nichts 
von dem, das gesagt werden sollte, war eigentlich gesagt worden. Und 
gleichsam als machte er den Versuch, zum erstenmale, seit er lebte, 
sich und Anderen zu entwirren, wie wunderlich ihm das ganze Leben 
erschien, begann Per zu sprechen. 

»Das gehört nicht zur Sache!« unterbrach ihn der Richter. 

Per sah sich verwirrt um und verstummte. Seine Hände fuhren 
fort zu arbeiten, als könnte er sie nicht von einander losmachen, und 
sein Blick wurde trübe, als versuchte er, in sich selbst hineinzuschauen 
und etwas zu finden, das dazu taugen konnte, jetzt vor Anderen offen- 
bart zu werden. Dreimal wiederholte der Richter seine Frage, ob der 
Angeklagte noch etwas hinzuzufügen habe, dreimal begann Per zu 
sprechen, und jedesmal unterbrach ihn der Richter: 

»Das gehört nicht zur Sache!« 

Da schwieg Per endgiltig, denn er begriff, dass er jetzt nichts 
mehr sagen konnte, und er wusste, dass, was er auch sagte, doch 
Niemand da war, der darauf hören wollte. Sein Schicksal blieb uner- 
klärt, blos weil Per selbst nichts erklären konnte, und sich kein Anderer 
fand, der es vermochte, in seine verwirrte Seele zu blicken. 

Und so fiel endlich das Urtheil. 

Als es verkündigt war, stiess Per einen tiefen Seufzer aus und 
sah sich um. Auch jetzt sagte er nichts. Aber mit Verzweiflung merkte 
er, dass der Haufe zurückwich, wo er ging; und als Per in dem Ge- 
fangnisskarren sass, der fortrollte, da ging es durch die Menge wie 
ein Seufzer der Befriedigung, dass der einsame Mann im Unrecht ge- 
blieben war bis zum Letzten. 



DIE TANZENDE SCHLANGE. 

Ich seh' dir zu mit schauderndem EntzückeUi 

Du schweigende Braut» 
Es leuchtet fahl vor meinen trunkenen Blicken 

Die schillernde Haut. 

Dein wallend' Haar im schöngekrümmten Bogen, 

Von Düften umschwebt: 
Ein tiefes Meer mit dtmkelbraunen Wogen, 

Das fluthend sich hebt. 

Ich eil' zu dir beim ersten Morgengrauen 

Auf gleitendem Kiel, 
Es fiebert meine Seele, bald zu schauen 

Das lockende Ziel. 

Dein Aug', das nie und nimmer offenbarte, 

Was herb oder hold: 
Ein kalter Edelstein, in dem sich paarte 

Das Stahl mit dem Gold. 

Wenn sich im Rhythmus deine Glieder wiegen 

Frei, ohne Gewalt, 
Gleichst du den Schlangen, die sich gleitend biegen 

Zum Kreise geballt. 

Dein Kinderhaupt sieht regungslos zur Erde, 

So träge und müd'. 
Und deiner schlafbefangenen Geberde 

Kein Leben entsprüht. 

Dein Körper neigt und streckt sich lüstern wieder, 

Ein schwebendes Schiff, 
Die Woge trägt es tanzend auf und nieder 

Durch Strudel und Riff. 



SCHLACHTENBILD. 329 

Du gleichst dem Strom in seinen Winterfluthen, 

Der tosend sich bäumt: 
Wenn dein geschlossener Mund in wilden Gluthen 

Grellwüthend erschäumt. 

Ich glaube Spaniens alten Wein zu trinken, 

Erschlagend und schwer, 
Als wollt' vom Himmel in mein Herz versinken 

Von Sternen ein Heer. . . . 

Paris. Charles Baudelaire. 

Deutsch von Alfred Neumann. 



SCHLACHTENBILD. 

Attaque! Die Säbel rasseln aus der Scheide. 
Gradaus dem Feind ins Aug' geschaut! Habt Acht! 
Marsch — Marsch! Die Rosse stampfen wild die Haide, 
Und lautlos reitet Tod uns nach und lacht. 

Vorbei! Die Säbel rasseln in die Scheide. 

Wo ist mein Freund? Und Jeder sucht und blickt, 

Und lautlos reitet Tod auf blut'ger Haide 

Und zählt, was wir ihm gaben, grinst und nickt. 

München. Fr. V. OeST^REN. 



MARIANNE HEIRATET. 

Von Thomas KÖBOR *) (Budapest). 
Antorisirte UeberseUung. 

Marianne war meine Braut und ist jetzt die Gattin eines Anderen. 

Sie spazieren im sonnigen Venedig, natürlich hat sie nach spiess- 
bürgerlicher Art ihre Hochzeitsreise dorthin geführt. Und sie tändelt 
jetzt an der Seite ihres wohlbeleibten Gatten auf den schwarzen Wässern 
der Lagunenstadt, handelt mit den betrügerischen Kaufleuten und badet 
am Lido. Mein Gott, sie wird nach Hause kommen und wahrscheinlich 
so sein wie noch nie bisher: sich mit frecher Freiheit in den Arm 
ihres Gatten einhängen, ohne die Fähigkeit des Erröthens mit frivoler 
Ungezwungenheit über Alles sprechen und den Gatten, nach der Art 
gewisser Damen, in schlampiger, vernachlässigter Toilette mit ohren- 
beleidigendem Kreischen anlachen. 

Mein Gatte, mein Haus, mein Dienstbote . . . Woher nehmen nur 
die jungen Neuvermählten innerhalb 24 Stunden die vielen verletzenden, 
frivolen Züge, mit welchen sie, von der Hochzeitsreise heimkehrend, alle 
Jene ernüchtern, die sie mit ihrer mädchenhaften Scheu, mit ihrer er- 
röthenden Empfindlichkeit bezaubert haben? . . . 

O Marianne, in den schmutzigen Wässern der Lagunen spiegelt 
sich Dein Bild, aber auf diesem Bilde fehlen die rosigen Wolken, welche 
auf den Wellen der Donau geschwommen, als wir, über den Rand des 
Schiffes gebeugt, hinabgeschaut in den perlenden Schaum. . . . 

Aber was kümmert's mich? 

Ich habe Ihnen gratulirt, verehrte Frau, als Sie den Altar ver- 
liessen, und ich gratulire Jetzt mir, dass nicht ich Ihr Partner ge- 
wesen. Der Herr, der mit blödem Grinsen die Glückwünsche seiner 
Freunde und späteren Hausfreunde entgegennahm, ist Ihrer gerade 
würdig. Diesen Herrn genirt es nicht, dass er ein zitterndes junges 
Mädchen zur Gattin genommen und jetzt eine nüchterne, prosaisdie 
Frau besitzt, die nach ihrem ersten Wochenbett ganz aus der Form 
kommen wird. 

Aber ich, ich wäre unglücklich gewesen und hätte die dumme, 
gläubige Kurzsichtigkeit meiner Augen verflucht, welche eine Decoration 
für einen bezaubernden Blumengarten angesehen und eine mit Raffine- 
ment zu Ende gespielte Naivenrolle für eine gottgesegnete, natürliche 
Mädchengesinnung. Ich danke es jenem wohlbeleibten Herrn, dass er 



^) Thomas Köbor ist einer der bekanntesten Vertreter der ungarischen 
Moderne. 



MARIANNE HEIRATET. 33 1 

noch rechtzeitig ein selbstständiges Geschäft eröffnet hat und dadurch 
imstande war, mir zuvorzukommen. Ich wäre sonst gegenwärtig der 
unglücklichste Gatte auf der ganzen Erdkugel. 

So al^er?! Gott sei Dank... das Unglück genirt mich nicht. 
Zweimal im Tage stecke ich frische Blumen in mein Knopfloch, und 
ich würde mich sehr wohl fühlen, wenn es nicht Sommer wäre. Aber 
diese Hitze quält mich zu Tode. Erschlafft, träge schleppe ich mich 
durch die in Gluth schwimmenden Strassen, mit ausgetrocknetem, 
verbranntem Gehirn wälze ich mich in der Fluth des abendlichen bunten 
Corsolebens. Und ich schaue die Donau, die in der Ferne verdämmernde 
Insel 1 Die Wunderinsel, wie die Zeitungen sie nennen und wie ich sie 
im vorigen Jahre in trunkener Liebe ebenfalls genannt habe. Heuer 
war ich nicht dort. Verflucht sei diese Insel mit ihren fabelhaften, 
zauberreichen Sträuchem, mit ihren stillen, einladenden Spaziergängen, 
mit ihrem sinnberauschenden Duft, mit ihren Blumenbeeten und mit 
ihrer lügnerischen Perspective! 

Und wenn, Marianne, ein wahrer Zug in Ihnen leben würde aus 
dem Bilde, das ich mit der Begeisterung meiner Seele angebetet, würde 
ich auch Sie verfluchen. So aber mögen Sie meinetwegen glücklich 
werden auf Ihrer unendlich gewöhnlichen Laufbahn hinter dem Pulte 
eines Schnittwaarenhändlers. Was kümmern Sie mich, und was kümmert 
Sie mein verbittertes Unglück ? Niemals haben Sie in mir etwas Anderes 
gesehen als den Mann, aus dem eventuell ein Gatte werden könnte. 
Und Lüge war Ihr Erzittern, Ihr Errötjhen, Lügen waren Ihre in mein 
Herz fliessenden Thränen, als Sie mir eines Abends auf jener verdammten 
Hexeninsel in die Arme fielen. O, damals haben Sie die Natur ihrer 
Farben beraubt und mir einen Himmel vorgemalt, in welchem nur wir 
zwei die Seligen sein sollten. 

Dies Himmelreich haben Sie sich schon damals als gut einge- 
richteten Haushalt vorgestellt, in welchem vojn Handschuhknöpfler an 
bis zu den Gol^lustem Alles vorhanden S(^ii;i sollte. Nun, Ihr Haushalt, 
glaube ich| wird in Ordnung seini Und während ich lange, schlaflose 
Nächte hindurch rastlos gearbeitet habe, damit mein wundersamer, ge- 
liebter Engel nicht den Namien eines untergeordneten Reporters trage, 
sondern von den Strahlen der Huldigung und des Ruhms vergoldet 
sei, haben Sie wahrscheinlich davon geträumt, ob der närrische Junge 
sich wohl so viel fixen Gehalt verschaflen werde, als zur Führung 
eines bürgerlichen Haushalts nöthig ist? 

O mein Gott, wie kann nur in einem so winzigen Herzen so viel 
Herzlosigkeit Platz finden ? Einunddreiviertel Jahre hindurch haben Sie 
mit mir seelenlos Komödie getrieben» haben Sie mir Liebe vorgelogen 
und innige Hingebang. Einunddreiviertel Jahre hindurch haben Sie Ihr 
ganzes Sein mit allem Liebreiz einer weiblichen Seele geschminkt, einund- 
dreiviertel Jahre hindurch haben Sie sich meine glückliche, schmachtende, 
heimliche Braut nennm lassen, und dann, dann kam er, der wohl- 
beleibte Seladon, er öffnete vor Ihnen die Thüren seiner herrlichen Mode- 



332 KOBOR. 

waarenhandluDg in der Dorotheergasse und forderte Sie mit einer un- 
nachahmlichen ellenlangen Handbewegung auf, hineinzuspazieren. Und 
Sie ergriffen ohne Zögern die Elle und zerrissen ruhig das Band, das 
meine verzehrende Liebe in ruhigen Nächten gewoben. Und Sie liessen 
mich dies wissen, als ob Sie mir die natürlichste Sache von der Welt 
mittheilen würden, mit herzlosem Cynismus sagten Sie mir, warum ich 
denn nicht früher mit Mama gesprochen, Sie wären ja lieber zu mir 
gegangen. Sie haben Recht, heute ist eme Elle besser als morgen eine 
Rosenkette. 

Mein Gott, ist es also wirklich eine so natürliche Sache, dass 
das Mädchen den ersten Besten zum Manne nimmt, der sie begehrt ? 
Ist denn wirklich kein Unterschied zwischen einem Mädchen, und einer 
Sommertoilette in der Auslage Ihres geschätzten Gatten, dass Jeder sie 
erhält, dem sie geßUlt und der den Preis nicht zu theuer findet ? . . . 
Verehrte Frau, Sie werden zurückkommen aus Venedig und an der 
Seite Ihres Gatten auf der Strasse erscheinen. Haben Sie nicht so viel 
erröthende Scham, um davor zurückzuschrecken, es öffentlicht zu zeigen, 
dass Sie in den Armen dieses Menschen einzuschlafen pflegen ? Ein 
Mensch, von dem kaum sein Hund zu denken vermöchte, dass in ihm 
ein achtunggebietender männlicher Zug wohnt, und der Sie ebenso ge- 
kauft hat wie die dicke Uhrkette, die den werthvollsten Theil seines 
Ich bildet! 

Marianne, Sie dürfen bis in Ihr spätestes Alter stolz sein auf 
den. Sieg, den Sie über mich errungen haben. Sie können mit vollem 
Recht sagen, dass es nur an Ihnen gelegen ist, dass Sie nicht meine 
Gattin geworden. Mit närrischem Kopfe hätte ich mich in den 
schwellenden Strom der Täuschungen gestürzt, und vielleicht wäre ich 
niemals nüchtern geworden. Vielleicht hätte ich immer jene bebende 
Frühlingserscheinung in Ihnen gesehen, wie bei der ersten Gelegenheit, 
vielleicht hätte ich es niemals bereut, dass ich Sie zu mir genommen. 
Die unpraktischen Menschen sehen ja leicht die kalte Wirklichkeit so, 
wie sie sich in ihren verrückten Träumen spiegelt! Aber nun, da es 
aus Ihrem innersten Willen heraus anders ausgefallen, brauchen Sie 
nichts zu fürchten. Im Tone der perfectesten Dummheit werde ich zu 
Ihnen sprechen, ich werde Ihre blühende Gesichtsfarbe loben imd 
darüber erstaunt sein, welch ein entzückendes Weibchen aus Ihnen ge- 
worden I Ich werde dann warm die Hand Ihres lieben Gatten drücken 
und mit ihm Ansichten über das Wetter tauschen. 

Sie sollen es mir nicht anmerken, dass ich mir je einmal unser 
Verhältniss anders vorgestellt, imd wie unendlich gleichgiltig mir Ihre 
schlampige, jeder Grazie entbehrende Weiblichkeit ist. Denn schlampig, 
faul und formlos werden Sie sein, das ist sicher. Ein Geschöpf, das 
so heiratet wie Sie, schüttelt unbedingt alle die bezaubernden weiblich 
schönen Züge ab, die ihren Beruf erfüllt haben, nachdem sie ihr unter 
die Haube geholfen. 

Aber Gott verhüte es, Marianne, dass ich mich in dieser Voraus- 
setzung täusche! Wie ich mich auch machen will, meine gleichgiltige. 



MARIANNE HEIRATET. 333 

gelangweilte Stimmung ist nicht aufrichtig. Hier, in der Tiefe meines 
Herzens schreit noch etwas nach Deiner duftigen Zaubergestalt, ich 
kann es noch immer nicht glauben, dass Du verschwimden, vernichtet 
bist für ewig. Gott verhüte es, dass Du als Frau das verliebte, wunder- 
reiche Geschöpf bleibst, das Du gewesen. Dein anmuthreiches Sein hast 
Du mir gegeben, ich hab es mir errungen um den Preis meiner 
leidenden Liebe, und Du besitzest nicht das Recht, auch das dem 
Andern zu geben, wie Du Dich selbst dem Andern gegeben. Wenn Du 
vielleicht als prangende blühende Rose zurückkehren solltest und ich 
noch immer Deine vollendete Schöheit, Deine leichten duftigen Be- 
wegungen in Dir finden würde, dann sei uns Gott gnädig, ich stehe 
für nichts. 

In meiner Seele brennt verzehrende Bitterkeit, und wenn sie viel- 
leicht zu zähneknirschender Wuth sich wandelt, dann bricht meine 
unterdrückte Leidenschaft in feurigen Flammen aus, die imstande 
sind, Euer Haus zu verbrennen, und — Gott sei mein Zeuge — ich 
wäre verrückt genug, mich mit Dir unter den Trümmern begraben zu 
lassen ! 



DUNKELSTUNDE. 

Des Winterfrosttags letzter Sonnenschimmer 

Umgoldet meinen Bücherschrank im Zimmer. 

Wie eines Todten Lächeln — kalt und starr geworden. 

Das Holz im Ofen knistert, flammt und knackt; 

Und wie die Hängeuhr tickt leisen Takt, 

Umrauscht es mich in rhythmischen Accorden. 

Ich halte lauschend meine Dunkelstunde. 
Secunde aber wandelt auf Secunde 
Geheimnissvoll vorbei auf leichten Sohlen. 
Und jede spricht ein stummes Wort zu mir, 
Ausstreuend meiner liebsten Blumen Zier 
Von Tuberosen oder Nachtviolen. 

Mein Sehnen sinkt herab auf matten Schwingen. 
Die Innenwelt schwimmt mit den Aussendingen 
In einem grossen, trüben Weiterfluthen. 

Kaum pocht der Puls Ein Schweigen athemlos . . . 

Die Nacht spannt ihre Arme riesengross 
Und löscht der Sinne letzte, letzte Gluthen. 

Wien. Victor Feldegg. 



KUNST. 
Von Oskar Wilde (London). 

Der schönen Dinge Schöpfer ist der Künstler. 
Sich selbst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen, 
ist Zweck der Kunst. 

Kritiker ist der, der seinen Eindruck vom Schönen in 
neuer Form oder neuer Technik wiedergeben kann. 



Die höchste wie die niedrigste Kritik ist eine Art 
Selbstbekenntnis, Die Leute, die in der Kunst niedrige 
Gedanken finden, sind verderbt und wirken unerfreulich. Die 
Leute, die in der Kunst hohe, schöne Gedanken finden, sind 
gebildet. Für sie gibt es Hoffnung. — Die Auserlesenen sind 
die, welchen die Kunst eitel Schönheit ist. 



Bücher sind weder moralisch noch unmoralisch; sie sind 
gut geschrieben oder schlecht geschrieben. Ein Drittes gibt 
es nicht. 






Das Missfallen des XIX. Jahrhunderts am Realismus 
gleicht der Wuth Caliban's, der sein eigenes Gesicht im 
Spiegel erblickt. 

Das Missfallen des XIX. Jahrhunderts an der Romantik 
gleicht dem Caliban, der wüthet, weil er sich nicht im 
Spiegel sieht. 



* 



Das moralische Leben eines Menschen ist ein Theil des 
künstlerisch Darzustellenden; aber die Moral der Kunst 
besteht in der vollkommenen Beherrschung eines unvoll- 
kommenen Mittels. 



33^ WILDE. 

Kein Künstler will etwas beweisen; nur Thatsachen 
können bewiesen werden. 

Kein Künstler hat einen Hang zur Sittlichkeit. Die Sucht 
zu moralisiren ist eine unverzeihliche Manierirtheit des 
Styls. 

Kein Künstler ist krankhaft; es gibt nichts^ was ein 
Künstler nicht sagen dürfte. 

Gedanke und Sprache sind die Instrumente des Künstlers. 
Tugenden und Laster sind seine Materialien. 

Vom formellen Standpunkt ist die Musik das Urbild aller 
Künste; vom Standpunkt des Gefühls ist es die Schauspielkunst. 

Jede Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. 

Diejenigen, die unter die Oberfläche gehen, thu'n es au^ 
eigene Gefahr. 

Diejenigen, die das Symbol losen, thun es auf eigene 
Gefahr. 

Der Beschauer, nicht das Leben, wird von der Kunst 
wiedergespiegelt. 

Meinungsverschiedenheiten über ein Kunstwerk zeigen, 
dass es neu, vollständig und lebensfähig ist. 

Wenn die Kritiker uneinig sind, so ist der Künstler 
einig mit sich selbst. 

Wir können Jemand, der etwas Nützliches geschaffen 
hat, vergeben, so lang er's nicht bewundert. Die einzige 
Rechtfertigung für etwas Nutzloses ist, dass man es be- 
wundert aus tiefster Seele. 

Alle Kunst ist ganz nutzlos. 



ÜBER LEO TOLSTOJ'S LEHRE. 
Von Gaston Frommel (zünch). 

Im Journal der Moskauer Literaturgesellschaft (Sbomik Obscht- 
schestwa ropijskoj slowes nosti) veröffentlichte Leo Tolstoj drei Parabeln, 
die vielleicht bei Manchem den Eindruck hervorriefen, dass der Ver- 
fasser das ursprünglich Herbe seiner Lehre etwas mildern wolle, dass 
seine Energie mit dem zunehmenden Alter etwas nachlasse, dass am 
Abend seines Lebens in seinen Ueberzeugungen ein Wandel eingetreten, 
der Eifer seiner Propaganda erkaltet sei. Diese Annahme ist aber 
offenbar falsch, obschon wir nicht leugnen können, dass der Verfasser 
dieser Parabeln, vielleicht um seine Lehre besser vertheidigen zu können, 
seine strengen Forderungen einigermassen abgeschwächt und auf das 
Wesentliche beschränkt hat. Dass er aber von dem, was er bisher 
lehrte, zurückgewichen sei, kann durchaus nicht behauptet werden. 

In der ersten Parabel spricht er vom Fundamentalsatz seiner 
Lehre: Widerstrebe dem Bösen nicht durch Gewaltmittel. Das Böse ist 
ein den guten Acker überwucherndes Unkraut, und die Menschen 
meinen, es zerstören zu können, indem sie es abmähen. Das Unver- 
meidliche tritt ein: Je eifriger das Unkraut abgemäht wird, desto 
üppiger schiesst es empor. Es ist ein circulus vitiosus, in dem wir uns 
befinden ; das Mittel, welches das Böse bekämpfen soll, bringt die ent- 
gegengesetzte Wirkung hervor ; trotz des angewandten Heilmittels nimmt 
es, anstatt vermindert zu werden, grössere Dimensionen an. Der Fehler 
liegt darin, dass man die alte, weise Lehre vergisst, die da vorschreibt, 
man müsse das Unkraut nicht abmähen, sondern mit der Wurzel aus- 
reissen, wenn man es vertilgen will. Leo Tolstoj erinnert nun an diese 
vergessene, weise Vorschrift, aber man will sie nicht befolgen; man 
widerlegt ihn zwar nicht, aber man verdreht und fälscht seine Lehre, 
verurtheilt sie sogar als einen verbrecherischen Wahnsinn, der angeblich 
dem Umsichgreifen des Unkrautes nur Vorschub leistet. 

»Ich sage, das Evangelium lehrt, das ganze Leben des Menschen sei ein 
Kampf gegen das Böse. Nach der Lehre Christi kann aber das Böse nicht durch 
seinesgleichen entwurzelt werden; wer es durch Gewaltmittel bekämpfen will, der 
vermehrt es nur. Jesus sagt ausdrücklich, das Böse lasse sich nur durch Güte 
ausrotten. Aus diesen von mir wiederholten Worten zieht man nun den Schluss, 
ich beschuldige den Stifter unserer Religion, dass er eine Lehre verkündigt habe, 
die da verlangt, man solle dem Bösen überhaupt nicht widerstreben. Alle Menschen, 
deren Existenz auf Gewaltthaten gegründet ist, denen folglich die Gewaltthätig- 
keit lieb und werth ist, beeifem sich, diese falsche Auslegung meiner und daher 
auch der Worte Jesu zu acceptiren; sie erklären, dass eine Lehre, welche ver- 
langt, man solle dem Bösen nicht mit Gewalt widerstreben, lügnerisch, unsinnig, 
gottlos und schädlich sei. Und unter dem Vorwande, das Böse zu vernichten, 
fahren die Menschen ruhig fort, es neu zu erzeugen und zu vermehren.« 

so 



338 FROMM EL. 

Die zweite Parabel enthält des Verfassers Urtheil über das Ver- 
hältniss der modernen Kunst und Wissenschaft zur wahren, inneren Be- 
deutung des Lebens. Er bezeichnet diese Kunst und Wissenschaft als 
gefälschte Waare, die unfähig ist, den wahren Seelenhunger zu stillen; 
er möchte sie durch einfachere, bessere Kost ersetzen. Aber auch hier 
tritt ihm der nämliche Widerstand entgegen, auch hier setzt er sich 
dem Gespötte aus. Die Städter, die gebildeten Leute» welche die 
natürlichen Früchte des Feldes nicht kennen, überlassen die Wahl 
ihren Lieferanten, und diese, die Enthüllung ihrer Fälschungen und den 
Verlust ihrer Kundschaft fürchtend, schreien Zeter über die angeblich 

ihnen zugefügte Verleumdung. 

»Als ich die seit einer Reihe von Jahren unter der Maske moderner Wissen- 
scluft und Kunst auf unserm Markte der Geistesproducte ausgebotenen Nah- 
rongsmittel nntenncbte und sie auch von andern, mir nahestehenden Persoaen 
natersuchen liess, erkannte ich, dass der grössere Xheil derselben dorchaos nicht 
rein sei. Ich erklärte nun, die Wissenschaft und Kunst, die man uns jetzt offerirt, 
sind Fälschungen oder Mischungen, man habe der reinen Wissenschaft, der reinen 
Kunst fremdartige, schädliche Substanzen beigemengt, denn ich hatte mich über- 
ze«gt, dass die von mir gekauften Producte für mich und meine Angehörigen 
nicht nur unverdaulich, sondern auch absolut schädlich waren. Nun suchte ich 
zu beweisen, dass diejenigen, welche mit diesen geistigen Lebensmitteln handeln, 
sich gegenseitig als Betrüger brandmarken, dass man unter dem Vorwande, es 
seien dies Producte der Wissenschaft und Kunst, uns fortwährend gefälschte und 
schädliche Dinge angeboten und verkauft habe; es müsse daher angenommen 
werden, dass diese Gefahr auch jetzt noch vorhanden sei, und dass es sich hier 
folglich nicht etwa nur um unschuldige Spielereien, sondern um die Vergiftung 
des Geistes handle, die weit gefahrlicher ist, als eine Vergiftung des Körpers. 
Und kein Mensch, kein einziger konnte mich widerlegen. Dagegen aber erscholl 
aas allen Läden der Ruf: Er ist wahnsinnig, er will die Wissenschaft und die 
Kunst, von denen wir leben, vernichten ! Hört nicht auf ihn, wendet euch von 
ihm ab, kommt zu uns, sehet unser Schaufenster an, wir haben die allermodernste, 
ausländische Waare!« 

Die Art und Weise, wie man heutzutage die militärische und die 
sociale Frage behandelt, vergleicht Tolstoj mit der Leitung einer Reisegesell- 
schaft, die das unsichere Gefiihl hat, in der Irre zu gehen, es aber 
nicht eingestehen will. Ein Theil dieser Gesellschaft furchtet sich, die 
gewohnten, altherkömmlichen Wege zu verlassen, er besteht hartnäckig 
darauf, der bekannten Spur zu folgen, obschon er eingestehen muss, 
ihr Endziel nicht zu kennen. Ein anderer Theil schweift, um den rich- 
tigen Weg zu finden, rechts und links ab, nur um des eitlen Ver- 
gnügens halber, umherzuschweifen. Wenn es sich aber darum handelt, 
der Weisheit Gehör zu schenken, sich zu sammeln und zu orientiren, 
bevor man sich endgiltig über den einzuschlagenden Weg entscheidet, 
so fällt das Niemandem ein. 

»Schwächlinge, Feiglinge, Faulenzer sind es, die uns das rathen,c sagen 
die Einen. »Ein herrliches Mittel, um vorwärts zu kommen und das Ziel zu er- 
reichen, wenn man immer nur auf demselben Fleck stehen bleiben soll!« rufen 
die Andern. »Wir sind Männer, uns sind die Kräfte gegeben, damit wir sie 
anstrengen, damit wir kämpfen, aber nicht, um schnöde zu resigniren! Weshalb 
zurückbleiben, weshalb uns sammeln? Nur immer vorwärts, immer voraus, es 
findet sich Alles von selbst!« Das Nämliche widerfuhr mir, als ich die Mttnung 
zu äussern wagte, dass der Weg in diesem düsteren Walde, wo wir uns verirrt 
haben — die Arbeiterfrage sei, und dass der perfide Sumpf, in dem wir stecken 



ÜBER LEO TOLSTOJ'S LEHRE. 339 

— die allgemeinen, unabsehbaren Rüstungen sind. Der Weg, den wir verfolgen, 
könne daher nicht der richtige sein, und wir sollten lieber eine Weile innehalten, 
das offenbar falsche Vorwärtsschreiten einstellen, uns sammeln und orientiren, und 
zwar nach der uns von der ewigen Weltweisheit und Wahrheit vorgeseichneten 
Richtung ! 

Diese Gleichnisse enthalten selbstverständlich durchaus nicht den 
ganzen Inhalt der reformatorischen Theorie Leo Tolstoj's; aber sie 
kennzeichnen ihre Grundlage, und es genügt, diese zu kennen, um die 
organische Entwicklung des ganzen Systems zu begreifen und um ein- 
zusehen, dass der russische Philosoph, trotz der entmuthigenden Er- 
fahrungen seiner Anhänger, von der Integrität seiner Ueberzeugungen 
durchaus nichts aufgegeben hat. 

Es liesse sich darüber noch mancherlei sagen, hauptsächlich aber 
müsste Manches berichtigt werden, denn es gibt nur wenige Ueber- 
zeugungen, von denen so viel gesprochen wird, und die doch so wenig 
gekannt sind. Phantastische Uebersetzer und oberflächliche Leser haben 
die Tolstoj'sche Lehre ganz merkwürdig verunstaltet, so dass die land- 
läufige Meinung sie fast in eine Caricatur verwandelt hat. Man mag 
darüber lachen, richtiger aber wäre es, wenn man sie zu verstehen 
suchen würde. Wir wollen uns damit begnügen, den Charakter und die 
wahre Bedeutung dieser Lehre zu kennzeichnen. 

Zuvörderst müssen wir erklären, dass man auf Abwege gerathen 
könnte, wollte man seine Ideen im objectiven Ausdruck der Lehre 
suchen. An und für sich, ihrem Grundelement nach, ist Tolstoj's Lehre 
weder neu noch originell. Sowohl das westeuropäische Mittelalter wie 
auch die neueren russischen Secten lieferten und liefern noch, wenn 
auch nicht Gleichartiges, so doch Aehnliches. Die auf einem alten Funda- 
ment von naturalistischem Pantheismus ruhende christliche Sittenlehre, 
welche den Anspruch erhebt, eine neue Religion zu sein, rührt selbst- 
verständlich nicht erst von Tolstoj her. Nicht er allein stellte eine 
solche auf innerlich sociale Bestrebungen gegründete, vom Ideal der 
glühenden Nächstenliebe durchdrungene, das Dogma von der dem 
Menschen angeborenen Güte bestätigende Religion als Reformatorin 
der menschlichen Gesellschaft auf. Die Weltgeschichte ist voll von 
ähnlichen Regungen, die theils der Initiative Einzelner, theils der un- 
ergründlichen Productivität der Massen entsprungen sind. Es ist nur 
die Unkenntniss, das Befremdliche und zum Theil auch der Glanz eines 
berühmten Namens, die in Europa den Glauben verbreiteten, dass Leo 
Tolstoj's Lehre etwas ganz Neues sei. 

Ihre wahre Bedeutung liegt nicht in der Neuheit, sie liegt auch 
weniger in ihren Erfolgen, als in ihrer bewegenden Kraft. Bei Tolstoj 
steht thatsächlich der Mensch über seinen Ideen, er zeigt mehr Cha- 
rakter als Intelligenz, mehr Genialität als Talent. Seine moralischen 
Eigenschaften, seine Gewissenhaftigkeit in der Erforschung der Wahr- 
heit, sein Muth, die von ihm erkannte Wahrheit zu bekennen, um sich 
ihr zu unterwerfen und sie zu verkünden, das sind seine wahrhaft 
grossen, originellen und höchst seltenen Vorzüge. Wer sich davon über- 
zeugen wül, muss seine sämmtlichen Werke durchforschen ; der Roman- 

26» 



340 FROMMEL. 

Schreiber darf nicht vom Moralphiiosophen getrennt, die verschiedenen 
Phasen einer die höchste geistige Einheit verwirklichenden Laufbahn 
dürfen einander nicht entgegengestellt werden. Man muss vom Dichter 
und vom Apostel bis zum Menschen selbst, bis zu dem Menschen 
hinabsteigen, der zwar ein Mensch wie Alle, aber tief und leidenschaft- 
lich human ist, der sich mit fieberhafter Unruhe den grossen Problemen 
widmete, dessen Unruhe — welche die schlaffe Trägheit der Besten 
unter uns kaum berührt — sich bis zur peinlichsten und schmerz- 
haftesten Angst steigert, die eigentlich der Normalzustand jedes Menschen 
sein sollte, der auf die Fragen des Lebens noch keine Antwort ge- 
funden hat. Schon dies allein erhebt Tolstoj zu einem eigenartigen, ausser- 
gewöhnlichen und mächtigen Wesen. 

Wenn Tolstoj, nachdem er die Lebensfragen erörtert, den grösseren 
Theil derselben auf paradoxe, zweifelhafte, sagen wir meinetwegen auch 
irrthümliche Weise gelöst hat, und wenn es der Glanz seiner Irrthümer 
war, dem er einen Theil seines Ruhmes verdankte, so ist es auch die 
Evidenz dieser Irrthümer, die zum Theil an seinem Misserfolg schuld 
ist. Ich sage zum Theil, denn der Misserfolg ist keineswegs ein voll- 
ständiger. Wenn er sich einigermassen bitter darüber beklagt, so kommt das 
daher, weil er auf zu unmittelbare, greifbare Erfolge rechnete, die mit 
dem Wesen seines Priesteramtes unvereinbar sind. Tolstoj vergisst, dass 
er ein Prophet ist. Wann aber hat wohl das prophetische Wort eine 
solche Wirkung hervorgebracht, wie er sie erwartete? 

Und wenn wir uns nur an das Programm der drei Gleichnisse 
halten, kann man da nicht schon jetzt den Beginn einer Verwirklichung 
desselben wahrnehmen ? Obwohl die Menschheit im Ganzen noch nicht 
aufgehört hat, den traditionellen Irrlehren nachzufolgen — und es ist 
zweifellos, dass sie es schwerlich vermag — obwohl noch Viele im 
Strudel des Daseins blindlings vorwärts schreiten, obwohl nicht Alle 
auf dem turbulenten Wege freiwilliger Verirrung innehalten, gibt es 
dennoch schon Manche, welche auf die Stimme achten, die zu ihnen 
spricht. Sie fangen an, sich zu sammeln, nachzudenken, und sind, ob- 
schon ihre Folgerungen mit der ihnen verkündeten Lehre nicht tiber- 
einstimmen, niu: mit der beängstigenden, aber heilsamen Vision eines 
zu lösenden Problems, eines zu verfolgenden Zieles, eines zu erfüllenden 
Endzweckes vorwärts geschritten. Es gibt gegenwärtig nur wenige 
Bücher, die, wenn sie mit Verständniss gelesen werden, so viel Stoff 
zu ernstem Nachdenken bieten wie die Werke Leo Tolstoj*s. Ist das 
etwa ein geringer Erfolg? 

Mir scheint, dieses Resultat ist noch deutlicher in der überall 
bemerkbaren und allmälig zunehmenden Reaction gegen den wissen- 
schaftlichen Götzendienst zu erkennen. Tolstoj war weder der Erste, 
noch der Einzige, der die angeblich erlösende Mission der Wissenschaft 
als eine Dlusion bezeichnete und der die Wissenschaft für unfähig 
erklärte, die erhabene Rolle durchzufuhren, welche ihr von einer un- 
wissenden Menge und von einigen Eingeweihten längere Zeit hindurch 
vmdicirt wurde. Vor ihm und mit ihm waren noch Andere in dieser 



ÜBER LEO TOLSTOJ'S LEHRE. 34 1 

Richtung thätig. Hauptsächlich jedoch war es die Evidenz der That- 
Sachen, die mächtig dazu beitrug, diesen unheilvollen Irrthum zu zer- 
stören. Tolstoj's Bestrebungen haben dann das Uebrige gethan. Seine 
meist treffenden, stets aber Aufsehen erregenden Angriffe fanden ein 
vielfaches Echo und übten daher einen grösseren Einfluss aus als viele 
andere, zwar weniger extreme, aber auch minder volksthümliche Ar- 
gumente. 

Es ist wohl unbestreitbar, dass das Erscheinen des russischen 
Romanes in Westeuropa dem literarischen Naturalismus, d. h. gerade 
derjenigen Richtung, die den wissenschaftlichen Aberglauben am eifrigsten 
vertheidigt, den Todesstoss versetzte. Eine andere, entgegengesetzte 
Richtung kam zur Geltung, sie schuf ein neues Ideal, eine neue Lebens- 
auffassung und rief eine allgemeine Bewegung hervor. Auch darüber 
kann sich Tolstoj durchaus nicht beklagen. 

Weniger befriedigt wird er von dem Erfolge des Fundamentalsatzes 
seines Systemes sein. Der Grundsatz, dass man dem Bösen nicht durch 
Gewaltmittel widerstreben dürfe, hat nur wenig Aussicht, die Welt zu 
erobern. Er ist zu radical und sein Verkünder zu anspruchsvoll. Wenn 
man an die Consequenzen denkt, die ein solches Princip hervorrufen 
muss, schrickt man zurück. Es handelt sich hiebei nicht nur um die 
Unterdrückimg der Kriege und des Militarismus — damit könnte man 
sich leicht befreunden — sondern auch um die Beseitigung der Polizei, 
der Gerichte und sogar der Möglichkeit des Erziehens. Die Menschheit 
ist noch nicht so weit vorgeschritten, um solche fiir ihre sociale 
Existenz nothwendige Hilfsmittel entbehren zu können. Wird sie es 
überhaupt jemals sein? 

Dieses Princip des Grafen Tolstoj hat übrigens durchaus nichts 
Revolutionäres an sich. Würde es sich auf die Forderung beschränken, 
dass man das Böse nur durch das Gute bekämpfen dürfe, so hätte es 
nicht nur das Zeugniss des Evangeliums und der Erfahrung, sondera 
auch den Beifall der meisten Menschen für sich. Aber was ist gut 
und was ist böse? Darüber muss man sich zuvor verständigen. 

Tolstoj, der in seiner Anschauungsweise und in seinen Schluss- 
folgerungen vorzugsweise einseitig ist, kennt nur eine Definition: das 
Böse ist der Zwang. Jeder Zwang, jedes Zwangsmittel, ohne Rücksicht 
auf dessen Beweggrund, auch wenn der Zwang durch die reinste Liebe 
hervorgerufen wird, ist vom Uebel. Das Gute ist die Nächstenliebe, 
und zwar ausschliesslich nur diese; d. h. die unbegrenzte Nachsicht, 
die totale, beständige, grenzenlose Verzichtleistung auf Alles, was den 
freien Willen des Individuums durch äussere Zwangsmittel beschränkt, 
selbst wenn diese Mittel auf Recht und Gerechtigkeit beruhen. Dass 
die Nächstenliebe zu den höchsten Gütern der Menschheit gehört, 
davon sind auch wir fest überzeugt, aber wir bezweifeln, dass eine 
Nächstenliebe, wie Tolstoj sie definirt, die allein mögliche Form des 
Guten sei, und wir begreifen nicht, wie dieser scharfsinnige Psychologe 
es nicht empfand, dass neben der absoluten Nächstenliebe — allen- 
falls ihr untergeordnet, aber doch von ihr abstammend und zu ihr 



342 FROMMEL. 

hinführend — das höchste Gut auch noch andere, vorbereitende, 
erziehende Formen hat ; dass es zwischen dem absoluten Egoismus und 
der stricten Nächstenliebe noch Mittelstufen gibt, namentlich das Recht 
und die Gerechtigkeit! Man könnte vielleicht annehmen, dass diese, 
wenn auch nur transitorischen und anfechtbaren Auskunftsmittel mit 
der Zeit verschwinden werden, muss aber doch zugeben, dass sie 
für die noch unvollkommene Menschheit einstweilen unentbehrlich 
sind. Die Menschheit, welche sich gegenwärtig in einem nichts weniger 
als vollkommenen Zustande befindet, kann nicht warten, bis sie die 
Vollkommenheit erreicht hat, welche die Vorbedingung zu einer un- 
beschränkten Nächstenliebe ist. Es muss daher Recht und Gerechtigkeit, 
und zwar ganz entschieden gefordert werden. Dazu bedürfen wir aber 
eines Minimums von Zwang, dessen Anwendung ohne Gewaltmittel 
undenkbar ist. 

Muss nun unbedingt daraus geschlossen werden, dass Tolstoj sogar in 
dieser Beziehung total im Irrthum befangen ist ? Dass es unmöglich sei, 
in einer Welt, die die definitive Form der Nächstenliebe noch nicht zu 
realisiren vermag, eine solche absolute Forderung zu vertheidigen ? 
Dass er der gegenwärtigen Menschheit ein solch blendendes Ideal nicht 
vorhalten durfte? ... Im Gegen theilel Wir sind fest überzeugt, dass 
nur selten ein Prophet so glücklich inspirirt war wie er. Und wenn 
er sogar wirklich geirrt haben sollte, so täuscht er deswegen die ehr- 
lichen Seelen dennoch nicht. Denn aus ihm spricht Einer, der grösser 
ist als er. Wer war es doch, der zu sagen wagte: Seid vollkommen, 
wie euer Vater im Himmel vollkommen ist! Keine Botschaft von oben 
herab kann sowohl tröstender wie auch strenger sein als die Ver- 
kündigung eines Ideals, das voll und ganz zwar nur vom Gewissen 
bestätigt wird, dem dieses allein aber nicht Genüge leisten kann. Wenn 
das Geschick des Menschen von diesem Ideal nicht getrennt werden 
darf, so geschieht es deshalb, weil der Mensch, obschon thatsächlich 
ein Sünder, dennoch erlösungsfähig ist und eine göttliche Bestimmung hat. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER. 

Von Dr. Carl du PREL (München). 

(Schlus««.) 

Zahlreich sind die Beispiele, wo die Somnambulen dem Magneti- 
seur aus irgend einer Verlegenheit helfen, weil eben wohl sie, aber 
nicht er, in der transscendentalen Physik und Psychologie bewandert 
sind. Eine Somnambule, bei der der Heilinstinct sich einstellte, sagte 
zu Charpignon, sie sehe zwar das Bild einer Pflanze, welche für die 
in Rede stehende Krankheit gut sei, könne sie aber nicht nennen. Wie 
es nun häufig vorkommt, wusste sie voraus, dass ihr Hellsehen den 
höchsten Grad in einer bestimmten Nacht erreichen würde. Da nun 
Charpignon nicht kommen zu können erklärte, verfiel sie auf einen 
Ausweg: Er solle ein Stück Eisen, gross wie ein 5 Francs-Stück, drei 
Tage nacheinander je V4 Stunde magnetisiren und es ihr mit der Sug- 
gestion geben, es sich um 11 Uhr Nachts auf den Kopf zu legen, 
auch Papier und Bleistift zurechtzulegen. Sie würde dann einschlafen, 
eine Stunde später ganz hellsehend sein, den Namen der Pflanze und 
den Fundort aufschreiben. Dieses Verfahren hatte einen vollständigen 
Erfolg.^) Auf eben solche Weise, um dem Magnetiseur aus einer Ver- 
legenheit zu helfen, wurde von einer Somnambulen die künstliche 
Blasenbildung sowie die Purgirung durch Suggestion entdeckt.^ Die 
pädagogische Verwerthung der Suggestion ist ebenfalls schon im ver- 
gangenen Jahrhundert durch Lützelburg geübt worden, und die Som- 
nambulen, bei welchen sie angewendet wurde, gaben die Anleitung, wie 
es geschehen sollte, wussten Bescheid über die Zuverlässigkeit dieses 
Mittels und die lange Wirkung solcher Suggestionen.^ 

Ein Somnambuler ist es, der für einen Kranken Bäder von kaltem 
Wasser verordnete, welches unter den Rädern einer Mühle geflossen ;^) 
im Wachen wusste er sicherlich nichts von der elektrischen Erregung 
zerstäubender Flüssigkeiten. Eine Somnambule ist es, welche sagt, dass 
die natürlichen Nachtwandler ebensogut wie die magnetischen Som- 
nambulen, wenn man sie befragen würde, die Mittel ihrer Heilung an- 
geben könnten.^) 

Die Somnambule Schelling's gab im Schlaf die Anleitung zur 
Herstellung einer Maschine, durch welche sie geheilt werden würde, 
und die als ein durch Elektricität und Galvanismus verstärktes mes- 



') Charpignon: Physiologie etc. du magn^tisme animal. 59, 60. — *) Da 
Prel: Studien I., 2«X), 201. — ») Da Frei: Stadien I., 191—193, 195. — *) Biblio- 
thiqae da magoitisme animal. VIII., 229. — ") Ebendort. VIII.. 117. 



344 DU PREL. 

merisches Baquet angesehen werden kann, also als Odquelle.^) Ebenso 
findet man in Kemer^s »Seherin von Prevorst« die Abbildung der nach 
Angaben dieser Somnambulen hergestellten Maschine, und eine noch 
merkwürdigere Abbildung dieser Art, von einem ungebildeten Mädchen 
entworfen, enthält die Schrift Römer's.^ 

Aerzte, Physiker, Psychologen und Philosophen könnten von den 
Somnambulen lernen. Eine lange Reihe von Beispielen zeigt, dass seit 
Mesmer die moderne Wissenschaft in sehr wichtigen Einsichten den 
Somnambulen beständig nachhinkt. Bei diesen Beispielen handelt es 
sich aber nur um solche Punkte, die heute endlich von der Wissen- 
schaft anerkannt sind, und zwar sind es durchschnittlich 50 — 100 Jahre, 
um welche die reflective Einsicht später kam als die intuitive. Diese 
Reihe von Beispielen wird aber später sicherlich noch sehr verlängert 
werden um solche Punkte, bei welchen die nachhinkende Wissenschaft 
erst in Zukunft anlangen wird. Man wird einwerfen, mit intuitiven 
Einsichten sei der Wissenschaft nicht gedient, sondern nur mit reflec- 
tiven, ja mit experimentellen; aber die Berichte zeigen ja, dass man 
der intuitiven Anleitung meistens das Experiment gleich folgen Hess, 
und zwar mit Erfolg; also sollten solche Aussprüche der Somnambulen 
wenigstens als Wegweiser benützt werden. Kant hat alle grossen natur- 
wissenschaftlichen Entdeckungen unseres Jahrhunderts antecipüt, den 
Darwinismus, die Erhaltung der Kraft etc., und wenn man seine intui- 
tiven Einsichten als Wegweiser benützt hätte, würden sie eben früher 
experimentell bewiesen worden sein. 

Man wird auch einwerfen, dass die Somnambulen, wie auch die 
automatisch schreibenden Medien häufig Aufschlüsse von auf der Hand 
liegender Unrichtigkeit, ja Unmöglichkeit geben. Das ist richtig; aber 
davon abgesehen, dass auch in unseren wissenschaftlichen Lehrbüchern 
Wahrheit und Irrthum sehr gemischt sind, liegen solche Misserfolge 
am Ungeschick der Experimentatoren und dem Mangel einer zuver- 
lässigen Methode. Die bisherigen Entdeckungen der Somnambulen, 
worin sie der Wissenschaft vorangeeilt sind, verdanken wir nur zu- 
falligen Umständen und Verlegenheiten; es sind nur unwillkürlich 
gefundene natürliche Muster einer Fähigkeit, die offenbar durch die 
Kunst geweckt und geleitet werden kann. Wenn wir auf dem Wege 
der absichtlichen Fragestellung nicht immer gleich gute Resultate er- 
halten, ja oft mit unsinnigen Antworten bedient werden, so liegt eben 
die Schuld an der Methode des Fragers, der nicht weiss, mit welcher 
ausserordentlichen Feinheit die Somnambulen behandelt werden müssen. 
Die richtige Methode kann offenbar nur der finden, der in der trans- 
scendentalen Psychologie bewandert ist; denn er hat es mit der trans- 
scendentalen Wesensseite des Somnambulen zu thim, die von ausser- 
ordentlicher Empfindlichkeit für alle psychologischen und physischen 
Factoren ist. Diese Feinheit ist nun auch nöthig in Bezug auf die 



') Archiv YII., 1, 85. — ') Historische Darstellung einer höchst merk- 
würdigen Somnambulen. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER. 345 

FragestelluDg. Der Experimentator muss wissen, was er mit einiger 
Aussicht auf Erfolg fragen kann und wie er fragen muss. Wer in 
den Somnambulen allwissende Wesen sieht und alles Mögliche durch- 
einander fragt, wird sehr enttäuscht werden. Die Somnambulen können 
vermöge ihres sechsten Sinnes die odischen Verhältnisse der äusseren 
Natur und ihres eigenen Inneren beurtheilen, und das muss uns veran- 
lassen, bei der Fragestellung uns innerhalb dieser Grenze zu bewegen. 
Allerdings hat selbst der Bestbewanderte von uns heute noch keine 
Ahnung von der Tragweite des sechsten Sinnes und der Grenze seiner 
Verwerthbarkeit, und ich wenigstens bin sicher, dass, wenn ich Ge- 
legenheit hätte, mit Somnambulen in systematischer Weise zu experi- 
mentiren, merkwürdige Ueberraschungen ebenso häufig wären als arge 
Enttäuschungen. 

Es kommt sodann noch das Wie der Fragestellung in Betracht, 
ja sogar das Wann. Der Somnambule, für die sinnliche Aussenwelt 
schlafend, steht in der Regel nur mit dem Maguetiseur in Rapport. 
Was ist nun eine von diesem Magnetiseur gestellte Frage ? Etwas *ganz 
Anderes als im Wachen, nämlich eine Suggestion, die den Befehl, zu 
antworten, in sich enthält, ohne Rücksicht darauf, ob die Fähigkeit 
dazu vorhanden ist. Ausgeführt wird nun dieser Befehl allerdings; 
aber wenn der Somnambule die zur Beantwortung nöthigen transscen- 
dentalen Fähigkeiten nicht oder noch nicht hat, wird er eben unwill- 
kürlich und ohne darum des Schwindels angeklagt werden zu können, 
eine Anleihe bei seinen normalen Fähigkeiten machen und antworten, 
was ihm gerade durch den Kopf fahrt. Es ist das der Suggestion wegen 
unvermeidlich und nur die Kehrseite jenes anderen, nach dem gleichen 
psychologischen Gesetz eintretenden Phänomens, dass, wenn ein Mensch 
unter dem Einfluss einer starken Suggestion oder Autosuggestion steht, 
z. B. wenn er die tiefe Sehnsucht nach einem Aufschluss in den Schlaf 
hinübernimmt, die normalen Fähigkeiten aber nicht ausreichen, eine 
Anleihe bei den transscendentalen Fähigkeiten gemacht wird, was schon 
so manchen Wahrtraum veranlasst hat. 

Es handelt sich also darum, den richtigen Zeitpunkt für die 
Fragestellung zu treffen, und darüber geben den besten Aufschluss die 
Somnambulen selbst. Schon Professor Kieser hat gesagt: »Die eigene 
Bestimmung der Somnambulen, ob man Fragen an sie richten dürfe 
oder nicht, muss uns hier unverbrüchliches Gesetz sein ; * denn durch 
die hellsehende Somnambule entscheidet nicht mehr der von Launen 
regierte Mensch, sondern die e^ge Natur«. ^) Auch in dieser Hinsicht 
haben sich die Somnambulen als Lehrer erwiesen und auf die Fehler- 
quellen aufmerksam gemacht. Eine Somnambule, die sich sonst gut 
bewährte, machte doch oft, wenn sie auf ihr Femsehen geprüft wurde, 
ganz irrige Aussagen in Bezug auf Orte und Menschen. Im Schlaf 
schrieb sie dann solche Misserfolge immer dem Misstrauen und dem 
Leichtsinn zu, womit die Fragen an sie gestellt wurden. *) Eine junge. 



») Archiv II., 2, 97. — *) Archiv IL, 2, 20. 



34 6 DU PREL. 

ungebildete Somnambule in Rastadt dictirte im Schlaf eine Theorie 
und Instruction über den animalischen Magnetismus, die sehr lesens- 
werth ist und worin sie tadelt, dass die Magnetiseure häufig nur 
darauf hinarbeiten, ihre Somnambulen zum Sprechen zu bringen und 
es durch ihren Willen in der That erzwingen, aber sich auch nicht 
schmeicheln dürfen, Hellsehende gemacht haben; statt sie vorwärts 
zu bringen, bringen sie sie zurück. Auch gibt sie schon 1787 den 
Rath, den später alle guten Magnetiseure befolgt haben, den Somnam- 
bulen nie zu sagen, dass sie im Schlafe gesprochen haben, sie müssten 
es denn selbst verlangen. ^) Es ist eine bekannte Erfahrung, dass die 
beiden Zustände, Somnambulismus und Wachsein, möglichst getrennt 
gehalten werden sollen, weil sonst nur eine unreine Mischung beider 
zustande kommt und der Somnambule für beide Zustände untauglich 
wird. Als Regel kann man es betrachten, dass die spontan gemachten 
Aeusserungen der Somnambulen die verlässigsten sind; aber diese Er- 
fahrung ist vielleicht nur gemacht worden, weil es so wenig Experimen- 
tatoren gibt, welche wissen, was, wie und wann gefragt werden soll 

Häufig sind schon Somnambulen von Gelehrtencommissionen ge- 
prüft worden. Aus den bezüglichen Berichten kann man sehr viel 
darüber lernen, wie es nicht gemacht werden soll. Eine solche 
Commission begab sich einst zu einer Somnambulen, Hess dieselbe 
einschläfern und begann dann die Prüfung, bei welcher die Somnam- 
bule ganz und gar nicht bestand. Die Herren gingen nach Hause, 
mehr als je überzeugt, dass nur Schwindel vorliege, der ihrer Gelehr- 
samkeit gegenüber natürlich nicht habe Stand halten können. Die 
Somnambule aber ist es, welche in einem späteren Schlaf die richtige 
Erklärung gab : »Warum habe ich denn an den Tagen der Untersuchung 
nichts gewusst? Die Herren hätten kommen sollen, wie ich schon 
schlief, so hätte ich mich nicht erschrocken.« *) 

Die Zweifler, wenn sie von medicinischen Rathschlägen der 
Somnambulen hören, sagen noch heute, das sei besten Falles eine Art 
Bauchrednerei des Magnetiseurs. Gewiss, das ist häufig der Fall — 
wenn man nämlich nicht weiss, wie und wann man fragen soll; 
aber eine Somnambule ist es wieder, die zuerst auf diese Fehlerquelle 
aufmerksam gemacht hat und sagt, viele Verordnungen seien nur eine 
Gedankenübertragung des Arztes und eine Art Reflex des Wissens des 
Magnetiseurs. ^) 

Wir müssen nunmehr die philosophischen Folgerungen ziehen, die 
sich aus den bisher erwähnten Thatsachen ergeben. In der modernen 
Wissenschaft gilt das Axiom, dass nichts im Verstände liegt, was nicht 
vorher in den Sinnen gelegen wäre. Es gibt keine Erkenntniss a priori, 
keine angebomen Ideen, sondern nur Erkenntniss aus der Erfahrung, 
a posteriori. Nun hat sich aber gezeigt, dass die Somnambulen ohne 
jede vorherige Erfahrung des sinnlichen Bewusstseins orientirt sind 



») Du Potet: Le Propagateur 204—214. — «) Archiv VII., 3, 110. — 
») Archiv IX., 2. 266. 



DIE SOMNAMBULEN ALS LEHRER. 347 

Über die odischen Verhältnisse der Natur, ihres eigenen Inneren und 
die Wechselwirkung beider, und zwar so gut orientirt, dass sie Ein- 
sichten zeigen, die von der Wissenschaft erst viel später erreicht 
wurden, was uns sehr geneigt machen muss, auch bezüglich der anderen 
Einsichten die künftige Bestätigung durch die Wissenschaft zu erwarten. 
Diese Einsichten sind also entweder angeborene Ideen, Erkenntnisse 
a priori oder, wenn sie doch aposteriorisch sein, d. h. aus der Er- 
fahrung gewonnen sein sollten, so müssen es Erfahrungen eines sechsten 
Sinnes sein. Dagegen steht es unwiderleglich fest, dass der Träger 
dieser Erkenntnisse von der körperlichen Erscheinung des Menschen 
unabhängig ist, denn unsere normalen Sinne und das sinnliche Bewusst- 
sein sind im Somnambulismus unterdrückt; sie können also solche Er- 
kenntnisse nicht liefern. Weil aber dieses auch von der ganzen Ahnen- 
reihe des Somnambulen gilt, so können ihm auch auf dem Wege der 
physiologischen Erblichkeit solche Erkenntnisse nicht zugekommen sein. 
Das Problem kann demnach nur im Sinne des Occultismus gelöst 
werden: wir müssen eine Doppelheit unseres Wesens annehmen, das 
mit seinem materiellen Körper in die sinnliche Welt eingegliedert ist, 
mit seiner odischen Wesenheit aber in die unsinnliche, odische Welt. 
Das Verhältniss dieser beiden Wesenheiten zu einander wird aber 
durch die Thatsache erklärt, dass die Somnambulen auch in Bezug 
auf ihre irdische Hülle, den materiellen Leib, sich orientirt zeigen und 
ihre innere Selbstschau vornehmen, welche Durchleuchtung des Körpers 
jetzt nicht mehr als unmöglich angesehen werden kann, seitdem sie 
nun auch durch die Röntgen-Strahlen vorgenommen wird, so dass also 
auch in diesem Punkte eine seit hundert Jahren bekannte Thatsache 
des Somnambulismus nun durch die Wissenschaft bestätigt wird. 

Nun sehen wir aber aus den Wirkungen des animalischen Magne- 
tismus, dass das Od sogar, wenn wir es auf einen fremden Körper 
übertragen, Träger der Lebenskraft ist; also muss es auch in unserem 
eigenen Körper das belebende und organisirende Princip sein, d. h. 
die Frage nach dem Verhältniss unserer beiden Wesenshälften ist 
dahin zu beantworten, dass der materielle Leib nach dem Schema 
eines odischen Leibes gestaltet ist, der in der ganzen Mystik aller 
Zeiten und Völker als Aetherleib oder Astralleib vorkommt und von 
dem auch unsere Somnambulen zu reden wissen. Der Astralleib mit 
seinem transscendentalen Bewusstsein, dies also ist die nähere Defini- 
tion dessen, was gemeinhin Seele genannt wird. 

So begreift es sich aber auch, dass den Somnambulen, die sich 
im Besitze eines anderen als des sinnlichen Bewusstseins wissen, und 
welche die Trennbarkeit des Astralleibes vom materiellen Leib aus 
Erfahrung kennen, so dass sie ihren irdischen Menschen objectiv vor 
sich sehen, sich von ihm unterscheiden und von ihm in der dritten 
Person reden, auch zu metaphysischen Einsichten befähigt sind. Es 
gibt keinen tieferen Somnambulen, der nicht — und wäre es im Gegen- 
satz zu seiner Tagesansicht — im Schlaf die Ueberzeugung der Un- 
sterblichkeit hätte. Die somnambule Frau U. beschäftigte sich Vorzugs- 



348 DU PREL. 

weise und fortgesetzt damit, den Magnetismus als den fühlbaren Beweis 
der Unsterblichkeit diurchzufUhren ; ') Anderen wird diese Einsicht in 
symbolischen Bildern offenbar. *) 

Wie schwer es ist, dem sinnlichen Menschen die Idee der Un- 
sterblichkeit beizubringen, das zeigt die Geschichte aller Religionen, 
die immer wieder, wie auch die bezüglichen philosophischen Gedanken- 
richtungen, skeptisch ausliefen. Der Somnambule dagegen besitzt diese 
Ueberzeugung ; im Grunde genommen ist sie ihm eine Erfahrungsthat- 
sache, denn im Somnambulismus tritt vorübergehend ein, was im Tode 
dauernd eintritt : die Exteriorisation des Astralleibes und seines Bewusst- 
seins. Der Somnambule kann also keine andere Definition des Todes 
geben als jene, die wir bei den alten Indiem, beim Apostel Paulus, 
bei einigen Kirchenvätern und bei den Parac elsisten des Mittelalters 
finden. 

Wenn man zu einem Fachphilosophen vom Astralleib spricht, 
wird man allerdings mit unsäglichem Mitleid angeschaut, und vom 
jüngsten internationalen psychologischen Congress hat das Münchner 
Comit^ den Occultismus sogar ganz verbannt. Das wird aber nicht 
hindern, dass schon der nächste Congress, der 1900 in Paris statt- 
finden soll, ein ganz anderes Bild zeigen wird. Ja schon viel früher 
wird es allgemein bekannt sein, dass die künstliche Exteriorisation des 
Astralleibes und sogar seine photographische Aufnahme eine Thatsache 
ist, von welcher Rochas, der Director des Pariser Polytechnikums, die 
ersten Beweise geliefert haben wird. Dies aber wird der Sonnenauf- 
gang einer wirklichen Psychologie, der transscendentalen Psychologie 
sein. Die Zeit der theologischen und philosophischen Unsterblichkeits- 
beweise wird sodann abgelaufen, sie werden durch den experimentellen 
Beweis ersetzt sein. Die physiologische Psychologie wird dann zu 
einem untergeordneten Wissenszweig herabgedrückt und der Materialis- 
mus in die Rumpelkammer der Zeit geworfen sein, wo man ihn nur 
der Curiosität halber noch anschauen wird. Den Sieg aber wird auf 
dem Pariser Congress eben jener jüngst noch aus München verbannte 
Occultismus feiern. Damit wird aber wieder in einem Punkt, und zwar 
dem wichtigsten, der Beweis geliefert sein, dass die Somnambulen der 
Wissenschaft voraneilen, und dass wir allen Grund haben, in ihnen 
unsere Lehrer zu sehen. 



») Archiv VII., 2, 38. — *) Archiv VII., 2, 45. 



DIE SEXUELLE BELASTUNG DER PSYCHE ALS 
QUELLE KÜNSTLERISCHER INSPIRATION. 

Von Oscar PaNIZZA (Zürich). 

Knüpf Dich auf, Przybyszewski, dass Dir der Stoff ausgekommen ist. 

L6on Bazalgette behandelt das Thema im Septemberheft des 
^Magazin tniemationaU, Paris, 1896, und kommt im Anschluss an ein 
symbolisches Gedicht, • Aquarium mentaU^ von G. Rodenbach {^Les 
vies encloses^y Paris, Charpentier, 1896) zu der Schlussfolgerung: die 
Neigung einer jüngsten Generation von Schriftstellern — nos modernes 
Narcisses nennt sie Bazalgette — die Augen vor der Aussen weit zu 
schliessen und in einem inneren, geistigen Rausch neue, ungeschaute 
Freuden zu erleben — *fites mentales^ gebraucht Rodenbach — ent- 
zückende Formen zu betrachten, Keuschheiten unberührten Glanzes zu 
schauen und einen neuen kastalischen Quell sprudeln zu sehen, 

B^aM de Vaquarium dont la pdleur miroite 

— c^est comme si du clair de lune se gelait — 

et^ rCayant pas voulu se miler ä la vie, 

s'en Spure et de plus en plus se clarifie ... € /Rodenbach \ 

diese geistigen Exercitien seien vom Uebel, entkräfteten und 

zerstörten den Organismus, denn das Leben sei: ausgeben, nicht: zu- 
rückbehalten, u. s. w. 

So einfach liegt nun die Sache nicht. Wir haben bekanntlich in 
Deutschland ebenfalls eine jüngste Generation dieser unberührten Blüthen- 
jünglinge, dieser Narcisse und Adonisse — Symbolisten heissen sie 
bei uns — und ihre geistigen Föten sind uns wiederholt auf buch- 
händlerischem Wege zugekommen. Man mag nun über den buch- 
händlerischen Erfolg urtheilen, wie man will, es geht nicht, einfach zu 
sagen : «Wer sich ausgibt, sexuell ausgibt, der ist gesund und wird als 
Dichter Glückliches hervorbringen; wer sich zurückhält, geschlechtlich 
zurückhält und den Drang auf die geistige Bahn treibt, ist unnormal 
und wird als Dichter verunglücken.« 

Ganz im Gegentheilt 

Man braucht nur einen Knaben in den Entwicklungsjahren anzu- 
sehen und seine unruhige Psyche zu verfolgen und wird ihn viel 
interessanter finden als — den Jüngling, der bereits in den Armen 
der cocoiie gelegen. 

Geistigen Tiefgang wird der Erstere jedenfalls in höherem Maasse 
besitzen. 

Allerdings haben die Grobsinnlichen, die »Ausgebenden«, die 
Brutalen Goethe für sich und können mit diesem glänzenden Bei- 



35© PANIZZA. 

spiel prunken. Aber Goethe als das Höchste in der Poesie anzu- 
sehen, habe ich nie vermocht Dazu ist er mir doch zu seicht. Und 
•'s Haideröslein« ist wahrhaftig nicht die letzte Offenbarung im Liebes- 
problem des Menschen. — An Wagner's düster gefasstem Liebespaar 
»Tristan und Isolde« gemessen, ist Goethe ein entsetzlicher Schäker. 

Doch man braucht gar nicht so weit zu gehen. Man braucht nur 
in unseren Tagen die zahllosen enthaltsamen Mädchen reifen. Alters, 
wie wir sie in unseren Salons antreffen, zu beobachten und zu studiren, 
um sofort zu finden, dass eine junge Dame, die keinen geschlechtlichen 
Umgang hat, allemal interessanter, geistig gerüsteter, allerdings auch 
leidender ist als eine junge Frau gleichen Alters, die geboren hat. 
Und nur die kinderlose Frau kommt der Celibatärin gleich oder über- 
trifift sie manchmal. Eine Frau in der Kinderstube, die dichtet oder 
schriftstellert, kann ich mir kaum denken. Umgekehrt waren die her- 
vorragendsten Dichterinnen und Schriftstellerinnen meist unvermählt; 
siehe Droste-Hülshoff, siehe Ada Negri, siehe Sappho, siehe 
Gabriele Reuter u. A. *) 



^) Dass bei Zunahme und Steigerung der Intelligenz die geschlechtliche 
Sphäre leidet oder brach zu liegen kommt, zeigt die Verkümmerung, zeigt der 
Verlust der Fülle und Schönheit des weiblichen Busens bei der Engländerin, 
Amerikanerin und Berlinerin, was von allen Forschem und Beobachtern bestätigt 
wird (siehe Ploss: »Das Weib«, 3. Aufl., Leipzig, 1891, Bd. I, S. 179—180). 
Umgekehrt : Fülle und Schönheit des Busens sowie Grazie und blühende Körper- 
formen bei der intellectuell tiefer stehenden Wienerin (siehe ebenda). — Dass 
der Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit heute auch in anderen Kreisen als denen 
der französischen Narcisse das Wort geredet wird, zeigen s. B. die Schriften 
Grabowsky*s, in deren einer es heisst: »Es ist das wohlverstandene eigene 
Interesse, welches Jeden antreiben sollte, Enthaltsamkeit zu üben. In dunkler, 
geheimnissvoller Weise verliert, wer sich dem Weibe hingibt, mehr weniger die 
Fähigkeit, metaphysisch zu denken, sein höheres Ich gewahr zu werden. Ueber- 
haupt ist aller irdische Sinnesgenuss Feind der Erkenntniss.« (N. Grabowsky: 
»Die geschlechtliche Enthaltsamkeit als sittliche Forderung«. Leipzig, 1894, S. 18.) 
Auch Paulsen sagt in seiner Ethik: »Es ist oft bemerkt worden, dass unter 
den grossen Philosophen, die dem Gedanken neue Bahnen brachen, die meisten 
unverheiratet waren. Sicher ist es nicht zufällig. Männer wie Bruno, Spinoza, 
Schopenhauer kann man sich schwerlich als Ehemänner und Familienväter vor- 
btellen: sie wären Andere geworden, wenn sie Weib und Kinder gehabt hätten, 
vorsichtiger, behutsamer, zahmer.« (Paulsen F.: »System der Ethik«. 2. Aufl., 
Berlin, 1891, S. 619.) Aber auch Descartes, Leibnitz, Newton und Kant wnren 
unverheiratet. Und die berühmte Briefstelle des Letzteren, wo er 42jährig an 
Moses Mendelssohn schreibt: »Ich habe den grössten Theil meiner Lebenszeit 
hindurch gelernt, das Meiste von demjenigen zu entbehren und zu verachten, was 
den Charaktef zu corrumpiren pflegt« (Imanufl Kant's sämmtliche Werke, her- 
ausgegeben von Rosenkranz. 11. Theil, Leipzig, 1842, S. 7), bezieht sich doch 
oflenbar auch auf den Geschlechtsgenuss. — Es ist interessant, dass die Scholastiker 
an der Meinung festhielten, das sperma virile werde, wenn nicht benutzt, wieder 
aufgesaugt und komme dem Gehirn zugute; eine Meinung, die man selbst heute 
noch in Jesuitenbüchern finden kann. Natürlich ist diese Vorstellung nach unseren 
heutigen physiologischen Kenntnissen unzulässig. Es handelt sich nicht um eine 
Transmigration, sondern um eine nervöse Fortpflanzung des durch die geschlecht- 
liche Inhibition gesetzten Reizes zum Gehirn, dessen Phantasie dann allerdings 
deutlich den Charakter der Piovenienz erkennen lässt. 



DIE SEXUELLE BELASTUNG DER PSYCHE. 35 1 

Doch wir wollen die Sache etwas tiefer zu fassen versuchen. 

Es scheint, dass der heranwachsende Mensch geistig, imaginativ 
einen Typus in sich aufzubauen sucht, den er da, wo er geistig pro- 
ducirt, in die Aussenwelt hinauszustellen, zu verwirklichen strebt, und 
der beim Künstler direct zum Vorschein kommt. Dieser Typus hat oft, 
oder meist, nichts mit seinem Aeusseren oder seiner Alltagserscheinung 
zu thun. So hat Richard Wagner während seines ganzen Lebens 
künstlerisch den Typus festgehalten des im Leben kämpfenden, dem 
Schicksal erliegenden, vom Weib erlösten Mannes: «Holländer«, 
»Tannhäuser«, mit leichter Umkehrung auch im »Lohengrin«, Walther 
in »Meistersinger«, wiederum mit leichter Verschiebung im »Tristan«, 
dann deutlich »Siegfried« und »Parcival«. Beim Dramatiker fällt es 
naturgemäss leichter, dem Geheimniss auf die Spur zu kommen, weil 
die Figuren deutlich auftreten. Aber trotzdem ist es nicht immer sofort 
zu erkennen. Schiller liebt vor Allem den vor einem übermächtigen, 
feindlichen Schicksal tragisch erliegenden Helden : »Teil«, »Wallenstein«, 
weiblich gewendet »Die Jungfrau von Orleans«, in den Jugenddramen 
tritt nebon dem meist gross gezeichneten Helden noch eine Idealfigur 
— neben »Franz« noch »Carl«, neben »Don Carlos« noch »Marquis 
Posa« — und es tritt eine Spaltung ein; es darf nämlich als ganz 
sicher angenommen werden, dass der in seiner Jugend überaus häss- 
liche, unansehnliche und durch seine Lebensumstände verbitterte Dichter 
sich genau in »Franz« ebenso ausgetobt, wie in »Carl« seinen Wunsch- 
menschen herauskrystallisirt hat. Im »Demetrius« dann, in seiner besten 
Arbeit, wiederum der Haupttypus. Bei lyrisch gefärbten Dramatikern 
ist es natürlich kinderleicht, zu erspüren, wo der Autor sich hinein- 
geheimnisst hat. Und nächst dem »Werter«, wo ein intensives persön- 
liches Erlebniss alles Andere in den Hintergrund drängt, verspüren 
wir in »Tasso«, »Iphygenie«, »Faust« immer genau, wo Goethe zu 
Worte kommt, und wo der schön gestaltete Genius, der wohl leidet, 
aber nicht zu viel, in vornehmer Erhabenheit die Welt kostet, um dann 
zu den Sternen zu entfliehen. — Manchmal ist es nur eine auffallende 
Wärme des Tones oder eine Leichtigkeit der Aussprache und der 
Gestaltung, die uns einen Fingerzeig gibt, wo der Künstler sein Liebstes 
hingelegt In den Biographien von Zeichnern, Schauspielern, Novellen- 
schreibem finden wir häufig die stereotype Wendung: Am besten ge- 
lingen ihm die sentimentalen Mädchen j oder die Naturburschen oder 
die bonvivants u. dgl. Hier ist dann meistens der psychische Factor 
getroffen, der zum Aufbau des Idealtypus herhalten musste. So malte 
der französische Genremaler Grenze fast nichts oder nichts so gut 
als junge, melancholisch angehauchte, pitoyable Mädchen in ärmlicher 
Kleidung. Dieser Typus gelang ihm ganz sicher. Und nur hierin fand 
er Anerkennung. Bei Schauspielern ist die Sache so evident, dass es 
keiner weiteren Erörterung bedarf. Aber auch auf den übrigen künst- 
lerischen Gebieten könnte man der Beispiele in Menge anführen. Heine 
hat den Typus des sentimentalen Naturmenschen, der sich im letzten 
Augenblicke rasch aus der Situation herausreisst und mittelst einer 



352 PANIZZA. 

humoristischen Wendung zur Vernunft hinüber rettet, in seinen lyrischen 
Gedichten zu solcher Virtuosität ausgebildet, dass er desselben selbst über- 
drüssig wurde, ihn aber nicht losbrachte, und bekannt ist auch die 
eigenthümliche Situation, in der sich hervorragende . Menschoi in ent- 
scheidenden, der Inspiration nahegerückten Momenten befanden, und 
in der sie, wie z. B. Napoleon, Kepler, Byron, einen genius- 
artigen, personificirt gedachten Idealtypus oder Idealmenschen ihr g^en- 
wärtiges Geschick bestimmend oder entscheidend dachten. 

Es scheint nun, dass diese bei Künstlern oder hervorragenden 
Geistesmenschen zur Personificirung des in ihnen steckenden geistigen 
Kernes sichtbare und offenkundige Neigung einem psychischen Process 
entspricht, der mehr weniger bei allen Menschen platzgreift und eine 
Symbolisirung von theils ererbten, unbewussten Anlagen, theils er- 
fahrenen Lebensumständen in der Richtung zum Persönlichen, zum 
Menschbildenden darstellt.^) Und dieses Herausstellen des Idealtypus, 
das Verdichten von leisen Ahnungen, hauchartigen Anwandlungen und 
feinsten Instincten zur sicheren, fast hallucinatorisch gesehenen Gestalt 
wird um so leichter gelingen, je rein geistiger oder vorwiegend 
geistiger und stark innerlich geartet der Betreffende ist. 

Und damit kommen wir zum Ausgangspunkte unserer Erörterung 
zurück, zu der Frage : ob der rein mental arbeitende Mensch, genauer : 
ob der einen Theil seiner sexualen Antriebe mental verdichtende 
Künstler und Dichter in höherem Masse zur künstlerischen Leistung 
befähigt ist oder nicht? 

Nun erscheint so viel klar: dass die sexuelle Cohahitatio in der 
Regel in der Psyche tabula rasa macht, keinen Trieb zurücklässt und 
die vorhandenen gesättigt verschwinden lässt; dieser Eintritt einer Nieder- 
geschlagenheit scheint nun allerdings für sehr viele Leute nicht zu 
stimmen. Aber so viel dürfte doch sicher sein, dass der Hauptimpetus 
des Lebens mit diesem Moment erloschen und geknickt ist; wie ja 
auch die Vorbereitungen der Thiere zum Liebeswerben und dieses 
Werben selbst die höchste Anspannung der sinnlichen und geistigen 
Kräfte hervorlockt und -ruft (Nachtigallenschlag, Hochzeitsschmuck des 
Gefieders, Tanz und Balz des Spielhahnes u. dgl), während umgekehrt 
der vollzogene Act den Vogel erstummen und erlahmen lässt Auch ist 
es unbestritten, dass schrankenlose Befriedigung des Geschlechtstriebes 
beim Menschen die geistigen Kräfte eher erschlaffen lässt, jedenfalls 
nicht steigert 

Es käme also ganz darauf an, in welchem Moment für jeden 
Einzelnen die Bedingungen zur Gestaltung und Personificirung der un- 
sichtbar und unbewusst in uns liegenden, künstlerisch verwerthbaren 
Triebe besser gegeben sind, ob post^ ob ante. 



^) Patrizi in seinem Saggio psico-antropologico su Giacomo Leopardi, 
Torino i8g6, sagt, Leopardi habe in seinen Gedichten den krankhaften, hystero- 
epileptischen Kern, der in der ganzen Familie stecke, zum Typus erhoben und 
damit zum erstenmale die Idealfigur des modernen Pessimisten in die Dichtung 
eingeführt. 






DIE SEXUIELLE: BELASTXmG DER PSYCHE. 353 

Dass eine rapide Steigerung der symbolisirenden, typus-creirenden 
Kräfte In uns durch stricte Enthalttamkeit eintritt, zeigt die patho- 
logische Geschichte derlieiligen, Büsser und Asketen, denn was waren 
ihre Visionen und Hallucinationen Anderes, als die in der Richtung 
des Eigentypus, der Idealgestalt liegende Verwirklichung gestauter 
Kräfte in mentaler Verarbeitung. 

In jedem Falle also kämen wir bei der von L^n Bazalgette 
aufgestellten Frage, ob die von Rodenbach und den französischen 
Blüthenjünglingen geübte und empfohlene sexuale Enthaltsamkeit bei 
gleichzeitiger unvermeidlicher sexueller Belastung der Psyche künst- 
lerischer Vertiefung, Reife und Production förderlich sei oder nicht — 
die er verneint — zu einer Bejahung und stützen uns dabei in gleicher 
Weise auf Geschichte wie psychologische Beobachtung.^) 



^) Man kann wohl daran denken, dass die mit der fortschreitenden Cultur 
nnd der Ueberyolkemng immer schwieriger gebotene Gelegenheit za sexuellem 
Verkehr und die wachsende Complicirtheit des Schambegriffes nnd der sittlichen 
Forderung — man denke an das rapide Zurückgehen der Eheschlie&sungen — 
seit Jahrhunderten die menschliche Psyche einseitig belastet und die Phantasie 
zum Wachsen und zur äussersten Anspannung ihrer Kräfte Teranlasst hat. Man 
braucht nur z. B. die noch Ton Luther aufgestellte Forderung, dass »ein Knabe 
aufs längest, wenn er zwanzig, ein Maidlein umb fünfzehn oder achtzehn Jahre« 
zur Ehe greifen solle (Predigten, Bd. I, Frankfurt 1877, S. 541), mit unseren 
heutigen Zuständen zusanunenzuhalten, wo eine derartige Forderung geradezu 
lächerlich, ja unsittlich erscheinen würde, um den Kräftezuschuss zu ermessen, der 
in unserer heutigen Culturperiode Tom Eintritt der Pubertät an dem sexus ent- 
zogen und dem Gehirn zugeführt wird. Und vergleichsweise dürfen wir sagen: 
das, was wir durch Stauung. Stopfung und Ueberernährung in der Gans zuwege 
gebracht haben — die Gansleber — das hat die Cultur in jahrhundertelanger 
Uebung aus unserer cerebralen Anlage gemacht: das Menschenhim. 



27 



TSCHAPERL. 
Von Karl Kraus (Wien). 

Hermann Bahr, der sich stets in der uneigennützigsten Weise für 
die Talente des jungen Oesterreich eingesetzt hat, ging in seiner Selbst- 
losigkeit so weit, das »Tschaperl« zu schreiben. Er hatte in Schrift und 
Wort für die junge Literatur gekämpft, aber seine Autorität vermochte 
die Ungläubigen nicht zu bekehren. Jetzt ist durch die That »Tschaperl« 
den Jungwiener Dichtem auf die Beine geholfen. Bei der Auftlihrung des 
»Tschaperl« im Carltheater haben selbst Jenen, welche an der drama- 
tischen Begabung Arthur Schnitzler's noch zweifeln mochten, die Vor- 
züge der »Liebelei« eingeleuchtet. Wer nicht schon früher wusste, dass 
Hofmannsthal ein feiner Künstler sei, erkannte es an diesem Abend, 
ich lernte Leopold Andrian schätzen, ja Herr Leo Ebermann kam mir 
mit einemmale wie ein moderner Dramatiker vor. So selbstlos 
talentlos ist dieses »Wienerstück« von Hermann Bahr. Die Schüler des 
Meisters, jene, welche nicht die Stirne hatten, öffentlich begeistert zu 
sein, waren zuerst enttäuscht, um dann einander mit der Versicherung 
zu beruhigen, das Stück wolle ja gar nichts mit der Literatur zu thun 
haben, es sei sozusagen eine Privatunternehmung des Hermann Bahr. 
Mir erscheint diese Auffassung durchaus unlogisch, und ich bin, wie 
oben ausgeführt, weit eher der Meinung, dass es sich hier um einen 
oder vielmehr vier Acte der Bescheidenheit handelt, und dass Herr 
Bahr in Fortsetzung seiner Führerrolle sich für die von ihm entdeckten 
Talente einfach aufopfern wollte. Dass hiebei das altgewohnte »dpater 
le bourgeoisl« nicht zu kurz kommen durfte, versteht sich wohl von 
selbst. Der Schäker Bahrl Immer verblüfft er, »immer macht er Witze« 
— wie wir uns mit Crosinski im »Tschaperl« classisch auszudrücken 
pflegen; man erwartet neue Psychologien, irgend eine Sensation von 
übermorgen, mindestens den Versuch einer neuen »Note« — und 
bekommt ein völlig belangloses Zeug, ein paar läppische oder mindestens 
abgebrauchte Situationen aufgetischt. Da gab es voreilige Schwärmer, die 
sich zur Premiere des »Tschaperl« durch die Leetüre des letzten Bahr- 
schen Buches »Renaissance« vorbereitet hatten. Ihre Pulse hämmerten, 
ihre Herzen klopften schneller, da sie Bahr mit prunkenden Worten die 
Wiedergeburt der Kunst verkünden hörten, jener alten österreichischen 
Kunst, die wir Alle schon todt und begraben wähnten. Renaissance I 
»Also heute Abend im Carltheater I« riefen sie sich zu, berauscht von 
den Versprechungen, die heute wohl alle in Erfüllung gehen würden. 
Und in der Garderobe des Carltheaters wiederholten sie sich zum letzten- 



TSCHAPERL. 355 

male die an Leopold Andrian und Hugo v. Hofmannsthal gerichteten 
einleitenden Worte des Werkes: Eure theuren Namen, lieber Hugo, 
lieber Poldi, setze ich auf dieses Buch. Wenn wir jetzt oben sind und 
ausschauen können, dürfen wir uns wohl freuen. Wir, die wh: Cultur 
nach Oesterreich gebracht haben. Ja, damals, lieber Hugo, als wir noch 
im Volksgarten zusammen spazieren gingen, war in Oesterreich noch 
nicht viel los. Erst mit dem Poldi ist Cultur hinzugekommen. Was wir 
der Macht seines dunkeln und zornigen Wesens schulden, soll unver- 
gessen bleiben .... 

Der Zuschauerraum des Carltheaters bietet heute einen seltsamen 
Anblick. Eine Aufregung, als ob da das literarische Schicksal jedes 
einzelnen Theaterbesuchers verhandelt würde. Man traut Herrn Bahr 
keine Gaminerien mehr zu — jetzt, da wir oben sind — und er- 
wartet das letzte, entscheidende Wort in der modernen Sache. Ein 
Parquet von Leuten, die gewohnt sind, das Tägliche ins Ewige zu 
rücken, und eine Galerie von »Kennern«. Viel bemerkt werden auf 
dem Balkon einige Märtyrer der reinen Kunst, die zwischen Claqueuren 
sitzen. Leopold Andrian erscheint, in der Hoffnung, sich heute Abend 
endlich mit dem Leben auseinandersetzen zu können; mit ihm Hof- 
mannsthal, jeden Moment bereit; der gemeinen Deutlichkeit der Dinge 
zu entfliehen. In den Logen junge Damen, die eigens für diesen 
Abend von der Parteileitung aus ä la BoticelÜ frisirt wurden. Einige 
Stimmungsmenschen sind officiell erschienen. Alles athmet Cultur. Das 
Aufziehen des Vorhanges macht diesem schönen Schauspiel ein Ende. 
Keines der im Saale anwesenden Talente wäre fähig, die Enttäuschung 
zu beschreiben, die sich nun auf allen Gesichtern zu malen beginnt. 
Dort oben werden intime Angelegenheiten der Familien Langkammer 
und Karezag verhandelt, dazwischen betheuert ein versulzter Altwiener 
unausgesetzt, dass Wien Wien bleibe. Die zahlreichen Kenner im Hause, 
die sonst bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an die 
heilige Therese, an Jacob Böhme, Maeterlinck und Bume Jones gedacht 
hatten, sie mussten jetzt an O. F. Berg denken, an den alten Fürst 
und an die reine Kunst des Costa. Ein unsägliches Reporterstück 
wurde gespielt, als Erlebniss hatte dem Verfasser die Leetüre der 
Coulissenplaudereien eines Montagsblattes gedient. Der Stofif gab ihm 
einige Pointen ein, die als Abfalle der »Klabriaspartie« noch immer 
ganz gut in »Frau Rosenstock's Hut« hätten Verwendung finden 
können. Aber zu humorlos für einen intimen Herrenabend im Caf6 
Pucher, musste die Dichtung endlich mit dem Carltheater vorlieb 
nehmen. Sie hat sich als eine Gesellschaftssat3rre erwiesen, welche von 
den Zuständen lebt, gegen die sie sich richtet. Dem auf den Ruhm 
seiner Frau Eifersüchtigen stellt Bahr jenen Mustergatten' gegenüber, 
der seine Fähigkeiten mit lobenswerther Selbstüberwindung jederzeit 
der Individualität seiner Frau unterzuordnen bereit ist. Hier wird auf Frau 
Kopacsi angespielt und auf den liebevollen Verwalter ihrer Pikanterie, 
der das subtilste Detail herauszuspüren weiss, welches ihre legitimen 
Reize noch erhöhen könnte. Ich selbst habe einmal dem Mann der Diva 



356 KRAUS. 

das folgende lobende Zeugniss ausgestellt : • . . . Unbesoigt gestattet er 
ihr die weitestgehende Frivolität, und einmal in der Zeit, in elterlicher 
Freude über den ersten Schulausweis des Söhnchens, lässt er sich die 
£rlaubniss zu einem Cancan für die nächste Novität abschmeicheln. 
Es ist eine Frivolität auf gesunder Grundlage, auf der Grundlage des 
Familienlebens.« Bei Herrn Bahr findet das Verhältniss seine geistreichste 
Bezeichnung in den Worten des Gemahls: »Sie hat die Wadeln — 
ich habe den Verstand.« Diese auf der Bühne völlig abgenützte Episode, 
deren ganzer Humor von dem Polnisch-Deutsch der Personen be- 
stritten wird, entschied den Erfolg des Abends. Frau Crosinski wird 
mit dem galanten König von Macedonien in Beziehung gebracht, und 
Bahr mag sich gar als Satyriker gefühlt haben, als er die längst den 
Librettisten verfallene Leutseligkeit der kleinen Könige zu geissein 
unternahm. Der zufällig im Hause anwesende Exkönig Milan verlieh 
der vermeintlichen Satyre actuellen Reiz und erntete allen Beifall, den 
Bahr für sich in Anspruch nahm. König Milan hat den Abend ge- 
rettet; da er aber nur kurze Zeit in Wien sich aufhält, somit leider 
nicht für die Dauer in das Repertohre des Carltheaters übergehen 
kann, und auch nicht immer in der Lage sein dürfte, in den Logen 
der Provinztheater aufzutreten, wird Hermann Bahr bald auf sich selbst 
gestellt sein. 

Nun darf man aber nicht etwa glauben, das Stück sei mit 
allen seinen Tagessensationen einem grossstädtischen Publicum so recht 
auf den Leib geschrieben. Nein, selbst in der Art, wie Bahr 
das Aeusserliche sieht, zeigt sicli eine den Bourgeois verblüffende 
Geschmacklosigkeit, und durch das Ganze zieht sich eine unverkennbar 
provinziale Note. Es ist eben immer wieder jener Drang nach Paris, 
der in Linz stecken geblieben ist. Wie sich beispielweise Herr Bahr 
das Berühmtwerden einer Componistin vorstellt — gleich einer 
Chanteuse wird sie von jungen Gecken mit Bouquets und Geschenken 
überschüttet — darin liegt eine weltfremde Naivität, eine Unverdorben- 
heit, die den Charakteren der handelnden Personen gegenüber wahr- 
haft erquickend wirkt. Rührend schlicht ist auch seine Auffassung des 
Joumalistenstandes, der ihm zwei altersgraue Typen an die Hand ge- 
liefert hat : den ausbeuterischen Herausgeber und den neuigkeitslüstemen 
Reporter, der natürlich jüdeln muss. 

Es handelte sich hier einzig darum, das Niveau des Stückes zu 
charakterisiren. Dass für Herrn Bahr die letzten zwanzig Jahre deutscher 
Dramaturgie einfach nicht existiren, dass er in der Menschenschüderung 
und Scenenführung mit den ältesten Mitteln arbeitet, dass z. B. die Episode 
emer Frauendeputation an läppischer Komik ihresgleichen weit hinter 
Kotzebue suchen roüsste, und dass sich das »Tschaperl« nur, was die 
Armseligkeit der Handlung anlangt, der modernen Technik nähert, dies 
Alles hätte die Enttäuschung der gesammten Anhängerschaft noch 
immer nicht bewirken müssen. Dass aber ein Mann, der uns all- 
samstäglich mit der abgeklärten Miene des Weimarers die Sterne vom 



TSCHAPERL. 357 

Himmel verspricht, es unternehmen konnte, in ein paar losen, nur durch 
ihre Gedankenleere und Humorverlassenheit zusammengehaltenen Scenen 
Coulissenanekdoten zu erzählen, dass der Mann, der Cultur nach Oester- 
reich gebracht hat, ein Theatertinterl geworden war, — das musste 
einigermassen überraschen. 

Tief gebeugt verliess man das Theater. Als sich das Haus ge- 
leert hatte, sah ich beim Ausgang einen Jüngling, der den Versiche- 
rungen Hermann Bahr's allzu bereitwillg geglaubt, das Land der Griechen 
mit der Seele suchen 



KRITIK. 



Bürgtheater. Die ver- 
sunkene Glocke von Gerhart 
Hauptmann. 

Als Gerhart Hauptmann's 
»Florian Geyer« gefallen war, schrieb 
er die Märchentragödie von der 
»versunkenen Glocke«. Es war in 
Wirklichkeit das Trauerspiel von 
dem Fall, von der Niederlage des 
»Florian Geyer«. Das heisst: nicht 
etwa der Misserfolg dieses Stückes 
selbst findet im neuen Werke sich 
gespiegelt, sondern ich meine, des 
»Florian Geyer« unrühmliches Ge- 
schick war der äussere Anlass, der 
mächtige Erreger der Seelenstände, 
die den Dichter zum Schaffen der 
»versunkenen Glocke« trieben. Er 
glaubte nach Hohem, nach Höchstem 
gestrebt und es nicht erreicht und 
nicht vermocht zu haben. Und da 
überfiel ihn die tiefe Verzweiflung 
und dieses verzehrende Schwäche- 
gefuhl, dem er sein stärkstes, ge- 
waltigsteSy wuchtigstes Drama ver- 
dankt. Bebend hatte er nach den 
Gründen seiner trüben Kraftlosig- 
keit gesucht, und da er sie ge- 
funden oder gefunden wähnte, 
quälten und peinigten sie ihn so 
trostlos lange, dass er es fiihlte, 
der Schmerz sei nur zu bannen, 
wenn er ihn tapfer sich von der 
Seele schriebe. So gab er uns »Die 
versunkene Glocke«, dieses rührende 
Bekenntnisswerk des Schwachen, 
der zu den Bergen will und doch 
nur Thalmensch ist, der auf den 
Höhen nach der Ebene drängt und 
in den Niederungen nach den 



Gipfeln, und der an diesem tiefen 
innerlichen Risse mälig und sicher 
am Ende verblutet. Gerhart Haupt- 
mann hat diesen heissen Kampf 
in einem unendlich schönen, feier- 
lich-düsteren Märchen symbolisirt 

— die einzige Art und die einzige 
Form, in welcher psychische Phä- 
nomene, rein seelische Krisen in 
äusserer Handlung auf die Bühne 
gerückt werden können. Aber die 
Darstellung, die das so gewordne 
Stück im Burgtheater neulich fand, 
Hess seinen weiten Sinn und seine 
intime Bedeutung auch nicht im 
Entferntesten ahnen. Herr Hart- 
mann verstand es ganz und gar 
nicht, die goldenen Schleier seiner 
Rolle zu lüften und die wilde, fast 
neurasthenische Zerrissenheit empor- 
stürmen zu lassen, die tief in 
Heinrichs Wesen wurzelt Er 
ist für dieses höchst persönliche 
Porträt eines complidrten, deca- 
denten Künstlers zu simpel, zu 
kraftvoll, zu gesund. Auch Herr 
Robert, nach dem so Viele riefen, 
wäre der geeignete Mann nicht ge- 
wesen; nur Einen, einen Ein- 
zigen hätte es gegeben : den feinen, 
blassen, nervösen Josef Kainz. 

— So lange wir ihn nicht haben, 
sollten wir auf »Die versunkene 
Glocke« verzichten. Mit der Dar- 
stellung des Heinrich steht und 
fallt ja das ganze Stück. Nur 
wenn man ihn, den Träger der 
Idee, begreift, geht einem der Sinn 
und die Hülle der Symbole auf, 
die alle sich eben auf Heinrich 



KRITIK. 



359 



beziehen. Darum trifft jede Schuld 
am Misserfolge der »versunkenen 
Glocke« ausschliesslich und einzig 
Herrn Hartmann. Frau R e i n h o 1 d- 
Devrient wird nicht mit Recht 
verurtheilt. Ihre süsse, glockenhelle 
Stimme, die feine, beseelte Anmuth 
ihrer Geberden wären einem Kainz 
als Partner gegenüber gewiss zu 
grösserer Geltung gelangt. So aber 
übertrug man hier den ganzen starken 
Aerger wider Hartmann, mit dem 
sie zu gleicher Zeit fast immer auf 
der Bühne stand, höchst grausam 
auch auf sie. Sie hat ihn nicht 
verdient. Denn selbst die grosse, 
reife Kunst L e w i n s k y's, der ein 
bewundemswerther Nickelmann, die 
derbe, wirksame Komik Thimig's, 
der ein lustiger, nur etwas zu ge- 
müthlicher Waldschrat war, ver- 
mochte angesicht Hartmann'scher 
Unzulänglichkeit den Sieg des 
feinen Werks nicht zu erzwingen. 

JR, St. 
RaFAEL FaeLBERG, einer 
der vorzüglichsten Repräsentanten 
modemer Vortragskunst, hat einen 
interessanten Dichterabend veran- 
staltet. Seine verständnissvolle, von 
schauspielerischen Allüren freie Art, 
die dem Dichter gibt, was des 
Dichters ist, und ohne das Kunst- 
werk zu vergewaltigen, aus diesem 
doch die stärksten psychologischen 
Wirkungen zu ziehen weiss, eignet 
sich namentlich für die Skizzen 
Peter Altenberg's, deren Be- 
kanntschaft Faelberg einem für 
künstlerische Darbietungen em- 
pf^lnglichen Publicum vermittelt hat 
Grossen Erfolg hatte er auch mit 
einer Erzählung Gustav Morgen- 
stern' s, deren zahllose psycho- 
logische Feinheiten geradezu Sen- 
sation hervorriefen. Die satanische 
Rhetorik und Kühnheit Arthur 



Fitger's entzückte Jene, die den 
fabulosen Tüfteleien Fritz Mauth- 
ner's wenig Geschmack abzuge- 
winnen vermochten. Alpha, 

Goethe am Ausgang des 
Jahrhunderts von Franz 

Servaes. Berlin, S. Fischer, 
Verlag, 1897. 

Es gibt eme Menge Goethe- 
Monographien; der Stofif, den der 
Geistesheros seinen Biographen und 
Commentatoren in schier unerschöpf- 
licher Fülle bietet, scheint 
schliesslich bewältigt zu sein. Es 
scheint nur; die kleine Broschüre, 
welche der bekannte Berliner 
Literarhistoriker und Essaist Franz 
Servaes vor kurzer 2^it erscheinen 
liess, beweist das Gegentheil; in 
den verhältnissmässig wenigen 
Seiten ist so viel Neues gesagt, 
dass man mit Recht behaupten 
könnte, ein anderer weniger präg- 
nanter und präciser Schriftsteller 
hätte ein imponirend gewichtiges 
Werk daraus gemacht. Neunzehn 
kurze Capitel behandeln Goethe, 
von verschiedenen Gesichtspunkten 
aus betrachtet. Die Einleitung: 
»Die Inseln Goethe's«, zeichnet sich 
durch die prachtvolle sehnsüchtige 
Sprache aus, die Servaes überhaupt 
eigen ist, sie lässt die Klage des 
Menschen ertönen, der die »Stick- 
luft« der Moderne athmen muss, 
und den »ein eigenes Staunen über- 
fallt, wenn ihn auf seinen schau- 
kelnden Irrfahrten ein holdes Un- 
gefähr den Inseln Goethe's wieder 
zutreibt«. In den folgenden Ab- 
schnitten behandelt Servaes mit 
Verständniss und Geist das Dä- 
monische in Goethe, den Kampf 
mit seinem Genius, den »Fürsten- 
knecht«, die »Entwertherung« imd 
andere hochinteressante Phänomene 
in des Dichters Geistesleben. Zu 



36o 



KRITIK. 



den Perlen des Werkes gehören 
die Capiteli in welchen der Ver- 
fasser Goethe als Immoralisten und 
als Erotiker schildert: manches 
Paradoxe zwar, momentan blen- 
dend, aber in der Hauptsache 
wahr und vor Allem originell Das 
Buch klingt klagend aus: »die Har- 
monie der Welt ist zerstört. Ihr 
Traum wurde zum letztenmale ge- 
träumt . • • von einem Halbgott — 
und der hiess Goethe I« Wir sind 
nicht mehr das, was wir in jenen 
Zeiten waren, und mit der Ver- 
änderung des gesammten Milieus 
ist auch unser poetisches Denken 
und Fühlen in andere Bahnen ge- 
lenkt worden. »Aber auf Goethe 
blicken wir zurück wie auf eine 
versunkene Welt der Schönheit, 
Kraft und wundersamen Harmonie. 
Auf seiner seligen Insel hin und 
wieder zu landen, das wurd uns 
eine oft begehrte Stärkung seine. 

Aphrodite. Ein antikes 

Sittenbild von Pierre Louys. Deutsch 
bei Grimm. Budapest 1897. 

Georg Ebers hat das zweifel- 
hafte Verdienst in Anspruch ge- 
nommen, den deutschen cultur- 
historischen Roman zu schreiben. 
Man kann seine vornehm ausge- 
statteten Bücher mit Beruhigung 
selbst einer »höheren Tochter« als 
Lecture in die Hand geben. Schläft 
sie aus wohlgesitteter Langweile 
nicht bei der »Egyptischen Königs- 
tochter« ein, so geschieht es um 
so sicherer bei den »Schwestern« 
oder nach dem geistigen Genuss 
der »Gred«. Von congenialen Ge- 
fühlen beseelt kann Felix Dahn 
seinem Bruder im Apoll die schrei- 
bende Rechte reichen: sein süss- 
licher, anwidernd fader »Kampf 
um Rom« hat gründlich mit bei- 
getragen, den deutschen Cultur- 



roman für lange Zeit zu dis- 
creditiren. 

Anders steht es mit dem Aus- 
lande: Wallace hat in »Ben Hur« 
ein grandioses Sittenbild geschaffen, 
ihm schliesst sich Tor Hedberg 
mit seinem »Judas« an. Flaubert 
schrieb »Salambo«, ein Buch, das 
ihn sofort in die erste Reihe der 
Culturhistoriker stellte. In der 
letzten Zeit hat sich Pierre Louys, 
der Verfasser von »Astarte«, 
»Chrysis«, »L6da< und von »La 
maison sur le Nil« mit »Aphrodite« 
in den Vordergrund des Interesses 
geschoben ; noch nie hat ein Schrift- 
steller so kühn den Vorhang von 
all dem weggerissen, was sonst das 
Geheimnis discreten Schweigens 
bleibt, noch nie wurden die »Dinge« 
so rüchsichtslos beim Namen ge- 
nannt wie hier. Louys ist echter 
Franzose ; mit unnachahmlicher 
Grazie führt er den Leser durch 
all die unglaublichen, unsagbaren 
CulturschöpfungenAlexandriens zur 
höchsten Blüthezeit des Perversen 
und Corrupten, zeichnet er das 
Leben und Treiben des griechi- 
schen Egypten, seine Phrynen, seine 
Hetären, seine Bacchanale. Und 
leise, kosend, dann wieder in den 
schrillsten Tönen orgiastischer Lust 
tönt der ewige Refrain der Mensch- 
heit durch das Buch: Aphrodite 1 
Aphrodite! BlendendeBilder, fascini- 
rend geschildert, von einem Hauche 
wahren, nicht nachempfundenen 
Hellenismus* durchweht'; darum 
vibrirt auch in der Psyche des 
kühlen Lesers lange noch des 
Dichters Klage nach : »Verrons-nous 
Jamals revenir les jours d'£ph^se 
et de Cyr^ne? H61asl le monde 
moderne succombe sous un en- 
vahissement de laideur . . . . « 

Alfred Neumann, 



Herausgeber und ▼erantwortlicher Redacteur: Rudolf Strauns. 
Ob. Reisser & M. Wertbner, Wien. 



^iener J^undschau. 



1. IPBIL 1897. 

CHARFREITAGS-ZAUBER, 

Eine Passionsgeschiclite aus dem Münchener KünstlerlebeD. 

Von Georg Fuchs (München). 

Miserere; xniserere nobis 1 Also ertönte es aus dem Un- 
sichtbaren, von der Wölbung hemieder, klagend wie 4er 
sterbende Tag. Es war' dunkel in der Kirche und voll 
Menschen. . Zeh stand in. den Mantel .gehüllt^ nahe dem Ein- 
gänge gegen eine Säule gelehnt. Weit hinten im Chore 
leuchtete ein ungeheures Kreuz aus tausend Kerzen, die 
dicht ineinander wirbelten, wie ausgeschwärmte Bienen« 
Miserere nobis I 

Da legte sich eine Hand um meinen Arm, Stirnlockchen 
rührten meine Wangen und ein warmer Mund flüsterte. 
Gleich darauf sind wir auf der Strasse im frostelndeni Regen 
und flatternden Gaslichte. Wir drücken uns aneinander« 

»Wohin?« 

»Ich mochte in den Dom.« 

»Zu unserer lieben Frauen I Warum sehe ich dich denn 
gar nicht mehr, Alix ? Du weisst dodi.« — Sie zittert. »Warum, 
Alix, warum?« 

»Ich fürchte mich, ich fürchte mich vor dir und vor 
allen Menschen.« 

In tiefster Finsternias schreiten wir hinauf in das Münster. 
Die drei Hallen dehnen sich dunkel dahin, in der Vorhalle 
steht eine dichte Menschenmenge, einige Weiber knien mit 
Kerzlein in den Händen, und ihne glänzenden Lippen be- 
wegen sich bastig« Wir treten sachte hinzu; erhöhte Leuchten 

a8 



302 FUCHS. 

und Flittersonnen umstrahlen eine Grotte, darinnen ruht er, 
der todte, bleiche Heiland, auf schneeweissen Linnen mit 
blutiger Stirn und eine rothe Rose auf der Brust. 

Wir wandeln schweigend in einem der Schi£Fe hinab, 
immer tiefer hinein in die dumpfe Finstemiss. Die Fliese 
knirschen unter unseren Sohlen, die Bewegung in der Vor- 
halle verhaucht wie schwaches Stöhnen in den Wölbungen. 
Alix umschlingt meinen Hals und schluchzt an meiner Brust, 
leise, an sich haltend, als ob es die Heiligen an den Wänden 
nicht hören sollten. 

»Alix, was ist denn, Kind ?« Sie schüttelt das Haupt und 
schluchzt, ihr Antlitz fest an das meine gepresst. Plötzlich 
schlürfen gedämpfte Schritte in unserer Nähe. 

»Mein Herr! Hier ist nicht der Ort!« 

«Sehen Sie nicht, dass die Dame weint?« 

»Mir gleich ! Dazu ist die Kirche nicht gebaut. Entfernen 
Sie sich!« 

Ich lege meinen Arm um Alix und geleite sie langsam 
durch die Halle zurück, der Schwarze schnauft, erregt mit 
den Schlüsseln rasselnd, hinterdrein. Wüthend riss er die 
Thüre vor uns auf, so weit er konnte. 

Miserere, miserere nobis ! Flehend erhoben sich auch hier 
die unsichtbaren Chore. Wir traten hinaus in den Regen, 
eng aneinander geschmiegt, ich entblossten Hauptes, langsam 
die Stufen hinab. Der Schwarze stand breit vor der Pforte. 

»Adam und Eva aus dem Paradiese!« Sie lächelte und 
wischte sich Thränen und Regen aus dem Antlitze; dann 
zog sie den Schleier behutsam herab. .Wir gingen zu mir 
nach Hause. Alix bereitete den Thee. 

»Erzähle mir etwas, Alix!« Sie liess sich mit der Tasse 
auf der Hand in den Schaukelsessel zurücksinken: 

»Ich weiss nichts!« 

»Doch! Du weisst, was ich meine!« Sie stellt zitternd 
die Tasse auf den Tisch: 

»Warum denn immer damit quälen!« 

»Alix, wir sind Freunde, wir sind Bruder und Schwester 
— wie soll ich nur sagen ! Ich habe dich lieb, und du sollst 
von dem Allen befreit werden! Nur das Eine: Warum hat 
er dich verlassen? Er liebte dich doch! Alix, du musst mir 



CHARFREITAGS-ZAUBER. 363 

den Glauben an einen Freund retten^ hörst du? Horst du? 
Oder kannst du es nicht, ist er ein — ?« 

»Nein, neini« Sie faltet die Hände demüthig' bittend wie 
ein Kind. 

»Ich muss es wissen I Heute noch!« Ich nahm ein ver- 
siegeltes Packet aus dem Schreibtische: »Hier, das sandte 
er mir aus Paris. Ahnst du, was es ist?« 

»Ja, seine Symphonie.« 

»Ich offne kein Siegel, ehe ich Alles weiss. So rede 
dochl Wo geschah es?« 
»In Bayreuth.« 
»Dort lernte er die reiche Baronin kennen?« 

»Nein, die kannte er schon. Er hat oft bei ihr gespielt. 
Aber sie hat ihm einen Brief geschrieben, dass sie — seine 
— Frau werden wolle. Und er musste sich doch entscheiden, 
ob er eine Stelle annehmen solle im Orchester oder als 
Lehrer und auf Alles verzichten, auf alle die grossen Werke.« 

»Und da ging er auf und davon?« 

»Nein, neinI Er warf den Brief ins Feuer. Er wollte 
nicht I« 

»So hättest du gewollt?« 

»Es war nach dem »Parsifal«. Wir gingen in die Nacht 
hinaus, gegen Wahnfried. Wir konnten nicht unter Menschen 
sein, unsere Herzen waren übervoll, und wir liebten uns — 
o, wir haben uns nie so sehr geliebt als in dieser Nacht. 
Er sprach von seinen Werken. Da ertrug ich es nicht mehr: 
er sollte nicht verzichten! Ich wusste nicht mehr, was ich 
that, ich horte seine Werke erklingen wie Messen unter 
Kuppeln. Ich sprach und sprach und redete ihm zu. Das 
war am Gitter; wir sahen das Grab des Meisters. Dort 
gelobten wir uns, dass wir uns nie mehr sehen wollten — 
und das haben wir ausgeführt.« 

Sie war stille. Ich o£Fnete unbewusst das Packet. In- 
zwischen fuhr sie leise fort: »Er hat mir noch viele Briefe 
geschrieben; ich habe sie aber alle verbrannt, ohne sie zu 
lesen. Dann lag ich am Tode. Als ich danach wieder theil- 
nahm an der hässlichen Welt, da las ich von ihm in den 
Zeitungen, da war er ein berühmter Mann.« 



364 



FUCHS. 



. »Und darauf bist dn irohl rocht stolz ?> sagte ich, m< 
ich die Lichter am Pianoforte anzündete. ' 

Sie riss ihr Taschentuch mitten durch, sie lachte und 
stöhnte und sprach : »Es war ein Frevel ! — Wir sollen treu 
sein unseren Sinnen! Ich verfluche die Entsagung! Ich hasse 
den Charfreitags-Zauber des Empfindens Ic Sie setzte sich 
und spielte. Das Werk war schwächlich : Er h^te nie einen 
selbststandigen Takt geschrieben. Als sie die dumpfen Schluss- 
accorde angeschlagen hatte, fiel ihr Kopfchen vornüber auf 
die Brust. Sie sank in die Knie, ihre Arme schlugen auf 
die Tasten, dass das Instrument grässlich aufschrie. Miserere, 
miserere nobis ! Dann sprang sie auf und rief mit blitzenden 
Augen : 

»Und du?« 

»Ich Hebe dich!« 



HERBST. 



Des Herbstes lange^ 
Todesbangey 
Bittere Klagen 
In meinem alten, 
Müden, kalten 
Herzen nagen. . . . 



Wie ist Alle» so bleich 
Und todtengleich 
Im Dämmerscheiael 
Da denk' ich zurück 
An altes Glück — 
Und weise. 

Und mich treibt der Wind, 
Wo die Nebel sind. 
Durch das trübe Wetter 
Hin .... und her .... 
Als triebe er 
Todte Blätter 

Paul Verlaine. 

Deutsch Ton Robb&t M. Prschtl. 



SANTA CATERINA DI SIENA. 

Von SeLMA LAGERLÖF. 
Aatorisiite Uebertragung aus dem Schwedischen Ton Francis Mako. 

Ganz 80 ist es, als wäre sie gestern gestorben, ganz als hätten 
Alle, die heute, da ihr Fest gefeiert werden soll, in ihrem Hause aus- 
und eingehen, sie gesehen und gekannt 

Aber eigentlich kann doch Niemand glauben, sie sei so kürzlich 
gestorben, denn da würde man mehr Schmerz und Thränen gesehen 
haben und nicht bloss ein stilles Vermissen, so wie jetzt. £her ist es, 
als ob eine geliebte Tochter eben geheiratet hätte und vom väterlichen 
Heime fortgezogen wäre. 

Werft nur einen Blick auf die nächsten Häuser, wo alle die 
wohnen, die sie aufwachsen gesehen. Die alten Mauern sind noch fest- 
lich verkleidet Und in ihrem eigenen Heim hängen noch Blumen- 
guirlanden unter Pforten und Loggien, grünes Laub liegt auf Treppen 
und Schwellen, und in den Zimmern duftet es nach Blumensträussen. 

Es ist gar nicht so, als sei sie schon seit fünfhundert Jahren 
todt. Viel eher, als hätte sie ihre Hochzeit gefeiert und wäre fort- 
gezogen in ein Land, aus dem sie spät oder niemals wiederkehren 
kann. Sind es nicht lauter rothe Tücher und rothe Decken und rothe 
Seidenfahnen, die die Häuser verkleiden, und sind nicht die grössten, 
rothesten Papierrosen in die dunklen Steineichenguirlanden gesteckt, 
und die Schabracken über Thüren und Fenstern, sind sie nicht roth mit 
goldenen Fransen? Kann es etwas Fröhlicheres geben? 

Und seht nun, wie drinnen im Hause alte Frauen umhergehen 
und ihre kleben Besitzthümer betrachten. Es ist, als hätten sie sie 
gerade diesen Schleier, dieses Bussgewand tragen sehen. Sie besehen 
das Zimmer, wo sie wohnte, und weisen auf die Lagerstatt und auf 
die Briefbündel. Und sie erzählen, wie sie es erst gar nicht lernen 
konnte zu schreiben, aber dann kam es ganz plötzlich über sie, dass 
sie es konnte — ganz ohne Unterricht Und seht nur, welche gute, 
klare Handschrift I — Dann zeigen sie auch die kleine Flasche, die sie 
am Gürtel zu tragen pflegte, um ein paar Tropfen zur Hand zu haben, 
wenn sie Jemand Krankem begegnete ; — und sie lesen einen Segens- 
spruch über der alten Nachtlampe, die sie in der Hand trug, wenn sie 
ging und die Kranken in den Nächten des Leidens aufsuchte. Es ist 
ganz, als wollten sie sagen: »O Gott, Gott, dass sie nun fort ist, die 
kleine Caterina Benincasa, dass sie nie mehr kommen wird und nach 
uns Alten sehen 1« 



SANTA CATERINA DI SIENA. 367 

Und sie küssen ihr Bild und nehmen Blumen aus den Sträussen 
und bergen sie als Andenken. 

Es sieht ganz so aus, als hätten die im Heime Zurückgebliebenen 
sich lange auf die Trennung vorbereitet und alles Mögliche zu thun 
versucht, um das Gedächtniss der Fortgezogenen so recht lebendig zu 
erhalten. Seht, dort auf der Wand, da ist sie gemalt, da bt ihre ganze, 
kleine Geschichte Zug für Zug gesammelt. Da ist sie, wie sie sich das 
lange, schöne Haar abschnitt, damit kein Mann sie lieben konnte, 
denn sie wollte nicht heiraten I O, o, welchen Schimpf sie darum 
leiden musstel Es ist schrecklich, daran zu denken, wie ihre Mutter 
sie quälte und sie wie eine Dienstmagd behandelte und sie auf dem 
Stemboden im Flur schlafen liess und ihr nichts zu essen geben wollte, 
bloss weil sie beharrlich blieb. Aber was sollte sie thun, sie, die keinen 
anderen Bräutigam haben wollte als Christus, da sie stets versuchten, 
sie zu verehelichen? Und da ist sie, wie sie auf den Knien lag und 
betete und ihr Vater in das Zimmer trat, ohne dass sie darum 
wusste, und eine schöne weisse Taube über ihrem Haupte schweben 
sah, so lange das Gebet währte. 

Und da ist sie, in einer Weihnachtsnacht, als sie sich zum Altar 
der Madonna geschlichen, um sich so recht der Geburt des Gottes- 
sohnes zu freuen. 

Und die schöne Madonna beugte sich aus dem Rahmen hinab 
und reichte ihr das Kind, damit sie es fUr einen Augenblick in ihren 
Armen halten sollte. Ah, welche Wollust da über ihr warl 

Du lieber Gott, ja, man muss ja auch nicht sagen, dass sie todt 
ist, die kleine Caterina Benincasa. Man kann ganz einfach sagen, sie 
sei fortgezogen mit ihrem Bräutigam. 

Dort im Hause wird man nie ihr frommes Thun und Lassen 
vergessen. Da kommen alle Armen Sienas und klopfen an die Thüre, 
denn sie wissen, dies ist des kleinen Jungfräuleins Hochzeitstag. Und da 
sind grosse Haufen Brot fiir sie bereit, ganz als wäre sie noch daheim. 
Sie bekommen Körbe und Taschen voll. Sie hätte sie nicht schwerer 
beladen wegschicken können, wenn sie selbst dagewesen wäre. 

Da ist ein solcher Kummer um die Dahingegangene, dass man 
kaum begreift, wie der Bräutigam das Herz hatte, sie fortzufuhren. 

Drinnen in den kleinen Capellen, die in jeder Ecke des Hauses 
eingerichtet sind, lesen sie Messe um Messe, den ganzen Tag, und sie 
rufen die Braut an und singen Hymnen an sie. 

»Heilige Caterina,« sagen sie, »an deinem Todestag, der dein 
himmlischer Hochzeitstag ist: Bitt für unsl« 

»Heilige Caterina, du, die du keine andere Liebe hattest als 
Christus, du, die du im Leben seine verlobte Braut warst und im 
Tode von ihm im Paradiese empfangen wurdest: Bitte für unsl Heilige 
Caterina, du strahlende Himmelsbraut, du allerglückseligste Jungfrau, 
du, die die Gottesmutter zur Seite des Sohnes erhob, du, die an 
diesem Tage von Engeln in das Reich der Herrlichkeit getragen wurde :' 
Bitte für uns!« 



368 lagerlOf. 

Es ist wunderKch, wie lieb man sie gewintit, wie das Heim und 
die Bilder und die Liebe der Alten und Armen sie lebend macht. 
Und man begimit nachzugrübeln, wie sie wirklich war, ob sie nur 
eine Heilige gewesen, nur eine Himmelsbraut, ob es wahr ist, dies, 
dass sie es nicht vermochte, einen Anderen ab Christus su liebes. 
Und da kommt eme ahc Ersählung, die vor langer Zeit das Herz er* 
wämt, aus der E^nnerung aufgetaucht, erst ganz unbestimmt and 
formlos; aber während man in dem fesüich geschmückten Hause unter 
der Loggia sitzt und die Armen mit ihren gefüllten Körben fort- 
wandern sieht und das dumpfe Murmeln ans der Capelle hört, wird 
das Schwebende immer deutlicher und steht mit einemmale ganz klar 
vor dem Gedanken. 

Nicola Fungo war ein junger Edelmann von Perugia, der oft 
nach Siena kam um der Wettrennen willen. Er merkte bald, weldi 
schlechte Verwaltung Siena hatte, und sagte oft, sowohl bei den Gast- 
mählern der Grossen, als wenn er im Wirthshanse sass und trank, 
dass Siena sich gegen die Signoria erheben und sich andere Madtt- 
haber schaffen sollte. 

Die damalige Signoria war noch nicht länger als ein halbes Jahr 
am Ruder; sie war ihrer Stellung nicht sehr sicher und mochte es 
nicht leiden, dass der Penigier das Volk aufreizte. Um der Sache cm 
rasches Ende zu machen, liess sie ihn gefangen nehmen, und nach 
einem kurzen Verhör wurde er zum Tode verurtheüt. Man warf ihn 
in eine Geßüignisszelle des Palazzo pubblico, indess Alles zar Hin^ 
richtung vorbereitet wurde, die am nächsten Morgen auf dem Markt- 
platze stattfinden sollte. 

Im Anfange dünkte es ihm wunderlich. Morgen sollte er also 
nicht mehr seinen grünen Sammetmantel tragen und das schöne Wehr- 
gehänge, er sollte nicht über die Strasse gehen in seinem Straussfedem- 
barett und die Blicke der jungen Mägdlein an sich locken. Und ez 
schwebte vor ihm wie eine schmerzliche Leere, dass er sein neues 
Pferd nicht würde reiten können, das er gestern gekauft und erst ein 
einziges Mal probirt hatte. 

Plötzlich rief er den Geföngniswächter und hdess ihn zu den 
Herren der Signoria gehen und ihnen sagen, dass ev sich unmögUcb 
tödten lassen konnte, er hatte keine Zeit. Er hatte za viel zu thun. 
Das Leben konnte ihn nicht entbehren. Sein Vater war alt, und er 
war ja der einzige Sohn, er war es, der das Geschlecht fortsetzen 
sollte. Er, der die Schwestern zu verheiraten hatt^ er, der den neuen 
Palast bauen, den neuen Weingarten pflanzen mnsste. 

Er war ein stattlid^r junger Mann, er wusste nicht, was Krank- 
heit war, nichts als Leben hatte er in den Adern. Seift Haar war 
dtekel und die Wangen rosig. Er komxte es nicht fassen, dass er 
sterben sollte^ 

Wenn er daran dachte, dass man ihn wegriss von Spiel und 
Tanz mid Ciameväl, vom Wettrennen nächsten Sonntag, von der Scscs 
nade, die er der schönen Giulietta Lombardi bringen woSt^ da w«ide 



SANTA CATERINA DI SIENA. 36g 

er rasend vor Zorn, so wie man über Diebe und Räuber ausser sich 
gcfäth. DieSchurken, die Schurken, das Lebea woUtexr sie ihai nehmen I 

Aber je mehr Zeit hinging, desto grösser wurde seine Trauer. 
Er trauerte um Lidit und Wasser, um Himmel und Erde. Er dachte, 
dass er ein Bettler am Wege sein wollte, krank sem, hungern und 
frieren wollte er, wenn er nur leben durfte. 

Er wünschte, dass Alles mit ihm stürbe, dass nichts nach ihm 
übrig bliebe. Das wäre ein grosser Trost gewesen. 

Aber dass den nächsten Tag und alle Tage Leute auf den Madct 
kommen würden und handeln und Frauen Wasser vom Brunnen holen 
und Kinder über die Strasse laufen und er es nicht sehen sollte, das 
konnte er nicht ertragen. Er beneidete nicht nur die, die prunken und 
Feste feiern konnten und glücklich waren. Er beneidete ebensosehr 
den elendsten Krüppel. Was er wollte, war einzig und allem das 
Leben. 

Da kamen Priester und Mönche zu ihm. 

Er wurde beinahe froh, denn nun hatte er Jemanden, gegen den 
er seinen Zorn kehren konnte. Er liess sie erst ein wenig reden, er 
war begierig zu höre% was sie einem so verunrechteten Manne sagen 
würden; aber als sie ihm sagten, er möge sich freuen, dass es ihm 
vergönnt sei, in seiner blühenden Jugend aus dem Leben zu scheiden 
und die hinmilische Seligkeit zu gewinnen, da fuhr er auf und ergoss 
seinen Zorn über sie. Er höhnte Gott und die Himmelsfreuden, er be- 
durfte ihrer nicht. Das Leben wollte er und die Erde, Lust und Tand. 
Er bereute jeden Tag, an dem er sich nicht in irdischen Freuden ge- 
wälzt Er bereute jede Versuchung, der er widerstanden. Was brauchte 
Gott sich um ihn zu bekümmern. Er empfand kerne Sehnsucht nach 
seinem Himmel. 

Doch' als die Priester fortfuhren sa sprechen, packte er einen 
von ihnen an der Brust und würde ihn getödtet haben, hätte sich nicht 
der Kerkermeister dazwischen geworfen. Sie Uesisen ihn nun binden 
und knebelten seinen Mund und predigten ihm^ aber sobald er wieder 
reden konnte, raste er wie zuvor. Sie arbeiteten stundenlang mit Hußf 
doch sie sahen, dass nichts fruchtete. 

Als sie sich gar keinen anderen Rath mehr wusslen, da schlug 
einer von ihnen vor, man möge die junge Caterina Beniacasa zu ihm 
senden, der eine grosse Afacht eigen war, trotzige Sinne n beugen^ 

Wie der Perugier diesen Namen h<^e, hielt er mitten in seine» 
Redestrom inne. In Wahrheit^ das behegte ihn. Das war etwas gaas 
Anderes, es mit einem jmige», schönen Mägdkia zu Aua zu habao^ 

•Sdiickt mir die Jungfrau her,« sagte er. 

£r WMste, dass sie eine junge Färberstodiler wair, die alkin in 
Strassen und Gässchen umherzog und predigte. Manche hidte» sie für 
wahnsisDig, Andere erzählten, dass sie Visionen hatte. Für ihn war sie 
imaerhin eine bessere Geselhscfaafit als diese wdaontngea MöadM, die 
ihn ganz von Sinnen brachten. 



370 LAGERLÖF. 

So gingen die Mönche ihrer Wege, und er blieb allein. Kurz 
nachher öffnete sich die Thüre aufs Neue, aber wenn die Geholte jetzt 
hereingekommen war, musste sie mit sehr leichten Schritten gegangen 
sein, denn er hörte nichts. Er lag auf dem Boden, so wie er sich in 
seinem grossen Unmuth hingeworfen, nun war er zu müde, um sich zu 
erheben oder eine Bewegung zu machen oder auch nur aufzublicken. 
Er hatte die Arme mit Stricken zusammengeschnürt, die tief ins Fleisch 
einschnitten. 

Nun fühlte er, wie Jemand begann, diese Stricke zu lösen, eine 
warme Hand streifte seinen Arm, und er sah auf. Neben ihm lag ein 
kleines Wesen in weisser Dominicanertracht, Kopf und Hals so in 
weisse Schleier eingehüllt, dass von ihrem Antlitz gerade so viel sichtbar 
wurde wie von dem emes Ritters, wenn er einen Helm trägt mit 
heraufgeschlagenem Visir. 

Sie sah gar nicht so fromm aus, sie war wohl leicht aufgebracht 
Er hörte, wie sie etwas murmelte von den Gefängnissknechten, die die 
Stricke zugezogen. Es schien, als sei sie zu keinem anderen Zwecke 
gekommen, als sich um die Knoten zu mühen. Sie war ganz davon 
erfüllt, sie zu lösen, ohne ihm wehe zu thun. Endlich musste sie die 
Zähne zu Hilfe nehmen, und da ging es. Sie schnürte den Strick mit 
leichten Bewegungen auf, nahm dann die kleine Flasche, die sie am 
Gürtel trug, und goss ein paar Tropfen daraus auf die zerschnittene Haut 

Er lag da und blickte sie immerzu an, aber sie begegnete seinem 
Blicke nicht und schien nur auf das bedacht, das sie unter den Händen 
hatte. Es war, als läge ihr nichts so ferne, als dass sie hier weilte, 
um ihn zum Tode vorzubereiten. 

Er war jetzt so ermüdet von seiner Aufwallung und gleichzeitig 
so beruhigt durch ihre Gegenwart, dass er bloss sagte: 

»Ich glaube, ich möchte schlafen.« 

»Es ist eine wahre Schmach, dass sie dir kein Stroh gebracht 
haben,« sagte sie. 

Sie sah sich einen Augenblick unschlüssig um, dann kam sie und 
liess sich auf dem Boden hinter ihm nieder und legte seben Kopf auf 
ihre Knie. 

»Ist dir jetzt besser?« sagte sie. 

Nie in seinem Leben hatte er sich so ruhevoll gefühlt 

Aber schlafen konnte er doch nicht, sondern er lag da und 
blickte empor zu ihrem Antlitz, das gelblichweiss war und durchsichtig. 
Solchen Augen war er nie zuvor begegnet Sie blickten stets weit, 
weit fort, sie sahen in eine andere Welt hinein, indess sie ganz unbe- 
weglich dasass, um seinen Schlummer nicht zu stören. 

»Du schläfst nicht, Nicola Fungo,« sagte sie und sah unruhig aus. 

»Ich kann nicht schlafen,« erwiderte er, »denn ich liege da und 
denke nach, wer du sein magst« 

»Ich bin die Tochter Luca Benincasa's, des Färbers, und seiner 
Ehefrau Lapa. Unser Haus liegt in der Thalsenkung unter dem Domini- 
canerkloster.« 



SANTA CATERINA DI SIENA. 37 1 

»Ich weiss,« sagte er, »und ich weiss auch, dass du in den 
Strassen umhergehst and predigst. Und dass du die Nonnentracht ge- 
nommen und das Gelübde der Keuschheit abgelegt hast, weiss ich 
auch. Aber dennoch weiss ich nicht, wer du bist.« 

Sie wandte den Kopf ein wenig ab. Dann sagte sie flüsternd, 
wie eine, die ihre erste Liebe bekennt: 

»Ich bin Christi Braut« 

Er lachte nicht; doch er fUhlte einen Stich im Herzen, ganz wie 
vor Eifersucht. »Ah, Christus I« sagte er, als hätte sie sich weg- 
geworfen. 

Sie hörte, dass Verachtung im Tone lag, aber sie nahm es, als 
meinte er, sie wäre vermessen. 

»Ich begreife es selbst nicht,« sagte sie, »aber es ist so.« 

»Das ist eine Einbildung oder ein Traum,« erwiderte er. Sie 
wandte ihm ihr Antlitz zu. Es leuchtete rosig von dem Blute, das 
unter der durchsichtigen Haut aufgestiegen war. Es dünkte ihm mit 
einemmale, dass sie schön sei wie eine Blume, und er wurde ihr gut 
Sie rührte die Lippen, wie um zu sprechen, doch es kam kein Laut 
über sie. 

»Wie soll ich das glauben können?« beharrte er. 

»Ist es dir nicht genug, dass ich hier bei dir im Kerker bin?« 
fragte sie mit erhobener Stimme. »Ist es eine fVeude für ein junges 
Mägdelein, wie ich es bin, zu dir und zu anderen Verbrechern in ihre 
trüben Gefängnisshöhlen zu gehen, geziemt es sich wohl einem Weibe, 
in den Strassenecken zu stehen und zu predigen, eine Zielscheibe allen 
Hohns? Brauche ich nicht Schlaf wie Andere und muss doch jede 
Nacht aufstehen und zu den Kranken des Hospitales gehen? Habe ich 
nicht Furcht wie andere uud muss doch zu den hochfümehmen Herren 
wandern auf ihr Schloss und ihnen ins Gewissen sprechen? Zu den 
Festkranken muss ich gehen, alle Laster, alle Sünde schauen. Wann 
sahst du je eine Jungfrau aU dies thun? Und ich muss es doch.« 

»Adi, du Arme,« sagte er und strich sachte über ihre Hand. 
»Du Arme.« 

»Denn ich bin nicht kühner oder klüger oder stärker als irgend 
eine Andere,« sagte sie. »Es fällt mir ebenso schwer, wie allen anderen 
Jungfrauen. Du siehst es ja. Bin ich nicht hergekommen, um mit dir 
von deiner Seele zu reden, und habe doch gar nicht gewusst, was ich 
dir sagen soll.« 

Es war wunderlich, wie ungeme er sich überzeugen liess. »Du 
magst dich dennoch irren,« sagte er. »Woher weisst du, dass du dich 
Christi Braut nennen kannst?« 

Ihre Stimme begann zu beben, und es war, als müsste sie sich 
das Herz aus der Brust reissen, indem sie antwortete: 

»Es fing zeitlich bei mir an, ich war nicht mehr als sechs Jahre 
alt. Da ging ich eines Abends mit meinem Bruder über die Wiese 
unter der Dominicanerkirche, und gerade wie ich meine Augen zur 
Kirche erhob, sah ich Christus auf einem Thron sitzen, umgeben von 



37 2 LAGERLÖF. 

aller Macht und Herrlichkeit Er war in leuditende Gewänder gekleidet 
wie der heilige Vater in Rom, sem Haupt war von paradiesischem 
Lichte nmgeben, und rings um ihn standen Pietro^ Paolo und Giovamii 
der Evangelist. Und wie ich ihn betrachtete, da drang in mein Hers, 
eine solche Liebe und heilige Wcrilust ein, d«5s ich es kaum m. ertragen 
vermochte. Er erhob die Hand und segnete mkh, und ich saoEk za 
Boden und war so entzückt vor Seligkeit, dasa mein Bruder midi beim 
Arme ergriff und schüttelte. Seither, Nicola Fango, habe ich Jesus 
geliebt wie meinen Bräutigam.« 

Doch er wendete wieder ein: »Du warst ein Kind damals. Du 
bist auf der Wiese eingeschlafen und hast geträumt.« 

»Geträumt,« wiederholte sie, »sollte ich wohl alle die Male ge> 
träumt haben, da ich ihn gesehen? Sollte es ein Traum seiD, als er 
in der Kirche zu mir kam in Gestalt eines Bettlers und mich um ein 
Almosen bat* Da war ich doch ganz wach. Und hätte idi nor mi 
eines Traumes willen durch so viel Leiden gehen können, als mir 
j^ingem Mägdlein widerfuhr, weil ich keine Ehe schliessen wollte? 

Doch Nicola blieb noch hartnäckig, denn er konnte es nicht 
ertragen, dass sie umherging und eine andere Liebe im Herzen trug. 
»Aber wenn du auch Christus liebst, o Jungfrau, woher weisst du, 
dass er dich wiederliebt?« 

Sie lächelte ihr fröhlichstes Lächeln und schlug die Hände zo- 
sammen wie ein Kind. »Das sollst du hören, das sollst du höres,« 
sagte sie. »Nun will ich dir das Allerwichtigste sagen. Es war eine 
Nacht in der Fasten. Ich hatte Frieden mit den Eltern geschk>ssen 
und ihre Erlaubniss erwirkt, das Gelübde der Keuschbieit abzakgen 
und die Nonnentracht zu nehmen, obgleich ich noch steta is ihrem 
Hause wohnte. Und es war Nacht, wie ich dir gesagt, aber es war die 
letzte des Camevals, so dass Alle die Nacht zum Tage machten. Es 
war ein Fest auf allen Gassen, die Balkone hingen wie Vogelbaner an 
den Mauern der grossen Paläste und waren ganz mit seidenen Tüchern 
und Fahnen verkleidet und mit edlen Damen besetzt. Ich sab all ihre 
Schönheit im Schimmer der rothen, rauchenden Fackeln, die in Broasze> 
hältem staken, Reihe um Reihe, bis hinauf zun» Dachfirst Dock über 
die bunten Gassen kamen die Fahrenden in Wagen, und alle Gölter 
und Göttinnen und alle Tugenden und Schönheiten wallten in langen 
Zügen dahin. Aber dazwischen gab es ein Spiel der Masken und eme 
Lustigkeit, so dass du nie, o Herr, bei etwas Fröhlicherem warst Usd 
ich floh m meine Kammer, aber ich hörte doch das Gelächter von 
der Strasse, und nie habe ich Menschen so lachen hören, es war so 
lieblich und klangvoll, dass die ganze Welt mitlacfaen mussCe^ und me 
sangen Weise», die gewiss böse wareuy aber sie klangen so unsdiuldig 
und brachten solche Freude mit sich, dass das Herz erzitterte, sa dass 
ich mitten im Gebete mich fragen mnsste, warum ich nk&t mit dort 
Hausse» war, und es zog und lockte mich so nnwiderstehlKii^ als wäxe 
ich an em scheues Pferd gebunden. Aber nie zovor habe idi so tm 
Christus: gebetet, dass er mir zeigen möge, was sein Wille mk oiir sei. 



SANTA CATERJNA DI SIENA. 373 

Und da hörte pldtzlich aller Lärm auf. Eine grosse, wunderbare Stille 
war um mich, und ich sah eine grüne Wiese, wo die Gottesmutter 
unter Blumeh sass, und in ihrem Schosse lag das Jesuskind und spielte 
mit Lilien. Und ich eilte hinzu mit grossen Freuden und sank auf (üe 
Knie vor dem Kinde und war plötzlich voll Frieden und Ruhe, und 
da schob das heilige Kind einen Ring auf meinen Finger und sagte 
zu mir: «Wisse es, Caterina, daas ich heute mit dir mein Verlobung- 
fest feiere und dich an mich binde mit der stärksten Treue!'« 

»O, Caterinal« 

Der junge Perugier hatte sich auf dem Boden umgedrdit» so dass 
er sein Antlitz in ihrem Schoss vergraben konnte. Es war, als eitrüge 
er es nicht, zu sehen, wie sie strahlte, während sie sprach, und wie 
die Augen wie klar schimmernde Sterne wurden. Es gingen Schmerzeas- 
schauer durch seinen Köq>er. 

Denn indess sie sprach, war ein grosser Kummer in ihm auf- 
gekeimt Dbs kleine Jungfräulein, das weisse, kleine Jungfräulein, ÖBß 
sollte er niemals gewinnen. Ihre Liebe gehörte einem Anderen am, 
konnte nie sein werden. £s lohnte nicht einmal, ihr zu sagen, dass er 
ihr gut war. Aber er litt, sein ganzes Wesen zitterte in Liebesqual. Wiß 
sollte er leben können .ohne sie? Da fuhr er auf. Er war zum Tode 
verurtheilt. Er brauchte nicht zu leben und sie zu entbehren. 

>fun stiess das Mägdlein hinter ihm einen tiefen Seufzer aus und 
kehrte von den Himmelsfireuden -zurück, um an die armen Menschen 
«1 denken. »Ich vergesse, mit dir von deiner Seele zu sprechen,« sagte 
sie. Da dachte er: Sieh', diese Bürde kann ich ihr doch erleichtem. 

»Schwester Caterina,« sagte er, »ich weiss nicht, welcher himmli- 
sche Trost sich auf mich gesenkt hat. In Gottes Namen, ich will mich 
laof den Tod vorbereiten. D\x kannst Priester und Mönche rufien, und 
ich werde ihnen beichten. Aber Eines musst du mir geloben, bevor 
du gehst. Du wirst zu mir konmien^ morgen, wenn ich sterben soll, und 
wirst meinen Kopf zwischen deinen Händen halten, so wie du les 
jetEt thust« 

Als er dies sagte, b^ann sie zu weinen, und eine unsägUcbe 
Freude erfüllte sie. »Nicola Fungo, wie glücklich bist dul« sagte si^, 
•du kommst vor mir ins Paradies.« Und sie liebkoste ihn mit grosser 
Zärtlichkeit 

Und er sagte wieder: »Du kommst zu mir, morgen, auf den 
Marktplatz. Vielleicht werde ich sonst bange. Vitileicht kann ich nicht 
mit Standhaftig^eit sterben. Aber wenn du da bist, werde ich mr 
Freude empfinden, und alle Furcht wird von mir weichen.« 

•Ich sehe dich nicht mehr als ein armes Mensdienkind,^ sagte 
sie, «als ein Einwohner des Himmds erscheinst du mir. £s ist mir, als 
strahltest du Licht ans, ab umschwebte dich Weihrauch. Es strömt 
auf mich Seligkeit über von dir, der du so bald dem geliebten Bräutigam 
begegnen wirst Sei gewiss, ich werde kommen und dich sterben sehen.« 
Hierauf führte sie ihn zu Beichte und Abendmahl. Er machte es dtfreh 
wie eb ScMummemder, Todesfnrdit und Lebenssehnsncht hatten ihn 



374 LAGERLÖF. 

verlassen. Er wünschte den Morgen herbei, an dem er sie wieder sehen 
sollte, er dachte bloss an sie und an die Liebe, die ihn für sie erfasst 
Zu sterben dünkte ihm jetzt etwas ganz Geringes gegen den Schmerz, 
dass sie ihn niemals lieben würde. 

Die Jungfrau schlief nicht viel in dieser Nacht, und zeitlich 
Morgens war sie auf dem Richtplatz, um seiner zu harren. Sie rief un- 
ablässig Jesu Mutter an, Maria, und die heilige Katharina von Egypten, 
die Jungfrau und Märtyrerin, seine Seele zu retten. Unablässig sagte 
sie: »Ich will, dass er erlöst werde, ich will, ich will« 

Aber sie hatte Angst, dass ihre Gebete fruchtlos sein würden, 
denn sie empfand nicht mehr jene Begeisterung, die am vorigen Abend 
über ihr gewesen, nur ein unsägliches Mitleid fühlte sie mit ihm, der 
sterben sollte. Bloss Kummer und Schmerz waren über ihr. 

Langsam füllte sich der Marktplatz mit Menschen. Die Henkers- 
knechte marschirten auf, die Büttel kamen, es war Lärm und Geplauder 
ringsum, aber sie merkte und hörte nichts. Ihr war, als wäre sie ganz 
allein. Als er kam, ging es ihm ebenso. Er hatte keine Gedanken an 
all die Anderen, er sah bloss sie. Aber als er beim ersten Blicke sah, 
wie ihr Antlitz aufgelöst war in Schmerz, da leuchtete er auf und 
wurde beinahe froh. Und laut rief er ihr zu: »Heute Nacht hast du 
nicht geschlafen, Jungfrau.« 

»Nein,« sagte sie, »ich habe im Gebet für dich gewacht, aber 
jetzt bin ich in Verzweiflung, denn meine Gebete haben keine Kraft.« 

Er liess sich auf den Richtblock nieder, und sie lag auf den 
Knien davor, damit sie seinen Kopf zwischen ihren Händen halten 
konnte. 

»Nun ziehe ich aus, deinem Bräutigam zu begegnen, Caterina.« 

Sie schluchzte immer heftiger. »Ich kann dich so schlecht trösten,« 
sagte sie. 

Er sah sie an mit einem wunderbaren Lächeln. »Deine Thränen 
sind mein bester Trost« 

Der Büttel stand neben ihnen mit gezogenem Schwert, aber sie 
winkte ihn zurück, um noch einige Worte mit dem Verurtheilten zu 
sprechen. 

»Bevor du kamst,« sagte sie, »legte ich mich hier auf diesen 
Richtblock hin, um zu versuchen, ob ich es ertragen könnte. Und da 
fühlte ich, dass ich noch Grauen vor dem Tode hatte, dass ich Jesus 
nicht genug liebe, um in dieser Stunde sterben zu wollen. Und ich 
will auch nicht, dass du sterben sollst, und meine Gebete haben keine 
Kraft« 

Als sie dieses gesagt, dachte er : Wenn es mir vergönnt gewesen 
wäre, zu leben, würde ich sie dennoch gewonnen haben, und er war 
froh, dass er sterben sollte, bevor es ihm gelungen war, die strahlende 
Himmelsbraut zur Erde hinabzuziehen. 

Aber als er seinen Kopf in ihre Hände gelegt, da kam über sie 
Beide ein grosser Trost »Nicola Fungo,« sagte sie, »ich sehe den 
Himmel sich aufthun. Engel schweben hinab, um deine Seele zu em- 



SANTA CAT£RINA DI SIENA. 375 

pfiüm.« Ein verwundertes T Schein zog über sein Antliu. Sollte das, 
was er um ihretwillen gethan, das Himmelreich verdienen? Er erhob 
seine Augen, um zu sehen, was sie sah, da fiel die Axt des Büttels. 
Aber sie sah die Engel immer tiefer und tiefer hinabschweben, 
sah sie seine Seele emporheben, sie gen Himmel tragen. 

Dass sie all diese fünfhundert Jahre weiter gelebt hat, erscheint 
mit einemmale so natürlich. Wie sollte man sie vergessen können, 
das grosse, liebende Herz? Wieder und wieder muss man zu ihrem 
Preise singen, so wie es jetzt in den kleinen Capellen gesungen wird — : 

Pia Mater et hnmilis 
Naturae menor fragilxs 
In hujiifl yitae flactibns 
Nofl rege tiiis precibns 
Qaem vidi, quem anuTi 
In qaem credidi, qnem dilexi 

Ora pro nobis 
Ut digni efficiamme, promessioribnt Christ, 
Santa Caterina, ora pro nobis. 



ÜBERGÄNGE. 



I. 



Drei Fackeln an des Parkes Gritter brannten« 
Darin er schritt in weissem Seidenkleid; 
Die Stimmen nahten die nur ihm gesandten, 
Durch das Gewolb der grossen Dunkelheit. 

Die Stille wuchs wie ein Terhalt'nes Schrein, 
Pest zog und Irrsinn durch die Abendstunde; 
Die Büsserin aus Holz und Elfenbein 
2^igt auf der Brust ihm ibxe offne Wunde. . . « 



IL 

Gleich vielen Strahlen die auf rundem Stahl 
Die Helle wecken, wehts ihm von der Erde; 
Uralter Volker Herrschaft und Verfall 
Klingt ihm im Blut und wird ihm zur Geberde. 

Was in den Fernen aufwächst und verdorrt, 
Umschwebt ihn aus dem Neigen der Syringen. 
Die Zeiten die gewesen weckt sein Wort, 
Ihr Duften kreist um ihn ihm tont ihr Klingen. 

Das Leuchten das auf allen Dingen ruht, 

Macht ihm zur Wahrheit, was die Andern träumen; 

In seiner Seele schlägt die kalte Gluth 

Der Wasser auf die aus den Schachten schäumen. 

Wien. Felix Rappaport. 



ÜBER DIE FRAUEN. 
Von Maurice Maeterlinck (Gent). 

Autorisirte Uebersetsong von Clara Theumann. 

Hier wie überall siod die Gesetze unbekannt. Ueber unseren 
Häuptern glänzt inmitten des Firmaments der Stern jener Liebe, welche 
uns vorher bestimmt ist, und eine jede unserer Neigungen wird bis 
zum Weltenende aus den Strahlen dieses Sternes erstehen. Vergebens 
werden wir rechts oder links, in den Höhen oder Niederungen wählen, 
vergebens werden wir, um aus dem Zauberkreis herauszukommen, den 
wir um alle unsere Lebensäusserungen gezogen fühlen, unseren Instinct 
vergewaltigen und eine Wahl gegen die unseres Sternes zu treffen ver- 
suchen — wir werden doch immer die vom unsichtbaren Gestirn 
herabgestiegene Frau erküren. Und wenn wir gleich Don Juan ein- 
tausenddrei Frauen küssen, werden wir an jenem Abend, an dem die 
Arme sich lösen und die Lippen sich trennen, einsehen, dass immer 
dieselbe Frau vor uns ist, die gute oder die böse, die zärtliche oder 
die grausame, die liebende oder die ungetreue. 

In Wirklichkeit treten wir nie aus dem kleinen Lichtkreis, den 
das Schicksal um unsere Schritte gezogen hat, und man könnte glauben, 
dass die entferntesten Menschen die Nuance und die Ausdehnung dieses 
unüberschreitbaren Ringes kennen. Sie sehen vor Allem die Schattirung 
dieser geistigen Strahlen, und je nach derselben reichen sie uns läclielnd 
die Hand oder ziehen sie angstvoll zurück. Wir kennen uns Alle in 
einer höheren Sphäre, und die Vorstellung, die ich mir von einem 
Unbekannten mache, hat directen Antheil an einer geheimnissvollen 
und weit tieferen Wahrheit, als es die materielle ist. Wer hat nicht 
jene Dinge empfunden, welche in den undurchdringlichen Regionen der 
fast der Stemenwelt angehörigen Menschheit vor sich gehen? Wenn 
Ihr einen Brief von einer im grossen Ocean verlorenen Insel erhaltet, 
der von einer Euch unbekannten Hand geschrieben ist, seid Ihr dann 
ganz sicher, dass ein Unbekannter Euch schreibt, und fiihlt Ihr nicht 
beim Lesen über die Seele, der Ihr so — die Götter wissen, in 
welchen Sphären — begegnet, unfehlbarere und bedeutendere Gewiss- 
heiten in Euch auftauchen, als es alle gewöhnlichen Gewissheiten sind ? 
Und glaubt Ihr nicht andererseits, dass diese Seele, die, losgelöst von 
Raum und Zeit, an die Eure dachte, glaubt Ihr nicht, dass auch sie 
ähnliche Gewiss^iten in sich fUhlte? Ueberall und allerorten gibt es 
merkwürdige Erkennungen, und wir können unsere Existenz nicht ver- 
bergen. Nichts scheint die subtilen Bande, die zwischen allen Seelen 
bestehen, deutlicher zu beleuchten als diese kleinen Mysterien, die den 

«9 



i^ft MAETERLINCK. 

Austausch einiger Briefe zwischen zwei Unbekannten begleiten. Es 
ist vielleicht eine jener engen Spalten — eine sehr geringfügige ge- 
wiss, aber es gibt deren so wenige, dass wir uns mit den mattesten 
Strahlen begnügen müssen — eine jener engen Spalten in der Pforte 
der Dunkelheit, die uns einen Augenblick ahnen lässt, was in der 
Grotte der unentdeckten Schätze vor sich gehen mag. Prüfet die 
gleichgiltige Correspondenz eines Menschen, und Ihr werdet eine ge- 
wisse merkwürdige Einheit darin finden. Ich kenne weder den Einen, 
noch den Anderen, die mich heute Morgen etwas fragen, und doch 
weiss ich schon, dass ich dem Ersten nicht so werde antworten können 
wie dem Zweiten. Ich habe etwas Unsichtbares gesehen. Und anderer- 
seits bin ich sicher, dass, wenn Jemand mir schreibt, den ich nie ge- 
sehen habe, sein Brief nicht genau so sein wird wie der, den er 
meinem Freund geschrieben hätte. Es wird da immer einen ungreif- 
baren geistigen Unterschied geben. Es ist der Wink einer Seele, die 
unsichtbar eine andere Seele grüsst. Wir müssen glauben, dass wir 
uns in unbestimmten Regionen kennen, und dass wir ein gemeinschaft- 
liches Vaterland besitzen, in das wir gehen, in dem wir uns wiederfinden 
und aus dem wir mühelos zurückkehren. 

In diesem gemeinsamen Vaterland wählen wir auch unsere Ge- 
liebten, und deshalb täuschen wir uns nicht, und auch sie täuschen 
sich nicht. Das Reich der Liebe ist vor Allem das grosse Reich der 
Gewissheiten, denn es ist jenes, in dem die Seelen am meisten Müsse 
haben. Hier haben sie wirklich nichts zu thun, als sich zu erkennen, 
sich andächtig zu bewundern und sich mit Thränen in den Augen zu 
befragen wie junge Schwestern, die sich wiederfinden, während die Arme 
sich umschlingen und die Lippen sich begegnen. . . . 

Endlich haben sie im Waffenstillstand des harten, täglichen Lebens 
Zeit, sich zuzulächeln und einen Augenblick für sich zu leben, und 
vielleicht verbreitet sich gerade aus diesem Lächeln und aus diesen 
unbeschreiblichen Blicken über die ödesten Augenblicke der Liebe jener 
geheimnissvolle Duft, der die Erinnerung an das Begegnen zweier 
Lippenpaare unauslöschlich macht. . . . 

Aber ich spreche hier nur von der vorherbestimmten und wahren 
Liebe. Wenn wir eine jener finden, welche das Schicksal uns auf- 
bewahrt hat und welche es uns aus den grossen geistigen Städten, in 
denen wir unbewusst leben, auf den Kreuzungspunkt des Weges sendet, 
an dem wir zur bestimmten Stunde vorbei kommen müssen — dann 
wissen wir es beim ersten Blick. 

Manche versuchen dann, dem Schicksal Gewalt anzuthun. Es ist 
ja möglich, dass wir wüthend die Hand auf die Augen legen, um 
nicht mehr zu sehen, was wir sehen mussten, und dass wir im Kampfe 
aller unserer kleinen Kräfte gegen ewige Mächte endlich dahin ge- 
langen, den Weg zu durchschreiten, und einer Anderen, nicht für uns 
Entsendeten entgegengehen. Aber es wird vergebens sein; es wird 
uns nie gelingen, »das todte Wasser in den grossen Becken der Zu- 
kunft in Aufruhr zu bringen«. Es wird nichts geschehen; die reine 



ÜBER DIE FRAUEN. 379 

Kraft der Höhen wird nicht herabsteigen wollen, und die Küsse sowie 
diese unnützen Stunden werden sich nie den wirklichen Stunden und 
Küssen unseres Lebens anfügen. 

Das Schicksal schliesst manchmal die Augen, aber es weiss gut, 
dass wir des Abends zu ihm zurückkehren werden, dass es stets das 
letzte Wort haben wird. Es kann wohl die Augen schliessen, aber die 
Zeit, während welcher es sie schliesst, ist Zeit, die verloren geht im 
Weltenraume. 

Es scheint, dass die Frau mehr als wir dem Schicksal unter- 
worfen ist. Sie erträgt es mit grösserer Einfachheit. Sie kämpft nie 
ernstlich dagegen an. Sie ist noch den Göttern näher und gibt sich 
rückhaltloser den reinen Vorgängen des Mysteriums hin. Deshalb 
scheinen wahrscheinlich auch alle Ereignisse, in denen sie sich unserem 
Leben beigesellt, uns zu jenem Ungewissen zurückzufuhren, das den 
Urquellen des Schicksals gleicht. Namentlich in der Nähe der Frau 
hat man augenblicklich und vorübergehend manchmal »eine lichte Ahnung« 
emes Lebens, das nicht immer Schritt zu halten scheint mit dem 
äusseren Leben. Sie bringt uns den Pforten unseres Wesens näher. 
Wer weiss, ob die Helden nicht in einem jener Augenblicke, wo sie 
an ihrer Schulter lehnten, die Macht und Unwandelbarkeit ihres 
Sternes kennen lernten, und ob der Mann, der nie an einem Frauen- 
herzen geruht, je das genaue Verständniss fiir die Zukunft haben wird ? 

Wieder treten wir hier in die verschwommenen Kreise des 
höheren Bewusstseins. O, wie wahr ist es auch hier, »dass die so- 
genannte Psychologie eine jener Larven ist, die im Allerheiligsten den 
für die wirklichen Götterbilder aufbewahrten Platz usurpirt haben«! 
Denn es handelt sich nicht immer um die Oberfläche, es handelt sich 
nicht einmal um die ernstesten Hintergedanken. Glaubt Ihr denn, dass 
es in der Liebe nichts als Gedanken, Handlungen imd Worte gibt, 
dass die Seelen nicht aus diesen Kerkern heraustreten? Brauche ich 
denn zu wissen, ob Jene, die ich heute küsse, eifersüchtig und treu, 
lachend oder traurig, aufrichtig oder treulos ist ? Denkt Ihr denn, dass 
diese kleinen, geringfügigen Worte bis zu den Gipfeln steigen, wo 
unsere Seelen thronen und unser Schicksal sich lautlos vollzieht? Was 
liegt mir daran, ob sie von Regen oder Juwelen, von Federn oder 
Nadeln spricht und aussieht} als ob sie mich nicht verstände; glaubt 
Ihr denn, dass ich mich nach einem erhabenen Worte sehne, wenn ich 
fühle, dass eine Seele in meine Seele blickt, glaubt Ihr, ich weiss nicht, 
dass die wunderbarsten Gedanken nicht das Recht haben, das Haupt 
zu erheben angesichts der Geheimnisse? Ich bin immer am Meeresrand ; 
und wenn ich Plato, Pascal oder Michelangelo wäre und meine Ge- 
liebte mir von ihren Ohrgehängen spräche, würde Alles, was ich sage, 
Alles, was sie mir sagt, gleicherweise auf den Tiefen jenes Innenmeeres 
schweben, das wir ineinander bewundem. Mein höchster Gedanke wird 
in der Waage des Lebens oder der Liebe nicht tiefer ins Gewicht fallen 
als die drei kleinen Worte, welche das Kind, das mich liebt, mir über 
seine Silberringe, sein Perlen- oder Glashalsband sagt. 



38o MAETERLINCK. 

Wir verstehen nicht, weil wir immer in den Niederungen des 
Intellectes sind. Steiget nur bis zu dem ersten Schnee der Berge, und 
alle Ungleichheiten werden unter der läuternden Hand des sich er- 
öfibenden Horizontes geebnet erscheinen. Welcher Unterschied ist dann 
zwischen einem Worte Marc Aurel's und dem eines Kindes, das con- 
statirt, dass es kalt ist? Seien wir demttthig und unterscheiden wir das 
Nebensächliche vom Wesentlichen. Wir müssen nicht wegen des in 
den Lüften Schwebenden die Wunder des Abgrunds veigessen. Die 
schönsten Gedanken und die niedrigsten ändern nicht mehr das ewige 
Aussehen unserer Seele, als das Himalayagebirge oder die Abgründe 
das Aussehen unserer Erde für die Gestirne umwandelt Ein Blick, 
ein Kuss, die Gewissheit, dass unsichtbar und mächtig eine andere 
Seele gegenwärtig ist, und Alles ist gesagt; ich weiss, dass ich einer 
mir Gleichen zur Seite stehe. 

Diese mir Gleiche ist wirklich wunderbar und merkwürdig; die 
letzte der Dirnen besitzt, sobald sie liebt, etwas, was wir nie haben, 
weil in ihrem Geist die Liebe immer ewig ist Haben sie deshalb 
Alle zu den primitiven Mächten Beziehungen, die uns versagt sind? 
Die Besten unter uns sind fast immer weit entfernt von den Schätzen 
ihres Allerheiligsten ; und wenn ein feierlicher Augenblick des Lebens 
einen der Juwelen aus diesem Schatze fordert, erinnern sie sich nicht 
mehr an die Pfade, die hinführen, und vergebens bieten sie falsche 
Schmucksteine ihres Intellects dem herrschenden, untrügerischen Augen- 
blick. Die Frau aber vergisst nie den Weg, der zu ihrem Centrum 
fiihrt, und ob ich sie jetzt in Wohlleben oder Elend, in Unwissen 
oder Weisheit, in Schmach oder Ruhm antreffe, sie wird, wenn ich 
ihr nur ein Wort sage, das wirklich aus den jungfräulichen Abgründen 
meiner Seele emporsteigt, die geheimnissvollen Pfade auffinden, die sie 
nie aus den Augen verloren hat, und ohne Zögern mir einfach 
aus den unerschöpflichen Quellen der Liebe ein Wort, einen Blick, 
eine Geberde entgegenbringen, die ebenso lauter sein werden wie 
die meinigen. Man könnte glauben, sie brauche stets nur mit der 
Hand nach ihrer Seele zu langen; sie ist Tag und Nacht bereit, 
den höchsten Forderungen einer anderen Seele zu entsprechen, und 
das Lösegeld der Aermsten unterscheidet sich nicht von dem der 
Königinnen. 

Nähern wir uns ehrfurchtsvoll den Kleinsten und den Stolzesten, 
Jenen, die zerstreut sind, und Jenen, die denken, Jenen, die noch 
lachen, und Jenen, die weinen; denn sie wissen Dinge, die wir nicht 
wissen, und haben ein Licht, das wir verloren haben. Sie wohnen am 
Fusse des »Unvermeidlichen« und kennen besser als wir die geheimen 
Wege dahin. Und deshalb sind sie überraschend in ihren Gewissheiten 
und bewunderungswürdig in ihrem Ernst; man sieht wohl, dass sie 
sich in ihren geringfügigsten Handlungen von den sicheren und starken 
Händen der grossen Götter gestützt fühlen. Ich sagte oben, dass sie 
uns den Pforten unseres Wesens näher bringen, and wirklidi, man 
könnte glauben, dass alle unsere Beziehungen zu ihnen nur durch 



ÜBER DIE FRAUEN. a*^ 

halbgeöffnete primitive Pforte gehen^ sich in dem uabegreiflichen 
Ftöstem ausdriickeo, das zweifelsohne das Entstehen der Dinge be- 
gleitete, zu jener Zeit, wo man nur leise sprach, aus Furcht, ein Verbot 
oder einen unerwarteten Befehl zu überhören. 

Sie wird nicht über die Schwelle dieser Thüre schreiten und 
wird uns drinnen erwarten, wo die Quellen sind. Und wenn wir von 
aussen klopfen und sie uns öffnet, lässt ihre Hand nie den Schlüssel 
oder den Thürflügel aus. Sie besieht einen Augenblick den Nahenden 
und hat in dieser kurzen Zeit Alles erfahren, was sie erfahren muss; 
die zukünftigen Jahre haben bis an das Ende aller Zeiten gezittert . . . 
Wer sagt uns, was der erste Blick der Liebe enthält, »dieser Zauber- 
stab aus einem Strahl gebrochenen Lichtes«, einem Strahl, der dem 
ewigen Gefilde unseres Wesens entstiegen ist, zwei Seelen verwandelt 
und sie um zwanzig Jahrhunderte verjüngt hat? Die Thüre öffnet itch 
noch oder schliesst skh; bemüht euch nicht mehr, alles ist entschieden. 
Sie weiss. Sie wird nicht mehr auf euere Handlungen, euere Worte, 
euere Gedanken achten, und wenn sie sie noch überwacht, wird sie 
es nur lächelnd thun, unbewusst vielleicht wird sie Alles, was nicht 
die Gewissheiten dieses ersten Blickes bestätigt, zurückweisen. Und 
wenn ihr sie zu täuschen glaubt, so wisset, dass sie gegen euch selbst 
Recht hat, und dass nur ihr irret, denn ihr seid weit eher, was ihr 
in ihren Augen seid, als was ihr in euerer Seele zu sein glaubt, selbst 
dann, wenn sie sich unaufhörlich über den Sinn eines Lächelns, einer 
Geberde oder einer Thräne täuscht. 

O^ ihr verborgenen Schätze, die ihr nicht einmal einen Namen 
habt! — — Alle Jene, welche empfanden, dass die Frauen schlecht 
sind, mögen es verkünden und uns ihre Gründe sagen, und wenn 
diese Gründe wahrhaftige sind, werden wir erstaunt sein und weit ins 
Geheimnissvolle vordringen. NeinI Sie sind wirklich die verschleierten 
Schwestern aller grossen unsichtbaren Dinge. Sie sind wirklich die 
nächsten Angehörigen des Unendlichen, das uns umgibt, und verstehen 
allein noch, ihm mit der trauten Grazie eines Kindes zuzulächeln, das 
seinen Vater nicht fürchtet. Sie erhalten hienieden gleich einem himm- 
lischen, unnützen Juwel den reinen Duft unserer Seele, und wenn sie 
von dannen gingen, würde der Geist allein über einer Wüste herrschen. 
Sie haben noch die göttlichen Empfindungen der ersten Tage, und 
ihre Wurzeln stecken tiefer als die unsrigen in Allem, was stets unbe- 
grenzt war. Wirklich, ich bedauere Jene, die sich über sie beklagen, 
denn sie wissen nicht, auf welchen Höhen die wahren Küsse zu finden 
sind. Und wie gering erscheinen sie doch, wenn die Männer sie im 
Vorübergehen betraditenl Sie sehen, wie sie sich in ihren kleinen 
Wohnungen bewegen; diese hier beugt sich ein wenig, die Andere 
dort schluchzt; eine Dritte singt, und die Letzte stickt, und nicht 
Einer versteht, was sie machen 1 

Sie suchen sie auf, wie man lächelnde Dinge aufsucht; sie nähern 
sich ihnen nur lauernden Geistes, und selten nur, durch den grössten 
Zufall findet die Seele Emtritt. Misstrauisch fragen sie, es wird ihnen 



382 MAETERLINCK. 

keine Antwort, weil die Frauen schon wissen ; und da gehen sie denn 
achselzuckend weiter in der festen Ueberzeugung, dass man sie nicht 
verstanden hat. 

»Aber was brauchen sie denn das zu verstehen,« antwortet uns 
der Dichter, der immer Recht hat. »Was brauchen sie zu verstehen, 
diese glücklichen Seelen, die das beste Theil erwählt haben, und die 
wie eine reine Liebesflamme in dieser irdischen Welt nur auf den 
Zinnen der Tempel oder auf den Masten der irrenden Schiffe er- 
glänzen als Zeichen jenes himmlischen Feuers, das Alles mit seinen 
Strahlen übergiesst? Oft und oft entdecken diese liebenden Kinder in 
geheiligten Stunden die wunderbarsten Geheimnisse der Natur und 
enthüllen sie in unbewusster Harmlosigkeit. Der Weise folgt ihren 
Spuren, um alle die Edelsteine zu sammeln, die sie in ihrer Unschuld 
und Freude auf den Weg gestreut haben. Der Dichter, welcher fühlt, 
was sie fühlen, dankt ihrer Liebe und sucht durch seine Gesänge diese 
Liebe, den Keim aus dem goldenen Zeitalter, in andere 2^ten und 
andere Gegenden zu versetzen.« Denn was er von den Mystikern ge- 
sagt hat, ist namentlich auf die Frauen anzuwenden, welche uns bis 
auf unsere Tage den mystischen Sinn auf Erden erhalten haben. 



JUNGPOLNISCHE LYRIK. 
Von Ludwig Szczepanski (wieo). 

Getragen vom modernen Geiste und Empfinden, nahm die jung- 
polnische Lyrik in den letzten Jahren einen raschen Aufschwung und 
weist eine Reihe von interessanten Talenten auf. Da ist also vor Allem 
der alte, von den »Jungen« allgemein verehrte Adam Asnyk, der ge- 
dankentiefe Meister lyrischer Formen; Maria Konopnicka, die genial 
pathetische Dichterin, eine slavische Ada Negri; Casimir Lange, ein 
poetischer Wanderer durch philosophische Gedankenwelten und treff- 
licher Uebersetzer Beaudelaire*s ; Lucian Rydel, ein stimmungsvoller 
symbolistischer Lyriker ; Jan Kasprowicz, Andreas Niemojewski, die mit 
starker, oft allzu derber Hand in die Saiten greifen, um dem mächtig 
pulsirenden Volksleben zu dienen . . . 

Ich aber möchte hier jetzt nur auf zwei moderne jungpolnische 
Lyriker hinweisen, die mir vor allen anderen werth und theuer sind. 
Beide gehen ihre eigenen Pfade, unbekümmert um den Lärm des Tages, 
abseits von der grossen Menge. Beide sind ausgeprägte moderne Indi- 
vidualitäten, aber durchaus verschiedene Temperamente: Casimir von 
Tetmajer und Zeno Przesmycki (Miriam). 

Die Lyrik des einen träumt süss und müde oder eilt und flieht 
in die Ferne, getrieben von heisser Leidenschaft und banger Sehnsucht. 
Sie ist durchaus subjectiv und zeigt die Seele nackt, ohne Hüllen und 
Schleier. Die Kunst des anderen ist nachdenklich, streng und heiter 
und drapirt sich in schwerwallendem Purpur der Form, so dass sie 
wundersam hieratisch erscheint, wie byzantinische Figuren auf Goldgrund. 

Casimir Tetmajer lernte ich auf einer Nachtwanderung in der 
Tatra kennen. 

Ein zerklüfteter, majestätischer Gebirgswall mit jäh aufsteigenden 
Felsenpyramiden, von denen unzählige Wasserfalle silbrig herabschäumen 
— so ist die Tatra. Auf steilen Pfaden schreitet man hinan, und von 
der Höhe, über Gipfel und Schluchten hinweg, eilt der Blick weit in 
die lichtübergossene, träumende, stille Ebene. Und tief unten, zu Füssen 
des Wanderers, erglänzen zauberisch dunkle Seen, die Meeraugen, um- 
ragt von grauen Felsenhängen. Sie stehen, wie das Volk erzählt, mit 
dem Meere unterirdisch in Verbindung. 

Dort in der Tatra ist der junge Dichter geboren. In der grandiosen 
Natur erstarkte seine Poesie und gewann den Zauber jener abgrund- 
tiefen Tatraseen, wenn lichter Mondschein sie bestrahlt. 

Vom Felsenhange brauste der Wind heran und kündete dem 
Poeten gar sonderbare Mären von schwindelnden Höhen, stumm- 



384 SZCZEPANSKI. 

gähnenden Abgründen und sonnengoldenen Palästen, zu denen Niemand 
den Weg weiss. Leidenschaft und Sehnen machen das Herz ihm trunken, 
und glühend dringt er hinan, das märchenheimliche Labyrinth der Lust 
zu ergründen. Im heissen, bleichen Sinnenrausch geniesst und singt er 
das Zauberglück der Liebe. Aber das s^^hnende Herz treibt ihn in die 
Ferne. Und Qual, Enttäuschung, Ekel, sie ziehen mit ihm. In einer 
öden Gegend sinkt er hin, ermattet und verzweifelnd. »Et La tristesse 
de tout cela, o mon äme, et la tristesse de tout celal« In dieser 
bangen Abenddämmerung, da er dem Leben flucht, naht der milde, 
müde Traum. Es muss doch eine süsse, unendliche Liebe geben. Der 
Dichter sehnt sich nach ihr; er träumt von der Geliebten, von der 
Einzigen. Mit heissem Verlangen harrt er, ob sie nicht naht, sie, die 
Retterin, die ihre kühlen, weichen Hände auf seine glühende Stime 
legt. Er sieht sie, wie sie in dämmernder Feme an abendstillen Wassern 
wandelt und träumt 

Es sinkt die Nacht. Müde flackert die Nervenglnth. Bleiche Vi- 
sionen, gespenstische Schatten gaukeln heran ; weiche Melodien erklingen 
aus der Tiefe und wi^en die Seele ein, die sich nach Ruhe, nur nach 
Stemenstille sehnt. 

Aber bald steigt über den Bergen die Morgensonne herauf; weite 
Horizonte erglühen vor dem lichttrunk'nen Blicke. Der Dichter schaut 
die Unendlichkeit, das Wogen des Weltmeeres, und die müde Seele 
badet berauscht im ewigen Jungbrunnen der Kunst. 

Sehnsucht und Traum, heisse, leidenschaftliche Lust und bleiche 
Ekstase herrschen in diesem Ijnrischen Dichterreich, und der Hauch 
der Unendlichkeit bringt die Harmonie der Erlösung. Weich, prä- 
raphaelitisch, zart, geheimnissvoll — und schmerz-mächtig ist diese Poesie, 
»göttliches Opium« für eine sinnende Seele. 

Wie er mit blassem Pastellausdruck ein subtiles Stimmungsbild 
schafft, das leise, ganz leise in der Seele nachklingt, mögen die folgenden 
vier Strophen zeigen: 

Christus und Magdalena. 

Hin lichter Nebelschleier 
Hat Busch and Baam umsponnen, 
Die blanUch klaren Weiher 
Entspiegeln bnnta Sonnen *- 

In sonnig milder Schone 
Die Ebne schlammert sachte — 
Maria Magdalene 
Erblickt ihn, der erwachte. 

Furcht fasste sie und Beben, 
Ihr Hers fahlt süsses Wehe, 
Als sie ihn sah entschweben 
Hin in die goldne Hohe. 



JUNGPOLNISCHE LYRIK. 385 

Er schritt ins SonneDflühea 

In weisser Nebelhalle . . . 

Und jene anf den Knien 

•O, Christas!« flüstert stille. « 



Anders Zeno Przesmycki (Miriam). Die Ruhe seiner Reflexion, 
die Harmonie seines Wesens wird durch nichts erschüttert, durch nichts 
qualvoll aufgewühlt. Er lebt nur für die Kunst und durch die Kunst; 
von der turris ebumea der Eingeweihten schaut er auf das Trdben der 
Welt herab, die ihn nichts angeht und die er nicht versteht 

Er ist zwar mehr geniessender Esthet als schaffendes Talent, mehr 
ein mit feinster Empfindung begabter, nachbildender Geist als ursprüng- 
licher, originell erfindender Poet, aber seine Bedeutung für die jung- 
polnische Poesie ist gleichwohl eine ungemein grosse. Er war der 
Bahnbrecher, der Prophet, der begeisterte Lehrer neuen Empfindens, 
neuer Kunst. 

Auf ästhetischer Pilgerfahrt durchwanderte er die Literaturwellen, 
von unbekannten Gestaden brachte er Kunde. Seine zahlreichen virtuosen 
Uebersetzungen vermittelten vor Allem die Kenntniss der französischen 
Pamassiens, Jungbelgiens, besonders Maeterlinck's ; seine Essays wiesen 
neue Wege und neue Ziele. So ward er Führer der »Moderne« und ihr 
heiss befehdeter Vorkämpfer. Die ehrsamen Literaturbonzen schüttelten 
über diese entartete unverständliche Kunst gar ernst und gewichtig 
die Köpfe. 

Richtig charakterisirte ihn George Walfaier in der »Jeune Bel- 
gique« als einen »romantique refroidi par un pamassien«. Die Gewandt- 
heit, mit welcher der Dichter die schwierigsten artificiellen Versarten 
meistert, die Vorliebe für reiche und ü^ige Stylformen kennzeichnet 
ihn in der That als Anhänger des Parnasses. Er liebt das Barock» 
das Exotische der Sprache, den künstlichen Faltenwurf des Ausdruckes, 
den glänzenden Schimmer des Wortes. Davon seiigea besooders seine 
»Rondeaux«, von denen hier eins folgt: 

Das Rondeau. 

Du Rondeaii, ein Gescbmeid' ans (old'nem Gnsi, 
Drin Edelsteine glitsem um die Wette! 
Mit reicher Strahlenpracht gUnzt es zum Gmss, 
Und glaube nicht, dass es den Sänger kette, 
Dies holde Bild des heiteren Genias! 

Dem Diskos gleich in der Arena mnss 
Der Reim entflieh'n; er kehrt zurück zur Stätte, 
Er drängt sich anf, formt im Gedankenflnss 
Das Rondeau. 



386 SZCZEPANSKI. 

Ein stolx* Jawel, dtm Künstler zum Gennss! 
Was kümmert mich plebeisches Gespotte! 
Gemndet schlingen Blamen sich znr Kette, 
Gemndet beut die Lippe sich zum Knss, 
Gernndet glitzert mit des Reimes Glätte 
Das Rondean! 



Kühl und alabasterhaft ist die Lyrik Miriams, aber voll edlen 
Gehaltes. Er ist Pessimist; allein sein Pessimismus ist der geruhige, 
heitere und objective Pessimismus des Weisen. 

Heute lebt der Dichter in Paris, beschäftigt mit Studien zu einem 
Werke über Hoene-Wronski, einen genialen Mystiker (aus der Zeit 
Napoleons des Grossen), dessen Schüler Eliplias Levi war. So geht er 
abseits von der Menge, heiter und still . . . 



DER LÄUFER. 

Da liegt das Land, so hart und todt. 
Ein Laufer läuft in das Abendroth. 

Es keucht die Brust. Es rinnt der Schweiss. 
O du Lauf zur Sonne, wie bist du so heissl 

Der nackte Fuss schlägt sich wund am Stein. 
Kein QuelL Kein Schatten, Nur Sonnenschein. 

Nur Sonnenschein, so glühend, so fern. 
Kein kühles Mondlicht. Kein Abendstem. 

Wann hat der Läufer die Sonne erreicht? 

Schon senken sich Schatten. Der Purpur erbleicht. 

Da stürzt er zu Boden — er ist zu Haus 
Und ruht in den Armen des Lichtgott's aus. 

Zürich. Maurice von Stern. 



GEGEN DIE EMANCIPATION DES WEIBES. 
Von Dr. Paul Weisengrün (Wien). 

I. 

Schon der Titel dieser Abhandlung wird gar viele »moderne« 
Geister in ein gelindes Grausen versetzen. Wie? Es gibt heutzutage 
noch einen Schriftsteller, der es wagt, sich gegen die Frauenemancipa- 
tion schlechthin, ohne jede Einschränkung zu erklären? Es ist ja 
überhaupt nicht modern, sich ganz »gegen« eine Sache zu wenden, 
durch den Titel schon anzudeuten, dass man mit voller Absicht und 
vollkommener Instinctsicherheit zum innersten Kern einer wichtigen 
Bewegung nein sagt. Unter den zahlreichen Vorwürfen, die mir nach 
blosser Leetüre der Ueberschrift sicherhch nicht erspart bleiben werden, 
wird das Wort reactionär nicht den letzten Platz einnehmen . . . Ich 
aber glaube, dass man politisch Radicaler, Socialist, ja sogar Social- 
demokrat sein kann, ohne sich der Ansicht zu verschliessen, dass dieser 
Fragencomplex am allerwenigsten die Schablone vertrage, und dass 
eine Revision der Grundbegriffe hier mehr als anderswo von Nöthen sei. 

Die Frauenfrage ist acut geworden. Noch vor einem Jahrzehnt 
war ihre praktische Bedeutung kurzsichtigen Augen nicht wahrnehmbar. 
Man discutirte rein theoretisch über diese DiDge. Heute mengen sie 
sich bereits in den Lärm der Strasse. Der unerwartete Beschluss des 
englischen Unterhauses, welches in zweiter Lesung die Bill, welche den 
britischen Frauen das Stimmrecht ertheilt, annahm, hat nicht wenig 
dazu beigetragen, die ganze sociale Tragweite der Frauenbewegung ins 
hellste Licht zu rücken. Ich halte es nun für zeitgemäss, die Forde- 
rungen der Frauenrechtlerinnen auf die allgemeinste Formel zu bringen, 
um hiemit den Kernpunkt so verwickelter Probleme möglichst klar 
herauszuschälen. 

Die Frauenfrage tritt nicht als einheitliches Problem in die äussere 
Erscheinung ; sie ist nicht, wie eine geistreiche Schriftstellerin behauptet, 
»une et indivisible«.^) Man braucht nur einen Blick auf die Verhand- 
lungen des Berliner internationalen Frauencongresses zu werfen, um zu 
erkennen, welche Schwierigkeit es hat, aus dem Complex von Pro- 
blemen, welchen wir schlechthin Frauenfrage nennen, das wesentliche 
Hauptmoment herauszufinden. Worüber wird da nicht Alles verhandelt ! 
Wir erfahren allerlei Belehrendes über Kindergärten und Jugendhorte, 
vernehmen, wie es mit der Mädchenerziehung, der Lehrermnenbildung, 

*) Vgl. Der internationale Fraaencon^fress von Wally Zeppler. Socialistische 
Monatshefte Nr. 10. 



388 WEISENGRÜN. 

bestellt ist, lesen erbauliche Studien über Mädchengymnasien und den 
Besuch medicinischer Vorlesungen und werden über Frauenbewegung 
in Finnland, Dänemark und . . . Armenien unterrichtet. Mässigkeits- 
bestrebungen und Sittlichkeitsfrage, Mädchen- und Frauengruppen für 
sociale Hilfsarbeit, öfifentliche Waisen- und Armenpflege — das sind 
die Gegenstände an der Tagesordnung der Hauptversammlungen. Was 
für Themata werden nun erst in den Sectionssitzungen berührt I Die 
Reform der Kleidung, die Sittlichkeitsfrage, die Handarbeit in Preussen, 
die Familiengenossenschaften, die Frauenarbeit in Obst- und Garten- 
bau — über all dies und noch manches Andere werden wir des Aus- 
führlichen informirt. Man sieht, wie umfassend und in die Breite gehend 
die Frauenbewegung sein muss, wenn die Anhängerinnen der Emanci- 
pation es für nothwendig erachten, auf ihrem ersten internationalen 
Congresse alle die Angelegenheiten, die wir zum Theil anführten, zu 
berühren und zu verhandeln. Wir erfahren aus der Literatur der Frauen- 
rechtlerinnen, dass es eine bürgerliche und eine proletarische Frauen- 
bewegung gibt. An anthropologischen, ethnologischen, entwicklungs- 
geschichtlichen, erotisch-literarischen Standpunkten fehlt es in ihren 
Schriften nicht Für die Einen ist die B^ldungsfrage, für die Anderen 
der Classenkampf die Hauptsache. Die Einen rufen zum Kampf gegen 
den »Mann«, die Anderen zum heiligen Krieg gegen die ökonomischen 
Usurpatoren und Tyrannen, welche Mann und Weib zu gleicher Zeit 
gefesselt haben . . . Gibt es nun wirklich kein Grundprincip, unter das 
man die verschiedenen Gesichtspunkte in der Frauenfrage subsumiren 
kann, gibt es keinen Faden, der durch das Labyrinth all dieser Be- 
strebungen, Tendenzen, unklaren Forderungen und heissen Wünsche in 
die frische Atmosphäre klarer Betrachtungsweise, vollintuitiver und doch 
wissenschaftlicher Problemstellung führt? 

Seit einigen Decennien beherrscht die sociale Frage Europa. Das 
industrielle Proletariat ist auf der Weltbühne erschienen und fordert 
sicheren Blicks und mit entschiedener Miene seinen Antheil an der 
wirthschaftlichen, politischen und künstlerischen Cultur. Diese »Emanci- 
pation des vierten Standes« soll, so behauptet man, auch zu gleicher 
Zeit die der gesammten unterdrückten Classen überhaupt sein. Doch 
siehe dal Eine neue unterdrückte Classe meldet sich und fordert ihr 
Recht Wir wollen nun zunächst nicht danach sehen» welcher Art diese 
Unterdrückung ist, und beschränken uns hier auf die Betonung dieser 
allgemeineren und formaleren Seite des Problems: Die Frauen fordern 
vollständige Gleichberechtigung mit dem Mann auf Grundlage eben 
dieser Unterdrückung. Formal betrachtet, befinden sich die gesammten 
Wünsche und Forderungen sämmtlicher Frauenrechtlerinnen» auch der 
extrem-bürgerlichen, auf der directen Verlängerungslinie proletarischer 
Aspirationen. Man denke sich, das industrielle Proletariat kämpfe, wie 
das Kleinbürgerthum dies theilweise thut, für seine ökonomische und 
intellectuelle Befreiung, ohne die Berechtigung zu diesem Kampfe auch 
anderen unterdrückten Schichten einzuräumen. Sicherlich würden dann 
Landarbeiter, Knechte, Lumpenproletarier u. s. w. aufstehen und in 



GEGEN DIE EMANCIPATION DES WEIBES. 389 

den Berufsschulen in Deutschland, England, Frankreich und Ungarn 
unklarer, oft widersprechender Weise für sich Forderungen erheben, 
die sich in der Richtung der proletarischen Gesammtwünsche befänden. 
So steht es mit den Aspirationen der Frauenrechtlerinnen sämmtlicher 
Nuancen. Verworren, unklar, zum Theil willkürlich erhoben sich in 
der ersten Zeit ihre Stimmen zu Gunsten der Befreiung ihres Ge- 
schlechts; aber selbst die Wünsche der extrem-bürgerlichen Frauen- 
rechtlerinnen knüpfen an bekannte proletarische Melodien an. Es ist 
dasselbe Leitmotiv: Zunächst ökonomische Befreiung und dann 
intellectuelle, ethische. Bilden alle Unterdrückten männlichen Ge- 
schlechts, die sich um das industrielle Proletariat schaaren und sich 
mit ihm zu identificiren vermögen, den vierten Stand, dann haben wir 
es in der Frauenbewegung mit dem Emancipationskampfe des fünften 
Standes zu thun! Hiemit hat die sociale Frage eine Complication 
erlitten. Sie ist nicht mehr allein das verhältnissmässig einfache Problem 
der inneren, entwicklungsgeschichtlich nothwendigen Befreiung des 
industriellen Proletariats und aller damit identificirbaren Volksschichten. 
Die Frau erhebt Anforderungen auf Gleichberechtigung! Gibt es 
eine absolute oder eine relative Gleichberechtigung, und worin besteht 
die letztere? Ist es möglich, schon im Verlaufe der nächsten Zeit all 
die psychisch und physisch so scharf normirten Geschlechtsunterschiede 
untertauchen zu lassen in einer allgemeinen Gleichheitsbestrebung? Wie 
weit kann sich die sociale Nivellirungstendenz in dieser Beziehung 
erstrecken? Gibt es einen oder gibt es keinen Classenkampf innerhalb 
des weiblichen Geschlechtes selbst? In welcher Weise verändert dieser 
Kampf schon jetzt die Frau ? . . . Man sieht eine Unzahl von Fragen 
entstehen. Sie verwirren, verdunkeln, verundeutlichen das früher ver- 
hältnissmässig klare Bild des socialen Kampfes. Zwei Grundprobleme 
jedoch werden allmälig sichtbar und wachsen zu gewaltiger Tragweite 
empor. Sie allein geben der Frauenfrage eigentlich ein tieferes theo- 
retisches Interesse, sie bilden den wahren Inhalt, den lebendigen Kern 
der unzähligen Nebenprobleme, die leider mit so ungebührlicher Breite 
erörtert werden. Sie lauten: 1. Beruht der Emancipations- 
kampf des fünften Standes auf derselben natürlichen, 
entwicklungsgeschichtlich so leicht fassbaren Basis 
wie der des vierten Standes? 2. Kann die sociale Frage 
eine solche Complication vertragen? (Ich habe bis jetzt, um 
die Dinge zu vereinfachen, aus methodologischen Gründen angenommen, 
mit der socialen Frage verhalte es sich so, wie die Marxisten das be- 
haupten.) Dieser Problemstellung scheinen zwei Thatsachen zu wider- 
sprechen. Die extrem bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, so wird man 
behaupten, stellen ja ihre Forderungen ganz ohne jede Berücksichtigung 
der Classengegensätze im Namen der Menschheit, im Namen ihres 
Geschlechtes auf. Aber in politischen und socialen Dingen kommt es 
nicht so sehr darauf an, was man fordert, als was man durch seine 
Wünsche erzielt, bewirkt, in Bewegung setzt. Wie sehr sie sich auch 
dagegen stäuben mögen, von diesem fonnalen Standpunkte betrachtet, 



390 WEISENGRÜN. 

knüpfen die leisen, halbklaren Wünsche der Frauenrechtlerinnen an be- 
stimmte, Allen deutlich sichtbare Tendenzen der Proletarier an. Das 
Charakteristikon, hier wie dort, ist, dass der Emancipationskampf mit 
vollem Bewusstsein als ein in erster Reihe auf ökonomischer Basis 
fussender gefuhrt wird. Selbst extrem bürgerliche Frauenrechtlerinnen, 
welche sich aufs Entschiedenste verwahren, für den Socialismus ein- 
zutreten, fordern zunächst eine ökonomische Umwälzung, verlangen ge- 
nügende Gewährleistung von Arbeitsgelegenheit fiir das Weib und 
kommen erst dann mit moralischen, mit Sittlichkeitsanforderungen. 

Die Betonung des ökonomischen Fundaments, dieser praktische 
positive, ökonomische Materialismus ist das Bindeglied 
zwischen den Frauenrechtlerinnen aller Nuancen. 

Mit unserer Auffassung steht zweitens die Thatsache scheinbar 
im Widerspruch, dass wir den psychologisch-erotischen Theil der Frage 
ganz verhüllt und verdeckt haben unter ökonomischen Gesichtspunkten. 
Aber man bedenke, dass es sich bisher für uns lediglich darum ge- 
handelt, nachzuweisen, was die Frauenfrage formaliter als Emancipations- 
kampf des Geschlechtes bedeutet und welche sociale Tragweite diese 
Emancipationsbestrebung annimmt. Wie verfehlt es wäre, die psycho- 
logisch- erotische Seite der Frauenfrage zu verkennen, wird sich gleich 
erweisen, wenn wir auf den Inhalt der beiden oben aufgestellten Grund- 
sätze des Näheren eingehen werden. 

So beweisen denn beide Einwände nichts gegen unsere Aufifassimg. 
Hiezu gesellt sich noch ein Umstand : die extrem bürgerlichen Frauen- 
rechtlerinnen sind sehr selten, und die gemässigt-bürgerlichen Anhänge- 
rinnen der Frauenemancipation bilden mit den Proletarierinnen zu- 
sammengenommen eine kolossale Majorität. Wie sehr die gesammte 
Frauenbewegung, vom formalen Gesichtspunkte angesehen, ein Emanci- 
pationskampf des fünften Standes ist, beweist der Umstand, dass selbst 
nichtproletarische Frauenrechtlerinnen all ihre Forderungen für unnütz, 
unwirksam, gänzlich unvollkommen erachten ohne das Stimmrecht. So 
spricht in einem Aufsatz^) in »Neuland« Frau Clara Müller, trotzdem 
sie betont, dass die Frauenbewegung fern vom Parteigetriebe, ohne 
jegliche Accentuirung der Racen und Classen zu führen sei, die An- 
sicht aus, dass die Frau neben der wirthschaftlichen Selbst- 
ständigkeit die politische, nämlich das Stimmrecht, erlangen müsse. 
Im Protokoll des internationalen Frauencongresses äussert sich eine 
durchaus nicht auf socialistischem Standpunkt fussende Frauenrechtlerin 
folgendermassen über das Hauptproblem der Emancipation : »Darum 
lasst uns Alle gemeinsam für unsere Menschenrechte kämpfen — für 
unsere sociale imd sittliche Gleichberechtigung! Man wird uns aber 
nicht eher eine gleichwerthige Rechtsstellung und die vor allen Dingen 
nöthige gleichwerthige Schulbildung geben, als bis wir unsere For- 
derungen officiell aufstellen können. 



») Neuland, I. Bd., 2 Heft, Janncr 1897, pag. 267. 



GEGEN DIE EMANCIPATION DES WEIBES. 39 1 

Die vornehmste Forderung der Frau sei also Erlangung des 
Stimmrechtes.« *) 

Wir gelangen nun zu unserer ersten Grundfrage zurück: Beruht 
der Emancipationskampf des fünften Standes auf derselben natürlichen, 
entwicklungsgeschichtlich so leicht fassbaren Basis wie der des vierten? 
Dies Problem kann nicht erfasst werden ohne Erledigung der Vorfrage: 
In welcher socialen Lage befindet sich das Frauengeschlecht im All- 
gemeinen? Man wird da zunächst von allen psychologischen Gesichts- 
punkten abstrahiren und rein ökonomisch vorgehen müssen. Welche 
Schichten der Frauenwelt sind concret gesprochen in einer Nothlage? 
Welcher Art ist diese Nothlage und wie kann ihr abgeholfen werden? 
Mit diesen Fragen wird sich unser zweiter Aufsatz beschäftigen. Aber 
hiermit ist das Problem selbst noch nicht gelöst. Hinter den socialen 
Unterschieden zwischen Mann und Weib liegen die psychologischen. 
Man kann diese letzteren nicht ohne Kenntniss der socialen ausein- 
andersetzen. 

Ein Schlussartikel wird sich mit dieser psychologischen Seite 
der Frauenfrage befassen. Es wird sich herausstellen, dass man zahl- 
reiche Forderungen . und Einzelbestrebungen der Frauen auf wirthschaft- 
lichem und socialem Gebiete acceptiren kann, ohne den Kern der 
Frauenemancipation bejahen zu müssen. Ist die erste Grundfrage gelöst, 
so bereitet dann die zweite keine sonderlichen Schwierigkeiten. Wenn 
wir in Erfahrung gebracht haben, dass die Emancipation des Geschlechts 
nicht dieselbe Grundlage wie die des vierten Standes hat und haben 
kann, dann sind auch die meisten Momente mit analysirt, welche das 
Problem betreffen, inwieweit die Frauenfrage eine Complication der 
•socialen ist. 

Psychologie und Oekonomie, sociale und geschlechtliche Gesichts- 
punkte sind hier zu einem schier unentwirrbaren Knäuel zusammen- 
geballt. Seltsam, dass diese eine gesellschaftliche Frage so verschiedene 
Schwierigkeiten aufweist, von denen doch eine einzige genügen würde, 
ein Problem interessant zu gestalten. So scheint es eben, dass, wo das 
Weib in Frage kommt. Alles zum Räthsel wird. 



^) Siehe: Der internatioiiale Frauencongress in Berlin, Berlin 1897, Hermann 
'Walther, pag. 289. 



KÜNSTLERHAUS. 
Von Paul Wilhelm (Wien). 

Das KUnstlerhaus hat seine Jahresausstellung eröfihet Die geiiage 
Anzahl der ausgestellten Bilder fallt angenehm auf. Es gibt wenige 
todt gehängte Künstler. Auch mag man mit mehr Ruhe und Müsse 
seine Eindrücke empfisrngen. Die Gesammtwirkung ist eine nicht un- 
freundliche, aber bewegungsarme. Keine Evolution, nichts Ueberraschendes. 
Manches Gute, viel Tüchtiges und sehr vie! Unpersönliches. Das 
Temperament des Kritikers wird nur wenig angeregt. Unter den 
Flastikem ist vor Allen V. Vallgren in Paris mit seinen Bronzen zu 
nennen. In seiner Kleinplastik: Hausgeräthe mit bildnerischem Schmuck, 
äegt Cultur. In den Figuren liegt Leidenschaftlichkeit in omamentaler 
Rundung und Stilisirung, eine fremdartige Grazie mit weichen Formen 
und tiefer Geschlossenheit des Ausdruckes. Eine herbe Grösse geht 
durch die leise Verschwommenheit der Contouren. In ihnen li^ joier 
Dämmerzauber ungewisser Empfindung, die die Liebe zum Ding be- 
deutet, die Seele der Materie und das innerste Leben des Milieu. Dagegen 
erscheint Ardiur Strasser durch die plastische Darstellung des rein 
Gegenständlichen künstlerisch rauher. Er gibt die Form als Ausdruck, 
als Selbstzweck. Seine Schwerttänzerin hat nicht das innere Leben, die 
Bewegung der Materie, welche bei seinen früheren Arbeiten die mühsam 
bildende Hand vergessen Hessen. Seine Amazonenkönigiu, der Auf- 
fassung nach an seinen vorjährigen Marc Anton erinnernd, ist monu- 
mental, aber unbeseelt. Das scheinbar Grosszügige in der Wirkung liegt 
in der wuchtigen Behandlung des Materials, eine künstlerisches EUen- 
bogeneinstemmen, das beinahe wie ein Ansatz zu Brutalität anmuthet 
Es scheint. Strasser fängt an sich seines WoUens bewusst zu 
werden. Der gefährlichste Weg, dasselbe in Zwiespalt mit dem Können 
zu bringen. 

Emil Fuchs verdient Erwähnung. Nicht als ob die «Mutterliebe« 
ein grosses Werk wäre, dazu fehlt ihr die Absichtslosigkeit der Tragik, 
aber es sind vornehme künstlerische Qualitäten darin. Vor Allem ein 
starker Sinn für die horizontale und verticale Linie im Räume. Ihr 
verdankt der Plastiker die Wirkung auf das Auge. 

Auch Peter Breuer in Berlin und Arthur Kaan sind mit Er- 
munterung zu nennen. T. F. Ries hat einen »Lucifer« mit starker 
Uebersetzung ins Menschliche geschaffen. Sie entgeistert und entgöttert 
ihn. Der Satan aus Schönaich-Carolath's »Sulamith« I »Sachverständige« 
sollen ihn den Nietzsche'schen Uebermenschen genannt haben. Die 
Künstlerin rechtfertigte sich damit, dass sie noch keine Zeile von 
Nietzsche gelesen habe. Man wird gewiss nicht an ihren Worten 



KÜNSTLERHAUS. 393 

zweifeln. Die anatomische Behandlung des Körpers zeugt von be- 
deutendem Können. — 

Die Malerei schwelgt wieder in ihren geläufigen Ausdrucksmitteln. 
Sie fühlt sich als Selbstzweck und entschlägt sich ihrer erziehlichen 
Aufgabe. So löst sie ihre Gedanken und Empfindungen in Farben auf 
und gestaltet sie in Linien, lässt aber eine dabei vermissen — die 
empor führende. Und auch jene Wenigen, die ein starkes Wollen 
beseelt, sind meist formelle Temperamente, Reformatoren des Aus- 
drucks. Sie legen in die originelle \md eigenartige Gestaltung des 
Aeusserlichen die conventionelle Seele. Das ist der Typus der Wiener 
Kunst. Mit ihr mag man sich auseinandersetzen. Der einzelne Künstler 
hat für manches Ehrliche im Wollen und manches Starke im Können 
Anspruch auf Anerkennung. Culturen schlagen im Einzelnen Wurzel, 
um die Menge zu erziehen; man kann sie an der Gesammtheit ver- 
missen, ohne aber die Einzelnen zu ihnen erziehen zu können. 

Im Porträt steht Leop. Horovitz obenan. Seine feine Art, 
seine nicht kühne, aber elegante Technik berühren sympathisch. Die 
gedämpfte Durchseelung des Modells und die discrete Betonung des 
Typisdien haben etwas ungemein Anziehendes. Sein Kaiserbild weist 
diese Vorzüge auf. Das Porträt der Gräfin Potocka ist das geist- 
reichste Frauenbildnis, das wir seit Jahren im Künstlerhause gesehen. 
Gleich neben Horowitz ist Max Kon er zu nennen, dessen Porträt 
des Professors Curtius besondere Beachtung verdient. Marie Rosen- 
thal hat drei Porträtstücke ausgestellt, das beste ist das des Ober- 
landesgerichtsrathes Gemerth, das schwächste das der Gräfin Kinsky- 
Dubsky. Fräulein Rosenthal zeigt die Spuren einer sich kräftig aus 
Pochwalski'schem Banne emporringenden Individualität. Möchte ihr 
eine volle Emancipation gelingen. 

Pochwalski selbst wird alljährlich uninteressanter. Man ge- 
winnt die Ueberzeugung, dass er über sein Können, das ein vornehm- 
lich äusserliches ist, zu täuschen wusste. Sehr flott in Zeichnung und 
Farbe ist ein überaus charakteristisches Herrenporträt von Konopa. 
Das beste ernste Genrebild der Ausstellung hat Umberto Veruda 
zum Schöpfer. Es hängt natürlich ziemlich schlecht in einer Ecke oben. 
Aber der ernste Accord der Stimmungen, die ausserordentliche Kraft 
und innere Gedrängtheit der Episode überraschen. Dabei sind wunder- 
volle coloristische Feinheiten in dem Werke. Der Scheitel des vor dem 
Sarge seiner Frau niedergesunkenen alten Mannes und die schmerzlich 
verschlungenen Hände sind die hellsten Partien im Bude, die im 
Farbenton überaus fein gegen die violetten Schwertlilien am Sarge ab- 
gestimmt sind. Man wird das Schafifen dieses ernsten Künstlers im 
Auge behalten müssen. Wundervoll ist George Hitchcock's »Die 
Verkündigung c ! Eine Nonne steht zwischen hochaufiragenden Lilien. 
Das Antlitz sieht aus dem Bilde heraus mit starrem, träumerischem 
Gesichtsausdruck. Eine tiefe Elegie, eine herbe Entsagung liegt über 
den Zügen. Die Farbentöne, das Violenblass des Nonnenkleides, die 
weissen Lilien im grünen Felde sind überaus fem zusammen gestimmt. 

30 



394 WILHELM. 

A. D. Goltz* Triptychon »Bauernmadonna« ist ein glücklicher 
Wurf. Der milde Zauber der Volksseele in der frommen Einfalt ihres 
Empfindens ist glücklich erfasst Es liegt ein tiefer Friede über dem Bilde. 
Die Züge der Madonna werden den Freunden des Künstlers wohl- 
bekannt sein, aber nie hat Goltz ihre heitere Sinnigkeit, ihren stillen 
Liebreiz so verklärt und doch so porträtgetreu wiedergegeben. 

Auch Konopa hat eine »Bauemmadonna« unter dem Titel 
»Verehrung« ausgestellt. Sie ist graciöser und genrehafler aufgefasst als 
das Goltz'sche Triptychon. 

Die Landschaften der diesjährigen Ausstellung bieten wenig 
Ueberraschendes. Darnaut ist weich und fein in der Farbe, 
Hirschl hat einen entschiedenen Schritt nach vorwärts gethan. Fran 
Wisinger-Florian hat ein Kohlfeld ausgestellt, dessen tiefe Per- 
spective überrascht. Diese Künstlerin reift noch mit jedem Jahre. 
Auch ihr Bild »Dämmerung« — weisse Rosenbäume im ersten Gran 
des Abends — ist mit ausserordentlicher Feinheit gemalt Die Farben- 
symphonieen von einst haben subtUeren Stimmungen Platz machen 
müssen. So ist die Virtuosin zur Künstlerin gereift. Und sie hat in 
ihrer Entwicklung noch nicht das letzte Wort gesprochen. 

Von Temple sehen wir — elegant wie seine früheren Atelierbilder 
— diesmal das Interieur der Kunstwerkstätte Caspar von Zumbusch's. 
Isidor Kaufmann, der eine Zeit lang als künstlerisch verloren ge- 
golten, hat ein Bild von besonderer Eigenart ausgestellt. Es heisst 
»Sabbath« und stellt einen Gottesdienst in einem Tempel dar. Die 
ganze Scene ist mit tiefem Eindringen in den Geist des Judenthums 
gemalt, in subtilster Kunst sind die Gestalten wiedergegeben, namentlich 
die Buben mit ihrem verlorenen Ausdruck im Gesicht — jeder Pinsd- 
strich hat Race. Die Technik ist sorgfältig, ohne geleckt zu sein. 

Das Triptychon des jungen Münchners David Mosö zeugt von 
Poesie und Stimmung und ist auch technisch von anerkennenswerthem 
Können. Caspar Ritter's »Morgen« hat französische Pikanterie in 
Zeichnung und Incamat. 

Im ersten Stock verdienen zwei Kohlenskizzen von Horovitz 
(Johann Strauss und Graf Kinsky), ein phantastisch componirtes Aquarell 
von Heinrich Lefler und Josef Urban, die feinen Pastelle von Max 
Levis und eine Gouache von Jenewein Beachtung. 

Wir mögen manches Gute übergangen haben. Ihm sei stillschwei- 
gende Anerkennung gezollt. Freilich hätten wir auch Vieles zu tadeln, 
wenn es Aussicht auf eine Besserung vermuthen liesse. Da sind eine 
Menge Genrebilder von langweiligster Sentimentalität oder bedauems- 
werthestem Humor. Ein trostloser »Ausblick auf den Donaucanal« von 
Heinrich Tomec, Stillleben von lautester Talenüosigkeit von Bickinger 
u. A., die Filigranmeisterschafl des Herrn Schödl, das itkadeüische 
Panoramenbild Benczur's mit dem »grossen historischen Zuge imd die 
invalide Kunst des Friedlaender. 



RAIMUND-THEATER. 

»Die Sclavin«, Schaaspiel von Ludwig Falda. — »Das liebe Geld«, Schwank 

▼OD Alexander Engel. 

Von Rudolf STRAUSS (Wien). 

Vom RaimnDd- Theater, das man schon verloren hielt, kommt 
jetzt im Frühling neue, erfreuliche Kunde. Zwei starke Zuckungen hat 
es gemacht, die scheinbar laut beweisen, dass dieser todtgesagte 
Organismus noch lebt und für die Zukunft lebensfähig ist. »Die Sclavin« 
Fulda's war es, die zunächst die trüben Todesschatten aus dem Hause 
scheuchte. Dann fegte EngeFs Schwank »Das liebe Geld« die letzten 
schweren Träume aus den Winkeln. So verschieden diese beiden Stücke 
sind, das Eine scheint sie zu verbinden : die erlösende Wirkung, der frische, 
befreiende, wirbelnde Hauch» der alle bösen Geister der Verzweiflung 
bannte. Liegen die Gründe dieses Effectes nun in den Stücken, liegen 
sie in der Darstellung, hegen sie in inneren, liegen sie in äusseren 
Verhältnissen? Dies zu betrachten, kurz zu untersuchen, sei mir hier 
gestattet. 

Fulda's Talent steht fest wie seine Unaufrichtigkeit Man weiss, 
dass er ein kluger, feiner Kopf ist, der für die kommenden Dinge eine 
ahnende Witterung hat Allein man weiss auch, dass ihm jeder Ernst 
und jede Höhe mangelt, dass er vom Gipfel reiner Kunst stets meilen- 
weit entfernt ist. »Grösse haben, heisst Richtung geben,« sagt Nietzsche 
tief. Wann hätte Fulda je davon ein Beispiel wohl gezeigt? Er war 
bisher ein lauter, tönender Rufer im Streit, aber Herold, aber Ver- 
künder war er nie. Immer hat er den herrschenden Wind in feiner 
Weise zu nützen gewusst, die Anfänge einer starken Bewegung hat er 
bereitwillig mitgemacht, aber Neues, aber Selbstständiges hat er niemals 
geleistet. Nur den Schein hat er zu wecken versucht, als kenne er steile, 
ungekannte Wege, als sei er der Pfadfinder einer grossen, nahenden 
Epoche, als hätte er Gedanken auszusprechen, die Niemand vor ihm 
noch gesagt. Sein Mühen war jedoch vergeblich. Er ward durchschaut. 
All seine Künste konnten nicht verfangen. Das Emerson'sche Wort, 
dass das Mass einer That das Gefühl sei, dem sie entsprang, es wurde 
auch auf Fulda angewandt und hat bei allen Wiss^den sein Thun 
und Handeln arg verpönt. 

Wie kam es nun, dass er trotzdem mit seiner »Sclavin« diesen 
vollen und mächtigen Erfolg errang, den ihm kein Mensch bestreiten 
kann? War er hier gross? Gab er hier »Richtung«, wenn auch vieUeicht 
eine falsche? NeinI Nichts von alledem. Man kennt den Inhalt dieses 
Stückes, man webs, dass eine unverstandene Frau vergeblich sich von 

30* 



396 STRAUSS. 

ihrem Gatten loszuringen sucht, der sie mit plumpen, rohen Fäusten 
seelisch knechtet und drückt Der Fall ist wahr, ja häufig, fast t3rpi6ch. 
Aber ihn zu einer drohenden Tendenz, zu einer dröhnenden Anklage 
g^en die Gesetze stempeln, welche die Trennung erschweren, heisst 
völlig übersehen, dass doch im letzten Grunde die Ehe als Schutz 
der Frau gedacht, dass der beweglichere, unruhigere Theil der Klann 
und dass die schwere Lösbarkeit des Gattenthums im Interesse der Frau 
und gegen den Mann normirt ist. Dem grundgescheidten Ludwig 
Fulda kann das nun nicht entgangen sein. Wenn er gleichwohl für 
diese Idee zum Kampfe schritt, so that er es, weil ihm auch nicht 
entging, dass sich den Emancipationsbestrebungen jetzt immer neue 
Kreise öfiheten und dass dem Thema weite, starke Sympathien winkten. 
Er that es in sichrer Siegerwartung, und sein scharfer Blick hat ihn 
da wirklich nicht getäuscht. Denn das steht fest : nicht der gerundeten 
Darstellung — man hat schon bessere gesehen — nicht der geschickten 
Mache — man hat schon klügere geschaut — sondern dem Publicum 
selbst ist dieser Sieg vor Allem zu verdanken. Auf den Gallerien, im 
Parquet, in den Logen, überall im ganzen Hause sassen sie geschmückt 
und schlank und bleich umher, diese unverstandenen jungen Frauen, 
und blicken verschreckt und verstört auf die Bühne. Aber ihre Rührung 
drang nicht von der Rampe, nahm ihren Ausgang nicht vom Stücke, 
sie entsprang der eigenen Wuth, dem eigenen Weh, den eigenen 
Gedanken; und Fulda gebührt nichts als der doch sicher sehr be- 
scheidne Ruhm, diese tristen Ideenassociationen neu angeregt und 
ausgelöst zu haben. 

Im Gegensatz zu Ludwig Fulda ist Alexander Engel ein neuer 
Mann. Zum erstenmal liess er mit seinem Schwank »Das liebe Geld« 
sich von der Bühne aus vernehmen. O gewiss I Die Meisterposse, die 
wir erwarten, hat er mit diesem Stück nicht geschaffen. Die müsste 
Charakter-, dürfte nicht Schicksalskomödie sein. Die Zufälle des Lebens, 
sie haben in der neuen Kunst keinen Raum. Aus dem Wesen der Be< 
theiligten, aus ihren Contrasten und Zusammenstössen muss im Scha«? 
spiel wie im Schwanke die Handlung sich ergeben; alles Andere ist 
Surrogat Doch mag man in diesem speciellen Fall sein Urtheil massigen 
Und dämpfen. Herr Alexander Engel hat hier den Milderungsgrund 
ilir sich, dass der Zufall, den er rief, höchst geistreich und ironisch, 
ja fast satyrisch ist. 

Eine reiche Frau sucht ihres künftigen Schwiegersohnes Liebe 
misstrauisch zu erproben, indem sie plötzliche Verarmung heuchelt. Aber 
in demselben Momente ist sie auch wirklich verarmt, da ihre Banquiers 
fallirten. — Man muss nun laut bekennen, dass der Verfasser den ob- 
erwähnten Fehler : »Zufall« klug benützte, um die verschiedene Wirkung 
des Schlages auf die verschiednen Charaktere in feiner, geschmack- 
voller und unaufdringlicher Weise aufzuzeigen. Der leichte Sohn 
bleibt heiter wie zuvor, die Tochter, die liebt, ftigt sich mit einer 
leisen Nuance von Trauer gleichfalls in das Schicksal, und nur die 
Mutter, die »am Golde hängt, zum Golde drängt«, blickt trübe, ver- 



RAIMUNDTHEATER. 397 

grämt und verbittert Erst als sie durch den Schwiegersohn, der Advocat 
ist, den grösseren Theil ihres Geldes nach langem Harren zurück- 
erUBty lebt sie und jubelt sie wieder auf. So hat das Stück alle Vor- 
züge seiner Mängel. Aber die sehr geschickte ScenenfÜhrung, der 
fesselnde Dialog, die zahllosen, sprühenden Witzworte, sie sprechen 
ebenso tönend dafür, dass Alexander Engel wirklich ein Talent ist. 
Ungezwxmgen, wie von selbst erscheinen seine Pointen. Unseres grossen 
Philosophen Wort: »Wer den Geist sucht, der hat ihn nicht,« findet auf 
ihn keine Anwendung; denn er geistreichdt nicht, er ist thatsächlich 
geistreich. 

Nur schade, dass er im Raimund-Theater so wenig gute Inter- 
preten fand, dass Herr Fr öden zu lärmend, Herr Klein zu humorlos 
und Fräulein Meissner zu talentlos war. Die einzige Niese traf 
den richtigen parodistischen Ton, sonst schien dort Alles wider den 
Autor verschworen. Gleichwohl hat er gesiegt, gegen das Theater 
und gegen die Darsteller gesiegt, wie Fulda ohne dieselben. . . und 
so darf ich am Schlüsse dieses Artikels mir die Frage wohl gestatten : 
Hat denn die Raimund-Bühne wirklich Grund zur Freude, Director 
Get tke Grund zum Stolz? waren die beiden letzten Erfolge that- 
sächlich Zeichen des Lebens — oder waren sie nur das letzte Empor- 
flackern vor dem sicheren Erlöschen? 



KRITIK. 



Autorenabend, 28. März. 

Es scbeinti dass man sich in Wien 
doch noch für etwas Anderes inter- 
essirt als für Lueger. Heute Abends 
gab es im Bösendorfersaal eine 
Scene, bedeutsam für jeden Psycho- 
logen: ein zahbreiches Publicum 
aus den gewissen Schichten der 
oberen Zehntausend hatte sich ein- 
gefunden und wartete der Dinge, 
die da kommen sollten. Und siehe 
da, auf dem Podium, wo sonst 
Lillian Henschel und Ros6 ihre 
Triumphe feiern, hatten sich heute 
Vertreter einer Kunst eingefunden, 
welche dieses Publicum bisher gar 
nicht oder bloss grotesk carikirt 
aus den Feuilletons ehrwürdiger 
Mummelgreise kennen gelernt hatte. 
Zunächst trat aus der weitgeöffoeten 
Doppelthüre ein Jüngling mit schma- 
lem Schillergesichte schüchtern her- 
vor, Herr G e o r g H i r s c h fe 1 d aus 
Berlin, der tiefe und eigenartige 
Dichter des »Dämon Kleist«. Ihm 
folgten die Grössen des heimischen 
Parnasses, die Herren Hofmanns- 
thal. Schnitzler imd Bahr. 
Nur hätten sie in umgekehrter 
Reihenfolge vortragen sollen : denn 
nach der wundervollen Dichtung 
Hofmannsthal's, bei der man nicht 
weiss, was mehr zu bewundern ist, 
die meisterhafte Seelenanalyse oder 
die geniale Virtuosität der Sprach- 
behandlung, konnte das Nach- 
folgende nicht recht wirken. Der 
erste Act von Schnitzler*s »Freiwild«, 
eines amüsant und bühnenwirksam 
gezeichneten dramatischen Sitten- 



bildes aus der Welt der öster- 
reichischen Talmilebemänner: ältere 
deutsche Lustspielmarke mit social- 
ethischem Hintergrund. Herr Her- 
mann Bahr endUch machte sich 
in geistreicher Weise über das 
Publicum lustig; Publicum merkte 
natürlich nichts und amüsirte sich 
kösüich. ^. 

Theater a. d. Wien. »Die 

Göttin der Vernunft.« Das Un- 
glück, welches Johann Strauss 
meistens in der Wahl seiner li- 
brettisten hatte, ist bekannt, und 
wohl nur der Naivetät des wahren 
Talentes ist es zuzuschreiben, wenn 
der Meister nun abermals zu einem 
schlechten Buche griff. Er hat seit 
»Ritter Pazman« viele Studien 
gemacht; daher mag es kommen, 
dass wir diesmal stellenweise den 
speciell Johann Strauss'schen Typus 
vermissen und dass derselbe dort, 
wo er sich einstellt (z. B. in der 
Carmagnole des zweiten Actes, die 
entschieden mehr Localcolorit ver- 
langt hätte), oft deplacirt ist Trotz- 
dem weist die Partitur natürlich 
viele Feinheiten, besonders in der 
Instrumentation, auf, wenn auch 
der vom Premi^republicum sehn- 
lichst erlauerte Schlager in Walzer- 
form vergeblich auf sich warten 
liess. Ä A'— r. 

Carltheater. »Die Gross- 
herzogin von Gerolstein.« »Die 
moderne Operette ist todt, es lebe 
die alte Operette — in hoc signo 
vinces I« In dieser Voraussetzung 
beschäftigt sich Director Jauner 



KRITIK. 



399 



mit Ausgrabungen verstaubter Parti- 
turen und fördert: »Chilperich«, 
Ofifenbach's »Blaubart«, »Die Gross- 
herzogin von Gerolstein« und an- 
dere mehr oder minder vergilbte 
Raritäten zu Tage; nicht zu seinem, 
nicht zu des Publicums Schaden: 
die Melodien des leichtsinnigen 
und in seiner Art genialen Parisers 
sind trotz ihres canonischen Alters 
noch immer willkommener als die 
geistlosen Novitäten, die andere 
Vorstadtbühnen jetzt bieten ; selbst 
wenn die fade Pille als Ueber- 
zuckerung den Namen eines einst 
mit Recht gefeierten Componisten 
trägt Dass man die Bespöttelung 
der Duodezwirthschaft nicht mehr 
actuell findet, ist bemerkenswerth: 
Gerolstein ist in den letzten Tagen 
einem anderen Kleinstädtchen 
wieder recht nahe gerückt, wo 
sogar das rapide Avanciren vom 
abgestraften Kellner zum »Rath- 
geber des Reiches« leicht möglich 
ist, ähnlich dem raschen Aufrücken 
des Gemeinen Fritz zum Chef- 
general . . . Fräulein S t o j a n sang, 
spielte und cancanirte zur Zu- 
friedenheit eines zahlreich er- 
schienenen, sachverständigen Publi- 
cums; sonst aber stand ihre 
Leistung nicht ganz auf der Höhe 
der gestellten Ansprüche: zum 
Decolletiren und anderen stark 
begehrten Reizungen gibt die Rolle 
keinen Anlass; so gingen sie denn 
traurig , fast unbefriedigt nach 
Hause ... a. N—nn. 

Satans Kinder. Roman 

von Stanislaus Przybyszewski. 
Paris, ^ Leipzig, München. Verlag 
von Albert Langen, 1897. 

Przybyszewski ist das Prototyp 
der Leidenschaft: aus seinen Ro- 

Skizzen, 



manen 



semen 



semen 



Studien sprüht und spritzt und 



flackert die grelle, verzehrende 
Lohe auf, die sein Inneres ver- 
wüstet und die in diabolisch- 
anarchische Gedanken, in dämoni- 
sche Exaltationen, in hypersensitive 
Geflihlsverwirrung verflammt Eine 
wilde, zerrissene Sprache schildert 
bizarre Principien, seltsame, welt- 
fremde Menschen, behandelt ver- 
fehlte, abstracte Probleme. Was 
das gewöhnliche Individuum ohne 
zu denken hinnimmt — Existenz 
im Weltgetriebe, Mitmenschen, Be- 
ruf, Zeitfragen — das wird in den 
Augen Przybyszewski's zur furcht- 
baren Thatsache, die er spitzfindig 
und selbstquälerisch nach allen 
Seiten hin dreht und wendet, bis 
den Beobachter ein geheimes, tiefes 
Grauen vor etwas Unbestimmtem, 
Schrecklichem erfasst, dem alles 
Lebende verfallen ist; in dieser 
seiner Weise ähnelt der Pole den 
anderen Literatur-Neurasthenikem 
Iwan Turgenjew, Knut Hamsun, 
Friedrich Nietzsche, Fedor Dosto- 
jewsky; dass auch der Palladist 
Baudelaire nicht ohne Einfluss auf 
ihn blieb, beweist sein neuestes 
Werk »SatansKinder«. »Jeder, 
der Angst hat. Jeder, der ver- 
zweifelt die Zähne in ohnmächtiger 
Wuth aneinanderpresst. Jeder, der 
das Zuchthaus streift. Jeder, der 
hungert und gedemüthigt wird, 
der Sclave, der Sträfling und der 
Dieb, der Literat, der keinen Erfolg 
hat, und der Schauspieler, der aus- 
gepfiflen wird — sie Alle, Alle 
sind Satans Kinder, die durch ein 
unsichtbares Band verknüpft werden 
zu gemeinsamem Thun.« Ihr Typus 
ist Gordon, der »König vom neuen 
Syon«, eine seltsame Figur: er 
vereinigt das Uebermenschliche 
Nietzsche's, das »Jenseits von Gut 
und Böse«, den wilden Wahnsinn 



400 



KRITIK. 



Byron*s, die Grosspläne Karl des 
Zwölften mit dem gemeinen, in- 
famen Ideenkreis eines ganz ge- 
wöhnlichen Mörders mid Brand- 
legers; er, der soeben Anarchist 
aus innerster, edelster Ueberzeugung 
ist, der über die abstractesten Pro- 
bleme brütet, sinkt im nächsten 
Moment auf die niedrige Stufe 
eines Ravachol herunter, sein ein- 
ziges Dogma wird Lebenszerstörung. 
Ihm zur Seite, im Banne seiner 
fascinirenden Persönlichkeit stehen 
der schwindsüchtige , fanatische 
Grübler Wronski, der Ideologe 
Hartmann, der mit sich und den 
Menschen zerfallene Ostap und der 
ruhige , zielbewusste Umstürzler 
Botko. Die seltsamen, von Leiden- 
schaft durchwühlten Frauengestalten 
Heia imd Pola vervollständigen 
dieses schaurige Ensemble, das 
eher der flammenden Hölle, als 
dieser im Grunde so kalten und 
nüchternen Erde anzugehören 
scheint. Grossartig ist Przybys- 
zewski's psychologische Schilderung, 
die Darstellung der Fluth irrer, 
wüster Gedanken, welche diese 






verjauchten Gehirne durchtoben 
und sie dem sicheren Wahnsinn 
zutreiben;* den Höhepunkt seines 
Genies erreicht der Dichter in dem 
dritten Theile der »Satans Kinder«: 
»Die That«, eine meisterhafte 
Zeichnung der furchtbaren, lähmen- 
den Verzweiflung, der entsetzlichen 
Aufregung der Bewohner einer 
Stadt, die von Gordon und seinen 
Genossen an allen Ecken und Enden 
angezündet wurde. Das »Vorspiel 
als EpQogc lässt, ohne den Roman 
abzuschliessen, eine weite Perspec- 
tive in die Zukunft ofien: das 
Anbrechen, das Wachsen der 
Anarchie; Ostap hat sich erhängt, 
Wronski ist beim Brande umge- 
kommen, Okonek, ein Helfershelfer 
Gordon's, fiel durch dessen Hand, 
und audi Pola^ das befreiende, 
läuternde Princip, ist todt — der 
dämonische Mann ist aUein und 
einsam, in ungebrochener Kraft — 
firei zu neuer That. Satans Zögling 
hat die Schule verlassen und tritt 
ins Leben ein; ob Przybyszewski 
Recht hat, wird die Folge lehren . . . 

Wien, Alfred Neumann, 



Herausfeber nnd verantwortlicher Redacteur: Rudolf Straott. 
Ch. Reisser & M. Werthner, Wien. 



Y^iener J{undschau. 



15. itPBIL 1897. 



DIE ADLERMUTTER. 
Von Jonas Lie. 

Einzig autorisirte Uebersetsung von Ernst Brausewkttbr. 

Weit, weit draussen, wo die Berge gen Himmel blauten und 
Gipfel, Zacken und Firnen in Glanz und Gluth wundersam violetter 
Farbentöne emporstiegen, hatte der stolze Aar an einer wilden, steilen 
Felswand sein Nest erbaut. Waldbedeckte Thalzüge, in denen Bäche 
dahinsausten, furchten sich dort in immer schmäleren, schliesslich ver- 
schwindenden Rinnen hinauf. 

Wenn der Adler auf seinen gewaltigen Schwingen im Dämmern 
eines neuen Tages, nach Beute spähend, höher, als der Menschenblick 
reicht, dahinsegelte, vermochte er die winzigste Feldmaus, die sich 
unten am Boden rührte, zu unterscheiden. Das muntere Zicklein, das 
unten spielte und tanzte und das Kunststück zeigte, auf dem Zaun- 
pfahl zn balanciren, machte unerwartet eine viel grössere Fahrt in die 
Lüfte. Und der Hase, der noch sass, sich die Augen rieb, sich putzte 
und sich munter machte, durfte plötzlich die Welt von so weit oben 
betrachten, dass die Kirchthürme von sieben Dörfern in schwindelnder 
Tiefe unter ihm lagen. 

An anderen Jagdtagen kreuzte der Aar hunderte Meilen über 
Steinöden mit wilden Felsen, schattendunkeln Abgründen und moos- 
grauen Flächen unter sich. 

Und weit draussen blaute Bergkette hinter Bergkette fem nach 
Westen sowie hinaus zum wilden Eismeer. 

Die Bergreihen waren Grenzscheiden zwischen zwei Reichen, in 
denen der Aar jahrelang seine Abkommen zu selbstherrschenden 
Königen und Königinnen eingesetzt hatte. Und wehe dem Unberechtigten, 
der es wagte, sich in ihr Jagdgebiet einzudrängen. 

Der alte Aar musste aber auch selbst manchen Strauss gegen 
einen vertriebenen Fürsten seines eigenen Geschlechtes bestehen. 

Dann gab es eme Lufbchlacht, so dass die Federn flogen und 
immer blutiger herabregneten, bis schliesslich einer der Kämpfenden 
plötzlich als lebloser Klumpen zur Erde herabstürzte. 

3« 



402 LIE. 

Auf den Grenzsteinen lag Adlerblut. 

Eines Tages sauste der Aar von einer Morgenjagd viele hundert 
Meilen von seinem Nest über Steinöden heim zu seinen Jungen, mit 
einer neugeborenen Renthierkuh in den Klauen. 

Als er zum Nest sich hemiedersenkte, schlug er heftig mit den 
Schwingen, und ein wilder, gellender Schrei durchhallte in vielfachem 
Wiederklang den Felsenkessel. 

Die starken Zweige, welche die Unterlage des Nestes gebildet 
hatten, hingen mit langen Fasern aus schmutzigem, befedertem und 
blutigem Moose auf den Absätzen an der Felsenwand herab. 

Das Nest war geplündert imd zerstört, und das Junge, das täg- 
lich seine Schwingen geübt und seine Klauen und seinen Schnabel an 
immer grösseren Beutestücken erprobt hatte, war fort 

Da stieg die Adlermutter höher und höher empor, bis das Echo 
ihres Schreies nicht mehr in der Felseneinsamkeit wiederhallte. 

Spähend kreuzte sie umher. 

Plötzlich schnob und zischte es über den Häuptern zweier Jäger, 
die tief unten aus dem Walde daherkamen. 

Der eine von ihnen trug auf dem Rücken in einem Weidenkorbe 
einen gefangenen jungen Adler. 

Und während die beiden Männer Meile um Meile den weiten 
Weg abwärts zu einem der höchstgelegenen Bauernhöfe hinabschritten, 
segelte die Adlermutter, argwöhnisch wachend, droben in der Luft 

Durch zerrissene, blaue Wolkenlücken beobachtete sie mit ihren 
scharfen Augen, wie bei der Ankunft auf dem Hofe EUein und Gross 
sich um den Weidenkorb versammelte. 

Den ganzen Tag kreuzte sie dort oben umher. 

Als die Dämmerung sich herabsenkte, Hess sie sich halb zum 
Schornsteinrauch des Hauses herab. Und die Leute auf dem Hofe 
hörten im Abenddunkel einen seltsamen hässlichen Schrei über dem Dache. 

Ganz Frühmorgens — als kaum im Morgengrauen ein goldiger 
Schimmer der Sonne begann — schwebte sie wieder hoch empor, 
ihren scharfen Blick unten auf den Bauernhof gerichtet. 

Sie beobachtete, wie die Söhne des Bauern draussen vor der 
Thüre mit der Axt Holz zurecht hauten und Bretter zuschnitten, 
während die Kinder dastanden und zusahen. 

Später am Morgen trugen sie einen Käfig auf den Hofplatz hinaus, 
durch dessen offene Spalten die Adlermutter deutlich unterscheiden 
konnte, wie das Junge flatterte und unaufhörlich mit dem Schnabel 
schlug, um sich zu befreien. 

Der Käfig blieb verlassen stehen, ohne dass sich weiter ein Mensch 
sehen liess. 

Und die Sonne stieg höher und höher an dem warmen Vormittag. 

Die Adlermutter segelte und kreuzte droben hinter den Wolken 
und beobachtete jede Bewegung des Jungen, wie es seinen krummen 
Schnabel in die Höhe richtete und zischte und die Klauen ver- 
zweiflungsvoll die Stäbe umklammerten. 



DIE ADLERMUTTER. 403 

Aber nun, da es gegen Abend ging, begannen die Kinder zwischen 
der Hausthüre und dem Käfig auf und ab zu laufen; und schliesslich 
spielten sie alle lustig draussen auf dem Hofe. 

Auch einer und der andere von den Erwachsenen kam hinaus 
und nahm seine gewöhnliche Arbeit vor. 

In der stillen Abendluft hatte die junge Frau des Sohnes ihren 
Säugling auf die Bleiche gelegt, während sie am Brunnen etwas Weiss- 
zeug spülte. 

Auf dem Scheunendach wippten ein paar muntere Elstern, die 
ihr Nest in dem Weidenbaume am Hauptgebäude hatten, und unten 
auf dem Hofplatz hüpften einige Sperlinge und pickten verstreute 
Kömer auf. 

Plötzlich fuhr es wie ein blitzschneller Schatten dunkel durch 
die Luft. 

In der Stille ertönte ein seltsam brausender Laut, ein mächtiges 
Schwingen sausen. 

Als die Frau sich eilig umsah, schwebte bereits ein riesiger Adler 
von der Bleiche empor. 

Sie sprang in durcheisendem Schrecken auf, noch mit dem nassen 
Zeug in der Hand. 

Der Raubvogel hielt ihr Kind in seinen Klauen, und ihr starrer 
Blick verfolgte eine lange Secunde, wie er stieg und die Luft zwischen 
ihrem Kinde und dem Erdboden blaute. 

Die wilde, wahnsinnige Angst gab ihr eine Inspiration. 

Sie stürzte zum Käfig hin, riss den jungen Adler heraus und hielt 
ihn jammernd und schreiend mit beiden Armen in die Luft hinauf, 
ohne sich darum zu kümmern, dass er ihr den Kopf und das Gesicht 
blutig hackte und haute. 

Die Adlermutter schwebte einen Augenblick still in der Luft, und 
die Frau sah mit blinzelnden Augen jedesmal, wenn der Vogel mit 
den Schwingen schlug, um sich oben zu erhalten, das Kind in seinem 
Wickel wie einen Wurm zwischen den Klauen herabhängen. 

Plötzlich meinte sie, er senke sich herab. 

Und sie verfolgte athemlos, wie der Raubvogel sanft wieder zur 
Wiese hemicderschwebte. 

Sie liess den jungen Adler los und taumelte wie von Sinnen zu 
ihrem Kinde hin. 

Die beiden durch die Noth gedrängten Mutterinstmete hatten 
einander verstanden. 

Als aber die Adlermutter ihre Beute losliess und wieder empor- 
stieg, blitzte vom Hause her ein Schuss auf. 

Und das mächtige Thier stürzte mit weitausgebreiteten Schwingen 
leblos zur Bleiche herab, während der befreite junge Adler mit kurzem, 
schnellem Fluge über die Waldwipfel emporstieg. 



31' 



SPHYNX. 

... So thront sie stolz im kalten Nichtsempfinden: 
Sie kennt der Menschheit fbrchterlich' Geschick^ 
Ihr Auge weiss den Weg in's Herz zu finden. 
Das Leben lähmt ihr todesstarrer Blick. 

Den Marmorsaal durchströmen rothe Wellen . . . 
Dem leisen Wogen lauscht das bleiche Weib, 
Die Schmerzensrufe, die den Raum durchgellen, 
Sie färben rosig ihren todten Leib. 

Nie fühlt die Sphynx, dass sie das Mitleid quäle, 
Wenn sich ein Herz in greller Qual verblutet — 
Nein — Freude zieht ihr kühlend durch die Seele, 
Wenn dumpfes Leid die Menschen überfluthet . . 

Paris. Graf Robert von Montesqüiou. 

Deutsch von Alfred Neumann (Wien). 



DER FREUND DER LOGIK. 
Von Maurice Leblanc (Pans). 

...Ich werde nie bestreiten, dass ich stehlen wollte; ja, ich 
wollte stehlen, aber nicht tödten. Uebrigens, ist es sicher, dass ich 
ihn getödtet habe? Man hat mich bei dem Todten gefunden, und ich 
hatte die Pistole in der Hand. . . und dennoch, ich versichere Sie, im 
Grunde genommen habe weder ich ihn getödtet, noch jemand Anderer, 
noch er sich selbst. Ich weiss ja ganz gut, dass ich seitdem toll ge- 
worden bin, und dass die Worte eines Tollen keinen Werth haben. 
Aber mit Unrecht: denn in Wahrheit blickt Niemand so klar als ein 
Verrückter in den Augenblicken, wo er nicht verrückt ist. . . Uebrigens 
nannte man mich schon im CoUeg »den Freund der Logik«. 

Alles das hat sich auf solch merkwürdige Weise ereignet. Vom 
Anfang an, wo ich die Hand auf den Thürknopf legte, hatte ich schon 
die entsetzliche Ueberzeugung, dass der Mann gerade denselben Thür- 
knopf von innen aus betrachtete. Acht Schritte von mir — ich errieth 
es — auf einen Fauteuil gelehnt, mir genau gegenüber. Wie war wohl 
der Mann, den ich bestehlen wollte? Jung oder alt? Welches Tempera- 
ment besass er? Und was mochte er sich denken, als er den Thür- 
knopf sich bewegen sah? 

Während ich daran drehte, überlegte ich bei mir : »Von der anderen 
Seite bewegt sich der Knauf auch, aber der Lichtstrahl, den die Lampe 
hinwirft, bewegt sich nicht — so muss denn der Mann wohl sehr 
überrascht sein.« 

Der Gedanke an diese Ueberraschung erfüllte mich geradezu mit 
Mitleid. Ich drückte den Thürflügel auf. Es wurde licht. Ich machte 
mich auf einen Schrei gefasst. Nein. . . Und dennoch zweifelte ich nicht 
daran, dass der Mann die Thüre sich bewegen sah. 

Ich fuhr fort, die Thüre mit einem unmerklichen Rucke weiter 
aufzumachen. Mir schräg vis-ä-vis unterschied ich ein wenig von der 
Mauer des Zimmers. Dieses Wenig wurde mehr. Und plötzlich bemerkte 
ich an der Wand hängend einen Dolch. 

In diesem Momente bemächtigte sich meiner die Absicht, zu 
fliehen. Aber dieser Entschluss äusserte sich in einer brüskeren Geste: 
»Nur vorwärts 1« Fliehen I Konnte ich es denn noch ? Wenn ich es ge- 
konnt hätte, hätte ich es auch gerade so gut über mich vermocht — 
nicht zu kommen. 

Als ich mein Zaudern überwunden hatte, durchzuckte ein Ge- 
danke mein Gehirn, und mein Haupt neigte sich: »Fertig!« Bis jetzt 
konnte sich der Mann mit Recht denken, dass die Thüre sich von 
selbst geöffnet habe. Aber den Winkel meiner Stirn — den musste er 



4o6 LEBLANC. 

ja sehen!... Und was für eine Stime! Im Bewusstsein meiner voll- 
kommenen Kahlköpfigkeit dachte ich mir: 

>£r kann sich unmöglich dieses glänzende Ding erklären, das 
geradeso schimmert wie der Rücken einer Schildkröte.« 

Wie lang es dauerte ! Man glaubt sonst, dass alle Secunden gleich 
lang währen. Ah ! Ich sage Ihnen, es gab da Secunden, welche zu lange, 
viel zu lange dauerten. Ich bemerkte es übrigens an der Pendeluhr, 
deren Geräusch sich verlangsamte, unmerklich, je mehr ich vorrückte. 

Die Uhr schlug. Meine Wimper zuckte unwillkürlich. Ich wartete 
auf den Moment, wo die Uhr aufhören würde, zu schlagen. Ich zählte 
dreizehn Scliläge, ja, dreizehn, ich bin fest davon überzeugt. 

Ich katte keine Zeit, darüber in Erstaunen zu gerathen, denn 
gerade beim dreizehnten Schlag überschaute mein Auge das linke Feld 
des Zimmers und traf sofort den Blick seiner beiden Augen. 

Er lag acht Schritte vor mir in einem Fauteuil, die Arme unbe- 
weglich auf der Lehne, und fixirte mich. So sahen wir uns denn an. 

Ich hatte im Geiste vorhergeahnt, dass er noch sehr jung und 
auffallend schön sein müsse. In Wahrheit aber sah ich nichts als seine 
Augen. Sie erschreckten mich, nicht so sehr weil sie einem lebenden 
Wesen gehörten, das imstande war, sich zu vertheidigen, als durch das 
Entsetzen, das sie verriethen. Und ich fragte mich, wer von uns Beiden 
vor den Augen des Anderen wohl grössere Furcht hatte, ich vor den 
seinen oder er vor den meinen. Ich sagte mir: »Ich vor den seinen,« 
denn diese blieben halb im Dunkeln und hatten daher den natürlicheren 
Ausdruck. Das musste mir selbstverständlich eine untergeordnetere 
Stellung im Kampfe geben. Und zudem erschien mir meine Situation 
lächerlich. (Ich habe immer die komische Seite von Situationen heraus- 
gefunden.) Sah es nicht aus, als spielten wir zusammen Versteckens? 
Ich hatte geradezu Lust, ihm »Guck guck« zuzurufen. 

So entschloss ich mich denn, fortzugehen. Aber plötzlich bemerkte 
ich seine Hände. Die armen, sie zitterten wie klebe Vögel, denen kalt 
ist. Und als ich näher zusah, nahm ich wahr, wie sein ganzer Körper 
gleicherweise bebte. 

Ich verlor alle Furcht und trat ein. 

Ich machte dreist sieben Schritte und blieb dann stehen ; er rührte 
sich nicht. Ich hätte ihn berühren können. Und trotzdem schlug mein 
Herz, wie wenn eine Glocke in meiner Brust erzittert wäre. Und ich 
hörte sein Herz schlagen. Oh, der Unglückliche, sein armes Herz . . . 
es schüttelte ihn, wie die Schläge der grossen Glocke die Steine des 
Thurmes lockern. 

Wie kann man vor einem solchen Hasenherz nur Furcht haben? 
Ich werde ganz ruhig, sogar ein wenig spöttisch. Und es war wirklich 
mehr Holm als ernsthafte Absicht, als ich meinen Revolver spannte. 

Der Unglückliche wollte aus Leibeskräften schreien, sich rühren. 
Doch ich fürchtete nichts. Augenscheinlich schnürte es wie ein eiserner 
Schraubstock seine Kehle zusammen, und jedes seiner Glieder war vom 
Schreck wie gelähmt. Seine Hände allein fuhren fort zu zittern. 



DER FREUND DER LOGIK, 4^7 

Und als ich — noch immer aus Bosheit — langsam meine Pistole 
hob, da sträubten sich seine Haare wie leichte Gräser. Ich hätte bei« 
nahe gelacht. Wie spasshaftl Es erinnerte mich an das Haar eines 
Tauchers, den ich in einem Concertcafö auf dem Grunde eines Aqua- 
riums beobachtet hatte. 

Schliesslich hatte ich doch Mitleid mit ihm. Umsomehr als seine 
Augen, während er nicht aufhörte, vor Schrecken zu zittern, nach und 
nach von gar traurigen, traurigen Dingen zu raunen begannen. Mein 
Auge hatte das seine nicht einen Moment verlassen. Um das zu thun, 
bedurfte es für mich einer gewaltigen Anstrengung. Bei dieser An- 
strengung zersprang irgend etwas. Was ? . . . Oh, mein Gott, mein 
Gott ! . . . Ich legte meine Waffe auf den Ofen. Ein Schlüsselbund lag 
dort. Der Schreibtisch war ganz nahe ; ich öffnete ihn. Ich blickte gar 
nicht mehr zurück, was hinter mir geschah. Wozu mich wegen dieser 
Gliederpuppe beunruhigen? Ich wühlte herum, durchstöberte die Schränke. 

Da ereignete sich etwas Seltsames. Jegliches Geräusch verstummte. 
Es ist ja niemals ganz ruhig, selbst wenn Stille herrscht. Und jetzt 
war es ganz ruhig. Ich untersuchte die Uhr. Unerklärliches Wunder — 
das Pendel ging hin und her, und doch machte es kein Geräusch. Und 
überhaupt Alles, Alles um uns schwieg. . . 

Ich drehte mich nach dem Manne um, geradezu, als wollte ich ihn 
deswegen befragen. Das Schweigen ging von ihm aus. 

Das Schweigen ging von ihm aus. Es stieg in dicken Wolken 
auf wie der Rauch, der ein Zimmer erfüllt. Uebrigens zitterten seine 
Hände nicht mehr. Ich näherte mich ihm, ich erwartete, dass auch 
sein Herz nicht mehr schlagen würde, sein Herz, das der grossen 
Glocke glich . . . 

Ich beugte mich auf seine offenen Augen herab. Der Schwindel 
packte mich. Aus den tiefliegenden Augäpfeln gähnte mir ein Abgrund 
von Schweigen entgegen. Der eiskalte Schweiss trat mir aus den Poren. 
Ich hatte gefühlt, dass es das Schweigen des — Todes war. 

Von jetzt beginnt meb Wahnsinn. Ich sagte zu mir selbst: »Ich 
bin also toll.« 

Er war todt, ganz von selbst. Ich wagte mich nicht zu rühren. 
Meine Augen versenkten sich wieder in die seinen. Dann begann das 
Geräusch, das aUen Raum erfüllt, von Neuem. Ich hörte das Tik-Tak 
der Uhr. Auch mein Herz fing wieder an zu pochen. Es war die grosse 
Todtenglocke, die dröhnend in meiner Brust schlug. Ich hatte Furcht, 
ganz entsetzliche Furcht. Und ich erkannte, dass es s e i n e Furcht war. 
Ja, sie ging in mich über, da sie bei ihm nichts mehr zu thun hatte, 
und äusserte sich durch dieselben Symptome. Meine Hände zitterten 
wie kleine Vögel. Meine Haare sträubten sich wie das Haar eines 
Tauchers. Und im Grunde meiner Seele war etwas im Begriff, aus den 
Fugen zu gehen. 

Im Begriff nur; denn meine ausserordentliche Erleuchtung, welche 
der Wahnsinn nun verzehnfachte, warnte mich vor Gefahr. Mit einer 



408 LEBLANC. 

entsetzlichen Anstrengung brachte ich Alles in mir in Ordnnng. Ich 
hatte keine Furcht mehr. 

Herr meiner selbst, sprach ich zu mir: 

»Nach alle dem ist es noch nicht erwiesen, dass er todt ist — 
vielleicht ist es nur eine leichte Ohnmacht« 

Ich fühlte seinen Puls. Unter meinem Finger rührte sich etwas. 
Aber war es nicht mein Finger, der, wie gewöhnlich jeder Finger, an 
der Spitze zitterte? Ich konnte es nicht ausnehmen. Und eine wahre 
Hofihung bemächtigte sich meiner. Auf dem Waschtische stand ein 
Fläschchen mit Riechsalz und Eau de Cologne. Ich liess ihn an dem 
Salze riechen und benetzte ihm die Stime. Sein Wiedererwachen hätte 
mir grosse Freude gemacht. 

Ich zweifelte nicht daran, dass er am Leben war, obwohl nichts 
dafür sprach. Aber sein Arm fiel träge herab, und ich sage Ihnen, 
diese Bewegung war nicht natürlich. Wenn er lebte, warum benahm er 
sich, als ob er todt wäre? 

»Ah, zum Teufel,« dachte ich, »er stellt sich todt wie eine Spinne, 
die sich vor dem Febde zusammenzieht.« 

Nein, in Wahrheit, es ärgerte mich. Mich beseelten die edelsten 
Gefühle, und der Herr da spielte nur mit mir. Ich gerieth darüber in 
Zorn. Ich schüttelte ihn aus Leibeskräften, er rührte sich nicht. Ich 
nahm ihn mitten um den Leib und drückte ihn gegen mich, und zuletzt 
tanzte ich mit ihm durch das Zimmer wie mit einer Marionette. 

Ein Spiegel gab unser Bild wieder. Ich schüttelte mich vor 
Lachen. Im Circus sieht man solche Dinge. Ich warf ihn wieder auf 
den Fauteuil hin. 

Der verdammte Leichnam! So dumm ist man doch nicht! Ich 
sagte zu ihm: 

»Bist du aber überspannt! Ich hatte ja nicht die Absicht, dich 
zu tödten, und jetzt stirbst du mir, und ich werde dummerweise dein 
Mörder, ohne jede Absicht und ohne jeden bösen Willen. Dreifacher 
Idiot!« 

Und in derThat, jetzt kam ich in Wuth. Mörder zu sein, wenn 
man gemordet hat, gut. Aber wenn man nicht gemordet hat, ist das 
ungerecht. Meine Logik widersetzte sich dem. Ich wog die Gründe 
für und wider ab, ob ich dieses Verbrechens schuldig sei oder nicht. 
Und nun — nein! Mehr als einmal schon hatte sich der Widersinn 
der Natur bewiesen; der vernünftige Mensch war eben das Opfer der 
Unlogik, des Zufalles. 

Das durfte nicht sein. Ich musste die Ungerechtigkeit bekämpfen, 
ich musste die Dinge wieder in ihre natürliche Lage bringen, ihrem 
wirklichen Sinne gemäss, der Norm, der Logik nach. Ich musste, ich 
musste. Und darum habe ich so gehandelt, billig wie ein denkender 
Mensch. 

Und noch dazu mit Freude, mit etwas ironischer, aber doch 
entzückter Freude. Ich nahm den Revolver und zielte auf die Leiche. 
Leiche? Im Grunde blieb noch ein Zweifel; aber ich hatte dafür auch 



DER FREUND DER LOGIK. 409 

ein sicheres Mittel, ihn zu erhellen 1 Ich gab dem Regungslosen Zeit 
wieder zu sich zu kommen, und sagte: 

»Auf drei schiesse ich . . .« 

Und ich zählte: 

»Eins . • . Zwei . . .« 

Er bewegte sich nicht Mich erfasste die stürmische Freude, die 
einen guten Schützen gegenüber einem hübschen, lockenden Ziel ergreift. 
Wie unterhaltend das warl 

». . . drei . . .« 

Ein ganz kleines Loch, in der Mitte der Stime ein Bluts- 
tröpfchen . . . Ah, diesesmal, mein guter Herr, diesesmal war doch 
etwas daran I Nichtsdestoweniger setzte ich mein Thun fort. Und 
ich zählte: 

»Eins . . . zwei . . . drei . . .« 

Das rechte Auge ging drauf, dann das linke, zuletzt zerschmetterte 
ich ihm das Kinn. Die Logik nahm Rache . . . Und was für eine 
Rache 1 . . . Welch herrliche Rolle als Rächer der Bedrängten . . . Ich 
war bewundernswerth; hoch aufgerichtet, die Pistole in der Hand . . . 
Und er, er . . . ein schauerlicher Klumpen ... er, gerade noch so 
schön ... ein jämmerlicher Brei . . . Ach, endlich hatte ich ihn wirklich 
getödtet, den Todten . . . und ich bin es, der ihn getödtet hat 1 . . . 

A. N. 



GEDICHT. 

Komm herl Der Frühling tobt in unserm Blut. 
Im Park dort unten stöhnt so laut der Wind. 
Komm mit hinaus I da draussen schweigt die Gluth, 
Wo halberwacht die braunen Aecker sind, 
Wo die Schollen schwellen und träumen. 

So gehn wir hin . . . Die jungen Wiesen glühn . . . 
Dein Arm ruht schwer in meinem . . . Oh, du bebst « . 
Dein Auge trinkt mich . . Weib ! Fühlst du das Grün 
Der vollen Felder? Fühlst du, dass du lebst? 
Deine Hand will die meine berauschen. 

So halt' dich fest an mir — hörst du ! an mir . . . 
Ganz dicht, ganz nah . . . Lass mir die nackte Hand. 
Der Wind wird wild; er dreht sich über dir; 
Und hinunelauf wächst eine Wolkenwand 
Mit schweren, drohenden Schatten. 

Lass siel — du bist gefeit I . . . Oh, fühlst du das? 
Du wanderst mit mir weit ins Land hinein. 
Ein Tropfen fallt . . . Spürst du das erste Nass? 
Dich schauert — denn du bist mit mir allein . . . 
Der Regen kommt über die Felder. 

BerUn. FRANZ EVERS. 



LIEDER. 

I. 

Ich will beneidet sein und lachend schreiten 
Durch die vergrämte, lichtentwohnte Schar; 
Aus meiner Stimme zittern Seligkeiten, 
Aus meinen Augen leuchtet's flammenklar. 

Blickt her, ihr Kampfesmüden, Freudelosen! 
Ich trage jauchzend einen Kranz im Haar 
Von scharfen Domen und von rothen Rosen I 



II. 
Lehr' mich vergessen, lehre mich versinken 
In eine tiefe, stille Seligkeit; 
Ich will den Hauch von deinen Lippen trinken, 
Der mich erlöst, der mir den Glauben leiht. 

O, lehr' mich glauben, dass in fernen Tagen 
Ein Strahl uns bleibt von dieser Sonnenzeit, — 
Nur ein Erinnern, nur ein leises Fragen 

Wien. Paul Althof. 



J. P. JACOBSEN'S LYRIK. 1) 
Von Hermann Menkes. 

Wir lieben ihn Alle mit derselben Liebe, wie wir unser erstes 
Mädchen geliebt, denn er stand an der Wiege unserer einsamen Jugend 
und zeigte uns die Farben der Welt, die uns öd und einsam erschienen; 
den Duft der Rosen lehrte er uns empfinden und den Duft erträumter, 
süsser Worte in einer Zeit, die ihre Sprache verloren zu haben schien 
und wo alle Urnen der Begeisterung, des Rausches und des mnerlichen 
Glückes leer waren. Aus dem Lande des Winters und der Knute kam 
Iwan Turgenjew und sang uns Lieder der Liebe, zeigte uns einsame 
Schmerzen, die tiefer waren als die unsrigen, und entdeckte die Natur 
und das Weib, als ob sie etwas Neues und seine Schöpfung wären. 
Und aus den weichen, wärmeren Geländen Dänemarks, wo Hamlet's 
Geist herumspukte und traurige Menschen formte, zu zäh fUr den er- 
lösenden Tod und zu gebrechlich und zart für das Leben, ein Ge- 
schlecht von Harlekinen und Problematikern, von dort drang die Zauber- 
stimme Jens Peter Jacobsen's, des lichtvollen Sängers der Sehnsucht, 
mit ihren weiblichen Klängen. Er war ein Romantiker des Wortes und 
war doch des Lebens voll mit feinen, geheimen Wesenszügen, die den 
Anderen unbekannt und fremd gewesen, und in seinem Herzen schlug 
die dunkle, schmerzolle Sehnsucht, von der er lebte und an der er starb. 
Er hatte nur die Liebe gekannt, der arme, glückliche Jacobsen, die 
uninteressirte Liebe aus weiten Distanzen, und selbst in der Stunde, als 
sein Tod herannahte, ihm, der noch voll von Jugend, von Träumen 
und schweren Düften gewesen, schweifte sein gebrochener Blick hinaus 
über seine liebe, liebe Welt, die er ja nur in Reflexionen genossen, dieser 
Märchenprinz der Poesie, und seine Mutter hielt seine bleichen, er- 
kaltenden Hände. Er hatte nur die Liebe gekannt; der Hass war ihm 
ferne. Darum kam er mit dem Leben nicht aus; ihm fehlte jede Waffe. 
Das Leben rann vor ihm in kühlen Strömen, und er hatte so viel 
Sonne nöthig gehabt, nichts als Sonne, und darum stand er einsam auf 
seiner Höhe, einsam in seiner Zeit und trauerte. Aber es war die 
Trauer, die lacht mit goldigen Thränen imd jubelt in märchenhaften 
Träumen, weil sie sich eine andere Welt schafft. In der wirklichen 
lebte er ja nur das Leben eines Emigranten : er hatte keine Heimat in 
ihr. Und darum war seine Liebe stets eine Liebe aus Distanz gewesen ; 
er, der sich auf die Psyche und den Körper des Weibes verstand wie 
Wenige, er hatte nie einen Mädchenmund geküsst; er hatte Angst vor 
den Scherben seiner Träume. Und er hatte die grosse Angst vor dem 
ganzen Leben, die aus jedem seiner wundervollen Worte zittert, die 

*) »Gedichte« von Jens Peter Jacobsen. Deutsch von Robert F. Arnold, 1897. 



J. P. JACOBSEN'S LYRIK. 4^3 

ihre Zeit verspätet haben und einsam in einer fremden Welt hausen 
müssen. Um ein treffendes Wort des Sienkiewicz zu gebrauchen : »Seine 
Seele schleppte einen gebrochenen Flügel auf der Erde nach« ; und des- 
halb waren ihm die Flüge Shakespeare's versagt. Aber weil so viel 
Versagtes in seinem Leben war und er, dem der Purpur gebührte, in 
der armen, stillen, sorgenvollen Stube sitzen musste mit siechem Körper, 
darum war seine Zärtlichkeit für die Dinge so gross und einzig, und 
darum klang sein Lied so innig wie das Lied schöner Kranker, die 
das Leben grüssen, das weit weg von ihnen in die Dänunerung geht. 
Er kannte jeden Sonnenstrahl, der an sein Krankenbett kam und um 
angewelkte Blumen spielte ; es gab keine Verkrümmung des Weges auf 
weiten Haidestrecken, keine Kalkgrube, und sei sie noch so unschön, 
»in welche er sich nicht für eben Moment verlieben konnte«; in die 
Zauber lodernder Flammen über zusammenprasselnden Wänden, ver- 
kohlenden Mädchenleibem und voll von Schreien der Angst bohrte sich 
sein Blick, und er fand Worte und Farben für diese Momente, wo die 
Seelen losgebunden werden und die b£te humaine erwacht, prachtvoll 
und von unvergleichlicher Schönheit Und reizvoll malt er all die 
kleinen Züge eines Mädchengesichtes, das, wodurch das Besondere einer 
Physiognomie entsteht; eme Bewegung des Hauptes, den besondem 
Tonfall einer Stimme, die Sprache der Hände — dafür hat er Worte 
und Bezeichnungen gefunden, die früher unbekannt waren. 

War er nur ein Kleinmaler gewesen ? O, ich glaube, die smd immer 
die Grössten. Die Kleinmalerei ist ja die einzige Art, in die Psyche des 
modernen Menschen zu dringen, wo nichts aus einem Guss imd Alles Mosaik 
ist. Und deshalb gelang es ihm auch, wie allen grossen Dichtem, den Typus 
seiner Zeit zu schaffen. Es war Niels Lyhne, in dem er sein ganzes 
Geschlecht wiederspiegelte, ein Geschlecht, dem die Thore der Welt- 
geschichte verschlossen waren; Hamlet-Naturen ohne wahre Tragik, 
Schlemihle, die ihren Schatten suchten. Die Natur gab ihnen karge 
Gaben und nur den heissen Durst nach Genüssen; ihre Seelen hatten 
der Saiten viele, aber Niemand war des Spieles kundig, und so glichen 
sie tauben Aehren, nutzlos einem sterilen Boden entsprossen und nutzlos 
der Sichel des Todes verfallen. Und so sassen sie in der Abend- 
dämmerung ihrer 2^it und warteten, weil sie sich für die Ewigkeit ge- 
schaffen wähnten. . .und so wurden sie Menschen, die ihre überfeinerten 
Reflexionen für das Leben nahmen, und die von Conflict zu Conflict 
taumelten, von Liebe zu stets neuer Liebe, stets unbefriedigt in ihrer 
Impotenz, vergebliche Tafelzerbrecher eherner Gesetze. So geartet, wie 
sie waren, empfanden sie auch Schmerzen tiefer und Alles, was das 
Leben ihnen versagte; sie waren Gourmands, die hungern müssen, 
mondsüchtige Pierrots, grotesk und graciös, und deren tiefste Tragik 
die war, dass sie keine hatten. Sie, die mit erhitzten Gesichtern und 
aufgekrämpelten Aermeln in die leere Luft stiessen mit dem Anscheine, 
Felsstücke zu wälzen, sie befanden sich auf jenem gefährlichen Punkte, 
wo die Komik dem Ernst die Hand reicht Und während ihr Auge 
brach, lachten die Humoristen: 



414 MENKES. 

»Nach Ewigkeit begehrst da vergebens; 

Der Name, die Tbat ist die Summe des Lebens.« 

Das hat ihnen Jacobsen in seinen Gedichten trauervoll zugerufen, 
er, der sie geliebt hat, weil sie ein Stück seines eigenen Lebens ge- 
wesen. Er hat ihre Leiden notirt mit jenen Noten, bei denen das Herz- 
blut fliesst; er hatte sebe Zeit schildern wollen, und es ist ein Buch 
der Ewigkeit geworden, ein Stück jener grossen Kunst, die nur die 
Sonntagskinder prägen können, bei denen sich das eigene Glück ver- 
spätet 

Mit ihm hat noch ein anderer Romantiker des Wortes gelebt: 
Victor Hugo; aber seine Sätze waren parfumirt und hatten nicht den 
echten Duft. Es waren Worte, die lange Traditionen hatten ; Declamationen, 
für den Auslagekasten bestimmt. Sie waren prachtvoll, und eine ganze 
Generation drapirte sich in wilden Posen mit ihrem Purpur. Und jetzt 
sind sie verschossen und altmodisch. Jacobsen hat eine Tradition des 
Styls geschaffen, jene Tradition, die ewig bleibt und sich verjüngt. Mit 
ihm begimit in den skandinavischen Literaturen jener vornehme Cultus 
des Wortes, vor dessen Adel wir jetzt den Hut ziehen müssen. Er 
verjüngte auch unsere deutsche Literatur. Und seit damals feiern wir 
die Auferstehung der Sprache, wie in der Malerei die Auferstehung der 
Farbe jetzt gefeiert wird. Das ist Jacobsen's Verdienst, aber er selbst 
hat seinen Schatz nicht ausgegeben ; in seinen Werken liegen die blanken 
Goldmünzen da, unabgenützt und leuchtend, wie aus erster Prägung. 

Und mit imd nach ihm sind der Literatur neue Dichter erstanden; 
eine andere Zeit hatte sie geformt, deren Winde schärfer wehten 
und die sehnigere Arme verlangte für die grosse Arbeit des dahin- 
eüenden Jahrhunderts. Und so sind sie unermüdliche Arbeiter geworden 
vom Schlage der Zola; Auctionäre der Wahrheit mit harten, idealen 
Forderungen von der Art Ibsen's; Grübler, die in die dunkelsten Ab- 
gründe der Psyche ihr Auge bohrten vom Schlage der Dostojewski und 
Bourget und edle Messiasse ä la Tolstoj, die Liebe predigen der ent- 
nüchterten Zeit. Jacobsen war der letzte Märchenerzähler unserer 
Kindheitstage; er hat uns das Leben lieben gelehrt, selbst in den 
jours gris unseres Schicksals, und darum klingen uns seine Melodien 
süss und vertraut wie Wiegenlieder, wie wundersame Töne der Meeres- 
wellen, die an harte, schroffe Ufer schlagen. 

Diese Gefühle haben wir auch bei seiner Lyrik, die uns zum 
erstenmal in unserer lieben Muttersprache vorliegt. Aber braucht 
Jacobsen erst eines besonderen Gedichtbuches, er, der einen neuen 
L3n:ismus in die Prosa gebracht, die Gefühle befreite und aus todten 
Dingen Stimmungen hervorlockte wie der Frühling das grüne Laub 
den kahlen Sträuchern? Doch es reizt uns da, seiner persönlichsten 
Note nachzuspüren, der Weltanschauung, die aus dem Tag und aus 
der Minute floss. Wenn er in seiner Prosa vielleicht eine Maske trug, 
hier musste er uns doch sein wahres Wesen geben. Aber er hat keine 
Maske getragen; er hat nur die eine Pose gehabt, die ihm das Leben 



V • 



J. P. JACOBSEN'S LYRIK. 415 

gab und die sein Leben gewesen: den besonderen StyL Bloss dass 
seine Weltanschauung um eine Note tiefer klingt: 

»In langen Jahren büssen wir 

Für der Freude seligen Schimmer, 

Man lächelt's in flüchtiger Stunde hin 

Und ach! verweint es nimmer. 

Die Sorge rinnt, der Kummer rinnt aus rothen Rosen. 

Oder die Trauer um die zerstörte Schönheit des Griechenthums, 
wo der Marmor nicht mehr leuchtet, wo der Capitäle üppige Pracht 
verschwunden ist und die goldenen Schalen leer sind. Nur Thränen 
hat Hebe, Bacchus nur Weinlaub, vor Alter zittert das lockenschwere 
Haupt des Zeus, und auf der saitenlosen Leier stampfen der losge- 
schirrten Pferde Hufe. Die Musen schlummern, die Grazien sind ge- 
schieden 

»Ueber die Säulen hinab, an ihnen festgewurzelt. 

Laufen die Dornenranken, 

Spielt das flimmernde Laub 

Jener Pflanze, deren purpurgold'ne Rosen 

Alle Frauen des Südens lieben. . . . 

Viele Blüthen trägt sie 

Und trägt sie stolz. 

Doch eh' der Tag noch recht herauf, 

Ist ihr Bluthenreichthum ausgetheilt. . . . 

Aber der Lorbeer hat alle seine Blätter.« 

Wildgewordene Prosa hat man den freien Rhythmus mit Unrecht 
genannt, aber in den Gesängen Jacobsen's ist viel von der herben, 
plastischen Schönheit Thorwaldsen's ; er weiss reimlosen Worten eine 
Melodie zu geben, die nur der Meister hat, dem sich die letzten Ge- 
heimnisse der Sprache geofifenbart. Es sind Worte, die man einzeln 
gemessen muss; sie haben die Schönheit junger Mädchen, die sich 
ihres Zaubers noch nicht bewusst geworden. Und sie haben deren 
Grazie; es ist kein Raffinement in ihnen. Man lese zum Beispiel das 
Gedicht »Im Garten des Serails« oder die Plastik der folgenden 
Strophe : 

»Sie war wie Jasmins süss duftender Schnee, 

Mohnblut floss in ihren Adern, 

Die kalten, marmorweissen Hände 

Ruhten ihr im Schoss 

Wie Wasserlilien im tiefen See, 

Ihre Worte fielen weich 

Wie Apfelblüthenblätter 

Auf das thaufeuchte Gras; 

Aber Stunden gab*s, 

Da wanden sie sich kalt und klar empor 

Wie des Wassers steigende Strahlen.« 

Man geniesse die beiden Landschafhbilder, in denen die Fein- 
heit unseres Storm liegt. Man vergisst sie nie — und nie ihre schmerz- 
süsse Melodie. 



4l6 MENKES. 

>Uhd Tiele (die Wünsche) sind längst mit dem Weg Tertimnt 
Zu des Todes schweigendem Hafen, 
Die andern entflattern Schaar nm Schaar, 
Um in Menschenhersen zu schlagen . . .« 

Man kommt in lauter Schwelgen, wenn man hier zu citiren an- 
fügt; der Kritiker verliert die Worte. Und Entwaffiier sind ja alle 
grossen Künstler. Darum weise ich mit zitterndem Finger noch auf 
diese Strophe hin; 

»Wir müssen, Geliebteste, leise 
Hinschreiten, ich und dn. 
Es schlaft eine Sangesweise 
In Waldes nachtlicher Roh*. 

Verstummt sind Winde nnd WeUen 
Und aller Singvoglein Mond, 
Schweigend rinnen die Quellen 
Blank fiber moosigen Grund. 

Des Mondlichts stiller Reigen 
Durchspielt das Bnchengeheg*, 
Es schlummert in süssem Schweigen 
Ein silberner Streif am Weg. 

Die Wolken selber droben 
Schweben auf Flügeln breit 
Und schaun*n von Glanz umwoben 
In die Waldeseinsamkeit . . .« 

Und so ist dem deutschen Leser dieses Büchlein ein schöner 
wehmuthsvoUer Nachklang aus Jacobsen's Dichten ; man weilt bei diesen 
Strophen mit den Gefühlen, sds sässe man in einer stillen, mondbe- 
schienenen Kirche, die Orgeltöne durchrauschen; in jener grossen 
Kirche der Schönheit, die eine ferne Zukunft der Menschheit vielleicht 
noch bringen wird. 

»Licht übers Land, 

Das war*s, was wir gewollt . . .« 

1884 hat Jacobsen dieses kleine Testament geschrieben, und ein 
Jahr später schloss er die erschrockenen, wundervollen Augen, die so 
früh den Tod sahen, ehe das Glück seine Hände auf sein müdes Haupt 
gelegt. 



, I 



ALFRED VON BERGER'S .KRITIKEN UND STUDIEN«. 

Von Moritz Necker (Wien). 

Den Alten war der Philosoph ein Mensch, der die Weisheit liebt, 
die Wahrheit sucht, nicht aber schon in ihrem Besitze ist. Ein Suchender, 
ein Liebender, ein Sehnsüchtiger ist so recht eigentlich jeder Aesthetiker, 
der Philosoph der Kunst im Besonderen. Er ist nicht selbst Künstler, 
aber er liebt die Künstler ; er kann nicht selbst Schönes schaffen, aber 
er kann sich am Genuss des Schönen nie genug thun. Liebevoll geht 
er hinter den Begnadeten einher, versenkt sich in ihre Seele, in ihr 
Gemüth, vergleicht sich selbst mit ihnen, sieht den Unterschied zwischen 
Künstlern und Nichtkünstlem und findet darin seinen schwermüthigen, 
aber doch auch beglückenden Genuss. Im Laufe der 2^iten ist aller- 
dings auch das Kunstbetrachten, das Aesthetisiren ein Geschäft ge- 
worden, das nüchtern wie so vieles Andere betrieben wird, und die 
richtigen Aesthetiker, denen man die Sehnsucht nach der Kunst, den 
Genuss anmerkt, sind so selten wie die rechten Künstler selbst. Trifft 
man dann aber auf einen Aesthetiker, dem man das persönliche Er- 
griffensein anmerkt, dann freilich wird er uns nicht weniger theuer als 
ein eigentlicher Künstler; denn seine Erkenntniss ist nicht minder 
Sache der Intuition als das Schaffen des Dichters, und seine Wirkung 
ist von verwandter Art. 

Solch ein Aesthetiker ist Alfred Freihen* v. Berg er, dessen 
»Kritiken und Studien« kürzlich im Verlag der Literarischen Gesell- 
schaft in Wien erschienen sind. Sie enthalten Aufsätze über alte und 
neue Dichter, über Homer, Aeschylos, Dante, Shakespeare, Otto Ludwig 
und Friedrich Schiller, Grillparzer, Byron, Kleist, Ibsen, Dostojewski, 
Gerhart Hauptmann, Schnitzler u. s. w. Man macht im Flug die ganze 
Literaturgeschichte durch. In jedem dieser Aufsätze beschäftigt sich 
Berger mit dem einzelnen Dichter, seiner ganzen Persönlichkeit oder 
seinem Werke. Berger ist Individualist Ihn fesselt das einzelne Wesen 
in seiner Organisation und Erscheinung. Er vertieft sich darein mit 
wissenschaftlich geschulter Phantasie und mit der Freude des Künstlers 
am Original Er sucht die charakteristischen Züge darin auf: »die 
Grundgeberde«, und bemüht sich, aus dem einen und dem anderen 
Gnmdtrieb alle anderen künstlerischen Neigungen und Eigenschaften 
des Dichters zu erklären. Er ist gleichzeitig ein Zergliederer und ein 
Zusammensetzer, Psycholog und Künstler. Er urtheilt und erklärt zu- 
gleich, warum er so urtheilen muss. Dabei sidit er die Dichter auch 
historisch an ; er stellt sie mitten in ihre Zeit hinein imd scheidet mit 
grosser Feinheit das, was der ursprünglichen Natur, von dem, was dem 
Milieu in der Erscheinung des Mannes zugehört Kurz, er ist mit allen 

3« 



4l8 NECKER. 

Künsten des modernen Literarhistorikers vertraut und übt sie in 
voUendeter Form. 

Aber das allein, so schön und werthvoll es an sich ist und so 
wenige es nachmachen können, würde mir das Buch Berger's nicht so 
werthvoll erscheinen lassen, als es in Wahrheit ist. Die Aufsätze, so 
selbstständig sie jeder für sich dastehen und des inneren Systems zu 
entbehren scheinen, haben nämlich einen inneren Zusammenhang; das 
Buch als Ganzes hat seine Tendenz; der Mann, der es schrieb, will 
etwas und trägt eine in sich geschlossene künstlerische Anschauung 
vor. Diese Einheit in den verschiedenen Aufsätzen fesselt mich, und 
ich will die wesentlichen Gründzüge dieser Anschauung und Tendenz 
skizziren. ^ ^ 

»Fühlen ist Kunst, nicht Natur, und die Lehrerin in dieser Kunst 
ist vor Allem die Poesie. . . Man wähne doch nicht, dass das Menschen- 
gemüth reine menschliche Gefühle von selbst hervorbringt. So wenig 
die Geräusche und Schreie der Natur echte Töne im musikalischen 
Sinne des Wortes sind, so wenig ist der rohe, unreine Aufschrei des 
Herzens, der AfTect, ein Gefühl im menschlichen Sinne. Nur ein 
musikalisches Instrument bringt musikalischen Ton hervor, und nur der 
Mensch, der sein Herz zu einem kunstvollen Instrument gemacht hat, 
wie der Sänger seine Kehle zum Musikinstrument ausbildet, vermag 
menschlich zu empfinden.« 

Mit diesen Sätzen, welche gleich sein erstes Capitel: »Homer« 
enthält, spricht Berger den ersten Gedanken aus, der ihn fuhrt: Kunst 
ist nicht Natur. Seine Sätze erinnern hier lebhaft an die Lehren der 
Decadenten. Was aber ist Kunst? Darauf gibt er im zweiten Aufsatz, 
über Aeschylos, Antwort, wo er sagt: 

»Diejenigen mögen Recht haben, welche behaupten : ohne Sinnes- 
eindrücke keine Phantasiebilder. Aber die Dichtung kommt aus der 
Phantasie, nicht aus der Wahrnehmung. Strebt der moderne, den 
Hellenen, wenigstens ihren Dichtem, wahrscheinlich gänzlich imver- 
ständliche Realismus danach, nur solche Phantasien zu haben, welche 
inhaltlich den Wahrnehmungen der Wirklichkeit gleichen, so wäre 
das ideale Ziel des hellenischen Bestrebens, den Phantasien die Leib- 
haftigkeit von Sinneswahmehmungen zu verleihen. Ein Wesen, das es 
gar nicht gibt, ein Charakter, der in Wirklichkeit nicht seine^leichen 
hat, so imaginirt und dargestellt, dass wir ihn lebendig vor ims zu 
haben wähnen — ist das nicht auch Realismus? Hellenisches Kunst- 
ziel ist: Verwirklichen des Phantasirten ; modernes: Phantasiren des 
Wirklichen. Die Vision, die Ausgeburt überschwenglichen, einem 
Phantasiegebilde geltenden Fühlens, ist die Keimzelle hellenischen 
Dramas.« 

Mit diesen Sätzen hat Berger sein zweites grundlegendes Princip 
ausgesprochen. Die Kunst will von Haus aus nicht nachahmen, sondern 
innere Visionen so anschaulich gestalten, dass sie wie Wirklichkeit an- 
muthen. 



BERGER'S KRITIKEN UND STUDIEN. 4I9 

Nun kommt er zu Dante, und die Betrachtung Dante's muss ihm 
dazu dienen, eine dritte Erkenntniss auszusprechen, die Erkenntniss der 
dichterischen Persönlichkeit. 

»Die ungebrochene Willens- und Wesenskraft des Mannes der 
That, der mit all seinen Kräften und Klauen die Wirklichkeit packt, 
wie etwa ein Bismarck, den wir so oft in unseren Tagen als Beispiel 
anrufen müssen, um lebendig darzustellen, was eine volle, ungebrochene, 
ungezähmte Persönlichkeit ist, die redet stumm aus Dante's Gedicht. 
Dieses erzittert leise von dem wuchtigen, inneren Arbeiten der Leiden- 
schaften. Denke man sich nur, dass Bismarck die Gabe der Dichtung 
verliehen wäre I« 

Jetzt nähern wir uns dem Kerne der Berger'schen Aesthetik. 
Zum grossen Dichter gehört nicht bloss Phantasie von einer Macht, 
die bis zur Vision gesteigert ist, sondern auch Leidenschaft. Ein starker 
Wille, der Trieb, energisch auf die Welt zu wirken, unter Umständen 
auch in die Welthändel thätig einzugreifen, war den grössten Dichtem 
eigen. Sie waren nicht bloss ästhetische Genussmenschen. 

Von Dante fuhrt uns Berger zu Shakespeare; hier findet er das 
Ideal der dichterischen Persönlichkeit, und in halb poetischer, halb 
wissenschaftlicher Weise schildert er sie uns. Dante war nicht immer 
Herr seiner Leidenschaften, er stellte seine Kunst in den Dienst seiner 
politischen Sym- und Antipathien. Shakespeare ist der vollkommene 
Künstler, wie er der ganze Mann ist. 

»Solch ein englischer Bursch mit rüstigem Körper, hellem Kopf, 
heissem Blut und ewig vibrirender Phantasie, der Typus des jungen 
Germanen, doch von feinster Race, ohne alle Ungeschlachtheit, getränkt 
mit allen Menschen-, Lebens- und Natureindrücken, die man auf dem 
Lande, in Dörfern und kleinen Städten, in Wald und Feld in sich saugt, 
ist der Rohstoff, aus dem die Gestalt Shakespeare's, des genialen Volks- 
dichters, gebildet ist. . . Der Ueberschuss ungebrauchter Geisteskraft, 
der in ihm arbeitet, wirkt zunächst abenteuernd ins persönliche Leben, 
so lange kein Gegenstand da ist, der die wilden, ziellosen Geistes- 
kräfte an sich zieht, dass sie zum »Talent« zusammenschiessen, sich 
als Talent erkennen. . . Endlich gerieth er in London in's Theater. . . 
Ein Mensch seines Schlages war gewiss schon daheim ein virtuoser 
Menschencopirer gewesen ... Er erfasste die Menschen, die Eindruck 
auf ihn machten, nicht mit dem Kopf allein, sondern mit dem ganzen, 
von beweglichen Nerven durchzitterten Körper. . . Er schrieb nun 
etliche Theaterstücke in der Manier Marlowe's oder Kyd's... Da be- 
gegnete ihm ein grosses Erlebniss, das ihn und sein Dichten innerlich 
umwandelte und über seine Zukunft entschied. Er lernte die Bildung 
persönlich kennen, die Bildung grossen Styles. . . Wie man ein Edel- 
reis auf einen kräftigen Wildling pfropft, so wurde diese Bildung dem 
jungen Shakespeare eingeimpft . . . « 

Und nun, nachdem uns Berger die grossen starken Persönlich- 
keiten der Dichtkunst anschaulich vorgestellt hat, tritt er an 
Dichter heran, welche noch halb oder gänzlich der Gegenwart ange- 

32* 



420 NECKER. 

hören. Der Umweg — wenn es einer ist — war nöthig, denn obwohl 
heutzutage das Wort »Persönlichkeit« in aller Leute Munde ist, wissen 
doch Wenige, wie es in Wahrheit um Persönlichkeiten bestellt ist Die 
Wenigsten erkennen, dass nicht Jeder eine Persönlichkeit ist, der aus 
Originalitätssucht von sich reden macht. Es gibt gesunde und kranke 
Persönlichkeiten in der Kunst Der Vergleich beider beschäftigt Berger 
in dem ausgezeichneten Aufsatze über Otto Ludwig und Friedrich 
Schiller, auf den ich aber nur mehr verweisen will. Dieser Essay ist 
um so wichtiger, als das Wissen um die künstlerische Gesundheit gegen- 
wärtig im Zeitalter der Decadenz gefährdet ist. Wir sehnen uns nach 
einer originalen Kunst und verzagen, sie zu erringen. Wir sind schwache 
Menschen geworden, die sich mit überzartem Gefühl von der Berührung 
mit der Wirklichkeit zurückziehen, und lieber auf die Stimme des 
Innern lauschen oder sich künstlich eine imwahre Welt schaffen. Wir 
sind sehr gute Psychologen und verehren daher Nietzsche, den Meister- 
decadent, der sich in der Zerfaserung seines Innern selbst aufgerieben 
hat. Alle diese Zustände kennt auch Berger, aber sein Hauptzweck ist 
der Nachweis, dass sie künstlerisch unfruchtbar smd. 

In die Seele des kranken Künstlers hat er tiefere Einblicke ge- 
than als irgend ein Anderer. Es bedarf nicht besonderen Scharfblickes, 
um zu merken, dass Alfred v. Berger jenes Leid, woran so viele, und 
just die begabtesten unserer Dichter (z. B. Hauptmann) so schwer ge- 
tragen haben und vielleicht noch tragen, nämlich den Schmerz über das 
Missverhältniss von Wollen und Können, aus eigenster Erfahrung kennt. 
Hat er sich doch viele Jahre seines Lebens bemüht, dichterisch zu 
schaffen. Er hat gerungen um die Kunst, bis er zur Einsicht kam, dass 
er, der an »chronischer Psychologie« erkrankte Dichter, doch eigentlich 
nur ein poetischer Philosoph sein könne. Sein vergebliches Ringen war 
für ihn aber nicht unfruchtbar. Es schärfte sein Verständniss für die 
tiefen Unterschiede der echten und imechten, der lebensfähigen und 
kranken Kunst, allein indem er sich vor den schmermüthigen Lockungen 
der Decadenz bewahrte und zur Erkenntniss jener Dichter gelangte, die 
wahrhaft gross waren, befestigten sich in ihm die Grundsätze, die allein 
zur Kunst führen, und die Verbreitung derselben wurde der Zweck 
seiner kritischen Thätigkeit Die Heüung von der Decadenz ist die 
Tendenz seines Buches. 

Berger ist mit seinem Individualismus, mit seinem Cultus der 
Persönlichkeit, mit seinem Ausgange von der subjectiven Seite der Kunst, 
mit seiner naturwissenschaftlich geschulten Psychologie ein modemer 
Aesthetiker durch und durch, aber kein Aesthetiker der »Moderne«, 
denn er weist die Wege, die weit über Sie hinaus fuhren sollen. 



THOMAS THEODOR HEINE. 

Von Alfred Neümann (Wien). 

. . . Sache qn'il faut aimer, sans faire la grimace, 
Le panvre, le mdchant, le torto, Thöbötö . . . 

Baudelaire^ Le Rehelle, 

Noch vor drei Jahren wäre die Frage »Wer ist Thomas Theodor 
Heine?« entweder mit einem Achselzucken oder von Eingeweihteren mit 
dem wenig sagenden Satze beantwortet worden: »Ein Mitarbeiter der 
,Fliegenden Blätter*, wie Schlittgen, Albrecht, Zopf . . .« Heute liegt die 
Sache anders : Der Münchener Maler ist eine Persönlichkeit geworden ; 
in seinen Arbeiten spiegelt sich nicht bloss seine inzwischen entwickelte 
und stark ausgeprägte Individualität wieder , sondern heute vertritt 
Heine mit seinen Skizzen und seinen einfachen^ wenig auf technische 
Effecte abzielenden Gemälden auch den Typus, den unsere Zeit hervor- 
gebracht hat und auf allen Gebieten der Kunst hervorbringen musste, 
den gereizten, ideenverfolgten Künstler, der mit offenen Augen auf eine 
vernagelte Bretterbude sieht und der nun mit grellem, oft diabolischem 
Lachen ans Tageslicht zerrt, was sich in dem unbestimmten clair- 
obscur des modernen Banausenthums verstecken, die cöt^s faibles ver- 
bergen will; in der Oeffentlichkeit secirt und legt er alles Kranke mit 
seinem Sksdpell, mit seinem scharfen, unbarmherzigen Pinsel bloss, 
dass es offen und blutig daliegt zur Freude aller Misanthropen. 
Wie Heine zu diesem Umschwünge kam, Hesse sich nicht so leicht 
sagen; er selbst schrieb mir einmal darüber: »Sie wundem sich über 
den Unterschied zwischen meinen jetzigen Zeichnungen und denen, die 
ich früher in anderen Blättern veröffentlicht habe? Das kam daher, 
dass die — früheren Blätter mir gar keine künstlerische und sonstige 
Freiheit liessen, wie sich dieses Journal überhaupt ganz irriger- 
weise des Rufes erfreut, von künstlerischen Gesichtspunkten geleitet zu 
werden . . . Ich habe in Düsseldorf bei Peter Jansen studirt ; die meisten 
Anregungen verdanke ich den Bildern von Lucas Cranach, Max Klinger 
und Leibl. Gegen die ,Schotten' sowie gegen die französischen süssen 
Actmaler habe ich eine starke Abneigung. Auch finde ich, dass man 
nicht gar so schwülstig von der Kunst der Japaner zu sprechen braucht, 
da viele der primitiven, altdeutschen Meister dieselbe einfache Technik 
mit weniger Koketterie besitzen . . .< 

Wenn man eines der vielen Bilder betrachtet, die Heioe geradezu 
im Fluge, von Woche zu Woche in die Welt sendet, theils aus eigener 
Anschauung entstanden, theils fremder Anregung verdankt, so drängt 
sich gar bald die Ueberzeugung auf, dass alle, wenn auch im ersten 
Momente von ihnen manche harmlos scheinen, den einen Zug gemeinsam 



422 NEUMANN. 

haben: die Ironie, der nichts mehr heilig ist, »parce qu'il n'y a plus 
de Saint dans ce monde moderne«. 

Heine's Skizzen verrathen dem aufmerksamen, feinfühligen Be- 
trachter, dass sich hier unter der Maske des Spötters ein empündlicber, 
geradezu neurasthenischer Geist verbirgt, ein Nervöser, der nicht nervös 
wurde, weil er zu viel arbeitete, sondern der fast zu viel arbeitet, weil er 
nervös wurde. Und dieser Münchener Revolutionär hat so lange mit 
seinen für Schönheit empfindlichen und empfänglichen Augen in das 
eintönige Grau imseres Lebens geblickt, in welchem die einzige Ab- 
wechslung — schwarze Flecken bilden, bis sie blind geworden sind 
für das, was den hommes m^diocres als schön, erhebend, tröstend gilt, 
und bis er nur mehr das sieht, was grau und schwarz ist. Diese triste 
Weltanschauung weiss Heine allerdings höchst geschickt durch allerlei 
Capriolen und lustige Grimassen zu verbergen, so dass ihn der ober- 
flächliche Betrachter für einen ganz capitalen Spassvogel hält, dem wohl, 
ach wie wohl zu Muthe ist. Aber: »£ se lassü Pagliaccio . . .< 

Im Soane-Museum und in der National-Galerie in London hängen 
die Bilder William Hogarth's, »der mit schneidender Satyre und bitterer 
Ironie die Kehrseite der menschlichen Verhältnisse hervorzieht und die 
hinter der äusseren Glätte des fashionablen Lebens schlummernde 
Falschheit und Lüge, ihre Thorheiten mit scharfem Spotte geisselt In 
geistreich lebendiger Pinselführung wirft er meist ganze Reihenfolgen 
solcher Scenen, wie ,Den Lebensgang der Liederlichen*, ,Die Heirat nach 
der Mode', ,Den Lebensgang der Buhlerin' keck und leicht hin.« Diese 
Charakterisirung könnte direct auf Heine geschrieben sein; es sind 
seine Sujets, seine Ideen, seine Bilder; der Münchener war wohl erst 
Realist; nun ist es wirklich kein Paradox mehr, wenn man behauptet, 
ein Künstler, der im wahren Sinne des Wortes Realist ist, müsse 
heute unbedingt Social! st werden; er gibt das in der Wirklichkeit 
Vorhandene geradeso wieder, wie es sich in Wirklichkeit zeigt; was 
er aber zu sehen bekommt, sind keine erfreulichen Dinge: die socialen 
Gegensät ze, die furchtbare Nothlage des Proletariats, die Ausschrei- 
tungen d es zu einer ungeahnten und tmverdienten Höhe emporge- 
wachsenen Militarismus, die Zersetzung, welche die Prostitution mit 
sich bringt, der totale Zerfall des Ehelebens, der Classen- und Rassen- 
kampf, die Corruption auf jeglichem Gebiete, der Antagonismus ein- 
zelner Individuen im Existenzstreite. Und Heine hält die Augen nicht 
verschlossen und ist von Natur aus kein friedlicher Zeichner; so greift 
er denn ins volle Menschenleben, nein, er greift nicht, er sticht mit 
einem spitzen Degen hinein nnd spiesst seine Opfer auf, die er dann 
auf eine genial-grausame Art mordet. 

Der »Simplicissimus«, jene hochinteressante Zeitung Albert Langen's, 
ist das Schafott, auf welches Heine seine Opfer schleppt, und wo er 
die Häupter der Getödteten aufsteckt zum warnenden Zeichen. Kaum 
ein Bild (selbst die sonst harmlosen Zierleisten eingeschlossen), das nicht 
einen ironischen, satyrisch-socialistischen Zug trüge; es sind Zeichnungen, 
die direct nach dem Staatsanwalt rufen, und deren Stimme nicht 



THOMAS THEODOR HEINE. 423 

ungehört verhallt: die häufigen ConfiscationeD beweisen das. Man 
betrachte z. B. »Die unverschämte Person«. Bourgeois und Bour- 
geoise beim Morgenkaffee, während das Hündchen allerlei gute Dinge 
aus dem Teller frisst. Daneben eine ausgemergelte, mit sämmtlichen 
Zeichen des Hungers, der Entbehrung, der Noth gezeichnete Proleta* 
rierin, ein abgemagertes, krankes Kind im Arm. Man muss diese 
Zeichnung gesehen haben, um zu wissen, wer und wie Thomas Theodor 
Heine ist: Aus solchen Dingen spricht nicht mehr der Satyriker, der 
mit »einem heiteren, einem nassen Auge« seine Umgebung betrachtet, 
diese Art und Weise verräth schon den fanatischen, gereizten Träger 
einer Idee, deren bisheriges Nichtdurchdringen die milden Saiten in ihm 
zerrissen und schrillkliDgende , fast misstönende Chorden an ihre 
Stelle gesetzt hat Dieser dicke, bomirte Kerl, der das Prototyp der 
Noth verständnisslos, lethargisch anstiert, dieses gemästete, kaffee- 
schlürfende Weib, sogar dieser Hund, den Heine zeichnet und 
»zeichnen« willl Friedrich Theodor Vischer möchte ein gar verdutztes 
Gesicht machen, wenn er sähe, wie sein Landsmann seine Lieb- 
linge, den Inbegriff der Treue und Intelligenz, auffasst, die in »Auch 
Einer« so rührend geschildert werden. Alles aber, was Heine an grau- 
samer Liebe besitzt, hat er in dem bettelnden Weibe niedergelegt: aus 
diesen verfallenen Zügen, diesem lendenlahmen Körper, den Alles schon 
geschwächt hat, was schwächen muss, Noth, Entbehrung, Laster, spricht 
die Anklage gegen die herrschenden Zustände. . . »Mörtelweibs Tochter« 
illustrirt ein Gedicht, welches das Schicksal eines Proletarierkindes 
besingt, ebenfalls ein echter Heine in der Auffasstmg des Milieus, der 
Darstellung des Kindes, das von seiner Mutter singt: 

»Uma fünfe geht's an d' Arbeit schon. 
Um zwoa Mark im Tagelohn, 
Und kimmt's auf d'Nacht um sechs vom Bau, 
Schlagt's der Vater braun und blau.« 

(KorfiU Holm.) 

Ein lustiges Lied, eine lustige Zeichnung . . . 

Die »Bilder aus dem Familienleben«, deren bisher sechs erschienen 
sind, stellen durchgehend blutige Satyren auf unsere Gesellschaftszustände 
dar: »Fritzchens Geburtstag« und »Fridas schöns